ADB:Velde, Karl Franz van der

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Artikel „Velde, Karl Franz van der“ von Max Hippe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 563–565, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Velde,_Karl_Franz_van_der&oldid=2318753 (Version vom 27. Mai 2015, 05:03 Uhr UTC)
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Velde: Karl Franz van der V., Romanschriftsteller, stammte angeblich aus einem alten italienischen Geschlecht, dessen Ahnherr, ein Marchese del Campo, sich unter Kaiser Friedrich II. in Deutschland ansiedelte. Später soll die Familie nach den Niederlanden gekommen sein und hier ihren Namen in ’van der Velde‘ übersetzt haben. Demjenigen Theil des Geschlechtes, welcher im 16. Jahrhundert sich der reformirten Lehre zuwandte und deshalb nach Deutschland auswanderte, entstammt Karl Franz van der V. Er wurde geboren am 27. September 1779 zu Bredlau, wo sein Vater als Kriegscommissar und Rendant der königlichen Stempelkammer lebte. Der Knabe besuchte zuerst das Gymnasium zu St. Maria-Magdalena, später das Friedrichsgymnasium seiner Vaterstadt. Die Erziehung, welche V. in dem Hause seiner in behaglichen Verhältnissen lebenden Eltern empfing, war eine sehr sorgfältige. Der rege gesellige Verkehr mit gebildeten, geistig angeregten Freunden, häufige Veranstaltung kleiner dramatischer und pantomimischer Aufführungen und fleißige, wenngleich nicht immer richtig geleitete Lectüre im Kreise gleichgesinnter Genossen wirkten schon früh befruchtend auf die Phantasie und das Vorstellungsleben des heranwachsenden Jünglings. Da der Vater früh (1792) starb und die Erziehung des Sohnes nun der milden, in allen Stücken nachgebenden Mutter zufiel, so legten schon die häuslichen Verhältnisse auch den Grund zu dem herrischen, rechthaberischen Zuge in Velde’s Charakter und zu einer gewissen Reizbarkeit und Empfindlichkeit, die er auch in späteren Jahren nie verloren hat.

Als V. das Gymnasium durchlaufen hatte, bezog er, um die Rechte zu studiren, Ostern 1797 die Universität Frankfurt. Schon Michaelis 1799 kehrte er von hier zurück und ward als Auscultator am Stadtgericht zu Breslau beschäftigt. Nachdem er auch die zweite juristische Prüfung bestanden hatte, verheirathete er sich und ging 1804 als Stadtgerichtsdirector nach dem kleinen Städtchen Winzig. Hier verlebte er zunächst eine glückliche Zeit, da seine dienstlichen Obliegenheiten ihn befriedigten und es ihm bald gelungen war, eine Gesellschaft von Herren und Damen des Ortes um sich zu sammeln, mit denen er öfter Theaterstücke, namentlich von Kotzebue und Iffland, aufführen konnte. Bald aber lockerten sich, zum Theil gewiß infolge seiner herrischen Neigungen, die freundschaftlichen Bande, die er hier geknüpft hatte, und V. sah sich auf sich und seine Amtsgeschäfte allein hingewiesen. Das Gefühl der Vereinsamung und geistigen Oede, das den geselligen Mann überkam, schwand nur vorübergehend während der schweren Zeit der französischen Besetzung, die dem ersten Gerichtsbeamten des Ortes eine Fülle neuer Arbeit und reiche Gelegenheit zur Bethätigung seiner vaterländischen Gesinnung brachte. Mit den normalen Verhältnissen aber kehrten auch bei V. wieder der Unmuth über seine isolirte Lage und das Gefühl der Verlassenheit von gleichgesinnten und gleichstrebenden Freunden [564] ein. In dieser Zeit niederdrückenden und resignirten Stilllebens, die durch Krankheit und Kummer in der Familie noch schwerer wurde, hat V. zuerst schriftstellerisch zu arbeiten begonnen. Seine litterarischen Interessen waren von jeher sehr lebhafte; jetzt aber mochte er in ihrer nachdrücklichen Pflege den wirksamsten Trost und das Mittel zu ruhiger innerer Erhebung inmitten seiner äußeren Misere erblicken. Sein litterarisches Urtheil war damals noch nicht zur Reife gelangt. Ein vertrauter Freund, der sein ganzes Leben hindurch mit ihm in lebendigem Verkehr gestanden hat, erzählt, daß V. in jenen Tagen noch in bedingungsloser Ueberschätzung Kotzebue’s und Iffland’s befangen war, daß er besonders den ersteren Dichtern wie Goethe und Schlegel in allen Stücken vorzog, und daß er erst später auch Schiller nach Gebühr zu schätzen anfing. Was V. in Winzig schrieb, war jedenfalls nicht bedeutend; es waren Gedichte, sowie kleinere dramatische und erzählende Arbeiten, wie „Darthula“, „Liebespossen“, „Trude Hiorba“.

Im April 1814 wurde V. aus seinem Exil, wie er in den letzten Jahren seinen Aufenthalt in Winzig bezeichnete, befreit: er kehrte nach Breslau zurück und wurde als Assessor bei der Criminaldeputation des dortigen königl. Stadtgerichts angestellt. So glücklich er über diesen Wechsel war, und so wohl er sich in dem Kreise verständnißvoller Freunde fühlen mochte, mit denen er in Breslau ein litterarisches Kränzchen zum Zwecke gemeinsamer dramatischer Aufführungen und dichterischer Arbeiten gegründet hatte, so wenig konnten seine dienstlichen Verhältnisse, die den feinfühligen, für Kunst und Wissenschaft begeisterten Mann in seiner Eigenschaft als Strafrichter täglich zu Arbeiten zwangen, die ihm innerlich zuwider waren, ihn befriedigen. Er verließ deshalb nach vierjährigem Aufenthalt Breslau, wo er wiederum eine Reihe erzählender, beifällig aufgenommener Werke („Axel“, „Asmund Thyrsklingurson“, „Die Flibustier“, „Gunima“, „Die Tartarenschlacht“) veröffentlicht hatte, und ging im Sommer 1818 als Stadtrichter nach Zobten. Es war vorauszusehen, daß er an diesem Orte, der ihm nicht die geringste geistige Anregung bot, und wo er nach seinem eigenen Geständniß nicht eine einzige gleichgesinnte Seele fand, ebensowenig eine bleibende Stätte finden würde, wie dies vorher in Winzig der Fall gewesen war. Zwar arbeitete er hier neben seinen Dienstgeschäften fleißig auf litterarischem Gebiete: das Beste, was wir von V. besitzen, stammt gerade aus der Zeit seiner dichterischen Thätigkeit in Zobten, wo u. a. die Romane „Die Lichtensteiner“, „Die Wiedertäufer“, „Arwed Gyllenstierna“, „Das Liebhabertheater“ entstanden; aber er begrüßte es doch wie eine Erlösung, als er endlich – so schrieb damals sein Sohn – nach vielen vergeblichen Plänen sein ersehntes Ziel erreichte und Justizcommissarius in Breslau wurde, wohin er am 3. April 1823 nach fast fünfjährigem freiwilligem Exil freudig zurückkehrte. Nur eine kurze Spanne Zeit aber war es ihm vergönnt, das Glück einer ihn endlich befriedigenden Lebenslage zu genießen. Seinen Jahren nach gerade auf der Höhe des Lebens stehend, hatte er doch den besten Theil seiner geistigen und körperlichen Kraft in aufreibender erzwungener und freiwilliger Arbeit bei nimmer weichender seelischer Depression verbraucht, und als ein kranker Mann hielt er in seiner Vaterstadt den ersehnten Einzug. Am 21. December 1823 wurde er von einem Schlaganfall heimgesucht, von dem er sich rasch, aber nur für kurze Zeit erholte. Im März des folgenden Jahres entwickelten sich andere innere Störungen, und am 6. April 1824 wurde er durch einen neuen Schlaganfall von seinen Leiden erlöst. Auch während des letzten Breslauer Jahres hat V. fleißig gearbeitet. Er vollendete damals den „böhmischen Mägdekrieg“, schrieb „Das Horoskop“, „Königin Christina von Schweden und ihr Hof“, und brachte noch auf seinem Krankenlager „Die Gesandtschaftsreise nach China“, sein letztes Werk, zum Abschluß.

[565] V. wird von seinen Zeitgenossen als ein Mann von großer Herzensgüte, umfassender Bildung, geradem Sinne und jenen zurückhaltenden, aber gewinnenden Lebensformen geschildert, wie sie aus dem Bewußtsein der eigenen geistigen Bedeutung und schlichter Bescheidenheit entspringen. Das Unglück seines Lebens war die aus einem hochentwickelten Rechtlichkeitsgefühl hervorgehende Empfindlichkeit und der starke Contrast zwischen seinen geistigen Interessen und der Natur seiner amtlichen Pflichten. Daraus ergab sich jene aufreibende Ruhelosigkeit und jenes völlige Unvermögen, sich in den einmal gegebenen Verhältnissen zurecht zu finden und unter verständigem Verzichte auf das schlechthin Unerreichbare mit einer beschränkten, aber in vieler Hinsicht auch erfreulichen Lebenslage vorlieb zu nehmen. Als Schriftsteller hat V. bei seinen Zeitgenossen große Erfolge errungen. Er gehörte zu den gelesensten und beliebtesten Erzählern seiner Zeit. Wiewol er von Anfang an für das Dramatische eine entschiedene Vorliebe hatte, hat er schon früh dem Rathe einsichtsvoller Freunde, dem erzählenden Genre seine ganze Kraft zuzuwenden, nachgegeben. Thatsächlich ist dies auch dasjenige Gebiet gewesen, dem er ausschließlich seinen litterarischen Ruf verdankt. Seine Romane und Novellen waren so gesucht, daß er trotz seiner außerordentlich ausdauernden und leicht schaffenden Arbeitskraft bei weitem nicht allen Wünschen, die von Verlegern und Redacteuren unausgesetzt an ihn ergingen, genügen konnte. Seine Arbeiten, von denen manche nicht lange nach ihrem Erscheinen auch in fremde Sprachen übersetzt worden sind, verrathen ein gutes Erzählertalent und zeichnen sich, ohne hinsichtlich der Charakterzeichnung und des geistigen Gehaltes sonderlich in die Tiefe zu gehen, durch die einfache lebendige Darstellung und energisch fortschreitende Handlung aus. Wegen seiner auffallenden Neigung zur dichterischen Behandlung historischer Stoffe hat man V. den „deutschen Walter Scott“ genannt, gelegentlich wol auch behauptet, der berühmte englische Romandichter habe auf V. wesentlichen Einfluß geübt. Beides mit Unrecht. Denn V. ist mit Walter Scott erst spät, nachdem er bereits einen großen Theil seiner Erzählungen geschrieben hatte, durch Uebersetzungen bekannt geworden. Andererseits reicht er mit seinen litterarischen Leistungen, wie er sich übrigens selbst nie verhehlt hat, an die Größe des schottischen Dichters nicht heran. Dazu fehlt den Werken Velde’s, um nur dies zu erwähnen, nicht nur die wunderbare Farbenfülle und Plastik Scott’scher Schilderungen, sondern auch der große nationale Zug.

Neuer Nekrolog der Deutschen. Zweiter Jahrgang, 1824. (Zweites Heft), Ilmenau 1826, S. 618 ff. – Sämmtliche Schriften von C. F. van der Velde. (Sechste Original-Auflage.) 10. Band, Leipzig 1858, S. 245 ff.
Max Hippe.