ADB:Olevian, Caspar

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Artikel „Olevian, Caspar“ von Friedrich Wilhelm Cuno in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 286–289, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Olevian,_Caspar&oldid=- (Version vom 17. Juni 2019, 11:16 Uhr UTC)
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Olevian: Caspar O., ausgezeichneter reformirter Theolog, Mitverfasser des Heidelberger Katechismus, geb. den 10. August 1536 zu Trier, † den 15. März 1587 zu Herborn. Durch einen alten ehrwürdigen Geistlichen wurde O. auf dem heimischen Collegium von St. German auf das einige Verdienst Jesu Christi hingewiesen. Aber erst in Paris und Orleans, wo er die Rechtswissenschaft studirte, entschied sich der im Papstthum geborene junge Mann für die reformirte Lehre, deren Märtyrer ihm aufs höchste imponirten. Der plötzliche Tod eines jungen Pfalzgrafen, mit dessen Hofmeister O. befreundet war, bestimmte letzteren, sich der Theologie zu widmen. Zwar erwarb er sich zuvor in Bourges, wo jenes erschütternde Ereigniß vorgefallen, den Doctortitel in der [287] Jurisprudenz und prakticirte hierauf kurze Zeit in seiner Vaterstadt, dann aber zog er nach Genf, um den großen Reformator Calvin zu hören, mit dem er zeitlebens verbunden blieb. Auch Peter Martyr Vermigli in Zürich und Theodor Beza in Lausanne wurden seine Lehrer. Mit einem reichen theologischen Wissen und einem glühenden Eifer für das Haus Gottes kehrte O. im Mai 1559 nach Trier zurück, wo er eine Lehrerstelle an der Schule zur Burse annahm und durch Predigten in reformatorischem Geiste zu wirken suchte. Bald hatte er in der bisherigen römisch-katholischen Stadt eine große evangelische Gemeinde um sich gesammelt, deren Seelsorger er ward. Ein zweiter Prediger, Cunmann Flinsbach, von Zweibrücken, wurde ihm im September genannten Jahres zur Unterstützung beigeordnet. Je mehr aber ihr Werk zunahm, desto erbitterter wurden die Räthe des Erzbischofs von Trier, Johann von der Leyen. Sie berichteten an ihren auf dem Reichstage in Augsburg weilenden Herrn, welcher nun mit Waffengewalt diese ganze Bewegung zu unterdrücken suchte. O. mit seinem genannten Amtsbruder und mehreren evangelisch gesinnten Mitgliedern des Stadtrathes wurden ins Gefängniß gelegt und des Aufruhrs angeklagt. Nur der Fürsprache der in Worms in ihrer Angelegenheit zusammen gekommenen evangelischen Stände und Fürsten hatten sie es zu verdanken, daß sie die Freiheit wieder erlangten. O. folgte einem Rufe des Kurfürsten Friedrich III. und zog im December 1560 nach Heidelberg, wo er anfänglich als Lehrer am Sapienzcollegium, bald nachher aber als Professor der Dogmatik an der Universität mächtig für die Geltendmachung reformirter Lehre und Anschauung wirkte. In fleißiger Correspondenz mit seinem Lehrer Calvin suchte er die kirchlichen Verhältnisse der Pfalz nach dem Vorbilde Genfs umzugestalten. Im J. 1562 zum Prediger an der heiligen Geistkirche eingesetzt gewann er durch seine vortrefflichen Predigten immer größeren Einfluß. In dieser Stellung verfaßte er mit Professor Zacharias Ursinus, auf Befehl des Kurfürsten, noch vor dem Thorschluße des genannten Jahres den weltbekannten trefflichen Heidelberger oder Pfälzischen Katechismus, welcher im Januar 1563 unter dem Titel erschien: „Catechismus oder christlicher Underricht, wie der in Kirchen und Schulen der Churfürstlichen Pfaltz getrieben wird. Gedruckt in der Churfürstlichen Stadt Heydelberg, durch Johannem Mayer 1563“. In der ersten Ausgabe fehlte noch die berühmte achtzigste Frage von der Messe als einer Verleugnung Jesu Christi und vermaledeieten Abgötterei. Durch diesen Katechismus wurde ein solides Fundament gelegt zum ferneren Aufbau der Kirche. War auch bereits in Cassel 1539 ein Katechismus erschienen, welcher die ausgeprägte schweizerische oder reformirte Lehre enthielt, so blieb sein Gebrauch doch nur ein territorialer. Der Heidelberger Katechismus gelangte aber allmählich zu einem ökumenischen Ansehen in der ganzen reformirten Welt. –

Doch auch heftigen Widerstand fand O. bei seinen kirchlichen Reformen. So in der Oberpfalz, deren Statthalter Prinz Ludwig, nachher Kurfürst Ludwig VI. ein entschiedener Lutheraner war. In Heidelberg selbst stand ihm der Arzt und Professor Erast schroff entgegen, als er mit Zanchius und anderen berühmten Theologen die Kirchenzucht einführte. Begeistert für die Unabhängigkeit der Kirche vom Staate ordnete er Presbyterien und Synoden an. Als im J. 1570 mehrere pfälzische Prediger als Arianer entlarvt wurden und man seitens der Lutheraner die Schuld auf das reformirte Bekenntniß schieben wollte, widerlegte er solche Beschuldigungen mit der Schrift: „Daß es nicht wahr sei, wie etliche schreien, daß man in den Kirchen zu Heidelberg die Allmächtigkeit des Herrn Jesu in Zweifel ziehe, oder von den Worten des heiligen Abendmahles und ihrem rechten Verstande abweiche“. Bei aller Präcisität in der Lehre hatte jedoch O. allezeit die brüderliche Gemeinschaft der Evangelischen unter einander [288] betont. So hat er in seinem bekannten Werke: „Vester Grund, das ist, die Artikel des alten, wahren, ungezweifelten christlichen Glaubens: Den Christen, die in diesen gefährlichen trübseligen Zeiten einen gewissen Trost aus Gottes Wort suchen, zu gutem erklärt und zugeschrieben“ 1. Aufl. Heidelberg 1575 und dann öfters aufgelegt, in unseren Tagen, 1853 und 1856 von Sudhoff, ein Verständniß für die reformirte Abendmahlslehre den Lutherischen aufzuschließen gesucht an Luthers eigenen Worten und den Weg brüderlicher Gemeinschaft ihnen angebahnt. Seinem Einfluße bei dem Kurfürsten ist es hauptsächlich zuzuschreiben, daß die vielen Wiedertäufer, welche damals in der unteren Pfalz wohnten, nach dem vergeblich mit ihnen 1571 zu Frankenthal gehaltenen Religionsgespräche ohne die geringste Beeinträchtigung des Gewissens geduldet wurden. Vor allem aber war O. bemüht, eine enge Verbindung mit den böhmisch-mährischen Brüdern, von denen mehrere in jenen Tagen in Heidelberg studirten, herzustellen. Der am 26. October 1576 erfolgte Tod des edlen Kurfürsten Friedrich III. brachte jedoch das ganze Werk Olevian’s und Ursin’s in der Pfalz ins Stocken. Die reformirten Prediger und Schulmeister wurden von Ludwig VI. des Landes verwiesen. Nach längerem Umherziehen fand O. bei dem bisherigen Oberhofmeister Friedrichs III., dem Grafen Ludwig v. Wittgenstein zu Berleburg eine neue Heimath. Von hier aus leitete er den in der Kurpfalz gewaltsam gehemmten Strom reformirter Lehre und Zucht in die Grafschaften Nassau-Katzenelnbogen, Solms-Braunfels und Hohensolms, Hanau-Münzenberg, Ysenburg und Wied. Hier in der Abgeschlossenheit der wittgenstein’schen Berge arbeitete er auch einen Katechismus aus, welcher die damalige niedrige Bildungsstufe des Landvolkes berücksichtigt und in der schlichtesten Weise die fünf Hauptstücke erklärt. Dieser „Bauernkatechismus, das ist, Kurtze anleytung für die einfeltigen, Wie ein Haußvatter seine Kinder und Gesind auß den Artickeln des Glaubens und andern Hauptstücken zum verstand ihres Heils in Christo und gottseligem Leben durch Gottes Gnade ohne besondere Mühe bringen möge“, ist ein Meisterstück für seine Zeit. In Gesprächsform belehrt ein Vater sein Kind über die Hauptwahrheiten. Schon die erste Frage ist characteristisch: Vater. Wer hat den schönen Himmel und die Erde erschaffen? Kind. Gott Vater durch Jesum Christum. Von ähnlichem Werthe ist die Auslegung der Sonn- und Festtagsevangelien, welche nach Olevian’s Tode 1599 zu Neustadt a. d. Haardt unter dem Titel erschien: „Kleine Schul- und Kinderpostill für die Haushaltung“. Auch erklärte er in einem ausgesuchten Kreise zu Berleburg mehrere apostolische Briefe, welche später zu Genf gedruckt erschienen. Als eine Summa dieser seiner Studien ist aber sein 1585 zu Genf edirtes, in theologischer Beziehung bedeutendstes Werk anzusehen: De substantia foederis gratuiti inter Deum et electos, itemque de mediis, quibus ea ipsa substantia nobis communicatur. Im J. 1590 erschien dasselbe auch in deutscher Uebersetzung zu Herborn unter dem bereits oben angeführten Titel „der Gnadenbund“. Man hat schon vielfach in neuerer Zeit O. wegen dieser Schrift als einen Vorläufer des Coccejus bezeichnet, allein mit Unrecht, denn sein Bund, den er zwischen Gott und dem Menschen als in Christo vermittelt aufstellt, ist der in dem Wesen der Erlösung nach den Grundzügen des Alten und Neuen Testamentes begründete, der des Coccejus dagegen ein erkünstelter, schablonenmäßiger. Von Berleburg zog O., auf Bitten des Grafen Johann des Aelteren von Nassau-Dillenburg 1583 als Oberpfarrer nach Herborn. Zu Anfang des folgenden Jahres wurde ihm hier das Inspectorat über die Dillenburger Classe übertragen. Seinem Einflusse war es am meisten zuzuschreiben, daß die von dem genannten Grafen schon längere Zeit projectirte reformirte hohe Landesschule zu Herborn zu Stande kam, deren feierliche Einweihung den 1. August 1584 stattfand. O. selbst ward [289] einer der ersten theologischen Professoren derselben. Bald darauf gewinnt er einen weiteren in dem berühmten M. Johann Piscator, einem geborenen Straßburger. Beide Gelehrte wurden als die bedeutendsten Kräfte der jungen Schule deren Mittelpunkt. Piscators Hauptfach war Exegese, O. las hauptsächlich über Dogmatik mit Zugrundlegung der Institutio Calvin's, welche er 1586 in einem Auszuge zum Schulgebrauch lateinisch herausgab. Mit dem Geiste Calvin’s hatte er sich so vertraut gemacht, daß derselbe, so zu sagen, in seinen Schriften athmet. Von fernen Ländern strömten Zuhörer herbei, um beide Männer zu hören. Daneben versah O. sein Kirchenamt mit peinlichster Gewissenhaftigkeit. Auf der am 13. Juli 1586 zu Herborn tagenden Generalsynode brachte er als Moderator es dahin, daß die Middelburger Synodalbeschlüsse nach der von ihm aufgesetzten Formulirung für die Kirchen in Nassau, Wied, Solms und Wittgenstein, welche alle auf dieser Zusammenkunft vertreten waren, angenommen wurden. Dadurch ist er nicht blos in der Pfalz, sondern auch in genannten Territorien der Begründer geworden der calvinischen Synodal- und Presbyterialverfassung. Unersetzlich war daher sein Verlust für seinen Landesherrn, die Schule und Kirche. Seine letzten Tage waren höchst erbaulich. Als er bereits im Sterben lag, fragte ihn Diakon Alsted: „Lieber Bruder! Ihr seid ohne Zweifel Euerer Seligkeit in Christo gewiß, gleichwie Ihr die andern gelehret habt?“ Da legte O. die Hand auf sein Herz und antwortete: „Ganz gewiß“. Im Chore der Herborner Pfarrkirche ruhen seine Gebeine. Eine einfache eiserne Platte deckt sie. Ihre schlichte Inschrift lautet: Caspar Olevianus Trevir. S. Theologiae D. O. Ecclesiae huius Pastor qui 15. Martii anni 1587 placide in Domino exspiravit hic conditus.

In der Philosophie war O. Ramist, wie die meisten reformirten Theologen seines Zeitalters. In der Theologie aber war er, wenn wir nach der Aufgabe fragen, welche diese reformatorische Persönlichkeit zu lösen hatte, der Vermittler der großen Gedanken Calvin’s an die deutsche Nation.

C. Olevianus und Z. Ursinus von Karl Sudhoff. Elberf. 1857. – J. H. Steubing, C. O., in der Zeitschrift für die historische Theologie 1841. IV. S. 74 bis 98, woselbst auch alle Schriften Olevian’s angeführt werden. – Piscator, Kurtzer Bericht vom leben und sterben Herrn Dr. Gasp. Oleviani, dem Gnadenbund vorangestellt. – Pfälz. Reformatoren III. Caspar O. von Fr. W. Cuno. Westheim, Rheinbaiern, Verl. d. evang. Vereins 1881. – Fr. W. Cuno, Johann der Aeltere von Nassau-Dillenburg, Halle 1869. – Fr. W. Cuno, Gedächtnißbuch deutsch. Fürsten ref. Bekenntnisses III. IV. V. – Calvini opera ed. Baum, Cunitz et Reuss, Tom. XVII. XVIII. XIX. – Kluckhohn, Friedrich der Fromme. Nördl. 1879. Derselbe, Briefe desselben. Braunschw. 1868. 1872. – Cröger, Gesch. der alten Brüderkirche. 2. Abth. Gnadau 1866. – Wittmann, Gesch. der Reformation in der Oberpfalz. Augsb. 1847. – Broweri et Masenii Antiq. et Annal. Trevir. Leodii 1670. tom. II. pg. 387. 399. – Verheiden, Af-Beeldingen van sommighe in Godts Woort ervarene Mannen. S’ Graven-Haghe 1603. – Bach, die evang. Kirche im Lande zwischen Rhein, Mosel, Nahe und Glan. I. Bonn 1873. – M. Goebel, Gesch. des christl. Lebens in der rhein.-westph. evang. Kirche I. – Herzog, Realencyklopädie.