ADB:Strauß und Torney, Viktor von

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Artikel „Strauß und Torney, Viktor von“ von Franz Brümmer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 614–616, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Strau%C3%9F_und_Torney,_Viktor_von&oldid=- (Version vom 9. Juli 2020, 01:56 Uhr UTC)
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Strauß: Viktor Friedrich von St. und Torney, Dichter und Politiker, wurde am 18. September 1809 in Bückeburg von bürgerlichen Eltern geboren, die ihm frühzeitig dahinstarben, aber ihm doch so viel Vermögen hinterließen, daß er die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen konnte. Nachdem er bis zum Jahre 1824 das Gymnasium seiner Vaterstadt, darauf ein Jahr dasjenige in Lemgo besucht hatte, kam er auf das vom Kanzler August Hermann Niemeyer geleitete Pädagogium in Halle. Aus dem Umgange mit diesem Manne und mit dem Professor Wegscheider entsprang seine Theilnahme an theologischen Dingen; doch vermochten sie nicht, St. zum Studium der Theologie zu bestimmen. Ein längerer Aufenthalt in Dresden, dessen Kunstschätze ihn mächtig anzogen, und in dessen Künstlerkreisen er besonders Ludwig Tieck nachhaltige Anregung verdankte, wurde für ihn bestimmend; schon mit 19 Jahren veröffentlichte er sein Trauerspiel „Katharina“ (1828). Poesie und Philosophie beschäftigten ihn auch in der ersten Zeit seiner akademischen Studien mehr als sein Berufsstudium, die Jurisprudenz, der er sich an den Universitäten Erlangen, Bonn und Göttingen widmete. Im J. 1832 trat er in den schaumburg-lippischen Staatsdienst und verheirathete sich in demselben Jahre mit Albertine v. Torney, der Tochter eines hannöverschen Gutsbesitzers, deren Namen er 40 Jahre später dem seinigen hinzufügte. Dem kirchlichen Glauben stand St. in jener Zeit noch fern. Darin trat erst eine Aenderung ein, nachdem 1835 das „Leben Jesu“ von Strauß erschienen war. Diese Schrift seines Namensvetters, sowie ihre Widerlegung durch Neander drängten St., aufrichtig nach der Wahrheit zu suchen und zu diesem Zweck ein vollständiges theologisches Studium durchzumachen. Er gelangte dadurch zu der Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit des Rationalismus und von der Wahrheit der christlichen Geschichte und Lehre; erst später wurde infolge davon das Gefühl persönlicher Erlösungsbedürftigkeit in ihm lebendig. Einen Theil dieses ganzen, eigenen Entwicklungsganges hat er in seinem Roman „Theobald“ (III, 1839) niedergelegt. Auch in der Folge nahm St., der 1840 zum Archivrath in Bückeburg ernannt worden war, an den in der evangelischen Kirche mehr und mehr hervortretenden Entwicklungskämpfen lebhaften und thätigen Antheil und wurde unter den Laien einer der tüchtigsten Kämpfer für strenges Festhalten am kirchlichen Lehrbegriffe. So trat er gegen die sogenannten Lichtfreunde mit seiner Arbeit „Schrift oder Geist. Eine positive Entgegnung auf des Pfarrers Wislicenus ‚Verantwortung gegen seine Ankläger‘“ (1845) hervor, und zwei Jahre später erschien von ihm „Das kirchliche Bekenntniß und die lehramtliche Verpflichtung“ (1847). 1846 hatte St. als schaumburg-lippescher Abgeordneter thätigen Antheil an der Berliner Kirchenconferenz genommen und auf Veranlassung des Königs Friedrich Wilhelm IV. eine Denkschrift „Ueber die Gesangbuchssache in den preußischen Landen“ verfaßt. Als dann im J. 1848 die politischen Stürme losbrachen, wurde St., der von seinem Fürsten zum Cabinetsrath ernannt ward, ein entschiedener Gegner der Revolution und Verfechter des [615] monarchischen Princips und zwar nicht nur in seinen Schriften (z. B. „Fastnachtsspiel von der Demokratie und Reaktion“, 1849 – „Bilder und Töne aus der Zeit“, 1850 – „Gottes Wort in den Zeitereignissen“, 1850 – „Briefe über Staatskunst“, 1853 – „Das Erbe der Väter. Erzählung“, 1850 – „Erzählungen. Gesammeltes und Neues“; III, 1854–55. Neue Ausg. u. d. T.: „Lebensfragen und Lebensbilder“; VI, 1868–71 – „Gedichte aus dem Jahre 1848“, 1850), sondern auch in seinem Wirken als Staatsmann. Seit 1850 Bevollmächtigter seines Landesherrn bei dem deutschen Bundestage in Frankfurt, nahm er noch gegen Ende d. J. an den Ministerialconferenzen in Dresden theil und wurde, nachdem er 1851 zu seiner großen Ueberraschung in den österreichischen Adelsstand erhoben worden war, 1853 Bundestagsgesandter für das Fürstenthum Schaumburg-Lippe, an welches für die nächste Zeit die Stimmführung der 16. Curie übergegangen war. In dieser Eigenschaft gab er am 14. Juni 1866 das Votum seiner Curie für die Mobilmachung gegen Preußen ab. Die Vorwürfe, die sich bald gegen St. erhoben, suchte er in seiner Schrift „Mein Antheil an der Abstimmung der Bundesversammlung“ (1866) zurückzuweisen, hielt es aber doch für angezeigt, sich aus dem Staatsdienst ins Privatleben zurückzuziehen. Jetzt konnte er seine Muße wieder der schriftstellerischen Thätigkeit, die im letzten Jahrzehnt fast ganz geruht hatte, mit voller Kraft zuwenden. Die Zeit, welche er in Bückeburg verlebt hatte, war in litterarischer Hinsicht die fruchtbarste gewesen. In erster Linie hatte er sich als bedeutender geistlicher Liederdichter der neueren Zeit erwiesen, dessen Name neben denen eines Arndt, Spitta und Knapp Beachtung verdient. Schon seine „Gedichte“ (1841) enthalten treffliche geistliche Lieder; seine besten Gaben bietet er uns aber in „Lieder aus der Gemeinde für das christliche Kirchenjahr“ (1843), in „Das Kirchenjahr im Hause. Religiöse Betrachtungen und Lieder“ (II, 1845), in „Weltliches und Geistliches. Eine Sommerlese in Gedichten und Liedern mit einem Osterspiel Judas Ischarioth“ (1856) und in „Geistliches in Gedichten und Liedern“ (1856). Daneben entstanden noch epische Dichtungen („Richard. Zwölf Gesänge“, 1841 – „Robert der Teufel. Heldensage in zwölf Gesängen“, 1854), die Tragödie „Polyxena“ (1851) und eine Reihe von „Novellen“, die später gesammelt (III, 1871–72) erschienen. 1869 nahm St., den sein Landesfürst 1865 zum Wirklichen Geheimen Rath ernannt hatte, seinen Wohnsitz in Erlangen, wo er sich der gelehrten Forschung und zwar auf dem Gebiete des Chinesischen zuwandte. Er übersetzte und commentirte den „Taò-te-king“ des ältesten chinesischen Philosophen Laò-tsè (1870) und lieferte später eine metrische Uebersetzung des kanonischen Liederbuches der Chinesen „Schi-king“ (1880), ein Arbeit, die nicht nur von gründlicher Forschung, sondern auch von großer dichterischer Begabung zeugt. In Dresden, wohin St. 1872 übersiedelte, fügte er den beiden Schriften noch eine dritte hinzu, „Der altchinesische Monotheismus“ (1885) und veröffentlichte als Frucht seiner Studien auf einem andern Forschungsgebiet sein umfangreiches Werk „Der altägyptische Götterglaube“ (II, 1889–1891). Seine letzte Arbeit waren die „Beiträge zur Erkenntnißlehre mit Beziehung auf die Offenbarung“ (1895). Für seine Verdienste auf theologischem Gebiete verlieh ihm bei Gelegenheit seiner goldenen Hochzeit (1882) die Universität Leipzig die Ehrenwürde eines Doctors der Theologie. Am 1. April 1899 schied er aus einem reich gesegneten Familienleben. Die bekannte Schriftstellerin Lulu v. Strauß und Torney ist seine Enkelin.

Otto Kraus, Geistliche Lieder im 19. Jahrhundert, 1879, S. 525. – E. E. Koch, Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs, 7. Bd., 1872, [616] S. 270. – Bettelheim, Biogr. Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, 4. Bd., 1900, S. 96.