ADB:Wolf, Johann (Historiker)

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Artikel „Wolf, Johann“ von J. Jaeger. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 762–764, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wolf,_Johann_(Historiker)&oldid=- (Version vom 19. September 2021, 23:42 Uhr UTC)
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Wolf: Johann W., der Geschichtsschreiber des bis 1803 kurmainzischen Eichsfeldes, wurde am 19. Juli 1743 zu Kreuzeber, einem eichsfeldischen Dorfe unweit Heiligenstadt, geboren. Sein Vater Sebastian W., ein Tuchhändler, schickte den begabten Knaben 1753 in die Jesuitenschule zu Heiligenstadt, woselbst Joseph Agricola und Georg Degenhard zu seinen Lehrern gehörten. Am 14. Sept. 1759 trat er als Novize in das Jesuitencolleg zu Heiligenstadt ein und wirkte von 1762–1765 als Lehrer der Grammatik in den elsässischen Jesuitencollegien zu Hagenau und zu Molsheim. Nach Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich wurde er 1765 nach Mainz geschickt, wo er im Borromäum der Jesuiten die Aufsicht über die jüngeren Zöglinge zu führen hatte. Am Ende des Jahres 1765 zum Magister in der Philosophie promovirt, studirte er in Würzburg Theologie, wurde daselbst 1769 zum Priester geweiht und wirkte sodann seit 1770 am Gymnasium zu Heiligenstadt, zunächst als Mitglied des Jesuitencollegs, nach Aufhebung des Ordens 1773 als Weltpriester, bis er 1785 ein ihm vom Erzbischof von Mainz ertheiltes Kanonikat am Petersstifte zu Nörten antrat. Die freie Zeit, welche ihm diese Stellung gewährte, widmete er ganz der Geschichte seines engeren Vaterlandes und hat in den Jahren 1792 bis 1824 eine lange Reihe von Einzelwerken, meistens zur Geschichte des Eichsfeldes, geliefert, die, von den zeitgenössischen Fachgelehrten mit Anerkennung aufgenommen, ihn in Wahrheit als den Vater der eichsfeldischen Geschichte erscheinen lassen und ihren Werth auch heute noch in vollem Umfange behaupten.

Die Bedeutung Wolf’s liegt zunächst in seiner Thätigkeit als Urkundensammler. Und er arbeitete zu einer Zeit, wo das Sammeln doppelt verdienstlich war; manche Urkunde aus den im Anfange unseres Jahrhunderts aufgehobenen Stiftern und Klöstern ist inzwischen verloren gegangen und nur durch ihn uns bekannt geworden. Die Zahl der in seinen Werken abgedruckten Diplome beläuft sich auf über 1500. Schon im J. 1780 reiste er in den Ferien von Heiligenstadt nach Mainz, wo er im Landesarchiv und im Archiv des Domcapitels eichsfeldische Urkunden aufsuchte. Freilich konnte er das dort vorhandene sehr reiche Material in der kurzen Frist von wenigen Wochen nicht einmal vollständig überblicken, geschweige denn ausnutzen, und die folgenden politischen Ereignisse haben ihm die Möglichkeit benommen, aus jenen ergiebigen Quellen abermals zu schöpfen. Um so eifriger wandte er sich den Archiven des Eichsfeldes selbst zu. In den eichsfeldischen Städten Heiligenstadt und Duderstadt, auf den kurfürstlichen Aemtern, in den Klöstern und an den adeligen Höfen des Landes war er ein oft gesehener Gast, und auch auf die Nachbargebiete dehnte er seine Entdeckungsfahrten aus. Urkunden, Chroniken, Inschriften, Münzen – alle diese Denkmäler der Vergangenheit zog er in den Bereich seines Forschens. Sein Sammeleifer beherrschte ihn so gänzlich, daß er, wenn Freunde ihn fragten, was es Neues gebe, zu antworten pflegte, er wisse nur Altes. Freilich hat er – [763] und das ist ein öfters fühlbarer Mangel an seinen Texten – die Urkunden mehrfach von anderen Personen abschreiben lassen, die, in der Paläographie und Diplomatik nicht bewandert, fehlerhaft lasen. Aber nicht allein als Sammler, sondern auch als Bearbeiter verdient W. Anerkennung. Was er in der Vorrede zu seiner ersten Publication, dem 1. Bande seiner politischen Geschichte des Eichsfeldes, als seine Aufgabe bezeichnet: die rechte Mitte zwischen Kürze und Weitschweifigkeit zu halten und überall die Wahrheit im Auge zu haben, das hat er mit redlichem Willen beobachtet. Ohne Vorarbeiten zu haben, weiß er sogleich in dem genannten ersten Werke mit gesunder Kritik und glücklichem Scharfsinn das eigentlich historisch Bedeutende aus dem Material auszuscheiden: Die allmähliche Entstehung des mainzischen Territoriums „Eichsfeld“ in seinem späteren Umfange, die Landesverwaltung und das Gerichtswesen, die Rechte der Landstände und die Stellung des Adels, die geistige und wirthschaftliche Entwicklung der Bevölkerung, die Beziehungen zu den Nachbarn des Landes – das sind die Hauptpunkte, die er ins Auge faßt. Man sieht, W. beherrscht den Stoff und weiß ihn wissenschaftlich zu gestalten. In seinen Arbeiten zur Geschichte der eichsfeldischen Städte und Flecken verfährt er im wesentlichen nach denselben Gesichtspunkten, während er der kirchlichen Entwicklung besondere Werke widmete, unter denen die „Eichsfeldische Kirchengeschichte“ das wichtigste ist. Mißstände in der kirchlichen Verwaltung deckt W. in diesem Werke rückhaltlos auf und erntet deshalb von dem Recensenten in den Göttinger gelehrten Anzeigen vom 4. December 1817 die Anerkennung „unparteiischer Wahrheitsliebe“.

Schon zu seinen Lebzeiten fehlte es ihm nicht an ehrenden Anerkennungen. Die Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt ernannte ihn zu ihrem Mitgliede, und die Fachgelehrten der benachbarten Universität Göttingen wußten ihn zu schätzen, wie die rühmenden Besprechungen seiner Werke in den Göttinger gelehrten Anzeigen bekunden. Auch als Mensch war er ausgezeichnet. In einem Nachrufe (Spangenberg’s Vaterländ. Archiv 1826, S. 357) heißt es von ihm: „So achtungswerth als unermüdeter Historiker, war er solches nicht minder durch Sanftmuth und Güte, durch Duldsamkeit, durch Uneigennützigkeit, durch Wohlthätigkeit und Gastfreiheit, durch echte Religiosität und überhaupt durch alle die Tugenden, welche den Menschen und Geistlichen zieren“. Ein anderer Zeitgenosse schreibt über ihn 1822: „Mehrmal in der Woche bringt W. einige Stunden des Tages, wenn es nur irgend die Witterung erlaubt, mit Lesen und Excerpiren auf der Universitätsbibliothek zu Göttingen zu. Im Sommer ist es nicht ungewöhnlich, daß dieser thätige Historiograph mit Anbruch des Tages von Nörten nach Göttingen (über zwei Stunden) zu Fuß geht und gegen Mittag wieder in Nörten munter und wohl eintrifft, ohne die Beschwerden eines so hohen Alters zu fühlen. Bewegung, einfache Lebensweise bei wenigen Bedürfnissen und Gewissensruhe dürften den würdigen Greis noch lange erhalten, was ihm besonders Geschichtsfreunde aus schuldiger Dankbarkeit von Herzen wünschen und besonders auch deswegen wünschen müssen, weil von einem so erfahrenen und gründlichen Gelehrten noch jede Arbeit kostbar ist“. Er starb zu Nörten am 23. April 1826; auf dem Friedhofe daselbst hat ihm der Klerus des Eichsfeldes ein Denkmal errichtet.

Schriften: „Pol. Geschichte des Eichsfeldes“ (1792 und 1793); „Histor. Nachrichten von den geistl. Commissarien im Erzstifte Mainz, besonders von denen im Eichsfeld“ (1797); „Eichsfeldia docta sive commentatio de scholis, bibliothecis et doctis Eichsfeldiacis“ (1797); „Diplomatische Geschichte des Petersstiftes zu Nörten (1799); „Geschichte und Beschreibung der Stadt Heiligenstadt“ (1800); „Geschichte des ehemaligen Klosters Steine bei Nörten“ (1800); „Stuffo, kein thüring. Abgott“ (1802); „Geschichte und Beschreibung [764] der Stadt Duderstadt“ (1803); „Das Erzstift Mainz im Besitze des dritten Theiles von dem Schlosse Herzberg“ (in Holzmann’s herzynischem Archiv 1805); „Histor. Nachrichten von dem ehemaligen Kloster Worbes“ (ebd.); „Histor. Nachrichten über Henrich Pfeifer“ (ebd.); „Kritische Abhandlung über den Hülfensberg“ (1808); „Commentatio de archidiaconatu Heiligenstadiensi“ (1809); „Commentatio de archidiaconatu Nortunensi“ (1810); „Das Geschlecht der edlen Herrn von Rosdorf“ (1812); „Denkwürdigkeiten des Marktfleckens Dingelstädt“ (1312); „Geschichte des Gymnasiums zu Heiligenstadt“ (1813); „Denkwürdigkeiten des Marktfleckens Gieboldehausen“ (1813); „Denkwürdigkeiten des Marktfleckens Lindau“ (1813); „Versuch, die Geschichte der Grafen von Hallermund und der Stadt Eldagsen zu erläutern“ (1815); „Kurze Geschichte des deutschen Kirchengesangs im Eichsfelde“ (1815); „Etwas über die Bonifaciuscapelle beim Altenstein in Thüringen“ (Allgemeiner Anzeiger der Deutschen, Gotha 1815, S. 213 ff.); „Katholisches Gebetbuch mit beigefügten Bibelsprüchen“ (1816); „Historische Nachrichten von dem ehemaligen Benedictinerkloster Zelle auf dem Harze“ (Hannov. Magazin, Stück 100, S. 1586 ff. und Stück 101, S. 1602 ff., 1817); Artikel „Eichsfeld“ für die Encyklopädie von Ersch und Gruber (verfaßt 1817); einige kurze Aufsätze als Nachträge zu der Duderstädter Stadtgeschichte (in dem dortigen Wochenbl. 1817, April u. Mai); „Denkwürdigkeiten der Stadt Worbis und ihrer Umgegend“ (1818); „Wann und durch wen sind die Fürstenthümer Göttingen und Grubenhagen zu dem Mainzischen Kirchensprengel gekommen?“ (Hannov. Magazin, Stück 18, 19 u. 20, 1818); „Histor. Nachricht von alten Münzen, die bei Nesselröden im hannov. Amte Duderstadt gefunden worden“ (ebd. St. 56 u. 57, 1818); „Eichsfeldisches Urkundenbuch nebst einer Abhandlung von dem Eichsfeldischen Adel“ (1819); „Appendix Historiae ecclesiasticae Eichsfeldiae“ (1820); „Die heil. Märtyrer Sergius und Bachus, Kirchenpatrone zu Kreutzeber, nebst histor. Nachrichten von der dasigen Kirche“ (1823); „Geschichte des Geschlechts von Hardenberg“ (1824).

Vergl. Gelehrten- und Schriftsteller-Lexikon der deutschen kathol. Geistlichkeit, 3. Bd., herausgeg. von Waitzenegger. Landshut 1822, S. 433 ff. – Spangenberg’s Neues vaterland. Archiv, Jahrg. 1826, 2. Bd., S. 354 ff. – Rinke, Gesch. des Gymnasiums zu Heiligenstadt. Progr. 1837. – Levin Freih. von Wintzingerode-Knorr, Die Kämpfe und Leiden der Evangelischen auf dem Eichsfelde, Heft I, S. 94 f. – Joh. Brüll, Urkundliches zur Gesch. des Heiligenstädter Jesuitencollegiums. Mit einem kritischen Anhang über Joh. Wolf, Progr. d. Gymn. zu Heiligenstadt 1897.
J. Jaeger.