ADB:Reiner, Wenzel Lorenz

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Reiner, Wenzel Lorenz“ von Rudolf Müller in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 25–27, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reiner,_Wenzel_Lorenz&oldid=2054225 (Version vom 5. August 2015, 08:45 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Reiner, Jakob
Band 28 (1889), S. 25–27. (Quelle)
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Wenzel Lorenz Reiner in der Wikipedia
GND-Nummer 119293595
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|28|25|27|Reiner, Wenzel Lorenz|Rudolf Müller|ADB:Reiner, Wenzel Lorenz}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=119293595}}    

Reiner: Wenzel Lorenz R., Maler, geb. zu Prag 1686, ebendort † 1743. – Dadurch, daß sein Vater die Bildhauerei ausübte, von Haus aus für Kunst angeleitet, in der Neigung für die Malerei besonders noch durch den [26] Bruder des Vaters bestärkt, verlegte sich R. zuvörderst mit allem Eifer auf das Copiren guter Gemälde, namentlich von Landschaften und Thierstücken. Um jedoch sicherer zu werden in der Farbenbehandlung, trat er bei Schweiger, dem damaligen Oberältesten der Prager Malerbrüderschaft in die Lehre und verblieb bei diesem als erster Gehülfe bis in sein zwanzigstes Jahr. Mittlerweile auch zur Erkenntniß gekommen, wie vortheilhaft der Lehrherr seine Arbeiten verwerthete, stellte sich R. von da ab auf eigene Füße, bezog eine gut eingerichtete Werkstätte und wurde auch bald der gesuchteste Maler Prags. Diese rasch erworbene Gunst verdankte er vornehmlich mehreren al fresco-Ausführungen an öffentlichen Gebäuden. Die derartig folgenreichste Ausführung dürfte dann jene in der Klosterkirche am „Weißen Berge“ gewesen sein. Bekanntlich entschied die am 8. November 1620 auf diesem Berge geschlagene Schlacht über den Besitz der Krone von Böhmen zwischen Kaiser Ferdinand II. und dem von seinen Gegnern erwählten Friedrich von der Pfalz – dem sogen. „Winterkönig“ –. Zur bleibenden Erinnerung an diesen Sieg wurde 1706 daselbst die zu einer Servitenstation bestimmte Kirche „Maria de Victoria“ erbaut. Diese Kirche hatte nun R. an den Abseiten der Kuppel mit Fresken, die Hauptmomente jener Entscheidungsschlacht darstellend, zu zieren. Hierfür in gehöriger Stimmung zu bleiben, gerieht er auf den Einfall, sich die Gewandung eines Musketiers aus der Zeit Ferdinand’s II. anzulegen. Als solcher nicht nur die Pinsel führend, sondern des Weges zur Stadt wie im Wirthshause sich als leidenschaftlicher Haudegen betragend, gab es bald allgemeine Klage über den rauflustigen Maler, so daß gerichtlicherseits eingeschritten, die Auskleidung des ungemäßen Musketirs anbefohlen werden mußte. Wie ein zeitgenössischer Chronist zu berichten weiß, behob sich dieser burschikose Zug erst vollständig mit dem Eintritte Reiner’s in die Ehe. Der Lexikograph Dlabacz erzählt diesbezüglich: er ließ sich 1725, am 21. November in der Kreuzherrenkirche durch den damaligen Generalgroßmeister des Kreuzherrnordens Mathäus Böhmb mit Jungfrau Anna Veronika Hertzog von Hertzog trauen. Derselbe verzeichnete ferner: „diese Gemalin brachte ihm das Haus auf dem Bergstein (Gasse der Prager Altstadt) zu, welches noch heute das Reiner’sche Haus genannt wird“. – Zur Kennzeichnung hatte R. an der Vorderseite desselben ein die Trinität darstellendes Frescogemälde angebracht. – „In diesen glücklichen Umständen verlegte er sich ganz auf das historische Fach.“ Diese weitere Bemerkung Dlabacz’s ist insofern zutreffend, als R. bis dahin immer noch der Jugendneigung folgend, Landschaften und Alltagsscenen malte. Strenge Historienbilder zu malen lag übrigens nicht im Geschmacke seiner Zeit. Beliebt war dafür das allenthalben mit der Barocke zusammenhängende Allegorisiren. Und darin erging sich R. eben jetzt mit Vorliebe, wie mit ungewöhnlicher Erfindungsgabe. Seine Ausführungen nach dieser Richtung fesseln denn auch weniger durch Gedankentiefe, wie vielmehr durch kühne, phantasiereiche Anordnung und effectvolle Farbengebung. Eines der bedeutendsten Werke dieser Kennzeichnung war der im riesigen Treppenhause des gräflich Cernin’-(Tschernin)schen Palastes am Hradschin ausgeführte „Gigantensturz“. – Als eigentliche Geschichtsbilder lassen sich nur die im Familiensaale des gräflich Waldstein’schen Schlosses zu Dux bezeichnen. Es sind das Scenen aus dem Leben der Ahnen diese berühmten Geschlechts, die Saaldecke trägt das Hauptbild, mit Heinrich von Waldstein, welcher (1254) dem Könige von Böhmen – Przmysl Ottokar II. – seine vierundzwanzig Söhne nebst ihren vierundzwanzig Knappen vorstellt. – Außerdem malte R. für die Duxer Decanatkirche das Hochaltarbild, „Verkündigung Maria“ vorstellend; für die Spitalcapelle die Kuppel. Vorragende kirchliche al fresco Malereien in Prag finden sich in der Kreuzherrnkirche – wo er für den erkrankten Lischka eintrat, der bloß das [27] Presbyterium fertig brachte, alles Uebrige, die Kuppel und die Figuren der Abseiten sind von R. gemalt – ferner in der Dominicanerkirche zu St. Egidius, in der Augustinerkirche zu St. Thomas und in der Lorettokirche am Hradschin. Mehrere andere von ihm geschmückte Kirchen wurden seither aufgehoben, die Malereien vernichtet. Einer Renovation fielen auch die böhmischen Sagen entnommenen Darstellungen im Schlosse Liboch zum Opfer. – Altarölgemälde besitzen in Prag noch die Kirchen bei Maria Schnee, St. Jakob, St. Peter und zu Aller Heiligen. Solche kamen auch in die Stadtkirche zu Teplitz, die Stiftskirchen zu Osseg und zu Sedletz. Daß Reiner’s Werke zugleich galeriefähig wurden, erweisen die Gemäldeverzeichnisse der Prager und Dresdener Galerie. Erstere besaß „Herbst und Abend“, „Winter und Nacht“, allegorisch dargestellt; zwei „Gebirgslandschaften“, „Bäumender Rappe“, „St. Lukas als Maler vor dem Madonnenbilde“ – in die Galerie geliehen, gingen sie seither sämmtlich wieder an ihre Besitzer zurück. – Das Dresdener Verzeichniß führt die „Ansicht der Ruinen des Campo vaccino zu Rom, der Kaiserpaläste und des Triumphbogens des Titus“ an; als Gegenstück „das sogenannte goldene Haus des Nero, sowie der Springbrunnen des Platzes Barbarini“. Diese beiden Gemälde führen auf die Vermuthung, daß R. Italien besuchte. Dlabacz berichtet außerdem noch von drei anderen Landschaftsbildern in der kurfürstlichen Bildergalerie zu Dresden, wie auch von vielen, für Kupferstecher ausgeführten Zeichnungen, u. A. einer Reihe von 20 Blättern, die Tuchfabrik von Oberleutersdorf in allen Einzelheiten umfassend, gestochen von Birkhart und Fischer. Ferner zeichnete er die große Landkarte von Böhmen mit eingeflochtenen Sinnbildern, welche Hieronymus Sperling zu Augsburg gestochen. Schüler von ihm sind Franz Müller (nachheriger Hofmaler), Johann Peter Molitor und Tollenstein.

Beim Rückblicke auf das umfassende Schaffen Reiner’s wird leicht wahrnehmbar, daß seiner hohen Begabung auch eine seltene Fertigkeit im Ausführen beiging. Allerdings unterlief viel allzu eilfertig Verabschiedetes. Scheinbar aber lag dieses weniger an ihm, sondern vielmehr an der Ungeduld der Besteller, die gewissermaßen in ihn verliebt, mit allem, was seinen Namen trug, zufrieden waren, überdies jeder Preisforderung bereitwilligst nachkamen. Kein Wunder, daß R. solcher Weise großes Vermögen erwarb, infolge dessen – wie seine Biographen berichten – Besitzer vieler Grundstücke und Häuser wurde. Jedoch gerade an diesen reichlichen Besitzstand knüpfte das Verhängniß seine Fäden für den frühen Untergang des populären Künstlers. – Der unvermuthet nach Böhmen hinüber spielende erste schlesische Krieg – 1741 – brachte wie überhaupt den Besitzenden, besonders für R. derartig schwere Schädigungen durch feindliche Brandschatzungen und nachfolgende Kriegssteuern, daß er als Vater einer zahlreichen Familie ins Verzagen gerieth, zu kranken begann, doch immer noch rüstiges Arbeiten sich abnöthigte, bis zu vollständiger Erlahmung am 9. October 1743. Unter einer Theilnahme, wie für einen großen, volksthümlich gewordenen Mann, fand die Beisetzung seiner Leiche in die Gruft der Dominicaner bei St. Egidius statt. – Ein Selbstporträt des Künstlers wurde im Hause dieses Ordens aufbewahrt; ein zweites ging in die Gemäldesammlung des Cistercienserstiftes zu Osseg über. Nach ersterem fertigte Johann Balzer einen Stich für die von Franz Mart. Pelzel herausgegebenen „Abbildungen der böhmischen und mährischen Gelehrten und Künstler“.

Dlabacz, Künstler-Lex. – Schaller, Beschr. d. Stadt Prag. – Nagler, Neues allg. Künstler-Lex. - Müller-Klunzinger, Neues Künstler-Lex. – Tschischka, Kunst und Alterth. in der Oesterr. Monarchie. – Deutsches Kunstbl. 1850. – Wurzbach, Biogr. Lex. – Eigene Forschungen.
Rud. Müller.