ADB:Trauttmansdorff, Ferdinand Fürst zu

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Artikel „Trauttmansdorff, Ferdinand Fürst zu“ von Gustav Buchholz in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 524–531, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Trauttmansdorff,_Ferdinand_F%C3%BCrst_zu&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 00:22 Uhr UTC)
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Trauttmansdorff: Ferdinand Fürst zu T., österreichischer Staatsmann, geboren am 12. Januar 1749 in Wien, † am 27. August 1827 in Wien. T. war der Abkömmling eines alten, seit den Tagen Rudolf’s und Ottokar’s mit der Geschichte der habsburgischen Monarchie auf das engste verknüpften Geschlechtes. Unter seinen Vorfahren zählte er jenen Grafen Maximilian v. T., dessen umsichtiger und bedächtiger Politik Ferdinand II. so große diplomatische Erfolge verdankte. Seine Eltern, Graf Franz Norbert v. T. und Maria Anna, geb. Gräfin v. Herberstein, bekleideten Hofchargen unter Maria Theresia und gehörten zur engeren Umgebung der Kaiserin. Er selbst ward als zweiter Sohn von vornherein für den Staatsdienst bestimmt und empfing dementsprechend auf der Wiener Hochschule wie an der Centralstelle des damaligen Reichsrechtes, am Kammergericht zu Wetzlar (1769), eine sorgfältige Vorbildung. Ihren Abschluß fanden seine Lehrjahre nach der Sitte der Zeit in einer größeren Reise durch Europa. Zurückgekehrt, trat er zunächst in den niederösterreichischen Verwaltungsdienst ein, verließ denselben aber nach kurzer Zeit wieder. Der Tod seines älteren Bruders hatte ihn schon einige Jahre früher zum Herrn des großen Familienbesitzes gemacht und seinen Talenten eine weite Bahn geöffnet. Er wandte sich jetzt (1774) der diplomatischen Laufbahn zu und fand in der Wiener Reichskanzlei die vorbereitende Schulung. Bereits im J. 1780 ward ihm die Stelle eines kurböhmischen Gesandten am Regensburger Reichstage anvertraut, mit ihr verbunden seit 1783 auch die Vertretung des Kaisers am fränkischen Kreise. Es war ein diplomatischer Anfangs- und Durchgangsposten, nicht gerade geschaffen, zu großen Erfolgen zu führen. Gleichwol gelang es T. schon hier, ein ungewöhnliches Geschick an den Tag zu legen und die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich zu ziehen. Der Streit Josef’s II. mit den Holländern um die freie Schifffahrt auf der Schelde schien damals zu kriegerischen Verwicklungen zu führen. Für den Durchzug seiner Truppen nach den Niederlanden bedurfte der Kaiser der Zustimmung der Reichsstände. Er fand sie nicht überall. Friedrich d. Gr. schlug sie rundweg ab, andere Stände machten Schwierigkeiten. Im fränkischen Kreise dagegen lief alles glatt ab, hier hatte Trauttmansdorff’s glückliche Hand die Wege geebnet: in persönlicher Verhandlung mit den Fürsten hatte er alle Anstände zu beseitigen gewußt.

Das Vertrauen des Kaisers lohnte ihm. Er erhielt (1785) den Posten am kurmainzischen Hofe, der damals eine ungewöhnliche Bedeutung hatte, freilich auch um so größere Schwierigkeiten bot. Gerade mit Beziehung auf Mainz hat Ranke es einmal ausgesprochen, daß die politische Verhandlung sich an den geistlichen Höfen zu der behutsamsten Vorsicht genöthigt sah. Aber nicht sowol die kleine Intrigue und der Kampf persönlicher Interessen machte diesen Boden damals für [525] den kaiserlichen Gesandten so heiß als vielmehr der große Gegensatz, in welchen sich die josefinische Politik zu der deutschen Kirche gestellt hatte. Vor den ausgreifenden Zielen des Kaisers suchte damals wie das weltliche, so auch das geistliche Fürstenthum bei Preußen Schutz. Als T. in Mainz eintraf, ward in Berlin gerade der Fürstenbund geschlossen, und er mußte es selbst mit ansehen, wie der Mainzer Kurfürst wenige Monate später, trotz seiner Gegenbemühungen, dem feindlichen Bunde beitrat. Um so wichtiger war es, die bevorstehende Wahl eines Coadjutors in österreichischem Sinne zu beeinflussen. Freilich, wie die Dinge lagen, war auch da ein voller Sieg nicht zu hoffen. Schon das mußte als ein Erfolg gelten, wenn nur verhindert wurde, daß ein ausgesprochener Gegner des Kaisers gewählt werde. Und so viel wenigstens wurde erreicht. Die Wahl Dalberg’s (1. April 1787), obwol er gerade der Candidat des Fürstenbundes gewesen war, wurde doch in Wien als ein günstiges Ereigniß angesehen. Und nicht ohne Grund. Der eitle und unklare Mann, dem das phantastische Ziel vorschwebte, die unvereinbaren Gegensätze im Reich zu versöhnen, war jedenfalls kein gefährlicher politischer Gegner. T. wußte ihn dem österreichischen Standpunkt geschickt zu nähern, unter seiner Vermittlung trat er sogar vorübergehend in Correspondenz mit dem Kaiser. Genöthigt, die Acte des Fürstenbundes auch für seine Person zu unterzeichnen, that er es doch nur unter ausdrücklichem Vorbehalt der Treue gegen das Reichsoberhaupt. Noch ein Jahrzehnt später stand er in geheimen Beziehungen zum Wiener Hofe.

Trauttmansdorff’s Haltung unter schwierigen Verhältnissen schien seine Verwendung auf einem der verantwortungsvollsten Posten der Monarchie zu rechtfertigen. Der Kaiser war bei der überstürzten Einführung seiner Reformen in Belgien auf unerwarteten Widerstand gestoßen, vor dem die statthalterliche Regierung in Brüssel zurückgewichen war. Nicht gewillt, diese abgedrungene Nachgiebigkeit gutzuheißen, aber doch noch entschlossen, mit Mäßigung vorzugehen, suchte er einen Mann, der Nachdruck und Festigkeit mit versöhnlichen Formen zu verbinden wußte. Eben die Vereinigung dieser beiden Eigenschaften hatte Trauttmansdorff’s bisheriges Wirken charakterisirt. So fiel die Wahl auf ihn (August 1787). T. selbst war mehr erschreckt wie erfreut, als der Ruf ihn traf. Er verhehlte sich die ungeheueren Schwierigkeiten seiner Aufgabe nicht. Gerade wie die Statthalter Albert und Marie Christine, wie Belgiojoso und Murray, wie Kaunitz selbst und Leopold von Toscana sah auch er den Verlust der niederländischen Provinzen voraus, wenn der Kaiser fortführe, seine grundstürzenden Reformen einer widerwilligen Nation mit Gewalt aufzudrängen. Der erste Rath, den er gab, entsprang dieser Ueberzeugung. Er schlug Josef vor, die Zugeständnisse der Statthalter zu bestätigen und damit zunächst das Vertrauen des Volkes zurückzugewinnen. Mit einem System der Festigkeit ohne Gewaltthätigkeit, der Güte und Milde ohne Feigheit und Schwäche machte er sich sodann anheischig, allmählich und unter Zustimmung der Nation selbst das zu erreichen, was im Sturme und gegen ihren Willen nicht durchzusetzen gewesen war. Sein Ziel war, die öffentliche Meinung und die Opposition der verletzten Interessen zu trennen und auf diese Weise den Ständen den einzigen Rückhalt zu nehmen, der sie gefährlich, ja unüberwindlich machte. Ein Gedanke, gleich hervorragend, man mag ihn als geschickten politischen Schachzug in den Verlegenheiten des Moments oder als den schöpferischen Ausgangspunkt eines neuen, auf die Macht der öffentlichen Meinung gestützten Regierungssystems betrachten. Aber für ein Programm, das die öffentliche Meinung wol beeinflussen und leiten, nicht aber vergewaltigen wollte, war Josef’s Geist nicht zu gewinnen. Hier lag seine Schranke wie die des absoluten Systems überhaupt, das er vertrat. Wol war er zu großen Concessionen bereit: die Einführung der neuen Gerichts- und Verwaltungsorganisation [526] ließ er fallen, aber an den übrigen, vor allem an den verhaßten kirchlichen Reformen hielt er nur um so starrer fest und verlangte von seinem Minister ihre stricte und rücksichtslose Durchführung. Sah sich dieser somit von vornherein vor eine dornenreiche Aufgabe gestellt, so kam noch ein Umstand hinzu, der ihm eine gedeihliche Amtsführung auf das äußerste erschwerte. Das war die Ernennung des Generals d’Alton zum militärischen Commandanten in Belgien unter Bedingungen, die ihn, entgegen dem bisherigen Gebrauch, vollständig unabhängig vom Civilgouvernement machten. D’Alton war ein ehrgeiziger Intriguant brutalsten Schlages, nach der Aussage des Herzogs Albert „wenig um Mittel verlegen, wenn er sein Glück zu gründen hoffte“. Während T., soweit das unter den ihm gesteckten Grenzen noch möglich war, auf die Versöhnung und Beruhigung der Geister hinarbeitete, verlangte D’Alton nur nach einer Gelegenheit zum Dreinschlagen, um seine Verdienste vor dem Kaiser in das beste Licht zu setzen. Er wollte, wie T. sagt, ein Volk besiegen, das nicht mehr im Aufstande, ein Land erobern, das noch nicht verloren war. Da er sich bei dieser Auffassung der Dinge im Grunde weit mehr in Uebereinstimmung mit seinem kaiserlichen Herrn befand, als T. bei der seinen, so war vorauszusehen, daß die militärische Nebenregierung den Minister gerade immer im entscheidenden Moment lahm legen werde.

Unter so hoffnungslosen Auspicien also trat T. sein Amt an (October 1787). Es bedurfte des ganzen Schwunges, dessen seine elastische, frohgemuthe Natur fähig war, um nicht von vornherein zu verzweifeln, es bedurfte des vollen Aufgebots biegsamster diplomatischer Gewandtheit, um zwischen so viel Klippen sicher hindurchzusteuern. Dennoch ließ sich zuerst alles gut an. Als eine Kette von Erfolgen bezeichnete T. selbst später seine Anfänge in Brüssel. Die Niederländer, nach Marie Christinens Zeugniß seit langen Jahren an hochfahrende Minister gewöhnt, brachten dem herablassenden jovialen Manne volles Vertrauen entgegen. Sie sprachen dem Kaiser ihren lebhaften Dank aus, daß er eine, ihnen so günstige Wahl getroffen. Aber nur zu bald machte d’Alton’s brutales Dreinfahren alles wieder zu nichte. Mit den ersten Schüssen, die am 22. Januar 1788 auf das vor dem Brüsseler Stadthaus zusammengerottete Volk abgegeben wurden, war das kaum gewonnene Vertrauen unwiderbringlich verscherzt und die Revolution eingeleitet. Noch zwei Jahre fast hat sich T. im Lande behauptet. Zwischen der Aufsässigkeit und Hartnäckigkeit der Stände auf der einen, dem ungeduldigen Drängen des Kaisers und der Gewaltthätigkeit des Generals auf der anderen Seite hatte er einen schweren Stand. Gezwungen, Ideen zu vertreten, die nicht die seinigen waren und deren Undurchführbarkeit er erkannte, ist er mehr als einmal um seine Entlassung eingekommen, aber der Wille des Monarchen hielt ihn auf seinem Platze fest. Gehorsam und pflichttreu harrte er aus, immer bemüht, Maßhaltung mit Festigkeit zu paaren und Gewaltmaßregeln zu verhindern. Was er auch so – mit gebundenen Händen, möchte man sagen – geleistet hat, ist bewundernswerth. Zu Anfang des Jahres 1789 schien es wirklich, als sei der Widerstand der Stände gebrochen und die ruhige Unterwerfung des Landes eingeleitet. Der Kaiser drückte dem Minister seine Zufriedenheit durch Verleihung des goldenen Vließes aus, er dachte daran, ihn zum Reichsvicekanzler, ja zum Nachfolger von Kaunitz zu machen. Aber mit den bisherigen Erfolgen nicht zufrieden, wollte er nun auch seinen Sieg krönen und das System von 1787 ohne Abzug durchführen. Vergebens wandte T. alle seine Beredsamkeit dagegen an, d’Alton’s Einfluß entschied. Er mußte sich selbst dazu hergeben, all die unheilvollen Maßregeln ins Werk zu setzen, welche das Volk zur Verzweiflung und in den offenen Aufruhr hineintrieben. Er war Zeuge der ohnmächtigen Schreckensherrschaft d’Alton’s, seiner unrühmlichen Niederlagen und überstürzten Rückzüge. [527] Den völligen Zusammenbruch der kaiserlichen Sache vor Augen, nahm er es auf sich, in den Edicten vom 20. bis 25. November 1789 alle mißliebigen Reformen zurückzunehmen und die alte Verfassung wiederherzustellen. Es war zu spät. Auch in Brüssel brach die Revolte los und d’Alton fand nicht den Muth zu entschlossenem Widerstande. Er zog ab unter Preisgabe aller Vorräthe, Gelder und Acten. T. blieb sich auch in dieser Lage treu. Er war der einzige, der nicht den Kopf verlor und dem Kaiser zu retten suchte, was noch zu retten war. Furchtlos erklärte er den Brüsseler Bürgern, nachdem schon der General mit dem größten Theil der Truppen die Stadt verlassen, er werde auch ohne militärische Bedeckung bei ihnen bleiben, wenn die Bürgergarde sich für seine persönliche Sicherheit verpflichte. Erst als diese ausblieb und das letzte österreichische Bataillon sich anschickte, ihn inmitten einer aufrührerischen Bevölkerung allein zu lassen, entschloß auch er sich blutenden Herzens die Stadt zu verlassen (12. December 1789).

Die Demüthigung dieses Tages bildet den Abschluß von Trauttmansdorff’s Wirksamkeit in Belgien. Der Kaiser, dessen Auflösung dieser Ausgang beschleunigte, schob alle Schuld auf seine Rathgeber, er stellte d’Alton vor ein Kriegsgericht und rief T. ab. Auch als unter Leopold die Wiederbesetzung des Landes erfolgte, war von der Verwendung Trauttmansdorff’s nicht mehr die Rede. In seiner Zurückgezogenheit schrieb dieser damals als Antwort auf öffentliche Angriffe eine Apologie seiner belgischen Verwaltung, für uns eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte der belgischen Revolution, zugleich aber ein schönes Document für die feste, dabei versöhnliche und dem Gegner gerechte Denkungsweise ihres Schreibers. Ein Zug von unbedingter Wahrhaftigkeit und Ritterlichkeit geht durch diese Blätter hindurch.

Auch in Wien verfehlten sie nicht Eindruck zu machen. Unter dem jungen Kaiser Franz trat T. wieder in den Staatsdienst ein. Es war eine Ehrenerklärung für ihn und seine belgische Politik, wenn gerade er nunmehr dazu ausersehen wurde, das kaum der französischen Occupation entrissene Land wieder unter eine geordnete österreichische Verwaltung zurückzuführen (Februar 1793). Seine Stellung war die eines Hofkanzlers für die Niederlande in Wien, von ihm hatte der ältere Metternich, statthalterlicher Minister in Brüssel, seine Weisungen zu empfangen. Trauttmansdorff’s Politik war auch jetzt die der Maßhaltung und Versöhnung. Sie war von unkluger Revanche ebensoweit entfernt wie von unfruchtbarer Nachgiebigkeit gegen die Stände. Die josefinischen Ideale blieben begraben. Unter den schwierigen Verhältnissen des Augenblicks konnte es sich ohnehin nur darum handeln, an die gegebenen Ordnungen anzuknüpfen. Darum ward die Wiederherstellung und Erhaltung der ständischen Verfassung auf dem Fuße der Zustände unter Maria Theresia von vornherein als Norm proclamirt und – bezeichnend genug für den Geist der neuen Verwaltung – gleich in der ersten Weisung an den statthalterlichen Minister ausdrücklich erklärt, daß der Kaiser entschlossen sei, die öffentliche Meinung nicht vor den Kopf zu stoßen. Bei alledem war T. gewillt, sich von den Ständen nichts abtrotzen zu lassen und etwaigen Angriffen auf die alten Kronrechte mit Ernst und Nachdruck zu begegnen. Leider war es ihm auch diesmal nicht vergönnt, seine gesunden staatsmännischen Ideen zu verwirklichen. Wie vordem d’Alton, so zerstörte nun Metternich seine besten Absichten. Hatte der eine seine Politik durch gewaltthätigen Ehrgeiz compromittirt, so verdarb der Andere alles, wie Kaiser Franz selbst klagte, durch seine „abscheuliche Nachgiebigkeit“. So viel Weisungen und Briefe auch von Wien aus an ihn verschwendet wurden, er war niemals zu festerem Einstehen zu bewegen. Während sich infolgedessen zwischen dem leitenden und ausführenden Minister ein ganz unerträgliches Verhältniß entwickelte, [528] das in einen förmlichen Federkrieg ausartete und die Regierung selbst so gut wie lahm legte, errangen die Stände Sieg über Sieg. Sie drängten Metternich von einer Position zur anderen zurück, aber sie zeigten sich deshalb keineswegs williger zu einer stärkeren Anspannung der finanziellen Kräfte des Landes, auf die für Oesterreich gerade jetzt so viel ankam.

Die Siege der Franzosen im Sommer 1794 und die erneute, nunmehr definitive Räumung Belgiens durch die Oesterreicher machten diesen unerquicklichen Zuständen ein Ende. Mit der Auflösung des niederländischen Gouvernements trat auch T. wieder zurück, er verschwindet nunmehr für eine Reihe von Jahren vom großen Schauplatz. Es war die für Oesterreich so verhängnißvolle Epoche, in welcher der Thugut’sche Einfluß dominirte. Der kaum gefaßte Gedanke einer Aussöhnung zwischen Oesterreich und Preußen ward aufgegeben, an seine Stelle trat bitterster Antagonismus gegen den preußischen Rivalen und eine Politik, die in hochfliegenden Plänen von ungemessener Expansion des österreichischen Besitzes und Einflusses schwelgte. In diesem Oesterreich Thugut’s war für ein staatsmännisches Wirken Trauttmansdorff’s kein Raum. Sein loyaler und offener Charakter sträubte sich gegen eine Politik des Mißtrauens und des versteckten Ehrgeizes, sein nüchterner Blick sah ihre ungeheueren Gefahren für die Monarchie voraus. Er war am Hofe des Kaisers Franz, der ihm stets sein persönliches Wohlwollen und sein Vertrauen bewahrte, neben dem alten Marschall Lascy der ausgesprochenste Gegner des herrschenden Systems. Man sah in ihm schon zu Anfang des Jahres 1794 den künftigen Nachfolger des Ministers. Dieser haßte den Rivalen mit Erbitterung, er verfolgte ihn, wie seine intimen Briefe zeigen, mit Nadelstichen und Gehässigkeiten, aber wenn es ihm gelang, T. von den Geschäften fernzuhalten, so konnte er doch nicht hindern, daß der Kaiser ihn bei jeder wichtigeren Wendung der Ereignisse um seinen Rath fragte. Es ist bekannt, daß Kaiser Franz niemals einen Entschluß faßte, ohne vorher von den verschiedensten Seiten Meinungen, Gutachten und Rathschläge eingeholt zu haben. Oft genug ist diese Nebenregierung unverantwortlicher Rathgeber zum Unheil der Monarchie ausgeschlagen. Hier möchte man im Gegentheil beklagen, daß Trauttmansdorff’s Einfluß sich nicht wirksam genug erwies, die österreichische Politik aus den Bahnen des Thugut’schen Systems herauszuführen. Auch so sind die Denkschriften, in denen er seine Anschauungen über die jeweilige Lage niedergelegt hat, für die historische Betrachtung von nicht zu unterschätzendem Werth. Indem sie die Thugut’sche Amtsführung in ihrem ganzen Verlauf mit ihrer Kritik begleiten, spiegeln sie auf das treueste jene politische Unterströmung wieder, die in diesen Jahren am österreichischen Hofe mit der herrschenden Richtung um Einfluß und Geltung rang und in T. ihr Haupt und ihren Wortführer fand. Zunächst von dem Satze ausgehend und auf ihn unermüdlich zurückkommend, daß es unmöglich sei, den Krieg mit Frankreich in dieser Weise fortzuführen, schreiten die Denkschriften mit der Zeit dazu fort, dem Kaiser ein vollständiges Regierungsprogramm zu entwickeln. Und hier ist es nicht mehr der Wortführer einer Partei, sondern der selbständig denkende Staatsmann, der aus ihnen spricht. Vor allem dem erleuchteten Gedanken, den wir T. schon unter Josef verfechten sahen, daß eine gesunde Regierung die öffentliche Meinung auf Schritt und Tritt berücksichtigen, Vertrauen zum Volk haben und das Vertrauen des Volkes suchen müsse, begegnen wir hier von neuem. Daneben dem Satze, daß es auch Europa gegenüber darauf ankomme, das Mißtrauen und die Eifersucht zu zerstören, welche Thugut’s gewundene Politik einflöße, daß man eine offene, loyale und anständige Politik einschlagen und ehrlich auf alle chimärischen Vergrößerungsabsichten verzichten müsse. Bei alledem kommt eine gesunde österreichische Interessenpolitik in den Denkschriften zu ihrem vollen Rechte. [529] Schon 1796 warnt T. davor, sich nicht über unausführbaren Plänen und zugleich in kurzsichtiger Opposition gegen die doch unvermeidliche Säcularisation des deutschen Kirchenguts der einzigen Möglichkeit zu begeben, den österreichischen Einfluß und Besitz auf legale Weise auszudehnen. Unablässig aber betont er, daß es darauf ankomme, ein klares politisches System zu ergreifen und sich nicht planlos von den Ereignissen treiben zu lassen. Er schlägt zu diesem Zweck die Ersetzung des ministeriellen Absolutismus durch ein collegialisches Conferenzministerium vor, welches unter dem Vorsitz des Kaisers beriethe und die consequente, stetige Durchführung einer nüchternen und loyalen Politik verbürge, ein Gedanke, den Erzherzog Carl im J. 1801 wieder aufgenommen hat.

Die Schlacht bei Hohenlinden und der Friede von Lüneville führten endlich den Sturz Thugut’s herbei, aber sein System fiel noch nicht mit ihm. Freilich für einen Moment konnte es so scheinen. Der Kaiser berief im Januar 1801 den Grafen T. zu interimistischer Verwaltung der auswärtigen Geschäfte unter formeller Oberleitung des Cabinetsministers Colloredo und zur Vertretung des in Lüneville weilenden Vicekanzlers L. Cobenzl. Aber dieses Trauttmansdorff’sche Ministerium blieb eine Episode, wegweisend zwar, doch von kurzer Dauer. Allerdings glaubte man anfangs allgemein, aus dem Interimisticum werde sich ein bleibender Zustand entwickeln und Cobenzl mit dem Posten in Paris oder Petersburg abgefunden werden. Aber binnen kurzem wurden andere Einflüsse im Cabinet des Kaisers mächtiger. Es war das System Thugut’s, verkörpert in Colloredo, das noch einmal den Sieg davontrug über die neue Richtung, welche schon längst die öffentliche Meinung beherrschte. Colloredo konnte sich mit einem System nicht befreunden, das so rücksichtslos alle Traditionen der Thugut’schen Politik über den Haufen warf, und setzte die Rückkehr des Vicekanzlers auf seinen Posten durch (Sept. 1801). T. trat nach achtmonatlicher Geschäftsführung wieder ab, die österreichische Politik aber lenkte im wesentlichen, wenn auch ohne die alte Kraft, wieder in die alten Bahnen ein. Erst bei Austerlitz hat das System Thugut’s seinen Todesstoß erhalten.

Die Geschichte des kurzen Ministeriums Trauttmansdorff’s ist noch nicht geschrieben worden. Es ist hier nicht der Ort, sie im einzelnen zu verfolgen. In ihren Grundzügen stellt sie sich als der erstmalige Versuch dar, ein Programm, wie es die Denkschriften zeichneten, praktisch durchzuführen. Darin liegt ihre historische Bedeutung, der entscheidende Fortschritt, den sie gegenüber dem System Thugut’s bedeutet und durch den sie die Politik Stadion’s vorbereitet. In bewußter Abkehr von der bisherigen „listigen und verdrehten Politik, wodurch alles Vertrauen verscherzet wird“, machte T. den Versuch, „das verlorene Zutrauen durch Annahme eines auf Rechtschaffenheit und bescheidene Freimüthigkeit gegründeten Systems“ wieder zu erwerben. Ohne sich nach irgend einer Richtung hin zu binden, ohne es vor allem schon jetzt bei der völligen Erschöpfung aller Hülfsmittel Oesterreichs zu einer neuen Coalition gegen Napoleon kommen zu lassen, wollte er doch diese Coalition diplomatisch vorbereiten. Daß er sich zu diesem Zweck Rußland näherte, war der gegebene Weg und mag ihm nicht weiter zum Verdienst angerechnet werden. Etwas entscheidend Neues aber und ein Schritt von weitreichender Bedeutung war es, daß er auch eine Verständigung mit Preußen suchte, ja daß er sogar die große innerdeutsche Säcularisations- und Entschädigungsfrage im Verein mit dem „natürlichen Feinde“ freundschaftlich zu lösen unternahm und zu diesem Zweck die Sendung Stadion’s nach Berlin durchsetzte. Der Erfolg war überraschend. Schon war man dem Abschluß nahe, als die sehr wider Trauttmansdorff’s Willen aufgerollte Münster’sche Wahlaffaire das kaum gewonnene preußische Vertrauen auf eine [530] harte Probe stellte. Dennoch gingen die Verhandlungen fort und T. hoffte noch auf einen guten Ausgang, – da kam Cobenzl zurück, und erst von diesem Moment an datirt der schroffe Abbruch auf österreichischer Seite und infolgedessen der Wiedereintritt Preußens in die Verhandlung mit Frankreich.

Mit dem September 1801 schließt die öffentliche politische Wirksamkeit Trauttmansdorff’s ab. Freilich sein persönliches Vertrauensverhältniß zu Kaiser Franz erfuhr auch jetzt keine Trübung. Und von dem Vorrechte, welches diese Stellung ihm verlieh, hat er nach wie vor Gebrauch gemacht. Seine Denkschriften sind erfüllt von dem Gedanken, daß nur eine Defensivallianz aller noch unabhängigen Mächte Europas, einschließlich Preußens, dem neugeschaffenen französischen Coloß einen Widerstand entgegenzusetzen vermöge und das diesem einen wahren allgemeinen Feinde gegenüber alle übrigen kleinen Jalousien und Gehässigkeiten aufhören müßten. Aber die Ausführung dieser Gedanken hat er nicht mehr selbst in die Hand nehmen dürfen. Wol war vorübergehend davon die Rede, daß er Cobenzl ersetzen solle, aber als dann nach Austerlitz das alte System definitiv verlassen wurde, da war es Stadion und nicht T., der die Durchführung der neuen Politik übernahm. Nur als Zuschauer hat er die Verwirklichung der Ideen erlebt, als deren unermüdlicher Verfechter er Jahre hindurch im stillen gewirkt hatte. Sein Kaiser erhob ihn am 12. Januar 1805 in den erblichen Fürstenstand und ernannte ihn im August 1807 zu seinem ersten Oberhofmeister. Volle zwanzig Jahre hat er dies Amt bekleidet. Der Glanz der Repräsentation, welchen der Wiener Hof zur Zeit des Congresses entfaltete, war sein Werk. Von politischen Geschäften scheint er sich in dieser Stellung streng ferngehalten zu haben. Bis zuletzt unermüdlich thätig, ist er am 27. August 1827 verschieden.

Trauttmansdorff’s staatsmännische Laufbahn ist nicht vom Glück begünstigt worden. Es war ihm niemals vergönnt, seine politischen Ideale frei und ungehindert zu verwirklichen. Dreimal an eine leitende Stelle berufen, ward er jedesmal bei der Ausführung seiner Pläne durch fremde Einwirkungen lahm gelegt oder verdrängt. Auch über seinem Nachruf hat ein Unstern gewaltet. Die Denkschriften, in denen sich seine staatsmännische Begabung erst enthüllt, blieben bis auf den heutigen Tag unbekannt und harren noch ihrer Würdigung. Nur daß eine gelegentliche Erwähnung in einem Gesandtschaftsberichte einmal den Eindruck wiederspiegelt, den sie am Hofe machten. Sein kurzes Ministerium des Auswärtigen blieb verschollen. Wo er thatsächlich alles leitete, schien er nur in abhängiger Stellung die Ideen eines Anderen auszuführen. Wo sich ein in sich durchdachtes System unter Hemmungen von außen doch siegreich durchsetzte, um dann in raschem Wechsel vom Nachfolger wieder aufgegeben zu werden, konnte man begreiflicher Weise nur unerklärbare Widersprüche und Schwankungen erblicken. Am schlimmsten ist es seinem Charakter ergangen. Dieser Mann, den ritterliche Loyalität in hervorragendem Maaße auszeichnet, erschien seit der Veröffentlichung von Thugut’s vertraulichem Briefwechsel im Lichte eines höfischen Intriguanten und Cabalenmachers. Ein tiefer dringendes Urtheil wird nicht bloß seinem sittlichen Wollen, sondern auch seinem staatsmännischen Können Gerechtigkeit widerfahren lassen. In einer Zeit, wo die österreichische Politik sich auf verhängnißvollen Irrbahnen bewegte, war er es, der dem Staate die Wege wies, welche später zu seiner Wiedergeburt führten.

Nekrolog Seiner Durchlaucht des Fürsten Ferdinand zu Trauttmansdorff-Weinsberg und Neustadt am Kocher. Aus der Wiener Zeitung vom 10. April 1828 besonders abgedruckt, Wien 1828 (danach Wurzbach, Biogr. Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Thl. 47, S. 57–61). – Ad. Borguet, Histoire des Belges à la fin du XVIIIe siècle, 2. éd., T. 1–2, Brüssel 1861–62. – [531] Fragments pour servir à l’histoire des événemens qui se sont passés aux Pays-Bas depuis la fin de 1787 jusqu’en 1789. Publiés par le Comte de Treauttmansdorff. Avec des notes explicatives, Amsterdam 1792. – H. R. v. Zeißberg, Belgien unter der Generalstatthalterschaft Erzherzog Karl’s (1793, 1794), Thl. 1–2. (Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, philos.-hist. Classe, Bd. 128 u. 129), Wien 1893. – Für die späteren Jahre sind die archivalischen Vorarbeiten des Verfassers zu einer umfassenderen Darstellung dieser Verhältnisse benutzt.