ADB:Suevus, Siegmund

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Suevus, Siegmund“ von David Erdmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 129–135, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Suevus,_Siegmund&oldid=- (Version vom 5. Dezember 2019, 15:04 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Sudhoff, Karl Jakob
Band 37 (1894), S. 129–135 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Kein Wikipedia-Artikel
(Stand August 2014, suchen)
GND-Nummer 124639240
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|37|129|135|Suevus, Siegmund|David Erdmann|ADB:Suevus, Siegmund}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=124639240}}    

Suevus: Siegmund S. (Schwabe), ein evangelischer Theolog und Prediger Schlesiens, geboren am 26. Juli 1526, † am 15. Mai 1596. Geboren zu Freystadt in Schlesien, wo sein Vater Bürgermeister war, besuchte er die dortige lateinische Schule. Er war ein Schüler des namhaften schlesischen Humanisten Johann Hoppe, und ein Mitschüler des berühmten Chronisten und Begründers der schlesischen Geschichtschreibung und bekannten Theilnehmers an den philippistischen Abendmahlsstreitigkeiten, Joachim Curäus, der gleichfalls ein Freystädter Kind war. Mit einem vom Rath seiner Vaterstadt ihm bewilligten Stipendium bezog er die Universität zu Frankfurt a. O., wo er vier Jahre studirte und „sich sehr wohl und fleißig angelassen hat“. Was ihn nach Beendigung seiner Universitätsstudien veranlaßt hat, 19 Jahr alt, die weite Reise nach Reval zu unternehmen, ist unbekannt. Er hatte eine ausgesprochene Neigung und Begabung für die Lehrthätigkeit. So war er in Reval zuerst Privatlehrer bei einem Senator Bolmann, und dann Lehrer an der öffentlichen Schule. Wir finden ihn weiter infolge einer Empfehlung seitens seines Landsmannes Magister Peter Vincentius in Lübeck als Collega an dem dortigen Gymnasium. Von dort ging er nach Wittenberg, um Melanchthon zu hören, an den er von [130] Johannes Gigas, Prediger in Freystadt, und von Erasmus Benedict, einem Lehrer daselbst, empfohlen war. Außer seinen theologischen Studien übte er sich unter Melanchthon’s Leitung mit großem Fleiß im Predigen. Er hielt auf dessen Rath wöchentlich zwei Predigten. Hier legte er den Grund zu seiner hervorragenden homiletischen Tüchtigkeit, um derenwillen er ein vielbegehrter Prediger war. Und dies war die Ursache seines vielbewegten Predigerlebens, welches zum größten Theil das Bild einer für die damaligen Verkehrsverhältnisse auffallenden Unstätigkeit und wechselvollen Veränderlichkeit darbietet.

Der Ausbruch des Krieges zwischen Moritz von Sachsen und dem Kaiser nöthigte ihn, Wittenberg zu verlassen. Er begab sich wieder nach Frankfurt a. O., wo er infolge einer mit großem Beifall aufgenommenen Gastpredigt am 8. Juni 1552 vom Generalsuperintendenten Andreas Musculus ordinirt, und zum Prediger und Pastor in coenobio, d. h. „Klosterprediger“, an der Kirche des ehemaligen Karthäuserklosters berufen wurde. Aber nur kurze Zeit blieb er in diesem Amt. Wir finden ihn bald wieder in Sorau als Diakonus. Auch hier war seines Bleibens nur wenige Monate. Er kehrte von dort nach Schlesien zurück. Er folgte hier einem Ruf des Rathes von Breslau in das vierte Diakonat an der Maria-Magdalenenkirche, welches er vom 15. November 1553 bis zum 6. März 1558 bekleidete. Er rückte dann in das dritte Diakonat hinauf, in welchem er bis zum 28. Februar 1560 verblieb, und war zuletzt Archidiakonus an derselben Kirche bis zum 6. Februar 1565. Er sah sich veranlaßt auf dieses Amt zu verzichten. Was ihn dazu bestimmte, ist nicht zu ermitteln gewesen. Er begab sich zunächst nach Freystadt zurück, wo er den berühmten Pastor M. Johannes Gigas in seiner Predigtthätigkeit unterstützte (s. d. Artikel). Bald finden wir ihn wieder als Prediger zu Forst in der Niederlausitz, wohin ihn der Patron der Kirche, Herr v. Biberstein, berufen hatte, fest angestellt. Schon im J. 1566 folgte er einem Ruf nach Lauban in der Oberlausitz als Nachfolger des Magister Colerus im Pastorat. In diesem Amt kam er erst zu einer stetigen ruhigen Wirksamkeit. Als Prediger und Seelsorger erwarb er sich bei dem größten Theil der Gemeinde viel Beifall und Anerkennung. Es wird als bezeichnend für seine wissenschaftlichen Bestrebungen und für seine Verdienste um das Schulwesen besonders hervorgehoben, daß er mit nicht geringen eignen Opfern die umfangreiche Laubaner Bibliothek „zum Besten der Kirchen und Schulen“ gründete.

Nach neunjähriger Wirksamkeit in Lauban sah er sich durch allerlei Anfeindungen von seiten solcher Leute, „die ihm vorher Freunde waren“, veranlaßt, aus diesem Amt zu scheiden. Er folgte 1575 einem Ruf des Rathes von Thorn zum „obersten Prediger“ daselbst. Zunächst hatte er dort einem erkrankten Pastor, Magister Franz Stuler, einem Schwiegersohn seines Ordinators Musculus, der ihn ohne Zweifel auf Grund seiner Bekanntschaft mit ihm von Frankfurt her dem Rath empfohlen hatte, Hülfe zu leisten. Aber schon im dritten Jahre seiner dortigen Wirksamkeit gab er dieses Amt auf. Inzwischen hatten in Lauban die kirchlichen Verhältnisse sich in der Weise verändert und zu seinen Gunsten gestaltet, daß er einer Rückberufung in das Pfarramt daselbst gern Folge leistete. Er verblieb sieben Jahre in diesem Amt. Wie in den früheren, so hat er auch in diesen Jahren mit der Gemeinde Lauban wiederholt die schwersten Zeiten durchzumachen gehabt, Zeiten anhaltender Theuerung, allgemeiner Hungersnoth, schrecklicher Pestilenz, verheerender Feuersbrünste. Unter allem Jammer und Elend arbeitete er als treuer Seelsorger mit Einsetzung aller Kräfte Leibes und der Seele. Insbesondere aber ließ er durch seine Predigten die Macht des göttlichen Wortes gewaltig in die Herzen und Gewissen dringen, indem er mit ungewöhnlicher Beredtsamkeit die schwere Noth der Zeit [131] als göttliche Strafe und Züchtigung für die im Schwange gehenden Laster und Sünden, und als ernste Mahnung zur Buße darstellte, aber nicht minder den Trost des Evangeliums dem armen Volk verkündigte, welches in großen Schaaren seiner Kanzel zuströmte und unter Gottes gewaltige Hand sich demüthig beugte. Nicht minder hatte er wiederholt Anlaß, seine Stimme mächtig zu erheben gegen römisch-katholische Einflüsse und Eingriffe in das Leben der Gemeinde und gegen derartige Neigungen und Stimmungen in der Gemeinde selbst. Der Bote des Evangeliums bewährte sich auch als tapferer Führer und als mächtiger Rufer im Streit. Dabei nahm er sich auch der jungen Leute, die sich dem Predigtamt widmen wollten, mit Rath und That treulich an. Darauf bezieht es sich, wenn es in dem Bericht über die Einweihung der neuerbauten, zuvor durch Brand zerstörten Hospitalkirche zu St. Elisabeth 1581 heißt, daß S. dabei eine Predigt über die Herrlichkeit der Kirche nach Jesaia 40 gehalten, und „darauf denen Studiosis darinnen zu predigen und sich zu exerciren erlaubet habe“. Bis in das achte Jahr stand er in dieser vielseitigen pastoralen Arbeit und in diesem tapfer geführten Kampf und Streit. Da empfing er wiederum von dem Rath zu Breslau einen ehrenvollen Ruf als Pfarrer an der Bernhardinerkirche und Propst zum heiligen Geist. Es zeugt von seinem gesegneten Wirken in Lauban und von der Liebe der Gemeinde zu ihm, daß diese „in gesammten Haufen in die Kirche kam mit der flehentlichen Bitte, bei ihr zu bleiben“. Er glaubte aber in jenem Ruf die Stimme des Herrn zu vernehmen und folgte ihm im J. 1584. In diesem Amt verblieb er bis an sein Lebensende.

Er gehört nach den zahlreichen Schriften, die von ihm vorhanden, aber gar nicht bekannt geworden sind, zu den hervorragendsten Predigern Schlesiens in jener Zeit. Er kann wohl, wie sein väterlicher Freund, der schon genannte Pfarrer Magister Johannes Gigas in Freystadt, der seit 1577 in Schweidnitz wirkte, als einer der ersten Homileten betrachtet werden, welche anfingen, in ihren Predigten die analytisch-synthetische Methode anzuwenden. Es ist ihm nicht bloß darum zu thun, den Text „licht und leicht“ Schritt für Schritt zu erklären und in der concretesten Weise für die Erbauung der Gemeinde „auszudeuten und auszubreiten“, sondern, um den Zuhörer in den Stand zu setzen, das Gehörte leichter zu behalten und eine zusammenschließende Einsicht in die Tiefen des Wortes Gottes zu gewinnen, ließ er es sich bei treuer fleißiger Ausarbeitung der Predigten angelegen sein, den zu behandelnden Predigtstoff übersichtlich nach bestimmten, ihm entnommenen Gesichtspunkten zu ordnen und präcise Dispositionen aufzustellen. Dabei hält er sich durchaus frei und fern von dem in jener Zeit auf den Kanzeln immer häufiger und lauter erschallenden dogmatischen Gezänk. Seine wuchtige Polemik gilt der Gottlosigkeit, „den Werken des Teufels“, bei deren Zerstörung er „seinem Herrn Christus nach 1. Joh. 3, 8 zu helfen“ für seine Aufgabe erkennt, vor allem aber dem Unglauben und Zweifelglauben, und der aus dem letzteren kommenden Verletzung der Ehre Gottes und des Heils der Seele. Man merkt es allen seinen Zeugnissen an, wie tief er mit seinem kindlich-demüthigen Glauben in dem Wort Gottes und in der eigenen Erfahrung von seiner tröstenden und heiligenden Kraft gegründet ist. Seine Predigten bieten stets frisch sprudelnde Zeugnisse von dem Heil und Leben in Christo mit lebendiger Veranschaulichung der dogmatischen Wahrheiten und ethischen Weisungen des göttlichen Wortes durch Gleichnisse und Bilder aus der Natur, der Geschichte, dem alltäglichen Leben, durch trefflich gewählte Sprüche, biblische Geschichten und Analogieen. Er ist ein Vorläufer von Johann Arnd in dem eifrigen Bemühen, im alten Testament die Parallelen, Analogieen und Vorbilder der neutestamentlichen Heilsgeschichte aufzusuchen und anzuwenden. Er ist aber auch ein Vorläufer von Valerius Herberger in der Ausschmückung [132] der Rede mit Beispielen aus der Profangeschichte und dem vielgestaltigen Menschenleben, sowie in der Anwendung kühner, dem Zuhörer allernächst liegender Vergleiche.

Ein Beispiel für die oben bezeichnete Textverwerthung in Disposition und Ausführung ist die nach seinem Tode 1597 von dem Laubaner Pfarrer Albrecht Hosemann unter dem Titel „schöne treffliche Predigt“ über das Evangelium am 19. Sonntag n. Trinit. Matth. 9, „vom gichtbrüchigen Menschen, welcher durch gute Leute zu dem Herrn Christo getragen wurde, voller Lehr und Trost für bekümmerte Herzen“ herausgegebene Predigt. Hier wird Christus als der rechte einige Nothhelfer dargestellt und gezeigt, „wie der Herr Christus uns armen Evakindern an Leib und Seele helfen will“, 1. damit, daß er diesem Gichtbrüchigen aus eigener Macht und Gewalt die Sünde vergibt, 2. daß er nicht allein derer, die den Kranken tragen, Glauben sieht, sondern auch seinen Widersachern und Feinden ins Herz sieht und ihre Gedanken vernimmt und 3. daß er diesem kranken Menschen ohne alle äußeren Mittel und Arznei allein mit seinem Wort hilft und ihn gesund macht.

Es fehlt freilich, nach dem nicht mehr so rein wie zu Luther’s Zeit gehaltenen Sprachgeschmack, nicht an Ueberladung der Rede mit Gleichnissen und Bildern, an sonderbaren, ins Komische hineinspielenden Redensarten und Wendungen, an wahren Hetzjagden auf Vergleichungen und Bilder, wie bei Valerius Herberger. Aber dies Alles ordnet sich dem höchsten heiligsten Zweck unter, die Zuhörer in christlich-sittliche Wahrheiten des Evangeliums einzuführen und ihren Willen zu bestimmen, in Jesu Christo Heil und Seligkeit für Zeit und Ewigkeit zu suchen, zu finden und festzuhalten. Ueberall merkt man der Rede den warmen Pulsschlag des treuen demüthig-gläubigen Christen- und Pastorherzens an, welches aus eigner tiefer Erfahrung spricht und die Gemeinde mit aller ihrer äußeren und inneren Noth predigend und betend an das Herz Gottes legt.

Zur Charakteristik dieses Predigers und zugleich der Predigtweise der damaligen Zeit, die durch ihn repräsentirt wird, mögen folgende interessante Beispiele dienen. Er sieht sich als Seelsorger veranlaßt, an die durch Zweifel Angefochtenen eine „trewe Warnung für die leidige Verzweiflung sammt nützlichem Bericht, wie und wodurch des Teufels Leitstrik und Zweifel aufgelöst und zertrennt werden“ zu richten, „allen angefochtenen und betrübten Leuten, sonderlich in diesen letzten, geschwinden Zeiten“, zu Gute gestellt (1572 in Görlitz). Die „ganze Summa“ wird zusammengefaßt in den Spruch Jona Cap. 2: „Da meine Seele bei mir verzagte, gedacht’ ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu Dir in Deinen heiligen Tempel.“ Nach der Ausführung von vier Punkten, von dem der letzte die Frage betrifft, wie und wodurch der Verzweiflung zu steuern und abzuhelfen sei, erklärt er, diesen Punkt besonders durch gute Sprüchlein, Historien und Exempel „liechte und leichte“ zu machen. Er thut das mit Anwendung jener Jonasworte und sagt dann: „Damit führt uns der heilige Geist in seine Rüstkammer und zeigt uns darin einen wunderschönen scharfen glänzenden „Dreiecker“, auf der einen Seite das heilige Wort Gottes, auf der andern das heilige Sacrament, auf der dritten aller Gläubigen Gebet. Mit diesem schönen Dreiecker will der heilige Geist rüsten alle, die ihm nicht muthwillig widerstreben.“ – Eine andere Schrift gegen Hab-, Gewinn- und Genußsucht betitelt sich „Glückstöpfe“, wie dieselben bei der jetzigen Welt im Brauche sind, item, was für einen Glückstopf der Teufel im Paradies anrichtete und noch täglich fördert, und wiederumb, was für einen Glückstopf Christus unser Heiland in seiner Kirche angerichtet und durch das Evangelium ausgehen läßt, mit den Gütern des Heils alle Gläubigen ewig reich und selig zu machen (Lauban 1581). – Das schwelgerische und gewaltthätige Treiben der Vornehmen und [133] Reichen geißelt er in „Herodis Banket oder Gasterey“, Mark. 6, „in welchem etliche fürnehme Sünden und Laster, die der Satan in der Welt zu kochen und aufzutragen pflegt, verzeichnet sind“. Aber die Hauptsache ist ihm, zu zeigen aus Gottes Wort, „warum es unser Herr Gott geschehen lasse, daß seine lieben Christen allhier auf Erden von Teufel und Welt so schändlich und übel tractirt werden“ (Lauban 1569). – In einer Zeit großen Sterbens und anderer öffentlicher Noth tröstet und stärkt er die Gemeinde mit seinem „Kräuterbuch der wohlbestellten Apotheke des heiligen Geistes in der wahren Kirche Gottes“ mit der Ankündigung: „auserlesene schöne Texte aus Sprüchen der heiligen Schrift, an Lehre und Trost wunderkräftig und heilsam in geschwinden Sterbensläuften, so in allen andern Beschwerlichkeiten und Gefährlichkeiten Leibes und der Seele“. Dazu als Ueberschrift das Jeremiaswort: „Heile Du mich, Herr, so werde ich heil“ (Breslau 1587). – Eine Begräbnißpredigt und Schrift „mons myrrhae“ über das Hohelied 4, 6: „Ich will zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel“ redet von dem Myrrhenberg, „über welchen alle sterbenden Menschen mit Mühe und Arbeit steigen und ernstlich Schweiß vergießen müssen, da allein die Gläubigen, die sich an den rechten Weihrauchstrauch vom Stamm Jesse, nämlich an Christum halten, seliglich überwinden und ankommen“. Es ist eine schöne in sechs Punkten ausgeführte pastorale Ermahnung. „Gedenket des hohen und schweren Berges, den wir armen Evakinder in unserer letzten Heimfahrt ersteigen müssen.“ Und bei dem letzten Punkt, bei dem Ausblick von seiner Höhe auf das jüngste Gericht, führt er mit beweglichen, ergreifenden Worten aus, wie „solchen kümmerlichen Gedanken“ an das Gericht dadurch richtig zu begegnen sei, „daß man sich festhalte an dem schönen wohlriechenden Weihrauchsträuchlein, d. i. der schönen Trostlehre, durch welche wir unsers Heils in Christo stark versichert werden, also daß uns, sofern wir uns nur durch wahren Glauben an Christum halten, niemand vermag von der Liebe Gottes zu scheiden“. Er schließt, und auch wir schließen hier die Charakteristik des Mannes, der bei allem, was er predigt und schreibt, stets seine Treue in der individuellen Seelsorge, in geistlicher, echt pastoraler Gemeindepflege und in dem Eifer, seinen Hörern nicht bloß den Weg in die Schrift hinein zu zeigen, sondern sie auch mit sicherer Hand und festem Schritt und Tritt in die Tiefen und auf die Höhen des Wortes Gottes zu führen, bezeugt, – mit dem herrlichen Bekenntniß: „das erste Weihrauchsträuchlein wider den bittern Gedanken vom jüngsten Gericht ist der Gnadenbund, welchen Gott im Wort und Sacrament mit uns aufgerichtet und durch den Tod seines lieben Sohnes bestätigt hat, nämlich daß er uns aus Gnaden um des theuern Verdienstes Jesu Christi willen alle unsere Sünden verzeihen, den heiligen Geist schenken und ewiges Leben geben will“.

Eine ganz originelle Weise, das alltäglich Nützliche mit dem Heiligen durch Einführung in die Bibel zu verbinden, zeigt sich in der Schrift „Arithmetica historica“, die er unter dem Denkspruch: Gott hat Alles geordnet mit Maaß, Zahl und Gewicht, Weisheit 11, 22, 1593 in Breslau herausgab: „Die löbliche Rechenkunst, durch alle Spezies und fürnehmste Regeln mit schönen gedenkwürdigsten Historien und Exempeln, auch mit hebräischen, griechischen und römischen Münzen, Gewicht und Maaß, deren in heiliger Schrift und guten Geschichtsbüchern gedacht wird, der lieben Jugend zu Gute erklärt, auch denen, die nicht rechnen können, wegen vielen schönen Historien und derselben Bedeutung lustig und lieblich zu lesen“. Besonders „dem allgemein ehrbaren Kauf- und Handelsmann der löblichen kaiserlichen Stadt Breslau“ ist dies ziemlich umfangreiche Buch gewidmet, in welchem eine Menge von Rechenaufgaben gestellt und gelöst werden, die unmittelbar an biblische Geschichten, z. B. die Hochzeit zu Cana, die Heilung des Gichtbrüchigen am Teich Bethesda, anknüpfen und [134] für das eindringende Denken und Nachdenken dieselben als Ereignisse der Gegenwart vorstellen.

Wie er zu der auch hier bezeugten bewundernswürdigen Vertrautheit mit der heiligen Schrift selbst in Bezug auf das Kleinste und Aeußerlichste gelangt sei, dafür ist ein merkwürdiger Beweis ein auf der Breslauer Stadtbibliothek handschriftlich vorhandener Folioband, den er 1569 angelegt hat, und in welchem er unter dem Titel: „speculum locorum communium coelestis philosophiae“ und dem Schriftwort Ps. 119, 105: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“ u. s. w., welches an der Spitze des die Thür zu einem Tempel darstellenden Titelblatts geschrieben steht, in sechs Hauptabschnitten und vielen Unterabtheilungen nach dem Gang der christlichen Lehre von Gott und der Schöpfung an bis zur Vollendung des Reiches Gottes aurea dicta aus der heiligen Schrift und aus den Schriften der Kirchenväter und der Reformatoren zusammengestellt hat. Diese mit Bienenfleiß angelegte und fortgeführte dogmatisch-ethische Concordanz leitet er mit den Worten ein: „Wer in der Theologie etwas Lobenswürdiges zu leisten wünscht, wird sich nicht begnügen mit der beständigen Lectüre guter Schriften, sondern beflissen sein, recht viel locos communes, besonders über wichtige Fragen, zusammenzustellen.“

Außer der heiligen Schrift war er aber auf keinem Gebiet kirchlicher Litteratur mit seinen theologischen Studien mehr orientirt und fundirt, als auf dem Gebiet der Schriften Luther’s. Daher spürt man überall in seinen Predigten und Schriften das Wehen des Geistes Luther’s. Man merkt es seiner Sprache an, wie Luther’s Kraft des Wortes sein Innerstes erfaßt und durchdrungen hat. Alles was er denkt, spricht und schreibt, dringt und drängt in Luther’s Weise stets auf den Mittel- und Quellpunkt des Evangeliums von der Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben hin. Wie er mit seinen Studien in Luther’s Schriften sich vertiefte und darin lebte, um in Luther’s Geist und Kraft von der „alleinseligmachenden Gnade“ Gottes und „dem Heil in Christo“ zeugen zu können, das ist aus dem Umstand zu nehmen, daß er nach seiner eigenen Aussage schon während seines ersten Dienstes am Wort in Breslau als Archidiakonus an St. Maria-Magdalena 1563 „über die Bücher Luther’s, die lateinischen und deutschen, die Wittenberger und Jenenser Tomos ein Register verzeichnet und in Druck gegeben hat“. Es war dies aber nicht bloß ein äußerliches Werk litterarischer Statistik, sondern er sagt ausdrücklich, „diese Arbeit habe ihm selbst dazu gedient, daß ihm die Bücher und Schriften des Herrn Dr. Luther desto mehr bekannt geworden und er daher desto mehr Lust geschöpft habe, aus diesen Büchern und denen anderer gelehrter Leute, als aus einem schönen Lustgarten mancherlei schöne Gewächse, Kräuter und Blumen, an Lehren und Trost wundersaftig und kräftig, ihm selbst und seinen Zuhörern zu Gute, zusammenzutragen“.

So spricht er sich zugleich im Blick auf seine übrigen einzelnen Schriften aus in der Vorrede zu seinem Buch „Spiegel des menschlichen Lebens“, einem mächtigen Foliobande, in welchem er seine hauptsächlichsten Werke, 21 an Zahl, „auf gutherziger Leute freundliches Begehren“ zusammengedruckt herausgegeben hat „zur Lehre und zum Trost, wie man sich gegen Gott und den Nächsten christlich verhalten, und für Gott selig leben und sterben soll“ (1. Sept. 1587). In dieser Sammlung sind außer den oben erwähnten Schriften auch noch einige andere von besonderem homiletischen und ascetischen Werth, z. B. 10. „Palma, der schöne Palmbaum mit seinen grünen Zweigen und edlen Früchten, darin Christus und die christliche Kirche lieblich und schön abgebildet sind“; 12. „speculum amicitiae“, die christliche Freundschaft im Lichte des Wortes Gottes; 16. „speculum mundi indurati“, Spiegel der verstockten Welt, dargestellt in der [135] Geschichte von den 10 ägyptischen Plagen; 18. „Vom reichen Bergwerk zu Zion“, durch dessen unermeßliche Ausbeute alle Gläubigen ewig reich und selig werden; 19. „Honigseim“ aus dem großen Walde und Blumengarten der heiligen Propheten und Apostel. Das 21. Stück bilden 12 Predigten de praedestinationer, „von der Versetzung zum ewigen Leben“, in deren letzter er als Regel aufstellt, „daß man diesen Artikel auf die rechte reine Lehre von der wahren Gerechtigkeit des Glaubens fundiren und tractiren soll, so daß diese beiden Lehren einander nicht verdunkeln und verwirren, sondern einander licht und leicht erklären, wie Paulus Römer 9–11 die Lehre von der ewigen Vorsehung mit dem vorangegangenen Artikel von der Rechtfertigung verbinde“. Was S. predigte, lehrte und schrieb, das lebte er auch in wahrer Frömmigkeit und Gottseligkeit vor den Augen der Gemeinde bis an sein Ende. Er starb 70 Jahr alt, am 15. Mai 1596. Auf seinem Todtenbett dichtete er ein Lied, welches bei seinem Begräbniß gesungen wurde, und dessen erster Vers lautet:

O Jesu, lieber Herre mein,
Ich bitt’ von Herzensgrunde,
Du wollst ja selber bei mir sein
In meiner letzten Stunde.
Mit deinem Geiste steh mir bei,
Dein heilsam Wort mein Labsal sei
Bis an mein letztes Ende.

Sein Bild stiftete die Gemeinde für die große Sacristei der Bernhardikirche mit ehrenden Gedenkworten von Steinberger. Seine Schriften befinden sich sämmtlich in der Breslauer Stadtbibliothek.

Ueber ihn vgl. Jöcher, Allgem. Gelehrtenlexikon IV, 930. – M. Joh. Gottfr. Axt, analecta Freistadiensia oder Freystädt. Chronik bearb. von M. Gottfr. Förster. 3. Th. S. 374. Lissa 1751. – Henelius, Silesia togata II, 22. – Ehrhardt, Presbyterologie I, 334. 337. 354. 361. 372. 377. IIIa, 340. – N. Pol, Jahrbücher zu 15. Mai 1596. – Hansi memoria pastor. ev. lutheran. apud Wratislavienses. pag. 47. 53. Lips. 1710. – Oberlausitzer Gesellschaft, 1. Stück der Arbeiten derselben 8–13.