ADB:Sudhoff, Karl Jakob

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Artikel „Sudhoff, Karl Jakob“ von Hermann Dechent in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 127–129, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sudhoff,_Karl_Jakob&oldid=- (Version vom 5. Dezember 2019, 17:39 Uhr UTC)
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Sudhoff: Karl Jakob S., Dr. theol., reformirter Theologe, wurde am 11. April 1820 in Luxemburg geboren, wo sein Vater die Stelle eines Steueraufsehers bekleidete. Seiner Mutter folgend wurde er katholisch erzogen, obwohl der Vater dem evangelischen Bekenntnisse angehörte. Nachdem die Familie nach Deutz im Rheinlande übergesiedelt war, besuchte S. das dortige Gymnasium. Da der Vater seinen Wunsch Officier zu werden mißbilligte, entschloß er sich zur Theologie und widmete sich vom Herbst 1841 bis Herbst 1844 zu Bonn diesem Studium. In Tübingen wurden seine schon vorher erregten Zweifel an der katholischen Rechtfertigungslehre theils durch den Einfluß von Beck’s Predigten, theils durch eingehende Beschäftigung mit den Schriften des Augustinus, noch verschärft. Nach Bonn zurückgekehrt, übte er sich in der Seelsorge; aber eine Predigt über Hebr. 10, 14, welche Aufsehen erregte, brachte ihn in Zerfall mit seiner Kirche. Unschlüssig, wohin er sich nun wenden solle, begab er sich zunächst nach Frankreich. Hier verweilte er zu Montauban, wo A. Monod[WS 1] ihn anzog, und zu Paris, wo er, in dürftigsten Verhältnissen lebend, sich mit Philosophie beschäftigte. Hier wurde er u. a. befreundet mit dem berühmten Vertreter eines eigenthümlich idealisirten Katholicismus, dem italienischen Philosophen und Politiker Gioberti[WS 2], dessen Werk über den Primat damals sehr gefeiert wurde. Begeistert für dessen Gedanken, und noch immer dem Protestantismus abhold, übersetzte er die Grundzüge eines Systems der Ethik von Gioberti (Mainz 1844) und veröffentlichte einen Aufsatz über den Fortschritt nach Cesare Balbo, in dem die katholische Kirche als Grundbedingung alles wohlverstandenen Fortschritts bezeichnet ist. In die rheinische Heimath zurückgekehrt, ist er dann doch, trotz wiederholter Abmahnungen Gioberti’s, 1847 zur evangelischen Kirche übergetreten. Ob er zunächst der lutherischen oder der reformirten Confession sich zuwandte, läßt sich nicht mehr feststellen; aber wenn S. auch damals mit Geistlichen beider protestantischen Confessionen verkehrte, so hat doch bald die reformirte Lehre den Verehrer Augustin’s mehr angezogen. Nachdem er das theologische Examen bestanden, erhielt er 1849 eine Pfarrstelle zu Kreuznach, von wo er bald nach dem nahe gelegenen Grumbach versetzt ward. Ein Synodalvortrag aus dieser Zeit über das Amt der Kirche, Kreuznach 1850, zeigt ihn als Gegner der Separation, wie sie damals von einzelnen reformirten Gemeinden angestrebt wurde, dagegen als Wortführer für eine durch die Arbeiten der neueren Theologie anzubahnende Lehrunion, welche statt einer bloßen Conföderation eine höhere Einheit der Confessionen darstellen [128] sollte. Seine „sieben Sätze über die Union“, die er auf einer Conferenz zu Saarbrücken vertrat, haben im Urkundenbuch der Union von Nitzsch Aufnahme gefunden. Entschiedener ist er für das reformirte Bekenntniß eingetreten, als er 1852 von der deutsch-reformirten Gemeinde an die Stelle des emeritirten Pfarrers Zimmer zu Frankfurt berufen ward. Obwohl in der neuen Gemeinde für einen calvinistischen Confessionalismus im Sinne der Erneuerung einer strengeren Kirchenzucht kein Boden vorhanden war, hat S. sich doch in dieser Richtung bemüht, z. B. den Heidelberger Katechismus wieder bei seinem Confirmandenunterricht eingeführt. Wichtiger als diese praktischen Bestrebungen innerhalb seiner Gemeinde, die nicht von dauerndem Erfolge begleitet waren, waren seine gelehrten Arbeiten, und einzelne Zeitbroschüren, durch welche er mit seinem Freunde Ebrard in Erlangen u. a. das Interesse an der reformirten Confession in Deutschland neu erweckte, welches schließlich in späterer Zeit (1884) zu der Gründung eines reformirten Bundes geführt hat. Von den gelehrten Arbeiten, auf welchen der Schwerpunkt seines Wirkens ruhte, erwähnen wir eine lateinische Arbeit von der Uebereinstimmung zwischen den beiden Gnadenmitteln, welche den calvinistischen Standpunkt vertritt und die er zur Erwerbung der theologischen Licentiatenwürde bei der Baseler Facultät 1852 herausgegeben hat. Von großer Belesenheit zeugt seine, vielfach auf selbständigen Studien beruhende „Geschichte der christlichen Kirche, in Vorlesungen dargestellt“, Frankfurt, Sauerländer, 1854. Wie seine Vorträge einen zahlreichen Hörerkreis gefunden hatten, so erweckten sie auch im Druck viel Interesse durch die fesselnde Darstellung selbst schwierigerer Gegenstände. Mit sichtlicher Liebe sind die in manchen ähnlichen Werken etwas knapp behandelten Gestalten von Zwingli und Calvin geschildert. Sehr eingehend hat sich S. in einer Reihe von Arbeiten mit dem Heidelberger Katechismus beschäftigt. Bereits 1851 hatte er zu Kreuznach eine Volksausgabe dieser Bekenntnißschrift veranstaltet, die zahlreiche Auflagen erlebt hat. Im J. 1854 gab er dann die fast vergessene, zur Vertheidigung dieses Katechismus von Olevianus verfaßte Schrift: „Fester Grund“ (Frankfurt bei Voelcker) heraus, die er mit Anmerkungen und eigenen Abhandlungen begleitete. 1857 erschien als VIII. Theil des Hagenbach’schen Sammelwerks über die Väter und Begründer der reformirten Kirche, sein „Olevianus und Ursinus“ zu Elberfeld bei Friderichs, ein Buch, das auf fleißigem Quellenstudium beruht und u. a. die Geschichte der Reformation zu Trier zum ersten Male genauer behandelt. Er beschäftigt sich besonders mit einer Kritik der Ansichten des Marburger Theologen Heppe, welcher in dem Heidelberger Katechismus eine Art von Unionsgesinnung finden wollte. Auf dem Grunde dieser symbolischen Schrift ruht auch seine für den höheren Religionsunterricht geschriebene „Christliche Religionslehre“ (Frankfurt, Heyder und Zimmer, 1861). Zur Feier des Jubiläums dieser Bekenntnißschrift gab er 1862 noch ein theologisches „Handbuch zur Auslegung für Geistliche und geförderte Nichttheologen“ heraus (Frankfurt, Heyder und Zimmer), dessen erster (systematischer) Theil übrigens doch den Theologen der Neuzeit verräth. wiewohl er die streng-calvinistische Erwählungslehre im zweiten (analytischen) Theile vertheidigt. Zu erwähnen sind hier noch seine Aufsätze in der ersten Auflage der Herzog’schen theologischen Realencyklopädie, welche fast durchweg kirchenhistorischen Inhalts sind und vielfach mit dem Jesuitenorden sich beschäftigen, wozu er durch seine Vergangenheit besonders legitimirt war (in der neuen Auflage meist umgearbeitet). Wie auf gelehrtem Gebiet, so ist S. auch in kirchenpolitischen Fragen für die reformirte Confession entschieden eingetreten. Als während des VII. Kirchentages zu Frankfurt am 24. und 25. September 1854 eine reformirte Conferenz gehalten wurde, sprach er sich gegen die Vilmar’schen Bestrebungen in Hessen entschieden aus, und ließ hernach in dieser Angelegenheit zwei Schriften erscheinen [129] „Ueber den Bekenntnißstand der reformirten Kirche in Kurhessen“, Erlangen, Deichert, 1855 (Abdruck aus der reformirten Kirchenzeitung), und über „Das gute Recht der reformirten Kirche in Kurhessen“, Frankfurt, Auffarth, 1855. Seine Polemik gegen die neulutherische Richtung ist eine scharfe. Eine Streitschrift galt auch der römischen Kirche, der er ehedem angehört hatte, „Römisch-katholische Lehre und Praxis“, 1853 in zweiter Auflage erschienen, wohl durch die Jesuitenpredigten hervorgerufen, wie viele Frankfurter Broschüren in dieser Zeit. Einige seiner Schriften verfolgen erbauliche Zwecke. 1857 gab er ein „Communionbuch“ heraus (Frankfurt, Sauerländer), 1860 veranstaltete er eine Ausgabe des Thomas a Kempis (nebst einem kurzen Gebetbuch für evangelische Christen). Vielverbreitet sind seine Anthologien. 1851 erschienen (in Kreuznach bei Voigtländer) die „Weihestunden“, eine nachmals von Thumann illustrirte Gedichtesammlung, welche viel Originalbeiträge zeitgenössischer Dichter, auch einzelne für Sudhoff’s tiefernste, manchmal fast weltflüchtige Stimmung charakteristische Beiträge von ihm selbst enthält. Aehnlichen Charakter hat der poetische Theil des Buches „In der Stille“, 1853 bei Heyder und Zimmer erschienen, dem er 1860 noch einen prosaischen Theil folgen ließ. Die gelehrten Anmerkungen zu den dichterischen Blüthenlesen sind nicht ohne Werth für die Hymnologie. Von der Art seiner Kanzelberedsamkeit legt Zeugniß ab (außer etlichen Gelegenheitspredigten) eine nach seinem Tode veranstaltete Sammlung „Predigten“. Aurich 1870. Aus seiner seelsorgerlichen Thätigkeit ist noch erwähnenswerth die Gründung einer Sonntagsschule, deren es damals noch wenige in Deutschland gab. Infolge seines übermäßigen Arbeitens mußte er frühzeitig der Berufsthätigkeit entsagen. Im J. 1862 wurde er während der Predigt von einer nervösen Affection befallen und mußte, wiewohl er bald wieder einige seiner Arbeiten aufnahm, 1864 in den Ruhestand treten. Nachdem er noch von Basel her zum Doctor der Theologie ernannt worden war, verschied er zu Kreuznach, wohin er sich zurückgezogen, unerwartet an einem Gehirnschlage am 30. September 1865. Er hatte sich zuletzt noch mit den Gedichten von Susanne v. Klettenberg beschäftigt. S. war verheirathet gewesen und hatte drei Kinder. Ein Sohn, Dr. med. Karl Sudhoff, beschäftigt sich mit dem Studium des Paracelsus.

Bei obiger Darstellung wurden eine Skizze von Dr. Zahn in Stuttgart in der reform. Kirchenzeitung von 1882, Nr. 48, sowie Mittheilungen des Sohnes und einige localgeschichtl. Quellen benutzt.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Adolphe Monod (1802–1856), reformierter Erweckungsprediger aus der französischsprachigen Schweiz
  2. Vincenzo Gioberti (* 5. April 1801 in Turin; † 26. Oktober 1852 in Paris), italienischer Theologe, Politiker und Philosoph; gilt als Vorreiter des Neoguelfismus.