ADB:Jud, Leo

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Artikel „Judä, Leo“ von Georg von Wyß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 651–654, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Jud,_Leo&oldid=2499007 (Version vom 30. März 2017, 02:45 Uhr UTC)
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Judä: Leo J. (eigentlich Jud), Pfarrer zu St. Peter in Zürich, geb. 1482, † am 19. Juni 1542; neben Zwingli und Bullinger der bedeutendste unter den zürcherischen Reformatoren. Geboren in Gemar im Elsaß, als Sohn des Johannes J., Pfarrers daselbst und später in Rappoltswiler, bildete sich J. in Schlettstadt unter Crato v. Udenheim, wo Martin Butzer, Beat Rhenan u. A. seine Mitschüler waren und er besonders mit Butzer sich befreundete. Im Herbste 1499 nach Basel gezogen, um sich der Arzneikunde zu widmen, wandte er sich daselbst nach einiger Zeit zur Theologie und betrieb unter Thomas Wittenbach scholastische, aber vorzüglich das Bibelstudium. Bald verband ihn hier Gemeinsamkeit der Ueberzeugungen und innige Freundschaft mit einem anderen Schüler Wittenbach’s, dem um zwei Jahre jüngeren Ulrich Zwingli, und wie Zwingli ein Lehramt an der Schule zu St. Martin übernahm J. während dieser Studienzeit das Diakonat zu St. Theodor in Basel, das er bis 1512 bekleidete. Im letzteren Jahre zum Pfarrer in St. Pilt (St. Hippolyt) in seiner elsässischen Heimath erwählt, erhielt er hier zu Ende 1518 durch Zwingli, der damals von Einsiedeln nach Zürich übersiedelte, die Aufforderung, als Nachfolger seines Freundes die Rolle eines Leutpriesters in Einsiedeln zu übernehmen, für welche Zwingli ihn dem Administrator des Stiftes, Diebold v. Geroldseck, vorgeschlagen hatte. Mitte 1519 trat J. hier ein und brachte nun vierthalb Jahre in Einsiedeln zu, seine Zeit zwischen dem Predigtamte und ernstem Studium der heil. Schrift, der Kirchenväter, der Schriften des Reuchlin, Erasmus und Luthers theilend, im anregenden Umgang mit Geroldseck, Zink, Oechslin u. A. m. Die Anschauungen, zu denen sich schon Zwingli in Einsiedeln bekannt hatte, die er nun in Zürich entschieden zur Geltung brachte, vertrat J. in seinen Predigten unumwunden. Gleich den ersten legte er Luthers Auslegung des „Vater Unser“ zu Grunde; der herkömmlichen Kirchenlehre vom Verdienst der guten Werke, vom Ablaß, Gelübden, Wallfahrten, der Anrufung der Jungfrau Maria oder Heiligen gegenüber betonte er an dem vielbesuchten, berühmten Wallfahrtsorte die einfachen Lehren des Evangeliums. Zugleich begann er die ihm fortan eigene schriftstellerische Thätigkeit. Er übersetzte Schriften von Erasmus ins Deutsche, unter Anderem die Institutio principis Christiani (Ein nutzliche underwysung etc. 4°. Ohne Orts- und Jahresangabe) und die Querela pacis (Ein klag des frydens etc. Zürich, Froschauer 1521): ferner Luthers Schrift vom Glauben und christlichen Leben (Ein nutzliche fruchtbare underwysung was da sy der gloub etc. Ebendas. 1521), und er veranstaltete eine neue, verbesserte und vermehrte deutsche Ausgabe des Büchleins „Von der Nachfolge Christi“ (1523). Mit Zwingli im nahen Zürich blieb J. in inniger Verbindung. Neben neun anderen Geistlichen unterzeichnete auch er Zwingli’s Bittschrift an den Bischof von Constanz um Vornahme von Reformen (datirt: Einsiedeln 2. Juli 1522), predigte 1522 abwechselnd mit Zwingli und Comthur Konrad Schmid am großen Fest der Engelweihe in Einsiedeln und hielt auch mehrmals bei Besuchen in Zürich die Predigt in der Kirche St. Peter daselbst. In Folge hiervon erging zu Pfingsten 1522 der Ruf an ihn, auf Lichtmeß 1523 das Pfarramt an der großen Gemeinde dieses Namens zu übernehmen und J. trat, nachdem er sich über seine Auffassung des ihm übertragenen Amtes schon an der ersten Zürcher Disputation (Januar 1523) ausgesprochen hatte, in Zürich selbst bleibend an Zwingli’s Seite. Von Stund an wurde er dessen nächster und einflußreichster Gehülfe in Durchführung der zürcherischen Reformation. An allen Schritten und Entscheidungen hierin nahm er wirksamen Antheil: an der zweiten Zürcher Dissertation (October 1523), an der Abschaffung des Frohnleichnamsfestes, der Bilder, der Seelmessen und der Aufhebung der Klöster (1524), an der schließlichen [652] gänzlichen Umgestaltung des Kultus durch Abschaffung der Messe und Einführung des Abendmahls (1525), an der Uebertragung der bischöflichen Gerichtsbarkeit in Ehesachen auf ein aus Geistlichen und weltlichen Beisitzern zusammengesetztes Ehegericht, dem J. selbst als einer der drei Stadtpfarrer von Amtswegen angehörte (1525), an Zwingli’s Kampf gegen die Wiedertäufer (1525) etc. Mit Zwingli stand J. der ersten zürcherischen Synode vor (1528), vertrat dessen Stelle, so oft der Reformator von Zürich abwesend war, und pflichtete Zwingli’s Auffassung und Wirken in kirchlichen und politischen Dingen völlig bei. Er blieb auch schriftstellerisch thätig. Zwei Taufformulare für die zürcherische Kirche von 1523 und 1525, in deren Unterschied die Entwickelung der Reformation zu Tage tritt, eine deutsche Uebersetzung der Paraphrase des Erasmus zu den Episteln (1523), eine Schrift wider Matthis Kretz in Augsburg über die Messe (1524) und zwei Schriften zur Vertheidigung der zwinglischen Lehre im entbrannten Abendmahlsstreite (1526) gingen aus Judä’s Feder hervor. Die eine der letztgenannten in der pseudonymen Form des Briefes eines Ludovicus Leopoldi (ohne Druckort und Jahresangabe) bestrebte sich nachzuweisen, daß des Erasmus und Luthers Aeußerungen über das Abendmahl im Grunde der reformirten Lehre über dasselbe nicht widersprechen. Als Luther und insbesondere Erasmus sich über diese Behauptung höchlich beschwerten und Letzterer Pellikan der Autorschaft des Briefes zu bezüchtigen schien, trat J. mit seinem Namen in der zweiten Schrift hervor, die den Titel führt: „Uf Entdeckung Dr. Erasmi von Roterdam der dückischen arglisten eines tütschen Büchlins antwurt und entschuldigung“ (1526). So stand J. nahezu neun Jahre lang Zwingli zur Seite, als dessen Tod auf dem Schlachtfelde zu Capell (11. October 1531) ihn nicht nur des Freundes, zu dem er aufsah, beraubte, sondern auch ihr gemeinsames Werk mit dem Untergange zu bedrohen schien. Gegen J. richteten sich jetzt die heftigsten Vorwürfe der Gegner Zwingli’s in Zürich; nur sein Muth und der Schutz eines Bekannten verschafften ihm Sicherheit in den schlimmsten Tagen der Aufregung. Wer sollte aber des gefallenen Reformators Aufgabe aufnehmen? Oekolampad, an den J. schrieb, lehnte ab es zu thun. J. selbst fand sich nicht zu der hervorragenden Stelle des Führers berufen. Er lenkte die Blicke des Rathes auf Bullinger und schloß sich nach dessen erfolgter Wahl (9. December 1531) dem obwol um 22 Jahre jüngeren Manne mit derselben unermüdlichen und bescheidenen Treue an, die er bisher Zwingli gewidmet hatte. Indem er fortfuhr sein Pfarramt zu St. Peter zu bekleiden, unterstützte er Bullinger in allen Angelegenheiten der Kirche und blieb in unausgesetzter schriftstellerischer Wirksamkeit in ihrem Dienste, was Bullinger mit warmer und auf J. selbst wohlthätig einwirkender Freundschaft vergalt. Denn J. erfüllte jetzt der Eindruck der Katastrophe von Capell mit schweren Bedenken über die bißherige enge Verbindung der evangelischen Kirche mit der Staatsgewalt und die versuchte Ausbreitung ihrer Lehre durch Gewalt der Waffen. Unabhängigkeit der Kirche von dem obrigkeitlichen Eingreifen und nachdrücklicherer Einfluß derselben auf das Verhalten der Regenten und des Volkes schienen ihm allein zu Heil führen zu können. Bullinger’s ruhigere Beurtheilung der Wirklichkeit der Lage und doch entschiedenes Eintreten für das Recht freier Predigt des göttlichen Wortes beschwichtigten J. (1532) und auch die Zweifel, in welche ein von Schwenkfeld in Straßburg angesponnener brieflicher Verkehr ihn vielfach brachte, legten sich schließlich unter Bullinger’s Vorstellungen und machten gänzliches Lossagen Judä’s von jenem unruhigen Geiste Platz (December 1533). So nahm denn J. schon an der abschließenden Organisation der zürcherischen Kirche durch die Prediger- und Synodalordnung vom October 1532 wirksamen Antheil und begleitete Bullinger im Januar 1536 nach Basel zu den Verhandlungen der [653] schweizerischen reformirten Kirchen, aus denen die Confessio helvetica (prima) hervorging, deren sofortige Uebertragung durch J. ins Deutsche an Ort und Stelle zum Urtext des gemeinsamen Bekenntnisses erklärt wurde. Inzwischen ließ J. für die allgemeine Belehrung der Erwachsenen und der Jugend in den christlichen Wahrheiten 1534 seine „Christliche, klare und einfalte Einleitung in den Willen Gottes“ etc. erscheinen, seinen (später so genannten) größeren Katechismus, der in den ostschweizerischen Kirchen und 1536 in einem Auszuge von Megander auch in Bern in Gebrauch kam. Demselben folgten später ein lateinischer Katechismus für das zürcherische Gymnasium, großentheils, wie J. selbst angibt, nach Calvin’s Institutio fidei christianae bearbeitet (Zürich, Froschauer s. a.), und 1541, auf den Wunsch der zürcherischen Synode und von ihr und der Obrigkeit genehmigt, Judä’s „Kleiner Katechismus“ zum Behufe des eingeführten kirchlichen Jugendunterrichtes. An der Vertheidigung der zwinglischen Kirche gegen Luthers leidenschaftliche Angriffe betheiligte sich J. lebhaft. Dem Sendbrief der zürcherischen Prediger an den Markgrafen Albrecht von Brandenburg (1532) gab er eine deutsche Uebersetzung von Ratram’s „Vom Leib und Blut des Herrn“ bei, als gründliche Abwehr des Vorwurfs ungerechtfertigter Neuerungen, und übersetzte im November 1534 Bullinger’s Erklärung über das Abendmahl ins Deutsche. Zu Zwingli’s Gedächtniß aber gab er 1532 dessen lateinische Uebersetzung der Psalmen (Enchiridion Psalmorum etc.) heraus, fügte den früher in Verbindung mit Megander herausgegebenen Annotationes von Zwingli zu den beiden ersten Büchern Moses und einigen Episteln (1527 bis 1531) 1539 noch diejenigen zu den Evangelien und anderen paulinischen Episteln hinzu und übertrug auch 1536 die von Bullinger herausgegebene letzte Schrift von Zwingli, dessen Expositio fidei christianae ad Regem christianum (Franciscum I.) ins Deutsche. Ungern sah J. seines einstigen Freundes Butzer wachsende Annäherung an Luther, mahnte Butzer davon ab (1534) und mißbilligte dessen Brief an Luther so sehr, daß er seinen in Butzer’s Hause lebenden Schwestersohn Johann Fabricius (später erster Pfarrer in Cur) von da abrief. Zwecken anderer Art galten Judä’s deutsche Uebersetzungen von des heil. Augustin Schrift: „Vom Geist und vom Buchstaben“ (1537) und mehrerer Briefe Calvins wider katholische Lehren (1538–1540), sowie eine lateinische Uebertragung der Gespräche Bullinger’s gegen die Wiedertäufer (1535). In einer selbständigen Schrift behandelte J. „Das Leiden Christi, nach den vier Evangelien“ (1539). Das verdienstlichste und bleibende Denkmal von Judä’s Wirken bilden aber seine Uebersetzungen der Bibel. In der ersten in Zürich erschienenen deutschen Bibel (Froschauer, 1524–1529) waren die geschichtlichen und poetischen Bücher des Alten Testaments und das Neue Testament Luther’s Uebersetzung entnommen; die Propheten dagegen und die Apokryphen (welche beide Luther erst 1532/34 folgen ließ) von J. aus der Ursprache übersetzt; jene nach den Ergebnissen der in Zürich bestehenden öffentlichen Schriftauslegung durch die versammelten Geistlichen und Gelehrten (die sogen. „Prophezei“); diese von J. allein selbständig bearbeitet. In den späteren Drucken von 1531 an ging auch die Uebersetzung der poetischen Bücher des Alten Testaments von den zürcherischen Predigern aus; die übrigen Theile der lutherischen Uebersetzung wurden im Einzelnen berichtigt oder der oberdeutschen Sprache angenähert. Von 1538 an unternahm hingegen J. eine neue Vergleichung der ganzen Bibel, Wort für Wort, mit dem Grundtext und in dieser Bearbeitung erschien 1539 und 1540 die zürcherische deutsche Bibel, mit einer bemerkenswerthen Vorrede des Bearbeiters. Dieser deutschen Bibel aber ließ J. eine lateinische Uebersetzung aus der Ursprache folgen, die von 1541 an erschien und an welcher er mit so rastlosem Fleiße arbeitete, daß er bis zu seinem, schon Mitte des folgenden [654] Jahres erfolgten Tode die kanonischen Bücher des Alten Testaments fast ganz vollenden konnte. Als vier Tage vor seinem, am 15. Juni 1542 eingetretenen Hinschiede Bullinger und die übrigen Geistlichen der Stadt das Sterbebette des würdigen Mannes umstanden, war es Judä’s letzte Bitte an seine Amtsbrüder, insbesondere an Bibliander, daß sie sein Werk zu Ende führen möchten. Sie verhießen ihm die Erfüllung seines Wunsches und nach ihren gemeinsamen Bemühungen erschien 1543 die lateinische Zürcher Bibel, mit einer Vorrede von Bullinger, welche die Geschichte des Werkes erzählt. Dasselbe fand so vielen Beifall, daß schon 1545 eine neue Ausgabe bei R. Estienne in Paris (freilich von der Sorbonne verdammt) erschien, spanische Theologen später in Lyon eine solche veranstalteten und noch 1584 die theologische Facultät von Salamanca dies wiederholte. In solcher Thätigkeit brachte J. sein durch Kränklichkeit und äußerlich dürftige Verhältnisse oft sehr schweres Leben zu. Niemals wollte er, auch ungeachtet letzterer, die ihm anvertraute Gemeinde verlassen; ehrenvolle Berufungen nach Ulm, Memmingen, Tübingen, nach Horburg und Stichenweiher lehnte er ab. Zürich anerkannte die Verdienste des trefflichen Mannes durch Schenkung des Bürgerrechts an ihn und die Seinigen (1538) und die seinen Hinterlassenen gewährte Unterstützung. Von zwei Söhnen, beide Geistliche, entstammten ihm Nachkommen, welche sich meist ebenfalls dem Kirchendienste widmeten. Wie er selbst in Zürich gewöhnlich nur „Meister Leu“ (Leo), seine ihn um 41 Jahre überlebende Wittwe die „Mutter Leuin“ genannt zu werden pflegte, so wurde dieser Name auch ihren Nachkommen gegeben, die sich bald Leu, bald Jud hießen, schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aber längst ausgestorben waren.

Pestalozzi, Carl, Pfarrer in Zürich: Leo Judä, 8°. Elberfeld, Friderichs 1860 und dort citirte Quellen. – Das von J. herausgegebene Enchiridion Psalmorum von 1532 enthält nur die lateinische Uebersetzung der Psalmen von Zwingli; die deutsche, erst in unseren Tagen in Zwingli’s Handschrift seines Enchiridion wieder aufgefunden, kam zum ersten Male in Zwinglii Opera edd. Schuber et Schulthess, Vol. V, p. 297 ss. zum Drucke. Vgl. Mezger, J. J., Geschichte der deutschen Bibelübersetzungen in der schweiz. reformirten Kirche. Basel, Bahnmaier 1876 S. 98.
G. v. Wyß.