ADB:Weitling, Wilhelm

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Artikel „Weitling, Wilhelm“ von Otto Wittelshöfer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 624–625, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Weitling,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 26. Mai 2019, 04:20 Uhr UTC)
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Weitling: Wilhelm W. (richtiger eigentlich Wilhelm Christian Weidling), geboren in Magdeburg am 5. October 1808 als uneheliches Kind einer Arbeiterin, wurde als ein Mann von gefälligem Aeußern, schlanker Gestalt und freier Stirn geschildert. Er erlernte in seinem Geburtsorte das Schneiderhandwerk und begab sich dann auf die Wanderschaft, wobei er in Leipzig, Wien, Paris und anderen Orten gewesen sein soll. Während seines Pariser Aufenthalts (September 1837 bis Mai 1841) wurde er mit den Lehren der Communisten und Socialisten, insbesondere von Fourier, Owen und Cabet, sowie mit den Bestrebungen der wiedererwachten Babeuf’schen Bewegung näher bekannt. Er trat dann in den „Bund der Gerechten“ ein, welcher sich von dem in Paris durch deutsche Emigranten gegründeten Bund der Geächteten abgezweigt hatte, weil letzterer in der Hauptsache lediglich republikanische Propaganda in Verschwörerform mit hierarchischer Leitung betrieb, während der Bund der Gerechten mehr communistischen Tendenzen huldigte und eine demokratische Organisation annahm. Im J. 1838 veröffentlichte W. seine erste Schrift „Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte“. 1841 ging er nach der Schweiz, wo er sich an verschiedenen Orten (Genf, Vevey, Langenthal im Kanton Bern, zuletzt 1843 in Zürich) aufhielt. Während dieser Zeit widmete er sich eifrig der communistischen Propaganda, gab Zeitschriften und sein Hauptwerk „Garantien der Harmonie und Freiheit“ heraus, gründete Speiseanstalten mit communistischen Tendenzen, bis er, im Begriffe, seine dritte Hauptschrift „Das Evangelium der armen Sünder“ zu veröffentlichen, wegen des blasphemischen Programms dieses Buches verhaftet, zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt und nach Abbüßung der Strafe an Preußen ausgeliefert wurde. Dort ließ man ihn jedoch nach Hamburg ziehen, von wo er sich nach kurzem Aufenthalte in London, Trier und Brüssel 1847 nach New-York wandte. Die Ereignisse des Jahres 1848 führten ihn wieder nach Europa zurück. Nachdem er sich ohne wesentlichen Erfolg in Berlin mit publicistischer Thätigkeit befaßt hatte, ging er 1849 wieder nach Amerika. Dort setzte er anfänglich die communistische Propaganda fort, später wendete er sich jedoch technischen und astronomischen Studien zu, und starb abseits zu New-York am 22. Januar 1871.

Die Bedeutung Weitling’s liegt vor allem darin, daß er der erste deutsche [625] Theoretiker des Communismus ist. Seine Schriften stehen allerdings noch unter dem Eindrucke der französischen Socialisten und Communisten, tragen aber deutliche Zeichen selbständiger Denkungsart. Wenn auch schon im communistischen Manifest von Marx und Engels (Januar 1848) der Kern der den heutigen Socialismus beherrschenden materialistischen Geschichtsauffassung enthalten war, so sind doch die grundlegenden Schriften des deutschen Socialismus erst nach W. erschienen, so daß dieselben auf ihn keinen Einfluß üben konnten. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet gewinnen seine Werke, insbesondere die „Garantien der Harmonie und Freiheit“, erhöhte Bedeutung in Litteratur und Wissenschaft. Schon W. erkannte, daß es kein absolutes Staatsideal gibt und daß die Organisation der Gesellschaft von dem Entwicklungszustande derselben abhängig ist. Eigenthum, Krieg, Sklaverei, Handel, Geld u. s. f. werden von ihm als geschichtliche Producte dargestellt. Er will (in offenbarer Anlehnung an Fourier) die Organisation der Gesellschaft den Fähigkeiten und Trieben der Menschen anpassen. Eine detaillirt beschriebene Verwaltung soll den wissenschaftlich und technisch höchststehenden Personen die Leitung von Production und Consumtion einräumen, der Zugang zu den führenden Stellungen soll durch Preisarbeiten erlangt werden. Die Grundlage seines Systems ist wol die ökonomische Gleichheit bei Abwechslung in der Arbeit, doch würde Jedem die Möglichkeit geboten, sich durch Leistung von „Commerzstunden“ reicheren Genuß zu verschaffen; also Arbeitspflicht mit gleichmäßigem Minimalerwerb. Die Durchsetzung seiner Ideen erwartet W. von der Aufklärung, der socialen Revolution und nöthigenfalls von der socialen Anarchie. Wenn kein anderer Weg mehr möglich sei, müsse der Diebstahl gepredigt und die gegenwärtige Gesellschaftsordnung dadurch thatsächlich unmöglich gemacht werden. Diese Verirrung entzweite W. vielfach mit seinen Gesinnungsgenossen; der Gedanke, das stehlende Proletariat aufzurufen, discreditirte seine Lehren, die im übrigen von glühender Begeisterung für die Wissenschaft erfüllt sind und vielfach religiöse Neigungen erkennen lassen. Der Widerspruch zwischen seinen Grundanschauungen und diesem verzweifelten Mittel lähmte Weitling’s Thätigkeit und kann sicher als die Hauptursache dafür betrachtet werden, daß W. bald in den Hintergrund trat; allerdings wären seine utopischen Constructionen unter dem Einflusse der Marxistischen Lehren später ohnehin bald verschwunden.

Weitling’s Werke: „Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte“ (1838, 1845, ins Ungarische übersetzt); „Garantieen der Harmonie und Freiheit“ (1842, 1845, 1849); „Das Evangelium der armen Sünder“, auch unter dem Titel: „Das Evangelium eines armen Sünders“ (1844, 1846, beide Werke ins Französische, Englische und Norwegische übersetzt); „Ein Nothruf an die Männer der Arbeit und der Sorge, Brief an die Landsleute“ (1847); außerdem ein Heft „Kerkerpoesien“ (1844) und Zeitschriften: „Hilferuf der deutschen Jugend“ (Genf 1841); „Die junge Generation“ (Vevey 1841); „Der Urwähler“ (Berlin 1849).

Emil Kaler, Wilhelm Weitling (Zürich 1887). – Georg Adler, Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland (Breslau 1885). – (Bluntschli), Kommissionsbericht über die Kommunisten in der Schweiz nach den bei Weitling vorgefundenen Papieren (Zürich 1843). – Wermuth und Stieber, Die Kommunisten-Verschwörungen des 19. Jahrhunderts (Berlin 1853).