ADB:Neitzschitz, Georg Christoph

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Artikel „Neitzschitz, Georg Christoph“ von Friedrich Ratzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 415–417, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Neitzschitz,_Georg_Christoph&oldid=- (Version vom 20. November 2019, 11:24 Uhr UTC)
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Neitzschitz: Georg Christoph N. (aus dem Hause Wehlitz und Wernsdorf etc.), Reisebeschreiber, machte von 1630 bis 1637 mehrere Reisen in den Orient, nachdem er nach seiner eigenen Erzählung einige Jahre Propst und Hofprediger zu Glücksburg gewesen war. Ob die holsteinischen Reisenden seiner Zeit, Olearius und Genossen ihn anregten oder was sonst N., den Protestanten, mitten im 30jährigen Krieg einen siebenjährigen Aufenthalt in Wien und im Orient wählen ließ, geht aus seinen Aufzeichnungen nicht hervor. Sicher ist, daß N. mit den Augsburger Kaufleuten, die die Messe in Naumburg besucht hatten, am 27. April 1630 diese Stadt verließ. Er zog über Augsburg, Schongau, Innsbruck, den Brenner, Tarvis nach Venedig, wo er sich, nach einmonatlichem Aufenthalt in Padua, in Gesellschaft eines der türkischen Sprache kundigen Dolmetschers, geborenen Niederländers, einschiffte, und über Ancona, Cattaro, Zante, Cerigo, nach Kleinasien reiste, wo er am 14. in Smyrna landete, um bald darauf auf einem englischen Schiff die Reise nach Konstantinopel fortzusetzen. Nach einjährigem Aufenthalte in der türkischen Hauptstadt reiste N. über Adrianopel, Sofia und Ofen nach Wien zurück, wo er am [416] 26. November 1631 ankam. Von Konstantinopel aus scheint er nur nach Chalcedon einen mehrtägigen Abstecher gemacht zu haben. „Weilen daselbst die Evangelische Lutherische Lehre ihre freye Uebung hat“, begab er sich von Wien nach Preßburg zurück, hielt sich mehrere Monate auf dem Schlosse eines Herrn v. Althann in Oesterreich auf, mit dessen Vetter, Graf Althann, er dann am 16. Januar 1634 eine neue Orientreise antrat. Beide schlossen sich der unter Graf Buchheim nach Konstantinopel gehenden kaiserlichen Gesandtschaft an, mit der sie über Ofen, Weißenburg, Nisch, Philippopel und Adrianopel die Reise machten, welche sie am 25. März Konstantinopel erreichen ließ. Der türkisch-polnische Krieg verhinderte N. an der geplanten Reise nach Palästina und er kam am 27. Juni 1634 in Wien wieder an. Nachdem er einige Zeit in Preßburg, Baden und Oedenburg, sowie auf dem Schlosse des Herrn v. Althann verlebt, trat er 1636 am 19. Februar eine dritte Reise an, welche ihn durch Steiermark, Kärnten und Krain nach Triest und Venedig führte, von wo er am 21. April über Korfu, Zante und Kandia nach Alexandria reiste, welches er am 1. Juni erreichte. N. besuchte Kairo und die Pyramiden, die er ziemlich eingehend schildert, den Sinai, von dem er ausführlich spricht, kehrte nach Kairo zurück und trat dann über Beirut, Sidon und Tyrus den Weg nach Jerusalem an, der ihn von Ptolemais über Kana und Nazareth an den See Tiberias, nach Kapernaum, Sichem und Samaria führte. Am 21. August kam er in Jerusalem an und blieb daselbst bis zum 27. Am 29. August schiffte er sich in Joppe ein und kam am 13. October 1636 wieder in Marseille an. Von hier reiste er über Genua und Pisa nach Rom und von da über Venedig und Wien zurück „ins werthe Meißner Land“. Nach einer Notiz des Herausgebers der Reisebeschreibung ist N. bald nach seiner Rückkehr gestorben. Auf Wunsch seines Bruders, des sächsischen Obristen Rudolph v. N., gab Mag. Christoph Jäger, Pastor Primarius der Landesschule zu Meißen, dieselbe 1666 heraus. Aus des Herausgebers Einleitung ergibt sich, daß wahrscheinlich ein nicht sehr übersichtliches und geordnetes Tagebuch vorlag, welches in mehreren Sprachen geführt worden war, denn jener hat nicht nur die Eintheilung in Bücher und Capitel vorgenommen, sondern auch „die materi und die Sachen darinnen jegliches an seinen Orth, soviel immer möglich, getragen und gesetzet“. Daß dabei manches von der eigenen Gelehrsamkeit des Magisters mit einfloß, ergibt sich aus den zahlreichen Citaten aus alter und neuerer Litteratur und den im Stile der dürrsten Büchergelehrsamkeit vorgetragenen Abhandlungen über antiquarische Gegenstände. Außerdem erscheinen Citate, die bis auf litterarische Erscheinungen d. J. 1664 herabreichen. Vielleicht fand gerade wegen dieser Beimischungen das Buch zahlreiche Leser. Ausgaben, von Jäger selbst besorgt, erschienen 1666, 1674 und 1686, daneben einige Nachdrucke, deren letzter, nach Beckmann, 1753 ans Licht trat. Karten und Kupfer sind ohne Werth. Neitzschitz’s Werk, so wie es vorliegt, ist das Muster einer „gelehrten Reise“. Drei Viertheile bestehen aus Abhandlungen, prosaischen und poetischen Anführungen, Sagen und Sprüchen. Indem der Reisende in Alexandrien landet, bespricht er vor allem die Zugehörigkeit Aegyptens, ob zu Asien, ob zu Afrika, geht dann nach kurzer Bemerkung über das Nildelta gleich zu den Schafen über, deren Nutzung im Allgemeinen er schildert, um gelegentlich zu erzählen, daß einst in Wimpfen, dessen Name dabei auf Weibsstein zurückgeführt wird, ein Schaf einen Wolf geboren habe u. s. w. Den Berg der acht Seligkeiten bei Kapernaum nimmt er zum Ausgang eines vier Seiten langen Excurses über die Gebirge und Berge der Erde, eine Cisterne bei Bethlehem zur Aufzählung aller berühmten Brunnen, den Fürstenbrunn bei Jena nicht ausgeschlossen. Leider beinträchtigt dieses Uebermaß von Gelehrsamkeit die Kritik, so daß Neitzschitz’s Schilderungen [417] eine der reichsten Fundgruben von Märchen und Uebertreibungen aller Art sind. Gleichzeitig läßt er uns aber einen lehrreichen Blick in den gelehrten Apparat seiner Zeit thun, bringt Citate aus fast vergessenen Büchern und läßt zum mindesten Nichts unerwähnt, was in irgend einer Hinsicht den Leser interessiren könnte. So gibt er selbst die Preise der Nahrungsmittel genau an. Schätzenswerth ist es, daß er eigene Capitel dem Scirocco, der arabischen Wüste, den Mumien und anderen Merkwürdigkeiten widmete, während er dann andererseits, wie alles Selbstgesehene, auch Jerusalem eher flüchtig beschreibt. Im Ganzen sind Neitzschitz’s Beschreibungen weniger geographisch als culturhistorisch merkwürdig.

Spärliche Notizen in Jöcher und in den verschiedenen Ausgaben der Reisebeschreibung.