ADB:Thalberg, Sigismund

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Artikel „Thalberg, Sigismund“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 643–644, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Thalberg,_Sigismund&oldid=2507658 (Version vom 24. September 2017, 22:33 Uhr UTC)
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Thalberg: Sigismund Th., der natürliche Sohn des Fürsten Dietrichstein und der Baronin von Wetzlar, geboren am 7. Januar 1812 zu Genf, † am 26. April 1871 auf seiner Villa bei Neapel; neben Liszt der am meisten bewunderte Claviervirtuose seiner Zeit. Noch im Knabenalter kam er nach Wien und erhielt Sechter und Hummel zu Lehrern in der Musik. Th. selbst nennt aber einen Fagottisten des Wiener Hofopernorchesters seinen einzigen Lehrer im Klavierspiel. Seine außergewöhnliche Begabung zeigte sich schon früh und kaum 15 Jahre alt lenkte er bereits die Aufmerksamkeit der Kunstfreunde auf sich. Ein Jahr später trat er schon mit eigenen Compositionen auf und zwar, wie er es fast sein ganzes Leben lang betrieb, mit Melodien anderer Meister, größtentheils aus Opern. Sein erstes Werk war über Themen aus der Euryanthe von Weber geschrieben, ihm folgten eine Fantasie über schottische Nationalmelodien, ein Impromptu über Motive aus der Belagerung von Corinth von Rossini u. s. f. Im Jahre 1830 unternahm er seine erste Kunstreise durch Deutschland, 1835 trat er in Paris auf, 1836 bestand er ehrenvoll den Wettkampf mit Liszt; nun durchzog er Belgien, Holland, England, Rußland. 1855 besuchte er Brasilien, 1856 Nordamerika und kam reich beladen mit klingendem Gewinn zurück. 1858 kaufte er sich eine Villa bei Neapel und zog sich mit seiner Frau, einer Tochter der Sängers Lablache, auf einige Jahre zurück. Doch schon 1862 litt es ihn nicht länger in der Zurückgezogenheit, er eilte nach Paris, London und 1863 nochmals nach Brasilien. Der Erfolg seines Spieles war gleich glänzend, wie [644] ehedem, und vom Publicum wurde er gehätschelt und verehrt wie in seinen jungen Jahren. Th. ist noch der Virtuose alten Schlages, der nur seine, der eigenen Kunstfertigkeit angepaßten Virtuosenstücke spielt. Inbetreff der Behandlung des Claviers nimmt er die Mitte zwischen Hummel und Liszt ein. Die ruhige Haltung der Hände hat er mit Hummel gemein, das Passagenwerk in gebrochenen Accorden aber mit Liszt, Chopin und Henselt. Seine Eigenthümlichkeit bestand in einem reichen brillanten Passagenwerk, welches sich wie üppige Ranken um eine Melodie schlingt und in der Kunst, die Melodie aus den sie überwuchernden Tonmassen stets mit voller Klarheit und ungemein zarten Schattirungen hervorklingen zu lassen. Dies war der Kern seines Virtuosenthums und der Effecte, mit denen er das Publicum jener Tage berauschte. Liszt ist ihm mit der Transscription der Schubert’schen Lieder gefolgt und erreichte damit gleiche Erfolge, nur daß der Gehalt seiner Uebertragungen tiefer und künstlerischer ist, wie denn überhaupt Liszt in jeder Hinsicht weit über Th. steht. Ein Verzeichniß von Thalberg’s Werken opus 1 bis 65 findet man im Mendel-Reißmann’schen Lexikon. Zum Schlusse sei noch ein Urtheil eines Zeitgenossen mitgetheilt, der sonst eine scharfe Zunge hatte und ein tüchtiger Musikdilettant war, Dr. Otto Lindner’s in Berlin, der in der Neuen Zeitschrift für Musik 1847, S. 141 schreibt: „Th. ist eine wohlthuende, eine noble Künstlererscheinung. Er gleicht eher einem denkenden Künstler, als einem Virtuosen heutiger Zeit. Ihm ist jede Charlatanerie fern. Er spielt mit ungewöhnlicher Ruhe; sein Körper kennt keine anderen Bewegungen, als die zur Ausübung der Technik nothwendigen. Kein Achselzucken, kein schmachtendes Liebäugeln, keine Finger- oder Faustkämpfe! So sein Aeußeres. Das Innere dürfte allgemeiner bekannt sein. Ueber seinen Melodien schwebt der zarteste Blumenduft, der süßeste Wohllaut. Er hüllt den Gedanken in einen steten Zauber; wir möchten fast sagen, er wickelt ihn darin ein, so daß er zuletzt gänzlich verschwimmt. Vorzugsweise sind es harmonische Figurationen mit denen er die Melodien deckt, und diese werden bei der ungewöhnlichsten Schwierigkeit so leicht und duftig ausgeführt, daß die Themen dennoch immer hell und klar durchschimmern“. Nun geht der Recensent auf die einzelnen Vortragsstücke über; von der Bearbeitung des Mozart’schen Ständchens und Menuettes aus dem Don Juan sagt er, Th. habe sie mit liebenswürdiger Grazie bearbeitet. „Namentlich wußte er die Zitherbegleitung des Ständchens so geschickt in die Melodie hineinzuweben, daß uns in der That Vieles wahrhaft überraschend erschien, zumal der Vortrag außerordentlich correct und sauber war.“ Auch Thalberg’s äußere elegante Erscheinung war die des vollendeten Salonmannes. Er sagte einst mit einem Seitenblick auf Liszt: „ich liebe es, als der gezähmte Virtuose zu erscheinen“.