ADB:Cochlaeus, Johannes

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Artikel „Cochlaeus, Johannes“ von Adolf Brecher in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 381–384, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Cochlaeus,_Johannes&oldid=- (Version vom 19. September 2019, 00:55 Uhr UTC)
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Cochlaeus: Johann C., katholischer Theolog, nächst Eck der entschiedenste und rührigste Gegner der Reformation, hieß eigentlich Dobneck und war 1479 zu Wendelstein geboren, einem Flecken bei Nürnberg, auf welchen sein latinisirter Name Cochlaeus (für den er auch mitunter Wendelstinus gebraucht) hinweist; starb den 10. Jan. 1552 zu Breslau. – Seine Schulbildung erhielt er wahrscheinlich durch den Humanisten Heinrich Grieninger in Nürnberg und bezog 1504 die Universität Köln, die alte Burg der Scholastik, welche gerade während seines Aufenthalts unter ihren Studirenden einen Herm. v. Nuenar, Karl v. Miltitz, Crotus Rubianus, Ulrich v. Hutten zählte und anfangs durch die Vertreibung des Rhagius Aesticampianus durch die Dominicaner, später durch die Pfefferkorn’schen Umtriebe in Aufregung versetzt wurde. Als Artist immatriculirt hörte er u. a. den Poeten Remaclus und den Juristen Harris, trat auch, wie es scheint, mit Jak. Hogstraten in Verkehr, ward 1507 Magister, schrieb sein Erstlingswerk die „Musica“ und verließ Köln 1510, um im Mai d. J. die Leitung der auf Grund einer neuen Schulordnung organisirten „Poetenschul“ bei St. Lorenz in Nürnberg zu übernehmen. Die ihm gestellte Aufgabe, die [382] humanistischen Studien in die Schule einzuführen, scheint er mit Geschick und Eifer (vier Schulbücher schnell nach einander: „Quadrivium grammatices“ und „Tetrachordium musices“, 1511, „Cosmographia Pomponii Melae“ und „Meteorologia Aristotelis“, 1512) erfaßt zu haben. In dieser Stellung erwarb er sich die Gunst Wilib. Pirkheimer’s, der mit der Visitation der Schule vom Rath betraut war, in dem Grade, daß als dieser seine drei Neffen zu ihrer weiteren wissenschaftlichen Ausbildung nach Italien schickte, er ihn zu ihrem Lehrer und Begleiter wählte. Im Sommer 1515 trafen sie in Bologna ein, zeitig genug für C., um der Disputation Eck’s mit Faber beizuwohnen. C. erklärte sich gegen Eck und gerieth mit ihm darüber in Zerwürfnisse, die Pirkheimer später beilegte. Als Vertrauter des gelehrten Nürnberger Patriciers und Hauptes der Reuchlinisten empfing er von den in Italien weilenden Anhängern dieser Partei Hutten, Crotus, Westerburg u. A. manchen Zoll der Achtung gegen seinen Gönner und vergalt ihn durch empfehlende Briefe nach Nürnberg, die in dieser Zeit noch ganz die Sprache der Feinde Roms und der „Barbaren“ reden. Indessen vergaß er keineswegs, seinen Aufenthalt in Italien für eine spätere geistliche Laufbahn auszunutzen. Die auf den Wunsch Pirkheimer’s begonnenen, aber allerdings sehr dilettantisch betriebenen Rechtsstudien konnten jener nur förderlich sein, wichtiger schienen Rhetorik, Dialektik und schöne Wissenschaften für einen höheren Geistlichen – und ohne Zweifel wünschte und traute er sich zu, einst eine bedeutendere Stellung in der Kirche einzunehmen –, vor allem aber wurde ganz in der Stille, ohne Pirkheimer, dessen Mißbilligung sicher war, nur ein Wort vorher davon mitzutheilen, in Ferrara der theologische Doctorhut erworben (1517). Bei diesen Bestrebungen konnte es C. nur erwünscht sein, als von Nürnberg die Weisung kam, mit zweien seiner Zöglinge nach Rom zu gehen. Was konnte Rom nicht denen bieten, die eine Pfründe suchten, besonders wenn sie sich zu schicken wußten! Für C. war es gewiß nicht ungünstig, daß der päpstliche Kämmerer v. Miltitz sein alter Studiengenosse war; andere Verbindungen kamen hinzu – kurz nach Verlauf eines Jahres ward er zum Decan an der Liebfrauenkirche zu Frankfurt a. M. ernannt. Aber freilich lag der „schlimme Verdacht“ nahe, den der alte weltkundige Adelmann in Augsburg gegen Pirkheimer äußerte: „Ich fürchte, er möchte wo anders her, als durch die Thüre in den Schafstall gekommen sein. Ich kenne nämlich aus ihren Früchten die Leute, mit welchen er zu Rom zu thun gehabt hat.“ Es bleibt kein Zweifel. Er war in Rom für Rom gewonnen worden. Seine umgewandelte Gesinnung documentirte er schon bemerkbar in der Vorrede zum Fulgentius, den er mit dem Maxentius gemeinschaftlich mit Pirkheimer 1519 bis 1520 herausgab. Nur schlecht verhüllte er diese Sinnesänderung noch eine Zeit lang in seinen Briefen von Frankfurt, wohin er im Anfang 1520 gekommen war. Die nächste bedeutende Veranlassung, der Reichstag zu Worms, brachte sie an den Tag. Ungerufen, mit Schriften gegen Luther in der Tasche, fand sich C. dort ein und stellte sich Aleander zur Verfügung. Im Auftrage desselben nahm er Theil an den Verhandlungen mit Luther beim Erzbischof von Trier, forderte auch Luther zu einer Disputation heraus und benahm sich so, daß man ihm lutherischerseits die hinterlistigsten Anschläge gegen Luther’s Freiheit zuschrieb. – So hatte er auch offen mit der lutherischen Sache gebrochen. Fortan trat er überall als Kampfgenoß neben Eck und Emser in den Streit, den er mit aller Leidenschaft seiner Natur und mit dem Ehrgeize eines eitlen, ruhelosen, weder seine noch des Gegners Kräfte richtig schätzenden Gelehrten bis an sein Ende führte. Aber seine Bedeutung für die Sache, der er diente, wuchs nicht mit seinem Eifer, so sehr er sich auch bemühte, oft mit großen eigenen Opfern, neue Mitkämpfer oder für seine zahlreichen Schriften Verleger zu gewinnen. [383] – Gleich in Frankfurt begann er seinen Haß gegen die Reformation durch die Verfolgung Nesen’s zu bethätigen, begleitete 1524 Campeggi[WS 1] nach Nürnberg und Regensburg, mußte aber selbst vor den Stürmen des Bauernkrieges zuerst nach Mainz, dann nach Köln flüchten. Auch hier that er sich unter den Verfolgern der Ketzer besonders im Processe gegen Westerburg, seinen alten Studiengenossen von Bologna, hervor. Seine Muße von Amtsgeschäften benutzte er zur Abfassung zahlreicher, insbesondere polemischer Schriften und zur Befestigung seiner nie abgebrochenen Verbindungen mit Humanisten. Bald aber erhielt er wieder ein Amt als Canonicus auf dem St. Victorsberge bei Mainz (1526), nahm am Reichstage zu Speier Theil und trat 1528 nach Emser’s Tode in dessen Stelle beim Herzog Georg von Sachsen in Dresden. Gewiß nicht wenige der Verfolgungen und Gewaltthaten dieses Fürsten gegen Evangelische fallen C., der einen bedeutenden Einfluß auf denselben ausgeübt zu haben scheint, zur Last. In Georgs Begleitung finden wir ihn auf dem Reichstage zu Augsburg (1530) und dort sowol unter den 20 theologischen Verfassern der Confutatio, deren zweite Recension er allein abfaßte, als unter den 7, welche von jeder Seite mit dem Versuch der Beilegung der Religionsstreitigkeiten betraut waren. Daß er nicht an Eck’s Stelle auch zu der engsten Commission der 3 hinzugezogen wurde, verletzte seine Eitelkeit nicht wenig; dafür gereichte es ihm zur Genugthuung, daß er in die Commission berufen wurde, der die Herausgabe der Confutatio oblag. Die Friedenswünsche, welche er von Augsburg aus gegen Pirkheimer u. A. in seinen Briefen äußerte, waren ihm schwerlich Ernst; denn soviel er vermochte, trieb er in der Nähe und Ferne, selbst in Schottland und Polen zur energischen Unterdrückung der Evangelischen. Die Gunst Georgs fügte zu der Pfründe St. Severus zu Erfurt (1530) noch ein Canonicat in Meißen (1535), das er aber nur bis zum Tode des Herzogs 1539 inne hatte. Nach dem Regierungsantritte Heinrichs war seines Bleibens nicht mehr in Sachsen. Da er sich nicht entschließen konnte, der Einladung Contarini’s[WS 2], nach Italien zu kommen, Folge zu leisten, nahm er die Uebertragung eines Canonicats vom Breslauer Domcapitel (Sept. 1539) dankbar an. Im Gefolge König Ferdinands erschien er demnächst auf dem Religionsgespräch zu Hagenau (1540) und verfaßte zuerst ein Referat über die Vereinbarungen, welche zwischen beiden Parteien auf Grund der Conf. Aug. in Augsburg getroffen worden waren, sodann ein Gutachten über die neuen Forderungen der Evangelischen. Von Hagenau ging er nach Worms und Regensburg (1541), mußte sich aber, da man bei der irenischen Tendenz der Verhandlungen einen Mann, der eben erst den Wortführer der Gegenpartei in seiner „Philippica quinta“ (1540) öffentlich dem Kaiser als Hauptunruhestifter und Anführer denuncirt hatte, zu dem Ausgleichungswerke nicht brauchen konnte, sehr gegen seinen Willen mit einer Stellung im Hintergrunde begnügen. Mißmuth über die unaufhaltsamen Fortschritte der Reformation und die Spuren des nahenden Alters machten seine Stimmung immer gereizter. Das Nichtzustandekommen des Concils von Trient (1543), zu dem er schon auf dem Wege war, der Tod Eck’s und der kölnische Streit, endlich die Zugeständnisse an die Evangelischen auf dem Reichstage zu Speier (1544) rufen noch einmal seine ganze alte Streitlust wach. Gegen Melanchthon, Bucer, Bullinger, Musculus u. A. schleudert er Philippiken, Defensionen, Disceptationen, Repliken, richtet warnende Zurufe an die zu Worms versammelten katholischen Fürsten und Stände, wie wenn er mit seiner verdoppelten Kraft die Eck’s ersetzen wollte. Dafür genießt er auch die Ehre mit Malwenda und Billik auf dem Religionsgespräch zu Regensburg (1546) zum collocutor seiner Partei ernannt zu werden. Aber es war eine zweifelhafte Anerkennung. Seine und seiner Genossen Stellung zeigte schon an sich, in welcher [384] Absicht die Ernennung erfolgt war. Mit Männern dieser Art war ein friedlicher Vergleich nicht möglich und wol kaum beabsichtigt. – Es war das letzte öffentliche Auftreten des C. Fortan lebte er in Eichstädt, Ingolstadt und Mainz nur noch der schriftstellerischen Thätigkeit gegen seine Feinde, die er mit seiner letzten Arbeit auf diesem Gebiete, der haßerfüllten „Historia de actis et scriptis Luthericis“ 1549 schloß. In demselben Jahre verließ er Mainz, kehrte nach Breslau zurück und fand dort bald sein Grab in der Domkirche.

Cochlaeus’ Bedeutung für seine Zeit läßt sich am besten aus seinen polemischen Schriften erkennen, in denen er gewissermaßen sein Wesen erschöpft hat. So zahlreich sie sind, so haben sie doch verhältnißmäßig wenig und immer nur auf einem beschränkten Gebiete auf den Gang der Ereignisse einzuwirken vermocht. Ihrem theologischen Gehalte nach wesentlich scholastisch, ihrer Form nach meist rhetorisch, flüchtig geschrieben, dabei ohne Präcision der Gedankenentwicklung und darum selten den Hauptpunkt treffend, werden sie durch ihre Abschweifungen weitläufig, durch ihre Wiederholungen langweilig, durch ihre gallige Heftigkeit endlich abstoßend. Es war daher kein Wunder, daß der Hauptgegner, Luther, nach den ersten paar Erwiderungen sie völlig ignorirte, und selbst des Cochlaeus’ Freunde sowol damals als später sie und ihren Verfasser nicht allzuhoch würdigten. Höheren Werth haben seine humanistischen und historischen Arbeiten, unter den letzteren besonders die „Historia Hussitarum libri XII“ 1549.

Weder von seinen Werken gibt es ein vollständiges Verzeichniß, noch von seinem Leben eine genügende umfassende Darstellung.

Hauptquellen bleiben noch immer seine Historia de actis et scriptis Lutheri, die in ihrer äußerst beschränkten Auffassung der Reformation die beste Erklärung für seine Stellung zu derselben bietet; die Vorreden und Bemerkungen in seinen Schriften; seine Briefe an Pirkheimer, Nausea u. A. und endlich die Schriften und Briefe der Reformatoren. – Neuere Biographien: Urb. de Weldige-Creucer Diss. Monast. 1865: De Joannis Cochlaei vita et scriptis; C. Otto: Johannes Cochlaeus der Humanist. Breslau 1874.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Lorenzo Campeggio (* 1474 in Bologna; † 25. Juli 1539 in Rom) war ein italienischer Kardinal.
  2. Gasparo Contarini (1483–1542), italienischer Kardinal