Am „alten abgelegten“ Claviere

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: E. G.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Am „alten abgelegten“ Claviere
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 863, 864
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[863] Am „alten abgelegten“ Claviere.[1] „Es war lange trüb’, sehr trüb’ um mich her, aber es wird heiterer!“ so lautet das Facsimile unseres Altmeisters Pestalozzi auf seinem Bilde, welches mein einfaches Stübchen ziert. Ich kann den Vordersatz aus tiefster Seele nachsprechen; paßt er doch auf meine Vergangenheit auch recht treffend und vollgültig; aber auch den Nachsatz – wenn auch nur in gewissem Sinne – kann ich nun mit unterschreiben!

Wer wüßte nicht ein Lied von der Noth der Lehrer zu singen? Mein Dasein gleicht dem vieler meiner Collegen wie ein Ei dem andern. Ich stehe im Vollgenusse des karg zugeschnittenen Minimalgehaltes im Regierungsbezirke Frankfurt an der Oder und habe davon (außer mir) Frau und sieben Kinder zu ernähren, zu bekleiden etc. Kann man da nicht mit Uhland sprechen:

„Daselbst erhub sich große Noth,
Viel Steine gab’s und wenig Brod!“

Denn bei wenig Brod mangelt’s uns nimmer an den Steinen des Anstoßes, des Kummers, des Aergernisses und der Bosheit! Wie aber soll man bei unserm Gehalte die Mittel erschwingen, um in dieser Trübsal den Geist und das Gemüth nicht schmachten zu lassen? O, auch wir arme Lehrer haben unsere Freude, hohe, tiefempfundene Freude, an einer reichhaltigen und gediegenen Bibliothek, an den Schätzen der musikalischen Literatur, an dem Labung und Trost spendenden Harmonienstrome eines Piano. Aber wie Wenigen von uns lacht das Glück, von all diesem Sehnen auch nur das bescheidenste Theilchen zu befriedigen! Es ist nur zu gewiß, unsere leibliche – und in natürlicher Folge – unsere geistige Noth ist noch nicht in vollem Maße weder von maßgebenden Autoritäten, noch von der großen Masse unseres Volkes gekannt, und warum? Weil man diese Noth selbst durchgekostet und durchgerungen haben muß, um ihre Größe zu erfassen und zu würdigen.

Doch, Gott Lob, es giebt immer noch hochherzige, von lauterster Liebe zu unserem Stande durchdrungene Männer- und Frauenseelen, die hier und dort im weiten deutschen Vaterlande manches Lehrerherz trösten, aufrichten und mit neuen Hoffnungen erfüllen. Von solchen Blüthen echter Menschenliebe hat die Gartenlaube schon so oft erzählt. Ich kann abermals eine solche Blüthe verzeichnen!

Es war am 3. September d. J., als mir durch die Redaction der Gartenlaube die köstliche Nachricht – für mich eine wahre Siegesdepesche – zuging, es stünde für mich durch die Güte einer Dame, die nicht genannt sein wolle, ein Instrument zur Verfügung und möchte ich u. s. w. War das Traum, war’s Wirklichkeit? Soll ich meinen damaligen Jubel beschreiben, schildern das helle Aufjauchzen meiner Kinderschaar und die Freudenthränen meines an Kummerthränen so reichen treuen Weibes? Das kann keine Feder zeichnen, kein Pinsel malen! Genug, die Botschaft machte unser Haus zu eng; nicht die Herzen allein, nein das ganze „schulmeisterliche“ Haus hüpfte vor Freuden.

Aber nun kam eine Zeit stillen Harrens, eine Geduldsprobe, zu der uns, wie so manchen Harrenden, die „Anhaltische Bahn“ verurtheilte: denn das heißersehnte Piano ließ fünfzehn – für uns unendlich lange – Tage auf sich warten, und doch wußten wir, daß es auf der Reise sein müßte. Bereits hatten wir das erforderliche „Quartier“ dem lieben Angebinde angewiesen, und – diese Stelle sollte leer bleiben? Wie eilten unsere Augen und Herzen dem Briefboten täglich entgegen, der uns Kunde bringen sollte von der glücklichen Landung unseres Sorgenbrechers!

Und so saßen wir abermals an einem Sonnabende – der Tag ging zu Rüste – in Gedanken über unser vergebliches Hoffen versunken; der Briefbote hatte wie gewöhnlich mit dem Kopfe geschüttelt; leer war die Stätte für „der Töne Reich“ geblieben: – Da, horch! „Was hör’ ich draußen vor dem Thor?“ Ein schweres Fuhrwerk rasselt heran und herein stürmt meine kleine Schaar mit „Trompetengeschmetter“: Pianino, Pianino!

[864] Ja, da war es, noch in unscheinbarer Hülle eingeklammert. Ein wohlmeinender Freund hatte es auf dem nächsten Bahnhofe für mich in Empfang genommen und überraschte mich damit, indem er es sofort auf eigenem Gefährt bis vor meine Thür sandte. Viel fehlte nicht, ich hätte im ersten Freudentaumel Kutscher und Pferde, die mir die freundliche Gabe zuführten, umarmt. Und meine Kinder, was sie trieben? Schweiget, Worte! Bald war das gehaltvolle Schiff in sichern Hafen bugsirt. Und da stand es, das trauliche Instrument – ein prächtiges Pianino –, und die Tasten, die langentbehrten, lachten mir entgegen und lockten zum langersehnten Schmause für Herz und Ohr, und – da rauscht es hervor aus dem goldenen Born:

„Gott grüße Dich! Wenn dieser Gruß
So recht von Herzen geht,
Gilt bei dem lieben Gott der Gruß
So viel als ein Gebet.“

Und wem galt dieser Gruß? Du räthst es, lieber Leser! Wenn das Volkswort wahr ist, so muß es in diesem Augenblick mächtig in den Ohren einer edeln Dame geklungen haben, und in den Ohren wahrlich nicht allein, sondern wie uns: im frohen Herzen! – Und als der feierliche Gruß verhallt war, da wurde der neue Hausfreund in allen möglichen Rede-Variationen erst recht herzlich willkommen geheißen, hatte er doch für uns und zu uns gesprochen mit aller Innigkeit reiner, wohliger Harmonien.

Nun galt es, Umschau und Heerschau zu halten über den ganzen musikalischen Apparat; ob ihm die lange Herreise geschadet, ob Auf- und Abladen, ob Stoßen, Schütteln und Rütteln dem kostbaren Werke Uebles gethan! Doch Alles in schönster Harmonie: jede Taste, jeder Hammer, jede Saite in voller, guter Ordnung.

Aber ein buntes Auditorium drängt mich von meiner Ocular-Inspection hinweg! Die noch nie gehörten, ja die unerhörten prachtvollen Tonwellen, die aus den kleinen Schulhausfenstern in die Gassen des Dorfes hinauswogen, sie rufen die halbe Gemeinde herbei, Alt und Jung, Reich und Arm wundert und freut sich über die Einkehr solcher Herrlichkeit bei ihrem Lehrer, und, was soll ich’s verheimlichen, der Anblick dieses Auditoriums voll staunender Neugierde und herzlicher Theilnahme bewegt mich, auf’s Neue und voll und kräftig in die Tasten zu greifen, und was ich einst geträumt, geliebt, geweint, gelacht, das stieg da vor mir auf und wurde zum musikalischen Gebilde und Gebet!

Endlich bin ich allein mit den Meinen! Der Abend neigt sich tiefer, aber die Brust, heute so reich und weit, hebt sich höher und meine Gefühle lösen sich in den Accorden des herrlichen Chorals „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!“ Ja, ich kann wieder freudig singen: „Lasset die Musicam hören!“ Ist sie doch jene Himmelstochter, mit und durch deren Hülfe ich mit Pestalozzi sprechen kann: „Es wird heiterer!“ Wie manches Lehrerherz haucht in der Sprache der Saiten all’ seinen Schmerz, sein Wehe aus und bricht durch ihre Gewalt einer stillen, heiteren Ergebung Bahn!

Wir aber, meine lieben Collegen von nah und fern, die wir gleiches oder ähnliches Glück theilen und genießen: laßt uns nicht erröthen ob der uns gewordenen Gaben; stand doch auf allen die Devise: „Laß die Linke nicht wissen, was die Rechte thut!“ So lange der deutsche Aar noch nicht die Kraft ober den Willen hat, uns mit seinen Fittigen gegen die Drangsale des Mangels zu schützen, so lange wollen wir uns gern von der Taube der Wohlthätigkeit den Oelzweig der Freude in unser Haus bringen lassen. Es müßte schlimm um ein Herz stehen, das von einer That echter Menschen- und Bruderliebe sich in seiner Standeswürde gekränkt fühlen könnte.

E. G.

  1. In Nr.  22 der Gartenlaube ließen wir auf die Bitte eines armen braven Lehrers die Nachfrage nach einem etwaigen „alten abgelegten Clavier“ abdrucken, nicht ganz unbesorgt über die Aufnahme derselben in unserm Leserkreise. Aber schon in Nr. 31 konnten wir über einen Erfolg jener Anfrage berichten, wie ihn schwerlich Jemand im ersten Augenblicke erwartet hatte. In wenigen Tagen war uns ein halbes Dutzend Instrumente zur Verfügung gestellt, und da die Kunde davon auch noch mehr Bewerber herbeirief, so konnten auch mehrere in kurzer Zeit ihre Wünsche erfüllt sehen. Von Einem derselben erhielten wir die Zuschrift, die als ein Gesammtausdruck der Empfindungen und des Dankes für Alle gelten möge. Leider müssen wir mit dieser Notiz die dringende Bitte verbinden, von der Redaction der Gartenlaube nicht mehr zu fordern, als sie leisten kann. Seitdem ein Brief der Redaction an einen der mit einem Instrument bedachten Lehrer durch die Zeitungen läuft, bringt jeder Postbote Dutzende von Lehrerbitten um alte abgelegte Claviere. Wir müßten sie hundertweise zu vergeben haben, um alle Anliegen zu berücksichtigen. Es sind uns im Ganzen nur zehn Instrumente angemeldet worden; vier davon hat die Redaction den betreffenden Lehrern portofrei zugesendet, drei sind von den Gebern direct besorgt worden, und über drei erwarten wir noch die Verfügung der Besitzer. Wie gern wir nun auch alle Zuschriften in dieser Angelegenheit wenigstens mit ein paar Worten des Trostes beantworteten, so ist uns doch bei der Menge derselben auch das unmöglich, und wir bitten, diese Erklärung als Antwort für Alle annehmen zu wollen.
    D. Red.