Adolf Stahr (Die Gartenlaube 1856/50)

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Titel: Adolf Stahr
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 688
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[688] Adolf Stahr, in seinem so eben erschienenen Buche: „Nach fünf Jahren, Pariser Studien aus dem Jahre 1855,“ will folgende Züge des Kaisers Napoleon aus dem Munde einer Person vernommen haben, die dem jetzigen Beherrscher der Franzosen von Kindheit treu verbunden, damals zum öfteren bei ihm in seinem Gefängnisse zu Ham verweilte, und deren Zeugniß um so stärker in’s Gewicht fallen muß, als sie seit seiner Thronbesteigung ihr Geschick von dem des Kaiser gewordenen Jugendfreundes getrennt hat:

„Hätte Louis Napoleon nicht ohnehin, so erzählte sie, den fest gewurzelten Glauben an sein Erbrecht und an seine Mission gehabt, so hätte er ihm dort in den Jahren seiner Haft kommen müssen. Die Anhänglichkeit und Liebe der Soldaten für ihn war so groß, daß man in kurzen Zeitabschnitten immer die Garnison wechselte, aus Furcht, er könne sie für sich gewinnen und entfliehen. Auch hätte er dazu gleich in den ersten Jahren Gelegenheit gehabt, ja sie wurde ihm mehrfach angeboten. Er bewohnte ein kleines Haus in der Festung, das vergitterte Fenster und wohlverwahrte Thüren hatte, und vor dem zwei Wachtposten alle seine Bewegungen beobachteten, wenn er seinen kleinen Garten bearbeitete, den er sehr liebte, wie er überhaupt eine große Liebe für die Natur und ihren Genuß, und ein ungewöhnliches Geschick für Blumenkultur besitzt. So oft er in den Garten hinaustrat, präsentirten die Soldaten, indem sie regelmäßig ein: Gruß dem Kaiser! hinzufügten. Seht Ihr, sagte der Prinz zu seinem Gefährten, wie könnt Ihr mir immer von der Republik sprechen, wenn Frankreich seinen Kaiser zurückverlangt? Ein ander Mal kam der General Changarnier nach Ham, um die Festung zu inspiciren. Er sah nur ganz flüchtig in das Haus des Gefangenen hinein, damit Niemand sagen könne, er habe irgend eine längere Unterredung mit ihm gehabt, und nahm die Musterung der Truppen nicht in der Festung, sondern außerhalb derselben vor. Nur etwa zwanzig Mann mit einem Unteroffizier blieben im Festungshofe zurück, und als der Prinz mit seinem Besuche an das Fenster trat, verließ der Unteroffizier eine Gruppe Soldaten, zu der er gesprochen hatte, und näherte sich der Mauer den Hauses, als wolle er dort ein nicht näher zu bezeichnendes Geschäft verrichten. Unter dem Fenster, angekommen sagte er plötzlich halblauten Tons: es sind nicht mehr als zwanzig Mann in der Festung, die Thüren sind geöffnet, die Garnison ist beschäftigt, wenn der Gefangene fliehen will, hat er leichtes Spiel – man würde es nicht bemerken. Der Prinz stutzte einen Augenblick, antwortete aber sofort in demselben Tone: Dank, mein Braver, ich will Niemanden unglücklich machen, ich bleibe im Gefängniß. – Wie denn? Sie wollen nicht? – Nein! – Aber das ist dumm, fährt der Unteroffizier heraus, und wiederholt dann: Ueberlegen Sie sich’s wohl! Sie wollen nicht’? – Nein, ich will nicht! – Gut, denn, so bleiben Sie, wo Ihnen gefällt, antwortet der Andere ärgerlich und geht brummend davon. Einige Zeit später hatte ein Regiment in der Umgegend einen Garnisonswechsel, und sollte eigentlich in Ham selbst Rast halten. Plötzlich besann man sich anders, ließ es außerhalb der Festung bivouacquiren, und am Morgen sollte es weiter marschiren: Es waren eben einige Fouriere bestimmter Verrichtungen wegen in die Festung gekommen, und einer derselben fand Gelegenheit, einen Stein mit einem Zettel in das Fenster des Gefangenen zu werfen, auf dem die Worte standen: Das Regiment wünscht, daß sie es morgen die Revue passiren lassen. Da begab sich der Prinz zum Spazierengehen auf den Wall, und sah von dort dem Vorbeimarsche des Regiments zu. Nach solchen Ereignissen bemerkte er dann mit Selbstgefühl: „Und sie können noch zweifeln, daß ich einst Kaiser werde.“ – Man sagt, ein großer Theil der Armee sei jetzt weniger enthusiastisch für den Kaiser gestimmt.