ADB:Starhemberg, Ludwig Fürst von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Starhemberg, Ludwig Graf“ von Hanns Schlitter in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 482–487, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Starhemberg,_Ludwig_F%C3%BCrst_von&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 17:18 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Staricius, Johann
Band 35 (1893), S. 482–487 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Ludwig von Starhemberg in der Wikipedia
GND-Nummer 117216542
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|35|482|487|Starhemberg, Ludwig Graf|Hanns Schlitter|ADB:Starhemberg, Ludwig Fürst von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117216542}}    

Starhemberg: Ludwig Graf St., später Fürst, wurde am 12. März 1762 als der Sohn des damaligen kaiserlichen Botschafters am französischen Hofe, Georg Adam St. (s. o. S. 471), aus dessen zweiter Ehe mit Franziska, Prinzessin v. Salm-Salm, zu Paris geboren. Gleich seinem Vater, welcher von König Georg I. aus der Taufe gehoben ward, wurde auch dem Sohne eine ähnliche Auszeichnung zu Theil, indem Ludwig XV. Pathenstelle bei ihm übernahm.

In seinem zehnten Jahre kam St. nach Brüssel, wohin sein Vater als bevollmächtigter Minister berufen wurde. Seine Eltern ließen ihm die sorgfältigste Erziehung zu theil werden und dieselbe fiel auf den fruchtbarsten Boden. Noch als Jüngling in die große Gesellschaft Brüssels eingeführt, deren Glanzpunkte Herzog Karl von Lothringen und der spätere Marschall Fürst de Ligne waren, eignete sich St. jenes weltmännische Benehmen an, welches ihm in seiner diplomatischen Laufbahn so sehr zu Statten kam und ihm des öfteren dazu verhalf, manche Klippe mit Leichtigkeit zu umschiffen. Nachdem er sich im Laufe der nächstfolgenden Jahre für seinen künftigen Beruf vorbereitet hatte, wurde er, wenn auch ohne eine bestimmte Anstellung, von dem Fürsten Kaunitz der Staatskanzlei zugewiesen. Seine erste Sendung fiel in das Frühjahr 1790. Damals wurde St. dazu ausersehen, Katharina II. das Notificationsschreiben der Thronbesteigung Leopold’s II. zu überbringen. Die drei Monate, welche der junge, strebsame Diplomat in der russischen Hauptstadt verweilte, suchte er vor allem in der Weise auszunutzen, daß er seine Kenntnisse bereicherte. Nach Wien zurückgekehrt arbeitete St. wieder in der Staatskanzlei. Am 15. August 1792 erfolgte seine Ernennung zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister im Haag. Seine Thätigkeit an diesem Hofe beschränkte sich lediglich darauf, den englischen und holländischen Forderungen gegenüber den status quo des Haager Vertrages wo möglich aufrecht zu erhalten. Doch konnte St. nicht umhin, dem Grafen Mercy[WS 1], mit welchem er seiner Instruction gemäß, in steter Fühlung war, seine Ansicht über den Besitz der Niederlande in ganz offener Weise zu bekennen. Er hielt denselben unter den obwaltenden Verhältnissen für eine, das Erzhaus Oesterreich stets drückende Last und setzte es außer allem Zweifel, daß es besser sei, das Land selbst ohne alle Entschädigung aufzugeben, als es immer von neuem unter demüthigenden Bedingungen zu erhalten. In [483] Wahrheit konnten die Niederlande bereits im Spätherbste 1792 als verloren angesehen werden. Bald wurde Brüssel von den kaiserlichen Truppen geräumt. Nach der am 6. November bei Jemappes gelieferten Schlacht überschwemmten die Franzosen die belgischen Provinzen und drangen im Frühjahr 1793 auch in Holland ein. St. erhielt seine Abberufung vom Haag und wurde bald darauf, und zwar im April desselben Jahres, als Nachfolger des Grafen Stadion nach London geschickt. Seine Aufgabe bestand im wesentlichen darin, eine Convention über die gemeinschaftliche Fortsetzung des Krieges abzuschließen und, nach vorheriger Sondirung, auf das Zustandekommen eines Freundschafts- und Allianzvertrages zu dringen. Gleichzeitig wurde St. auch mit der Vertretung Toscanas betraut. Da England allzusehr von seinen Colonien und seinen eigenen Interessen in Anspruch genommen war, konnte es sich bloß auf die Leistung von Hülfsgeldern beschränken, und nur eine äußerst kleine Anzahl englischer Soldaten kämpfte in Flandern unter dem Oberbefehl des Herzogs von York.

Die gemeinsame Gefahr erheischte für beide Reiche eine innigere Verbindung. War dieselbe einerseits vom Standpunkte der Staatsklugheit geboten, so trachtete St. andererseits, sie auch zu einer herzlichen zu gestalten. Diese Aufgabe, welche sich St. auferlegte, war keine leichte, wenn man bedenkt, daß die britischen Staatsmänner nicht wenig dazu beitrugen, das Wiener Cabinet mit Argwohn gegen sie zu erfüllen. Angesichts eines solchen Verhaltens Englands stieg wieder der Werth gewisser Dienste, welche St. der britischen Regierung erwies. So hatte es dieselbe seiner Vermittlung zu danken, daß Katharina II. den bereits ertheilten Befehl wieder zurückzog, die russische Flotte nach Hause zu rufen. England jedoch erwies sich nicht in gleicher Weise zuvorkommend, als St. im Frühjahr 1797 wegen eines neuen Anlehens mit ihm unterhandeln wollte. Die Nachricht von dem am 18. April dieses Jahres erfolgten Abschluß der Präliminarien von Leoben war es ganz besonders, welche die leitenden Minister Englands veranlaßte, eine noch größere Zurückhaltung als früher zur Schau zu tragen. Nichtsdestoweniger gelang es St. dennoch, den Abschluß eines Anlehens im Betrage von 3 500 000 Pfund Sterling zu Stande zu bringen.

Der Friede von Campo Formio verbitterte England noch mehr gegen Oesterreichs unglückselige Politik. Bezeichnend ist, was Lord Grenville nach Empfang der Friedensnachricht an St. schrieb: „Rechnen Sie stets, ich bitte Sie darum, auf meine persönliche Zuneigung, welche nicht von politischen Momenten, wol aber von der Werthschätzung beeinflußt ist, von welcher ich dem Grafen Starhemberg gegenüber durchdrungen bin.“ Bald rehabilitirte sich die österreichische Regierung in den Augen Englands, als es zu einer Zeit, da Frankreich die klare Absicht zeigte, Europa in einen Zustand vollständiger Umwälzung zu versetzen, allen Ernstes die Frage erwog, einem späteren Angriffe von Seite Frankreichs durch die eigene Offensive zuvorzukommen. Es kam zum Abschlusse der zweiten Coalition Oesterreichs, Englands und Rußlands gegen die Republik. Am 12. Mai 1799 erfolgte jedoch die Kriegserklärung an Oesterreich von Seite des Directoriums. Die am 14. Juni 1800 erfolgende Schlacht bei Marengo machte alle Hoffnungen zu nichte, zu denen die anfänglichen Siege Karl’s und Suworow’s in Italien berechtigt hatten. Auf dem italienischen wie auf dem deutschen Kriegsschauplatze kämpften die französischen Waffen mit gleichem Erfolge. Angesichts dieser Ereignisse gewann die Wiener Friedenspartei ihre frühere Zuversicht zurück und forderte mit Entschiedenheit die Enthebung Thugut’s. Als dessen Stellung immer unhaltbarer wurde, suchte er aus eigenem Antriebe um seine Entlassung an, welche er auch erhielt. Graf Ludwig Cobenzl wurde sein Nachfolger und begab sich als solcher nach Luneville, um dort mit Joseph [484] Bonaparte über den Frieden zu unterhandeln. Ueber die Enthebung Thugut’s von dem Posten eines leitenden Ministers zeigte sich England sehr verstimmt. Bevor sie noch stattgefunden hatte, schrieb Lord Grenville dem Grafen St.: „Wenn dem so ist, so kann ich daraus nur einen bösen Schluß auf das Verhalten Ihres Hofes ziehen.“ „Ich hoffe Besseres,“ fügte er in lateinischer Sprache bei. Die Verbitterung, welche in der Zwischenzeit zwischen dem Wiener Hofe und jenem von St. Petersburg eingetreten war, trug auch nicht wenig dazu bei, daß England seinem Verbündeten kühler als je begegnete. St. fiel infolge dessen die keineswegs leichte Aufgabe zu, die Freundschaft des russischen Botschafters in London, Grafen Woronzow, wieder zu gewinnen. Vergebens bemühte sich St., dem Auftrage seines Hofes gerecht zu werden. Es kam zwischen beiden Diplomaten, welche früher enge befreundet waren, zu einem auf jeder Seite gleich heftig geführten Notenwechsel und wenig fehlte, so hätte die Angelegenheit neben ihrem politischen auch einen persönlichen Charakter angenommen. Um eine solche Eventualität zu vermeiden, entsendete die Wiener Regierung den ehemaligen kaiserlichen Geschäftsträger im Haag, Bernhard v. Peyer, welcher mit Woronzow stets auf freundschaftlichem Fuße gestanden war, als Mittelsperson nach London und theilte ihn der kaiserlichen Botschaft als Legationsrath zu. Die Ermordung Paul’s I. enthob aber den kaiserlichen Abgesandten jeder weiteren Mühe und veränderte zugleich mit einem Male die allgemeine politische Lage Europas. Wie früher in Wien, so wurde jetzt in London der Wunsch nach Frieden immer lauter. Wie vor ihm sein österreichischer College Thugut der Friedenspartei weichen mußte, so gab auch der englische Premierminister William Pitt dem Drängen derselben nach und resignirte. Mit ihm schied auch, zum großen Schmerze Starhemberg’s, Lord Grenville. Das neue Ministerium, welches jetzt an das Ruder trat, machte sich durch eine ganz besondere Schwäche bemerkbar. Es stimmte Allem zu, was Bonaparte von ihm verlangte, wie der am 27. März 1802 zu Amiens abgeschlossene Friedensvertrag mit Klarheit beweist. Um so heftiger machte sich die Oppositionspartei geltend, welche in den Männern der früheren Regierung, Pitt und Grenville, ihre hervorragendsten Vertreter fand. Wie St., einer der eifrigsten Verehrer und Anhänger Thugut’s, jenen Frieden mißbilligte, geht aus folgender Stelle seines Tagebuches hervor: „Er besiegelt nach meiner Ansicht die allgemeine Erniedrigung und schädigt theils die Throne, theils vernichtet er sie.“

Im Sommer des Jahres 1802 trat St. einen längeren Urlaub in die Heimath an. Als derselbe zu Ende ging, ergriff Kaiser Franz die Gelegenheit, die beiden verdienten Staatsmänner, Vater und Sohn, in ganz besonderer Weise auszuzeichnen und ihnen zugleich einen neuerlichen Beweis seiner seltenen Herzensgüte zu geben: Er verlieh dem Grafen St. in Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen als Diplomat, den Orden des goldenen Vließes, hatte aber davon vorerst den bereits 78jährigen Fürsten, welcher wußte, daß er seinen Sohn in diesem Leben wol nimmer sehen werde, vermittelst eines Handschreibens in Kenntniß gesetzt, in welchem er ihm über den bevorstehenden Abschied in liebreichster Weise Trost zusprach. Am 10. November verließ St. Wien, um über München, Stuttgart und Paris nach London zurückzukehren. In Paris wurde ihm jedoch eine Ueberraschung ganz eigener Art zu theil: In das Botschaftshôtel gekommen, fand er eine Depesche Talleyrand’s vor, welche ihm eröffnete, daß der erste Consul sich bei der kaiserlichen Regierung über ihn beklagen werde und ihm weiters befahl, Paris noch an demselben Tage zu verlassen. St. war sich keiner anderen Schuld – wenn es eine solche zu nennen war – bewußt, als daß er, jedoch keineswegs in Paris, seiner Ansicht über den ersten[WS 2] Consul unverhohlen Ausdruck verliehen hatte. Und im Grunde genommen war die Ausweisung Starhemberg’s [485] nichts anderes, als ein Racheact Talleyrand’s. Denn als dieser sich 1793 in London befunden hatte, wurde er wegen Anzettelung politischer Intriguen auf hauptsächliches Betreiben Starhemberg’s von Pitt angewiesen, England zu verlassen. St. leistete der Aufforderung Bonaparte’s zwar Folge, unterließ es jedoch nicht, sich zuvor bei seiner Regierung über eine solche Vergewaltigung bitter zu beklagen. Am 30. November traf er wieder in London ein. Die Intrigue Talleyrand’s hatte aber wider Voraussetzung Starhemberg’s tiefere Wurzeln in Wien gefaßt. St. erhielt am 9. December einen ziemlich scharfen Verweis von Seite seiner Regierung, welcher, wie jener sich zugestehen mußte, völlig ungerechtfertigt war. Gekränkt hierüber wollte St. gänzlich aus dem Staatsdienste treten; aber gar bald ließ er sich durch ein Schreiben Colloredo’s wieder beruhigen.

Als am 18. Mai 1804 Bonaparte sich zum Kaiser der Franzosen, und Frankreich selbst zu einem Erbkaiserthum proclamiren ließ, fühlte sich das schwache Ministerium Addington dem neuen Umschwunge der Dinge nicht mehr gewachsen und resignirte. William Pitt, der entschiedenste Gegner Napoleon’s auf englischem Boden, gelangte wieder zur Geltung und erfüllte das nunmehrige Ministerium mit kriegerischer Begeisterung. Auch in Wien begann die Friedenspartei gar bedenklich zu wanken. Die Oppositions- oder die Kriegspartei, wie man sie nannte, wurde angesichts der drohenden Gestaltung der europäischen Weltlage immer mächtiger und arbeitete, Gentz an der Spitze, mit Eifer daran, Cobenzl zum Rücktritte zu treiben. An dessen Stelle sollte Thugut oder Fürst Trauttmannsdorf treten; ja man sprach auch von St. als dem Leiter der künftigen Politik Oesterreichs. Gleich Gentz, mit welchem er seit Ende 1802 in brieflichem Verkehre stand, war St. einer der erbittertsten Gegner Napoleon’s und trat mit aller Entschiedenheit für ein Zusammengehen mit England ein. Kaiser Franz gab endlich dem Drängen der Oppositionspartei insoweit nach, daß er sich zur vierten Coalition Oesterreichs, Englands und Rußlands entschloß. Aber auch diese wurde von Napoleon gesprengt. Das Jahr 1807 führte wegen des für Preußen und Rußland unglücklichen Ausganges des Krieges, einen großen Umschwung der europäischen Politik herbei: Alle Staaten fingen an, in die neue Ordnung der Dinge, wie Napoleon sie geschaffen, sich zu fügen. Ja, das Wiener Cabinet betraute den Grafen St. mit der Vermittlung Oesterreichs zwischen England und Frankreich. Nur ungern unterzog sich der kaiserliche Gesandte, welcher Englands feindliche Haltung gegen den von ihm so sehr gehaßten Emporkömmling durchaus billigte, dieser schwierigen Aufgabe. Als aber England, wie es leicht vorauszusehen war, von einem Nachgeben nichts wissen wollte, brach der Wiener Hof die diplomatische Verbindung mit England ab und berief seinen Vertreter zurück.

St., welcher nach dem am 19. April 1807 erfolgten Tode seines Vaters, diesem in der Reichsfürstenwürde gefolgt und zugleich Besitzer des Fideicommisses der älteren Linie seines Hauses geworden war, verbrachte die Zeit, da er in Disponibilität stand, theils in Wien, theils auf seinen Besitzungen. Mit Begeisterung begrüßte er die kriegerische Stimmung des Jahres 1809 und nur der Umstand, daß er im diplomatischen Fache diente, hielt ihn, wie er selbst gestand, davon ab, gleich anderen in die Landwehr zu treten. Bald nach erfolgtem Kriegsausbruche wurde St. wieder nach England berufen, um zwischen dieser Macht und Oesterreich eine Vereinbarung zu treffen. Napoleon, welcher eine solche um jeden Preis unmöglich machen wollte, war auf das heftigste aufgebracht, daß gerade St., welchen er als einen seiner erbittertsten Feinde kannte, zu dieser Mission ausersehen ward. Indem er einen Preis auf Starhemberg’s Gefangennehmung setzte, hatte dieser mit allerlei Gefahren zu kämpfen, bis er endlich, als jüdischer Handelsmann verkleidet, die englische Küste erreichte. Ende [486] April 1809 langte er in London an, wo er von den leitenden Staatsmännem mit Beweisen freundschaftlicher Gesinnung förmlich überschüttet wurde. Es gelang ihm, jenen Theil seiner Instruction zur Ausführung zu bringen, auf welchen Stadion, der dem Grafen Cobenzl nach dem Preßburger Frieden gefolgt war, ganz besonderes Gewicht legte: die Unterhandlung mit dem Londoner Cabinet inbetreff der Subsidien.

Der Feldzug des Jahres 1809, welcher so unglücklich für Oesterreich endigte, bot Napoleon Gelegenheit, sich, wenn auch in sehr kleinlicher Weise, an dem Fürsten St. zu rächen. Er befahl, während seines Einbruches in Oesterreich, seinen Marschällen, die Starhemberg’schen Besitzungen, welche zumeist an der alten Reichsstraße von Baiern nach Wien gelegen waren, nach Möglichkeit zu verwüsten und zu belasten. Da die französischen Generale in wahrhaft barbarischer Weise dem Auftrage des Eroberers nachkamen, belief sich der Gesammtverlust, welchen St. erlitt, auf weit über eine Million. Weniger durch diesen ihm zugefügten Schaden, als vielmehr durch die Nachricht von dem Abschlusse eines nachtheiligen Friedens, welchen Oesterreich zu Schönbrunn unterzeichnet hatte, wurde St. auf das schmerzlichste berührt. Noch am 17. November 1809 suchte er mittelst eines an Kaiser Franz gerichteten Schreibens, diesem eine gleich kriegerische Stimmung einzuflößen, wie sie ihn selbst beseelte. Der Kaiser nahm das Schreiben seines Gesandten zwar huldvoll auf, aber er ließ sich durch dasselbe nicht im geringsten beeinflussen. Auf Grund des 16. Artikels des Wiener Friedens, laut dessen Oesterreich die von Seite Napoleon’s über England verhängte Continentalsperre anerkannte, wurde die diplomatische Verbindung mit diesem Staate abermals abgebrochen und St. neuerdings abberufen. Am 29. Januar 1810 verließ er London und traf am 24. Februar in Wien ein. Er sah ein, daß ihm als einem dem kaiserlichen Schwiegersohne so mißfälligen Staatsmann, die diplomatische Laufbahn für längere Zeit verschlossen bleiben müsse. Er zog sich deshalb in den engsten Familienkreis zurück.

Das Jahr 1812 aber erweckte neue Hoffnungen in ihm. Die gewaltige Bewegung, von welcher Europa nach dem Rückzuge des für unüberwindlich gehaltenen Corsen aus Rußland ergriffen wurde, theilte sich auch dem auf seinen Besitzungen in zeitlicher Disponibilität lebenden Diplomaten mit, welcher mit fieberhafter Ungeduld den Augenblick herbeisehnte, da Oesterreich sich endlich aufraffen würde, um die Schmach zu rächen, welche es von Seite des verhaßten Feindes hatte erdulden müssen. So begrüßten St. und mit ihm alle Anhänger des Legitimitätsprincips, die Völkerschlacht bei Leipzig als ein Gottesurtheil, welches endgültig über das Schicksal Napoleon’s entschied. St. sah seine diplomatische Laufbahn wieder offen, nach London aber wurde er nicht mehr gesendet. Das Vertrauen des Kaisers berief ihn auf einen anderen, unter den obwaltenden Verhältnissen jedoch nicht unwichtigen Posten, auf jenen von Turin. Hier langte er Mitte Juni 1815 an. Sein Aufenthalt an diesem Hofe sollte bloß ein interimistischer sein; die Schlacht bei Waterloo jedoch und der Einzug der Verbündeten in Paris brachten es mit sich, daß St. fünf Jahre den Turiner Gesandtschaftsposten inne hatte. Im Frühjahr des Jahres 1820, nachdem er noch im Namen des Kaisers um die Hand der Prinzessin Elisabeth von Savoyen-Carignan für den Erzherzog Rainer bei dem König Victor Emanuel von Sardinien angehalten hatte, wurde er zum Gesandten nach Madrid ernannt. Aber erst Mitte October desselben Jahres konnte er seine Abreise nach Oesterreich antreten, da sich die Ankunft seines Nachfolgers, Freiherrn v. Binder, verzögert hatte. Im Spätherbst jedoch gestalteten sich die politischen Verhältnisse in Spanien derart, daß der diplomatische Verkehr mit diesem Staate abgebrochen wurde. Infolge dessen unterblieb die Sendung Starhemberg’s. Derselbe zog [487] sich nunmehr auf seine Güter zurück und verfolgte von hier aus mit dem regsten Interesse den Lauf der Weltbegebenheiten, an denen werkthätig theil zu nehmen, ihm vom Schicksale nicht mehr gegönnt war. 72jährig beendete er am 2. September 1833 sein an Ereignissen und Erfahrungen so reiches Leben.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Florimund Claudius Graf Mercy-Argenteau (1727–1794), österr. Diplomat, siehe NDB.
  2. Vorlage: resten