ADB:Sacher-Masoch Ritter von Kronenthal, Leopold

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Artikel „Sacher-Masoch, Leopold von“ von Richard Moritz Meyer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 681–682, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sacher-Masoch_Ritter_von_Kronenthal,_Leopold&oldid=- (Version vom 24. Oktober 2019, 00:29 Uhr UTC)
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Sacher-Masoch: Leopold von S.-M., Romanschriftsteller und psycho-pathologischer Typus, geboren am 27. Januar 1836 in Lemberg als Sohn des Polizeipräsidenten, † am 5. März 1895 in Lindheim in Hessen. – Auf das erregbare Gemüth des lebenslänglich zwischen slavischen Instincten und deutscher Cultur Schwankenden wirkte schon früh die slavische Volkspoesie durch die Lieder und Märchen, die seine kleinrussische Amme ihm vorsang und erzählte. Die Revolution in Polen erweckte seine Sympathie für die galizischen Bauern und seine Antipathie gegen den polnischen Adel; in beiderlei Hinsicht wie in mancher anderen hat er dann auf Karl Emil Franzos bestimmend eingewirkt. – Er studirte in Prag und Graz und war von 1857 an als Privatdocent der Geschichte in Graz thätig, ohne daß übrigens diese Thätigkeit („Der Aufstand in Gent unter Karl V.“, 1856) in seiner schriftstellerischen Wirksamkeit Spuren hinterlassen hätte; denn um die chronique scandaleuse der Kaiserin Katharina[WS 1] und Potemkin’s kennen zu lernen, bedurfte es eben keiner besondern Studien. Der Erfolg seiner Novellen und Romane veranlaßte ihn dann, den Lehrberuf aufzugeben. Wie so viele Schriftsteller jener Zeit – ich nenne nur Gutzkow und Auerbach – wechselte er häufig den Aufenthalt: Graz, 1873 Bruck an der Mur, 1880 wieder Graz, dann Budapest, Paris, seit 1890 Lindheim. Auch diese Ortswechsel brachten in seiner monoton aufgeregten Production keine wesentlichen Aenderungen hervor.

1858 erschien „Eine galizische Geschichte 1846“, wie die nächsten novellistischen Skizzen unter dem anhaltenden Einfluß Turgenjew’s[WS 2]. Der Herold der slavischen Culturskizze hat nicht nur die Technik, sondern auch die Auffassung seines so viel kleineren Schülers mit bedingt. Die Annäherung seiner Instinctmenschen an die heimische Erde, die starke Betonung der socialen und klimatischen Einflüsse, das Zurücktreten der Fabel hinter der Charakterschilderung hat er dort gelernt – alles freilich Dinge, die seiner eigenen Anlage entsprachen. Ebenso hat Schopenhauer, den er sich als Lebensphilosophen erkor, ihm nur für eigene Ahnungen deutliche Worte gefunden. S.-M. bekannte sich zu einer nahezu ausschließlich animalischen Auffassung der Geschlechtsliebe als einer tückischen Erfindung der Natur zur Peinigung des Menschen und sah in der Frau fast nur das satanische Werkzeug, dessen die Schöpfung sich bedient, um den Mann mit Schmerzen Kinder erzeugen zu lassen. Dazu kam, nur anfangs, noch ein edleres Thema: das des unheimlichen Absterbens unserer Empfindungen – vielleicht durch die Gräfin Hahn vermittelt, in deren Romanen dies „Gesetz der Umwandlung“ (wie Ibsen es später nannte) eine Hauptrolle spielt und von der (wie von dem katholischen Pamphletisten Sebastian Brunner) S.-M. in einem seiner schlimmsten Bücher, den „Messalinen Wiens“ („Der katholische Salon“) ein carikirendes, ja verleumderisches Portrait entworfen hat.

Aus diesen Tendenzen ging (nach dem erfolgreichen historischen Lustspiel „Der Mann ohne Vorurtheil“) seine beste Erzählung hervor: „Der Don Juan von Colomea“ (1866, in Heyse’s Deutschem Novellenschatz Bd. 24 mit trefflicher Einleitung abgedruckt). 1869 faßte er den großen Plan, in einem Novellencyklus „Das Vermächtniß Kains“ die menschlichen Leidenschaften und [682] ihren Zielpunkt darzustellen, zuerst natürlich die Liebe (dann „das Eigenthum“, „den Staat“, „den Krieg“, „die Arbeit“, „den Tod“); aber er besaß nicht die Kraft Zola’s und es blieb bei zusammenhanglosen Einzelgeschichten, die nur durch gewisse Idiosyncrasien verbunden sind.

In S.-M. hatte sich nämlich inzwischen eine schlimme Anlage krankhaft entwickelt. Er litt an dem erotischen Bedürfniß, seine Begier durch Mißhandlungen aufstacheln zu lassen, das man nach ihm (und seinen Figuren) „Masochismus“ benannt hat (vgl. v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis). Eine unglückliche Ehe gab dieser Neigung Nahrung. Aurora (v.) Rümelin[WS 3], als Schriftstellerin in Sacher-Masoch’s Rolle „Wanda v. Dunajew“, hat sich in ihrer „Lebensbeichte“ (Wanda v. Sacher-Masoch, Meine Lebensbeichte, Leipzig 1906) zwar als mißhandeltes Opfer seiner perversen Lüste dargestellt; aber auch ohne die – zu weit gehende – Antwort v. Schlichtegroll’s[WS 4] („Wanda ohne Pelz“, Leipzig 1906; vgl. von demselben: „Sacher-Masoch und der Masochismus“, Dresden 1901, und von S.-M. selbst „Der Werth der Kritik“, Leipzig 1873) würde man schon aus ihrem eigenen Bericht ersehen, daß sie diese Krankheit wissentlich gesteigert und gepflegt hat – anfangs vielleicht mit guter Absicht.

Allerdings hat die Ehe (1873) nicht alle Schuld; Sacher-Masoch’s schwache Persönlichkeit wurde auch durch den Erfolg zerstört. Seine Romane und Novellen hatten durch ihre schlechten Eigenschaften so stark gewirkt wie durch die guten: einem ungewöhnlichen Talent, Naturen von starkem Triebleben hinzustellen, die Rede individuell zu färben, die Handlung folgerecht durchzuführen, half eine wilde Sinnlichkeit, eine schamlose Entblößung tief gefühlter Perversitäten zum Gewinn zahlloser Leser nach; gerade wie es zuerst mit dem so viel unschuldigeren Zola ging. Besonders fand er auch in Frankreich begeisterte Leser, was ihm sogar in die vornehme „Revue des deux mondes“ Aufnahme verschaffte. Sein Ruf war auch die Ursache, daß man ihm 1882–85 die Leitung der Zeitschrift „Auf der Höhe“ anvertraute. In rastloser Productivität erschöpfte er sich und gab sich im Leben und im Dichten immer unbedingter der Leidenschaft hin, Sacher-Masochische Romane zu erleben. Der Mann, der im „Vermächtniß Kains“ noch principiell gegen Schiller’s Idealismus fast mit Gründen Otto Ludwig’s gekämpft hatte (2, 100), der die Verwandtschaft von Wollust und Grausamkeit (2, 179) mit romantischem Ernst betont hatte, schrieb jetzt nur Scandalgeschichten; und die „Revue des deux mondes“ veröffentlichte in zehn Jahren 14 Novellen von S.-M. Dabei stumpfte sich seine Psychologie zu naturalistischer Oberflächlichkeit ab und seine Erzählungskunst zu immer neuen Variationen des Themas „Venus im Pelz“: immer wieder die grausam-wollüstige Schönheit in der Pelzjacke, die mit der Peitsche ihren willenlosen Sklaven beglückt …

So blieb zuletzt nur noch der ethnologische Werth der galizischen und Judengeschichten übrig, in denen sich bis zuletzt die scharfe Beobachtungsgabe und rasche Inscenirungskunst dieses ebenso begabten als unglücklichen Erzählers kundgab.

Die wichtigere Litteratur ist oben angegeben; dazu kommen die Schriftstellerlexika u. s. w.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Katharina I. (1683 oder 1684–1727), russische Zarin
  2. Iwan Sergejewitsch Turgenew (1818–1883), russischer Schriftsteller.
  3. Angelica Aurora von Rümelin (1845-1906/ca.1933), nannte sich als Schriftstellerin „Wanda von Dunajew“ und zuletzt „Wanda von Sacher-Masoch“, siehe den Artikel in der Wikipedia.
  4. Carl Felix von Schlichtegroll