ADB:Prisschuch, Thomas

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Artikel „Prisschuch, Thomas“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 26 (1888), S. 600–601, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Prisschuch,_Thomas&oldid=- (Version vom 19. Oktober 2019, 07:33 Uhr UTC)
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Prisschuch: Thomas P. gehörte dem Augsburger Patriciergeschlechte der Breischuch (= brîsschuoch, Schnürschuh) an, das Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts aus der Reihe der Geschlechter vorübergehend in die Zünfte übertrat. Diesen Uebergang vollzog Constantin Breischuch; sein Sohn Thomas ist wol identisch mit dem Autor eines Reimspruchs über das Constanzer Concil, der nach eigener Angabe des Dichters 1418 verfaßt wurde und Kaiser Sigismund gewidmet ist: vielleicht überreichte Thomas sein Werk dem Kaiser persönlich, als dieser auf der Rückkehr von Constanz am 4. October 1418 Augsburg passirte. Es wird des Kaisers Dank gewesen sein, daß eben diesem Th. von Sigismund ein neues Wappen verliehen wurde. Th. war zur Zeit des Concils noch ein junger Mann; 1443 ist er als Delegirter der Kaufleute in dem großen Rath und wird uns noch 1460 als Besitzer von Gütern zu Anhaußen bezeugt. – Prisschuch’s Gedicht, das er selbst „des heiligen conzilis fundament oder grundvest“ betitelt, ist nichts weniger als eine zusammenhängende Chronik der Costnitzer Kirchenversammlung. P. wählt folgende Einkleidung: während er selbst überlegt und in Büchern studiert, was er wol zum Lobe Sigismund’s vom Concile dichten könne, da sucht ihn ein gelehrter Meister auf, der in Constanz selbst gewesen war, und erbietet sich, ihm den Stoff zu liefern. Der Dialog der Beiden bildet das Gedicht: P. richtet kurze Fragen sehr verschiedener Art und ohne rechte Disposition in unvermittelter Folge an den Meister und dieser antwortet ausführlich: der Dichter selbst nimmt nur ein Mal (808 fgg.) das Wort zum Preise der Kaiserin Barbara, sonst beschränkt er sich auf knappste Fragen: der Meister spricht beständig; sogar die Entschuldigung, daß er bei so schwachen Kräften sich an eine so große Aufgabe gewagt, selbst sie wird dem Meister in den Mund gelegt. Natürlich ist diese Einkleidung im Wesentlichen Fiction: immerhin geht aus V. 397 fg. hervor, daß P., wenn er, wie es scheint, nicht selbst in Constanz war, dann neben seinen Büchern auch den Bericht eines Augenzeugen benutzt haben muß: es ist das um so glaublicher, als die Stadt Augsburg zweimal Gesandtschaften nach Constanz entsandte. Trotzdem hat das Gedicht als historische Quelle ebenso geringen Werth wie als poetische Leistung. Es will in erster Reihe ein Panegyrikus auf Sigismund sein: sein Lob beginnt, sein Lob schließt den Spruch; er hat das Concil veranlaßt und uneigennützig geleitet; wie Moses Israel aus Aegypten, so befreite er die Christenheit aus dem Schisma; die seiner Ehre gewidmete Partie (1547–1738), die ihn schildert als den christlichen [601] Ritter im Waffenschmucke der Tugenden, ist das weitaus gelungenste Stück des ganzen Gedichts. Aber die historische Wahrheit leidet unter dieser kritiklosen Begeisterung. Der Dichter verschweigt in absichtlicher Undeutlichkeit, daß Papst Johann früher in Constanz war als der Kaiser, er hat kein Wort des Tadels für des Kaisers Wortbrüchigkeit gegen Huß, hat kein Auge für die diplomatischen Mißerfolge seiner französischen Reise. Wer weiß also, ob die uns sonst unbekannte Geschichte von den drei Fürsten, die Sigmund durch Geld bestechen wollen, das Concil zu verlassen (1297 fg.), glaubwürdig ist? Neben Sigmund’s Verdiensten tritt alles Andre zurück: Hussen’s Verdammung, die Ernennung Friedrich’s von Nürnberg zum Kurfürsten von Brandenburg wird nur ganz gelegentlich und kaum ausführlicher als eine beliebige Sonnenfinsterniß erwähnt, und selbst die Flucht Johann’s XXIII. und des Herzogs von Oesterreich, die Wahl Martin’s V. wird in unverhältnißmäßiger Kürze erledigt. Nur ein Thema noch lockt den Dichter zu längerem Verweilen: daß sind die Register der zu Constanz vertretenen Patriarchen, Hochschulen, Orden und Fürsten. 23 Universitäten, 63 Mönchsorden mit ihren Abzeichen, über 80 Potentaten zählt er in trockenster Kürze, ganz im Geschmacke Boppes und der Turnierdichtung des 14. Jahrhunderts auf. Und gerade hier muß er zum guten Theil nicht aus authentischen Nachrichten, sondern aus allgemeinen Verzeichnissen, die sich gar nicht auf das Concil bezogen, geschöpft haben. So paradirt unter den Hochschulen Athen und andere sonst nicht bezeugte, während das sicher vertretene Krakau fehlt. Unter den Orden prangt an erster Stelle der uralte, aber längst eingegangene Pachomiusorden. Die Reihe der Fürsten schließt effectvoll die angebliche Gesandtschaft des Priesters Johannes aus Indien, über die der Augenzeuge Ulrich v. Richental ganz verständig spricht (Stuttg. lit. Ver. CLVIII, 203). Für P. kam es eben darauf an, seine Gelehrsamkeit um jeden Preis anzubringen. Daher die wiederholten Abschweifungen auf alte Prophezeihungen, die das Schisma vorher gesagt hätten, daher die völlig unmotivirten Excurse über alle möglichen Wissenschaften, namentlich über die Alchemie, Excurse, die den ohnehin wenig gelungenen Aufbau des Ganzen nun vollends sprengen, daher endlich die unleidliche Vorliebe für lateinische Verse und Worte. Wo P. einfach erzählt oder erwägt, da verfügt er über eine fließende Sprache, und auch seine Verse lesen sich für das 15. Jahrh. leicht und klangvoll; sowie aber die langen Reihen seiner vielgeliebten Eigennamen und Fremdwörter auftreten, alsbald gehen Sätze und Verse aus den Fugen. Die Reime verleugnen den Dialekt des Dichters nicht: namentlich reimt er mhd. â: mhd. ou (z. B. 914 grâf : louf) unbedenklich. Prisschuch’s Gedicht hat einen Umfang von 939 Reimpaaren, die weit überwiegend stumpf schließen.

P. v. Stetten, Geschichte der adelichen Geschlechter in der freyen Reichs-Stadt Augsburg, Augsburg 1762, S. 171. – Liliencron hat „des conzilis gruntveste“ im ersten Bande seiner historischen Volkslieder der Deutschen unter Nr. 50 herausgegeben und mit werthvollen Erläuterungen ausgestattet; leider hat er nur die sehr fehlerhafte Heidelberger Hs. Cod. germ. pal. 321 fol. benutzt; viele Besserungen ergibt Höfler’s Abdruck aus dem Münchner Cgm. 394 (Fontes rerum austriacarum, script. VI, 2. S. 354 fgg.); eine dritte Hs., auch des 15. Jahrh., Cgm. 568 ist noch nicht publicirt.