ADB:Wolf, Ludwig

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Artikel „Wolf, Ludwig“ von Viktor Hantzsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 112–115, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wolf,_Ludwig&oldid=- (Version vom 26. April 2019, 06:29 Uhr UTC)
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Wolf: Heinrich Ludwig W., Afrikaforscher, ist am 30. Juni 1850 zu Hagen unweit Osnabrück als Sohn eines Thierarztes geboren. Er besuchte nach einander die Gymnasien zu Meppen, Osnabrück und Warendorf. Als der deutsch-französische Krieg ausbrach, meldete er sich als Freiwilliger, doch wurde sein Gesuch abgelehnt. Darauf bezog er die Universität Greifswald, um Medicin zu studiren. Nach mehreren Semestern siedelte er nach Würzburg über. Hier genügte er im 9. bairischen Infanterieregiment seiner Militärpflicht, bestand die ärztliche Staatsprüfung und erwarb den medicinischen Doctortitel. Von dem Wunsche erfüllt, fremde Länder und Völker kennen zu lernen, nahm er eine Stellung als Schiffsarzt beim Norddeutschen Lloyd an. Er fuhr nun öfters über den Atlantischen Ocean und hielt sich wiederholt längere Zeit in den Vereinigten Staaten auf. 1879 trat er in die kgl. sächsische Armee ein und wurde dem in Dresden garnisonirenden Gardereiterregiment als Assistenzarzt zugetheilt. Hier fand seine wissenschaftliche und praktische Tüchtigkeit bald Anerkennung. Das Kriegsministerium commandirte ihn zu weiterer Specialausbildung an die Universitäts-Augenklinik nach Leipzig ab und sandte ihn später auch nach Nordamerika, um die dortigen Fortschritte des Sanitätswesens zu studiren. Nach der Rückkehr wurde er zum Stabsarzt befördert.

Als 1883 König Leopold von Belgien eine große Expedition ausrüstete, die unter Führung des bewährten Afrikaners Hermann Wissmann das südliche [113] Kongobecken erforschen sollte, bewarb sich W. mit Erfolg um den Posten des Arztes bei dieser Truppe, der sich als wissenschaftliche Mitglieder noch der Geograph Curt v. François und die Brüder Hans und Franz Müller anschlossen. Die Gesellschaft verließ am 16. November 1883 an Bord des „Professor Woermann“ den Hafen von Hamburg und erreichte nach einer Fahrt von zwei Monaten die Rhede von S. Paulo de Loanda. Ein Flußdampfer brachte die Reisenden dann den Kuanza aufwärts bis Dondo. Von hier aus marschirten sie nach dem wichtigen Handelsplatze Malange, wo sie eine Trägerkarawane von 320 Köpfen anwarben. Mit dieser brachen sie am 16. Juli 1884 in nordöstlicher Richtung auf, durchquerten ohne ernsthafte Unfälle das Gebiet der feindseligen Hollo- und Bangalastämme, überschritten den Kwango und dessen zahlreiche Zuflüsse, durchzogen den dicht bevölkerten Lunda-District und erreichten am 18. October bei Kikasa den gewaltigen Kassai. Sie besuchten die in der Nähe gelegenen großartigen Fälle dieses Stromes, die sie nach Wissmann’s Freunde Paul Pogge nannten, drangen dann in das unbekannte Baluba-Reich vor und zogen am 8. November feierlich in dessen Hauptstadt Mukenge ein. Um einen festen Stützpunkt für weitere Unternehmungen zu gewinnen, erbauten sie wenige Kilometer entfernt am hohen Ufer des Luluaflusses die Station Luluaburg, wo sie sich zu längerem Aufenthalte niederließen. W. benutzte diese Zeit der Muße zu zahlreichen Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung und zu wichtigen anthropologischen und ethnographischen Untersuchungen über die Baluba und ihre Nachbarn. Von Ende December 1884 bis Mitte März 1885 führte er eine gefahrvolle Recognoscirungsreise in das unbekannte, von dichtem Urwald bedeckte Land der räuberischen Bakuba aus, die zwischen Lulua und Sankuru wohnen. Er entdeckte mehrere Nebenflüsse des letztgenannten Stromes und stellte durch Erkundigungen fest, daß dieser nicht, wie man bisher glaubte, unmittelbar in den Kongo, sondern in den Kassai mündet. Auch fand er einige Niederlassungen des merkwürdigen Zwergvolkes der Batua und konnte deren körperliche Merkmale einer genauen sachverständigen Prüfung unterziehen. Nachdem er sich mit seinen Gefährten in Luluaburg wieder vereinigt hatte, ließ Wissmann unter thatkräftiger Beihülfe eines freundlich gesinnten Baluba-Häuptlings eine große Zahl von Ruderbooten erbauen, auf denen die Expedition versuchen wollte, den Kongo zu erreichen. Am 28. Mai begann die denkwürdige Stromfahrt, an der sich außer den Trägern noch gegen 200 eingeborene Freiwillige gegen das Versprechen der Rückbeförderung betheiligten. Sie ging zunächst den Lulua, dann den Kassai abwärts. Trotz mannichfacher Hindernisse durch Cataracte, Sandbänke und Angriffe feindlicher Uferbewohner kam man rasch vorwärts, untersuchte die Mündungen des Sankuru, des Kwango und zahlreicher anderer Nebenflüsse und traf am 9. Juli wohlbehalten in Kwamouth, der kürzlich angelegten Station des Kongostaates am Zusammenflusse des Kassai und des Kongo ein. Nach kurzer Erholung setzten die Reisenden ihre Fahrt den Kongo abwärts fort. Am Stanley Pool begegneten sie den deutschen Forschern Kund, Tappenbeck und Büttner. Als sich bei Wissmann ein schweres asthmatisches Leiden einstellte, das ihn zwang, so rasch als möglich nach der Küste zu eilen, übergab er W. die Leitung der Expedition. Diesem wurde von den Behörden des Kongostaates ein kleiner Dampfer zur Verfügung gestellt, auf dem er seine schwarzen Begleiter wieder in ihre Heimath brachte. Nach kurzem Aufenthalte in Luluaburg, wo er alles in guter Ordnung fand, legte er an der Einmündung des Lueboflusses in den Lulua eine neue befestigte Station Namens Luebo an. Dann begann er mit der Erforschung [114] des nahezu unbekannten Sankuru, über dessen Länge und Wasserreichthum ihm die Eingeborenen Wunderdinge berichtet hatten. Mit dem kleinen, leider sehr schadhaften und reparaturbedürftigen Dampfer ‚En Avant‘ fuhr er den gewaltigen Strom aufwärts bis zur Grenze der Schiffbarkeit. Auch drang er mit einem Ruderboot auf mehreren Nebenflüssen, namentlich auf dem Lubi und dem Lubefu, denn er irrthümlicherweise für identisch mit dem erst später genauer erkundeten Lomami hielt, so weit als möglich in das Innere des ungeheuren Urwaldgebietes ein. Wiederholt kam es bei diesen Fahrten zu blutigen Zusammenstößen mit dem kriegerischen Stamme der Bassongo-Mino. Im April 1886 kehrte er nach dem Lulua zurück und traf hier mit dem fast völlig wiederhergestellten Wissmann zusammen. Beide beschlossen nun, den Oberlauf des Kassai zu erforschen, doch setzten bereits nach fünf Tagen die nach Wissmann genannten Fälle und Stromschnellen dem Vorwärtskommen zu Wasser ein unüberwindliches Hinderniß entgegen, und auch zu Lande mußte man es schließlich aufgeben, durch den sumpfigen Urwald zu ziehen. Wissmann beschloß deshalb, nunmehr seinen längst gefaßten Plan einer zweiten Durchquerung Afrikas auszuführen. W. dagegen fuhr den Kassai abwärts, schiffte sich im Juli in Banana an der Kongomündung nach Europa ein und erreichte im September wohlbehalten die Heimath. Er meldete sich zunächst beim König Leopold von Belgien, der ihm in Anerkennung seiner Verdienste um den Kongostaat den Leopoldsorden verlieh. Dann trat er wieder in die sächsische Armee und wurde als Stabsarzt nach Leipzig commandirt, fand aber trotz des Dienstes die nöthige Muße, bei Friedrich Ratzel geographische Vorlesungen zu hören und im Verein mit seinen Freunden Wissmann, v. François und Hans Müller eine ausführliche Beschreibung ihrer gemeinsamen, so überaus ergebnißreichen Forschungsreise abzufassen, die 1888 unter dem Titel „Im Innern Afrikas. Die Erforschung des Kassai während der Jahre 1883–1885“ bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschien. Das Werk wurde von berufenen Sachkennern als eines der inhaltreichsten und anregendsten der deutschen Afrikalitteratur gerühmt. Auch verfaßte er einen kurzen Bericht über seine Erforschung des Sankuru (Petermanns Mittheilungen 1888, S. 193–203, nebst Karte von Bruno Hassenstein) und hielt in Berlin und anderen Städten Vorträge über seine afrikanischen Erlebnisse, die zum Theil in angesehenen Zeitschriften zum Abdruck kamen (Reisen in Centralafrika: Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1887, S. 79 bis 95, mit Karte; Volksstämme Centralafrikas: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 1886, S. 725 bis 752, nebst Bemerkungen von Rudolf Virchow: ebenda S. 752–768. Auch über seine nach Deutschland gesandten Sammlungen hat Virchow in den Jahrgängen 1884–1891 der zuletzt genannten Zeitschrift wiederholt Bericht erstattet).

Da er wiederholt den lebhaften Wunsch ausgedrückt hatte, seine Kenntnisse und Erfahrungen in den Dienst der deutschen Colonialsache zu stellen, so wurde er im Herbst 1887 zum Auswärtigen Amt nach Berlin commandirt und erhielt von der Reichsregierung den Auftrag, eine Expedition nach dem Hinterlande von Togo zu führen und daselbst eine Station zu begründen, die dazu beitragen sollte, die wissenschaftliche Kenntniß dieses Gebietes zu erweitern und den deutschen Einfluß daselbst auszubreiten und zu sichern. Als Begleiter wählte er den Premierlieutenant Eugen Kling. Bereits am 28. Februar 1888 landeten beide auf der Rhede von Anecho, und nach einem Monat brachen sie mit einer Karawane von 100 Mann nach dem Innern auf. Ende April erreichten sie das fruchtbare und verkehrsreiche Adeliland und legten [115] hier nach Ueberwindung des Widerstandes der argwöhnischen Häuptlinge und Fetischpriester in gesunder Gegend die Station Bismarckburg an. W. gewann durch einige glückliche Curen rasch das Vertrauen der Bevölkerung, nahm eine große Zahl von wissenschaftlichen Beobachtungen aller Art vor und erkundete auf mehreren kleineren und größeren Rundreisen die nähere und weitere Umgegend. So erforschte er vom Mai 1888 bis zum April 1889 die Landschaften Anyana, Kebu, Timu und Banjaue und drang westwärts bis Salaga, nordwärts bis Fasugu und ostwärts bis Pessi vor. Ueberall gelang es ihm, durch kluge Behandlung der Häuptlinge und anderer einflußreicher Personen freundschaftliche Beziehungen zu den von ihm besuchten kriegerischen und raublustigen Stämmen anzuknüpfen. Ueber den Verlauf und die Ergebnisse seiner Wanderungen sandte er Berichte in die Heimath, wo sie in den „Mittheilungen von Forschungsreisenden und Gelehrten aus den deutschen Schutzgebieten“ zum Abdruck gelangten (I, 1888, S. 99–110, 182–184; II, 1889, S. 81–86, 90–95; IV, 1891, S. 1–24, mit Karte). Am 23. April 1889 verließ er abermals die Station, um einen Zug nach dem wenig bekannten Innern des durch seine Menschenschlächtereien berüchtigten Reiches Dahomey zu unternehmen. Bei dem Dorfe Ndali hatte er das Unglück, mit dem Pferde über einen Baumstamm zu stürzen und sich erheblich am rechten Arm zu verletzen. Er sah sich deshalb gezwungen, längere Zeit in dem ungesund gelegenen Orte zu verweilen. Es stellten sich Fieberanfälle ein, die sich schnell nach einander wiederholten und rasch die Kräfte verzehrten. Als er die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes erkannte, befahl er dem Dolmetscher, ihn nach seinem Tode in die deutsche Flage zu hüllen und außerhalb des Dorfes zu begraben, die Tagebücher und wissenschaftlichen Instrumente aber unversehrt an Kling abzugeben. Am Abend des 26. Juni 1889 erlöste ihn ein sanfter Tod von seinen Leiden. Seine Begleiter beerdigten ihn am anderen Tage, doch kehrten sie nicht direct nach Bismarckburg zurück, sondern trieben sich fünf Monate im Lande umher, so daß die meisten Sammlungsgegenstände und einige Aufzeichnungen verloren gingen und die Todesnachricht erst im December nach der Küste gelangte. Wolf’s allzufrühes Hinscheiden bedeutete einen schweren Verlust nicht nur für die colonialen Interessen Deutschlands, sondern auch für die Wissenschaft, die ihm namentlich auf dem Gebiete der Geographie, Meteorologie und Anthropologie mannichfache Förderung verdankte. Er war ein ausgezeichneter Forschungsreisender, der Muth und Entschlossenheit mit scharfer Beobachtungsgabe, klarem Urtheil, unerschöpflicher Geduld und feinem Takt im Verkehr mit den Eingeborenen vereinigte.

Mittheilungen von Forschungsreisenden und Gelehrten aus den deutschen Schutzgebieten II, 1890, S. 187–190; III, 1891, S. 70–72. – Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1890, Nr. 71 (Fr. Ratzel). – Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik XII, 1890, S. 832–334 (mit Bildniß). – Koloniales Jahrbuch III, 1890, S. 144–147.