Ein Telegraph ohne Mechanismus

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Titel: Ein Telegraph ohne Mechanismus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 132
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe auch Zu dem Aufsatz „Ein Telegraph ohne Mechanismus“ in Heft 10
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[132] Ein Telegraph ohne Mechanismus und ohne Benutzung des Lichtes, der Elektricität und des Magnetismus. Alle bisher bekannt gewordenen Telegraphen zeigen uns einen mehr oder weniger complicirten Mechanismus, durch welchen die zu gebenden Zeichen – abgesehen von dem sie fortpflanzenden (leitenden) Theile des Apparates – producirt und reproducirt werden müssen, und bedürfen der Anwendung der eben erwähnten physikalischen Agentien, denn die alten optischen Telegraphen bedurften des Tageslichtes und die neueren benutzen bekanntlich die Elektricität und den Elektro-Magnetismus.

Dem gegenüber ist eine von Professor Weinhold in Chemnitz angegebene und durch sehr günstig ausgefallene Versuche bewährte telegraphische Einrichtung schon darum von Interesse, weil sie nichts als einige einfache hölzerne Kästchen und einen Draht erfordert.

Weinhold’s Vorrichtung stützt sich nur auf die Gesetze des Schalles, ist also ein akustischer Telegraph, und pflanzt direct die Laute der menschlichen Sprache (natürlich aber auch andere Töne) in die Ferne fort. Wir haben hier also einen wirklichen „Sprechapparat“ vor uns, während die elektrischen Telegraphen nur sehr uneigentlich so genannt worden sind.

Daß sich Schallschwingungen – seien sie nun Laute oder Töne ober blos Geräusche – auf weitere Entfernungen fortpflanzen lassen, ist an sich freilich nichts Neues. Schon der englische Physiker Wheatstone bereitete seinen Gästen ein „unsichtbares Concert“, indem er im Keller seines Hauses ein Clavier, eine Violine, ein Violoncelle und eine Clarinette mit vier Stangen von Tannenholz in Verbindung brachte, die er durch die Wölbungen und Decken nach dem Gesellschaftszimmer des oberen Stockes leiten ließ, wo die Musik der unten gespielten Instrumente dann deutlich erklang. Vielen unserer Leser wird auch das von Dr. Paul Reis in Mainz erfundene „Telephon“ bekannt geworden sein, bei welchem der elektrische Strom die Vermittelung der Schallfortpflanzung übernimmt. Beiderlei Vorrichtungen sind aber zu umständlich, und bei dem Telephon ist, wie gesagt, die Anwendung der Elektricität und ein ziemlich difficiler Apparat erforderlich; dabei ist die Wirkung nur schwach.

Weinhold’s Vorschlag empfiehlt sich dagegen durch seine große Einfachheit und Billigkeit für die praktische Anwendung: er erfordert nur zwei „Resonanzkästchen“ und einen Eisendraht. Unter einem Resonanzkästchen hat man einen kleinen Kasten aus dünnem, trockenem Holze zu verstehen. der aber nicht, wie unsere gewöhnlichen Schiebekästen, oben offen, sondern hier mit einer dünnen Holzplatte, dem „Resonanzboden“, verschlossen, dagegen an der vordern (bei einem Schiebkasten zum Aufziehee bestimmten) Seite, sowie an der dieser gegenüberstehenden hintern Seit offen ist – also gewissermaßen eine viereckige hölzerne Röhre. Wird nun ein tönender Körper mit dem Resonanzboden eines solchen Kästchens in Verbindung gebracht, so geräth die in dem Kasten befindliche Luft in starke Mitschwingungen, welche der umgebenden Luft mitgetheilt werden und so unser Ohr erreichen. Und treffen andererseits Schallschwingungen eines tönenden Körpers, zum Beispiel der Luft, den Resonanzboden des Kästchens, so werden sie durch einen mit demselben fest verbundenen Schallleiter weiter fortgepflanzt.

Ein solches Kästchen wurde nun in dem Bodenraume eines isolirt stehenden Hauses an einen Leiter befestigt, ein zweites im Dachraume eines etwa eine Zwölftel Meile entfernten Hauses an vier Schnüren aufgehängt und beide durch einen nicht ganz sieben Zehntel Millimeter starken Eisendraht verbunden. Der Draht ging durch die Resonanzböden der beiden Kästchen hindurch und war mit jedem Ende außerhalb des betreffenden Kästchens um ein Stück Kupferdraht gewunden. Die Kästen waren so aufgehängt, daß der Eisendraht dadurch gehörig gespannt wurde, wodurch die Kupferdrahtstücke sich fest gegen die Resonanzböden anlegen mußten. Das ist die ganze Vorkehrung!

Der Draht war übrigens geglüht und bestand aus fünf Stücken, die durch sorgfältiges Zusammendrehen ihrer Enden vereinigt waren. Der horizontale Abstand der beiden Drahtenden betrug sechshundertsechsundvierzig und ein halbes Meter; doch war der Draht selbst natürlich etwas länger, da ja bekanntlich weder ein Seil, noch ein Draht und dergleichen in eine gerade Linie gespannt werden kann, sondern stets einen Bogen, eine sogenannte „Kettenlinie“ bildet; der senkrechte Abstand des tiefsten Punktes derselben von der geraden Verbindungslinie der Drahtenden betrug im Mittel sechzehn und ein halbes Meter.

Stellten sich nun zwei Personen in den beiden Stationen in geringer Entfernung von den Resonanzkästen auf, so konnten sie sich trotz der bedeutenden Entfernung (nach altem Maß über zweitausendzweihundertundvierundachtzig leipziger Fuß) bei ruhiger Luft bequem unterhalten, ohne die Stimme bedeutend mehr erheben zu müssen, als beim gewöhnlichen Sprechen. Die Stimmen verschiedener Personen, jeder Wechsel in der Tonstärke und Höhe der Stimme in der einen Station konnten auf das Genaueste in der andern unterschieden werden. Der Mund des Sprechenden befand sich hierbei in einem Abstand von dem Resonanzkästchen, der von fünf bis zu fünfzehn Centimeter variirte; aber selbst Personen, die bis ein Meter von dem Kästchen entfernt standen, konnten die am andern Ende gesprochenen Worte noch deutlich hören. Nur bei starkem Winde wurden die Versuche durch zu starkes Tönen des durch den Wind in Schwingungen versetzten Drahts gestört; indeß konnte man auch dann noch durch Klopfen mit einem Bleistift auf den Resonanzboden verständliche Zeichen geben. Gegen dies durch die Lust bewirkte Tönen des Drahts könnte man sich, wo es der Kostenpunkt erlaubt, dadurch schützen, daß der Draht in eine an oder unter der Erde liegende Röhrenleitung eingeschlossen würde, wie dies ja auch für die unterirdische Stromleitung der älteren elektrischen Telegraphen geschah.

Es liegt auf der Hand, daß man auf diese Weise eine gesprochene Depesche auch auf erheblich größere Entfernungen fortleiten kann, wobei natürlich der Draht, der in dem geschilderten Versuche nur an seinen Enden befestigt war, noch durch Aufhängen an verschiedenen Zwischenpunkten unterstützt werden müßte. Richtet man außerdem eine größere Anzahl von Stationen mit Resonanzkästen ein, so eignet sich dies Verfahren selbst für bedeutende Distanzen.

Wir sind zwar nicht der Meinung, daß das Weinhold’sche Verfahren die elektrischen Telegraphen verdrängen werde, wenn man aber die große Einfachheit und die sehr erhebliche Verminderung der Kosten im Vergleich mit anderen Telegraphen in’s Auge faßt, so dürfte ein solcher „phonischer Telegraph“[1] aus dem engen Rahmen eines physikalischen Versuches heraustreten und für nicht zu großartige Verhältnisse sich wohl zur praktischen Einführung empfehlen. Kann doch auch noch der Umstand, daß sich unterscheiden läßt, wer die Depesche giebt, in manchen Fällen von Nutzen sein.

Wir wollen schließlich noch bemerken, daß es für geringere Entfernungen, bis zu hundertfünfzig Meter, schon genügt, zwischen den in den Händen gehaltenen Resonanzböden einen Bindfaden auszuspannen, so daß man sich durch einen Versuch im Kleinen, z. B. durch Fortpflanzung eines Stimmgabeltons, der Musik einer Spieldose etc., ohne große Kosten und Umstände von der Richtigkeit der Thatsache überzeugen kann.



  1. Ehrlich deutsch: „Fernsprecher“, wenn’s erlaubt ist, so Etwas deutsch zu benennen.
    D. Red.