ADB:Uliman genannt Schorank, Wolfgang

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Artikel „Ulimann gen. Schorank, Wolfgang“ von Ludwig Keller in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 187–188, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Uliman_genannt_Schorank,_Wolfgang&oldid=- (Version vom 17. Oktober 2019, 06:31 Uhr UTC)
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Ulimann: Wolfgang U., gen. Schorank, war der Sohn des Zunftmeisters Andreas Ulimann in St. Gallen und bis zum Jahre 1523 oder 1524 ebenso wie sein Freund und Glaubensgenosse Georg Blaurock (gen. vom Hause Jacob, s. A. D. B. XI, 86,) Mönch im St. Luciuskloster in Chur. Während Blaurock beim Ausbruch der großen religiösen Bewegung sich nach Zürich wandte, ging U. nach St. Gallen, und jeder von ihnen wirkte an seinem Orte in der gleichen religiösen Richtung. Wie Blaurock auf Konrad Grebel, Felix Manz und Andere Einfluß gewann und als erster an Grebel die Spättaufe vollzog (1524), so gelang es U., in St. Gallen die gleiche Bewegung in Fluß zu bringen. In St. Gallen gab es (wir wissen nicht seit wann) eine Brüderschaft, deren Mitglieder, u. A. Hans Ramsower, Mainradt Weniger, Ambrosius Schlumpf, der Zunftmeister Gabriel Bilwiller, Aberli Schlumpf, Beda Miles Treier waren – ihr „Oberster und Angeber“ war der Zunftmeister Mainradt Weniger, und sie nannten sich Brüder oder „Christliche Brüder“, und es waren viele Weber unter ihnen – die dem „Worte Gottes“ anhing und die sich zur Lesung und Erklärung der h. Schrift in den Häusern einzelner Brüder in der Stille versammelte. Zu einer solchen Versammlung am 1. Januar 1524, bei der auch ein Mahl stattfand, hatte der am 8. December 1523 von der Universität Wittenberg zurückgekehrte, damals 22jährige Johannes Keßler (der uns alle diese Dinge in seiner Chronik erzählt) eine Einladung erhalten, und es war den Brüdern gelungen, ihn zur Uebernahme der Bibelauslegung in den nächsten „Lektionen“ – so nannte man die Gottesdienste – zu bewegen; in der That wurden die Lektionen unter seiner Mitwirkung fortgesetzt, und zwar fanden sie zuerst in Miles Treier’s Haus, dann in der Zunftstube der Schneider und darauf im Zunfthaus der Weber statt, vorläufig natürlich wie bisher im Bruderkreise. Bei einer solchen Versammlung war auch Lorenz Hochrütiner aus Zürich anwesend, der Angehöriger jener „Ketzerschule“ war, von der die Züricher Obrigkeit im Mai 1522 Kenntniß nehmen mußte, deren Mitglieder sich Brüder nannten und die genau in der Art der St. Gallener Brüder „Schenken“ (Collatien), d. h. Brudermahle und Gottesdienste abhielt und die mit den Abgeordneten anderer „Ketzerschulen“ sich zu „Capitels-Versammlungen“ zusammenfand. (Näheres bei Keller, Die Reformation, 1885, S. 399 ff.) Hochrütiner hatte Keßler’s Anschauungen von der Taufe widersprochen, und es kam zu lebhaften Erörterungen, die aber einstweilen „heimlich“. d. h. innerhalb des Brüderkreises, blieben. Allmählich [188] wurden die Versammlungen der „Evangelischen“ stadtkundig und Keßler wurde durch die Behörden gezwungen, sein Amt niederzulegen. An seine Stelle trat nun der Freund Hochrütiner’s, Wolfgang U., der das Ordensgewand abgelegt hatte und sich als Handwerker in St. Gallen ernährte. Er machte alsbald den kühnen Versuch, eine Kirche für die Versammlungen zu gewinnen; als dies fehlschlug, hielt er die Gottesdienste erst vor der Kirche unter freiem Himmel und dann „uf der Metzgi“. Endlich am 2. Februar 1525 gelang es der immer anwachsenden Zahl der Evangelischen, den Rath zur Hergabe der St. Lorenzkirche zu bestimmen, gleichzeitig aber setzten Anhänger Zwingli’s die zeitweilige Berufung Leo Judä’s nach St. Gallen und den Erlaß eines obrigkeitlichen Mandates in der Religionssache durch (April 1525). Während diese Wendung eintrat und zweifellos infolge derselben hatte Wolfgang U. die Stadt verlassen und Berathungen mit seinen Freunden gehalten, die inzwischen um die Jahreswende 1524/25 den vetantwortungsvollen Schritt gethan hatten, in die „Schulen“ oder „Schenken“ die Taufe auf den Glauben als kirchliche Ceremonie einzuführen und sich dadurch förmlich und öffentlich von der herrschenden Kirche loszusagen. Wolfgang U. hatte sich dieser Neuerung angeschlossen und sich von Konrad Grebel im Rhein die Spättaufe ertheilen lassen; als Getaufter kehrte er im März 1525 in seinen Wirkungskreis zurück und am 18. März versammelte sich die Brüderschaft in der Zunftstube der Weber am Markt, wo es zur Trennung kam, indem ein Theil sich U. anschloß, ein anderer der Partei Zwingli’s beitrat. Es ist bezeichnend für die religiöse Richtung, die die „Bruderschaft“, wie sie bereits mindestens im Jahre 1523 bestand, beseelte, daß deren „Oberster und Angeber“, der Zunftmeister Mainradt Weniger, mit vielen angesehenen Männern (wie dem nachmaligen Bürgermeister Junker Konrad Mayer) und (wie Keßler erzählt) „aus andern Städten und Enden viel frommer ehrbarer Leut“ sich dem Wolfgang U. anschlossen; auch Johann Denck fand sich damals (Mai 1525) in St. Gallen ein und U. entfaltete hier und im Appenzeller Land eine erfolgreiche Thätigkeit. Als die Verfolgungen ausbrachen und mancherlei Spaltungen unter den „christlichen Brüdern“ sich auch hier einstellten, zog U. mit vielen Andern nach Mähren, „wo man wohlfeil und der Verfolgung halb ledig und sicher leben könne. Denn der Landesherr sei ein Pikarde und habe kein Mißfallen, sondern habe ihnen eine Gegend eingegeben, die sie bebauen und wo sie wohnen möchten“ (Keßler a. a. O. S. 253). Aus Mähren i. J. 1528 zurückgekehrt, um eine weitere Schaar der Brüder vor den Henkern in Sicherheit zu bringen, ward er mit seinem Zuge von Truchseß Georg III. gefangen; das geschah in der Truchsessischen Stadt Waldsee in Schwaben i. J. 1528. Hier wurde wie mit allen „Brüdern“, für die schon seit 1525 der neue Secten-Name Wiedertäufer aufgekommen war, kurzer Proceß gemacht: U. wurde mit zehn Männern geköpft, die Frauen ertränkt; Kinder und Abgefallene wurden weggeschickt. Nach Keßler’s Zeugniß, der dem U. persönlich nahe gestanden hat, war U. einer der „Erzväter der Wiedergetauften“; jedenfalls war er einer der ersten theologisch gebildeten Männer, die die Taufe auf den Glauben durch Untertauchen empfingen. In den Märtyrerbüchern der Taufgesinnten lebte sein Andenken fort.

Beck, Geschichtsbücher der Wiedertäufer S. 20. Wien 1883. – Joh. Keßler’s Sabbata, hrsg. von Ernst Götzinger, I, 198 ff., 266 f.; II, 253. St. Gallen 1866. – Martelaarspeegel der Doopsgezinde II, 17 (Ausg. v. 1685). – Hoornbeck, Summa controversiarum etc. 1697. Lib. V, pag. 340.