ADB:Staden, Hans

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Artikel „Staden, Hans“ von Friedrich Ratzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 364–366, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Staden,_Hans&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 14:28 Uhr UTC)
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Staden: Hans St., geboren zu Homberg in Hessen aus einer früher zu Wetter ansässigen Familie, machte zwischen 1547 und 1554 zwei Reisen nach Südamerika und wurde neun Monate von wilden Indianern des Tupinambastammes in Gefangenschaft gehalten. Kurze Zeit nach seiner Rückkehr in die Heimath zeichnete er in zwei Büchern geringen Umfangs die Erzählung seiner Reisen und die allgemeinen Erfahrungen, welche er besonders über die Sitten und Gebräuche der Indianer gesammelt, in deren Gefangenschaft er sich befunden, auf und gab dieselben als Ein Buch von 84 Blättern mit einer vom 20. Juni 1556 datirten Vorrede heraus. Der Titel des ersten Theiles ist: „Warhafftig Historia vnnd Beschreibung einer Landtschafft der Wilden / Nacketen Grimmigen Menschenfresser Leuthen in der Newen Welt America gelegen / vor und nach Christi geburt im Land zu Hessen vnbekannt / biß auff diese 2 nechstvergangene jar / da sie Hans Staden von Homberg auß Hessen durch sein eygen erfahrung erkant vnd jetzund durch den Druck an tag gibt.“ Das Titelblatt enthält weiter die Anzeige der Widmung an Landgraf Philipp von Hessen und der weitschweifigen Vorrede des Marburger Medicinprofessors Joh. Dryander, „genant Eychman“. Jahreszahl und Ort fehlt, am Schluß des zweiten Theiles ist „Weygandt Han in der Schnurgasse zum Krug“ in Frankfurt a/M. als Drucker genannt. Der Titel dieses Theiles lautet: „Wahrhafftiger kurtzer Bericht / aller von mir erfarnen händel und sitten der Tuppin Inbas / deren gefangener ich gewesen bin / Wonen in America / jene Landschaft liegt in 24 Gradus auff der Seudenseit der linien equinoctial / jhr landschafft stösset an ein refier / Rio de Jenero genant“. Die Erzählung beginnt damit, daß der Verfasser sich vom Wunsche beseelt vorstellt, Indiam zu besehen. Er geht über Bremen nach Holland, fährt mit Schiffen, die in Portugal Salz laden wollen, nach Setuval (Sanct Tuual), und kommt zu Lissabon in eine von einem Deutschen geführte Herberge. Er findet, daß die Indienfahrer schon abgegangen und nimmt auf einem nach Brasilien fahrenden Schiffe, das Verbrecher deportiren und zugleich auf Schiffe, die mit Barbaresken Handel treiben, und französische Schiffe fahnden soll, eine Stelle als Büchsenschütz. Neben ihm waren noch zwei Deutsche, Heinrich Braut von Bremen und Hans von Bruchhausen, auf dem Schiffe. Sie gingen über Madeira nach Cap de Gel (Cap Ger, Westende der Atlaskette), das die Portugiesen früher besessen hatten, und nahmen ein beladenes spanisches Kauffarteischiff; darauf fuhren sie nach Brasilien, wo sie im Januar 1548 die portugiesische Niederlassung Pernambuco erreichten. Nachdem ein Aufstand der Eingeborenen gedämpft, ein Kampf mit einem französischen Schiffe bestanden und ein Seeräuber weggenommen war, kamen sie nach sechzehnmonatlicher Abwesenheit im October 1548 wieder in Lissabon an. St. wollte es nun mit einem spanischen Schiffe versuchen, allem Anscheine nach angelockt durch den Ruf des goldreichen „Pirau“, der auch ihn erreichte. Er schiffte sich im Frühling 1549 in Sevilla nach dem Rio de la Plata ein. Es waren drei Schiffe unter Diego de Senabrie, St. der einzige Deutsche in der Bemannung. Die Fahrt ging über Palma, die Cap Verden und [365] San Tomé. Als sie unter dem 20° S. B. angekommen waren, fanden sie den Hafen S. Catharina, den sie suchten, nicht, geriethen aus Irrthum an die portugiesische Küste und erreichten erst nach manchen Fährlichkeiten ihr Ziel. Auf einer neuen Fahrt nach S. Vincente litt St. Schiffbruch, aus dem er sich glücklich zu den Portugiesen rettete, welche, als sie hörten, daß er ein Deutscher sei und sich etwas auf Geschütz verstehe, ihn baten, daß er die begonnene Befestigung eines Ortes Brikioka auf der Insel S. Marco bei S. Vincente ausführe. Er ließ sich bewegen, 4 Monate, und nach deren Ablauf noch weitere 2 Jahre zu bleiben. In diese Zeit fällt sein Zusammentreffen mit Heliodorus Hesse, Sohn des berühmten Eobanus, der „schreiber und außrichter“ in dem Ingenio eines Genuesen bei S. Vincente war. Kurze Zeit nach Erneuerung seines Vertrages mit den Portugiesen widerfuhr dem St. das Unglück, daß er im Walde von den den Weißen feindlich gesinnten Tupinamba überfallen und in die Gefangenschaft geführt wurde. Die Erzählung der Leiden, die St. unter den Wilden zu dulden hatte, gehört in ihrer einfachen und innigen Art zum Ergreifendsten, was unsere Reiselitteratur bietet. Wie St. im ersten Nachtlager in der Verzweiflung mit lauter Stimme den Psalm anstimmt: „Aus tiefer Noth schrei ich zu dir“, wie er von den Weibern der Tupinamba verhöhnt und geschlagen, der Augenbrauen und des Bartes beraubt wird, vor ihren Fetischen tanzen muß, wie er vor einen der französischen Händler geführt, die mit den Tupinamba auf gutem Fuße standen, von diesem, weil er sich ihm deutsch nicht deutlich machen kann, für einen Portugiesen erklärt und den Wilden zum Fressen angeboten wird, wie er endlich infolge einer Seuche, die unter seinen Feinden ausbricht, es zu besserer Behandlung bringt, weil sie glauben, ihre Götter wollten ihnen ein Zeichen geben, daß sie ihn nicht weiter quälen sollten, wie er endlich von einem französischen Schiffshauptmann losgekauft und, nicht ohne unterwegs noch einmal tödlich verwundet worden zu sein, nach Frankreich gebracht wird, das alles ist natürlich, überzeugend und ergreifend beschrieben. Am letzten October 1554 verließ St. Brasilien für immer und erreichte über Honfleur, London und Antwerpen die Heimath. Hier erregten seine Erzählungen die Aufmerksamkeit sehr bald, und es scheint wesentlich auf das Betreiben des Marburger Professors Dryander gewesen zu sein, daß St. sich entschloß, die beiden Berichte zu verfassen, welche uns vorliegen. St. hat bei denselben, wie er selbst gesteht und wie aus der ganzen Diction hervorgeht, nicht den Zweck gehabt, alles zu sagen, was er erfahren, er wollte auch keinen gelehrten oder litterarischen Ruhm erwerben. Seine Schicksale hatten ihm einen ernsten religiösen Sinn eingeprägt, und er wünscht mit seinen Aufzeichnungen Zeugniß von seinem Glauben und von der Hilfe abzulegen, die Gott ihm in Gefahren und Nöthen aller Art gewährt. Seine Vorrede ist datirt Wolffhagen den 20. Juni 1556, und St. unterzeichnet sich E. F. G. Geborner Untersaß Hans Staden von Homberg in Hessen, jetzt Bürger zum Wolffhagen. – Von den weiteren Schicksalen Staden’s ist nichts bekannt, und man möchte an einen frühen Tod desselben in Erwägung der Thatsache glauben, daß in den vielen Ausgaben seines Reisebuches, die noch im 16. Jahrhundert erschienen, von dem Verfasser gar nicht die Rede ist. Nach der ersten Ausgabe mit Vorrede von 1556 und der zweiten, die in Marburg bei Hans Kolben 1557 erschien, kamen verschiedene Nachdrucke heraus. 1559 erschien eine französische zu Cherbourg, 1563 eine flämische Uebersetzung in Antwerpen; 1567 wurde das Buch in den zweiten Theil des Feyerabend’schen Weltbuches nach U. Schmidl aufgenommen. 1592 erscheint es ins Lateinische übersetzt von Adam Lonicer in der de Bry’schen Sammlung und 1593 in dem deutschen de Bry als dritter Theil, zusammen mit Ler’s Reise. Eine Anzahl der Phantasiekupfer dieser letzteren Ausgabe erschienen in verkleinertem Maßstabe im 15. Bd. der Sammlung „Naaukeurige Versameling der Gedenk-Waardigsten [366] Reysen na Oost- en West-Indien“, der 1707 zu Leyden (door Pieter van der Aa) herauskam. Die Uebersetzung ist wörtlich, auch der lange Vorbericht Dryander’s ist vollständig mit aufgenommen, und gerade wie bei de Bry schließt die Reise des Ler sich an. Die Capiteleintheilung ist beseitigt und es sind dafür Randnoten gesetzt, Register beigegeben und viele Ortsnamen verbessert. Neuere Ausgaben erschienen 1837 (franz.) von Ternaux-Compans und 1859 von Klüpfel in den Schriften des Litter. Vereins. – Die Schilderungen Staden’s sind bei aller Kürze und Anspruchslosigkeit gründlich und genau. Der ethnographische Abriß, den er im zweiten Theile unter dem Titel „Warhafftiger Bericht“ gibt, ist lehrreicher als manches Buch, das späterhin gebildetere Beobachter über Brasilien geschrieben haben. St. hatte Gelegenheit, alle Sitten und Gebräuche der Indianer während seiner langen Gefangenschaft kennen zu lernen, er beobachtet unbefangen und schildert ungeschminkt und vorurtheilslos. Fast könnte man sagen, sein „Wahrhafftiger Bericht“ sei das Muster einer gedrängten, alles Wesentliche wiedergebenden Völkerschilderung. Auch die gelegentlich eingestreuten Sprachproben bezeugen das Streben nach sorgfältiger, treuer Wiedergabe des Gehörten. Uebrigens war St. allem Anschein nach zwar ein Mann von klarem Verstand, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte, aber ohne gelehrte Bildung, ohne Sprachkenntnisse, der auch nach der Rückkehr sehr unvollkommene Begriffe von der Geographie Amerika’s besaß, und aus einigen Eigenthümlichkeiten der Diction möchte man fast schließen, daß er die beiden Berichte nicht selbst geschrieben, sondern vielleicht dictirt habe.