ADB:Tschiffeli, Johann Rudolf

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Artikel „Tschiffeli, Johann Rudolf“ von Otto Hunziker in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 719–720, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tschiffeli,_Johann_Rudolf&oldid=- (Version vom 6. April 2020, 19:28 Uhr UTC)
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Tschiffeli: Johann Rudolf T., aus patricischem Geschlechte der Stadt Bern am 15. December 1716 geboren, verlebte seine Jugendjahre in Rheineck (im jetzigen Kanton St. Gallen), wo sein Vater damals Landschreiber war. Da in der Nähe keine geeigneten Bildungsanstalten sich fanden, war er fast lediglich auf Selbstbildung aus Büchern angewiesen, und als ältestes der zahlreichen Geschwister ertheilte er schon als Knabe denselben den nöthigen Unterricht. Als dann sein Vater 1734 die Landvogtei in Wangen (an der Aare) erhielt, suchte und fand der Sohn Beschäftigung als Volontär in der Verwaltung der Vaterstadt. Aber 1747 starb der Vater und kurz nachher auch die Mutter; Vermögen war nicht vorhanden, und so lag nun auf Tschiffeli’s Schultern die dreifache Bürde eines neubegründeten eigenen Haushaltes, einer drückenden väterlichen Erbschaft und der Versorgung von vier jüngeren Geschwistern. Doch die kritische Lage stählte seine Kraft; er wandte sich der Rechtswissenschaft zu, und ward nicht nur als Sachwalter von Privaten geschätzt, sondern auch von der Regierung bei wichtigen Arbeiten zugezogen, so bei der Reform der bernischen Civilgesetze. 1755 wurde er zum Schreiber des obern Ehegerichts („Chorschreiber“) gewählt, welche ein gesichertes Einkommen bietende Stellung er bis zu seinem Tode (15. Jan. 1780) bekleidete. Ein großes Verdienst erwarb er sich mit seiner nach langen Mühen endlich in seinem Todesjahre von Erfolg belohnten Thätigkeit zu Gunsten der im Gebiete von Bern nach Tausenden zählenden Heimathlosen, die endlich Dank seiner Zähigkeit eine feste bürgerliche Existenz als „Landsassen“ erhielten.

Aber was ihm in der culturgeschichtlichen Entwickelung des 18. Jahrhunderts einen bleibenden Namen sichert, das sind seine theoretischen und praktischen Bestrebungen zur Hebung der Landwirthschaft. Er ist der Begründer und geistige Mittelpunkt der bernischen ökonomischen Gesellschaft, deren Entstehung in die Jahre 1759–1761 fällt; einer Gesellschaft, deren Vorsitz zu übernehmen, sich selbst ein Albrecht v. Haller nicht zu hoch hielt, der ältesten Gesellschaft dieser Art in Europa und der ältesten größeren Vereinigung in der Schweiz; es gelang derselben, durch ihre eigene aufopfernde Thätigkeit und durch die Begründung von Filialgesellschaften im damaligen bernischen Gebiete, einen mächtigen Aufschwung in rationeller Bewirthschaftung des Bodens und im Wohlstand der ländlichen Bevölkerung zu erzielen; durch ihre volkswirthschaftlichen Veröffentlichungen, zu denen die besten Berner jener Zeit – Engel, Tscharner, [720] Tschiffeli u. A. – ihr Bestes gaben, und welche deshalb, so lange Tschiffeli’s Anregung fortwirkte, des höchsten Ansehens genossen, ja durchweg als classische Leistungen galten, erlangte die Gesellschaft europäischen Ruhm und im Inlande allseitige Unterstützung ihrer Bestrebungen.

T. wirkte aber auch als praktischer Landwirth. Er bewirthschaftete ein großes Gut bei Kirchberg (in der Nähe von Burgdorf), das er auf das Vierfache seines Werthes brachte und ein zweites bei Moosseedorf (nahe bei Hofwyl). Seine Unermüdlichkeit im Experimentiren brachte neue Culturen und namhafte Verbesserungen in den Arbeitsinstrumenten auf. Zahlreiche Einheimische und Fremde besuchten T. auf seinen Gütern, um hier Anregung und Klarheit in landwirthschaftlichen Fragen zu gewinnen, junge Leute suchten in einer Lehrzeit bei ihm sich für die landwirthschaftliche Praxis vorzubereiten, wie z. B. Pestalozzi; ja die Männer der Helvetischen Gesellschaft begrüßten mit Jubel die vorübergehende Aussicht, daß T. die Leitung einer patriotischen Erziehungsanstalt übernehmen werde.

Tschiffeli’s anerkannte Uneigennützigkeit, die ihn über seinen Bestrebungen, durch seine Experimente der Menschheit zu nützen, das Verhältniß der ausgelegten Mittel zu dem für ihn als Privatmann resultirenden Gewinn oft zu wenig in Anschlag bringen ließ – Fellenberg hat nach seiner eigenen Aussage (Landwirthsch. Blätter v. Hofwyl, Heft I, S. 15 ff.) in dieser Beziehung an ihm ein warnendes Exempel genommen – hätte für ihn verhängnißvoll werden können, als ein seltener Glücksfall ihn aus aller Verlegenheit riß; bei einer ausländischen staatlichen Verloosung gewann er 1770 einen Haupttreffer, der ihm eine Rente von 1000 Louisdor verschaffte. So konnte er, aller ökonomischen Sorge für seine zahlreiche Familie enthoben, bis zu seinem Tode eine Wirksamkeit in großem Maßstabe fortsetzen, die, ohne seine Angehörigen zu schädigen, der Hebung der Volkswohlfahrt zu gute kam.

Holzhalb, Suppl. zu Leu’s schweiz. Lexicon VI, 119–121 (Zürich 1795). – S. Wagner, Lebensgeschichte Hrn. J. R. Tschiffeli’s. Bern 1808. – Lutz, Nekrolog denkwürdiger Schweizer. Aarau 1812. – Berner Taschenbuch 1853, 298/299. – R. Schatzmann, das hundertjähr. Jubiläum der ökonomischen Gesellschaft des Kanton Bern. Bern 1860. – Hunziker, Geschichte der schweiz. Volksschule I, 200–202 (Zürich 1881 ff.). – Sammlung bernischer Biographien I, 285–299. Bern 1887. (Biogr. Skizze Tschiffeli’s v. J. Sterchi.)