ADB:Schiner, Matthäus

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Schiner, Matthäus“ von Herm. Escher. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 729–737, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schiner,_Matth%C3%A4us&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 12:35 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Sarcerius, Erasmus
Band 33 (1891), S. 729–737 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Matthäus Schiner in der Wikipedia
GND-Nummer 118795031
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|33|729|737|Schiner, Matthäus|Herm. Escher.|ADB:Schiner, Matthäus}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118795031}}    

Schinner *): Matthäus S. (eigentlich besser Schiner, wie er sich immer schreibt; drei Schienen im Wappen weisen auf den Ursprung des Namens [730] hin), um 1465, nach anderen Angaben 1456 oder 1470 zu Mühlebach im Zehnten Goms des Landes Wallis geboren, gehörte einer angesehenen Familie an. Einer seiner Oheime, Matthäus, war bischöflicher Castellan zu Martinach, ein anderer, Nikolaus, bestieg nach der Vertreibung des französisch gesinnten Jost von Silenen 1496 den bischöflichen Stuhl zu Sitten. In Sitten, Bern (bei Heinrich Wölflin), Zürich und schließlich besonders in Como bei Theodor Lucinus erwarb er sich die classische Bildung seiner Zeit; den humanistischen Studien schlossen sich theologische, vornehmlich kanonische, an, die ihm späterhin die Würde eines päpstlichen Notars verschafften. – Gelehrsamkeit und Arbeitstrieb, vorwurfsfreie und dabei einfache Lebensführung, volksthümliche Kanzelberedsamkeit, Eifer und Klugheit, die er bei der Schlichtung von Privatstreitigkeiten zeigte, machten den einfachen Dorfpfarrer bald bei seinem Volke und seinem Bischof bekannt. 1490 wurde er Domherr, unter seinem Oheim Nikolaus, einem ruheliebenden Greisen, 1497 Domdecan auf der Valeria in Sitten und bald auch Verwalter des Bisthums. Am 8. Februar 1499 resignirte Nikolaus; Matthäus wurde, unterstützt von Jörg Uf der Flüe (Supersax, Supra Saxo), dem Haupt der antifranzösischen Partei, welche Jost vertrieben hatte, Bischof von Sitten und damit zugleich Graf und Präfect des Landes Wallis. Alexander VI. bestätigte am 20. September die Wahl, und am 13. October 1499 wurde der neue Bischof zu Rom geweiht.

In dem französisch-mailändischen Gegensatze, der zu jener Zeit die Eidgenossenschaft heftig bewegte, verfocht S. kräftig die Sache der Sforzen. Er tritt uns von da an als erbitterter Feind Frankreichs entgegen, und die unerschütterliche Gegnerschaft gegen den allerchristlichsten König scheint von nun an die eigentliche Richtschnur für alle Handlungen des rastlos thätigen und gewaltigen Mannes zu bilden. – Nach dem Falle Ludovico Moro’s ergriff er die Partei Oesterreichs, der von Maximilian 1501 den Eidgenossen angetragenen Erbeinigung kräftige Fürsprache widmend. Gleichzeitig eiferte er auf Kanzeln und in den Rathssälen der Orte kräftig gegen das namentlich von Frankreich genährte Pensionenwesen. Der Friede von Arona 1503, in welchem Ludwig XII. den drei Waldstätten Bellinzona und die Riviera überließ, brachte ihm, der mit Ulrich von Hohensax Bevollmächtigter der Eidgenossen war, einen ersten diplomatischen Erfolg. – Nach der vornehmlich durch Schweizer in französischem Solde bewirkten Eroberung Genuas im April 1507 suchten Kaiser und Papst, obwol von gegenseitigem Mißtrauen erfüllt, die Eidgenossen von Ludwig XII. abzuziehen und für sich zu gewinnen. Im Interesse Beider war S., der soeben auf dem Reichstage zu Constanz die persönliche Bekanntschaft Maximilian’s gemacht hatte, unausgesetzt gegen Frankreich thätig. Die Zurückberufung der Knechte und die Bewilligung von 6000 Mann für die Romfahrt des Kaisers war nicht zum mindesten sein Werk. Von da an blieb S. in beständiger Verbindung mit dem päpstlichen Hofe. 1508 betraute der Papst ihn nebst dem Bischof von Lausanne und dem Dominicanerprovincial von Straßburg mit der Aufnahme der Verhöre im Jetzerhandel in Bern. Am 2. September 1508 folgte die Ernennung zum Cardinal in petto.

Eine erste trotz Schinner’s eifriger Fürsprache erfolglose päpstliche Bundeswerbung bei den Eidgenossen (Frühjahr 1509) hatte Ende des Jahres eine nicht ohne Gefahr verlaufene Reise nach Rom zur Folge, wo nun der Walliser Bischof als eine der bedeutsamsten Stützen der Politik Julius’ II. in das große diplomatische Getriebe eintrat, das ihn bis zu seinem Ende gefangen hielt. Als päpstlicher Gesandter wieder zurückkehrend, schloß er, soeben (6. Februar) zum Bischof von Novara ernannt, das Bündniß zwischen Julius II. und den Eidgenossen ab (März 1510). Aber gleichzeitig brach zu Hause ein schon lange [731] drohender Zwist zwischen ihm und Uf der Flüe aus, deren gleicherweise herrschsüchtige Naturen sich auf die Länge nicht vertragen konnten, und das Wallis ging zu Frankreich über. Zunächst siegte zwar S., wie ihm auch sonst alles nach Wunsch ging. 6000 Schweizer zogen im August über die Alpen zum Papst. Dieser trennte am 4. September für die Lebenszeit des Bischofs dessen Bisthum vom Metropolitanverband Moûtier en Tarantaise ab. (Am 6. Juli 1513 sprach Leo X. die bleibende Trennung aus.) Uf der Flüe, aus dem Wallis vertrieben, wurde auf Veranlassung Schinner’s in Freiburg gefangen gesetzt; nur heimlich begünstigte Flucht entzog ihn der Verurtheilung zum Tode. – Gegen Frankreich geführt, ohne daß die Schweiz sich mit diesem in Krieg befand, durch Mangel an Lebensmitteln und durch französische Waffen, theilweise auch durch französisches Gold aufgehalten, hatten inzwischen die päpstlichen Söldner bei Chiasso sich zur Umkehr entschlossen. Julius verweigerte hierauf den Sold; in der Eidgenossenschaft entstand allgemeine Zufriedenheit gegen S.; in Wallis gährte es: Zu rechter Zeit entzog sich S. dieser mißlichen Lage (Juli 1511), indem er sich verkleidet und mit wenigen Begleitern, da sich auch kaiserliches Gebiet ihm verschloß, nach dem Venezianischen und von da durch die Truppen Frankreichs und Ferraras nach dem päpstlichen Hof durchschlug, wo nun seine Promulgation zum Cardinal (titulus S. Potentianae) erfolgte (11. August 1511).

Der Abschluß der heiligen Liga und der Bruch der Eidgenossen mit Frankreich eröffnete S. eine weit reichende Wirksamkeit. Am 9. Januar 1512 fand seine Ernennung zum legatus a latere für Italien und Germanien statt. Als solcher gewann er im März in Venedig eine schweizerische Abordnung für den Gedanken eines Zuges der Eidgenossen nach Italien und bestimmte die Signorie zu großen Geldzahlungen für denselben, „denn die Signorie kenne die schweizerische Nationalkrankheit, welche rasch zu heilen sei“. Als solcher brachte er den Waffenstillstand zwischen dem Kaiser und Venedig zu Stande, der den Beitritt des Ersteren zur Liga vorbereitete. Als Legat stellte er sich in Verona an die Spitze des schweizerisch-venezianischen Heeres, das im Juni rasch Oberitalien gänzlich von den Franzosen säuberte, als solcher nahm er schließlich, gestützt auf die schweizerischen Waffen, das Herzogthum Mailand in seine Verwaltung. Sein rasches Vorgehen dabei durchkreuzte erfolgreich die Absichten des Kaisers und Spaniens auf das viel umstrittene Land und übte auf den Gang der nachfolgenden diplomatischen Verhandlungen über die Zutheilung desselben wirksamsten Einfluß zu Gunsten des jungen Sforza aus; denn S. bekannte sich laut als Vorläufer der Sforzen. In seiner Verwaltung, die er indessen bald seinem Gegner Ottaviano Sforza, Bischof von Lodi, übergeben mußte, wies er beachtenswerthes Herrschertalent und große Selbständigkeit auf; den schweizerischen Interessen gab er sich so wenig vorbehaltlos hin, wie denen des Papstes, in dessen Besitz er nur ungern Parma und Piacenza übergehen sah (nach Guicciardini). Durch seine Schroffheit brachte er sich aber um seine eigenen Erfolge. Sein willkürliches, ja selbst treuloses Verhalten gegen Venedig war nicht die mindeste Ursache, daß dieses aus der Liga austrat. Sogar mit seinem Gönner Julius II. zerfiel er. Kurz nach dem 29. December 1512, an welchem Massimiliano in Begleitung von S., Lang und Cardona seinen Einzug in Mailand gehalten und sein Herzogthum aus den Händen der Eidgenossen empfangen hatte, eben da S. seine Aufgabe als gelöst betrachten konnte, wurde ihm der Titel eines Legaten genommen und er selbst nach Rom zur Verantwortung berufen; nur der Tod Julius’ und die Wahl Leo’s X., für den auch S. gestimmt hatte, schienen ihn vor raschem Sturz zu bewahren.

[732] Die beiden folgenden Jahre verlebte S. meist in Mailand in Niemandes Dienst, aber als politischer Berather des Herzogs wie der Eidgenossen, deren Interessen enge verbunden waren, und zugleich vermöge seiner reichen Geldmittel trotzdem bedeutsame Stellung einnehmend. Er hatte nämlich 1512 die Grafschaft Vigevano erhalten und sich 30 000 Dukaten Einkünfte zu verschaffen gewußt; die an diese Summe sich heftenden Anklagen über Unterschlagungen und Erpressungen scheinen aber doch das Maß des Gewöhnlichen nicht allzusehr überschritten zu haben; wenigstens nahm ihn der Herzog selbst nahestehenden Personen gegenüber in Schutz und bezeichnete den Cardinal eher als Gläubiger denn als Schuldner Mailands. Bei Heinrich VIII. von England bewarb er sich im Sommer 1514 um das Erzbisthum York, dem König dafür seinen Einfluß zur Gewinnung der Eidgenossen zusichernd, bei welchen er wirklich Verhandlungen über ein Bündniß mit jenem anregte. Nach der großen Schwenkung Englands auf Frankreichs Seite lehnte er sich wieder mehr an Papst und Kaiser an, indem er das Bündniß zwischen Leo und den Eidgenossen im December 1514 eifrig förderte, des Kaisers Bewerbungen bei diesen unterstützte und nachdrücklich den Abschluß des Bündnisses zwischen Kaiser, Spanien, Mailand und den Eidgenossen (Februar 1515) betrieb, dem ein weiteres allgemeines zwischen dem Papst und den vorgenannten Mächten sammt Genua folgen sollte. Ziel dieser ganzen vielumfassenden Thätigkeit war, dem von S. mit Sicherheit erwarteten neuen Einfall Frankreichs mit starker Hand entgegenzutreten. Schon 1514 hatte er die Eidgenossen zur Besetzung der piemontesischen Pässe gedrängt. 1515 stand er wieder im Mittelpunkt aller politischen und militärischen Operationen, lebhaft bemüht, die Intriguen Ottaviano Sforza’s, der selbst mit Uf der Flüe in Verbindung getreten war, und die schwierige Haltung der unter schwerer Last seufzenden Bevölkerung Mailands, das zweideutige Benehmen der päpstlichen Politik und die Zurückhaltung Ferdinand’s zu überwinden. Der Bischof von Lodi unterlag schließlich, und Leo, aus Furcht, S. möchte die Eidgenossen gegen ihn aufreizen (nach Vettori), nahm entschiedenere Haltung an und ernannte am 13. August den Cardinal, der sich schon bei dem am Ostfuß der Alpen stehenden schweizerischen Heere befand, zum provisorischen Legatus a latere in Abwesenheit des wirklichen Legaten Giulio de’Medici. Der unerwartete Alpenübergang der Franzosen führte indessen raschen Wechsel der Lage herbei: Die Eidgenossen, unter sich uneins und einem Friedensschluß sich zuneigend, zogen sich nach Arona und Sesto Calende zurück, Lorenzo Medici blieb südlich des Po stehen und Cardona verharrte unthätig in Verona. S. suchte zunächst Pavia, den strategischen Mittelpunkt, zu halten; dann eilte er nach Piacenza, um von dort aus die Vereinigung des päpstlichen und des spanischen Heeres zu betreiben, und hierauf, nachdem er diese erreicht, nach Monza, um auch die dort liegenden Eidgenossen der Central- und Ostschweiz heranzuziehen. Seiner stürmischen Beredsamkeit vermochten sie nicht zu widerstehen; willig ließen sie sich von ihm nach Mailand führen. Um sie dort festzuhalten, wußte er geschickt am Morgen des 13. September vor den Thoren der Stadt ein kleines Scharmützel mit den Franzosen zu veranstalten. Es entwickelte sich aus demselben die Riesenschlacht von Marignano, in welche S. selber zu Pferd auszog, deren Ausgang aber Mailand den Franzosen für lange Jahre überlieferte.

Die Liga fiel sofort auseinander. Mit Francesco Sforza eilte S. nach Innsbruck zu Maximilian, dem einzig übrigbleibenden entschiedenen Gegner Frankreichs, um ihn für einen neuen Feldzug zu gewinnen und um von dort aus vor allem England von Franz abzuziehen und diesem eine neue Coalition gegenüberzustellen. Der Mittelpunkt der antifranzösischen Bestrebungen, einst in Rom, dann in Mailand, wurde damit an den kaiserlichen Hof verlegt. Die Aussichten [733] waren anfangs keineswegs günstig. Leo X. schwankte mehr und mehr auf Frankreichs Seite hinüber, unterstützte dessen Sache bei den Eidgenossen, mahnte S. von seinen Umtrieben bei den Orten ab und entließ auf Betreiben der französischen Cardinäle dessen Todfeind Uf der Flüe, der in Rom seit 1514, da er vergeblich beim Papst gegen den Cardinal intrigirt hatte, gefangen lag. Die Eidgenossen waren kriegsmüde und die meisten Orte zu Frieden und selbst zu Bündniß mit Frankreich geneigt. Gegen S., der, um dieses zu hindern, selbst nicht unterließ, sich in Bauernaufstände zu mischen, herrschte solche Abneigung und Erbitterung, daß er sich in der Schweiz nicht zeigen durfte. Dafür gelang es aber, Heinrich VIII. zu gewinnen. Dessen unerschöpfliche finanzielle Hülfsmittel und die Rührigkeit des englischen Gesandten bei den Eidgenossen, Richard Pace, brachten, da einzelne Orte zwar nicht ein Bündniß, aber doch Werbungen bewilligten, in kurzer Zeit 15000 Knechte zusammen. Neben Maximilian zog S. an der Spitze derselben und eines kaiserlichen Heeres im März 1516 gegen Mailand. Allein des Kaisers Unentschlossenheit verhinderte anfangs trotz dem Drängen des Cardinals und der schweizerischen Hauptleute jeden Erfolg, und als nach Maximilian’s Abgang vom Heere S. den Oberbefehl erhielt, war die günstige Gelegenheit, sich Mailands zu bemächtigen, schon versäumt, und der Feldzug verlief resultatlos. S. gab das Spiel indessen nicht verloren. Er betrieb eine neue allgemeine Liga, die den Papst, den Kaiser, England und Spanien, ja selbst die Eidgenossen umfassen sollte; letzteren verhieß er 80 000 fl. jährlicher Pensionen, von England zu zahlen. Im October 1516 reiste er selber nach Brüssel und London. Dort vermochte er Karl und Chièvres trotz der soeben zu Noyon zwischen ersterem und Franz getroffenen Abmachung für seine Pläne günstig zu stimmen; hier schien seine unermüdliche Thätigkeit und überwältigende Beredsamkeit die ganze Welt aus den Angeln heben zu wollen. Der venezianische Gesandte sah schon das Schlimmste kommen, der päpstliche war um Parma und Piacenza besorgt, Chièvres um seinen Einfluß; selbst Sforza glaubte sich in seinen Ansprüchen auf Mailand zu Gunsten des Kaisers zurückgesetzt. Der Friedensschluß zwischen Franz und den Eidgenossen im November 1516 vereitelte indessen zunächst jedes offensive Vorgehen. Immerhin hoffte man sie noch für eine Defensivallianz zu gewinnen. S. sollte persönlich in Rom dem Papst den Plan vortragen und eine Zusammenkunft Heinrich’s und Maximilian’s in den Niederlanden auf die Beseitigung der zu Frankreich neigenden Minister Karl’s hinwirken. Kaum zum Kaiser zurückgekehrt und von diesem mit Jubel empfangen, sah sich S. aber von seinem Rivalen Matthäus Lang aus dem Sattel gehoben. Statt der Zusammenkunft mit Heinrich erfolgte im December 1516 der Beitritt des Kaisers zum Vertrag von Noyon, und die Rückgabe von Verona, für dessen Behauptung S. soeben in London große Summen erlangt hatte, an Venedig (Januar 1517) schob ihn und seine Pläne ganz bei Seite.

Die beständige Abwesenheit des Bischofs, der trotzdem zu Hause seine eigenen Interessen in weitgehendem Maße zu wahren wußte, der üble Ausgang der von ihm beeinflußten schweizerischen Politik und das willkürliche Regiment, das seine Brüder im Lande führten, hatte inzwischen der namentlich im Oberwallis und zwar gerade in des Cardinals Heimath mächtigen französischen Partei zum Uebergewicht verholfen. Uf der Flüe rief die Matze gegen S. an; dieser mußte sich aus dem Lande entfernen, und nach mehrfachem Blutvergießen wurde auch seine Partei vertrieben und das Schloß Martinach erobert und verbrannt (Januar 1518). S. erwirkte in Rom Bann und Interdict und beim Kaiser Acht und Aberacht gegen das Land; im September 1518 versuchte er nochmals, wiewol umsonst, in’s Land einzudringen. Im Sommer 1519 gab ein Urtheilsspruch der Rota ihm in den Hauptpunkten Recht; allein vergeblich rief er die Hülfe der Eidgenossen [734] zur Vollstreckung des Urtheils an: aus seiner Heimath blieb er für immer ausgeschlossen.

Bei der Kaiserwahl 1519 unterstützte S. lebhaft Karl’s Sache. Mehrfach zu jener Zeit in Zürich anwesend, half er die Fäden knüpfen, die die Eidgenossen zu entschiedener Rückweisung der französischen Bewerbung führten. Einem Bündniß zwischen ihnen und dem Hause Habsburg, für das er im Jahr 1518 Maximilian noch gewonnen hatte, waren aber die Umstände nicht günstig. Was der Cardinal bezweckte, als er noch im letzten Moment Heinrich VIII. zu einer Bewerbung um die Kaiserwürde aufmunterte, ist nicht klar; denn wie eng seine Interessen mit denen Karl’s verknüpft waren, zeigt seine Unterschrift unter der Wahlcapitulation desselben. – Vom October 1521 bis zum Juli 1522 befand sich S. als einer der einflußreichsten Räthe des Kaisers in dessen Umgebung, als solcher auch von Leo X. gewürdigt, der ihn am 1. November 1521 zum Administrator des Bisthums Catania ernannte. Der zwischen Karl und Franz ausbrechende Krieg führte S. im August an der Spitze einer kaiserlichen Gesandtschaft wieder in die Schweiz. Es gelang seinen und des päpstlichen Gesandten Bemühungen, von Zürich, das allein sich vom Bündniß mit Frankreich fern gehalten hatte, 2000 Mann zur Vertheidigung des Kirchenstaates zu erhalten. Mit diesen wußte er noch 5000 Freiwillige mit sich wegzuführen. Seine Rücksichtslosigkeit ließ voraussehen, daß er entgegen ausdrücklicher Verpflichtung die 2000 und mit ihnen auch die 5000 gegen das französische Heer und die in demselben befindlichen Schweizer zu führen versuchen würde. Zwingli erhob seine Stimme gegen ihn: „Auf einen reißenden Wolf stürmt man, aber den Wölfen, welche die Leute verderben, will Niemand wehren. Sie tragen mit Recht rothe Hüte und Mäntel; denn schüttelt man sie, so fallen Dukaten und Kronen heraus; windet man sie, so rinnt deins Sohnes, Bruders, Vaters und Freundes Blut heraus.“ Schon fingen die Orte an zu berathen, ob man S. nicht an Leib und Gut absagen wolle. Ueber Morbegno, Bergamo, Brescia und Montechiaro am Chiese marschirend, erzwang S. im Mantuanischen die Vereinigung mit Giulio de’Medici und Colonna. Damit war das päpstlich-kaiserliche Heer in die Lage versetzt, kräftig gegen Mailand vorzudringen. Entgegen gegebenem Worte wollte S. auch das zürcherische Contingent in die allgemeine Vorwärtsbewegung hineinreißen, fand jedoch an der Gewissenhaftigkeit von Führern und Truppen Widerstand. Die ohne bedeutende Gegenwehr erfolgende Einnahme Mailands (19. November 1521) schloß den Feldzug ab. – Der Tod Leo’s X. am 1. December 1521 schien dem Cardinal endlich die Tiara bringen zu wollen. Im Conclave blieb S. lange Zeit nur um eine oder zwei Stimmen hinter dem relativen Mehr zurück. Unerwartet wurde schließlich Hadrian von Utrecht gewählt. Vom neuen Papst wurde S. sofort die Sorge, die Eidgenossen dem päpstlichen Stuhle zu erhalten, und nebst zwei anderen Cardinälen die interimistische Verwaltung des Kirchenstaates übertragen. Er blieb nun in Rom als einer der bedeutsamsten Rathgeber Hadrian’s, einer der wenigen, die auch während der Pest beim Papste ausharrten. Am 20. September 1522 fiel er derselben zum Opfer; in St. Maria dell’Anima fand er seine Ruhestätte. Die bald darauffolgende Sedisvacanz hätte ihn nach der Ansicht Vieler auf den päpstlichen Stuhl geführt. Sicherer ist wohl, daß ihn der Tod vor einer zweiten und diesmal schwereren Täuschung bewahrt hat.

Unleugbar ist S. einer der gewaltigsten Schweizer, die je gelebt haben und neben Ximenes, Wolsey, Amboise und Lang einer der bedeutendsten Staatsmänner seiner Zeit. Uebereinstimmend wird er als eine körperlich und geistig kraftvolle, selbst rauhe Natur von scharfem Verstand, durchdringender Klugheit, unermüdlicher Thätigkeit, ausgedehnter Kenntniß von Personen und Verhältnissen und [735] staunenswerther Gewandtheit und Energie in der Behandlung großer und schwieriger Angelegenheiten geschildert, „in einzigartiger Weise geschaffen, um Alles aufzuhetzen und wieder zu besänftigen“ (Arluni). Sein Gedächtniß, dem nichts entfiel, was er einmal gelesen oder gehört hatte, erschien so hervorragend, daß man glaubte, ein beschworener Dämon sage ihm alles. Seine klare, scharf treffende Beredsamkeit war so mächtig, daß sie schon in Como selbst von den Italienern bewundert wurde und „daß sie die Eidgenossen bewegte, wie der Wind die Wogen des Meeres“ (Giovio). Franz I. soll gesagt haben, die ungezähmte Redegewalt des Wallisers habe ihm erheblich viel mehr Aufwand und Gefahr verursacht, als die Spieße so vieler Tausende von Schinner’s schweizerischen Landsleuten. Die Kehrseite dieser hervorragenden Eigenschaften bildeten große Leidenschaftlichkeit und Herrschsucht. Bei all’ seinem Streben hatte er, hierin ein richtiger Vertreter der Renaissance, doch nur seine eigene Größe im Auge; wenn er Andere großmachen wollte, so war es doch nur, damit sie ihm als Folie dienen sollten. Ungeduld und Jähzorn rissen ihn häufig mit sich fort und vernichteten seine Erfolge. Gleichgestellten konnte er mit großer Insolenz begegnen, und in seinem Hasse gegen gewisse Gegner verschmähte er, obwol kein planmäßiger Verleumder, doch auch Verleumdungen nicht. Gegen seinen Körper übte er große Strenge. Als Pfarrer schlief er Nachts auf dem Fußboden, dem Kopf nur einen Balken unterschiebend; noch späterhin war er im Wachen und Hungern, im Ertragen von Hitze und Kälte gleichmäßig geübt. In seiner Lebensführung war er einfach und sparsam, in seinen Sitten nüchtern und mäßig, wiewohl es auch an gegentheiligen Aussagen nicht fehlt. – Den humanistischen Bestrebungen blieb S. stets zugethan, und mit den hervorragendsten Vertretern derselben verbanden ihn persönliche Beziehungen, so mit Claudius Cantiuncula, Ammonius v. Lucca, Glarean und besonders mit Erasmus, den er 1522 nach Rom zu ziehen sich eifrig bemühte. Seinem Bisthum widmete er im ersten Jahrzehnt ausgedehnte Verwaltungsthätigkeit, indem er Visitationsreisen unternahm, Kirchen und Schulen gründete und Hebung der Kirchenzucht anstrebte. Die Rechtssatzungen des Wallis fanden in ihm theilweise einen neuen Redactor und die kirchliche Bauthätigkeit und kirchliche Kunst einen eifrigen Beförderer. Auch weiterhin ließ er sich die kirchlichen Interessen angelegen sein. Er war es, der im berüchtigten Jetzerhandel 1508 den hartnäckig leugnenden Prior endlich zum Reden brachte.

Einmal in das große politische Getriebe eingetreten, wurde aber der gewaltige und wehrhafte Mann gleich seinem mächtigen Gönner und Vorbild, dem kriegerischen Julius II., mit dem ihn auffallende Aehnlichkeit hervorragender Eigenschaften verband, ganz von jenem erfaßt. Als Ziel seiner ungeheuren Thätigkeit ist zunächst ein negatives ersichtlich: die grimmige, nicht zu bezähmende Feindschaft gegen Frankreich. Für seine Zeitgenossen bildete diese derart den Mittelpunkt all’ seines Thuns, daß sie sie auf gekränkte Eigenliebe zurückführten, da Ludwig XII. das Angebot seiner Dienste mit den Worten zurückgewiesen habe: einen einzigen Mann pflege er nicht so theuer zu bezahlen. Schwieriger fällt die Bezeichnung eines positiven Zieles. Die weltliche Machtstellung der Kirche ist es nicht; dem widerspricht die selbständige Haltung Schinner’s 1512/1513, die ihn sogar zum Zerwürfniß mit Julius führte, und unter Leo X. war ein absoluter Anschluß an die päpstliche Politik noch weniger denkbar. Mailand bot seinem gewaltigen Streben zu wenig Raum. Am Hofe Maximilians war politische Allgewalt, die auf die Größe Habsburgs hingearbeitet hätte, nicht zu erreichen; denn des Kaisers Eigenthümlichkeit gestattete keinem Rathgeber dauernde Macht. Die Selbständigkeit Karl’s erlaubte noch viel weniger eine durchschlagende Beeinflussung der kaiserlichen Politik. Die englischen Interessen [736] schließlich wurden durch Wolsey eifersüchtig gegen Eingriffe fremder Rathgeber gewahrt. Für eine Wirksamkeit im großen Styl konnte ihm nur die Eidgenossenschaft die nöthige Grundlage bieten. Wie Wenige, erkannte S. die ungeheuere Macht, die die Eidgenossen in die Wagschalen der großen europäischen Politik zu legen im Stande waren. Ihr vornehmster Berather und gewissermaßen ihr diplomatischer Leiter zu sein, an der Spitze der einheitlichen, zweckbewußten Politik eines Landes zu stehen, dessen Fußvolk der Schrecken der Welt war, das mußte in der That auch einem außerordentlichen Thatendrang als lohnendes Ziel vorschweben und weitgehende Befriedigung verschaffen. Klarer als seine Landsleute erkannte S. auch die territoriale Voraussetzung für eine Weltmachtstellung der Schweiz: ihren dominirenden Einfluß in Oberitalien. Seine gesammte politische Thätigkeit zielt denn auch räumlich stets immer wieder auf Mailand; die Bekämpfung der französischen Ansprüche auf dasselbe mußte geradezu Programm jener werden, der sich alle andern Combinationen unterzuordnen hatten. Deshalb bot er sich Julius als kräftigste Stütze der nationalen Politik desselben an, die die Befreiung Italiens vom französischen Drucke bezweckte; deshalb war er bemüht, die Beziehungen zwischen Massimiliano Sforza und den Eidgenossen möglichst eng zu knüpfen; seine enge Anlehnung an Maximilian, die englischen Gelder, welche ihm gelang flüssig zu machen, die Idee einer Verbindung mit den Eidgenossen, für die er auch Karl zu gewinnen wußte: alles war nur bestimmt, die Eidgenossen in die von ihm in’s Auge gefaßte Machtstellung einzuführen. Richtig bemerkt daher Pace: „Der Legat ist gänzlich Schweizer, besonders wo seine eigenen Interessen betheiligt sind.“ Dabei hätte sich aber, wenn seine Absichten weiter gediehen wären, wol ergeben, daß die Schwierigkeiten ihrer Durchführung mit der Größe des Apparates, den er aufbot, gesteigert worden und ihm schließlich über den Kopf gewachsen wären. S. kann geradezu als hervorragender Vertreter der gewaltigen Expansionskraft gelten, die die Eidgenossenschaft für kurze Zeit zur europäischen Großmacht emporhob. Solcher Politik fehlte aber schließlich doch die natürliche Grundlage; Schinner’s Bestreben mußte an dem inneren Widerspruch zwischen Zweck und verfügbaren Mitteln scheitern, noch mehr an dem weiteren zwischen dem Streben nach eigener Größe und Macht und der Rücksicht auf das wahre Wohl des Landes, aus dem er seine Kraft schöpfte. Deutlich prägt sich derselbe namentlich in seinem Verhalten 1521 aus. Trotz seiner hervorragenden Eigenschaften und seiner rastlosen Thätigkeit vermochte der bedeutende Mann keine bleibenden Erfolge zu erringen, am allerwenigsten in seiner Heimath. Die schwere Krisis, in welche er und Uf der Flüe gleicherweise das Wallis führten, ließ seine Verdienste um das Land rasch vergessen, und in der Eidgenossenschaft bot er, obgleich in seiner persönlichen Lebensführung nicht angefochten, durch seine politischen Umtriebe, welche die Verweltlichung der Kirche in grellem Licht erscheinen ließen, directe Veranlassung zu der patriotischen Seite des Reformationswerkes Ulrich Zwingli’s.

Von dem Nachlasse Schinner’s sind nur spärliche Reste bekannt. Im vaticanischen Archiv sollen diplomatische Correspondenzen liegen, die aber bis jetzt nicht haben aufgefunden werden können. Anderes ist innerhalb der letzten siebzig Jahre verloren gegangen, so ein einst in Mailand in der Ambrosiana verwahrter Briefband. Aus diesem Grunde und weil das einer Lebensbeschreibung zu Grunde zu legende Material weithin zerstreut ist, steht auch eine Biographie immer noch aus. Die beste Orientirung bieten die Arbeiten W. Gisi’s, der Antheil der Eidgenossen an der europäischen Politik 1512–16, Schaffhausen 1866, und zwei Aufsätze in Band XV und XVII des Archivs für schweiz. Geschichte. Ferner sind zu nennen zwei Aufsätze von F. J. Joller, [737] in den kath. Schweizer-Blättern N. F. Bd. V 3 und in den Blättern aus der Walliser Geschichte, Sitten 1889, und ferner ein akad. Vortrag von E. Blösch. Sonntagsblatt des „Bund“ 1890 Nr. 12 und 13.
Herm. Escher.

[729] *) Zu Bd. XXXI, S. 303.