ADB:Steinbacher, Josef

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Artikel „Steinbacher, Josef“ von Erich Ebstein in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 460–463, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Steinbacher,_Josef&oldid=- (Version vom 15. Oktober 2019, 21:55 Uhr UTC)
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Steinbacher: Josef St., Mediciner, wurde als Sohn eines Eisenmeisters oder Gefängnißwärters in Augsburg am 17. April 1819 geboren. Er studirte und promovirte in München im J. 1847. Seine pathologisch-anatomische Inauguralabhandlung (gedruckt bei G. Franz) handelte „über die Knochenverletzungen der Leibesfrüchte während der Schwangerschaft“. Der Fall betraf eine Patientin, die St. vom März 1846 ab in der kgl. Gebäranstalt in [461] München beobachten konnte; er zieht den Schluß, daß die unmittelbar nach der Geburt beobachtete Impression auf dem linken Stirnbeine weder durch eine Verletzung während der Geburt noch später bedingt gewesen sein könne, sondern einzig und allein nur auf eine Gewalteinwirkung (Anstemmen des Wassereimers an die linke Seite des Unterleibes) zu beziehen sei, die sich die Gravida im 8. Monat zugezogen habe.

Die folgenden Jahre verwandte St. zu seiner weiteren Ausbildung; er war auch eine Zeit lang Assistent in Augsburg. Unter seinen Lehrern gedenkt St. besonders des Dr. Ott, der schon anno 1828 Docent für Chirurgie und Augenheilkunde war, und der ihm als Freund und Lehrer väterlich in seinen wissenschaftlichen Bestrebungen zur Seite stand. Er war es, der St. zuerst auf den Naturarzt Schroth (s. o. S. 219) und dessen „tief physiologische Grundsätze“ aufmerksam machte und ihn stets ermunterte, zwecks eigenen Studiums und zur besseren Ausbildung sich dorthin zu begeben, wo seines Wissens von ganz Baiern kein Arzt vor ihm gewesen. St. ging also nach Lindewiese, um Schroth und seine Schule genauer und an der „Quelle“ kennen zu lernen, wo er die Bekanntschaft des Dr. Joh. Aug. Schilling machte. Indeß zuerst erprobte er an sich selbst Monate lang die Prießnitz’sche Cur, ehe er einen 10- bis 11 monatlichen Aufenthalt in Lindewiese nahm, wo er eine dreimonatliche strenge Cur an sich selbst vornahm. St. erfreute sich hierbei der intimsten Freundschaft des Heilkünstlers, dem er auch weiterhin für sein ganzes Leben seine Sympathie bewahrt hat.

Jedoch erkannte St. allzubald, daß Schroth’s übergroße Aengstlichkeit bezüglich der Anwendung des kalten Wassers hauptsächlich von einer persönlichen Antipathie gegen Prießnitz und dessen System herrührte. Im Herbste 1848 ging St., um weitere Studien zu machen, nach Galizien, Wien und Prag; dort scheint er sich besonders mit den Wirkungen des galvanischen Stromes auf den menschlichen Körper beschäftigt zu haben; diese Bethätigung kam ihm später in München zu statten. Im Herbste 1849 sehen wir den jungen Arzt sich an andere Schulen des neuen Verfahrens wenden, von denen er gewisse Modificationen von ärztlicher Seite in Anbetracht einer rationellen Begründung des neuen Heilzweiges voraussetzte. Indeß fand er überall die gleichen Grundsätze, wenig Abwechselungen und Abweichungen, überhaupt nichts wesentlich Neues. Er entschloß sich daher, die Sache vom rationell-physiologischen Standpunkte aus aufzufassen, aus den Fundamentalsätzen Schroth’s und Prießnitz’ das physiologisch Wahre mit dem therapeutisch Heilsamen zu vereinen.

Inzwischen war St. nach München zurückgekehrt, und am 8. October 1850 figurirt er als „Bürger und Badereiinhaber“. Am 17. August 1853 wird er Dr. med. und erhält Praxisbewilligung. Nachdem er am 24. December 1853 in Bogenhausen unweit München mit Mathilde Vanoni (geb. zu Augsburg am 3. März 1833), einer Buchhändlerstochter, getraut war, scheint er bald reichliche Praxis bekommen zu haben. Er wohnte in München (zuerst Sendlingerstraße 340). Seit November 1857 wohnte er in der Ottostraße 3I, kaufte am 28. Januar 1858 das ganze an der Ottostraße 3 gelegene, dem Grafen Arco-Valley gehörige Anwesen, und richtete dasselbe zu einer Naturheilanstalt ein, welche er noch 1858 dem Publicum zugänglich machte. Eine genaue Beschreibung der Anstalt findet sich bei Karl Wibmer, Medizinische Topographie und Ethnographie der K. Haupt- und Residenzstadt München. 1862. I, 223 ff.

Schon 1852–1854 dirigirte St. die Anstalt in Brunnthal, die unter seiner Leitung in schönster Blüthe stand. Es feierte seine Glanzperiode und [462] der Ruf hatte sich weithin verbreitet; doch sah sich St. aus Privatrücksichten veranlaßt, die Direction 1854 niederzulegen. (Vgl. Joh. Aug. Schilling, Brunnthal, seine Lage, Quellen und Geschichte u. s. w. München 1864, S. 63.) Von 1854–1861 sehen wir St. in seiner Anstalt in München; 1861–1863 war er außerdem ärztlicher Leiter des Dianabades im Englischen Garten bei München. Im J. 1863 erwarb St. käuflich Brunnthal, das inzwischen von verschiedenen anderen Vorständen mit wenig Erfolg und Geschick geleitet worden war. Die Anstaltsräume konnten von nun ab die vielen Curgäste lange nicht mehr fassen und mußten dieselben deshalb großentheils im nahen Bogenhausen einlogirt werden. Den Standpunkt und die Principien des Steinbacher’schen Naturheilverfahrens hat er selbst in einem kurzen Prospect (vgl. Schilling l. c. S. 65–77) zusammengefaßt. Ausführlich hat Steinbacher Theorie und Praxis seiner Regenerationscur in vier starken Bänden, Augsburg 1861–64, zusammengefaßt. Herrn Dr. Krüche verdanke ich die Mittheilung, die aus dem Munde des verstorbenen Medicinalraths Martin, eines Studienfreundes Steinbacher’s, stammt, daß St. diesem oftmals versichert habe, daß Schilling größtentheils die Regenerationscur geschrieben habe, von dem es bekannt ist, daß er eine gewandte Feder geführt hat, während sein Sinn nicht sehr auf die praktische Thätigkeit gerichtet war. Dagegen besaß St. einen praktischen, ja geschäftsmäßigen Sinn, der es verstand, sich seine Hülfskräfte unterthan zu machen.

Von weiteren Werken Steinbacher’s nenne ich: „Schnellste und sicherste Selbsthülfe bei Cholera-Anfällen u. s. w.“ Augsburg 1865, die von Erfolgen durch rasche Schweißerzeugung handelt, die durch ein leicht zu construirendes Hausdampfbad erzeugt wurde. Im selben Jahre erschien das Werk über das Scharlachfieber und die Masern. 1866 erschien (in 2. Auflage 1868) das Büchlein: „Asthma, Fettsucht, Korpulenz, deren Wesen, Verhütung und Heilung durch das Naturheilverfahren mit besonderer Berücksichtigung des Banting-Systems“. Auf S. 33 ff. werden bereits die später von Oertel entwickelten Ideen besprochen. – 1867 erschien noch ein Buch, betitelt: „Der Croup oder die häutige Bräune“. Steinbacher’s Popularität in München war so groß, daß seine zahlreichen Freunde und Anhänger ihm ein schönes Marmordenkmal setzen ließen.

St. war zum herzoglich sachsen-coburgischen Hofrath ernannt worden. Er hatte seit Jahren an Herzbeschwerden gelitten; da St. ein kleiner verwachsener Mann war, so steigerten sich die Beschwerden derart, daß er, erst 49 Jahre alt, der Herzschwäche erlag. Er starb am 29. März 1869 in München, nachdem Hunderte von Fettsüchtigen aus München und Umgegend nach seiner Methode behandelt worden waren.

Steinbacher’s Cur ist als Vorgängerin der sogenannten Oertelcur zu betrachten, die ihre Vorläufer in den Namen eines Plinius Secundus, Panaroli und Dancel hat. Ist St. auch nicht der Entdecker der Flüssigkeitsbeschränkung bei Entfettungscuren, so hat er sie doch lange vorher angewandt, ehe die bekannten Veröffentlichungen über die Bantingcur veröffentlicht wurden. Trotz mancher Ansichten, welche uns schrullenhaft erscheinen, schreibt W. Ebstein, steckt in St. etwas Genialisches.

Ich möchte hier die Bemerkung nicht unterdrücken, daß ich drei Männer kenne, die Kyphoskoliotiker waren und die Beschränkung der Flüssigkeitsnahme als therapeutische Maßnahme empfohlen und wohlthuend empfunden haben. Ich meine St., Oertel und den bekannten Physiker G. C. Lichtenberg, der wie sonst auch ein guter, fast allzu gewissenhafter, geradezu hypochondrischer Beobachter seines Leibes war. Er, der infolge der Verkrümmung seiner [463] Wirbelsäule an häufigen asthmatischen Anfällen, verbunden mit Herzschwäche, litt, notirte (Vermischte Schriften, Bd. 1. Göttingen 1853, S. 29): „Seit einigen Tagen (22. April 1791) lebe ich unter der Hypothese (denn ich lebe beständig unter einer), daß das Trinken bei Tisch schädlich sei, und befinde mich vortrefflich dabei. Hieran ist gewiß etwas Wahres, denn ich habe noch von keiner Aenderung in meiner Lebensart und von keiner Arznei so schnell und handgreiflich die gute Wirkung empfunden, als hiervon.“ Am selben Tage schreibt er ins Tagebuch (ungedruckt): „fruchtbar in allerley Einfällen. Sehr wohl.“

W. Ebstein, Ueber Wasserentziehungen und anstrengende Muskelbewegungen. Art. W. Wiesbaden 1885. – W. Ebstein, Entziehungs- und Mastcuren. Die Umschau, 1897, Nr. 16. – Ueber die Behandlung der Fettleibigkeit (Die Heilkunde, Februar 1902). – Die Fettleibigkeit und ihre Behandlung. 8. Aufl. Wiesbaden 1904, S. 63 ff. – Karl Wibmer, Medic. Topographie und Ethnographie … von München. München 1862. Bd. I, 96 u. 223. – J. Sadger, Wie Prießnitz chronische Leiden curirte (Zeitschr. für diätet. u. physikal. Therapie. Bd. VII, Heft 11 u. 12 (1904). – Joh. Aug. Schilling, Brunnthal, seine Lage, Quellen u. Geschichte u. s. w. München 1864 (darin S. 65 ff.: ausführliche Darstellung der Steinbacherschen Heilmethode). – V. Stammler, Bad Brunnthal. o. O. a. O. Jahr. – V. Stammler, Prospect des Bades Thalkirchen. München 1888, S. 10 f. – Die Einsicht in die polizeiliche Einwohnerliste des Dr. Steinbacher wurde mir von der kgl. Polizeidirection in München gütigst gestattet. – Mündliche Mittheilungen verdanke ich der Liebenswürdigkeit des Herrn Dr. A. Krüche in München und des Herrn Dr. V. Stammler (Bad Brunnthal bei München).