ADB:Remak, Robert

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Artikel „Remak, Robert“ von Julius Pagel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 191–192, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Remak,_Robert&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 21:11 Uhr UTC)
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Remak: Robert R., Arzt und Embryolog, ist zu Posen am 26. Juli 1815 geboren. Er studirte in Berlin die Heilkunde, mit besonderem Eifer Physiologie unter Johannes Müller, dessen enthusiastischer Anhänger er wurde, und unter dessen Leitung er mit Vorliebe mikroscopischen Untersuchungen sich widmete. Nebenher beschäftigte er sich als Student auch vielfach in Jüngken’s Augenklinik, bei Froriep’s Sectionen, denen er mit Aufmerksamkeit folgte, und in der Barez’schen Kinderklinik. Schon 1836 publicirte er als das Resultat seiner physiologischen und mikroscopischen Studien in Joh. Müllers’s Archiv eine kleine Arbeit: „Vorläufige Mittheilung mikroscopischer Beobachtungen über den inneren Bau der Cerebrospinalnerven und über die Entwicklung ihrer Formelemente“, als deren Erweiterung im J. 1838, zugleich als seine Promotionsschrift, die „Observationes anatomicae et microscopicae de systematis nervosi structura“ (Acced. II tabb. aeri incisae. 4 maj. Berolini 1838, Reimer) folgten. Später schlossen sich daran noch eine ganze Reihe weiterer Mittheilungen aus dem Gebiete der Physiologie bis zu dem Erscheinen der interessanten Arbeit: „Ueber eine selbständiges Darmnervensystem.“ (Mit 2 Kupfertafeln. Fol. Berlin 1847, Reimer.) Als Schönlein nach Berlin kam, trat R. zu ihm und seiner Klinik in ein näheres Verhältniß, fungirte von 1843–1847 als Assistenzarzt und beschäftigte sich während dieser Zeit mit pathologischen und namentlich embryologischen Forschungen. Die erste Frucht dieser Arbeiten war eine Monographie, betitelt: „Diagnostische und pathogenetische Untersuchungen in der Klinik des Geh. Raths Dr. Schönlein, auf dessen Veranlassung angestellt und mit Benutzung anderweiter Beobachtungen veröffentlicht“ (mit 1 Kupferstich gr. 8. Berlin 1845, Hirschwald). 1847 habilitirte sich R. nach durch besondere Cabinetsordre Friedrich Wilhelm’s IV. empfangener Erlaubniß, deren R. infolge seiner mosaischen Confession bedurfte, als erster jüdischer Privatdocent an der Berliner med. Facultät, erlangte aber erst 1859 die Ernennung zum Prof. e. o. Von 1856 ab wandte er sich mehr und mehr von seinen theoretischen physiologischen Forschungen ab und praktischen Studien zu. Speciell zog die größere Nutzbarmachung der Elektricität für therapeutische Zwecke sein Interesse auf sich, anfangs nur in Würdigung ihres wissenschaftlichen Werths in Bezug auf die Physiologie des Nervensystems, in der seine Untersuchungen vielfach wurzelten, dann aber auch hinsichtlich der praktischen Anwendung in bestimmten Krankheitsformen. Er begann mit Eifer als Elektrotherapeut zu prakticiren, erlangte sehr bald einen bedeutenden Clientenkreis, mußte aber seine anstrengende Beschäftigung mehrfach infolge von Kränklichkeit in seinen letzten Lebensjahren unterbrechen. Verschiedene herbe, äußere Schicksalsschläge, lange, gefährliche Erkrankung des einzigen Sohnes, der Tod seiner Gattin, auch Schönlein’s plötzlicher Hingang wirkten so heftig auf seine, ohnehin schon reizbare Natur ein, daß er, erst 50 Jahre alt, am 29. August 1865 in Kissingen, wohin er sich zu seiner Erholung begeben hatte, starb. R. war ein selten begabter, fleißiger, strebsamer, von Ehrgeiz nicht freier Arzt. Seine Bedeutung für die Medicin ist eine dreifache. Einmal und in erster Linie sind seine, schon zum Theil oben angeführten, unsterblichen Arbeiten auf dem Gebiet der mikroscopischen Anatomie des Nervensystems zu nennen, denen auch die Entdeckung des sogen. „Axencylinders“ und der seinen Namen führenden Nervenfasern zu danken ist. Dann ist R. durch seine ausgezeichneten „Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbelthiere“ (Berlin 1850–55) und verschiedene andere, hierher gehörige Arbeiten der Schöpfer einer angemessenen Reform der Embryologie geworden, insofern, als er die großen Schwierigkeiten, welche die Schleiden-Schwann’sche Zellentheorie dieser Disciplin in den Weg gelegt hatte, beseitigte. Indem er fand, daß das Ei der Thiere stets eine einfache Zelle sei, daß die 3 Keimblätter, welche sich aus dem Ei entwickeln und nur [192] aus Zellen zusammengesetzt sind, sich flächenartig ausbreiten und aus ihnen die Hauptsysteme des Körpers und alle die verschiedenen Gewebe durch „Differenzierung“ sich bilden, und indem er schließlich den Antheil näher feststellte, welchen die verschiedenen Keimblätter an der Bildung der verschiedenen Gewebe und Organsysteme besitzen, vereinfachte und klärte er dieses Gebiet ganz außerordentlich und führte eine Theorie durch, die später von anderen Autoren bestätigt und im wesentlichen auch heute noch, wenigstens für den Wirbelthierstamm, gültig ist. Endlich hat sich R. auch noch um die praktische Medicin dadurch verdient gemacht, daß er die Anwendung des constanten Stromes in die Behandlung der Nervenkrankheiten einführte, speciell die centrale Application auf Gehirn und Rückenmark, die trotz mannigfacher, anfangs dagegen erhobener Einwände und Widersprüche später doch volles Bürgerrecht erlangte, und fortab als wirkliche Bereicherung der Heilkunde angesehen wird. – Hinsichtlich der äußeren und Charaktereigenschaften Remak’s ist noch nachzutragen, daß er ein schlanker Mann mit hervorstechenden Gesichtszügen, lebhaften Augen und dunklem Haar war, in seinen jungen Jahren ein überaus frische, lebendige Natur besaß, von freundlichstem Entgegenkommen und immer bereit zu Gefälligkeiten und kleinen Aufmerksamkeiten, namentlich gegen die fremden Aerzte war, die sich nach vollendeten Studien zu weiterer Fortbildung in den Berliner Kliniken einfanden. Später brachten es persönliche Ungunst der Verhältnisse, namentlich der Umstand, daß er durch zu langes Verharren in der bescheidenen Stellung als Privatdocent seine Thatkraft nach vielen Richtungen gelähmt sah, mit sich, daß sich Remak’s ein gewisser Unmuth, eine Gereiztheit bemächtigte, die in wissenschaftlichen Fehden, wie in gesellschaftlichem Verkehr oft sogar verletzten. Zu seinen besondersten Eigenschaften gehörte eine lebhafte Phantasie, eine Neigung, an einmal erfaßte Dinge mit großem Enthusiasmus heranzutreten und sie weiter zu verfolgen. Nicht bloßer Ehrgeiz, auch der Wunsch, die Wissenschaft zu fördern und Anderen nützlich zu werden, leitete ihn bei seinen Arbeiten. Gern hätte er für seine Specialität der Elektrotherapie eine besondere klinische Abtheilung in der Charité errichtet gesehen, doch ist dieser Plan nicht verwirklicht worden.

Vergl. Biographisches Lexikon hervorragender Aerzte u. s. w., herausgegeben von A. Hirsch, Bd. IV, S. 702.