ADB:Steen, Jan

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Artikel „Steen, Jan“ von Joseph Eduard Wessely in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 544–545, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Steen,_Jan&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 02:01 Uhr UTC)
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Steen: Jan St., vorzüglicher Gattungsmaler, geboren in Leyden 1626, † 1679. Er war der Sohn eines Brauers, sein erster Lehrer in der Kunst war der wenig bekannte Knupfer, sein zweiter Jan van Goyen. Seit Houbraken, der sein Leben zu einem Roman ausspinnt, war sein Leben mit allerhand Anekdoten überzogen, so daß man schließlich über dem Künstler nur den emsigen Besucher der Kneipe, den großen Verehrer des Weins erblickte. Wie bei den vielen holländischen Schilderern der Trinkgesellschaften und der Wirthshausfreuden, glaubte man auch bei St. mit dem Urtheil eines Houbraken über ihn das Richtige getroffen zu haben: Seine Bilder gleichen seiner Lebensweise und diese seinen Bildern. Man hat offenbar letztere nicht gerecht beurtheilt. Die Forschung der Neuzeit hat sich bemüht, das Unrecht, das dem Maler durch die Klatschsucht seiner Zeitgenossen und ihrer Nachbeter zugefügt worden ist, gut zu machen. Manches vom lustigen Leben blieb freilich als Wahrheit noch hängen, was ihm aber vor der classischen Entwicklung seiner Kunst gern verziehen wird. Nicht Jeder kann ein ascetischer Einsiedler sein und nur ernste Heiligenbilder malen. Der Meister wurde 1648 in Leyden in die Lucasgilde aufgenommen, das Jahr darauf ehelichte er die Tochter seines Lehrers van Goyen und wieder ein Jahr später erscheint er als Brauer in Delft. In der Führung des Geschäftes fehlte ihm Energie, was bei Künstlern sich oft wiederholt; wenn er als Brauer Schiffbruch litt, malte er als Künstler nothgedrungen Bilder und brachte sich alsbald in die Höhe. Im J. 1669, nach dem Tode seines Vaters, zog er wieder nach Leyden, wurde daselbst mit Erlaubniß der Stadt Herbergsvater und starb im väterlichen Hause 1679. Das Haus, sein Eigenthum, wurde erst nach seinem Tode verkauft, ein Beweis, daß der Künstler wirthschaftlich sich nicht zu Grunde gerichtet hatte. – Ein Beweis, wie die Werthschätzung seiner Bilder sich bald nach seinem Tode steigerte, bleibt es, daß Bilder, für die der Künstler etwa 80–100 Gulden erhielt, zu Ende des Jahrhunderts schon mit 130 Gulden bezahlt wurden, im 18. Jahrhundert sich bis 350 Gulden steigerten und in der Gegenwart, wenn sie im Kunsthandel vorkommen und zu den Hauptwerken des Meisters gehören, nur um viele Tausende zu haben sind. Es werden an 500 Bilder seiner Kunst nachgewiesen, darunter viele classische Hauptbilder; auch ein Beweis, daß ein angeblicher Durst und das Wirthshausleben seine Kunstthätigkeit unmöglich im Arbeiten hindern konnten. Freilich war St. ein Genie; was er sieht, wird bei ihm zum Bilde und dieses ohne jegliche Mühe, ohne Vorarbeiten und Studien, in vollendeter Farbengebung zum Ausdruck gebracht. Dabei ist es ihm gegeben, jeglichen Gemüthscharakter treu wiederzugeben. Daß die Satyre, der Schalk zuweilen sich vordrängt, ist leicht zu begreifen. In seinen figurenreicheren Compositionen athmet die Zusammenstellung volles Leben, der Gesichtsausdruck, die Bewegung der einzelnen Personen, ist ein treues Porträt dieses Lebens. Der Meister verfügt über ein ausgebreitetes Gebiet, aus dem er Stoffe für die Darstellung wählt. Wie seine Beschäftigung als Brauer, Wirth und [545] Maler ihn mit den verschiedensten Menschenclassen zusammenführt, so ist auch der Stoff seiner Bilder reichhaltig und lebensvoll; Kneipscenen, Gesellschaften, frohes Familienleben, Feste aller Art, Quacksalber, Spieler, Krankenstuben mit ärztlicher Consultation, Hochzeiten, Dreikönigsfeste und dergleichen, das alles in vielfacher Wiederholung bietet sich unseren Augen wie ein Kaleidoscop dar. Auch einige biblische Scenen kommen vor, besonders wenn ihr Gegenstand sich in der Art des profanen Lebens darstellen ließ, wie das Fest des Ahasverus, die Hochzeit in Cana, der verlorene Sohn bei den Dirnen, der Reiche und der arme Lazarus. Außerdem geschichtliche Thatsachen, wie der Raub der Sabinerinnen, Antonius und Cleopatra. Die Bilder J. Steen’s sind in den öffentlichen und privaten Sammlungen Europas zerstreut, die meisten befinden sich in England. Als Hauptbilder gelten in Amsterdam: „Das Fest zu Ehren Wilhelm’s III.“, „Das Niclasfest“; in der Sammlung van der Hoop: „Die kranke Frau“, „Familienscene“; im Haag: „Aerztliche Besuche“ (zweimal verschieden), das berühmte Bild des menschlichen Lebens; in Berlin: „Der Heringsesser“; in München: „Eine Schlägerei“; in Wien, kaiserl. Sammlung: „Bauernhochzeit“; in Braunschweig: „Der Ehecontract“, ein berühmtes Bild, das schon Houbraken beschreibt und sehr lobt, dann „Eine fröhliche Gesellschaft“ mit trefflicher Farbe; in Kassel: „Ein Bohnenfest“; in St. Petersburg: „Esther vor Ahasverus“. Auch einige Radirungen gehören ihm an. – Bei diesem Schaffensreichthum des Meisters ist es erklärlich, daß sich viele Stecher von diesem angezogen fühlten und zahlreiche Bilder desselben, zum Theil in trefflichen Reproductionen, der näheren Beachtung zuführten; wir nennen nur Avril, R. Brockshaw, L. A. Clemens, J. C. Baquoy, J. Gole (das Bildniß Steen’s als Citherspieler, ein treffliches Blatt), V. Green, J. Stolker u. a.

Siehe Houbraken, Immerzeel, Kramm, van Westerheene, C. Lemcke (in Dohme’s Kunst u. Künstler). – Galeriekataloge.