ADB:Neudecker, Christian

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Artikel „Neudecker, Christian“ von Albert Schumann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 479–481, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Neudecker,_Christian&oldid=- (Version vom 22. April 2019, 20:35 Uhr UTC)
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Neudecker: Johann Christian Gotthold N., Kirchenhistoriker, geb. den 10. April 1807 in Gotha, wo sein Vater als Feldwebel im herzoglichen Leibregimente diente, wurde zwar „Johann Gotthold“ getauft, aber von seinen Eltern „Christian“ gerufen und behielt diesen Namen auch später bei, wie er denn auf den Titeln aller seiner Schriften sich als „Chr. Gotthold N.“ bezeichnet hat. Seine wissenschaftliche Vorbildung erhielt er auf dem heimischen Gymnasium, welches, von F. W. Döring’s kundiger Hand geleitet und mit einer Anzahl tüchtiger Lehrkräfte ausgestattet, zu jener Zeit eines wohlverdienten Rufes genoß. Während eines zehnjährigen Schulbesuches erlebte er hier die dritte Jubelfeier des Gymnasiums und nahm an derselben thätigen Antheil, indem er als Unterselectaner bei dem öffentlichen Redeactus am 21. December 1824 einen von ihm verfaßten hebräischen Hymnus vortrug. Zu Ostern 1826 bezog er die Universität Jena, um sich dort drei Jahre lang der Theologie und zudem der Geschichte und Pädagogik zu widmen. Am Ende seiner Studienzeit promovirte er als Doctor der Philosophie und siedelte dann nach Leipzig über, wo er sich als Docent an der Hochschule niederzulassen gedachte. Weil aber dieser Plan an seinen beschränkten Vermögensverhältnissen scheiterte, so übernahm er nach Vollendung einer wissenschaftlichen Reise in Süddeutschland und dem östlichen Frankreich eine Hofmeisterstelle in der Familie der Reichsgräfin Hessenstein zu Kassel und besuchte in seinen Mußestunden fleißig die dortige Bibliothek, deren handschriftliche auf die Reformationszeit bezügliche Schätze ihn besonders fesselten. Nach mehrjährigem Dienste kehrte er nach Gotha zurück, beschäftigte sich als Privatgelehrter mit litterarischen Arbeiten und veröffentlichte außer Beiträgen in H. Gräfe’s „Neuer allgemeiner Schul-Zeitung“, in der Darmstädter „Allgemeinen Kirchen-“ und „Allgemeinen Schul-Zeitung“, sowie zu K. G. Bretschneider’s „Corpus Reformatorum“ u. s. w. mehrere seiner unten verzeichneten kirchengeschichtlichen Werke, wogegen er den Gedanken an eine praktische geistliche Laufbahn vollständig aufgab, so daß ihn sogar ein in den vierziger Jahren an ihn ergangener Ruf als Superintendent nach Altenburg nicht zu derselben zurückzuführen vermochte. Erst im November 1842 fand er eine seinen Neigungen entsprechende, aber karg besoldete Anstellung als erster Lehrer an der Bürgerschule in Gotha, zu deren Rector ein Jahr vorher A. M. [480] Schulze (s. d. Art.) ernannt worden war. Zu Anfang 1843 mit dem Prädicate eines Conrectors geehrt, ohne daß sein geringer Gehalt dadurch gestiegen wäre, wurde er am 1. April 1855 zweiter Rector mit geringer Besoldungserhöhung und im October 1860 als Schulze’s Nachfolger Director sämmtlicher Bürgerschulen, ein Amt, das er bis zu seinem am 11. Juli 1866 erfolgten Tode bekleidet hat. Erst in dieser letzten Periode seiner Lehrerwirksamkeit erfreute er sich einer hinreichend ausgestatteten und sorgenfreien Stellung, der er sich im Dienste der Schule voll und ganz hingab, so daß seine schriftstellerische Thätigkeit von da an mehr in den Hintergrund trat. Nachdem er bei der Uebernahme des Directorates im Auftrage des herzoglichen Ministeriums noch die Musterschule in Frankfurt a. M. besucht hatte, um deren Einrichtung kennen zu lernen, schritt er auf dem Wege der von seinem Amtsvorgänger bereits angebahnten Verbesserungen rüstig fort, beseitigte Gebrechen und Mängel im Schulorganismus und hob durch seine pädagogische Einsicht und Energie das städtische Schulwesen auf die Höhe, die es unter einem tüchtigen Nachfolger bis heute bewahrt hat. Sein eigener Unterricht war in hohem Grade klar und anregend, so daß er bei seinen Schülern in gesegnetem Andenken fortlebt. Seine litterarische Thätigkeit darf nicht nur eine reiche, sondern auch eine verdienstvolle genannt werden und befaßte sich zumeist mit der Kirchengeschichte, besonders mit derjenigen der Reformationszeit. Von selbständigen Werken hat er veröffentlicht: „Allgemeines Lexikon der Religions- und christlichen Kirchengeschichte für alle Confessionen“ (4 Bde., 1834–35; Supplementband, 1837); „Urkunden aus der Reformationszeit“ (1836, 212 Urkunden); „Merkwürdige Actenstücke aus der Zeit der Reformation“ (2 Abth., 1838); „Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung in das Neue Testament mit Belegen aus den Quellenschriften und Citaten aus der älteren und neuen Litteratur“ (1840); „Neue Beiträge zur Geschichte der Reformation, mit historisch-kritischen Anmerkungen“ (2 Bde., 1841); „Geschichte der deutschen Reformation von 1517–1532“ (1842); „Die christliche Kirchengeschichte der neuesten Zeit von Riffel, oder das neueste Schmählibell auf Luther und die protestantische Kirche, wissenschaftlich beleuchtet und widerlegt“ (1843); „Geschichte des evangelischen Protestantismus in Deutschland für denkende und prüfende Christen“ (2 Theile, 1844–46, wohlf. Ausgabe, 1850); „Die Hauptversuche zur Pacification der evangelisch-protestantischen Kirche Deutschlands von der Reformation bis auf unsere Tage“ (1846). Ferner setzte er W. Münscher’s „Lehrbuch der christlichen Dogmengeschichte“ (3. Aufl., 1832–34) in der 2. Hälfte der 2. Abtheilung (1838) fort, bearbeitete die 3. Auflage von Chr. Oeser’s „Weltgeschichte für Töchterschulen und zum Privatunterricht für das weibliche Geschlecht“ (3 Theile, 1848) und die 3. Auflage von desselben „Kurzer Leitfaden der Weltgeschichte für Töchterschulen“ (1850) und gab heraus: (Matth.) „Ratzeberger’s handschriftliche Geschichte über Luther und seine Zeit mit litterarischen, kritischen und historischen Anmerkungen“ (1850) und „Georg Spalatin’s historischer Nachlaß und Briefe“ (1. Bd.: Friedrich’s des Weisen Leben und Zeitgeschichte, 1851), letzteres Werk in Gemeinschaft mit Ludwig Preller. Neben den oben angeführten Beiträgen in Zeitschriften lieferte er auch noch weitere in F. W. Looff’s „Pädagogische Literatur-Zeitung“, in die „Neue Jenaische Litteratur-Zeitung“ und in die 1. Auflage von Herzog’s „Real-Encyklopädie für protestantische Theologie und Kirche“, von denen verschiedene auch in die 2. Auflage übergegangen sind. Das von ihm zusammengebrachte reiche auf G. Spalatin bezügliche handschriftliche Material hat N. der herzoglichen Bibliothek in Gotha letztwillig vermacht. Dieselbe bewahrt es als „Neudecker’sche Sammlung Spalatinischer Briefe und Schriften“.

[481] Außer in der Gothaischen Zeitung, Nr. 163 vom 14. Juli 1866, ist kein Nekrolog Neudecker’s erschienen. Sämmtliche Fachzeitschriften jenes Jahres haben inmitten der kriegerischen Ereignisse seinen Tod übersehen. Von wissenschaftlichen Nachschlagewerken gedenkt seiner nur das „Theologische Universal-Lexikon zum Handgebrauche für Geistliche und gebildete Nichttheologen“, 2. Bd., Elberfeld 1874, S. 750b–751a. Selbst Herzog’s Real-Encyklopädie hat es in der 2. Auflage versäumt, ihrem verdienten Mitarbeiter ein kleines Denkmal zu stiften. – Die obigen lebensgeschichtlichen Nachrichten nach den Mittheilungen von Frl. Elly Neudecker in Berlin und meiner Freunde Dr. G. Schneider, Dr. H. Georges und Fr. Hennicke in Gotha.