ADB:Stark, Karl Bernhard

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Artikel „Stark, Karl Bernhard“ von Richard Hoche in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 488–490, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stark,_Karl_Bernhard&oldid=- (Version vom 15. September 2019, 21:42 Uhr UTC)
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Stark: Karl Bernhard St., hervorragender Archäologe des 19. Jahrhunderts. Er wurde als der Sohn des Professors der Pathologie und Geheimen Hofrathes Karl Wilhelm St. (s. S. 491) am 2. Octbr. 1824 in Jena geboren, erhielt hier auch seine erste Schulbildung auf dem Gräfe-Brzoska’schen Institute. Da Jena damals eines Gymnasiums noch entbehrte, so besuchte er von 1838 an das unter Leitung von G. Kießling stehende Gymnasium zu Hildburghausen und nach dessen Absolvirung (1841) noch ein Jahr lang die Landesschule zu Pforta, deren Rector damals K. Kirchner war. 1842 kehrte er in das Elternhaus zurück und widmete sich nun in Jena dem Studium der classischen Philologie. Hier hat er vorzugsweise K. W. Göttling’s fördernden Einfluß genossen. Nachdem er sodann seine Studien einige Semester in Leipzig, wo G. Hermann ihm freundliches Interesse zuwandte, fortgesetzt hatte, ging er nach Berlin und hatte hier das Glück, August Boeckh näher zu treten und ein ganzes Jahr in dessen Hause verleben zu können. Die durch den täglichen Verkehr mit diesem gewonnene Anregung ist für die Richtung seiner Studien entscheidend geworden; St. beabsichtigte später, seiner Pietät gegen Boeckh in einer ausführlichen Biographie desselben Ausdruck zu geben, hat jedoch diesen Plan nicht mehr zur Ausführung bringen können. Aber der werthvolle Artikel über Boeckh in der A. D. B. (s. II, 770 ff.) legt Zeugniß von der dankbaren Gesinnung ab, welche er dem vortrefflichen Mann zeitlebens bewahrte. – Im J. 1845 promovirte St. in Jena mit einer gehaltvollen Dissertation „Quaestionum Anacreonticarum libri II“ und blieb dann bis 1847 in der Heimath, mit archäologischen Studien und Privatvorlesungen über Kunstgeschichte beschäftigt. Im Beginn des Jahres 1848 unternahm er seine erste größere wissenschaftliche Reise über München nach Italien; in Venedig, Florenz, Rom und Neapel verweilte er längere Zeit zum Studium der antiken und mittelalterlichen Kunstschätze. Im Herbst 1848 kehrte er nach Jena zurück, erwarb sich hier mit der Dissertation „De Tellure dea deque eius imagine a Manuele Phile descripta“ die venia legendi und habilitirte sich darauf als Privatdocent für classische Philologie und Archäologie; bereits 1850 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt.

Nachdem St. schon 1851 eine größere Arbeit über „Albrecht Dürer und seine Zeit“ in der Zeitschrift Germania hatte erscheinen lassen, trat er im folgenden Jahre mit der wichtigen und bedeutenden Abhandlung „Archäologische Studien zu einer Revision von Müller’s Handbuch der Archäologie“ in der Zeitschrift für Alterthumswissenschaft hervor und erregte bereits hierdurch die [489] Aufmerksamkeit der Fachgenossen. Mehr noch geschah dies durch sein – in demselben Jahre erschienenes – erstes größeres Werk „Gaza und die philistäische Küste, Forschungen zur Geschichte und Alterthumskunde des hellenischen Orients“, in welchem er „auf einem verhältnißmäßig eng begrenzten Gebiete die Wechselwirkung der hauptsächlichsten Culturmächte des Orients unter sich und besonders gegenüber der hellenischen Welt“ darzustellen versuchte. In zwei Büchern behandelt das Werk die politische Entwicklung und culturgeschichtliche Stellung der philistäischen Städte in der Zeit der orientalischen Abgeschlossenheit vor der Eroberung Gaza’s durch Alexander und in der Zeit des Hellenismus bis zum Vordringen des Muhamedanismus. – Im J. 1852 unternahm St. seine zweite wissenschaftliche Reise durch Frankreich und Belgien; vorwiegend die in den Provinzialstädten vorhandenen, noch weniger bekannten Kunstschätze bildeten den Gegenstand seiner eingehenden Studien. Die Ergebnisse hat er in dem im J. 1855 erschienenen Werke „Städteleben, Kunst und Alterthum in Frankreich, nebst einem Anhange über Antwerpen“ niedergelegt; die Frische der Darstellung und die lebendige Schilderung von Land und Leuten geben diesem Buche einen besonders anziehenden Reiz.

Das Jahr 1855 brachte St. die Berufung als ordentlicher Professor der Archäologie und Mitdirector des philologischen Seminars an der Universität Heidelberg. Es wartete seiner hier, wo das Studium der Archäologie seit Creuzer’s Rücktritte ganz vernachlässigt war, eine großé Aufgabe, die er mit vielem Geschick und Glück gelöst hat; ein archäologisches Museum, zu welchem nur kümmerliche Anfänge in der Bibliothek vorhanden waren, wurde durch ihn geschaffen und in würdiger Weise gestaltet, das wissenschaftliche Studium der Archäologie in Heidelberg überhaupt erst begründet. Seine wissenschaftliche Bedeutung, sein Lehrgeschick und die liebenswürdige und anregende Art seines Verkehrs mit der studirenden Jugend verschafften ihm sehr bald eine angesehene und gesicherte Stellung an der Universität. Neben der akademischen Thätigkeit füllte die ersten Heidelberger Jahre vornehmlich die Neubearbeitung der „Gottesdienstlichen Alterthümer der Hellenen“ von K. F. Hermann aus, in der er mit pietätvoller Schonung der Eigenart des Werkes, das seit dem Erscheinen desselben gewonnene wissenschaftliche Material zur Darstellung brachte; das Buch erschien 1855. In ähnlicher Weise hat St. später auch K. F. Hermann’s griechische Privatalterthümer (1870) und die griechischen Staatsalterthümer (1875) neu bearbeitet. – Von den bald nach seiner Uebersiedlung nach Heidelberg begonnenen „Mythologischen Parallelen“, welche wie das oben erwähnte Werk über Gaza, der Darlegung der zwischen Orient und Griechenland vorhandenen Wechselwirkungen diente, ist nur das erste Stück „Die Wachtel, Sterneninsel und der Oelbaum im Bereiche phönikischer und griechischer Mythen“, 1856 erschienen.

Das zweite selbständige größere Werk, dessen Vorbereitung die Jahre seit 1855 wesentlich gewidmet gewesen waren, erschien 1863 unter dem Titel „Niobe und die Niobiden in ihrer litterarischen, künstlerischen und mythologischen Bedeutung“. Diese Schrift unterzieht die gesammte antike, litterarische und künstlerische Darstellung des Niobecultus, seine ethnologische Stellung und innere Bedeutung einer eingehenden Prüfung, und versucht namentlich die an die uns erhaltene Niobidengruppe sich anschließenden Probleme zu lösen. – Neben diesen größeren Arbeiten ging in Heidelberg eine eifrige Beschäftigung mit den in der Umgegend erhaltenen Resten des Alterthums her; ein Ergebniß dieser Beschäftigung war u. a. die im J. 1867 erschienen Schrift „Ladenburg am Neckar und seine Funde“. Im J. 1871 erfüllte sich St. ein lange gehegter Wunsch, als ihm durch die Unterstützung der badischen Regierung eine Reise nach Griechenland und in den griechischen Orient ermöglicht wurde. Er besuchte Troja, [490] Smyrna, die Ruinen von Ephesus, das Tantalusgrab und den Niobefelsen, verweilte längere Zeit in Athen, von wo er in mehrfachen Ausflügen Griechenland durchstreifte und kehrte erst Ostern 1872 nach Heidelberg zurück. In einer überaus anziehenden Reiseschilderung „Nach dem griechischen Orient“, hat er 1874 die gewonnenen Eindrücke veröffentlicht. – Sogleich nach der Rückkehr begann er die letzte größere Arbeit seines Lebens, das „Handbuch der Archäologie der Kunst“, zu dessen Herstellung er sich nun erst hinreichend vorbereitet glaubte. Die Ausarbeitung dieses ausgezeichneten Werkes, welches er leider nicht mehr vollendet sehen sollte, hat hauptsächlich die letzten Jahre, in welche u. a. auch das Rectorat der Universität 1873 fiel, ausgefüllt. Nur die erste Abtheilung des ersten Bandes ist noch von St. selbst herausgegeben, die zweite Abtheilung dieses Bandes hatte er wenigstens noch druckfertig machen können. – Im September 1879 kehrte St. von einer Reise nach Baiern krank zurück; eine rasch sich entwickelnde Krankheit raffte ihn bereits am 12. October 1879 dahin.

Nekrolog von Frommel im Bursian-Calvary’schen biographischen Jahrbuche von 1880, S. 40–44. Daselbst S. 44 f. ein Schriftenverzeichniß von Bursian. – Bursian, Geschichte der Philologie S. 1100 ff. und an mehreren anderen Stellen.