ADB:Eobanus Hessus

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Artikel „Hessus, Helius Eobanus“ von Ludwig Geiger in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 316–319, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Eobanus_Hessus&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 21:41 Uhr UTC)
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Hessus: Helius Eobanus H., ist am 6. Jan. 1488 im hessischen Dorfe Halgehausen geboren und am 4. Octbr. 1540 in Marburg gestorben. Sein Familienname war wahrscheinlich Koch; den dreigetheilten Dichternamen führte er dem Sonntage, an dem er geboren wurde (Helius), dem Heiligen seines Namenstages (Eoban) und seinem Vaterlande (Hessus) zu Ehren. Nachdem er vom Abte Dietmar in Haina, dann auf der Lateinschule zu Gmünden unterrichtet worden, kam er 14jährig in die Schule des Jacob Horläus, welcher zuerst sein Dichtertalent erkannte. 1504 bezog er die Universität Erfurt, wo er mit [317] Aelteren, wie Mutian, mit Jüngeren, wie Spalatin, Hutten, Crotus, Cordus anregend und angeregt den größten Theil seines Lebens zubringen sollte. Erst 16 Jahre alt trat er mit kleinen poetischen Arbeiten hervor, erlangte rasch die akademischen Grade und erhielt 1507 das Rectorat an der Schule St. Severi, das er bald wieder verlor. 1509 erscheint er zu Riesenburg, am Hofe des Bischofs Hiob von Dobeneck, als Kanzleibeamter, als Hofmann und Gelegenheitsdichter, als Freund der Gelehrten, z. B. Joh. Dantiskus und als Trinker ersten Ranges, der durch seine Leistungen die Freunde in Staunen und Schrecken setzt und seine Gesundheit untergräbt. Im Auftrage des Bischofs ging er (1513) nach Frankfurt a. O., um durch das Studium der Jurisprudenz sich zum ordentlichen Beamten auszubilden, verließ aber bald das Studium und die Universität, gab sich in Leipzig wieder den Humaniora hin und kehrte im August 1514 nach Erfurt zurück. Hier wurde er von den Freunden empfangen, nahm als König (ἑσσῆν) die Huldigungen der Genossen gerne an und wandte nun bis zum Ende seines Lebens in übermäßiger Weise diesen Königsnamen auf sich, seine Frau, Catharina Spater, die er im Jahre 1515 heimführte, und seine zahlreichen Kinder an. Durch diese Verheirathung, seine Trunksucht und sein ungeregeltes Leben gerieth er in Noth und Elend, die er durch beständige Betteleien, mit denen er Freunden und Gönnern lästig wurde, zu besiegen strebte. Einer regelmäßigen Thätigkeit war er feind, weil er durch dieselbe eine Hemmung seines dichterischen Fluges befürchtete; er gab vor, sich nach einem Amte zu sehnen, so lange er frei war und erfüllte seine Pflichten schlecht, sobald er ein Amt erlangt hatte. 1517 wurde er nach langen vergeblichen Bemühungen seiner Freunde Professor der lateinischen Sprache in Erfurt. Als Führer des Erfurtischen Dichterbundes betheiligte er sich an dem Reuchlin’schen Streite durch Briefe, kleine Gedichte, schwerlich aber durch Mitarbeit an größeren satirischen Werken; ließ sich durch Hutten anregen zur Erwiderung patriotischer Elegien (Maximilian an Italien), machte die Schwärmerei für Erasmus mit, der er seinen Tribut zollte durch eine Reise, die er zu dem großen Manne unternahm, durch eine Beschreibung derselben (Hodoeporicon), durch viele überschwengliche Briefe und durch eine Betheiligung an den Beschimpfungen des Engländers Eduard Lee, welcher den Erasmus anzugreifen gewagt hatte und schloß sich endlich Luther an, feierte ihn und sein Werk in Gedichten, nachdem die Erfurter Universität sich für den Reformator erklärt hatte. Aber alle diese Parteiäußerungen mit Ausnahme der Antheilnahme für Reuchlin, als dem ersten Vertreter des humanistischen Gedankens, kamen ihm nicht recht von Herzen; Betheuerungen des Patriotismus waren ihm poetische Floskeln und Huttens kühne Thaten und Ansichten fanden bei ihm so geringes Verständniß, daß er den kühnen Ritter später verleugnete, sein Vermächtniß nicht erfüllte und sein Andenken ungeehrt ließ; die Verehrung für Erasmus hielt nur so lange vor, als sie mit gleicher Münze erwidert wurde und machte erbittertem Haße Platz, sobald Erasmus sich feinen Spott und offenen Tadel erlaubte; die Stellung zur Reformation war eine halbe, mehr nach persönlichem Vortheil, als nach religiöser Gesinnung bestimmt, so daß er im halbkatholischen Erfurt sich mit den Protestanten vertrug und in dem ganz protestantischen Nürnberg die Berührung mit den Feinden des Evangeliums scheute. Nicht in Parteischriften daher, sondern in harmlosen Dichtungen (Sylvae) und Briefen gefiel er sich, an seinen Gönner G. Sturz, an seine Freunde Joachim Camerarius, Justus Jonas, Joh. Drako und viele Andere. Aber das frische fröhliche Leben in Erfurt schwand bald, die Freunde zogen fort, die Studenten suchten Wittenberg auf, die religiösen und politischen Interessen wogen vor, die lutherischen Prädicanten in Erfurt eiferten, wie wenige Jahre vorher die katholischen Priester, gegen die Wissenschaft als religionsfeindlich. [318] Gegen sie versuchte Eoban in prosaischen Satiren aufzutreten, richtete aber nichts aus, wendete sich, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, der Medicin zu und schrieb – im Lernen lehrend – eine poetische Schrift, in welcher er die aus der Alten geschöpften ärztlichen Vorschriften und naturwissenschaftlichen Anschauungen in Verse brachte. Aber auch in dem neuen Berufe hatte er kein Glück; durch die Bauernunruhen litt auch er, er verlor seinen Gehalt, die einzige, wenn auch schwache materielle Stütze, an der er sich bisher gehalten hatte und war sehr froh, als er durch Melanchthon’s und Camerarius’ Vermittlung einen Ruf an die neugebildete höhere Schule nach Nürnberg erhielt (1526). Hier schloß er sich seinem Collegen Camerarius aufs Engste an, erlernte die griechische Sprache und benutzte die neuerworbene Kenntniß zu manchen Uebersetzungen, schrieb Lobgedichte auf die Stadt Nürnberg u. a., die theils dazu bestimmt waren ihm die Gunst, theils und besonders dazu den klingenden Lohn der Machthaber zu verschaffen, veröffentlichte Anleitungen zum Versemachen und gab sich mehr als es seiner Gesundheit, seinen Geldverhältnissen und seinen litterarischen Arbeiten gut war, einem heiteren Leben hin. Zu seinen in Nürnberg gewonnenen Freunden gehörte besonders Albrecht Dürer, von den älteren Genossen sah er 1530 die Wittenberger und Dantiskus in Augsburg wieder, wo er es an einer Begrüßung des Kaisers und einer an denselben gerichteten Ermahnung einen Türkenkrieg zu beginnen, nicht fehlen ließ. Auf die Dauer aber war in Nürnberg, wo die Entwicklung der Schule den glänzenden Anfängen nicht entsprach und das regelmäßige Kaufmannsleben die Ungezwungenheit litterarischen Treibens nicht duldete, seines Bleibens nicht; er sehnte sich nach Erfurt zurück und erlangte nach manchen Bitten und Demüthigungen, eine Berufung dahin, welcher er im Mai 1533 folgte. Doch hier hatten sich die Zustände sehr verändert; die Universität war und blieb verödet, die Freunde, außer G. Sturz, waren gestorben oder fortgegangen; statt der frühern fröhlichen Einigkeit, herrschte Zwietracht unter den Professoren. Auch die litterarische Production war erlahmt – man konnte nicht immer Trinkgedichte schreiben und zu Gelagen einladen – Uebersetzungen und poetische Bearbeitungen unbedeutender Werke traten an die Stelle der Originalarbeiten. So auch in dem ehemals liebgewesenen Erfurt unbefriedigt, sehnte sich Eoban fort, suchte und erlangte durch ein großes historisches Gedicht auf den siegreichen Zug der Hessen nach Württemberg, die Gunst des Landgrafen von Hessen und erhielt einen Ruf nach Marburg (1536), wo er seine letzten Arbeiten beendete, seine fröhliche Laune, seine Lust am Trinken und seine Gewandtheit, seine Freunde auszunützen, behielt und im Alter von 52 Jahren starb. H. besaß ein großes poetisches Talent. Alles gestaltete sich leicht bei ihm zum Verse und diese Leichtigkeit des Versemachens hat ihm mehr Ruhm verschafft, als der Gehalt der Gedichte. Seine Gelegenheitsgedichte sind überaus zahlreich, gewandt und anmuthig, aber häufig inhaltsleer und phrasenhaft; er dichtet auf Bestellung und in Hoffnung auf Bezahlung und wird dadurch unwahr. Seine beschreibenden und erzählenden Gedichte, über kleine Erfurter Localereignisse, Beschreibung Preußens, Schilderung der Stadt Nürnberg, Erzählung des hessisch-württembergischen Kampfes sind für historisch-geographische Werke zu ungenau und für Gedichte zu sehr mit Thatsachen angefüllt. Seine poetischen Uebersetzungen, unter denen die der Ilias und der Psalmen die größten und wichtigsten sind, sind freie geschmackvolle Bearbeitungen, welche eine unglaubliche Beherrschung der lateinischen Sprache und ein feines Verständniß der Originale verrathen, Bearbeitungen, welche in jener Zeit in zahllosen Auflagen erschienen und als Wunderwerke angestaunt wurden, für uns aber nur den Werth ehrwürdiger Antiquitäten haben. Sein einziges größeres Originalwerk sind die „Heroiden“, poetische Briefe der Heiligen von Maria bis Kunigunde, der Gemahlin des deutschen [319] Kaisers Heinrich II., welche ihren Stoff aus der Bibel und aus der Legende entnehmen und christliche Frömmigkeit in antikem Gewande verkünden. Auch ihr Werth ist ein wesentlich literarhistorischer. Keiner wird sich heute mehr an diesen Dichtungen erbauen; die Meisten werden nur die Leichtigkeit seiner Verse und die Kühnheit bewundern, mit welcher er in einer der Antike huldigenden Zeit einen christlichen Stoff wählte und besang. Eoban besaß Talent aber keinen Charakter. Im heitern Lebensgenuß war er allen voran, in Bethätigung seiner Ueberzeugung stand er hinter den Meisten zurück. Er trat vielen persönlich nahe, aber zog sich zurück, sobald seine Eigenliebe gekränkt war (Pirkheimer, Erasmus), verleugnete die Freunde wie Hutten, sobald ihm die Annäherung an dieselben gefährlich schien. Er war Luther wohlgesinnt, aber über die Leipziger Disputation und über die Bannbulle sprach er kein Wort, erklärte sich erst für ihn, als die Erfurter lebhaft Partei genommen hatten, wollte es mit keiner Seite ganz verderben, verhielt sich gut mit den Erfurter Papisten und hatte für Nürnbergs treuen Protestantismus kein Wort des Lobes. Er besaß auch keine politische Treue und keine nationale Gluth: er bediente sich in keinem Werke der deutschen Sprache – nur ein deutsches Briefchen ist von ihm bekannt –, seine Gedichte an den Kaiser sind Schulübungen, seine patriotischen Verse voll von erborgter Empfindung; früher hatte er Sickingens Lob gesungen, nach dessen Untergange will er den Sieg des Landgrafen über ihn preisen. Seine Spielerei mit dem ihm in Scherz verliehenen poetischen Königthum ist kindisch, seine beständigen Betteleien, in denen er den gegenwärtigen Gönner auf Kosten des vergangenen lobt oder sein augenblickliches Elend durch unwahre Schilderungen frühern Glückes recht augenfällig zu machen sucht, erniedrigen ihn in den Augen selbst mitleidiger Beurtheiler. Sein leichtes Talent und seine liebenswürdige Laune haben ihm während seines Lebens viele Anerkennung, auch nach seinem Tode große Bewunderung verschafft, die aber von einer nüchternen Kritik auf das gebührende Maß zurückgeführt werden muß.

Hauptsammlung seiner Werke: Operum farragines duae, Halae Suev. 1539; Psalterium. Marp. 1537; Ilias, Basel 1540; Epistolae familiares. Marp. 1543 und drei Sammlungen des Camerarius. Leipzig 1557, 1561, 1568; Camerarius’ Narratio de Eob. Hesso erschien zuerst Nürnberg 1553. Die neuesten Biographen: G. Schwertzell: H. E. H., ein Lebensbild aus der Reformationszeit. Halle 1874; C. Krause: H. E. H., sein Leben und seine Werke. Zwei Bände. Gotha 1879.