ADB:Schmidt, Leopold

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Schmidt, Leopold“ von Theodor Birt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 107–110, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmidt,_Leopold&oldid=- (Version vom 16. Oktober 2019, 09:58 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Schmidt, Konrad
Band 54 (1908), S. 107–110 (Quelle).
Wikisource-logo.png Leopold Schmidt bei Wikisource
Wikipedia-logo-v2.svg Leopold Schmidt (Philologe) in der Wikipedia
GND-Nummer 117538833
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|54|107|110|Schmidt, Leopold|Theodor Birt|ADB:Schmidt, Leopold}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117538833}}    

Schmidt: Leopold Valentin Sch., classischer Philologe, geboren am 29. Mai 1824, † am 6. März 1892, widmete sich die beste und größte Zeit [108] seines Lebens der Universität Marburg. Sein Vater war der a. o. Professor der neueren Litteratur an der Berliner Universität, Fr. W. Val. Schmidt. Mutter und Vater starben ihm früh. Achtjährig wurde er, elternlos und geschwisterlos, von seinem Großvater, dem Director des Köllnischen Gymnasiums in Berlin, Val. H. Schmidt, ins Haus genommen. Als auch dieser starb, kam er in das Haus des Gymnasialprofessors L. Hartung.

Das Studium der classischen Philologie begann er 1842 zunächst in Leipzig und hörte u. a. bei G. Hermann und M. Haupt: bei Hermann Pindar. Doch siedelte er bald nach Bonn über, wo Ritschl und Welcker seine Lehrer und Führer wurden. Die Liebe zur griechischen Litteratur und Kunst wurde insbesondere durch Welcker in ihm genährt und gefestigt. Seine innere Natur trieb ihn jedoch nicht zu religionsgeschichtlichen Problemen, und auch die Dinge der Kunst waren ihm, so gern er sie beachtete, nur eine schöne Begleiterscheinung in der Geschichte des Alterthums. Seinem stillen, humanen, von Grund aus auf das Ethische gerichteten Wesen lagen die Fragen nach der sittlichen Erziehung des Einzelnen und der Menschheit und nach dem Antheil, den daran das alte Griechenthum hatte, vor allem am Herzen. So disserirte er gleich 1846 (Juli) über Epicharm, unter dem Titel „Quaestiones Epicharmeae“, indem er speciell nur eben die philosophischen Fragmente, die unter Epicharm’s Namen gehen, analysirte. Dies führte ihn in die Controversen ein über die Philosopheme des Xenophanes, Parmenides, Heraklit und der Pythagoräer.

Gleich danach habilitirte er sich in Bonn (1847), heirathete und machte, wohlbemittelt, wie er war, eine ausgedehnte Hochzeits- und Studienreise zu Wagen durch Italien und Sicilien, kein geringes Unternehmen für jene Zeiten. Zu einigen archäologischen Studien wurde er dadurch angeregt. Die Anschauung des classischen Südens und der Renaissancekunst zugleich, nach der das Herz jedes Humanisten strebt, hatte sich ihm erschlossen. In Bonn aber war das erste größere litterarische Unternehmen des jungen Gelehrten ein Werk der Pietät: alle Arbeiten, die ihm in seinem eigenen Fortkommen hätten nützen können, bei Seite schiebend, veröffentlichte er im J. 1851 ein posthumes Werk seines Vaters: „Die Schauspiele Calderon’s dargestellt und erläutert“. Er that es, ohne sich für den Gegenstand selbst zu erwärmen, aber mit vollkommener Stoffbeherrschung. Es war ihm Pflicht.

So kam es, daß er als classischer Philologe erst 1857 in Bonn zur außerordentlichen Professur, und daß er erst im April 1863 zur ordentlichen Professur in Marburg gelangte, und zwar, nachdem im Jahre 1862 das eine seiner beiden Haupt-Lebenswerke „Pindar’s Leben und Dichtung“ erschienen war.

Dies Werk war dem seines Vaters über Calderon verwandt. Mit Pindar hatte Sch. eine der schwierigsten Aufgaben der Dichtererklärung aufgegriffen, aber sie entsprach seinem Gemüth und Ingenium vollkommen; denn es handelte sich um einen Dichter, der zugleich ein Erzieher seines Volkes gewesen und der, indem er die Mythen erläuternd umgestaltete, die Sittlichkeit seiner Zeit nicht nur dargestellt und formulirt, sondern auch stark beeinflußt hat. Eine Entwicklung des Pindar innerhalb seiner langen dichterischen Thätigkeit nachzuweisen, war ein Hauptzweck des Schmidt’schen Buches, eine Entwicklung, die allerdings nicht nur den moralphilosophischen Gehalt der Oden und das Verhältniß des Dichters zu seinen Adressaten, sondern insbesondere auch die Kunst, die poetische Form- und Stoffgestaltung anbetraf.

Es sollte 20 Jahre dauern, bevor Sch. wieder mit einer größeren Arbeit vor das Publicum trat. Seine Natur war zart, seine Arbeitsweise nicht [109] rasch, Gewissenhaftigkeit bis ins Kleinste ein Grundzug seines Wesens. So vertrat er in Marburg neben Julius Caesar die Philologie in einem erstaunlich umfangreichen Cyklus von Vorlesungen und war der fleißigste Mitberather in allen Universitätsangelegenheiten und ein nützlicher Träger der Tradition an seiner Hochschule in den Zeiten, als die Hochschule preußisch wurde und die beengenden Verhältnisse des Kleinstaats aufhörten.

Im J. 1882 erschien dann nach langjähriger, sorgfältigster Vorbereitung sein zweibändiges Werk „Ethik der alten Griechen“, ein Werk, das dem Philologen und Culturhistoriker viel mehr gibt, als der Titel andeutet: denn es enthält nicht etwa ein System des Sittlichen im Anschluß an irgend eine Philosophenschule des Alterthumes, sondern die Darstellung der Evolution aller sittlichen Begriffe und des gesammten Pflichtlebens der Hellenen, wie sie im Volke sebst vor sich ging, von Homer ab bis zu Plato und Aristoteles, auf Grund genauer Kenntniß des Staatsrechts und der Religionsalterthümer, ein Geschichtsbild, das frappirend zeigt, wie aus rohen Anfängen das Edelste durch Entfaltung sich selbst erzeugt. Dies reiche und reifste Werk Schmidt’s wird wohl noch zu wenig benutzt. Man sollte sich durch die etwas pedantisch ausgeglättete Form der Darstellung nicht stören lassen.

Gleich nach dem Erscheinen des Buchs, im Herbst 1882, trat Sch. das Rectorat der Universität an, von einer Studentenzahl umgeben, die sich, seit er in Marburg eingezogen, verdreifacht hatte. Es war dies vielleicht der Höhepunkt seines Lebens; denn noch war er rüstig und stand allen Interessen, die an ihn herantraten, offen, ein treuer Freund und Berather für die Vielen, die sein immer gastliches Haus betraten. Auch die zeitbewegenden Fragen nach Zweck und Umgestaltung unserer heutigen Gymnasialerziehung beschäftigten ihn lebhaft; auf sie bezieht sich seine Rede „Ueber das akademische Studium des künftigen Gymnasiallehrers“, die wiederholt aufgelegt ist (Marburg 1883), sowie die Schrift: „Der philologische Universitätslehrer, seine Tadler und seine Ziele“ (1892). Zugleich rüstete er sich jezt, vom Gipfel des classischen Griechenthums, Plato, Aristoteles und der Stoa, aus eine Verbindungslinie zur modernen Sittlichkeit zu ziehen, umfassende Studien der vergleichenden Ethik, die das Steigen des Niveaus des Guten in der Menschheitsgeschichte anbetrafen. Sie kamen indeß über Anfänge nicht hinaus. Seine Frau wurde ihm entrissen; wenige Jahre danach warf ein Influenzaanfall ihn selbst aufs Krankenlager. Er erlag ihm schnell und plötzlich, in einem sanften Tode.

Es ist denkwürdig, ihn gekannt zu haben. Leopold Sch. war wohl eine eigenartig altmodische Gestalt: ein kleiner Mann, fast unbeholfen in der Bewegung, aber mit lebhaftem Händespiel, auf dem schwachen Körper ein edel geformtes Haupt, mit einer Bildung des Antlitzes, wie wir sie wohl sonst im Rahmen aus einem älteren Jahrhundert überliefert sehen. Nicht an seinen Worten (denn er moralisirte wenig), wohl aber an seinem Thun merkte man bald den Mann der Ethik, einer Ethik, die auf tiefstem Studium beruhte und die doch impulsiv aus wärmstem Herzen kam. Sein Wesen war Güte, Achtung der Art seines Nebenmenschen, ein feuriges Pflichtbewußtsein, das von seinen schwachen Kräften das Aeußerste erzwang, und dabei eine kindliche Arglosigkeit, die das Böse nicht kannte: ein heller Idealist in jedem Blutstropfen und ein echter Humanist des alten Stils. Er lebte gleichsam theoretisch; er lebte eine bewußte Ethik. Durch diese Consequenz und diese Einfachheit seines Wesens war er durchsichtig wie die reine Quelle, die vom Berge rinnt. Es ist schade, daß es ihm gleichwohl nicht gegeben war, sich selbst voll und ganz in seinen Schriften darzustellen.

[110] Vgl. über Leopold Schmidt die Marburger Universitätschronik vom Sommer 1892 und H. Cohen in Neue Jahrbb. f. Philol. u. Pädog. 1896, 2. Abth., Heft 9 u. 10, S. 471 ff., mit einem Beitrag des Unterzeichneten auf S. 478 ff. Ebendort ist ein genaues Verzeichniß seiner Schriften gegeben.