ADB:Ulmann, Karl Christian

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Artikel „Ulmann, Karl Christian“ von Arend Buchholtz in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 203–207, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ulmann,_Karl_Christian&oldid=3127660 (Version vom 23. Oktober 2018, 06:58 Uhr UTC)
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Ulmann: Karl Christian U., Prediger und Professor der Theologie, evangelisch-lutherischer Bischof, wurde am 3. Februar a. St. 1793 in Riga geboren, wo sein Vater Kaufmann war. Seine Schulbildung erhielt er im livländischen Pastorate Kokenhusen und im Rigischen Gouvernementsgymnasium. Im J. 1810 wurde er als Student der Theologie an der Dorpater Universität immatriculirt, gleichzeitig mit Friedrich v. Berg[WS 1], dem spätern Grafen und Generalfeldmarschall, und Karl Ernst v. Baer, dem großen Naturforscher und berühmtesten Schüler der Dorpater Hochschule. Ueber der erst wenige Jahre bestehenden Universität lag noch der Zauber der Romantik. U. erging es wie seinem Freunde v. Baer, dem es, als er zum ersten Mal Dorpat mit seiner alten imposanten Domruine sah, schien, als sähe er von dort das Licht ausstrahlen auf das ganze Land. – Die theologischen Professoren, die die Universität damals besaß, waren leider nicht im Stande, den Studirenden von besonderer Bedeutung zu werden. Die systematische Theologie war durch Lorenz Ewers vertreten, einen Mann von ehrlicher Ueberzeugungstreue, von Milde und Menschenfreundlichkeit, aber von einer streng orthodoxen Richtung, die als antiquirt galt. Professor der praktischen Theologie war H. L. Böhlendorff, ein Repräsentant des damals herrschenden Vulgär-Rationalismus, wie es Hezel war, der die exegetische Professur innehatte und dessen Schriften bereits vor Jahrzehnten nur als Curiosa erwähnt wurden. Auch der Kirchenhistoriker Segelbach kam nicht weiter in Betracht. Der theologisch-wissenschaftliche Ertrag, den U. erntete, war somit kein voller. Um so angeregter war das gesellige Leben in einem erlesenen Freundeskreise, in dem Baer nicht fehlte. Von dem damaligen Dorpater Studentenleben gibt uns Dr. Christian Müller in seiner: Wanderung von St. Petersburg nach Paris im Jahre 1812 durch die deutsch-russischen Provinzen … (Leipzig 1814) eine lebhafte Schilderung, in der U. im Vordergrunde steht. Er nennt ihn einen hochgebildeten und höchst interessanten jungen [204] Mann, einen Charakter voll reicher Stärke, ein reiches poetisches Gemüth. In Ulmann’s Studentenjahre fällt der Kriegszug Napoleon’s gegen Rußland. U. verlebte die unruhvolle Zeit, wo Kurland vom Feinde besetzt war, bei den Seinigen, die in die Nähe von Wenden in Livland geflüchtet waren. Erst als der Feind aus den Grenzen des Reichs vertrieben worden war, kehrte er zu seinen Studien nach Dorpat zurück. Seine Absicht, in der russisch-deutschen Legion, die sich zur Bekämpfung des gemeinschaftlichen Feindes gebildet hatte, Dienste zu nehmen, hatte er auf Wunsch der Eltern nicht realisiren dürfen. Im December 1813 erhielt U. für eine Preisarbeit die silberne Medaille; im Juni 1814 verließ er Dorpat, bald darauf bestand er beim livländischen Consistorium das Candidatenexamen pro ministerio. Im folgenden Jahre setzte U. auf deutschen Hochschulen seine Studien fort, zunächst in Jena, wo ihm der bibelfeste Heinrich August Schott der liebste Lehrer wurde. Auch Baumgarten-Crusius und Koethe hörte er und von Nichttheologen Luden und Oken. Auf den Freitagabendgesellschaften bei Oken hat er niemals gefehlt. Er wurde Mitglied der Jenaischen Burschenschaft, und auf der zur Erinnerung an den zweiten Pariser Frieden veranstalteten Universitätsfeier war es ein von U. verfaßtes und nach der Melodie „Nun danket alle Gott“ gesungenes Lied, das die Versammlung mächtig ergriff (Richard u. Robert Keil, Geschichte des Jenaischen Studentenlebens, S. 374). In Göttingen trieb U. noch eifrige kirchengeschichtliche Studien, dann begab er sich auf die Heimreise. – Im Januar 1817 trat er in sein erstes geistliches Amt ein: als Prediger zu Kremon und St. Peterscapelle in Livland. Achtzehn Jahre lang waltete er hier, auf einem schönen Flecken Erde, seines Amts, in voller Kraft und Frische des Geistes und der Seele, erfüllt von lauterer Hingabe an die hohen Aufgaben seines Amts und von eisernem Pflichtbewußtsein. U. war kein Mann schöpferischer und weltbewegender Ideen, aber er war ein tüchtiger und gewissenhafter Arbeiter, dessen Besonnenheit und sittliche Kraft seiner Berufsthätigkeit ihren Stempel aufdrückten. Besonders viel hat er für die Hebung des Landvolkschulwesens gethan: den Gang der Entwicklung des Schulwesens hat er mit bestimmt, er war ein Freund des lettischen Volkes und seiner Litteratur, wurde Mitbegründer der lettisch-litterärischen Gesellschaft, sammelte eifrig lettische Volkslieder und gab Bemerkungen zu Stender’s lettischer Grammatik und lexikographische Beiträge aus seiner Gegend heraus. Für die intellectuelle und moralische Hebung des lettischen Volks hat U. nach verschiedenen Richtungen hin anregend und befreiend gewirkt. – Schon in jungen Jahren war er einer der hervorragendsten Prediger Livlands. Als die livländische Pastoralsynode zum ersten Mal auf Grund des neuen Kirchengesetzes im J. 1834 zusammentrat, gewann U. eine ihre Entwicklung bestimmende Stellung. Mehrere Berufungen zu weiter ausgebreiteter Thätigkeit schlug U. aus, aber als die Universität Dorpat ihm den Lehrstuhl der praktischen Theologie an des verstorbenen Julius Walter Stelle antrug, willigte er, wenn auch nicht ohne Bedenken ein, und siedelte im Sommer 1835 nach Dorpat über. In kurzer Zeit gewann er eine leitende Stellung an der Universität, denn er war, was noch nach dreißig Jahren der amtliche Bericht des Grafen Keyserling ihm nachrühmte, eine milde, würdevolle, im Leben wie in der Theologie im edelsten Sinne des Wortes vermittelnde Persönlichkeit. Er war der allgemeine Vertrauensmann, wurde Decan der theologischen Facultät und Rector der Universität, eine Zeit lang bekleidete er stellvertretend sogar das Amt des Curators des Dorpater Lehrbezirks. Einer seiner Schüler charakterisirt ihn in treffender Weise, indem er schreibt: „Wol kein Pastor, der Ullmann’s Schüler aus unserer Universität gewesen, wol kein Professor, der mit U. in unserm Universitätsconseil gesessen, wol kein Vorgesetzter unsres Landes, der mit [205] U. dasselbe administrirt, hat den geistig nicht minder als leiblich hohen und seinerzeit alles überragenden U. vergessen, sondern trägt das Bild des in seiner Liebesfülle und Ernstesmilde alles überwindenden Mannes in unverlöschlichen Zügen für immer in seinem Herzen … Der hohe Mann war für den weitesten Raum nicht zu klein und für den engsten nicht zu groß, ihn überragte der höchste Mann nicht, und zu dem kleinsten Kinde verstand er sich hinabzuneigen. Er war der Gleiche in der Aula unter den Männern der Wissenschaft, und in der Sonntagsschule unter den Handwerksburschen, im Salon unter den Spitzen der Gesellschaft und in der Volksschule unter den Dorfbuben.“ – Ulmann’s Name hatte auch in der Residenz einen guten Klang: bereits 1840 wurde ihm das Amt des Vicepräsidenten des evangelisch-lutherischen Generalconsistoriums angetragen. Auf Bitten seiner Dorpater Freunde lehnte er indessen dieses Amt wie das des kurländischen Generalsuperintendenten ab. Seiner Thätigkeit in Dorpat wurde indessen in unerwarteter Weise ein jähes Ziel gesetzt. An der Spitze des Ministeriums der Volksaufklärung stand damals Graf S. Uwarow, der Freund Goethe’s. Er leitete den Kampf gegen das auf deutschen und protestantischen Grundlagen ruhende Bildungswesen der baltischen Provinzen ein und fand in U. einen heftigen Widersacher, der in einem denkwürdigen, dem Grafen Uwarow bekannt gewordenen Memoire vom Mai 1839 die Angriffe des Ministers in freimüthiger offener Sprache abwies und bei allem schuldigen Respect unumwunden erklärte, die Hand nicht zu Maßregeln bieten zu wollen, die darauf ausgingen, die Rechte der Universität zu untergraben und sie ihrem Wesen und ihrer Bedeutung nach zu zerstören. Wo offene Eingriffe erfolgten, widersetzte sich U. auf gesetzmäßigem Wege, namentlich als es darauf abgesehen war, die russische Unterrichtssprache mit Verdrängung der deutschen einzuführen und den evangelischen Glauben durch den griechischen zu verdrängen. Seitdem war U. dem unversöhnlichen Hasse des hochgebietenden Ministers ausgesetzt, der nach einem Anlaß suchte, sich des von ihm gehaßten Ehrenmannes zu entledigen. – Zu Ende des Jahres 1841 hatte U., durch schwere Krankheit gezwungen, das Rectorat niedergelegt und lebte in Zurückgezogenheit seiner Lehrthätigkeit. Am 1. November 1842 empfing U. eine Abordnung der Studentenschaft, die ihm als Zeichen ihrer Dankbarkeit für seine Verdienste um die gesammte Burschenschaft, insbesondere die Einführung des allgemeinen Ehrengerichts – fortan durfte nach dem allgemeinen Comment kein Student ein Duell ausmachen, dessen Handel nicht zuvor vor ein Ehrengericht gekommen war – einen silbernen Pokal überreichte. U. nahm ihn an „als einen Beweis ihrer Liebe“ zu ihm, verwahrte sich aber ausdrücklich dagegen, daß man ihn auf übelwollender Seite als Führer einer Partei oder einer Opposition ansehe. Am Abend desselben Tages wurde U. durch ein Ständchen überrascht, das ihm eine Anzahl Studenten brachte. Wie das alte Arndt’sche Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?“ angestimmt wurde, durchfuhrs U., wie er selbst berichtet hat, daß es gewählt worden war, weil er ja wol wußte, daß man es mit seinem Verfechten des Deutschthums in Verbindung bringen würde. Es brachte ihn in Verlegenheit, er ließ aber den Pokal mit Wein füllen und dankte den Commilitonen „mit deutschem Wort, weil es aus deutschem, treuem Herzen kommt. Dies treue deutsche Herz ist die Hauptsache. Vergeßt Ihr das nicht, in denen ich die Hoffnung für das Vaterland vor mir sehe. Vergeßt es nicht, Ihr mögt gegenüberstehen, wem Ihr wollt, Ihr mögt eine Sprache sprechen, welche Ihr wollt – treu muß das Herz bleiben, treu dem Kaiser, treu dem Vaterlande!“ Die Feier endete mit einem Vivat auf U. – Aus diesem harmlosen Anlaß ward U. der Strick gewunden. Bereits am 2. November reiste der Curatorsgehülfe Oberst Schönig mit einem Bericht seines Chefs zum Minister [206] nach St. Petersburg, wo sich das sinnlose Gerücht verbreitet hatte, in Dorpat wäre Revolution ausgebrochen, auf den Gassen würden aufrührerische Reden gehalten, man ließe die akademische Freiheit hoch leben u. dgl. m. U. bat um Einleitung einer strengen Untersuchung, sie wurde abgelehnt, den Bericht des Curators stutzte Uwarow willkürlich für den Kaiser zu, und am 21. November wurde U. vor versammeltem Senat der kaiserliche Befehl eröffnet, wonach er für offenbare Uebertretung des Gesetzes – es war ein Paragraph citirt, der auf den Vorgang gar nicht anzuwenden war – „und für öffentliches Erscheinen vor Studirenden und Einwohnern Dorpats, was sich nicht für einen Führer der Jugend, noch weniger für einen Geistlichen ziemte, der Aufregung besänftigen, nicht aber ermuntern soll“ vom Dienst entlassen, der Aufenthalt in Dorpat ihm verboten und der Pokal confiscirt wurde. Aber nicht U. allein traf diese unerhörte Härte und Mißhandlung: der Rector Volkmann, der Physiologe, wurde seines Rectoramtes entsetzt, weil er unterlassen hatte, rechtzeitig Anordnungen zur Abwendung des Begebnisses zu treffen, und Professor v. Bunge, der Begründer des baltischen Provinzialrechts, wurde in das ferne Kasan versetzt, weil er sich erlaubt hatte, privatim seine Ansicht dahin auszusprechen, daß der angezogene Gesetzesparagraph auf den Vorgang nicht paßte. – U. zog sich zunächst in die Stille des Landguts Engelhardtshof bei Riga zurück, wo er litterarisch rege war und seine Kinder unterrichtete. Im Januar 1844 siedelte er nach Riga über. Als Schulrath organisirte er das gesammte livländische Volksschulwesen. Sein Name leuchtete der Volksbildung des Bauernstandes als heller Leitstern vor. Daneben redigirte er die von ihm begründeten und noch jetzt bestehenden „Mittheilungen und Nachrichten für die evangelische Kirche in Rußland“ und gab ein neues deutsches Gesangbuch heraus, das viele Jahrzehnte lang im Gebrauch gewesen ist. In Riga kam Ulmann’s Arbeitskraft auch einer Reihe von gemeinnützigen Instituten zugut, die er ins Leben rief oder leitete. – Als Kaiser Alexander II. den Thron bestiegen hatte und neue Wege ging, da heilte er die alte Wunde, die schmähliches Unrecht U. geschlagen hatte. Im Februar 1856 wurde er zum obersten geistlichen Amt in der evangelischen Kirche Rußlands berufen, zum Vicepräsidenten des evangelisch-lutherischen Generalconsistoriums. „Es erschien als ein unmittelbarer Gewinn, als die Gewähr für eine neue Richtung der innern Politik, wenn ein Mann, der um seiner deutschen Gesinnung willen unter Nikolai seines Amtes entsetzt war, nun an die höchste Stelle der Kirchenbehörde berufen ward.“ U. wohnte der Kaiserkrönung in Moskau bei als Vertreter der lutherischen Kirche des Reiches, der Kaiser verlieh ihm die Würde eines Bischofs. Ulmann’s Thätigkeit im Mittelpunkt dieser Kirche ist von Segen erfüllt gewesen. Nach oben vertrat er das Recht seiner Kirche in würdevoller Weise, gesinnungsfest und muthig, verstand aber auch zu zügeln und zum Dulden und Ausharren zu bewegen. Sein eigenstes Werk ist die Unterstützungscasse für evangelisch-lutherische Gemeinden in Rußland, in Organisation und Zielen dem Gustav-Adolf-Verein in Deutschland entsprechend. Als er in hohem Alter wieder einmal Dorpat, aus dem er zwanzig Jahre zuvor schnöde ausgewiesen worden war, besuchte, brachte ihm die studirende Jugend in einem großartigen Fackelzuge eine Ovation dar, und als er im December 1866 sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum beging, war es ein Fest, das alle Evangelischen des Reichs mitfeierten. Die Dorpater theologische Facultät machte ihn zum Ehrendoctor, die Vaterstadt Riga zum Ehrenbürger. Zu Beginn des Jahres 1868 schied er aus dem Amt, und zog sich in das livländische Städtchen Walk zurück, wo die Muße seines Lebensabends lettisch-lexikographischen Arbeiten gewidmet war. Das lettisch-deutsche Wörterbuch vermochte er noch in den Druck zu geben und seine Correcturen bis zum Buchstaben S zu lesen. Am 8. October 1871 [207] ist er gestorben, und unter ergreifenden Feierlichkeiten, an denen sich alle Körperschaften des Landes betheiligten, wurde er in die Gruft gesenkt.

Riga’scher Almanach für 1860. – Rigaer Tageblatt, 1893, Nr. 27 u. 28. – (Alex. Buchholtz,) Deutsch-protestantische Kämpfe in den baltischen Provinzen Rußlands. Leipzig 1888.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Friedrich Graf von Berg (1794–1874), russischer Feldherr, Politiker.