ADB:Nausea, Friedrich

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Artikel „Nausea, Friedrich“ von Heinrich Ritter von Zeißberg in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 321–325, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nausea,_Friedrich&oldid=- (Version vom 22. September 2019, 11:10 Uhr UTC)
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Nausea: Friedrich N., Bischof von Wien (1541–1552), war der Sohn eines Wagners und hieß mit seinem Familiennamen Grau, der im Sinne von Grauen, Gräuel später in Nausea (d. i. Eckel) latinisirt wurde. Er war weder zu Weißenfeld im Würtembergischen, noch wie andere angeben, zu Pleichfeld im Würzburgischen, sondern im Städtchen Waischenfeld (daher Blancicampianus) im Bambergischen geboren. Das Geburtshaus, das im Schwedenkriege 1633 abbrannte, befand sich in der unteren Gasse neben der Kapelle der Heiligen Laurentius und Michael, wo jetzt das Haus Nr. 126 steht. Frühzeitig trat N. in Beziehung zu dem freiherrlich schwarzenbergischen Hause. Des bambergischen Hofmeisters Johann II. von Schwarzenberg und Hohenlandsberg Sohn Paul, den Domherrn von Bamberg, Köln und Würzburg, begleitete N. auf die Universität Leipzig; hier wurde N. selbst 1514 immatriculirt. 1518 begab sich N. mit seinem adeligen Zögling nach Italien, und zwar zunächst nach Pavia, [322] wo er 1519 sein erstes Werk, Distichen auf die Werke des Lactantius, veröffentlichte, sodann nach Padua, wo er auch nach der Abreise seines jungen Freundes verblieb, da ihn eine längere Krankheit befiel, die ihn indeß nicht hinderte, 1521–1522 eine Ars poetica, das „Syntagma de conficiendis epistolis“, sowie einige andere Werke ähnlichen Inhaltes zu verfassen, welch’ letztere indeß nachher zu Wien, im Hause Cuspinians, wo sie für den Druck hinterlegt waren, bei dem großen Brande am 18. August 1525 zu Grunde gingen. Nach seiner Genesung widmete sich N. mit Eifer dem Studium der Rechtswissenschaften, als dessen Frucht gleichfalls mehrere damals im Druck erschienene Schriften zu betrachten sind. Nachdem er sodann (1523) den Doctorgrad der Jurisprudenz erhalten hatte, begab er sich, wie es scheint, nach Siena, um die schon in Deutschland unter der Leitung des Johannes Cochläus begonnenen theologischen Studien fortzusetzen. Allein mitten aus dieser Thätigkeit rief ihn der Cardinal Campegius ab, dem er sich durch seine litterarischen Arbeiten bestens empfohlen hatte und der, als er sich als päpstlicher Legat zur Beilegung des Reformationsstreites nach Deutschland begab, sich ihn zu seinem Secretär und Begleiter ersah. So zog denn N. mit dem Cardinal über die Alpen und wurde von diesem zunächst zu Melanchthon nach Bretten in der Rheinpfalz gesandt, um ihn für Rom zu gewinnen, was freilich nicht gelang, obwol Melanchthon Nausea’s irenische Gesinnungen anerkannte. N. kehrte hieraus nach Nürnberg zurück, wo ihn der Cardinal unter anderen beauftragte, die von den Ständen überreichten 100 Beschwerden zu widerlegen, was durch die übrigens erst 1538 zu Köln im Druck erschienene Schrift „Responsa una cum eorundem declarationibus et moderaminibus sacrosanctae sedis apostolicae, ad aliquot inclytae Germaniae nationis adversus illam gravamina“ geschah. N. begleitete sodann den Cardinal nach Regensburg, wo zwischen dem Erzherzog Ferdinand, den Herzögen von Baiern, dem Erzbischof von Salzburg und einer Anzahl süddeutscher Bischöfe (1524) ein katholisches Bündniß zur Durchführung des Wormser Edictes und zur Abschaffung der religiösen Mißbräuche in ihren Landen zu Stande kam, und hierauf nach Wien, wo ihn Campegius zur Belohnung seiner ausgezeichneten Dienste zum päpstlichen Notar und lateranensischen Grafen ernannte. Von Wien aus richtete N. an Erasmus von Rotterdam eine (auch im Druck erschienene) Aufforderung, sich ja nicht durch seine Leibesschwäche, die Unbequemlichkeit der Reise u. dergl. von dem Besuche des Reichstages zu Speier abhalten zu lassen, sowie er noch später (1536) dem großen Humanisten einen warmen Nachruf widmete. Von Wien begab sich Campegius wegen der Türkengefahr nach Ofen und kehrte sodann nach Italien zurück. Hier treffen wir 1525 auch N. an, der sich damals vor die Wahl von drei Pfründen gestellt sah, die ihm von Deutschland aus angetragen wurden, nämlich die Pfarrstelle bei St. Bartholomäus zu Frankfurt, den Dompredigerposten in Mainz und das Suffraganeat zu Würzburg. Nach längerem Schwanken entschied sich N. für Frankfurt, wo er jedoch, da mittlerweile in dieser Stadt die protestantische Lehre Eingang gefunden hatte, sein Amt nicht anzutreten vermochte, so daß er sich vielmehr nach kurzem Verweilen zur Flucht genöthigt sah. Er ging nach Mainz, wo ihm nun das Amt eines Dompredigers übertragen wurde, das ihm die Gelegenheit gewährte, eine vielseitige homiletische Thätigkeit zu entfalten. Da sich seine Predigten vielfach auf die schwebenden Zeitfragen bezogen und da die meisten derselben auch im Druck erschienen, lenkte er die Aufmerksamkeit immer weiterer Kreise auf sich, zuletzt – durch seine Homiliensammlung – jene des römischen Königs Ferdinand, der ihn zu seinem Rath und Hofprediger ersah und ihm in der Folge zur Entlohnung seiner Dienste die Pfarren Asparn (an der Zaya) und Mistelbach verlieh. Bevor N. dieses neue Amt antrat, begab [323] er sich (1533) nach Rom, wo ihn der Papst von dem nach canonischem Rechte für eine solche Stelle nöthigen Doctorgrade der Theologie dispensirte, den er sich gleichwol (1534) zu Siena erwarb. Da er indeß gewöhnlich nur in der Advent- und Fastenzeit am königlichen Hofe zu Wien, Innsbruck oder Prag als Prediger zu fungiren hatte, hielt er sich auch jetzt während der übrigen Monate des Jahres in Mainz auf, wo er damals sein großes Homilienwerk in’s Deutsche übersetzte. 1538 erwählte Bischof Faber von Wien seinen verdienstvollen Freund N. zum Coadjutor. Nur ungern nahm N. die ohne sein Vorwissen erfolgte Berufung an, da das Bisthum Wien, an sich nicht sonderlich reich dotirt, infolge der Türkenkriege und der um sich greifenden protestantischen Lehre in harte Bedrängniß gerathen war. Nur unter der Bedingung, daß ihm die Beibehaltung des Mainzer Canonicates gestattet und daß er der Residenzpflicht für diese und für jede andere Pfründe, die er noch besaß oder erhalten würde, unbeschadet der vollen Einkünfte derselben, enthoben werde, nahm er die Berufung an und übersiedelte nach Wien, da ihn sein neues Amt verpflichtete, an jedem Sonn- und Feiertage vor dem königlichen Hofe zu predigen. 1540–1541 wohnte N. im Auftrage König Ferdinands den Religionsgesprächen zu Hagenau und Worms bei, bei denen er, sowie einst zu Bretten, zu vermitteln suchte, und die ihm den Anlaß zur Abfassung einiger Schriften gaben. Als am 21. Mai 1541 Faber starb, folgte ihm N. als Bischof von Wien. In dieser Stellung hat übrigens N. die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht ganz erfüllt. Zum Theil freilich lag die Schuld nicht so sehr an ihm, als an den vorgefundenen Verhältnissen. Er selbst sagt, das Bisthum Wien sei ein ganz eigen Ding: ein bißchen befehle der Bischof von Wien, ein bißchen der Bischof von Passau, ein bißchen die Universität, ein bißchen der Decan der theologischen Facultät, ein bißchen der Bürgermeister, ein bißchen die Geistlichen, die sich bald hinter diesen, bald hinter jenen stecken und dem Bischof trotzen. Hierzu kämen noch die Mönche mit ihren Generälen, Aebten und Pröpsten. Ein jeder Bischof sei ein armer Mann, ein Mann ohne Ansehen, ohne Einfluß, ohne Macht und ohne Mittel. Der Wiener Bischof, heißt es anderswo, habe keine Jurisdiction über das Domcapitel, das sich wenig um den Gottesdienst kümmere, dessen weltliche Mitglieder durch unzüchtigen Wandel und ungebührliche Kleidung allgemeines Aergerniß gäben. Der Bischof habe auch nicht den geringsten Einfluß weder auf die gelehrten Anstalten noch auf die Volksschulen; kaum ein oder der andere Geistliche gehe aus den Wiener Schulen hervor, obgleich doch beiläufig 600 Scholaren und Studenten vorhanden seien: daher der Mangel an Priestern. Stets kränkelnd und in seine Bücher sich vergrabend, während er seine Dienstleute schalten und walten ließ, war N. nicht der Mann, um hier energisch durchzugreifen. Wol glänzte er auch in Wien, wie man aus Wolfgang Schmelzl’s Lobspruch dieser Stadt ersieht, als Kanzelredner, wol drang der Ruf seiner Beredsamkeit bis nach Schlesien, wohin er sich, nachdem er zuvor auch in Böhmen gepredigt hatte, 1547 mitten in den Kriegsunruhen begab, um zu Breslau und Glogau unter großem Volkszulaufe gegen die um sich greifenden Häresien zu eifern. Auch suchte er in seinem eigenen Sprengel eine Reform des Clerus anzubahnen, sowie er zugleich selbst zur Feder griff, um durch eine Schrift zur Unterweisung der Priesteramtscandidaten an der Universität Wien das theologische Studium wieder zu beleben. Aber er vermochte bei alledem dem zunehmenden Verfalle des Katholicismus, der immer mächtiger anschwellenden protestantischen Bewegung, die, trotz aller Verbote gegen Einfuhr und Verkauf sectischer Bücher und des Besuches auswärtiger Universitäten, auch in Oesterreich eindrang, nicht Einhalt zu thun. Während der Frohnleichnamsprocession 1549 schlug sogar ein fanatischer Bäckergeselle dem Priester – ob N. selbst, ist ungewiß – die [324] Monstranz aus der Hand. Uebrigens war N. selbst der staatlich angeordneten Büchercensur nicht hold. Sein Ansehen als Bischof schädigte N. auch durch die ärgerlichen Conflicte, in die er über die von ihm angeordnete Verhaftung seines Officials Dr. Martin Angerer und über die Ansprüche gerieth, welche der Erbe eines verstorbenen Chorcaplans von St. Stephan wider ihn erhob. In beiden Fällen entschied König Ferdinand gegen N., der damals nahe daran war, auf sein Bisthum zu verzichten. Auch durch die Thätigkeit der Jesuiten mußte sich N. in seinem eigenen Wirken beengt fühlen. Wenn Ferdinand den Pater Claudius aufforderte, dem Gewirr von Katechismen und Lehrbüchern der Religion einen Inbegriff christlicher Lehre nach der Auffassung der katholischen Kirche entgegenzustellen, so lag in diesem Auftrage streng genommen ein Mißtrauensvotum gegen N., dessen Katechismus – eines seiner Hauptwerke – seit 1543 vorlag. Auch hielt sich N. vielfach außerhalb seines Sprengels auf. 1542 wohnte er als einer der vom Papste einberufenen Consultoren jenen Berathungen bei, welche aus Anlaß der bevorstehenden Eröffnung des Tridentiner Concils in Rom stattfanden. Eben damals trat er mit jenem Katechismus hervor, den er dem Papste Paul III. widmete. Wie er die Concilsaufgabe erfaßte, geht aus den zu München handschriftlich noch erhaltenen „Sylvae synodales“ in 8 Büchern hervor, von denen bis jetzt nur die von N. dem König Ferdinand überreichten Bücher V und VI aus einem Codex der Wiener Hofbibliothek von Th. Wiedemann, Oesterr. Vierteljahrschrift für kathol. Theologie, IV. Jahrg., veröffentlicht worden sind. Besonders bemerkenswerth ist es, daß hier N. unter Festhaltung des katholischen Lehrbegriffes die Gestattung der Laiencommunion empfiehlt und dem Papste in Hinblick auf so manche Aergernisse, die den geistlichen Stand verächtlich machten und den fühlbaren Priestermangel mitbedingten, die Aufhebung des obligatorischen Charakters des Cölibats nahe legt. Auch trat N. 1545 in einer besonderen Schrift für Regensburg als Concilort ein, woneben er indeß auch Köln als solchen gelten ließ. Schon 1542, dann wieder 1545 hatte Ferdinand unsern N. zu seinem Orator auf dem Concil bestimmt. Beide Male unterblieb aber die Reise auf das Concil und dieses selbst wurde bekanntlich 1548 und 1549 suspendirt. Erst als 1551 das Concil wieder eröffnet wurde, erhielten N. und Paul, Bischof von Agram, die Instruction als Vertreter des Königs von Ungarn und Böhmen, Dalmatien und Croatien und des Herzogs von Oesterreich. Am 30. August 1551 traf N. in Trient ein. Am 1. September, in der zwölften Sitzung des Concils, übergab er sein Mandat. Bald nahm er selbst hervorragenden Antheil an den Berathungen des Concils, besonders bezüglich der Eucharistie, wobei er, gleich dem Cardinal von Trient, die Gestattung der Communion sub utraque befürwortete. Noch am 7. Januar hielt N. bei der Verhandlung der Generalcongregation über die häretischen Artikel bezüglich der Messe und des Priesterthums einen längeren Vortrag. Aber schon am 6. Februar 1552 raffte ihn das damals zu Trient herrschende Fieber hinweg. Sein Concilsdiarium kam durch den Würzburger Weihbischof Georg Flach, der einer seiner Testamentsexecutoren war, an den Abt von Weingarten, der es der Benedictinerabtei Kempten schenkte. Eine Abschrift des Tagebuches verehrte der dortige Fürstabt dem Papste Benedict XIV., und diese Copie soll sich noch gegenwärtig in der vaticanischen Bibliothek befinden. Das Original wanderte bei der Säcularisation in das Dillinger Archivconservatorium und ist seitdem verschollen. Der Leichnam Nausea’s wurde nach Wien überführt und in der dortigen Domkirche vor dem damals sogenannten Marcusaltar beigesetzt. An dem Pfeiler bei dem Katharinenaltar befindet sich ein Oelgemälde, welches ihn als Prediger auf der Kanzel inmitten einer gedrängten Zuhörerschaar darstellt (Abbildung bei Ogesser), darunter eine entsprechende Inschrift. Ein schönes [325] Denkmal hat sich N. selbst in der Pfarrkirche seiner Vaterstadt Waischenfeld errichtet: auf einer großen Steinplatte ist hier N. inmitten zweier Engel, welche ihm das Wappen vorhalten, dargestellt. Das schönste aber hatte ihm schon bei seinem Leben Aleander gesetzt, indem er am 31. Mai 1532 nach Rom berichtete: „Was Cochläus für Sachsen, Eck für das Donauland, Berns für die Schweiz, Faber für das ganze Reich, das ist für die Rheinlande Nausea.“

Im J. 1546 hatte N. den „Lucubrationum catalogus“ veröffentlicht, in welchem er seine bis dahin erschienenen Werke verzeichnete, wie er sagt, nicht um damit zu prunken, sondern wegen der vielen untergeschobenen Bücher. welche seine Neider und Gegner unter seinem Namen colportirten. Gegenwärtig findet man seine Schriften am vollständigsten aufgezählt bei Jos. Metzner, Friedrich Nausea, Bischof von Wien, Regensburg 1884, wo auch sein Testament abgedruckt ist.

Vgl. auch Th. Wiedemann, Gesch. d. Reformation und Gegenreformation im Lande u. d. E., Bd. I u. II. Nausea’s Beschwerdeschrift, mitgetheilt von Seb. Brunner in Stud. u. Mittheil. aus d. Benedictiner Ord., III. Jahrg., und (Ogesser) Beschreibung der Metropolitankirche zu St. Stefan in Wien (1779). Eine Medaille auf N. von Augustin Hirsvogel erwähnt Bergmann, Medaillen I, 287.