ADB:Ziegler, Jakob

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Artikel „Ziegler, Jakob“ von Siegmund Günther, Friedrich Lauchert in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 175–177, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ziegler,_Jakob&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2019, 01:24 Uhr UTC)
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Ziegler: Jakob Z., Astronom und Geograph, geboren um 1470 in Landau a. I., † im August 1549 zu Passau. Genau läßt sich die Geburtszeit Ziegler’s nicht feststellen, aber zwingende innere Gründe müssen dazu veranlassen, ein früheres Datum als das in der Mehrzahl der Geschichtswerke angegebene (1493) anzunehmen. War er doch schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts nachweislich als Schriftsteller thätig. Getreu der Humanistensitte, führte Z. zeitlebens ein unstetes Wanderleben, welches ihn nach Mähren, Ungarn, Italien und durch alle Theile Deutschlands führte, ohne daß er je zu dauernder Seßhaftigkeit gelangte. Nur kurze Zeit lehrte er an der Wiener Universität Theologie, während er eine Berufung als Professor der Mathematik nach Ferrara, welche sein Freund Celio Calcagnini eifrig betrieb, ausgeschlagen zu haben scheint. Er war eine Kampfnatur; litterarische, politische und religiöse Streitigkeiten hatte er immer auszufechten, und zur Curie trat er, ohne aber deswegen zur Reformation überzugehen, in einen scharfen Gegensatz, wie denn auch seine Werke, so unverfänglich auch der behandelte Gegenstand sein mochte, auf den Index gesetzt wurden. Mit Frundsberg’s Landsknechten war er 1527 in Rom. Dem alternden, müde gewordenen Gelehrten bot der Bischof von Passau, Altgraf Wolfgang v. Salm, eine Ruhestätte, und in jener Stadt liegt er auch begraben. Die Hoffnung, irgend genauere Anhaltspunkte für seinen Lebensgang zu erhalten, ist deshalb eine sehr geringe, weil seine Geburtsstadt – zwar auch in Niederbaiern gelegen und deshalb vielfach mit Landshut verwechselt – seitdem zwei Mal von Feinden erobert und total verwüstet wurde, so daß gar kein Document aus älterer Zeit sich in unsere Tage hinüber rettete.

Ziegler’s ausgedehnte Schriftstellerei ist natürlich nur unter dem Gesichtspunkte des Zeitalters richtig zu würdigen. Seine Tractate über die Waldenser, sein Genesis-Commentar, seine Streitschrift wider den Spanier Stunica (zu Gunsten des Erasmus), seine Schilderung des Stockholmer Blutbades (gegen König Christian II. gerichtet) und manch andere Veröffentlichungen sind wesentlich ephemerer Natur gewesen. Dagegen fand der Commentar zum zweiten Buche von Plinius „Naturgeschichte“, in welchem Z. eine Fülle mathematisch-physikalischen Wissens an den Tag legt und an dem für autoritativ gehaltenen Buche oft eine herbe Kritik bethätigt, mit Recht großen Anklang und übte einen günstigen Einfluß aus auf den damaligen Universitätsunterricht, der sich ganz an den genannten Römer anzulehnen pflegte. Das 1531 zu Basel erschienene Werk wurde denn auch oft citirt und ausgeschrieben. Nächstdem ist Z. auch unter den Vorläufern Ph. Clüver’s in der Begründung der historischen Länderkunde zu nennen. Seine Schilderungen von Syrien, Palästina und Aegypten stützten sich auf das gesammte, damals gedruckt vorliegende Material, und in seiner Darstellung Skandinaviens (Schondia, Straßburg 1532) ging er über dieses sogar noch beträchtlich hinaus. Während seines Aufenthaltes in Rom hatte er nämlich mit einigen hochgebildeten Schweden und Norwegern Bekanntschaft geschlossen, und durch deren Mittheilungen wurde er in den Stand gesetzt, diesen Theil der Geographie derart zu fördern, daß erst wieder durch Olaus Magnus ein weiterer Fortschritt erzielt werden konnte. Insbesondere war es Z., der als der erste mit voller Bestimmtheit erkannte, daß die Achsenrichtung der skandinavischen Halbinsel nicht, wie man bis dahin allgemein geglaubt hatte, eine ostwestliche, [176] sondern vielmehr eine nordsüdliche sei. Auch die Scholien zu einem Werke des Arabers Arzachel scheinen als eine tüchtige Leistung gegolten zu haben.

Günther, Jakob Ziegler, ein bayerischer Geograph und Mathematiker, Forschungen zur Kultur- und Litteraturgeschichte Bayerns, 4. Buch, S. 1 ff. – S. Günther, Studien zu Jakob Ziegler’s Biographie l. c. 5. Buch (1897), S. 116–128. – Eneström, Le commentaire de Jacob Ziegler sur la „Saphea“ de Zarkali, Bibliotheca Mathematica, 1896, Nr. 2.

Die Geschichte der kirchlichen Stellung Ziegler’s inmitten der Wirren des Reformationszeitalters zeigt einen nicht weniger unsteten Charakter, als die Geschichte seines äußeren Lebens. Seine theologische Schriftstellerei beginnt mit der umfangreichen Streitschrift gegen die Waldenser: „Jacobi Zigleri ex Landau Bauariae contra Heresim Valdensium libri quinque“ (Leipzig 1512). Hier zeigt sich Z., der in den vorausgehenden Jahren während seines Aufenthaltes in Mähren mit den böhmischen und mährischen Brüdern in Berührung gekommen war und ihre Lehren kennen gelernt hatte, als strenger Katholik und bekämpft die Lehrmeinungen der Waldenser, resp. der böhmischen Brüder mit großer Schärfe und Heftigkeit. Zehn Jahre später finden wir ihn in Verbindung mit Erasmus, dem er im J. 1522 von Rom aus das Manuscript seines „Libellus adversus Jacobi Stunicae maledicentiam, pro Germania“ sandte. (Vgl. dazu den Brief des Erasmus vom 22. December 1522.) Gedruckt wurde die kleine Schrift zusammen mit der Schrift des Erasmus: „Catalogus omnium Erasmi Roterodami lucubrationum“ (Basel 1523). Dieselbe ist eigentlich die Ankündigung eines von Z. geplanten Werkes über die vier Evangelien (quatuor Evangeliorum perpetua historia), mit welchem er den Zweck verfolgte, die evangelische Geschichte nach dem Text der Evangelien zusammenhängend so darzustellen, wie sie im Laufe eines Jahres vollständig in Predigten behandelt werden könne, da er es als einen Mißstand empfand, daß das Volk in den kirchlichen Perikopen nur Bruchstücke der Evangelien kennen lerne. Da er diesem Werk die lateinische Uebersetzung des Erasmus zu Grunde legen wollte, so gab ihm dies Veranlassung, in dem genannten „Libellus“ gegen den Angriff des Spaniers Stunica für dieselbe einzutreten. Das angekündigte Werk über die Evangelien ist nicht im Druck erschienen; geschrieben scheint aber Z. ein solches Werk zu haben; wenigstens citirt er in dem Genesis-Commentar (s. unten) wiederholt, als von ihm verfaßt: „Subscriptiones in Evangelii perpetuam historiam.“ Noch 1525 erscheint Z. in Verbindung mit Erasmus; nach dieser Zeit dürfte dieselbe bei der leidenschaftlich papstfeindlichen Stellung, die Z. in den nächsten Jahren einnahm, kaum noch fortgedauert haben. Im J. 1527 befand sich Z. in der Begleitung des Georg von Frundsberg bei der Plünderung von Rom, deren Geschichte er nachher beschrieb in seiner „Historia von der Romischen Bischoff Reich vnd Religion … Mit erzelung der warhafften Gschicht vnd vrsachen, warumb Hertzog Carls von Bourbon vnd herren Georgen von Fruntsperg Ritters Kriegshör die Stat Rom gewonnen geblundert vnd papa Clementem den VII. gefangen. 1527. Acta Paparum Vrbis Romae“. Auszüge aus dieser in der Bibliothek zu Gotha handschriftlich vorhandenen Schrift hat Ranke im 2. Band seiner Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation (4. Aufl. 1867, S. 362 ff.) veröffentlicht. Der gleichen Zeit gehört Ziegler’s „Historia Clementis VII. Pont. Rom.“ an, welche Schelhorn veröffentlicht hat (Amoenitates historiae ecclesiasticae et litterariae, T. II, 1738, p. 287–380). Beide Schriften tragen mehr den Charakter leidenschaftlicher Schmähschriften gegen Papst und Papstthum, als historischer Werke. Von gleichem Charakter scheinen, nach den Titeln zu schließen, mehrere andere Schriften Ziegler’s aus denselben Jahren zu sein, die ebenfalls damals nicht veröffentlicht wurden, aber noch handschriftlich existiren. Im J. 1529 trat Z. [177] in Beziehung zu Luther, an den er von Venedig aus seinen Adoptivbruder sandte (vgl. Luther’s Brief an Justus Jonas vom 6. Mai 1529); 1530 schrieb er von Ferrara aus an Melanchthon (vgl. den Brief des Justus Jonas an Luther vom 18. Juni 1530). Bucer schreibt am 19. December 1530 an Zwingli (H. Zwinglii Opera, Vol. VIII, Turici 1842, p. 566 s.), die Wittenberger seien bereit gewesen, Z. bei sich aufzunehmen, wenn er eine Professur hätte übernehmen wollen, was er aber mit Rücksicht auf sein Alter und seine körperliche Schwäche abgelehnt habe. Inzwischen meint Bucer, Z. stehe in seinen religiösen Anschauungen den Reformirten näher als den Lutheranern und werde sich lieber bei ihnen aufhalten wollen. Thatsächlich siedelte er im J. 1531 nach Straßburg über, wo er eine Zeit lang mit den dortigen Reformatoren zusammenging, sich jedoch bald mit ihnen zerwarf und 1533 die Stadt wieder verließ. Damit scheint er seine Beziehungen zu den Protestanten überhaupt abgebrochen und sich fortan als Katholik gehalten zu haben, wie er als solcher auch starb. – Seine späteren theologischen Arbeiten sind vorzugsweise der Bibelwissenschaft gewidmet und enthalten zwar manche eigenthümliche Ansichten in Einzelheiten, aber nichts dem katholischen Standpunkt Widersprechendes. Daß Z. auf die erste Classe des Index gesetzt wurde, dürfte er wohl mehr seinem doch wohl in Rom auch bekannt gewordenen zeitweiligen persönlichen Verhalten zu verdanken haben, als dem Anstoß, den man etwa an einzelnen Stellen seiner gedruckten Schriften nehmen konnte. Zu seinen die Bibelwissenschaft berührenden Schriften gehören auch die in dem 1532 zu Straßburg gedruckten Sammelband seiner geographischen Werke enthaltenen Beschreibungen von Syrien, Palästina, Arabien und Aegypten, die vorzugsweise die biblische Geographie darstellen wollen. Ziegler’s übrige theologische Werke enthält ein 1548 zu Basel gedruckter Sammelband (mit dem Datum am Schluß: „Anno Salutis humanae M. D. XL | VIII. Mense Martio.“ Diese selbe Ausgabe, wie es scheint, wird bald unter dem Jahr 1540, bald unter dem Jahr 1548 citirt). Den Hauptinhalt des Bandes bildet der Commentar zu Genesis und Exodus: „Jacobi Ziegleri Landaui Conceptionum in Genesim undi, et Exodum, Commentarii“. Ein ausführlicher Commentar wird darin zu den ersten Capiteln der Genesis gegeben, mit Eingehen auf die philosophischen und naturwissenschaftlichen Fragen, während der Commentar zur Patriarchengeschichte und noch mehr der zum Buche Exodus nur Einzelnes herausgreift. Zu Grunde gelegt ist nicht der Text der Vulgata, sondern Z. folgt vorzugsweise der dem Hebräischen sich genauer anschließenden Uebersetzung des Santes Pagninus, unter Berücksichtigung anderer neuerer Uebersetzungen aus dem Hebräischen. Selbständige Kenntniß des Hebräischen zeigt Z. nicht; immerhin füllt das Werk in der Geschichte der exegetischen Litteratur mit Ehren seinen Platz aus. Außerdem enthält der Band Bemerkungen vorzüglich historischen und geographischen Inhalts zum Buche Judith: „In historiam Judith elucubratio et chronographica censura“, eine eingehende Abhandlung über die Berechnung des Osterfestes, mit ausführlicher Mittheilung und Erklärung der einschlägigen Darlegungen patristischer und mittelalterlicher Autoren: „De solenni festo Paschae ad veteres collatio“, und die kleineren Abhandlungen: „Super arbitrio humano exempla et scripturae“, und: „Ex epistola ad Corinthios secunda locus de raptu Pauli in tertium coelum“.

Zur kirchlichen Stellung Ziegler’s vgl. J. G. Schelhorn, Amoenitates hist. eccles. et lit., T. II, 210–286. – J. Döllinger, Die Reformation, II, 5. – F. H. Reusch, Der Index der verbotenen Bücher, I (1883), S. 365 f. – Th. Kolde, Beiträge zur bayerischen Kirchengeschichte, III (1897), S. 52–54, 239–242.
Lauchert.