Aus dem Lande der Freiheit/Dritter Brief

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Textdaten
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Autor: Ludwig Büchner
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Titel: Aus dem Lande der Freiheit
Dritter Brief
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 861–863
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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Aus dem Lande der Freiheit.


Von Ludwig Büchner.


Dritter Brief.


Vorlesungen in Amerika. – Ueberall Partei. – Politische Versammlungen. – Die „Mache“ der öffentlichen Meinung. – Vielleicht Monarchie und – Religionskrieg. – Amerikanische Kieselacks. – Ein priesterlicher Räuber. – Klöster im Lande der Freiheit.


Es sind beinahe vier Wochen verflossen, seit ich Ihnen das letzte Mal schrieb. Aber Sie müssen mich entschuldigen, da alsbald nach der Präsidentenwahl im Anfange des Monats November das Vorlesungswesen meine Kräfte der Art in Anspruch nahm, daß kaum Zeit für etwas Anderes übrig blieb. Ein Vorleser oder Lecturer, wie der englische Kunstausdruck lautet, hat es hier nicht so bequem, wie in deutschen Städten, wo Alles, was sich für eine Vorlesung oder Vorleser interessirt, an demselben Punkte zusammenströmt. Hier ist es umgekehrt, und ein Vorleser muß sich mit Rücksicht auf die riesigen Entfernungen innerhalb New-York’s und seiner Schwesterstädte bequemen, an zehn oder zwölf verschiedenen Punkten seine Vorträge zu wiederholen, und dabei selbstverständlich Zeit und Kräfte zuzusetzen. Da geht es denn von einer Car (Pferde-Eisenbahn-Wagen) in die andere; von einer Ferry (Fährboot) in die andere, bis man endlich müde und zusammengerüttelt am Bestimmungsorte anlangt und schließlich jenem vielköpfigen Ungeheuer, welches man Publicum nennt, gegenübersteht, bisweilen an einem eleganten, mit Blumen oder Teppichen umrahmten Lesepult, bisweilen an einem alten wackeligen Tisch, den man nicht berühren darf, ohne das auf demselben stehende Glas Wasser zum sanften Ueberschwappen zu bewegen. Dabei ist man in der Regel noch nicht fertig mit dem Hinunterschlucken jener kleinen Aergernisse, welche das Anbringen oder Aufhängen einer Anzahl von zu der Vorlesung nöthigen Tafeln oder sonstigen Gegenständen an passender Stelle bei der Unverständigkeit der Bediensteten oder dem Mangel an dazu nöthigen Materialien im Gefolge hat; oder man hat noch kaum eine Minute Zeit gehabt, sich von unzähligen Begrüßungen, persönlichen Vorstellungen und der Anstrengung unaufhörlichen Händeschüttelns zu erholen – und schon steht man auf der sogenannten Platform, um dem aus den verschiedensten Elementen gemischten Zuhörerkreise innerhalb des unsagbar kurzen Zeitraums von ein bis zwei Stunden mitunter die schwierigsten Probleme der Wissenschaft oder der realistischen Forschung klar und verständlich zu machen, eine Aufgabe in der That, welche, wie es scheint, zu den schwierigsten gehört, die der menschliche Geist sich stellen kann.

Aber wie verschieden spiegelt sich denn auch das Gesagte wieder in den vielen verschiedenen Gehirnen, welche mit Auge und Ohr die Worte des Redners in sich aufnehmen! Dem Einen ist der Vortrag zu gelehrt, dem Andern zu ungelehrt; dem Einen giebt er zu viel, dem Andern zu wenig; dem Einen ist er zu lang, dem Andern zu kurz; dem Einen ist er zu materialistisch, dem Andern ist er nicht materialistisch genug; der Eine will Witze, der Andere will keine; der Eine hat schon Alles gewußt, der Andere nicht Alles verstanden. Zarte Damengemüther fühlen sich beleidigt von einigen für die Zwecke des Vortrags unentbehrlichen, aber doch an sich höchst unschuldigen anatomischen Erörterungen; während starkgeistige Frauen und energische Frauenrechtlerinnen darüber mitleidig die Achseln zucken und sich sehr in ihren Rechten gekränkt fühlen, wenn man sie von einem Vortrage ausschließt, welcher die Aufgabe hat, die berühmte oder berüchtigte Seelensubstanz-Theorie an den Thatsachen der Zeugung und Vererbung zu prüfen. Endlich ist man fertig und wird von dem gestrengen Publicum-Richter mit dem üblichen Applause entlassen.

Aber von Ruhe ist darum keine Rede; denn nun geht das Vorstellen und Händeschütteln erst recht los. Ist auch dieses glücklich überstanden, so folgt die letzte, aber auch härteste Prüfung, durch welche der betreffende Verein oder das betreffende Comité, welches den Redner eingeladen hat, den praktischen Beweis dafür zu liefern sucht, daß die neuerdings so oft gehörte Behauptung, der Materialismus der Wissenschaft und der Materialismus des Lebens seien himmelweit verschiedene Dinge, unrichtig ist. Ist man schließlich nach unerhörten Anstrengungen auch mit diesen sinnlichen Genüssen fertig geworden und hat eine Anzahl von Toasten angehört und beantwortet, so darf man sich endlich um oder nach Mitternacht aus diesem Zauberkreis entfernen, um abermals mittelst einer kleinen Reise den schützenden Hafen des heimischen Hauses zu erreichen. Andern Morgens erwacht man mit etwas dumpfem Kopfe, um beim Frühstück die Zeitungen zur Hand zu nehmen und die während der Nacht gedruckten Berichte über dasjenige zu lesen, was man Abends vorher da oder dort verübt oder angestellt hat, und sich davon zu vergewissern, ob man es den gestrengen Herren Repräsentanten der öffentlichen Meinung recht gemacht oder nicht.

Dieser „Kreislauf des Lebens“ wiederholt sich dann denselben oder den folgenden Abend in ähnlicher oder nahezu gleicher Weise und mit stets gleichem Erfolge; und ein gewissenhafter Vorleser sieht sich dabei vor allem Andern zu der Frage an sich selbst veranlaßt, ob und welchen wirklichen Nutzen oder nützlichen Einfluß seine so fortgesetzte Thätigkeit auf die Geister seiner Zuhörer auszuüben im Stande ist.

Das allgemeine Interesse des Volkes, wie der Gebildeten, an öffentlichen Vorträgen nimmt sowohl in Europa wie in Amerika mit jedem Jahre mehr zu, was wohl nicht der Fall sein könnte, wenn die Erfahrung gegen ihre Nützlichkeit sprechen würde. Mag auch Vieles und Manches dabei sogenannte Modesache sein, so doch nicht Alles; und jedenfalls dürften sie ein gutes Gegenmittel gegen jene Verflachung der Bildung abgeben, welche durch das, wenigstens in Amerika, in einem riesigen Maßstabe überhand nehmende Zeitungs-Wesen herbeigeführt zu werden droht. Es giebt in Amerika, selbst bis in die untersten Schichten der Bevölkerung herab, kaum Jemanden, der nicht täglich eine oder mehrere Zeitungen liest, und daraus erklärt sich denn auch deren immense Verbreitung. Tägliche Auflagen amerikanischer Zeitungen von weit über Hunderttausend sind bei den hervorragenderen Blättern (wie Times, Herald, Tribüne, World, Evening Post u. s. w.) etwas Gewöhnliches. Deutsche Zeitungen machen selbstverständlich kleinere Auflagen; aber doch trägt die in New-York und im Osten verbreitetste deutsche Zeitung, die „New-Yorker Staatszeitung“ ihrem Besitzer fabelhafte Summen ein und hat ihn veranlaßt, mitten im belebtesten Theile der Stadt für seine Zeitung eine Heimstätte zu erbauen, welche an Pracht, Ausdehnung und Kostspieligkeit mit den schönsten europäischen Palästen zu wetteifern im Stande ist. Was den Inhalt betrifft, so steht freilich die deutsche Presse der Vereinigten Staaten der amerikanischen weit nach und bezieht ihre besten Sachen in der Regel aus europäischem Nachdruck; auch ist die Eifersüchtelei und gegenseitige Bekämpfungswuth unter den Organen deutscher Zunge nachgerade bis auf einen fast unerträglichen Höhepunkt gediehen. Aber nicht blos in der Presse, sondern auch im Leben hat sich die alte deutsche Uneinigkeit hier leider in hohem Grade erhalten und steht allem Gemeinschaftlichen, mit vereinten Kräften zu Erreichenden hindernd im Wege.

Arrangirt z. B. an einem bestimmten Orte eine Partei eine Vorlesung, so wirkt ihr die andere entgegen, mag auch die Sache selbst noch so sehr mit ihren Principien harmoniren, und umgekehrt. Freilich muß man zur Entschuldigung sagen, daß hier Alles Partei ist, und zwar nicht blos bei den Deutschen, sondern ebenso bei den Amerikanern. Ich besuchte bei Gelegenheit der Präsidentenwahl (welche jetzt vorüber ist und ein Ihnen ohne Zweifel längst bekanntes Ergebniß geliefert hat) mehrere politische Versammlungen und überzeugte mich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß man eigentliche Volksversammlungen im europäischen Sinne hier gar nicht kennt, und daß alle derartige Versammlungen nur sogenannte Parteiversammlungen sind, welche auf den Unbefangenen mehr den Eindruck einer großen theatralischen Schaustellung, als einer Volksbefragung machen. Alles ist vorher abgekartet und abgemacht, die Rollen sind vertheilt, die Liste des Präsidenten und zahlloser Vicepräsidenten liegt gedruckt vor und die Zuhörer spielen nur die Rolle von Statisten, welche an passenden Stellen durch Händeklatschen ihren zustimmendem Gefühlen Ausdruck geben und schließlich die vorgelesenen Resolutionen [862] ohne Widerrede annehmen dürfen. Zwischendurch erklingen jene in Amerika bei keiner Festlichkeit oder öffentlichen Gelegenheit fehlenden ohrenzerreißenden Töne, welche von einer im Hintergrunde postirten Musikbande herrühren; auch sieht man von Zeit zu Zeit einen Gesang- oder sonstigen verbündeten Verein mit Fahnen, Transparenten und mit klingendem Spiele zur Thür hereinziehen. Auf der Platform aber sitzen mit ernsten, unbeweglichen Mienen die sogenannten „prominenten“ Männer der Partei und blicken darein wie Catone und Sokratesse. In den Reden selbst aber schwirrt es von lauter Grant’s, Greeley’s, Kukluxen, Copperheads, Carpetbaggers und wie alle die merkwürdigen politischen Bezeichnungen heißen mögen, in denen sich ein europäisches Gehirn unmöglich zurechtzufinden vermag, und jeder Ausfall auf den feindlichen Candidaten findet den reichlichen Beifall der Statisten, unter denen Manche nicht bloß mit den Händen, sondern auch mit den Armen und Füßen arbeiten. Unterhalb der Platform sitzen die Reporters oder Berichterstatter der Zeitungen, denen von Zeit zu Zeit ein Blatt von oben hinabgereicht wird und welche folgenden Tages das Ganze in verschönernder Perspective dem obersten Richter, dem Gesammtpublicum, vorlegen.

Während dieser Vorgänge im Innern hat die Partei draußen vor dem Local auf einer vor dem Hause errichteten Platform ein gleiches Vergnügen für dasjenige Publicum arrangirt, welches den freien Himmel den beengenden Räumen des Versammlungssaales vorzieht – ein Vergnügen, welches überdem durch Raketen, Böllerschüsse, bengalische Lichter etc. auf einen möglichst hohen Grad zu bringen versucht wird. Am meisten kommt dieses Vergnügen der lieben Straßenjugend zu Gute, welche hier als ein Theil des souveränen Volkes der unbeschränktesten Willensfreiheit genießt und nicht blos in Wahlzeiten, sondern jederzeit (unglaublich, aber wahr!) ihre abendlichen Mußestunden mit Anzünden von großen Straßenfeuern zweckmäßig auszufüllen sucht. Die Herren Jungens suchen und stehlen dabei alles denkbare Brennmaterial aus der nächsten Umgebung zusammen, und wenn dann die Flammen lustig zum Himmel emporschlagen, oft in nächster Nähe der unaufhörlich passirenden Straßen-Eisenbahnwagen, so hockt die kleine Bande um das Feuer und stiert wollüstig in die Gluth oder führt einen indianermäßigen Rundtanz um dieselbe auf. Niemand denkt daran, sie in diesem gefährlichen Vergnügen zu stören; und es wäre eine dankbare Aufgabe für einen Psychologen, zu untersuchen, ob die häufigen, großartigen Brände und die zahllose Menge kleinerer Brände in amerikanischen Städten nicht in einem inneren und psychologischen Zusammenhange mit dieser in der amerikanischen Jugend fortwährend genährten Feuerlust stehen.

Ueberhaupt ist die Geduld und Langmuth des amerikanischen Publicums im Ertragen von Mißständen und selbst Unbequemlichkeiten, trotz alles Republikanismus, eine geradezu grenzenlose und für europäische Begriffe unerhörte. Man läßt sich nicht bloß die Straßenfeuer der Jugend und zahllose Mißstände der Straßenpolizei ruhig gefallen, sondern man läßt sich auch tagtäglich ohne Murren in den sogenannten Cars oder Straßen-Eisenbahnwagen in einer Weise zusammenpferchen, daß die berüchtigten Schrecken eines Sclavenschiffs dahinter zurückstehen müssen. Diese lammartige Geduld mag denn auch viel zu der politischen Corruption beigetragen haben, welche ich Ihnen in einem meiner früheren Briefe geschildert habe, und eine Hauptursache dafür sein, daß in keinem andern Lande so sehr wie hier die öffentliche Meinung ein Resultat der sogenanntem „Mache“ ist, obgleich man das Gegentheil voraussetzen sollte. Geld, Zeitungen und öffentliche Kundgebungen scheinen in dieser Beziehung neben heimlichen Wühlereien allmächtig zu sein, und nur wenn es die politischen Faiseurs von Zeit zu Zeit allzu arg machen, bäumt sich das öffentliche Bewußtsein dagegen auf. So bei der diesjährigen Wahl des Newyorker Mayors oder Bürgermeisters, für dessen Amt ein Irländer, Namens O’Brien, ein würdiger Nachfolger von Tweed und Genossen, große Aussicht hatte gewählt zu werden. Aber er unterlag seinem in allgemeiner Achtung stehenden Gegencandidaten Havemeyer. Diese Wahl fand gleichzeitig und gemeinschaftlich mit der Präsidentenwahl am 5. November statt und verlieh der ganzen Wahlcampagne, welche im Uebrigen außerordentlich still vorüberging, ein erhöhtes Leben. Ich besuchte einige sogenannte Polls oder Wahllocale an verschiedenen Punkten der Stadt und fand dieselben weit stiller als bei ähnlichen Gelegenheiten in Deutschland. Die Jungen, welche vor den Wahllocalen herumlungerten und Zettel anboten, erschienen beinahe zahlreicher als die Wähler selbst. Am meisten Leben entfaltete sich gegen Abend, wo bereits theilweise Wahlresultate aus den Provinzen eintrafen und dem souveränen Volke durch eine große erleuchtete Tafel, welche eine der großen Zeitungen auf der Höhe eines Hauses am Unionsplatze hatte anbringen lassen, nach und nach, sowie sie eintrafen, bekannt gemacht wurden. Zwischendurch brachte die nach Art der Nebelbilder sich stetig verändernde Scheibe Anzeigen hiesiger Firmen; und so oft eine der einen oder anderen Partei günstige Nachricht auf derselben erschien, wurde sie von deren Anhängern mit Hurrahs begrüßt, welche sich übrigens nicht einmal durch besondere Kräftigkeit auszeichneten. Als endlich Grant als Sieger aus dem Wahlkampfe hervorging, war der Jubel ein allgemeiner, und die politischen Gegner, welche sich noch Tags vorher mit Erbitterung bekämpft hatten, reichten sich versöhnt die Hand. Als einzige Nachwehen bleiben nur die großen Summen zu verschmerzen, welche die Anhänger der durchgefallenen Candidaten und diese selbst für die Zwecke ihrer Wahl unnütz ausgegeben haben, sowie einige Beulen, welche sich die Herren Irländer aus Liebe zur Freiheit (d. h. zu ihrer eigenen) einander an die Köpfe geschlagen haben. Für vier Jahre hat das Land nun wieder politische Ruhe, soweit nicht die durch den Ausfall der Wahl nöthig gewordene Neubildung oder Umänderung der politischen Parteien dieselbe zu stören geeignet ist. Die unnatürliche Verbindung der Demokraten und Südländer mit den Greeleyiten fiel natürlich sofort mit der Beseitigung Greeley’s über den Haufen; und es wird nunmehr Alles darauf ankommen, ob und wie die republikanische Partei ihren Sieg zu benutzen wissen wird. Wahrscheinlich werden sich ihre Anstrengungen zunächst auf Beseitigung der Wahlmännerwahlen und auf Einführung eines directen Wahlmodus für die Präsidenten der Republik, sowie vielleicht auch auf Einführung des Frauenstimmrechts richten. Doch davon später!

Uebrigens fehlt es hier nicht an Leuten, welche es für möglich halten, daß ein energischer Präsident aus der Republik eine Monarchie machen könne (eine freilich höchst unwahrscheinliche Sache), sowie es auch nicht an Solchen fehlt, welche für die Vereinigten Staaten einen zukünftigen Religionskrieg prophezeien. Ein Religionskrieg in unserer Zeit, und obendrein in einer Republik, würde freilich ein Anachronismus der kolossalsten Art sein. Wenn man aber sieht, wie tief hier das religiöse Leben in alle Verhältnisse eingreift und wie groß der Haß zwischen Katholiken und Protestanten ist, so kann man ein solches Ereigniß wenigstens nicht als außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegend ansehen.

Vor einigen Tagen besuchte ich West-Point, die berühmte Militärschule der Vereinigten Staaten, aus welcher bekanntlich die meisten der großen Generale des Südens hervorgegangen sind. Diese in jeder Beziehung musterhaft eingerichtete Anstalt liegt einige Meilen von New-York am Hudson aufwärts und hat einen der reizendsten Flecke der Erde inne. Ein bogenförmig vom Hudson umflossenes, sehr geräumiges Hochplateau ist rings von einem unvergleichlich schönen Gebirgspanorama eingerahmt, welches nur da, wo man den Hudson aufwärts blickt, eine Lücke zeigt. Der Blick in diese Lücke liefert das malerischste Bild, das man sehen kann; und keine Phantasie könnte die ganze Scenerie ansprechender gestalten, als sie wirklich ist. Der von einer Menge kleiner, im Sonnenschein blinkender Segelboote belebte Fluß ist auf beiden Seiten von mehrfach vorspringenden Bergreihen eingerahmt, ähnlich wie der berühmte Königssee in Baiern, während sich im fernen Hintergrunde eine zweite sonnenbeglänzte, mit freundlichen Wohnhäusern belebte Landschaft öffnet.

Nachmittags bestiegen wir zur bessern Uebersicht das Fort Putnam, ein altes, auf hohem Berge gelegenes, aus dem Kriege mit den Engländern stammendes und jetzt in Trümmern liegendes Bergschloß, wahrscheinlich die einzige Bergruine Amerikas. Entbehrte der Hudson nicht der malerischen und romantischen Verzierung alter Schlösser und verfallener Burgen, so könnte er sich durch seine Naturscenerie unserm Rheine an die Seite stellen, den er überdem in seinen unteren Theilen durch seine seeartige Ausbreitung in Bezug aus Großartigkeit übertrifft.

Die vortreffliche Einrichtung der sogenannten Palastwagen [863] auf der neben dem Flusse herlaufenden Eisenbahn, welche mit großen Spiegelscheiben versehen sind, ermöglicht dem Reisenden, auch mittelst der Eisenbahn die landschaftlichen Schönheiten der Gegend zu genießen – eine Einrichtung, deren Einführung unseren rheinischen Eisenbahnen sehr zu empfehlen sein dürfte. Freilich ist der Naturgenuß in Amerika unzertrennlich von einem Kunstgenuß, den man glücklicherweise in Europa mehr oder weniger entbehren muß, ein Genuß, der unwillkürlich an die berühmte Geschichte von Kieselack erinnert. Denn so, wie es Kieselack verstand, seinen Namen überall und selbst an den unzugänglichsten Stellen der Erdoberfläche anzubringen, so verstehen es die amerikanischen Maler oder Weißbinder, nicht blos alle Straßenecken oder Bretterschuppen, sondern gewissermaßen die ganze Natur mit den widerwärtigen Anzeigen der New-Yorker Shopkeeper oder Pflasterschmierer zu beklecksen.

In riesengroßen Buchstaben und in allen möglichen Farben und Verzierungen prangen diese Anzeigen an allen Wegen, Straßen, Zäunen, Abhängen und selbst an den scheinbar unzugänglichsten Felsenklippen. Der Matador dieses Anzeigenhumbugs scheint gegenwärtig der glückliche Erfinder oder Besitzer des nach seiner Meinung weltberühmten Centaur-Liniment zu sein; und man kann sicher sein, auf allen Wegen und Stegen in und um New-York diesem Centaur-Liniment an jedem Punkte zu begegnen, der nur die leiseste Möglichkeit bietet, eine in die Augen fallende Inschrift auf demselben anzubringen. Auch dieses Recht eines halbverrückten Kerles, in seinem persönlichen Interesse die halbe Natur zu verklecksen, deren Schönheiten doch wohl für Alle da sein sollen, gehört hier zum Wesen der persönlichen Freiheit, welche aber im Grunde nur möglich ist durch die grenzenlose Lammsgeduld aller Uebrigen.

Lassen Sie mich diesen Brief mit der Erzählung einer netten Anekdote beschließen, welche zeigt, daß die berühmte Smartneß der Amerikaner (ein Ding, wofür wir im Deutschen keinen Ausdruck besitzen) sich auch in religiösen Dingen geltend zu machen versteht. Als ich in Hudson-City, einer auf dem linken Ufer des Hudson New-York gegenüber, auf einer langhingestreckten Anhöhe gelegenen Schwesterstadt New-Yorks, in welcher sehr viele Deutsche wohnen, und von deren Höhen herab man einen prachtvollen Blick über New-York und seine Umgebung genießt, eine Vorlesung hielt, waren die Gemüther der Bewohner dieser guten Stadt noch aufgeregt über den Schurkenstreich eines angeblichen Dieners Gottes, welcher zur größeren Beförderung der Frömmigkeit eine Sonntagsnachmittagsbetstunde eingerichtet hatte. Während nun die Gläubigen um ihn versammelt waren und seinen frommen Worten lauschten, erbrachen seine Spießgesellen die Häuser der in der Betstunde Anwesenden und raubten sie aus. Ging die Sache nicht schnell oder glücklich genug von Statten, so empfing der Mann Gottes durch die Fenster des Betsaales gewisse Zeichen, welche ihn veranlaßten, die fromme Andacht bis zu dem glücklichen Austrage des Geschäfts zu verlängern. Bekam er endlich Nachricht, daß Alles gelungen sei, so entließ er mit einigen salbungsvollen Worten sein fromme Herde, welche keine Ahnung davon hatte, wer ihr den feinen Streich gespielt hatte, bis ein Zufall die Sache an das Licht brachte.

Auch an Klöstern, Mönchen und Nonnen, diesen werthvollen Errungenschaften europäischer Vergangenheit, fehlt es in diesem freien Lande nicht; und wenn man den europäischen Mönchen des Mittelalters nachrühmt, daß sie es stets verstanden hätten, ihre Nester an den schönsten Punkten des Landes aufzubauen, so ist dieses eine Tugend, welche ihre amerikanischen Herren Collegen auch heute noch auszuüben verstehen. Als ich vor einigen Sonntagen bei Friedrich Lexow, dem Herausgeber des weit verbreiteten „Belletristischen Journals“, auf seinem schönen Landsitze in Union-Hill, der einen prächtigen Ausblick nach dem Festlande hin gewährt und mit seinen freundlichen Gärten, Wiesen und Wäldern ganz den Eindruck einer deutschen Landschaft macht, einen ruhigen Tag fern von dem Toben der Weltstadt zubrachte, gewahrte ich, ungefähr zwanzig oder dreißig Schritte von dem Hause entfernt, auf dem höchsten und schönsten Punkte des Höhenzuges ein neues, stattliches, etwas im mittelalterlichen Stile gehaltenes steinernes Gebäude. Als ich fragte, was das für ein Gebäude sei, erhielt ich zur Antwort: „Ein Kloster!“ – und als ich erstaunt weiter fragte: „Sind denn auch Mönche darin?“ so hieß es: „Freilich!“ Und ich verbesserte mich selbst in Gedanken, indem ich bereute, so dumm gefragt zu haben, und sagte zu mir: „Warum sollte es in Amerika keine Mönche geben, da ja hier das Princip der persönlichen Freiheit herrscht?“ Und damit leben Sie wohl bis zu meinem nächsten Briefe!