ADB:Solms-Wildenfels, Friedrich Ludwig Graf von

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Artikel „Solms-Wildenfels, Friedrich Ludwig Graf von“ von Albert Schumann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 576–579, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Solms-Wildenfels,_Friedrich_Ludwig_Graf_von&oldid=- (Version vom 19. April 2019, 13:30 Uhr UTC)
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Solms: Friedrich Ludwig Graf von S.-Wildenfels, russischer Officier und sächsischer Staatsmann, geboren am 2. September 1708 zu Königsberg i. Pr., ein Sohn des preußischen Wirklichen Kammerherrn und Generalmajors Heinrich Wilhelm v. S.-W. und der Helene Dorothea geb. Gräfin Truchseß v. Waldburg, verlor seine Mutter bereits im 4. Lebensjahre (11. Juli 1712), fand aber einen ausgleichenden Ersatz in der Burggräfin Sophie Albertine v. Dohna-Schlobitten, mit welcher sich sein Vater am 16. April 1713 in zweiter Ehe vermählte. Als bald darauf die Pest in Königsberg ausbrach, nahmen ihn seine Eltern mit sich nach dem sächsischen Städtchen Wildenfels, dem Hauptorte der gleichnamigen gräflichen Standesherrschaft, und dort empfing er den ersten Unterricht durch zwei Hauslehrer, deren einem er eine dauernde Vorliebe für das römische Alterthum zu verdanken hatte. 13 Jahre alt bezog er das Pädagogium und 1724 die Universität in Halle und setzte von 1726 an [577] seine Studien in Leipzig fort, unterzog sich nach deren Vollendung einer Prüfung vor der Juristenfacultät und vertheidigte ohne Präses eine selbstverfaßte, 1729 gedruckte Dissertation „De Maioratu“. Da ihm die Widmung derselben an Kaiser Karl VI. das Versprechen einer Reichshofrathsstelle eintrug, ging er nach Wetzlar, um sich unter der kundigen Leitung desDr. Joh. Jakob v. Zwierlein (s. d. Art.) mit dem Kammergerichtsprocesse vertraut zu machen, wogegen eine beabsichtigte Reise nach Wien unterblieb, weil sein Vater in der katholischen Stadt für den evangelischen Glauben des Sohnes fürchtete und ihn außerdem zur Bewirthschaftung der 1730 angekauften Herrschaft Bielitz in Oberschlesien bei sich zu behalten wünschte. Er verzichtete daher auf die ihm vom Kaiser eröffnete Aussicht und siedelte 1731 nach Bielitz über, vermochte aber der Landwirthschaft keinen Geschmack abzugewinnen. Ueberdies von der rohen Sitte des umwohnenden Adels verletzt und jedes wissenschaftlichen Verkehrs beraubt, suchte er Befriedigung in der Dichtung und vornehmlich bei seinem Lieblingsdichter Horaz, dessen Oden er damals in gereimte deutsche Verse zu übertragen begann, während er erst von 1756–60 nach wiederholter Durchsicht und sorgfältiger Ausfeilung diese Arbeit unter dem Titel „Uebersetzung der Oden des Horaz“ in vier Theilen herausgab. Sein Aufenthalt in Bielitz endete, als ein nach dem Rheine bestimmtes russisches Hülfsheer von 18 000 Mann in Oberschlesien anlangte: er trat mit Zustimmung seines Vaters als Fähnrich in ein Infanterieregiment ein (Juni 1735) und folgte demselben durch Böhmen nach der Pfalz. Gelegenheit zu großen Thaten bot dieser sogen. polnische Erbfolgekrieg nicht, und da der Wiener Präliminarfriede bereits am 3. October die Feindseligkeiten unterbrach und den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. als König von Polen anerkannte, zog er mit seinen Kameraden in die schwäbischen Winterquartiere und von da durch Mähren und Schlesien nach Polen, wo ihm der zur Wiederherstellung der Ordnung berufene Oberbefehlshaber, Feldmarschall Graf v. Münnich (s. A. D. B. XXIII, 18 ff.), für geleistete gute Dienste – Anlegung von fünf Redouten an der Grenze – die Führung einer Compagnie übertrug. Während des nun folgenden Türkenkrieges nahm er an der Belagerung und Erstürmung von Oczakow (Juli 1737) theil und erlitt bei diesem Anlasse eine doppelte, nicht unbedeutende Verwundung. Nach seiner Genesung bewarb er sich um die jüngste Tochter des Feldmarschalls, Gräfin Beate, und als diese bald darauf an den Blattern starb, um die verwittwete ältere Tochter, Louise Dorothea v. Schaumburg, verlobte sich mit ihr im folgenden Mai und hielt am 14. December 1739 in Kiew Hochzeit. Unterdessen war er in dem erfolglosen und verlustreichen Feldzuge von 1738 zum Secondmajor und nicht lange nachher zum Oberquartiermeister mit dem Range eines Premiermajors, sowie nach seiner Verlobung zum Generaladjutanten seines Schwiegervaters befördert worden. Den siegreichen Kämpfen des Jahres 1739 blieb er fern, weil er damals als Unterhändler in Sandomir verweilte, wo er durch diplomatisches Geschick und mit Hülfe russischen Geldes den polnischen Adel von Feindseligkeiten zurückhielt. Für seine wirksame Thätigkeit sah er sich durch die Verleihung des Kiew’schen Regimentes mit dem Range eines Obersten und nicht viel später eines Generallieutenants belohnt. 1740 verwaltete er einige Monate lang die Herrschaft Wartenburg – bisher dem Herzog Biron von Kurland gehörig und nach dessen Verbannung von der russischen Regierung eingezogen – und nahm sie im November für seinen Schwiegervater in Besitz, als sie schenkungsweise an diesen übergegangen war. Hierauf (März 1741) zum Wirklichen Geheimrathe und russischen Gesandten in Dresden ernannt und durch den Kurfürsten Friedrich August von Sachsen mit dem polnischen weißen Adlerorden ausgezeichnet, verblieb [578] er in dieser Stellung bis zum Sturze der Regentin Anna von Braunschweig und der Thronbesteigung der Kaiserin Elisabeth (24./25. Novbr. 1741), worauf er, wie Münnich der Ungnade verfallen und seines Postens enthoben, mehrere Jahre still auf dem Lande lebte, bis ihn der erwähnte Kurfürst mit Zustimmung der russischen Regierung und mit dem bisherigen Range zum Landeshauptmann des erzgebirgischen Kreises bestellte (1744). Damit übernahm er ein Amt, wie es seiner ungewöhnlichen Einsicht und humanen Gesinnung entsprach; doch störte der siebenjährige Krieg nach kurzer Friedenszeit sein rühmliches Walten. Schon zu Anfang desselben entzog er sich den seiner Pflicht widerstreitenden preußischen Anforderungen, indem er sich nach Böhmen und später nach Wien und Ungarn begab. Als dann 1757 Karl von Lothringen in die Oberlausitz einrückte, ernannte ihn der abwesende Kurfürst zu seinem Bevollmächtigten. Als „Generalkriegscommissär“ – später „Generallandcommissär“ – sollte er die Kaiserlichen mit allem Nothwendigen versehen, das Interesse des Landesherrn ernstlich wahrnehmen und der Bevölkerung die unvermeidlichen Lasten nach Kräften erleichtern. Höchst uneigennützig unterzog er sich dieser lästigen Aufgabe und nahm um ihretwillen immer neue Beschwerden und Gefahren auf sich. In der Auffindung von Hülfsmitteln war er fast unerschöpflich, und nie ist es unter seiner Amtsverwaltung vorgekommen, daß die Kaiserlichen „fouragirt“ haben. 1758 bewog ihn die angeblich verdächtige Gesinnung des Commandanten Pirch auf dem Königstein zu einem Besuche der Festung. Er fand sie mangelhaft bewehrt und ungenügend mit Lebensmitteln versehen und half unter eigenen Geldopfern diesen Uebelständen ab. Infolge der übermäßigen Anstrengung fiel er 1759 in eine schwere Krankheit, so daß er zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nach Karlsbad gehen mußte. Seitdem nahm man ihm die Versorgung des Heeres ab und trug sie den Ständen auf, während die Landesverwaltung noch in seinen Händen blieb; doch entzog man ihm im folgenden Jahre auch die letztere, weil man ihn des Unterschleifes zieh. Die genaue Rechnung, welche er nun ablegte, beschämte seine Ankläger und ergab u. a., daß er für seinen eigenen Unterhalt täglich nur sechs Thaler verwendet hatte. In Sachsenfeld, wohin er 1761 zurückgekehrt war, erlebte er den Hubertusburger Frieden (21. Februar 1763), aber auch den Tod Friedrich August’s II. (5. October 1763). Nunmehr wieder in sein früheres Amt eingetreten, nahm er 1769, nach der Mündigkeitserklärung Friedrich August’s III., für diesen im erzgebirgischen Kreise die Huldigung entgegen, sorgte in den verhängnißvollen Jahren 1771 und 1772, da hier mehr als 40 000 Menschen an epidemischen Krankheiten dahinstarben, für Linderung der Noth und Aufbringung von Lebensmitteln und speiste durch gesammelte milde Beiträge gegen 2000 arme Kinder, denen er überdies Schulunterricht ertheilen ließ. Auf sein Ansuchen trat ihm 1773 sein dritter Sohn Otto als Gehülfe zur Seite; am 23. Dec. 1775 starb seine Gattin, mit der er 36 Jahre in glücklicher Ehe gelebt hatte. Nachdem er während des baierischen Erbfolgekrieges Sachsenfeld am 10. September 1778 noch einmal hatte verlassen müssen – das Schloß wurde von den Oesterreichern geplündert –, legte er endlich im 80. Lebensjahre sein Amt nieder (1788). Die ihm noch beschiedene Muße benutzte er, um eine schon früher angefangene Geschichte des Hauses Solms zu vollenden. Einen Theil davon, die Geschichte der ausgestorbenen Linien, hatte er bereits 1785 als „Fragmente zur Solmsischen Geschichte“ veröffentlicht. Bis zuletzt frischen Geistes, umgänglich und hülfsbereit, pflegte er die Wissenschaften bis in sein höchstes Alter. Er sammelte eine Bibliothek von 10 000 Bänden, die er, weil es im Schlosse Sachsenfeld an Raum gebrach, in einem eigens gemietheten Bauernhause aufstellte. Sie enthielt neben anderen besonders geschichtlichen Werken eine Horazische Bibliothek von [579] etwa 800 Nummern: Ausgaben, darunter sehr seltene, Uebersetzungen und Erläuterungsschriften. Fachleuten half er mit diesem Schatze gern aus, wie ihn denn auch Neuhaus in seiner Bibliotheca Horatiana (1775) und Jani in seiner Horazausgabe (2 Bde., 1778–82) benutzt haben. Mit Heyne in Göttingen, Chr. Fel. Weiße in Leipzig, Hegelmaier in Tübingen u. a. stand er in brieflichem Verkehre. Neben einigen Staatsschriften verfaßte er noch Denkwürdigkeiten aus der Zeit seines russischen Dienstes und während des siebenjährigen Krieges. Sie zeugen von einer scharfen Beobachtungsgabe und von klarer Einsicht in die betreffenden Verhältnisse. Reußmann (s. u.) hat eine Anzahl Charakterzeichnungen daraus mitgetheilt. – S. starb am 27. August 1789, sechs Tage vor seinem 82. Geburtstage, und wurde in der Kirche zu Baierfeld neben seiner Gattin beigesetzt. Von fünf Kindern überlebten ihn nur zwei Söhne: Friedrich, der älteste, seit 1794 sächsischer Geh. Rath, und der oben genannte Otto, welcher dem Vater schon nach fünf Jahren im Tode folgte.

(J. G. Reußmann,) Lebensbeschreibung des Heil. Röm. Reichs Grafen Friedrich Ludwig v. S. zu Tecklenburg, Leipzig 1795 (4 Bl., 118 S. 8°; mit Bildniß). – F. A. Weiz, Das gelehrte Sachsen, Leipzig 1780, S. 237. – J. F. Goldbeck, Litter. Nachrichten von Preußen, 2. Thl., Leipzig und Dessau 1783, S. 183 f. – (G. A.) Will, Briefe über eine Reise nach Sachsen, Altdorf 1785, S. 42–47 (mit der Silhouette v. S.). – Hirsching’s Histor.-litter. Handbuch, 12. Bd., 2. Abthl. (1809), S. 259 f. – S. Baur, Neues Histor.-Biogr.-Liter. Handwörterbuch, 5. Bd. (1810), Sp. 119 f. – Meusel, Lexikon XIII (1813), 199 f. – Rud. Graf zu Solms-Laubach, Geschichte des Grafen- u. Fürstenhauses Solms, Frankf. a. M. 1865, S. 422–426.