ADB:Nicolai, Melchior

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Artikel „Nicolai, Melchior“ von Theodor Schott in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 597–598, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nicolai,_Melchior&oldid=- (Version vom 24. August 2019, 05:00 Uhr UTC)
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Nicolai: Melchior N., angesehener Theologe, geb. zu Schorndorf (Würtemberg) am 14.(4?) Dezember 1578, † als Consistorialrath und Propst zu Stuttgart am 13. August 1659, war der Sohn von Melcher N., Gerichtsverwandter in Schorndorf, und Ursula Sattler. Nach dem frühen Tode seiner Mutter wurde er von einer treuen Stiefmutter sorgsam erzogen und wegen trefflicher Begabung zum Studium der Theologie bestimmt. Wegen seiner schwächlichen Gesundheit und aus anderen nicht mehr zu erhebenden Ursachen gaben ihn seine Eltern einem verwandten Bäcker zu Herrenberg in die Lehre, bald kehrte er indessen zu der früher in Aussicht genommenen Laufbahn zurück, zu welcher er sich auch vorzüglich eignete. Am 15. Februar 1598 magistrirte er in Tübingen, wo er studirte, als Erster unter 50 Altersgenossen, er war im Lateinischen und Griechischen sehr gut bewandert, auch mit den Naturwissenschaften, besonders mit Astronomie vertraut und mit großem Disputirtalent begabt. Nach beendeter Studienzeit wurde er würtembergischer Sitte entsprechend, Vicar und zwar in Adelberg bei Lukas Osiander II., später Diakonus in Waiblingen, nach 5 Jahren Pfarrer in Stetten (im Remsthal), wo er mit wiedertäuferischen Secten viel zu kämpfen hatte, dann (nach 10 Jahren) Decan in Marbach, 2 Jahre später 1619 wurde er als außerordentlicher Professor der Theologie an Hiemers Stelle nach Tübingen berufen. Anfangs wußte er sich mit den übrigen Gliedern der Facultät, welche in dem heftigsten Streit mit der Gießener theologischen Facultät über die Lehre von der Person Christi begriffen war, nicht besonders gut zu stellen; seine untergeordnete Stellung schien ihm nicht seiner würdig zu sein, auch fand er sich in Predigten angegriffen. Die Facultät ihrerseits, welche ihre besondere würtembergische Orthodoxie als Ehrensache behandelte, warf ihm Neigung zu Mentzerischen Ansichten vor, ja sie beschuldigte ihn geradezu „grober Calvinianischer und Nestorianischer Irrthumben“. In wiederholten Conferenzen erklärte N. zwar seine Ansichten für sich behalten zu wollen, aber die Zwistigkeiten, welche auch zu Ohren des streng orthodoxen Herzogs Johann Friedrich kamen, hatten zur Folge, daß N. auf die Prälatur Anhausen versetzt werden sollte (1621). Auf Fürbitte des Senates für den schwer betroffenen Collegen nahm der Herzog seine Resolution zurück, N. gab jeden Widerstand auf und wurde ein tapferer Mitstreiter seiner Facultätsgenossen. Doch wurde er schon 1625 als Prälat nach Lorch, 1628 nach Adelberg befördert, 1629 mußte er nach dem Restitutionsedict das Kloster räumen, 1631 wurde er an Thumms Stelle als ordentlicher Professor nach Tübingen berufen. Seine ganze Mannhaftigkeit zeigte er während der furchtbaren Drangsale, welchen Stadt und Universität während des 30jährigen Krieges, besonders nach der Nördlinger Schlacht ausgesetzt waren. Gegen die Jesuiten, mit welchen er oft eine Kanzel zu theilen hatte, vertheidigte er unerschrocken und gewandt die evangelische Lehre, selbst persönliche Mißhandlungen, die er darob zu erdulden („eine gottlose Kriegsgurgel tractirte ihn übel mit Faust und gezogenem Degen“) entmuthigten ihn nicht, und der Ruhm, daß ohne ihn das theologische Seminar (Stift), dessen Superattendent er war, wohl zerfallen wäre, bleibt ihm. 1632 war er Rector, 1639 Vicekanzler geworden, 1649 wurde er als Consistorialrath und Propst nach Stuttgart berufen; neun Jahre bekleidete er hoch angesehen dies kirchliche Amt, nach kurzer Krankheit starb er am 13. August 1659 und wurde am 16. in der Stiftskirche begraben. – 1603 hatte er sich mit Katharina Detz genannt Nutzbeck verheirathet, 1631 verlor er sie durch den Tod, 1632 heirathete er Margarethe, die Wittwe seines ehemaligen Collegen Thumm. Ein vielgeltender [598] Mann innerhalb seines engeren Vaterlandes ist er auch wegen seiner theologischen Schriften nicht ohne litterarische Bedeutung; der Zeitrichtung und seiner eigenen Begabung nach waren dieselben meist polemischer Art; „wider alle Schwetzer und Ketzer gegen Papisten, Calvinisten und Wiedertäuffer“, sagt sein Biograph, „vertheidigte er die wahre Religion“. Große dialektische Gewandtheit, im Studium des Aristoteles erworben, zeichnet seine Schriften aus. Gegen die Gießener gerichtet ist seine dogmatische Hauptschrift: „Consideratio quatuor quaestionum controversiarum de profundissima κενώσει Dom. Jesu Christi.“ Tübingen 1622. II. Aufl. 1676. Gegen die jesuitischen Angriffe auf die Reformation und auf Luther schrieb er: „Symbolum Lutheranum“ ib. 1624. „Jubar coelestis veritatis in medio papisticarum tenebrarum rutilans praelatum Laurent. Forero.“ ib. 1648. „Reformator Germaniae M. Lutherus a septem characteribus Laur. Foreri vindicatus.“ ib. 1668. „Gründliche Antwort auf die 12 Propositiones Jodoci Kedden“, Stuttgart 1653. „Bedencken über die Newe-Jahrs Gab. Jod. Kedden“; „Ohnverschämte Schuldforderung J. Kedden“. „Gründliche Ablehnung des Wirbelgeistes J. Kedden“. „Vertheidigung der Beantwortung der 12 Propositionen Kedds.“ ib. 1653. – Weitere Schriften: „Beantwortung zweyer Schriften, welche unter dem Namen des Herrn Christian Wilhelm zu Brandenburg in Truck gegeben.“ Tübingen 1643. „Rettung evangelischer Lehr- und Kirchendiener“. Stuttgart 1653. „Orthodoxia de sola fide justificante.“ ib. 1644. „Babylonische Verwirrung, daß die Jesuiten die ganze Christenheit grund- und bodenlos stellen“. ib. 1655.

Leichenrede von J. Knoll gehalten. Stuttg. 1660. – F. Wagner, vita M. N., in Witten, Memoria theologorum nostri seculi. 1685. – C. v. Weizsäcker, Lehrer und Unterricht an der evang.-theol. Facultät zu Tübingen. Tüb. 1877.