ADB:Ratzenberger, Matthäus

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Artikel „Ratzenperger, Matthäus“ von Adolf Brecher in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 27 (1888), S. 372–374, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ratzenberger,_Matth%C3%A4us&oldid=- (Version vom 26. Juni 2019, 08:28 Uhr UTC)
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Ratzenperger: Matthäus R., gewöhnlich Ratzeberger,[WS 1] Leibarzt des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen, geboren 1501 zu Wangen, Diöcese Constanz, immatriculirt 1516 (Förstemann, Album d. Univ. Wittenberg S. 61) zu Wittenberg, gehörte, obgleich Mediciner, zu denjenigen jüngeren Männern, welche sich Luther bald nach seinem ersten Auftreten muthig anschlossen und ihm bis zu seinem Ende treu blieben. Damals wird er mit Joh. Agricola bekannt geworden sein, der ihm, vielleicht beim Abschiede von Wittenberg, eines seiner Memorialbücher dedicirte, in welches dann R. später dessen Correspondenz mit hervorragenden Männern der Reformationszeit eintrug (vgl. m. Aufs. in d. Zeitschrift für hist. Theologie 1872 S. 338 f.). Es wird um 1525 gewesen sein, als er Wittenberg verließ, um als Arzt nach Brandenburg und später als Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth v. Brandenburg nach Berlin zu gehen. Daß R. ihren Uebertritt zur lutherischen Lehre vermittelt habe, ist nach den bekannten Umständen durchaus unwahrscheinlich. Vielmehr darf man annehmen, daß die Kurfürstin R. zu ihrem Leibarzt gewählt habe, weil er lutherisch gesinnt, sie selbst aber dem Evangelium geneigt war. Sie wird ihn kennen gelernt oder von ihm gehört haben auf einer der Besuchsreisen, welche sie mit ihrem Bruder, dem Könige Christian II. v. Dänemark, nach Wittenberg unternahm. Jedenfalls hat R., als er in ihrem Dienste stand, ihr in allen Religionsangelegenheiten treulich beigestanden. Darum war er auch gezwungen, von dem brandenburgischen Hofe zu entweichen, als seine Herrin 1527 nach Sachsen floh. R. ging nach Wittenberg. Bald folgte er einem Rufe als Leibarzt des Grafen Albrecht v. Mansfeld, vielleicht empfohlen durch Joh. Agricola, der seit 1525 sich dort befand. Die alte Wittenberger Freundschaft wurde erneuert. Wie sehr auch später beide Männer auseinandergingen, einige Jahre – bis 1531 – standen sie in regem Verkehr. Denn bis dahin (Sept.) überließ Agricola R. seinen gesammten Briefwechsel zur Abschrift (Zeitschr. für hist. Theologie 1872. S. 382). Es ist bemerkenswerth, daß von da ab auch Luthers Briefwechsel mit Agricola auffällig [373] abnimmt. Es ist bekannt, wie ihre Freundschaft erkaltete. R., der Luther innig verehrte, wird sich in gleichem Maße von Agricola abgewendet haben. Seine wenig günstige Ansicht über dessen Auftreten in Eisleben (vgl. Neudecker, S. 97 f.) hat er wohl damals sich gebildet. – 1538 verließ er Eisleben; der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen hatte ihn zu seinem Leibarzt ernannt. Er verdankte diese Auszeichnung neben seiner ärztlichen Geschicklichkeit gewiß seinem religiösen Interesse. Denn nächst seiner Wissenschaft liebte er nichts so sehr als die Theologie. Er las nach Poach täglich die heil. Schrift mit den Erklärungen Luther’s und dessen Haus- und Kirchenpostille. Auch die anderen lateinischen und deutschen Schriften des Reformators werden ihm nicht fremd geblieben sein. Er war daher so vertraut mit der evangelischen Lehre, daß er nicht nur an allen kirchlichen Händeln lebhaften Antheil nahm, sondern auch dem Kurfürsten befähigt schien, über die häufig genug auftretenden Streitfragen Gutachten abzugeben und über die Religionsverhandlungen Bericht zu erstatten. So erschien er in kurfürstlichem Auftrage an den Reichstagen zu Frankfurt 1543 und Speier 1544. Er wurde sogar als Collocutor für die Verhandlungen in Regensburg 1546 (Jan.) in Aussicht genommen. Es kann dies nur mit Billigung Luther’s geschehen sein, der den theologisch gebildeten, glaubens- und charakterfesten Mediciner gewiß lieber zu einer solchen Sendung verwendet sah, als einen ängstlichten und nachgiebigen Theologen. Dafür hatte er aber auch an R. einen treuen, einflußreichen Freund, durch welchen er manches bei Hofe vermochte. R. erschien so als die geeignete Persönlichkeit, den erzürnten und kranken Reformator, den die unleidlichen Verhältnisse in Wittenberg in die Fremde getrieben hatten (Juli 1545), in die Heimath zurückzuführen. Mit einem sehr freundlichen Schreiben des Kurfürsten versehen (vgl. E. A. H. Burkhardt, Luthers Briefwechsel S. 475), eilte R. zu Luther nach Zeitz und bewirkte dessen Rückkehr. Dieser erkannte die Bemühungen des Freundes dankbar an und widmete ihm die Schrift „Wider das Papstthum zu Rom, vom Teufel gestiftet.“ 1545. – Es entsprach der Stellung Ratzenberger’s zu Luther, daß er nach dessen Tode zu einem der Vormünder seiner Kinder eingesetzt wurde. Aber es schmerzte ihn tief, daß er bemerken mußte, wie in der Umgebung des Kurfürsten die Liebe und Verehrung Luther’s mehr und mehr abnahm. Dies trat besonders beim Herannahen des Schmalkaldischen Krieges hervor. Die „Hoffjuristen und Hoffrethe“ und auch „die Wittebergische und andere mehr Theologen“ riethen zum Kampfe, vor dem Luther, so lange er lebte, gewarnt hatte. Auch sonst schien der Kurfürst übel beraten. R. gibt davon Proben. Er unterließ nicht seinem Herrn Vorstellungen zu machen; aber es nützte wenig. Als der Kurfürst in den Krieg zog, begleitete er ihn. Er ließ nicht nach mit Warnungen; offenbarte seinem Herrn, was er täglich sah und hörte. „In Summa darvon zu reden, so war unter des Kurfürsten Obersten und Kriegsräthen keiner oder doch gar wenig, welche den Kurfürsten mit treuen meineten, dan obwohl Herr Sebastian Schertell und Georg von Reckerodt … dem Kurfürsten In diesem Zuge mit höchsten treuen rieten, so hatten sie doch kein gehore und waren Ihre treuhertzige wolmeinungen und Rathschlege von den anderen falschen untreuen Meisnischen Hoffrethen und Kriegsbevelichshabern kegen dem Churfursten dermaßen unterdruckt und vornichtet, das sie keinen fur den Churfursten liessen kommen, der mit seiner Churf. G. treulich hette reden durffen …“ Allmählich wurde er mit solchen Bemerkungen lästig und fiel in Ungnade. Auch der Landgraf von Hessen, dem er mehrfach heimliches Einverständniß mit dem Kaiser vorwirft, war gegen ihn und ließ es ihn vor Ingolstadt deutlich merken. Zuletzt, da der Verrath allenthalben siegte, die Verbündeten sich trennten und der Kurfürst nach Sachsen zurückgekehrt war, erbat er seinen Abschied, zog mit seiner Familie [374] nach Nordhausen und einige Zeit danach nach Erfurt. Er war dort als Arzt thätig und wurde Physikus. Die Verbindung mit dem Hofe hatte er indeß nicht ganz abgebrochen. Die Söhne des gefangenen Kurfürsten bewahrten ihm als einem alten, treuen Diener ihres Hauses ihre Achtung und Zuneigung. Als sie daran gingen, die Universität Jena zu gründen, beriefen sie R. und Melanchthon nach Weimar, um ihren Rath zu hören. In das alte Verhältniß freilich trat R. nicht wieder zurück, selbst dann nicht, als Johann Friedrich, aus der Gefangenschaft entlassen, in dem nahen Weimar seine Residenz aufschlug. – Sein Lebensabend war still und im ganzen ungetrübt. Er unterhielt lebhaften Verkehr mit Freunden und Verwandten in Gotha und Weimar, sammelte seine Aufzeichnungen und Briefe, die uns in mehreren Handschriften erhalten sind. Die besten sind die zu Gotha und Dresden, beide wörtlich übereinstimmend. (Vgl. G. Kawerau, Joh. Agricola, Berlin 1881. S. 173. Anm. 1.) Die Gothaer wurde 1850 von Chr. Gotth. Neudecker unter dem Titel: „Die handschriftliche Geschichte Ratzeberger’s über Luther und seine Zeit“, zu Jena herausgegeben. Es war sehr nöthig, daß dies geschah, da über R.’s. Berichterstattung sich durch G. Arnold, der 1705 in seiner Kirchen- und Ketzergeschichte, Band IV, und G. Th. Strobel, der 1774 D. Matthäi Ratzenbergers geheime Geschichte von den Chur- und Sächsischen Höfen, zu Altdorf herausgegeben hatte, auf Grund lückenhafter und verderbter Handschriften schiefe und ungerechte Urtheile gebildet hatten. Man ersah danach, daß R., wenn er auch in seinen Anschauungen von Zeit und Personen etwas schwarzseherisch, in seinen Urtheilen mitunter bitter und streng war, dennoch im allgemeinen die Wahrheit getroffen hat. Man wird nicht in Abrede stellen können, daß die späteren Zeiten ihm auch da, wo er sich Urtheile über politische Angelegenheiten erlaubt, Recht gegeben haben. In vielen Fällen, wie besonders in der Geschichte Luther’s, haben seine Berichte außerordentlichen Werth, einmal weil er als Augenzeuge berichtet, sodann weil er durch seine persönlichen Beziehungen in der Lage war, vieles zu erfahren, was anderen unerkannt blieb und bleiben mußte. R. war mit Luther durch seine Gattin Clara, die Schwester des Gothaer Arztes Dr. Johann Brückner verwandt. Er besaß eine ziemlich zahlreiche Familie: 4 oder 5 Söhne und Töchter. Er starb fromm und gottergeben am 4. Januar 1559 zu Erfurt.

Vgl. außer Jöcher, Gelehrten-Lexikon u. M. Poach’s, weil. Pastor zu Erfurt, Bericht vom Leben u. Tode des Matth. Ratzenberger. Jena 1559. 4°. die Einleitung zu: Die handschriftl. Geschichte Ratzenberger’s u. s. w. v. C. G. Neudecker; die Biographie R.’s. von Oswald Schmidt in d. Real-Encyklopädie für protestantische Theologie und Kirche. 2. Aufl. Bd. 12. S. 543 ff. und meine „Neue Beiträge zum Briefwechsel der Reformatoren u. ihnen nahestehender Männer“ in d. Zeitschr. f. hist. Theol. Jhrg. 1872. S. 323–331.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Die Namensform Ratzenperger ist außerhalb dieses ADB-Artikels nicht nachweisbar.