ADB:Rosenmüller, Johann Georg

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Artikel „Rosenmüller, Johann Georg“ von Carl Gustav Adolf Siegfried in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 29 (1889), S. 219–221, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rosenm%C3%BCller,_Johann_Georg&oldid=- (Version vom 25. Juni 2019, 18:30 Uhr UTC)
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Rosenmüller: Johann Georg R., geb. am 18. December 1736 zu Ummerstadt im Hildburghausischen, vorgebildet auf der Lorenzschule zu Nürnberg, studirte zu Altdorf bis 1760, ward 1768 Pfarrer zu Heßberg bei Hildburghausen, 1772 Diakonus zu Königsberg in Franken; 1773 als ordentlicher Professor und Pastor nach Erlangen berufen, 1783–1785 Professor und Superintendent zu Gießen, dann Professor an der Universität und Pastor an der Thomaskirche zu Leipzig, seit 1802 auch Prälat des Hochstifts Meißen, † am 14. März 1815 (vgl. Joh. Chr. Dolz, J. G. Rosenmüller’s Leben und Wirken, Leipzig 1816. – Winer, Hdb. der theol. Lit. II, 740. – Jenaer Lit.-Zeitung 1815, Nr. 24; andere Quellen findet man bei Meusel, Bd. 19, S. 432).

R. war ein Gelehrter von unermüdlichem Sammelfleiß, an dessen Früchten auch spätere Geschlechter noch zehren konnten, denen er manche Mühe erspart hat. Er hat fast alle Gebiete der wissenschaftlichen und praktischen Theologie, namentlich aber die Geschichte derselben angebaut. Das größte Verdienst hat er sich durch seine Arbeiten zur Geschichte der Bibelauslegung erworben. Er begann dieselben in einzelnen Universitätsprogrammen unter dem Titel: „De fatis interpretationis sacrarum litterarum in ecclesia christiana“ zu veröffentlichen, welche von 1789 an bei verschiedenen Gelegenheiten erschienen [220] und einzelne Abschnitte der Auslegungsgeschichte von den ältesten Zeiten der christlichen Kirche an bis gegen das Reformationszeitalter hin behandelten. Als diese Abhandlungen vergriffen waren, entschloß er sich, sie zu vervollständigen und zu einem Ganzen zusammenzufassen, welches unter der Aufschrift „Historia interpretationis librorum sacrorum in ecclesia christiana“ in 5 Bänden 1795, 1798, 1807, 1813, 1814 erschien. Der Verfasser begann mit der Schriftauslegung der Apostel und der apostolischen Väter, behandelte dann die älteren Lehrer der griechischen Kirche Justinus, Athenagoras, Clemens Alexandrinus, dann die älteren lateinischen Väter Tertullian, Irenaeus (er zog ihn hierher) und Cyprian. Dann die griechischen Väter Origenes, Julius Africanus, Hippolytus, Dionysius Alexandrinus, Methodius, Eusebius von Caesarea, Athanasius, Basilius, Gregor von Nyssa, Eusebius von Emesa, Theodor von Mopsueste und Chrysostomus. Dann kamen wieder die Lateiner an die Reihe: Lactanz, Hilarius von Pictavium, Ambrosius, Hieronymus, Augustinus, Pelagius, Julian. Hierauf folgten: Theodoret, Cyrill von Alexandrien, Isidor von Pelusium, die Katenen, Theophylact, Euthymius Zigabenus u. A. Zuletzt die mittelalterlichen Lehrer Cassiodor, Gregor der Große, Alcuin u. A., die deutschen Uebersetzungen, Bernhard von Clairvaux, die jüdischen Exegeten, die Correctoria biblia, die Scholastiker Nicolaus Lyranus u. A. bis Reuchlin und Erasmus. Es ist eine lange Reihe von Namen der Autoren, denen der Verfasser Quellenstudium zugewendet hat. Wenn auch eigentlich nirgend die Behandlung erschöpfend ist und der Darsteller es nicht zur Zeichnung in sich abgerundeter hermeneutischer Charakterbilder bringt, so ist doch überall gutes aus den Quellen selbst geschöpftes Material beigebracht. Man bekommt stets ganz bestimmte Data, wörtlich angeführte oder inhaltlich genau umschriebene Proben aus den Werken der Ausleger, so daß man einen ganz concreten Eindruck von der Art eines jeden Einzelnen erhält. Freilich stehen die Ausleger so ziemlich äußerlich nebeneinander. Es fehlt dieser Auslegungsgeschichte jenes farbensatte Gemälde der geistigen, culturellen und theologischen Gesammtentwicklung, wie es des Verfassers bisher unübertroffener Nachfolger auf diesem Gebiete, Ludwig Diestel, in seiner Geschichte des Alten Testamentes in der christlichen Kirche (1869) entworfen hat. Freilich hätte ein solches, wenn es der Verfasser überhaupt hätte geben können, an dem trockenen Plauderlatein scheitern müssen, welches er für seine Darstellung beliebte. – Uebrigens ist nicht der ganze Stoff der obengenannten Abhandlungen mit in dieses Werk aufgenommen worden. So besonders nicht P. 7 und 8 der Fata, in welchen der Verfasser Kant’s Theorien bestritt von der Zulässigkeit einer allegorischen Sinnes, sobald dieser letztere auf eine moralische Wahrheit abziele. Derselbe Gegenstand ward aber von R. in einer besonderen Schrift: „Einige Bemerkungen das Studium der Theologie betreffend“, 1794 (s. den vollst. Titel bei Meyer, Gesch. der Schrifterklärung, Bd. 5, S. 519) noch einmal deutsch besprochen und mit Recht hier hervorgehoben, daß durch den Kantischen Grundsatz die Aufgabe des Auslegers getrübt werde (vgl. auch Eichhorn, Allg. Bibl. der bibl. Lit., Bd. 6, S. 53–67). – Aber nicht bloß um die Geschichte, auch um die Auslegung selbst bemüht sich R. In seiner Schrift: „Antiquissima telluris historia Gen. I descripta“ 1796 führt er aus: Moses gebe nicht Cosmogenie, sondern Geogonie und auch hierin nur die Darstellung der letzten Umbildung der Erdoberfläche, vgl. die verwandten Hypothesen der Zeit bei Diestel a. a. O. S. 725. – In Eichhorn’s Repertorium für bibl. und morgenl. Lit. Bd. 5, S. 158–185 gab R. eine „Erklärung der Geschichte vom Sündenfall“, in welcher er den letzteren als wirkliche Begebenheit festhielt, aber die Erzählung als eine von einem alten hieroglyphischen Gemälde abgenommene und in Buchstabenschrift übertragene erklärte. Ueber ähnliche Ausbrüche [221] des damaligen Zeitgeschmacks vgl. Diestel a. a. O. S. 729. – Bei Eichhorn a. a. O. Bd. 2, S. 131–139 erklärte er die Strafe der Leute in Bethsemes in 1. Sam. 6, 19 als eine Folge ihrer Abgötterei, die zwar nicht erzählt werde, aber anzunehmen sei, vgl. über ähnliche Ausflüchte Thenius zu Sam. Zur Lösung der Frage s. Wellhausen, Text der Bücher Sam., 1871, S. 65 ff. – Für die Exegese des Neuen Testamentes veranstaltete er ein großes Sammelwerk: „Scholia in N. T.“, 5 Bde., 1777, 5. Ausgabe 1807: 6. T. 1. 1815, das übrige nach seinem Tode von seinem Sohn E. F. K. 1827–31 herausgegeben. Dazu erschienen „Emendationes et supplementa“, 5 Bde., 1789–90 (vgl. Eichhorn. Allg. Bibl., Bd. 5, S. 1082 f., Bd. 9, S. 617; Meyer, Gesch., Bd. 5, S. 728). Eine deutsche Uebersetzung des „Briefes Pauli an die Epheser“ gab er in Eichhorn’s Repertor. (Bd. 8, S. 206–227). – Außer den hier angeführten Schriften schrieb er eine große Zahl anderer, welche allen möglichen Gebieten der Theologie angehören, theils apologetische, wie „Der historische Beweis für die Wahrheit der christlichen Religion“ (s. Winer a. a. O. Bd. I, S. 389, vgl. auch S. 380), „Beweis von der Göttlichkeit der Schrift“ (Winer I, 395), theils dogmatische, wie „De christianae theologiae origine“ (Winer I, 594), „Observationes ad historiam dogmatis de spiritu sancto pertinentes“ (Winer I, 598), oder homiletische, deren Titel man bei Winer II, 30, 63, 65, 68 finden kann und eine große Zahl von Predigten und Erbauungsschriften (vgl. Winer II, 90, 132, 142, 150, 153, 162 f., 177 f., 209, 225 f., 260, 301, 331, 354, 365, 394; s. auch das Register derselben bei Meusel, Bd. 19, S. 430–432), welche ebenso von dem Fleiße des Verfassers als von der Geduld seiner Leser oder Zuhörer Zeugniß ablegen.