ADB:Schmieden, Elise

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Artikel „Schmieden, El(i)se“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 113–115, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmieden,_Elise&oldid=- (Version vom 22. November 2019, 06:26 Uhr UTC)
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Schmieden: El(i)se Sch., Romanschriftstellerin – ausschließlich unter dem Pseudonym E. Juncker –, am 6. November 1841 zu Berlin als Tochter des Rittergutsbesitzers Dr. Kobert geboren, verlebte fast die ganze Kindheit auf dessen Gut in der Ukermark. Hier erwuchsen in ihr von früh an die Liebe und das feine Verständniß für die Natur, deren Stimmungen und Wandlungen sie später so treffend in Schilderungen innerhalb ihrer erzählenden Schriften zu zeichnen wußte. Seit früher Jugend beseelte sie der Drang, innerlich Erlebtes in schriftlich fixirten Bildern auszugestalten. Dabei wie überhaupt bei der Entwicklung ihres geistigen Lebens übte zunächst ihre [114] Mutter entscheidenden Einfluß aus. Denn diese, voll glühender Phantasie und Hang zum Idealen, verstand besser als der energische, ganz im realen Boden des Alltags und seiner Bedürfnisse wurzelnde Vater das eigenartige Wesen des Mädchens, dessen Ringen nach Klarheit sie stets aufmunternd anerkannte. Als 1856 die Eltern jenes Gut verkauften und nach Berlin zogen, fand Elise an der Wangenheim’schen höheren Töchterschule daselbst in Prof. Dr. Otto Lange und dem Prediger Sydow zwei Lehrer von größter Bedeutung für diese Phase in der Entwicklung ihrer Schülerin, die insbesondere auch deren Lectüre auf Gediegenes idealistischer Richtung hinlenkten. Schon 1860 heirathete sie den Gerichtsassessor H. Schmieden zu Berlin. Aber ihre häuslichen Pflichten, deren Erfüllung sie sich mit der ganzen ihr eigenen Energie und Gewissenhaftigkeit hingab, befriedigten sie doch nicht völlig. Die schwerkranke Mutter durchschaute dies zuerst und wies sie auf die Schriftstellerei hin als eine ihr noch nicht klar gewordene Ablenkung und Ergänzung. Elise Schmieden versuchte sich nun in Aufsätzen verschiedenster Art, Uebersetzungen u. s. w. Aber erst 1867 schrieb sie in Sorau, wohin ihr Gatte als Staatsanwalt versetzt worden, ihre erste Novelle, „Die Frau des berühmten Mannes“, zu der sie den Vorwurf in ihrer Umgebung gefunden, und veröffentlichte sie als „E. Juncker“ , d. h. dankbar unter dem Familiennamen ihrer Mutter, im Wochenblatt „Daheim“. Noch in demselben Jahre verzog sie mit dem Gatten nach Posen, wo er vom Staatsanwalt zum Appellationsgerichtsrath befördert wurde, der jungen Dichterin aber in der glänzenden vornehmen Gesellschaft der Provinzialhauptstadt nicht nur viele Huldigungen, sondern auch ungewöhnliche Anregungen entgegengebracht wurden, und zwar solche namentlich zu ernsten wissenschaftlichen und philosophischen Studien durch den geistig bedeutenden Präsidenten des Appellationsgerichts, Graf Schweinitz, und seine Freundschaft. Seit 1876, wo ihr Ehemann ans Kammergericht (später da mit dem Titel eines Geh. Justizraths) berufen wurde, lebte das Paar in Berlin. Da stand sie denn bald innerhalb aller geistigen und künstlerischen Interessen inmitten eines großen Kreises, welcher in ihr nicht nur die geistreiche, sondern auch die herzenswarme, echt weibliche Frau verehrte. Und hier nun genoß sie endlich auch die Muße, ihre schriftstellerischen Neigungen ausgiebig pflegen zu können, und so begann eigentlich damals erst ihre fortlaufende schöpferische Thätigkeit. Aus diesem reichen äußern und inneren Leben riß sie nach kurzer Krankheit durch einen Schlaganfall der Tod am 10. August 1896.

Schon ihr erster Roman, „Lebensräthsel“ (2 Bde., 1878; 3. Aufl. 1896), bekundete deutlichst, wie sie ihren eigenthümlichen Gegenstand, den Austrag ehelicher Gegensätze, anfaßt und behandelt. Allerdings löst „Höhere Harmonie“, wie ein jüngerer Roman (1884) betitelt ist, diese Conflicte oft wohlthuend auf, ohne daß E. Juncker gewaltsamen Schritten, wo sie sich nothwendig machen, feige auswiche. „Der Schleier der Maja“ (4 Bde., 1882; 2. Aufl. 1885), ihr tiefstes und originellstes Werk, stellt kunstvoll eine Handlung des modernen Gesellschafts- und Familienlebens mit scharf realistischen Typen gleichsam unter die Symbolik des unaufhörlichen Schleierwebens der alten Maja im altindischen Glauben. Diese Anklänge an die geheimnisvolle Weisheit altindischer Herkunft, dazu feine Beobachtung und Wiedergabe der menschlichen Charaktere wie der Naturscenen, und zwar ohne häßlichen Photographen-Naturalismus, wie er gerade in den Jahren, da diese Romane hervortraten, seine Orgien feierte, sodann gelegentliche humoristische Lichter in den fesselnden Problemen ziehen auch an den weiteren Romanen an, besonders „Werner Eltze“ (3 Bde., 1887), dann „Götterlose Zeiten“ (3 Bde., 1893), [115] „Frühlingsstürme“ (2 Bde., 1894), in gewissem Grade auch bei den kürzeren, einfacheren Geschichten, wie sie solche zwischen den breiteren Hauptwerken schrieb. Deren veröffentlichte sie eine ganze Reihe: „Im Zenith. Novellen“ (1880; darin auch ihr obengenanntes Debüt von 1867), „Ihr Roman. Erzählung“ (1885), „Der Verlobungstag und andere Novellen“ (1888), „Im zweiten Rang und andere Erzählungen“ (1891), „Die Klosterschülerin und andere Erzählungen“ (1894). Eine besondere Erwähnung beansprucht noch das wunderlich philosophisch-poetische Werk in Romanform „Im Schatten des Todes“ (1890), das preisgekrönt und mit den musikalischen Compositionen A. K. Jencken’s ausgegeben wurde. Endlich ihr letztes Werk (1896), der merkwürdige Roman „Unter Kosaken“.

Die meisten Erzählungen der Juncker liefern interessante Beiträge zur Psychologie (Gottschall meint sogar zur Physiologie) der Ehe. In die Stoffe greift der Unterschied der gesellschaftlichen Schichten und Kasten mit seinen Reibungen, auch confessioneller Widerstreit ernst hinein und schafft packende Conflicte und Seelenkämpfe. Entwurf und Abwicklung ließen gewiß keine Frau als Autorin ahnen, noch dazu eine musterhafte Besorgerin häuslicher und geselliger Obliegenheiten, ohne daß der Verfasserin etwa Unweiblichkeit vorgehalten werden könnte; vielmehr bricht nicht selten eine liebenswürdige Anmuth durch. Es waltet da eben ein reifer Geist von ernster, gründlicher Bildung, der die Handlung lenkt und durchdringt. All dies, ferner die unleugbare Thatsache, daß sie jene großen Romane aus innerstem Antriebe geschrieben, erhob „E. Juncker“ neben wenigen andern begabten Schriftstellerinnen beträchtlich über den Durchschnitt ihrer schreibenden Schwestern und ließ sie meistens rasch einen weiten dankbaren Leserkreis finden.

Die lebensgeschichtlichen Daten wesentlich, großentheils wörtlich, nach einer mir 1891 seitens der Dichterin für Brockhaus’ Konversationslexikon eingereichten biographischen Skizze, die auch Brümmer (Biogr. Jahrbuch u. Dtsch. Nekrolog I. 260; kürzer i. s. Lexikon dtsch. Dichter u. Pros. des 19. Jahrhunderts5 III, 552 u. 550) vorgelegen haben muß und ebenfalls S. Patacky, Lexikon dtsch. Frauen der Feder II, 256 (I, 402). Die in Spemann’s Goldnem Buch d. Weltlitteratur (1901) Nr. 1101 s. v. Juncker auf „Schmieden“ verwiesene Skizze ist ausgeblieben, ebenso das Bildniß. Ein solches beim Nachruf i. d. Illustr. Zeitung Nr. 2774 (29. August 1896), S. 263 (Bd. 107). Kurzes Lebens- u. Charakterbild bei Hinrichsen, Das literarische Deutschland² (1891). S. 1176. Ausführliche litterarhistorische Würdigung der Romane bis 1887 bei R. Gottschall, Die dtsch. Nationalliteratur des 19. Jahrh.7 IV (1901), 365–67 (läßt sie erst 1900 sterben); knappe bei H. Mielke, Der dtsch. Roman des 19. Jahrh., S. 274 („Emilie Juncker“).