Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen III. Section/H13

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
← Heft 12 des Lausitzer Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 13 der Section Markgrafenthum Oberlausitz
Heft 14 des Lausitzer Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Kittlitz
  2. Ober-Oderwitz
  3. Strahwalde
  4. Oppeln


[97]
Kittlitz.


Das schöne, grosse Dorf Kittlitz, wendisch Ketlice (Kesselsdorf) liegt nordöstlich von Löbau an der Weissenburger Strasse auf einem Abhange am linken Ufer des Löbauer Wassers und raint mit Unwürde, Belwitz, Kleinradmeritz, Krappe und Wohla. Dasselbe zählt sechsundneunzig Feuerstätte mit etwa sechshundert Einwohnern, zur Hälfte aus Deutschen, zur Hälfte aus Wenden bestehend und gleicht von der Abendseite gesehen einem Städtchen, wozu namentlich die äusserst stattliche Kirche und die Gebäude der Rittergüter beitragen. Ausser einigen Professionisten und Handelsleuten besteht die hiesige Einwohnerschaft nur aus Landwirthen und beim Feldbau beschäftigten Arbeitern.

Kittlitz ist ein sehr alter Ort. Es gehörte bereits im zwölften Jahrhundert einer adligen Familie von Kittlitz, aus der 1185 vier Herren am Hofe des Markgrafen von Meissen lebten; auch gehörte Bischof Johann III. von Meissen diesem Geschlechte an. Dietrich von Kittlitz, ein kluger und frommer Mann, wird in einer Urkunde von 1180 als Domprobst zu Meissen genannt, der nach seinem noch vorhandenen Epitaph 1207 mit Tode abging. Von einigen Genealogen wird der Familie Kittlitz auch der berühmte Heinrich von Kietelitz, Erzbischof von Gnesen, der bei der polnischen Geistlichkeit den Cölibat einführte, zugezählt; doch behaupten wiederum Andere, er sei ein Sohn des Grafen Friedrich von Brehna und Rochlitz und der polnischen Prinzessin Eudoxia gewesen. Burkhard von Kittlitz erwarb 1186 Seidenberg. Später werden noch genannt Otto von Kittlitz, Herr auf Baruth, Voigt der Niederlausitz, der 1394 auch Spremberg an sein Haus brachte, Brand von Kittlitz auf Baruth, Sehe und Kittlitz (1405) und Georg von Kittlitz, dessen Sohn.

Nach der ältesten urkundlichen Nachricht empfing Heinrich von Kittlitz die Lehn über sein Stammgut am Tage Margarethe 1348 vom Kaiser Karl IV. Die Tochter dieses Edelmanns war mit einem Ritter Thimo von Kolditz vermählt, von dessen Enkeln einer Bischof von Meissen, der andere, Albrecht von Kolditz, Hauptmann zu Jauer und Schweidnitz und 1425 bis 1448 Landvoigt in der Oberlausitz war. Kittlitz befand sich jedoch schon um das Jahr 1370 nicht mehr im Besitze der Familie von Kittlitz (die um dieselbe Zeit für tausend Mark Silbers Baruth erkauft hatte), denn wie eine zu Löbau verwahrte Urkunde darthut wohnten 1389 auf dem Schlosse zu Kittlitz die Gebrüder Henlin, Fritze, Otto und Lorenz von Nostiz, die mit der Stadt Löbau wegen der Obergerichtsbarkeit über die Dörfer Kittlitz, Georgewitz und Breitendorf einen Prozess führten, den Kaiser Wenzel 1390 zu Gunsten der Stadt Löbau entschied. Otto von Nostiz wurde 1400 von demselben Fürsten mit Kittlitz belehnt und erwarb 1401 auch das Dorf Unwürde. Bei dessen Familie blieb das Gut bis zum Jahre 1480, wo bereits zwei Rittergüter in Kittlitz erwähnt werden, deren eines Heinrich von Gussig auf Kleindehsa besass, während das andere noch Eigenthum der Nostize war. Heinrich von Gussig lebte im Streite mit dem Pleban zu Kittlitz, Paul Hoffmann, der sich angemasst hatte, Bier zu brauen und auszuschenken, worauf der Bischof von Meissen am 19. Juli 1482 dem geistlichen Herrn befahl, sich solcher unziemlichen Geschäfte ferner zu enthalten. Johann von Gussig, des Vorigen Sohn, besass beide Rittergüter zu Kittlitz. Nach des Vaters Tode traf dieser Herr mit dem Pleban Hoffmann einen Vergleich. Hoffmann hatte nämlich von den Gütern gewisse Gefälle an Vieh, Getreide und Geld zu empfangen, während der Edelmann alle Herrengefälle von Breitendorf bezog. Der Pleban erliess dem Rittergutsbesitzer die Gefälle unter dem Vorbehalt, dass dieser ihm noch auf neun Jahre hinaus jedesmal zu Michaelis drei Mark bezahlen sollte, wogegen der Geistliche die Breitendorfer Gefälle empfing. Diesen Vergleich bestätigte Bischof Johannes von Meissen 1507 auf dem Schlosse zu Stolpen.

[98] Zu welcher Zeit Johann von Gussig mit Tode abging, ist nicht bekannt, doch gehörte Kittlitz bereits 1520 Ludwig von Rosenhain, von dem jedoch, ausser der Kirchrechnung, keine Urkunde aus jener Zeit spricht. Seine Herrschaft dauerte höchstens bis 1527; denn am 27. September dieses Jahres, wo König Ferdinand von Böhmen den Gebrüdern Caspar, Georg, Christoph, Rudolf, Hans, Getsche und Melchior von Gersdorf aus dem Hause Baruth die Lehen über ihre weitläufigen Besitzungen ertheilte, gehörte zu diesen auch Kittlitz, das bei der Theilung an Rudolf von Gersdorf gelangte, unter dessen Herrschaft die Reformation hier Eingang fand. Rudolf von Gersdorf berief 1535 einen evangelischen Pfarrer, Namens Postor, nach Kittlitz, und gründete zu gleicher Zeit ein Diakonat, indem er den nach Kittlitz eingepfarrten Edelleuten das Versprechen gab, „einen steten Caplan zu halten, welcher den Eingepfarrten mit dem Worte Gottes und den heiligen Sakramenten treulich sollte vorstehen helfen.“ Dieses Versprechen wiederholte Rudolf von Gersdorf vor Land und Städten, unter dem Vorsitze des Oberamtshauptmanns Nicolaus von Gersdorf.

Nach Rudolf von Gersdorfs Tode kamen dessen Besitzungen an Hans Wenzel von Gersdorf, der um 1580 gestorben ist. Seine Nachfolger waren Sigismund, Caspar, Balthasar Hans, Hans Wenzel und Hans Sigismund von Gersdorf, von welchem Letzteren Niederkittlitz 1750 an die Familie von Hund und Altengrotkau gelangte, welche Oberkittlitz schon seit 1722 besass. Bereits 1607 gehörte einem Wenzel Hund von Altengrotkau Wendischcunnersdorf und Unwürde, später auch ein Theil von Kittlitz. Der Geheimrath Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau verkaufte 1769 seine ganzen Besitzungen, wobei auch Kittlitz, an die Gräfin Isabella von Salmour, von der dieselben durch Erbschaft an ihren Sohn Joseph Gabaleon übergingen, welcher sie 1819 an den Generallieutenant und Gouverneur der Residenzstadt Dresden, Freiherrn von Gablenz verkaufte. Dessen Söhne übernahmen 1837 die väterlichen Güter in der Art, dass der Rittmeister Heinrich von Gablenz Kittlitz und der Oberlieutenant Anton von Gablenz Unwürde erhielt. Zur Zeit gehört Kittlitz Herrn Pohlank.

Wie schon erwähnt wurde, ist eine besondere Zierde für Kittlitz die grosse, schöne Kirche. Schon im dreizehnten Jahrhundert muss sich hier ein Gotteshaus befunden haben, da eine Inschrift an der grossen Glocke sagt: Felix namque es sacra virgo Maria omni laude dig. M.CC.II. ie quia ex te or, und ein noch jetzt vorhandener Ablassbrief des Papstes Innocenz IV. vom Jahre 1252 die Schenkung des Ortes Breitendorf an Kirche und Pfarramt zu Kittlitz bestätigt. Die Kirche war dem heiligen Procopius gewidmet und hat mannigfache Schicksale erlitten, so dass sie viermal neu erstanden ist. Die älteste Kirche wurde, nach verschiedenen Spuren zu schliessen, durch Feuer vernichtet, worauf man 1415 das neuerbaute Gotteshaus einweihte. Sigismund von Gersdorf auf Kittlitz liess 1565 die Capelle abtragen und 1566 begann man mit dem Baue eines Thurmes, dessen Leitung Erasmus Hans von Gersdorf auf Lautitz übernahm. Während dieses Baues geriethen die eingepfarrten Edelleute unter einander in Streitigkeiten. Dazu kam, dass um diese Zeit in hiesiger Gegend eine heftige Seuche ausbrach, die viele Menschen hinraffte, welche man eine Viertelstunde von Kittlitz, am Birkenhölzchen, das aber jetzt ausgerodet ist, einscharrte; auch ereigneten sich sonst noch eine Anzahl unglücklicher Vorfälle, so dass die meisten Rittergüter in fremde Hände geriethen – hinreichende Ursachen, dass der Thurmbau vierzig Jahre lang ruhte, bis am Sonntage vor Peter-Paul ein Wetterstrahl die Kirche traf und sammt dem Thürmlein zerstörte.

Die neue Kirche entstand in den Jahren 1606 und 1607 auf Kosten der Gebrüder Hans Joachim von Gersdorf auf Lautitz und Caspar von Gersdorf auf Kittlitz, von denen namentlich der Erstgenannte sich um den Bau sehr verdient machte. Die Glocken der ältesten Kirche waren allen Schicksalen des oft heimgesuchten Gotteshauses entgangen, vermuthlich weil sie sich auf einem abgesonderten Glockenthurme befanden. Die grosse Glocke ist ohne Zweifel die älteste der Oberlausitz, die mittlere und kleine liessen Hans Wenzel und Sigismund von Gersdorf 1652 und 1658 umgiessen.

Im Laufe der Zeit war die Kirche zu Kittlitz durch Vermehrung der Parochianen dergestalt beengt worden, dass man sich genöthigt sah, abermals einen Neubau vorzunehmen. Im Jahre 1749, am 3. Juni, wurde im Beisein der beiden Collatoren Johann Adolf von Gersdorf auf Niederkittlitz und Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau auf Oberkittlitz der Grundstein zu der neuen Kirche gelegt, in welchem sich ein hölzernes Kästchen mit betreffenden Schriften befindet. Der Bau schritt rüstig vorwärts, und obgleich durch den siebenjährigen Krieg und andere Hindernisse aufgehalten, war er im Jahre 1769 bis auf den Thurm vollendet. Die Kosten betrugen 16652 Thaler 1 Groschen 6 Pfennige. – Einige Jahre später entstand auch der Thurm; doch war damals das Kirchenvermögen dergestalt erschöpft, dass man im Lande eine Collecte sammeln musste, um dem Thurme ein Dach zu geben.

Aus der alten Kirche finden sich noch manche Merkwürdigkeiten vor. So ist ein uralter, aus Granit gearbeiteter Stein vorhanden, auf dem noch das Nostiz’sche Wappen erkennbar ist, doch lässt sich die Umschrift nicht mehr entziffern. Der Freiherr Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau liess beim Neubau der Kirche viele alte Grabsteine ausheben und [99] als Baumaterial verwenden, den erwähnten Nostizischen Denkstein aber nahe bei der Sakristei einmauern. Vier Gersdorfische Leichensteine, welche zwei Männer in ritterlichem Costüm und zwei Frauen in der steifen Tracht ihrer Zeit darstellen, hat man an der Kirchhofsmauer zunächst der Schule befestigt. – Interessant ist auch der in des Pfarrers Sakristei aufbewahrte Altar, welchem Kenner ein Alter von fünfhundert Jahren zuschreiben. Es ist ein sogenannter Wandelaltar mit zwei Thüren. Sind diese geöffnet, erblickt man die heilige Maria mit dem Jesuskinde auf dem Arme und reich vergoldeter Krone auf dem Haupte, ihr zur Rechten die heilige Anna mit der ihr Haupt umgebenden Inschrift: „Santa Anna ora pro nobis!“ zu ihren Füssen ein Knabe und ein Mädchen. Der heiligen Jungfrau zur Linken steht der heilige Procopius, eine Bischofsmütze tragend, in der rechten Hand ein Buch, in der linken eine Geissel haltend, mit dem linken Fusse auf einem krokodillartigen Ungeheuer stehend, das den Rachen weit aufgesperrt hat. In der Thür zur Rechten steht der Evangelist Johannes, ein Buch und ein Lamm haltend, ferner der Apostel Petrus mit dem Kreuze. In der andern Thür zeigt sich die heilige Catharina, welche in der rechten Hand ein Buch, in der linken ein blosses Schwert hält und mit dem Fusse auf einem zerbrochenen Rade steht. Neben ihr sieht man die heilige Barbara mit einem Thurme in der linken und einem Buche in der rechten Hand. Werden die Flügel des Altars geschlossen, so zeigen sich zwei Reihen Gemälde, acht Darstellungen enthaltend. In der obern Reihe erblickt man die Heimsuchung Mariä, die Erscheinung Christi am Grabe, die Verkündigung Mariä, in der untern Reihe einen Heiligen in einem mit Schimmeln bespannten Wagen, an welchem das vordere Rad fehlt, während ein schweinähnliches Thier die Achse trägt; ferner die Erscheinung Christi vor den Weisen aus dem Morgenlande, die Flucht nach Egypten und einen Märtyrer am Kreuze. Unter dem Altartische befinden sich verschiedene vom Bildschnitzer gearbeitete Figuren, namentlich der Märtyrer Sebastian am Pfahle und ein knieender Heiliger, dem ein Nachrichter das Haupt abzuschlagen im Begriff ist. Ein drolliger Zufall hat gewollt, dass der Knieende das Haupt noch aufrecht trägt, während der Scharfrichter das seinige durch irgend einen Zufall verloren hat.

Merkwürdig ist, dass das Pfarramt zu Kittlitz mit dem Dorfe Breitendorf belehnt ist und früher Gerichtsherr über dasselbe, sowie über sieben Häusler und Gärtner in Kittlitz war. Aus Allem geht hervor, dass Breitendorf vormals ein Rittersitz war; auch giebt es dort noch jetzt drei Mannlehngüter, die aus dem ursprünglichen Herrensitze entstanden sein mögen. Ausser diesen Lehngütern waren zu Breitendorf in früherer Zeit noch elf Bauergüter, die später in kleinere Besitzungen zerspalten worden sind. Aufschluss über dieses Lehnsverhältniss giebt die schon erwähnte interessante Bulle Papst Innocents, die wir hier in der Uebersetzung wiedergeben:

„Innocentius IV., ein Knecht aller Knechte Gottes, ertheilen allen Christgläubigen, die diesen Brief kennen lernen, Heil und unsern apostolischen Segen.

Kund und zu wissen ist, dass wir aus freiwilliger Schenkung und Begnadigung gefunden haben wie das Dorf, Uyest genannt, mit aller Nutz, Dienst und Botmässigkeit zur Mutterkirche in Kittlitz gehöre. Und da sich Jemand besagtes Dorf, oder was anderes zu ermeldeter Kirche gehöriges, durch verwegenes Recht etwa unterfangen möchte anzufeinden und zu empören (das doch nicht geschehe), denjenigen wollen wir von der heiligen Mutterkirche durch apostolische Gewalt und Kraft abgetrieben, in Bann gethan, verflucht und verdammt haben. Und nicht allein dieser, sondern auch alle beipflichtende Gönner und Einwilliger sollen gleichmässiger Pein und Strafe gewärtig sein. Deswegen wollen wir diesem nach Kraft der apostolischen Schriften und wahrhaften Gehorsams gebieten und anbefehlen, dass ein jedweder Bischof des Meissnischen Bisthums über solcher gesetzten Meinung halten und ihr nachkommen solle. Gegeben zu Peruss im Jahre Christi 1252 am 26. Hornung Unsern päpstlichen Ehren im Zehnten.“

Die Kirchenbücher zu Kittlitz gehen nur bis zum Jahre 1700 zurück, und zwar soll einer unverbürgten Sage nach eine Pfarrwittwe, der man bei ihrem Wegzuge nicht Genüge that, die alten Bücher aus Rache mitgenommen haben. Eingepfarrt hierher sind Grossdehsa, Jauernick, Peschen, Eisenroda, Nechen, Breitendorf, Laucha, Unwürde, Carlsbrunn, die Hälfte von Wohla, Georgewitz, Wendisch-Paulsdorf, Wendisch-Kunnersdorf, halb Rosenhain, Zoblitz, Bellwitz, Oppeln, Kleinradmeritz, Glossen, Lautitz, Alt- und Neu-Cunnewitz, Mauschnitz und Hasenberg sammt einem neuen Anbau. Früher gehörten auch die sechs Ortschaften Nostiz, Trauschwitz, Grube, Krappe, Spittel und halb Wohla hierher, bis 1655 Joachim Ernst von Ziegler und Klipphausen auf Nostiz den Entschluss fasste, die Nostizer Capelle in eine Kirche umzuwandeln und die ihr zugehörigen sechs Ortschaften von Kittlitz zu trennen und hier einzupfarren. Die deshalb entstehenden Streitigkeiten wurden am 14. December 1660 im Oberamte zu Budissin unter dem Landvoigte Carl Reineck von Callenberg auf Musska zwischen dem Herrn von Ziegler und den Brüdern Sigismund und Wenzel von Gersdorf auf Kittlitz dahin beigelegt, dass Ersterer ein Aequivalent von 333 M. Gulden zahlte, welches unter dem Namen des Zieglerisch-Nostiz’schen Legats noch jetzt bei der Kirche zu Kittlitz existirt und dessen Zinsen Kirche und Geistlichkeit theilen.

O. Moser.     



[100]
Ober-Oderwitz.


Zu dem Gütercomplex der Rittergüter Ober- und Niederruppersdorf mit Neuruppersdorf gehört auch das Dorf und Rittergut Oderwitz, seit dem siebzehnten Jahrhundert den Namen Ober-Oderwitz führend. Ober-Oderwitz liegt bei Herrnhut, 3 Stunden von Löbau und 3 Stunden von Zittau entfernt, wie dies Alles schon bei dem Rittergute Ober-Ruppersdorf erzählt worden ist. Es liegt in einem sehr schönen Thale, wovon es auch den Namen hat; denn Oderwitz heisst auf slavisch Wodrinza, Wadrynge und dies bedeutet ein durch Wasser zerrissenes Thal. Es liegt unmittelbar an der Dresdner-Zittauer Chaussee.

Das Dorf selbst hat 467 Häuser mit 4500 Einwohnern, von denen der grössere Theil die Leinweberei betreibt. Es besteht aus drei Antheilen, dem Ruppersdorfer mit dem Kirchenlehn, dem Hainewalder und dem Zittauer. Ueber die Gründung des Dorfes fehlen die näheren Nachrichten. So viel ist sicher, dass dasselbe bis zu dem traurigen Pönfall[1] der Sechsstädte der Stadt Zittau zugehörte.

Im Jahre 1549 kam Oderwitz in Besitz des mehrerwähnten Dr. Ulrich von Nostiz, aus welcher Zeit folgender Lehnbrief stammt:

„Wir Ferdinand v. G. G., Römischer König etc., bekennen für unns unnsre Erben hiermit diesen Brief vor Maneglich. Als wir dem etc. Ulrichen von Nostiz zu Ruppersdorf, unsern Rath und Hauptmann zu Budissin, verthines sieben und vierzigsten Jars unsre drei Dörfer, nämlich: das Dorf Oderwiz, im Sitt’schen Weichbilde gelegen, unmaassen die Stadt Sittau desselben Innhalts, denselben Ihren Lehnbrieff, die sie zu Unsern Handen überantwortet, gebraucht und genossen, und das Dorf Grossschweiniz und das Dorf Georgewiz im Lubischen Weichbilde alles in unserm Markgrafenthum Oberlausitz gelegen, zusammt etc. – wie die im genannten unserm M. O. L. und angezeigten Ihren Weichbildern gelegen und vormals beide Stadt Sittaw und Lubew und jetzo wir genossen und innegehabt, um 6000 Thaler, die wir Ime hiervon In Ansehung seiner langgethanen Dienstleistung unsrer derselben Insonderheit ausgegangen Verschreibung des Datum Prag, den ersten Octobris verthines sieben und vierzigsten Jahres gestanden, gegeben Pfandweise eingeräumt und volgunds dieselben durch etliche unnsre in gewalt M. Ob. L. abgefertigte Commissari dem Landesgebrauch nach auf fünf tausent Taller, den Taller zu ein und dreissig Weiss-Groschen gerechnet, geschätzet und taxirt worden. Da wir demnach wohlbedächtlich etc. – gewelten Ullrich von Nostiz und allen seinen männlichen Leybs-Lehn, haben solche obgenannte drei Dörfer etc. – umb obgedachte Summe der 6000 Taller im rechten erblichen Kauff Lehnsweise folgen und zu Thumme haben lasse. Thun solches auch hiermit wissentlich und in Chrafft dieses Brieffs etc. zu Urkunde verfertiget mit unserm Kuniglichen nahmigen Innsigl. Geben auff unserm Kuniglichen Schloss Prag nen fünften Tag des Monats Maney [101] im fünfzehnhundert und neun und vierzigsten, unsrer Reihe des Römischen im neunzehnten und der anderen im drei und zwanzigsten Jahre.

„K. Ferdinand.“     

Der nächstfolgende Besitzer von Oderwitz war Christoph von Nostiz, Ulrichs Sohn, beliehen 1571. Von diesem ging das Gut auf Hans Ulrich von Nostiz über, welcher es von 1595 bis 1617 besass, worauf es in die Hände des Christoph von Nostiz kam. Im Jahre 1652 bewarb das Gut Hans Ulrich von Nostiz, der Klostervoigt war und zugleich die beiden Rittergüter Ober- und Nieder-Ruppersdorf besass. Nach dessen Ableben kamen diese ganzen Besitzungen im Jahre 1680 an dessen Sohn Gottlob Erdmann von Nostiz. Des Letztern Sohn, der Domherr Hans Heinrich Gottlob von Nostiz ererbte Oderwitz nach des Vaters Tode im Jahre 1741, nachdem er vorher schon Ober-Ruppersdorf von seinem Vater erkauft hatte. Im Jahre 1764 gingen sämmtliche Besitzungen auf die Erben Heinrich Gottlobs von Nostiz über. Im Jahre 1772 gelangte Ober-Ruppersdorf und Oderwitz an Johann Gottlob Erdmann von Nostiz und Nieder-Ruppersdorf an Johann Carl Adolph von Nostiz. Letzterer verkaufte sein Gut 1809 an seine spätere Gemahlin Henriette Charlotte Wilhelmine von Berge, erbte 1811 die Güter seines Bruders und verkaufte sie 1812 ebenfalls an seine Gemahlin. Deren Tochter, Thuiska, wurde später die Gemahlin des Herrn Dr. von Mayer, welcher nach dem Ableben seiner Gemahlin im Jahre 1850 Oderwitz mit den beiden Ruppersdorf in Lehn erhielt, und solche noch besitzt. Dr. von Mayer ist derselbe, welcher auf dem ersten constitutionellen Landtage Sachsens zu den ersten Rednern der zweiten Kammer gehörte, welcher unter dem Peristylium und den schönen Säulengängen seiner Rede die Zuhörer Stunden lang fesselte, ohne sie irre zu führen. Unübertroffen ist die Mannigfaltigkeit seiner Intonation. Wer parlamentarische Beredtsamkeit studiren will, muss Dr. von Mayers Reden sich zum Muster nehmen.

Grimmel.     





Strahwalde.


In der Reihe von Dörfern, welche sich ohne Unterbrechung im Pliessnitzthale bis Görlitz hinzieht, bildet Strahwalde in fünfviertelstündiger Ausdehnung den Anfang. Es liegt eine halbe Stunde von Herrnhut und sechs Viertelstunden von Löbau an der Bautzen-Zittauer Chaussee in recht angenehmer Gegend am Fusse des Kottmarberges, der im Westen, wie das Lausitzer Gebirge im Süden, den Horizont begränzt. Südöstlich vom Dorfe zeigt sich der Hutberg und nordöstlich der Hölzel- und Lehmannsberg, welcher Letztere sich durch eine unbeschreiblich reizende Aussicht, zum Theil bis in die Gegend von Görlitz, auszeichnet. Gleichsam die Gränze zwischen dem Stromgebiete der Oder und Elbe bildet eine Waldung, die westlich mit den Kottmar- und östlich mit den Kemnitzer und Herwigsdorfer Waldungen zusammenhängt und Strahwalde von Kunnersdorf, Ottenhain, Herwigsdorf und Kemnitz scheidet. Die Quellen, welche auf der westlichen, südlichen und östlichen Seite desselben entspringen, münden nämlich in den Bach, der Strahwalde durchfliesst und weiterhin in den Petersbach fällt, welcher vom Kottmar herabkommend, eine Strecke lang das Niederstrahwalder Gebiet bewässert und endlich sich mit der Pliessnitz vereinigt. Die nördlich und theilweise östlich hervortretenden Quellen fliessen in das Löbauer Wasser und mit diesem in die Spree; sie gehören aber grösstentheils nicht mehr zu Strahwalde.

Was die Entstehung Strahwaldes anbetrifft, so fehlen darüber alle zuverlässigen Nachrichten; doch scheint es, als ob der Name des Ortes von der Landstrasse herrühre, welche vormals aus dem Lande Meissen und der Oberlausitz durch den längst verschwundenen grossen Wald in das Königreich Böhmen führte. Urkundlich wird der Ort allerdings oft Strasswalde genannt und in der That sind noch jetzt Spuren dieser alten berühmten Heerstrasse zu bemerken, welche unterhalb der hiesigen Kirche nach Ruppersdorf und von da weiter nach Zittau ging, jedoch schon vor dem Jahre 1722 ausser Gebrauch gekommen war. Die älteste Urkunde, welche Strahwaldes gedenkt, ist vom Jahre 1317, wo Markgraf Waldemar von Brandenburg Strahwalde der Gerichtsbarkeit Löbaus unterwarf.

In Strahwalde befinden sich zwei Rittergüter, Ober- und Nieder-Strahwalde, von welchen das erstere etwas kleiner ist als das andere. Oberstrahwalde hat 76 Häuser mit 500 Einwohnern, und Niederstrahwalde 100 Häuser mit 700 Bewohnern. Ausserdem gehören noch zu jedem der [102] beiden Dörfer einige kleinere Ortstheile, nämlich Friedensthal, der alte Zuckmantel und der neue Zuckmantel, ein kleines, 1770 vom Grafen Hrzan gegründetes Dörfchen. Zu Oberstrahwalde gehören bedeutende Waldstrecken; auch hat der Ort recht beträchtliche Teiche. Am Fusse des Lehmannsberges, sowie an der Kunnersdorfer Gränze, auf dem sogenannten Lehden, befinden sich zwei treffliche Brunnen, welche durch eine Röhrenleitung Herrnhut mit Wasser versorgen.

Die Ortsgeschichte erzählt mancherlei harte Schicksale, von denen hauptsächlich eine entsetzliche Pest (1625) zu erwähnen ist, die Strahwalde fast gänzlich entvölkerte und in dem nahen Kunnersdorf alle Einwohner, bis auf einen einzigen Mann, vertilgt haben soll. Noch jetzt zeigt man die Stätte wo das Pestkrankenhaus stand und die unglücklichen Opfer der Seuche ihr Grab fanden. In der jetzt sogenannten Dörfelbrache, an der Oberkunnersdorfer Gränze, stand vor Zeiten das Dorf Rothdörfel, von dem ausser einigen ausgetrockneten Teichen und den Spuren einer Mühle kein Stein mehr vorhanden ist. Wahrscheinlich verschwand das Dorf im Hussitenkriege; eine Urkunde darüber ist nicht mehr vorhanden. Im Jahre 1724 zündete eine Magd aus Rache den Niederstrahwalder Herrenhof an und fand ihren Tod auf dem Scheiterhaufen; 1815 brannten in Niederstrahwalde zwei Gehöfte nieder und 1820 zündete wiederum den Niederstrahwalder Hof ein hiesiger Einwohner an, der dafür auf dem Schaffot sterben musste. In der Nacht vom 5. zum 6. Juli 1840 brannte in Oberstrahwalde der Gasthof ab, bei welchem Unglück der Fuhrmann Wersig aus Condorf sammt seinen vier Pferden und dem reichbeladenen Frachtwagen in Asche verwandelt wurde.

Vor etwa 90 Jahren entstand an der Kunnersdorfer Strasse ein neues Dörfchen, Johannisdörfel genannt, und zwar da, wo jetzt der Weg von der Strasse in das Kirchbüschel führt. Die Herrschaft beabsichtigte damals ein Vorwerk hierher zu bauen, gab aber später diesen Plan wieder auf. Nach einer Volkssage soll nach einer pestartigen Seuche die Herrschaft das Dorf wieder mit Böhmen bevölkert haben, wahrscheinlich protestantischen Exulanten, die Kaiser Ferdinand aus ihrem Vaterlande vertrieb. Der Einfall König Carls XII. von Schweden brachte auch nach Strahwalde manches Drangsal, härter aber traf den Ort die Einquartirung im Winter 1757, Theurung und Krankheit. Im Jahre 1813 fanden hier viele Durchmärsche Statt, und nach der Bautzner Schlacht wurden die Einwohner oft von Russischen und Preussischen Streifcorps heimgesucht, während des Waffenstillstandes aber bivouaquirten hier Polen. Als bei dem Einrücken der Alliirten aus Böhmen Marschall Victor von Napoleon zurückberufen worden war, bivouaquirte dieser Feldherr mit seinem ganzen Corps einen Tag und eine Nacht in Strahwalde, wobei das Dorf in grosser Feuersgefahr schwebte. Später fielen in der Nähe bisweilen kleine Gefechte vor, bei welcher Gelegenheit die Polen eine Batterie auf einer Höhe bei Strahwalde errichteten, um den Ort in Brand zu schiessen, eine Absicht die durch einen kühnen Anfall Russischer Cavallerie vereitelt wurde.

Die beiden Rittergüter Ober- und Niederstrahwalde waren in frühester Zeit vereinigt, und zwar gehörte das Gut im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts dem adeligen Geschlecht von Klüx. Zuerst wird 1528 Heinrich von Klüx, Hofrichter zu Löbau, genannt, dem Wolf Joachim, Hans und endlich Caspar von Klüx folgten, welcher Letztere 1635 auf gewaltsame Art seinen Tod fand. Zu dieser Zeit geschah die Theilung des Rittergutes in den oberen und niederen Theil; denn 1637 gehörte Oberstrahwalde Friedrich von Rodewitz, der es Joachim von Schilling überliess. Zwischen 1652 und 1654 kaufte das Gut Heinrich Adolf von Kyau, der vorher Kemnitz besessen hatte und Vater von nicht weniger als siebzehn Kindern war, die alle in den Freiherrnstand erhoben wurden und zum Theil hohe Staatswürden erlangten. Nach des Vaters Tode erbte 1677 das Gut Adam Joachim von Kyau, ein frommer, edler Mann, der die hiesige Kirche fast ganz auf eigene Kosten neu aufbaute und 1707 mit Tode abging. Das Gut stand jetzt mehrere Jahre unter vormundschaftlicher Verwaltung des Herrn von Oberländer auf Reichenbach, worauf es sein Mündel August Leopold von Kyau und nach dessen 1740 erfolgtem Ableben dessen Bruder, Carl Ludwig von Kyau, übernahm. Ein dritter Bruder war der bekannte witzige General von Kyau, Commandant der Festung Königstein.

Nach Carl Ludwig von Kyau’s Tode (1750), behielt dessen Wittwe das Gut noch bis 1769, wo es Graf Xaver von Hrzan und Harras, k. k. Kämmerer, Grosskreuz des Bairischen St. Michaelisordens und Herr auf Kemnitz, erkaufte, von dem es an seinen Neffen, Johann Anton Ludwig von Lenz, k. Sächsischen Major, Ritter der Französischen Ehrenlegion, des Militair-St. Heinrichsordens und des Schwedischen Schwertordens, Adjutanten des Prinzen Johann und Commandeurs der Communalgarde zu Dresden, gelangte. Von ihm erkaufte Strahwalde Herr Carl August Reichel, Kauf- und Handelsherr zu Löbau.

Das Rittergut Niederstrahwalde gelangte nach dem Tode Caspars von Klüx an dessen Schwiegersohn Caspar von Bock, nach dessen Tode es einige Jahre im Besitze von dessen Wittwe blieb, die 1657 starb. Die nächsten Besitzer waren aus der Familie von Rabenau, und zwar Christoph Heinrich, Heinrich Friedrich, Eleuther Christian, Gottlob Ehrenreich und Heinrich Christian von Rabenau, von denen Letzterer 1709 das Zeitliche segnete. Hierauf kaufte das Gut der Besitzer von Oberstrahwalde, August Leopold [103] von Kyau, der beide Güter auf seinen Bruder Carl Ludwig von Kyau vererbte, dessen Wittwe Niederstrahwalde an Christoph Traugott von Burgsdorf verkaufte, der 1758 auf eine höchst merkwürdige Art verunglückte. Er wollte nämlich eines Tages nach Tische ausfahren und befahl anzuspannen, als ihm die Dienerschaft erklärte, dass dies unmöglich sei, weil das Pferd, dessen sich der Herr zu bedienen pflegte, wenn er allein ausfuhr, plötzlich kollerig geworden sei. Trotz allen Bitten und Vorstellungen liess der Edelmann das wüthende Thier herbeibringen und nur mit der grössten Mühe war es einzuspannen. Kaum fühlte sich das Pferd frei, als es sich bäumte, zum nördlichen Hofthore hinausstürzte und dabei den Wagen umwarf. Der unglückliche Herr von Burgsdorf fiel heftig zu Boden und stiess sich dabei das Degengefäss in den Leib, so dass er an der tiefen Wunde nach einigen Tagen unter unsäglichen Schmerzen starb. Drei Tage nach seinem Ableben setzte man die Leiche in der Gruft unter der hiesigen Kirche bei. Die untröstliche Gemahlin hatte dem verunglückten Gatten verschiedene werthvolle Ringe und sonstige Pretiosen mit in den Sarg geben lassen, welche die allgemeine Aufmerksamkeit der Anwesenden erregten. Namentlich erwachte in dem Gesellschaftsfräulein der Edelfrau ein unwiderstehliches Verlangen, sich der Kostbarkeiten zu bemächtigen und als sie beim Herausgehen aus der Kirche zufällig vernahm, dass die Todtengruft erst am nächsten Tage verschlossen werden sollte, entstand in ihr der Plan, sich auf alle Fälle der Schmuckgegenstände zu bemächtigen. In der Nacht, welche dem Begräbnisse des verewigten Herrn von Burgsdorf folgte, schlich sich das kühne Mädchen in die Kirche, zündete in dem herrschaftlichen Betstuhle eine mitgenommene Laterne an und stieg in die unverschlossene Gruft. Hier versuchte sie vergeblich, den zugeschraubten Sarg zu öffnen und als dieser allen Anstrengungen widerstand, ergriff das Mädchen eine Sargunterlage, zertrümmerte damit den Todtenschrein, und entwendete der Leiche den reichen Schmuck. Leise verliess hierauf die Gouvernante die Kirche und gelangte ungesehen in ihr Zimmer; im Dorfe aber hatte man die Erleuchtung der Kirche wohl bemerkt, jedoch aus abergläubischer Furcht keine Untersuchung dieser Erscheinung gewagt. Als man am Tage nach dem Leichenraube die Gruft besuchte, fand sich natürlich die auffällige Verwüstung; aber der Vorfall war so unheimlich, dass jede fernere Nachforschung unterblieb. Erst als nach langen Jahren wieder eine Beisetzung stattfand und mit dem vorigen Geschlecht auch der Aberglaube abgestorben war, entdeckte man den Diebstahl, der endlich auch durch das Geständniss der nunmehr hochbejahrten Diebin bestätigt wurde.

Nach dem Herrn von Burgsdorf findet sich als Besitzer von Niederstrahwalde Johann Ernst von Gersdorf, Kammerjunker und Verweser des Fräuleinstiftes Joachimstein und Herr auf Lautitz, der 1769 das Gut der Gräfin Agnes Sophie von Reuss überliess, die 1791 starb. Ihr folgte Graf Heinrich XXVIII. von Reuss von 1791 bis 1797, wo ihm Friedrich Rudolf, Freiherr von Wattwille, folgte, von dem Niederstrahwalde 1811 seine zweite Gemahlin, Charlotte Marie Eleonore, verwittwete von Gersdorf, geborne Gräfin Pfeil, erbte, deren Sohn erster Ehe, der Rittmeister Ferdinand Rudolf von Gersdorf auf Obersteinkirch das Gut 1812 an Christian Friedrich von Göttlich verkaufte. – Im Rittergute zu Niederstrahwalde befindet sich das eigentliche, bis zum 16. Jahrhundert hinabreichende Ortsarchiv.

Die Kirche zu Strahwalde wird in einer Matrikel des Bischofs von Meissen vom Jahre 1346 erwähnt, worin gesagt ist, dass der bei ihr angestellte Geistliche dem Erzpriester zu Löbau untergeben sei. Die älteste Kirche stand ungefähr an der Stelle, wo die alte Löbauer Landstrasse auf den sogenannten Dreiäckern die Chaussee schneidet und wurde höchst wahrscheinlich im Hussitenkriege weggebrannt. Die darauf neu gebaute Kirche stand auf derselben Stelle, wo sich die jetzige befindet, zu der man nach Abbruch des alten baufälligen Gotteshauses am 17. Mai 1695 den Grundstein legte. Der Thurm wurde im Jahre 1730 erbaut. – Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts besass die Kirche zu Strahwalde ein Gut in Kottmarsdorf, das, nach alten Nachrichten, sie 1614 von David von Gersdorf erkaufte, und wovon der jedesmalige Pfarrer in Strahwalde die Nutzniessung haben sollte. Die schwere Zeit des siebenjährigen Krieges und andere Verhältnisse machten es nöthig, das Gütchen zu verkaufen, das dafür gelöste Capital aber legte man als unablösbar auf die beiden Rittergüter, von denen der Pfarrer die Zinsen dafür bezieht. – Noch ist zu erwähnen, dass zu Strahwalde vor langen Jahren ein Vorwerk stand, das in Urkunden unter dem Namen des rothen Vorwerks erscheint.

Noch befindet sich im Schlosse zu Oberstrahwalde eine katholische Stiftskapelle für die in der Umgegend von Löbau, Herrnhut und Zittau zerstreut wohnenden Katholiken. Als nämlich 1767 der katholische Graf Xaver von Hrzan und Harras Oberstrahwalde erkaufte, errichtete er wegen zu grosser Entfernung katholischer Gotteshäuser ein solches im eignen Schlosse und erhielt von dem Bischof von Bautzen Wesky von Bärenstamm für dasselbe einen Caplan, der am 4. August 1768 hier die erste Messe las.

O. Moser.     
[104]
Oppeln.


Oppeln liegt fünf Viertelstunden von Reichenbach und ebenso weit von Löbau, eine halbe Stunde von der Preussischen Gränze, am Bischdorfer Wasser, aus dessen hübschem Thalgrunde ostwärts eine bedeutende Höhe ansteigt. Es raint mit Buda, Bellwitz, Rosenhain und Zoblitz.

Schon im Jahre 1298 geschieht dieses Ortes Erwähnung, als dem Pfarrherrn zu Kittlitz, wohin Oppeln eingekircht ist, ein neuer Decem ausgeworfen werden sollte. Das Gut war damals im Besitz Erichs von Oppeln, dessen Sohn, Hinko, zu den treuesten Anhängern des Kaisers Carl IV. gehörte, und bei der Erstürmung des Raubschlosses auf dem Oybin eine Hauptmannstelle versah. Balthasar von Oppeln, wahrscheinlich Hinko’s Enkel, kämpfte gegen die andringenden Hussiten, wurde jedoch bei Löbau gefangen und nach Böhmen gebracht, von wo er erst nach mehreren Jahren in die Heimath zurückkehrte. Im Jahre 1478 empfing Balthasar von Oppeln, vielleicht des Vorigen Sohn, die Mitlehn über das Gut Zibelle. Er scheint der letzte Herr von Oppeln gewesen zu sein, welcher das Stammhaus seiner Familie besass, denn 1493 gehörte das Rittergut einem Ritter von Nostiz, der zu den Feinden der Stadt Löbau gehörte und den Bürgern viel Herzeleid anthat. So wird erzählt, dass er einst mit sechs Pferden auf die Stadt streifte und dabei einen Rathsherrn mit seiner Gattin und zwei Töchtern gefangen nahm, auf die heftigen Drohungen des Rathes aber ohne Lösegeld wieder nach Hause schickte. Bei diesem Streite mit der Stadt wurde der Herr von Nostiz von seinen Vettern unterstützt, die schon längst einen Hass auf die stolzen Bürger geworfen hatten. Der Streit wurde endlich durch Vermittlung beseitigt.

Im sechszehnten Jahrhundert besassen Oppeln die Herren von Gersdorf, doch scheint es eine Zeitlang Eigenthum eines Herrn von Ponickau gewesen zu sein. Im siebzehnten Jahrhundert gehörte das Gut wiederum den Gersdorfen und blieb in deren Besitz bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, wo es von dem Hauptmann von Gersdorf an die Generalin von Brüsewitz, geborne Gräfin von Wartensleben, gelangte, von der es an einen Herrn von Schwarz kam. Der jetzige Besitzer des Rittergutes Oppeln ist Herr Demisch.

Das Rittergut Oppeln besteht eigentlich aus zwei Gütern, von denen eins das Vorwerk heisst. Eingepfarrt ist der Ort nach Kittlitz.

***     

  1. Der Sieg des kaiserlichen Heeres am 24. April 1547 über die Sachsen bei Mühlberg entzog den Sechsstädten (Bautzen, Görlitz, Zittau, Löbau, Lauban und Camenz) als Rache und Strafmittel (der sog. Pönfall der Sechsstädte) ihre durch die Reformation erlangten Freiheiten, ihr Hab und Gut, ihre Privilegien und Vorrechte, die sie wegen Bekämpfung der Raubritter erlangt hatten.
[Ξ]
Kittlitz
[Ξ]
Ober  -  Oderwitz
[Ξ]
Ober - Strawalde
[Ξ]
Oppeln


← Heft 12 des Lausitzer Kreises Nach oben Heft 14 des Lausitzer Kreises
{{{ANMERKUNG}}}
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.