ADB:Thomas, Georg Martin

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Artikel „Thomas, Georg Martin“ von Henry Simonsfeld in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 697–700, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Thomas,_Georg_Martin&oldid=- (Version vom 19. April 2019, 18:45 Uhr UTC)
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Thomas: Georg Martin Th., Philolog und Historiker, geboren am 12. Februar 1817 in Ansbach, † am 24. März 1887 in München, war der Sohn eines aus Schlesien stammenden protestantischen Schneidermeisters, welcher eine weit über seinen Beruf hinaus reichende Bildung besaß. Charakteristisch für ihn ist, daß er, obwohl mit einer reichen Kinderschar gesegnet, den einzigen Sohn auf das Gymnasium in Ansbach schickte, in welchem Th. den Unterricht des ausgezeichneten Schulmannes Bomhard genoß. 1835 bezog er die Universität München, wo er bei Thiersch mit Begeisterung philologische Vorlesungen hörte. 1837 ging er nach Leipzig und gewann hier die besondere Zuneigung und das Vertrauen Gottfried Hermann’s. Nachdem er dort noch 1839 den Doctortitel erworben hatte, kehrte er im Herbste des gleichen Jahres nach München zurück, bestand hier die philologische Staatsprüfung mit der Note I und dem Prädicat „ausgezeichnet“ und habilitirte sich an der Universität im Frühjahre 1841 mit einer Arbeit „Commentatio de Aristophanis avibus“. Aber trotz persönlicher Bekanntschaft mit dem Minister v. Abel erhielt Thomas – wegen seiner ausgesprochen protestantischen Gesinnung – von der Staatsregierung die Bestätigung als Privatdocent nicht und wurde dafür (Januar 1842) mit einer Lehrstelle am königlichen Cadettencorps entschädigt, wo er zuerst den Geschichtsunterricht für die protestantischen Zöglinge, später aber Deutsch und Lateinisch zu lehren hatte. Mit einem entschiedenen Lehrtalent begabt und ganz erfüllt von Liebe und Freudigkeit zu seinem Berufe, entfaltete er hier eine überaus fruchtbare Thätigkeit, welche sowohl in der Verleihung des Titels „Professor“ durch den König Ludwig I. (April 1845) als auch in ehrenden Zeugnissen hervorragender Autoritäten, wie Leonhard Spengel und Markus Joseph Müller, ihre Anerkennung fand. Dieses Lehramt bekleidete Th. bis zum Jahre 1856 und war dann eine Zeit lang ohne feste Stellung an der königl. Hof- und Staatsbibliothek in München thätig, indem er die Beschreibung der fremdsprachlichen, französischen, spanischen, italienischen, englischen u. s. w. Handschriften für den damals bereits begonnenen großen Handschriftenkatalog (gegen Remuneration) übernahm. Erst im Januar 1863 wurde er dann an der gleichen Anstalt als Bibliothekar fest angestellt, und zwar auf directen Befehl König Maximilian’s II., als Th. einem sehr ehrenvollen Ruf an die Universität Basel zu folgen Willens war, nachdem sich vorübergehend Aussichten auf eine gleiche (von ihm heißersehnte) Stellung an der Münchener Universität eröffnet, aber dann nicht verwirklicht hatten. Der Bibliothek gehörte er bis zu seiner 1877 von ihm selbst erbetenen Pensionirung an, auch jetzt vorzüglich als Mitarbeiter an der Herstellung des lateinischen Handschriftenkataloges beschäftigt. „Die Hauptsache“ freilich war für ihn dabei, wie König Max ihm bei seiner Ernennung selbst gesagt und zugesichert hatte, Venedig geblieben.

Denn längst hatte sich inzwischen Th. von der Philologie zur Geschichte gewendet. Studien zu Ovid, Aristophanes, dann später noch zu Thukydides, Tacitus und andere kleinere philologische und pädagogische Arbeiten hatten ihm bereits 1848 die Aufnahme in die philosophisch-philologische Classe der bairischen Akademie der Wissenschaften als außerordentliches Mitglied verschafft, welcher 1856 die Ernennung zum ordentlichen Mitgliede folgte, nachdem inzwischen seine ersten werthvollen Arbeiten zur mittelalterlichen Geschichte Venedigs erschienen waren, welche Thomas’ Namen weit über sein Vaterland hinaus bekannt gemacht haben. Hervorgegangen waren sie aus seiner Freundschaft [698] besonders mit dem Byzantinologen und Geographen Gottlieb Tafel aus Ulm, mit welchem er 1850 eine gemeinsame Reise nach Wien zu diesem Zwecke unternommen hatte. Erste Frucht dieser Studien waren der „Friedens- und Handelsvertrag des griechischen Kaisers Michael Palaeologus mit der Republik Venedig vom Jahre 1265“ (1850); es folgten (1851) die „Griechischen Originalurkunden zur Geschichte des Freistaates Ragusa“ und besonders (1855) die Abhandlung „Der Doge Andreas Dandolo und die von ihm angelegten Urkundensammlungen, mit den Original-Registern des Liber Albus, Blancus und der Libri Pactorum“. Wie schon diese Arbeiten, veröffentlichte dann Th. gleichfalls im Vereine mit Tafel 1856 und 1857 die drei ersten Bände der „Urkunden zur älteren Handels- und Staatsgeschichte der Republik Venedig mit besonderer Beziehung auf Byzanz und die Levante vom 9. bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts“, welche die historische Commission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien als Band 12–14 der Abtheilung II ihrer „Fontes Rerum Austriacarum“ erscheinen ließ – leider ohne Register und Glossar, wie denn die Publication, muß man bei aller Anerkennung ihrer Verdienste sagen, den modernen Ansprüchen der Diplomatik nicht ganz entspricht. Diesen drei ersten Bänden (bis 1299 reichend) folgten 1880 und 1899, infolge der veränderten politischen Lage von der R. Deputazione Veneta di storia patria (deren Ehrenmitglied Th. seit 1876 war), herausgegeben, zwei weitere Bände mit dem selbständigen Titel „Diplomatarium Veneto-Levantinum sive Acta et Diplomata res Venetas Graecas atque Levantis illustrantia a. 1300 bis 1350“ (bzw. bis 1453) als vol. V. und vol. IX der „Serie prima: Documenti“. (Der letzte Band wurde nach dem Tode Thomas’ von R. Predelli besorgt und mit Orts- und Personenverzeichniß für beide Bände versehen.) Das Werk ist (trotz der angedeuteten Mängel) eine Quellensammlung ersten Ranges, von hervorragender Bedeutung, ja unentbehrlich für jeden, der sich mit der Geschichte Venedigs, des byzantinischen Reiches, des Orients und der Kreuzzüge in dem angegebenen Zeitraum zu beschäftigen hat und dadurch auch, darf man wohl sagen, von größter Wichtigkeit für die neuerdings zu solcher Blüthe gelangten byzantinischen Studien.

Als ein zweites, gleichfalls ungemein werthvolles Hauptwerk von Th. ist zu nennen das mit Unterstützung des Reichskanzleramtes des deutschen Reiches 1874 herausgegebene „Capitolare dei Visdomini del Fondaco dei Tedeschi“ in Venedig: eine Sammlung von Verordnungen für die Beamten, welche von der venetianischen Regierung zur Verwaltung des den deutschen Kaufleuten zugewiesenen Kaufhauses am Rialto eingesetzt wurden – die Grundlage für alle Forschungen auf dem Gebiete der deutsch-venetianischen Handelsgeschichte, zu welcher Th. in den späteren Abhandlungen: „Zur Quellenkunde des venetianischen Handels und Verkehrs“ und „G. B. Milesio’s Beschreibung des Deutschen Hauses in Venedig“ selbst noch wichtige Beiträge – leider alle ohne ausführlicheren Commentar – geliefert hat. Ueberhaupt ist er, trotz seiner langjährigen Beschäftigung mit Venedig, nie zu einer größeren darstellenden, zusammenfassenden Arbeit darüber gelangt, obwohl er in seiner 1864 gehaltenen akademischen Festrede: „Die Stellung Venedigs in der Weltgeschichte“ gezeigt hat, daß er sehr wohl im Stande war, von hoher Warte aus die geschichtliche Entwicklung zu überschauen und die Vergangenheit mit der Gegenwart in Beziehung zu setzen. Hauptschuld daran war eine allzugroße Zersplitterung seiner Kräfte durch andere Arbeiten, Besprechungen, Recensionen, Nekrologe und die Herausgabe hinterlassener Schriften von verstorbenen Freunden, so der „Gesammelten Schriften“ des österreichischen Feldmarschalllieutenants A. v. Jochmus, Frhr. v. Cotignola, (1883–84) in vier Bänden und besonders [699] der „Gesammelten Werke“ Jakob Philipp Fallmerayers (1861) in drei Bänden (mit einer Biographie Fallmerayer’s im ersten Bande; 1877 erschienen die „Fragmente aus dem Orient“ in zweiter und vermehrter Auflage). Freilich ist es gerade die Freundschaft mit dem berühmten „Fragmentisten“ gewesen, welche Th. ein besonderes Relief verliehen hat und noch verleiht. Beide Männer waren in ihren Anschauungen und Gesinnungen einander so sehr verwandt, daß sie zeitlebens die wärmste Freundschaft verbunden hat. Den Bemühungen von Th. nicht am wenigsten, der schon 1848 als liberaler Wahlmann sich lebhaft an der Politik betheiligte, hatte Fallmerayer seine Wahl zum Frankfurter Parlament als Vertreter des ländlichen Wahlkreises München II zu danken, wenn auch Fallmerayer selbst dies Amt bald mehr als eine Last empfand. (Siehe einige seiner Briefe an Th. in den „Forschungen zur Geschichte Baierns“ XIV, 207 ff., mitgetheilt von Th. Weiß in dem Aufsatz: „Zur Lebensgeschichte Jak. Phil. Fallmerayer’s“.)

Der Politik hat Th. dann überhaupt stets viel Zeit gewidmet und geopfert. Immer ist er dabei unentwegt der nationalen und liberalen Partei treu geblieben. Er bekannte stets freimüthig und offen seine Ueberzeugung und zeigte sich in Wort und Schrift immerdar als begeisterter Anhänger für die Einigung Deutschlands. Es war eine stolze Genugthuung für ihn, daß nach der Wiedergeburt des Deutschen Reiches ihn seine Vaterstadt Ansbach in den ersten deutschen Reichstag als ihren Vertreter entsandte, in welchem er dauernde persönliche Beziehungen zu Bismarck anknüpfte.

Ein ebenso entschiedener, überzeugungsfester Anhänger war Th. von der Reformation, in welcher auch er die „bedeutsamste Epoche der europäischen Geschichte“ erblickte. Dies hat er ebenso rückhaltlos ausgesprochen in der interessanten kleinen Schrift, welche er anläßlich des vierhundertjährigen Geburtsjubiläums Luther’s in Ansbach erscheinen ließ: „Martin Luther und die Reformationsbewegung in Deutschland vom Jahre 1520 bis 1532 in Auszügen aus Marino Sanuto’s Diarien“ – eine Zusammenstellung der Notizen, die sich in dem wichtigen Quellenwerk dieses venetianischen Geschichtsschreiber finden.

Th. war ein Mann von hoher, idealer Gesinnung mit einem „feinen Gefühl für alles Edle und Gute, sei es, daß es in Ereignissen und Zuständen oder daß es in Personen sich kundgab“ (Prantl), von einer gewinnenden Liebenswürdigkeit und einer Vornehmheit im Auftreten, die der wiederholte Aufenthalt in Italien und speciell in Venedig gezeitigt hatte. Selbst unvermählt – eine geistesverwandte, unverheirathete Schwester und eine treubesorgte Nichte, Frl. Sophie Hiller, führten ihm den Haushalt – kehrte er schon seiner Studien wegen immer wieder nach der unvergleichlichen Lagunenstadt zurück, wo er sich wahre, treue Freunde erwarb, die in ihm mit Recht einen der Pioniere deutscher Geistesarbeit in Italien verehrten. Er gehört zu jener Schar von Männern, welche gleich Gregorovius, Reumont, Hillebrand so unendlich viel dazu beigetragen haben, innigere Verbindungen zwischen Deutschland und Italien anzubahnen. Die Augen der gelehrten Welt auf das mittelalterliche Venedig und dessen Beziehungen zum Osten und Westen gelenkt zu haben, wird immer das litterarische Hauptverdienst von Th. bleiben. Seine reiche Bibliothek und seine werthvolle Correspondenz vermachte er in pietätvoller Anhänglichkeit seiner gleichgeliebten Vaterstadt Ansbach, wo er auch seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Ein vollständiges Verzeichniß seiner Schriften siehe im „Almanach“ der k. bair. Akademie der Wissenschaften für 1884, S. 207 u. ff. – S. Nachruf in der Augsburger Abendzeitung 1887, Nr. 87; von Prantl in den [700] Sitzungsberichten der philos.-philol. und histor. Classe der k. bair. Akademie der Wissenschaften 1887, S. 255 ff.; von dem Unterzeichneten in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1888, Nr. 66 u. 67 (mit Benutzung familiärer Mittheilungen).