ADB:Neißer

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Artikel „Neißer“ von Hermann Arthur Lier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 412–414, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nei%C3%9Fer&oldid=- (Version vom 18. Juni 2019, 11:14 Uhr UTC)
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Neißer. Fünf Brüder dieses Namens lebten im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts zu Sehlen in Mähren, wo sie im Jahre 1717 durch den Zimmermann Christian David im evangelischen Sinne auf die Nothwendigkeit einer Erneuerung ihres religiösen Lebens hingewiesen wurden. Schon damals hegten sie den Wunsch, sich in einem evangelischen Lande anzusiedeln, um ungestört ihrem Glauben leben zu können. Mehrere Jahre vergingen jedoch, bis ihnen die Möglichkeit denselben auszuführen geboten wurde. Erst zu Pfingsten 1722 konnte ihnen Christian David die frohe Botschaft überbringen, daß er in dem Grafen von Zinzendorf den Mann gefunden, der bereit sei, den Erweckten in Mähren eine Unterkunft auf seinem Gute Berthelsdorf in der Oberlausitz zu gewähren. Infolge dieser Mittheilung entschlossen sich zwei der Gebrüder N., Augustin und Jacob, beide Messerschmiede, ihre Heimath zu verlassen und sich der Führung Christian David’s anzuvertrauen. Am Mittwoch nach Pfingsten 1722 machten sie sich auf mit ihren Frauen und vier Kindern, begleitet von ihrem Vetter Michael Jäschke, und erhielten, auf den Gütern des Grafen von Zinzendorf angelangt, den Platz am Hutberg an der Landstraße von Zittau nach Löbau zur Besiedelung angewiesen. Am 17. Juni desselben Jahres wurde von ihnen der erste Baum zu dem ersten Hause von Herrnhut gefällt. Die [413] Brüdergemeine bezeichnet daher Augustin und Jacob N. als die „Erstlinge zu Herrnhut“. Ein Jahr später folgten die drei in Sehlen zurückgebliebenen Brüder mit ihren Familien in aller Stille nach und vermehrten die Zahl der in Herrnhut angesiedelten Exulanten um achtzehn Personen. Vgl. C. W. Cröger, Geschichte der erneuerten Brüderkirche. Theil 1. Gnadau 1852. 8°. S. 18, 19, 28, 52. Dieser Familie gehören die beiden folgenden Männer an, die in einigen ihrer Kirchenlieder noch heute in der Gemeine fortleben.

Friedrich Wenzel N., geb. am 16. November 1716 zu Sehlen, der Sohn Augustin Neißer’s, kam mit seinen Eltern im Jahre 1722 nach Herrnhut, wo er seine Erziehung erhielt. Wegen seiner „besonderen Fähigkeit und Activität“ nahm ihn Zinzendorf bald in seine Dienste; N. begleitete diesen im J. 1736 auf einer Reise in die Wetterau, 1737 nach Livland und in demselben Jahre nach England, wo wir ihn noch 1738 finden. Auch die nächsten Jahre waren einer wechselvollen Thätigkeit im Dienste der Gemeine gewidmet, welche N. zuerst nach Kopenhagen, dann in die Schweiz, endlich nach Berlin führte. In Berlin nahm er an den Verhandlungen über die Begründung der schlesischen Brüdergemeinen in Gnadenfrei und Gnadenberg regen Antheil. Als im Jahre 1764 auf dem ersten Verfassungssynodus zu Marienborn ein Directorium, in dessen Händen die oberste Leitung der Unität ruhen sollte, eingesetzt wurde, wurde N. Mitglied desselben. Der zweite Verfassungssynodus zu Marienborn im Jahre 1769 verwandelte das bisherige Directorium in die noch heute bestehende „Unitäts-Aeltesten-Conferenz“, welche sich aus drei neben einander geordneten Collegien zusammensetzt. N. trat in das dritte derselben, in das Dienercollegium, ein und erhielt als Aufenthaltsort Barby angewiesen. Seit 1775 gehörte er der Missionsdeputation an. Er starb am 12. October 1777 in Barby. Von seinen Liedern, die in den Jahren 1736–1748 entstanden sind, sind nur wenige noch in der Gemeine gebräuchlich; am bekanntesten dürfte folgendes sein: „So wie’s der Heiland verheißen hat“ (Nr. 209 im kleinen Gesangbuch der evangel. Brüdergemeine, Gnadau 1870. 8°) und namentlich aus dem Liede: „Du für die Sünder geborner Christ“ (Nr. 436) die vierte Strophe: „Singt, ihr Erlösten, singt groß und klein.“ Eine vollständige Aufzählung von Neißer’s Liedern (25 an der Zahl,) giebt [Christian Gregor] Historische Nachricht vom Brüdergesangbuche des Jahres 1778 und von dessen Liederverfassern. 2. Aufl. Gnadau 1851. 8°. S. 200. Nur 11 dieser Lieder sind in das neue kleine Brüdergesangbuch aufgenommen worden.

Nach einem handschriftlichen Lebenslaufe (R. 22 Nr. 23 r.) im Archive zu Herrnhut und Notizen bei Cröger a. a. O.

Georg N., der Vetter des oben Genannten, geb. am 11. April 1715 zu Sehlen, war der Sohn eines der N., die erst im Sommer 1723 nach Herrnhut übersiedelten. In den Jahren 1724–1732 besuchte er die von Zinzendorf begründete Schule zu Großhennersdorf bei Herrnhut. Als im Jahre 1735 zehn mährische Brüder nach Georgien in Nordamerika abgingen, um den dortigen Indianern das Evangelium zu bringen, befand sich N. unter dieser Zahl. Im Februar 1736 langte die kleine Schaar am Savannahflusse an, wo ihnen fünfzig Acker Landes angewiesen wurden. Unter Spangenberg’s tüchtiger Leitung blieb ihre Arbeit nicht ohne Erfolg, so daß bald eine Gemeine begründet werden konnte. Welche Bedeutung N. bei diesen Vorgängen hatte, ist nicht zu ermitteln. Lange Zeit währte sein Aufenthalt in Georgien jedenfalls nicht, denn bereits im folgenden Jahre (1737) hören wir, daß er nach Pennsylvanien übersiedelte, wo die Schwenkfelder eine Kolonie angelegt hatten. Im Jahre 1741 kam dann Zinzendorf nach Pennsylvanien, und es begannen dort die Gründungen der amerikanischen Brüdergemeinen, deren größte Bethlehem wurde. In dem [414] Dienste der nordamerikanischen Gemeinen ist N. sein übriges Leben hindurch thätig gewesen und auch in Amerika gestorben. Das Jahr seines Todes ist nicht bekannt; jedesfalls erfolgte er nach 1758, da die wenigen Notizen von seiner Hand (Unitätsarchiv zu Herrnhut, R. 22 Nr. 1 c), denen wir hier folgen, nach dieser Zeit niedergeschrieben sein müssen. Von den 4 Liedern, die Gregor (a. a. O. S. 200) ihm zuschreibt, sind nur 2 sein Eigenthum. (1093, 14 des Brüdergesangbuches vom Jahre 1778 gehört Zinzendorf.) Am bekanntesten sind die beiden Lieder: „Für uns war kein Retten“ (Kleines Gesangbuch Nr. 415. Strophe 2 ist von Gregor) und „Jesu durchgegrab’ne Hände“ (ebend. Nr. 969).