Am Grabe eines Dichters

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Am Grabe eines Dichters
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 121, 131, 132
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1872) b 121.jpg

Am Sarge Grillparzer’s am Abend des 24. Januar 1872. Nach der Natur aufgenommen von H. Fritzmann.

[131] Am Grabe eines Dichters. (Mit Abbildung.) „Mögen die Nachkommen Dir gerechter werden, als die Zeitgenossen!“ Diesen Wunsch sprach das Diplom aus, mit welchem die Universität Leipzig am großen Schillerfesttage Franz Grillparzer, den größten österreichischen Dichter Deutschlands, zum Ehrendoctor der Philosophie[WS 1] erhob. Und der Wunsch ging in Erfüllung, gleich nachdem der Dichter todt war.

Vier Stock hoch mußte er im Sarge herabgeholt werden in einer engen Gasse der innern Vorstadt Wien, wohin sich vielleicht noch keiner der vornehmen Herren verirrt hatte, die nun in der Augustinerkirche auf ihn warteten. Hätte er die Blumen alle gesehen, welche die guten Wiener zu Kränzen gewunden in seinem sonst so einsamen Zimmer niederlegten, wie hätte er sich gefreut, denn er hatte, als echter Dichter, die Blumen so lieb!

Was aber würde er zu dem Aufzug gesagt haben, der in der engen Gasse ihn empfing? Wien besitzt mehrere Leichenbestattungsgesellschaften, von denen zwei, „La Piété“ und „L’entreprise des pompes funèbres“, nicht nur diese französischen Benennungen tragen, sondern ihre Mitglieder auch hinsichtlich der Hüte, Epauletten und Hosen in französische Generalsuniform gesteckt haben; noch „geschmackvoller und eleganter“ ist der „Tegetthoff-Veteranen-Verein“ herausgeputzt, man kann bei seinem Anblick nicht anders glauben, als daß österreichische Marineofficiere es sich zur Aufgabe gestellt hätten, die Wiener Todten zum letzten Land zu bringen; nur die runden, niedrigen, betreßten Hüte unterscheiden diese Tegetthoffianer von den ernsten Männern der See.

Erhebend war das übrige Geleite: die gesammte Jugend der höheren und höchsten Wiener Bildungsanstalten und alle Künstler und Schriftsteller der alten Kaiserstadt, an der Spitze der letzteren Bauernfeld, Laube und Dingelstedt. Dann der Leichenwagen, reich geschmückt, zuoberst eine Blumenkrone, ringsherum Kranz an Kranz, viele mit seidenen Bändern, auch einige in den „deutschen Farben“, worunter das noch für sein Deutschthum kämpfende Oesterreich die „des deutschen Geistes“, nicht die des neuen Reichs versteht. Daneben und dahinter abermals „Piété“ und „Tegetthoff“ und endlich eine lange Reihe Trauerkutschen.

Die höchste Ehre erwartete den guten bescheidenen Franz Grillparzer in der Augustinerkirche: hier boten der Kaiserhof und der Staat ihm den letzten Gruß. Hier waren versammelt: ein Stellvertreter des Kaisers, drei Erzherzöge mit ihren Oberst-Hofmeistern, die Oberst-Hofmeister aller übrigen Mitglieder des Kaiserhauses, ein Prinz Koburg, sämmtliche Reichsminister, die Mitglieder des Herrenhauses, der Präsident und viele Mitglieder des Abgeordnetenhauses, die stets von ihren Spitzen geführten Deputationen des Wiener Gemeinderaths, der Universität, aller Akademien Vereine, Stiftungen, Gremien und Kammern der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, der Generalität und des Officiercorps, die deutschen Gesandtschaften mit ihrem Personal, die hohe Aristokratie in glänzender Vertretung und zum Schluß, wie überall, das Volk.

Nachdem der Hofburgpfarrer den Leichnam, dessen Geist längst bei Gott war, eingesegnet hatte, bewegte sich der volkumwogte, fast unendliche Zug zum kleinen Währinger Friedhof, und hier widerfuhr dem Einundachtzigjährigen, der alle Blumen, folglich auch die Kinder so lieb hatte, noch die heimliche Freude, neben einem einjährigen Kindchen seine stille Schlummerstätte zu finden.

Am Grabe sprach zuerst Dingelstedt, während ein Mann der „Piété“ eine Fahne über den Sarg hielt und zwei Tegetthoffianer zur Rechten und Linken desselben auf Kissen einen Lorbeerkranz und die Ordenszeichen des Todten trugen.

Dingelstedt sagte unter Anderem: „Durch alle Stämme des völkerreichen Oesterreichs, in allen Blättern weht ein Hauch der Klage, weithin hallend über die Grenzen des deutschen Gesammtvaterlandes hinaus. Die österreichische Jugend, an Deiner Gruft steht sie mit leuchtenden Augen und blutendem Herzen. Alle Stände, Krieger, Bürger, Gelehrte, Dichter, sie haben den heutigen Tag als ein Fest allgemeiner Trauer, tiefen gemeinsamen Leides empfunden.“

Schade, daß der Redner es nicht vorzog, an diesem Grabe der Wahrheit allein die Ehre zu geben, statt sich im Pathos allgemeiner Schmeichelei zu ergehen. Ein so „tiefes allgemeines Leid“ setzt doch wohl eine ebenso allgemeine Liebe und Verehrung voraus; aber wo hat sich diese denn im Leben des Dichters bethätigt? Wer hat von den Tausenden, die in den Theatern den Stücken Franz Grillparzer’s ihren Beifall zuklatschten, danach gefragt: wovon und wie existirt der Dichter? Wien allein besitzt Straßen und Palästereihen, in welchen unermeßlicher Reichthum von Fürsten des Bluts und des Geldkastens wohnt; hat Einer von allen Diesen sich bis zu dem Gedanken emporgeschwungen, daß ein Dichter der „Ahnfrau“, der „Sappho“, von „des Meeres und der Liebe Wellen“ etc. höher an Geist als sie Alle stehe und darum auch eine dieser Höhe würdige äußere Stellung einnehmen müsse? Und lassen wir Dingelstedt’s Phrase von „allen Stämmen des völkerreichen Oesterreichs“ bei Seite – denn wie weit die Verehrung Grillparzer’s bei Slovenen, Croaten, Serben, Czechen, Ruthenen, Polen, Magyaren, Szeklern, Walachen und Slovaken etc. reichen konnte, sollte man doch wohl in Wien am besten wissen! – halten wir uns nur an alle Stände, Krieger, Bürger etc. Deutsch-Oesterreichs, so liegt wohl die Frage nahe: wie ist’s möglich, daß der größte Dramendichter desselben Oesterreichs nach sechszigjähriger Arbeit im Verhältniß zu seiner Berühmtheit ein armer Mann blieb? Er hat bis an sein Lebensende im vierten Stock wohnen, er hat sich auf’s Bescheidenste einrichten müssen, um, nicht von seinen Dichtereinnahmen – denn die hätten ihn verhungern lassen –, sondern von seinem Beamtengehalte für seine drei treuen Lebensgefährtinnen das doch wahrlich sehr mäßige Capital von „zehntausend Gulden“ zusammenzusparen.

Und nach solch einem Arbeitserfolg am Grabe eine solche Lobhudelei Derer, die den Dichter im Leben so theilnahmlos seinem Schicksal überließen? Man ehrt und unterstützt zugleich einen Dichter nur dadurch, daß man seine Werke kauft! Wie ehrte man ihn in Wien? Man gab zu seinem achtzigsten Geburtstag ein kleines Seitenstück zum großen Schillerfest: ein Grillparzerfest! Festtafeln, köstliche Speisen und Getränke, glänzende Bälle! Alles zum eigenen Vergnügen. Während im Schillerfestjahr [132] von Schiller’s Werken Hunderttausende von Exemplaren Eigenthum des Volks bis in die einfachste Bürgerwohnung geworden, wurde im ganzen Jahr des Grillparzerfestes im ganzen Buchhandel von Grillparzer’s Werken nur ein Buch für anderthalb Gulden verkauft! Ja, das „Neue Wiener Tageblatt“ setzt zu dieser Jammernotiz noch hinzu: „Ein zweites Exemplar wäre fast verkauft worden. Eine blaustrümpfige Aristokratin fragte darnach, als sie aber hörte, daß es die Riesensumme von einem Gulden fünfzig Kreuzer Papier koste, wies sie es entrüstet mit den Worten zurück: ‚Was, anderthalb Gulden? Jetzt habe ich gerade fünfzehn Gulden für einen Sitz zur Festvorstellung bezahlt, und da soll ich noch anderthalb Gulden für das Buch ausgeben? Nein, das ist zu viel!‘ Sprach’s und ging.“

Nur eine, Geber und Nehmer gleich hoch ehrende Ausnahme von dieser allgemeinen Rücksichtslosigkeit gegen den Erwerb Grillparzer’s machte – der Kaiser: er legte dem pensionirten Beamten noch eine Dichterpension von tausend Gulden zu; das hat ihm den Lebensabend schön erhellt.

Trotz alledem war er ein armer Kreuzträger, unser Franz Grillparzer. Hat er doch das Aergste ertragen müssen: österreichischer Dichter zu sein unter einem Metternich! Das war mehr als Höllenqual für einen freien, redlichen, echt deutschen Geist. Dem Minister, welchem Oesterreich sein Unglück verdankt, hat man Millionen und dazu – den besten Weinberg der Welt zum Lohn gegeben. Du, armer Franz, hast wohl nie einen Tropfen Johannisberger geschmeckt! Aber sei nur gut, Du bist viel glänzender begraben worden, als Dein alter Feind Metternich, und die Deutschen überall, soweit die deutsche Zunge klingt, werden Dich lieb behalten, Du Dichterherz!

Fr. Hfm.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Philophie