Amtmanns Magd

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
>>>
Autor: E. Marlitt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Amtmanns Magd
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–13
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[1]

Amtsmanns Magd.

Von E. Marlitt.
1.

Die alte Frau Oberforstmeisterin war schon seit länger als einem Jahr verstorben. Ein Jahr ist für die Todten, die bekanntlich schnell vergessen werden, eine lange Zeit, und die alte Dame im Hirschwinkel hatte nach landesläufigem Ausdruck keinerlei „Freundschaft“[1] hinterlassen - es war um ihretwillen weit und breit auch nicht das kleinste Stückchen Trauerband gekauft und angelegt worden. Somit wäre ihr einsames Dasein wohl ohne Weiteres spurlos verlöscht, wie ein ausgeblasenes Licht, wenn sie nicht zeitlebens den starkmarkirenden Stempel einer Sonderlingsnatur getragen hätte - solche Signatur aber verflüchtigt sich nicht so bald für die Ueberlebenden.

Die wenigen Dorfleute, die ihr Weg dann und wann am Gutshause im Hirschwinkel vorüberführte, guckten deshalb auch beharrlich nach dem Erkerfenster im oberen Stock und erwarteten steif und fest, daß der kleine Frauenkopf mit den weißen Ringellöckchen an Stirn und Schläfen und der Stahlbrille auf dem Nasenrücken beim Geräusch ihrer Schritte lebhaft herumfahre und durch die Scheiben sehe. Da hatte ja immer der scharfmusternde Blick, über die Brillengläser hinweg, jedes noch so ängstlich verheimlichte Loch im Aermel, jeden Schmutzflecken an den Schürzen und Weiberröcken, aber auch die stillste Leidensmiene sofort bemerkt, und je nachdem war ihnen ein Wort strengen Tadels, oder die Aufforderung, doch schnell einmal mit dem Armsündergesicht heraufzukommen, zugerufen worden.

Den Arbeitern im Walde aber, den Holzknechten, den Pechsiedern und Kienrußbrennern fehlte sie erst recht. Das „Waldweiblein“ war immer so pünktlich und rüstigen Schrittes dahergekommen. Die schwarze Krepphaube, das um die Schultern geschlagene große Kantentuch war ihnen so bekannt gewesen, wie die behenden Frauenfüße in weißen Strümpfen, über denen sich nach alter Mode die schwarzen Schuhbänder kreuzten, wie der grünatlassene Strickbeutel, der ihr am Arme baumelte, und der kluge, neben der greisen Herrin hertrabende weiße Pudel.

Aus dem grünen Arbeitsbeutel war immer frischgepflücktes Kräuterwerk, nach welchem sich der alte Rücken unermüdlich bückte, in dicken Büscheln gequollen, und dabei hatte dieser vorweltliche, weite Seidensack ein ganzes Arsenal von chirurgischen Instrumenten, Pflasterschachteln und Medicinfläschchen beherbergt, woneben einige grobe Seifenstücken nie fehlten; denn wie andere mildthätige Seelen warme Suppe, so hatte die Frau Oberforstmeisterin eifrig Seife im großen Waschkessel für die Armen gekocht. Der Schrecken der Schmutzigen, ein unerschrockener Arzt und Bader für die Kranken und Verunglückten, war sie aber auch ein wahrer Zank- und Sprühteufel gegenüber dem blühenden thüringer Aberglauben gewesen, und bei dem leisesten Verdacht, daß man zum „Verbüßen und Besprechen“ von Wunden und Gebrechen greife, hatte sie den Leuten den Kopf gewaschen und ihnen den Text gelesen, „nach Noten“, wie sie sagten.

Sie war eines natürlichen Todes gestorben, an einem Erkältungsfieber, das sie sich beim Kräutersuchen auf zugigem Berggipfel geholt. Weil sie jedoch von der ersten Stunde ihres Erkrankens an bis zum letzten Athemzuge stark phantasirt und die Besinnung nicht wieder erlangt hatte, so unterlag es keinem Zweifel, daß ihr die bösen Mächte, die sie zeitlebens bekämpft, schließlich selbst „an den Kragen“ gegangen waren - sie mußte durchaus „Etwas“ im Walde gesehen haben; es war ihr „angethan“ worden.

Letztwillige Verfügungen fanden sich nicht vor, und so fiel ihr vortrefflich bewirthschaftetes, im sogenannten Hirschwinkel gelegenes Gut einem Verwandten in der Mark zu, von welchem keine Menschenseele je etwas gehört hatte, kaum, daß man erfuhr, er heiße Markus und sei Besitzer einer bedeutenden Maschinenfabrik in der Nähe von Berlin.

Er schien kein Gewicht auf den neuen Besitz zu legen; die Verwaltung desselben mochte ihm nicht passen; deshalb war Alles in Bausch und Bogen verpachtet. Der Pächter wohnte im unteren Geschoß, und im oberen Stock des verwaisten Gutshauses erlustirte sich das Mäusevolk, „und die Spinnen würden ja wohl noch die Schlüssellöcher mit ihren scheußlichen, grauen Webelappen verstopfen“, pflegte die schönere Hälfte des Pächters, Frau Griebel, mit verächtlichem Achselzucken zu sagen; denn weder ihr selbst, noch dem heiligen Kehrbesen und Scheuerwisch war der Eintritt gestattet.

Auf den höhergelegenen Partien des Thüringerwaldes gediehen die Halmfrüchte nicht sonderlich; Wiesenwachs und Kartoffelbau herrschen vor. Die schmalen Thalgründe liegen oft in stundenlanger grüner Linie wie ein schimmerndes Sammetpolster zwischen den waldbewachsenen Bergen; Gras, glitzerndes Wassergerinnsel, auch wohl ein kühler Forellenbach, oder der weiße, glatte Chausseeweg wechseln mit einander ab. Der Hirschwinkel dagegen war eine selten sonnige, geschützte Waldecke, eine Art Eiland, aus welchem der Sommerwind nach Herzenslust manneshohes Halmengewoge der Kornfelder vor sich herjagen und sogar in den tiefgelben Breiten des edlen Weizens wühlen konnte.

Das hübsche Gut lag ziemlich abseits von den belebtesten Verkehrswegen, gleichsam hinter den Waldcoulissen; deshalb konnte [2] es recht wohl geschehen, daß der Fremde, der bereits seit einer vollen Stunde den Waldfahrweg beschritt, plötzlich Halt machte, um sich an frischem Quellwasser für einen vermeintlich noch längeren Marsch zu erquicken.

Der dünne Wasserstrahl, der am Abhang zwischen dem entblößten Wurzelgeflecht einer schief überhängenden Fichte hervorquoll, war kalt wie Eis und von köstlichem Wohlgeschmack; der kleine silberne Reisebecher wurde wiederholt gefüllt und geleert; dann schritt der Herr fürbaß. Ueber der linken Schulter hing ihm der Plaid und an der Seite eine Ledertasche; eine leichte Reise-Ausrüstung; sonst hätte man den schlanken Mann in der hellgrauen Joppe für einen Spaziergänger halten können, so behaglich schlendernd, ganz dem Genuß der Waldschönheit hingegeben, verfolgte er die Weglinie, die, wie gewaltsam in das Buchendüster hineingeschnitten, sich durch die Stämme drängte.

Er war bisher ein einsamer Wanderer gewesen; keine Menschenseele war ihm begegnet. Er sah die Eichhörnchen von Ast zu Ast schlüpfen und die grünen Fahnen der Farren am Wege zittern, wenn sich kleines Gethier unter dem Pflanzengeschlinge tummelte, das die schaffende Kraft des Waldhumus immer wieder bis in die Fahrgeleise herübertrieb. Die leichtbewegte Luft hauchte ihm Erdbeerdüfte und für Momente auch den appetitlichen Geruch von Bratkartoffeln zu; sie trug auch das schwache Geräusch ferner Axtschläge herüber, und seit einer Viertelstunde begleitete den Gehenden zur Rechten das Murmeln fließender Gewässer, die er nicht sah. Nun aber lichtete sich das Dunkel allmählich nach dieser Seite hin, und sonnige Wiesenflächen leuchteten herein; ein rascher Bach schoß mitten durch das rasige Gelände und trieb weiter unten die Räder einer Schneidemühle. Da war im engen Rahmen dunkelnden Gehölzes der ganze Zauber einer Waldidylle eingefangen. Ein schmaler Steg führte über das Wasser, ein primitives Gefüge, durch dessen aus einander klaffende Bretter das drunten rauschende Gewässer heraufblinkte.

Der Fremde beschleunigte seine Schritte. Er betrat den Steg, jedenfalls um den vollen Anblick des hübschen Landschaftsbildes zu gewinnen, aber er kannte wohl die Heimtücke solcher sorglos über die Bäche geschlagener Holzbrückchen nicht; denn während er die Augen gefesselt auf die Mühle richtete, versank sein Fuß plötzlich und saß wie eingekeilt zwischen dem den äußersten Rand bildenden Fichtenstamm und dem nächsten Brett.

Eine Verwünschung auf den Lippen, mühte er sich unter allen Zeichen zorniger Ungeduld, den Fuß aus der Klemme zu ziehen, aber der Steg hatte kein Geländer, und dem Gefangenen stand nicht einmal ein Gehstock zur Verfügung, auf den er zu nachdrücklicher Kraftaufwendung den Oberkörper hätte stützen können. Bebend vor Aerger und Erregung hielt er inne und schaute nach irgend einem Beistande aus, der in dem einsamen Thale sehr fraglich schien.

Just in dem Moment kam eine weibliche Gestalt um die Ecke der Schneidemühle und schritt geradewegs auf den Steg zu. Sie trug ein Grasbündel auf dem Kopfe, das sie mit dem gehobenen Arm stützte. Allem Anschein nach war es eine Dienstmagd, ein junges blödes Bauernmädchen, das sich vor dem Fremden auf der Brücke fürchtete; denn ihr anfänglich sehr rascher Gang verlangsamte sich augenscheinlich bei seinem Erblicken.

„Heda, spute Dich ein wenig, mein Kind!“ rief er ihr ungeduldig zu. Nun blieb sie gar wie festgemauert stehen.

Er murmelte etwas von bodenloser Bauerndummheit zwischen den Zähnen und machte abermals einen verzweifelten Versuch, sich zu befreien. Angesichts dieser Anstrengungen mochte es dem Mädchen doch wohl klar werden, daß er kein zu Fürchtender, vielmehr ein Hülfloser sei. Sie besann sich nicht länger und kam herbei.

„So, weißt Du nun, daß ich kein Menschenfresser bin?“ sagte er, ohne sie weiter anzusehen. „Sieh her, Du mußt mir aus dem Schraubstock helfen. Stelle Dich hierher, dicht neben mich, aber fest, damit ich meinen Arm auf Deine Schultern legen kann!“

Sie trat zu ihm, ohne ein Wort zu sagen, aber in dem Moment, wo er Miene machte, sich auf sie zu stützen, sah er, wie sie verstohlen in das Grasbündel hinaufgriff und einen dicken Halmbüschel zwischen ihre Schulter und seinen Arm niederzog – lächerlich! – das Bauernmädchen da war eine Prüde.

Er hielt inne und zog den Arm zurück. „Möchtest Du nicht?“ fragte er belustigt.

„Nein – eigentlich nicht! Aber der Sägemüller und sein Knecht kommen vor Abends nicht heim, und die Müllerin ist schwach und krank.“

„Ach so, da müßte ich ja wohl wie der Fuchs im Tellereisen hier verkommen, wenn Du Dich nicht erbarmtest?“

Er bog sich vor, um unter das große weiße Tuch zu blicken, das sie gegen den Sonnenbrand über den Kopf gezogen und unter dem Kinn geknüpft hatte; es ragte weit vor, wie ein umfangreicher Hutschirm, und beschattete Stirn und Nase bis zur Unkenntlichkeit; die untere Gesichtspartie verschwand noch mehr in den dicken Falten der verschlungenen Leinenzipfel – hübsch oder häßlich, das blieb unentschieden.

„Ja, meine kleine Prüde, da kann ich Dir freilich nicht helfen. Du wirst Dich herablassen müssen,“ setzte er endlich mit verhaltenem Lachen hinzu. „Denke, Du seiest eine barmherzige Schwester, und thue es um der christlichen Liebe willen!“

Sie schwieg und stemmte die Linke auf die Hüfte, um ihrer Haltung mehr Festigkeit zu geben. Sie war ein großes, schlank- und schöngebautes Mädchen und stand wie eine Mauer, als er, den Arm auf ihre Schulter pressend, mit einigen heftigen Rucken den Fuß aus der Klemme zu ziehen sich abmühte. Ein leises Aechzen, eine halbverbissene Verwünschung klangen an ihrem Ohr hin; dann sprang er plötzlich befreit mitten auf die Brücke und stampfte wiederholt auf, um sich zu vergewissern, daß das mißhandelte Glied unverletzt geblieben sei.

Das Mädchen schritt unterdessen weiter.

„Halt auf ein Wort!“ rief er ihr nach.

„Hab’ keine Zeit. Der Fisch verdirbt,“ antwortete sie, unbeirrt weitergehend. Sie zeigte ihm halb zurückgewendet, daß ihr ein Netz mit einer Forelle am rechten Arm hing.

„Ließe sich in dem Falle das Fischchen nicht ersetzen, wie?“

„Nein.“

„Nein? Also nicht … Aber mein Dank?“

„Behalten Sie ihn!“

„Oho – Du bist kurz angebunden, mein Kind,“ lachte er und steckte das seidene Taschentuch, mit welchem er die Reste der Fichtenrinde von seinem attakirten Fuße weggestäubt hatte, wieder zu sich. Gleich darauf schritt er an ihrer Seite.

„Mir scheint, unter dem häßlichen Tuche da steckt ein ganz verteufelt trotziger Kopf,“ sagte er. „Wie aber, wenn ich nun ebenso trotzig bin, wie Du, und Deine Hülfe absolut nicht geschenkt haben will?“

„Dann thun Sie wohl, an Ihren Platze auf der Brücke zurückzukehren.“

Er lachte laut auf und suchte gespannt abermals einen Blick unter das verhüllende Tuch zu werfen. Das Mädchen hatte Mutterwitz; die „Bauerndummheit“ hatte sie sicher so wenig im Gesicht, wie auf den Lippen. Sie wandte flink den Kopf nach der anderen Seite, und ihm blieb nur die Musterung ihrer Gestalt. Sie war ärmlich gekleidet. Aus dem verschossenen Kleide waren die Aermel getrennt und hatten den Hemdärmeln Platz machen müssen; sie fielen lang und schön weiß bis über die Ellenbogen herab. Busen und Rücken umhüllte plump ein zerwaschenes hinten geknüpftes Baumwollentuch, und die starren Falten der steifgestärkten blauen Schürze verhäßlichten Taille und Hüften. Sie war ohne Zweifel eine Dienende. Das Kleid, wenn auch entstellt und zum Arbeitskittel degradirt, war von städtischem Schnitt und stammte sicher aus der Garderobe der Dienstherrin.

„Nun, dann will ich Dir für Deinem Samariterdienst wenigstens die Hand drücken.“

Er streifte rasch den Handschuh von der Rechten, einer weißen, kräftigen Hand mit einem schönen Siegelring am Finger, und hielt sie ihr hin.

„Meine Hand ist hart,“ versetzte sie zurückweichend; der Arm, an welchem ihr das Netz hing, vergrub sich förmlich in den Schürzenfalten.

„Na ja, ich hätte das wissen können,“ sagte er mit Humor. „Die Thüringer Disteln stechen, wo man sie anrührt; das merkte ich schon vorhin auf der Brücke. Dienst Du in der Mühle drüben?“

Sie schwieg einen Augenblick; dann sagte sie: „Der Sägemüller kann keine Magd halten. Er hat die Mühle nur in Pacht; sie gehört zum Gute im Hirschwinkel.“ – Dabei schritt sie in tannengerader Haltung, das Grasbündel auf dem Kopfe stützend und weder rechts noch links blickend, beschleunigten Schrittes den [3] Fahrweg entlang. Sie zeigte unverhohlen, daß sie keine Lust habe, sich weiter examiniren zu lassen.

Diese bäuerische Unnahbarkeit schien ihn höchlich zu amüsiren. Er war ein noch junger Mann, der mit seinem elastischen Gange nicht um eine Linie hinter ihr zurückblieb.

„Also die Mühle gehört zum Gut?“ wiederholte er fragend. „Sieh, sieh – nun weiß ich doch auch, wo Du zu Hause bist. Der Weg da führt doch wohl direct nach dem Gutshause im Hirschwinkel?“

„Auch nach dem Vorwerk.“

Er blieb stehen. „Aha, das ist die kleine zum Gute gehörige Pachtung, die der verkommene Amtmann widerrechtlich besetzt hält.“

Jetzt wandte sich der Kopf unter dem Grasbündel mit einer jähen Wendung nach ihm hin. Die untere Gesichtspartie hob sich dabei aus den Tuchfalten, und der Fremde sah für einen Moment einen kleinen, schönen Mund mit blaßrothen Lippen, um den der Zorn seine Linien zog.

„Ich bin beim Amtmann,“ schnitt sie ihm kurz die Rede ab. Diese arme Creatur im Joche der Dienstbarkeit drohte förmlich.

„Was der Tausend – da habe ich Dich ja wohl gar beleidigt. Hältst wohl große Stücke auf Deinen Herrn?“

Sie schwieg scheinbar trotzig.

Er lächelte verstohlen. „Du scheinst mir eine Aparte zu sein. Aber auch im Dienst beim Amtmann! Das will ’was heißen! Weißt Du aber auch, daß ich gerade deshalb Gewalt über Dich habe?“

Das Mädchen wich unwillkürlich zurück.

„Ja, ja – ernstlich! Ich kann Dir das Grasbündel da ohne Weiteres wegnehmen und Dir Dein Tuch abpfänden, wenn Du mir nicht das volle Besitzrecht Deines Herrn an der Wiese nachweisest, auf der Du gemäht hast. Er zahlt seinen Pacht nicht und zieht fortgesetzt den Nutzen aus Grundstücken, die ihm vor länger als Jahresfrist gekündigt worden sind. Was hast Du darauf zu erwidern, wie?“

Sie schien anfänglich kein Wort über die Lippen bringen zu können, dann aber sagte sie mit leiser Stimme: „Daß Sie der neue Herr im Hirschwinkel sein müssen.“

„Der bin ich. Siehst Du nun ein, daß Du alle Ursache hast, mir schön zu thun?“

„Ich – Ihnen?“ Eine grenzenlose Empörung schien ihr ganzes Wesen zu durchschüttern.

„Alterire Dich nicht!“ lachte er. „Ich bin kein Schlimmer; im Gegentheil – ich nehme nun die harte Hand gar nicht, die mir ,das Kräutlein rühr’ mich nicht an’ vorhin so schnöde verweigert hat, und wenn sie mir noch freundlich geboten würde. … Aber ein wenig höflicher möchte ich Dich sehen –“

„Gegen den Feind der Menschen, die ich lieb habe?“

„Feind? – Hm ja, Du hast ganz recht, insofern ich ein geschworener Feind der notorischen Spieler und Schlemmer bin, und Dein Amtmann ist einer, der seines Gleichen suchen soll.“

Ein Seufzer hob den Busen des Mädchens, und gepreßt stammelte sie: „Da werden Sie wohl mit meinem –“

„Mit Deinem lieben Herrn kurzen Proceß machen, willst Du sagen?“ fiel er ihr mit sehr strengem Ton und ohne eine Miene zu verziehen in’s Wort. „Versteht sich! Ich werde ihn an die Luft setzen, und zwar sofort, ohne Gnade, den Verschwender, den Prahlhans – darauf verlasse Dich! In Geschäftsangelegenheiten verstehe ich durchaus keinen Spaß. … Weißt Du nun, wen Du vor Dir hast?“

„Ach ja, einen reichen Mann, wie er schon in der Bibel steht.“

„Richtig! Einen Mann, der absolut nicht in’s Himmelreich kömmt, eben weil er ein reicher, ist – der Arme! Ja, ja, hast Recht – einen Tyrannen, einen Blutsauger, einen Menschen, der Geldfragen gegenüber ein steinhartes, oder vielmehr gar kein Herz hat, wie es einem praktischen Geschäftsmann ziemt. … Aber laufe doch nicht so, Mädchen!“

Sie war in der That in förmlichen Sturmschritt verfallen, und diesmal blieb Herr Markus zurück. Er sah ihr mit gespannter Aufmerksamkeit nach. Und wenn auch der häßliche plumpe Anzug das Mädchen entstellte, eine thüringer Edeltanne war sie doch, eine Erscheinung voll Leben und unbewußter Grazie in dem Spiel der schlanken, jugendkräftigen Glieder. … Schade um diese Gestalt, an der Sonnenbrand, Arbeit und Armuth rieben und zehrten, um sie in kurzer Zeit hart und eckig, zum frühgealterten Weibe zu machen! … Es blieb allerdings fraglich, ob nicht der Kopf den Adel, die Anmuth des schönen Leibes sofort verwischte, wenn das verhüllende Tuch fiel. Der lieblich geschwungene Mund verbürgte noch lange nicht, daß das Mädchen nicht schielte, keine gemeinen Züge hatte, und nicht sommersprossig und rothhaarig war – doch nein, unter dem weißen Tuchzipfel stahl sich ein gelöstes, glänzend dunkles Zopfende hervor – rothhaarig war sie nicht.


2.

Das Mädchen hatte sich kaum um zwanzig Schritte entfernt, als eine kleine, dicke Frau in braunem, rundem Strohhut und weiter Jacke aus einem schräg nach dem Fahrweg mündenden Waldpfad trat. Sie schritt direct auf die Eilige zu und hielt sie an der Schürze fest.

„Hör’ mal, Mädel, habt ihr denn wirklich die theuern Speisekartoffeln so in Hülle und Fülle, daß Du Ende Juni, sage Ende Juni, den Betteljungen die ungewaschenen Mäuler damit stopfst?“ fragte sie. Das klang nicht etwa wie Schelten; die Frau sprach sehr langsam und bedächtig, aber nachdrücklich. Man hörte, daß sie gewohnt sei, in aller Gemüthlichkeit den Leuten die Köpfe zurecht zu setzen. „Ich krieche tagtäglich auf allen Vieren durch die Kellerecken, um noch ein paar feine Salatkartoffeln für unseren Tisch zu erwischen, und dort“ – sie zeigte nach der Richtung zurück, in der sie gekommen – „dort braten sie haufenweise in der Asche. Das soll Einen nicht ärgern. Wir bezahlen auf die Minute pünktlich den theuren Pacht für schlechten Boden, und Deine Amtmanns ernten die besten Aecker ab; sie leben in’s Tageslicht hinein und fragen den Kukuk danach, daß auch einmal bezahlt sein muß –“

„Lassen Sie mich gehen, Frau!“ rief das Mädchen halb gebieterisch, halb ängstlich und strebte weiterzukommem.

„Frau! Frau!“ wiederholte die kleine Dicke geärgert und ohne den Schürzenzipfel loszulassen. „Bin ich denn ein Taglöhnerweib? Und hast Du denn gar keine Lebensart, Mädchen? Wenn Du noch gesagt hättest ,Frau Verwalterin’, oder meinetwegen auch nur ,Frau Griebel’, aber schlechtweg ,Frau’! Du bist ja nicht um ein Haar besser als Deine Herrschaft. Verschenkst mir nichts dir nichts gute Sachen, die nicht bezahlt sind, und hast den Hochmuthsteufel und eitle Dinge im Kopfe. Sieht man Dich denn je ohne das Scheuleder da auf dem Acker oder beim Grafen?“ – Sie zeigte nach dem weißen Kopftuch. „Hör ’mal, wenn man dienen muß, da darf man nicht darnach fragen, ob Einem die Sonne ein Paar Sommerfleckchen mehr auf die Haut brennt oder nicht, das paßt nicht, da lachen Dich die Leute nur aus, wie sie sich auch lustig darüber machen, daß Dir der Graskorb nicht nobel genug ist. Hier zu Lande trägt man das Futter nicht auf dem Kopfe heim – das ist nicht Mode bei uns. Und laß doch mal sehen“ – sie bog sich vor – „ach herrje, Forellchen hast Du da im Netz? Guck’ Einer an, Forellchen! Ja, ja, auf dem Vorwerk wissen sie, was gut schmeckt!“

„Der Fisch ist für die Kranke.“

„Ach ja, für die Kranke wird er geholt, und der Herr Amtmann ißt ihn, die alte Naschkatze, die! Gucke, Mädchen, wüßte ich das nicht, ich schickte manchmal ein Rebhuhn, oder sonst was Gutes ’nüber, ich bin ja doch kein Unmensch und hab’ Mitleid –“

„Wir danken!“ kam es kurz und herb unter dem weißen Tuch hervor.

„,Wir danken!“ spottete die kleine Behäbige nach. „Großplatziges Ding Du! Wer ist denn ,wir’? – ’s ist ja wahr, Amtmanns haben schlimm gehaust mit ihrem großen Vermögen; das Hemd auf dem Leibe gehört ihnen kaum noch, aber deswegen sind’s doch immer vornehme Leute und noch lange nicht Deines Gleichen.“

Inzwischen war Herr Markus längst näher gekommen und stand neben der Sprechenden, ohne daß sie es bemerkte. Er verbiß mit Mühe das Lachen. Die drollige Frau hatte sich bei dem nachäffenden „Wir danken!“ ironisch knixend, tief und gravitätisch zu Boden gestaucht, und das war urkomisch gewesen. Sie hielt das Mädchen noch fest; dem Beobachtenden war es, als müsse er einen gefangenen Vogel befreien.

„Wer wird sich denn so ereifern, meine kleine Dame!“ unterbrach er die Standrede.

Die Frau fuhr wohl bei der unvermuteten Einmischung ein [4] wenig zusammen, aber außer Fassung gerieth sie nicht. Sie wandte schwerfällig den Kopf auf dem fleischigen Halse und sah den Fremden aus schmalgeschlitzten, blauen Aeuglein von oben bis unten groß an.

„Wie kommen Sie mir denn vor?“ sagte sie trocken. „Ich bin eine ehrbare Frau, und noch lange nicht ,meine kleine Dame’ für einen Jeden, der dahergeschlichen kommt wie der Ratz vom Taubenhaus.“

Er unterdrückte ein Lächeln und sagte mit empörendem Gleichmuth: „Protestiren Sie, so viel Sie wollen – es hilft Ihnen doch nichts. ,Meine kleine Dame’ wird mir in dieser Stunde noch eine Tasse Kaffee serviren und heute Abend eine gute Omelette backen; ,meine kleine Dame’ wird mir für ein anständiges Nachtquartier sorgen und mäuschenstill sein, wenn ich im Hirschwinkel thue, als sei ich zu Hause –“

„Ach herrje – der Spaß! Sie sind Herr Markus!“ lachte sie überrascht auf, aus ihrer Ruhe aber brachte sie die unerwartete Ankunft des „neuen Herrn“ trotzdem nicht. „Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt? … Kommen Sie denn endlich aus Ihrer alten, märkischen Sandbüchse und sehen sich das gottgesegnete Fleckchen Erdboden an, das Ihnen der liebe Herrgott nur so in den Schooß geworfen hat? Na, und was sagen Sie denn dazu? Haben Sie solchen Wald, solche Wiesen, solche Berge schon einmal in Ihrem Leben gesehen? … ’s ist hohe Zeit, daß Sie kommen, Herr Markus, hohe Zeit! Ueber unseren Köpfen pfeifen die Mäuse in Heerschaaren und die Mottenwolken will ich sehen, die aus den Wollstrümpfen und Unterjacken der sel’gen Frau Oberforstmeisterin auffliegen, wenn das Nest endlich aufgemacht wird.“

Währenddem entfernte sich das freigelassene Mädchen in stürmischer Eile. Herr Markus sah ihr über Frau Griebel’s Kopf hinweg nach. Dort, wo sie ging, lag der Fahrweg bereits im hellen Sonnenschein. Rechts säumte ihn das Wiesengrün, und auf der entgegengesetzten Seite trat das Walddickicht weit auseinander; wie Alleebäume reihten sich die Buchen hin und warfen da und dort Schlagschatten über den Weg, der in scharfer Krümmung nach links einbog.

„Liegt in der Richtung dort der Hirschwinkel?“ fragte Herr Markus und zeigte nach einer vereinzelten Baumgruppe, hinter welcher das Mädchen eben verschwand. Noch einmal bei der Wegbiegung hatte sich ihre Gestalt in scharfer Profilstellung vom Hintergrunde abgehoben, seltsam fremdartig, weit mehr die Erscheinung einer schlanken, braunen Fellahtochter vom Nilufer, als die eines stämmigen Thüringer Waldkindes.

„O herrje, wie närrisch Sie fragen!“ lachte Frau Griebel. „Sie stehen ja mitten drin im Hirschwinkel und gehen schon seit einer reichlichen halben Stunde auf Ihrem eigenen Grunde und Boden. Und dort zwischen den Bäumen können Sie auch schon die Hintergebäude vom Gute sehen. – Von Kaffee sprachen Sie vorhin, Herr Markus? Na, Sie sollen einen Kaffee bei der Griebel trinken, der seines Gleichen sucht. Gehen Sie nur einstweilen weiter auf dem schön trockenen Wege da – immer der Nase nach! Sie können gar nicht fehl gehen. Ich schlüpfe unterdessen hinten ’rum, durch den Hof in die Küche – muß doch sehen, ob die Magd kochendes Wasser hat.“

Es war nun zwar kein „Schlüpfen“, mit welchem sich die kleine Dicke seitwärts durch die knackenden Büsche schlug, aber sie kam doch flink vorwärts und war sehr schnell den Blicken des Weiterschreitenden entschwunden.

Das Gutshaus war ein völlig schmuckloser Bau, ein altes Haus, mit hochragendem Dache, und an der Giebelwand, nach der Wetterseite hin, mit Schiefer wohlverwahrt und beschlagen. Sonst einförmig weiß angestrichen, hatte es als einzige Unterbrechung inmitten seiner casernenartigen Façade nur einen Erker, der vom Fundamente bis unter das Dach so voll und dicht mit Waldepheu bewachsen war, daß die Fenster ist seinen drei Wänden vertieft wie Schießscharten erschienen. Drunten hatte das einsam gelegene Haus grüne Sicherheitsläden, im oberen Stocke aber hingen nur gleichmäßig weiße, mit groben, gehäkelten Kanten besetzte Shirtingrouleaux hinter den sichtlich verstaubten Scheiben.

In der weiten, das ganze Gehöft abschließenden Umfassungsmauer, die das Haus zu beiden Seiten flankirte, befand sich rechts der Eingang, eine schöne, massive Doppelthür mit glänzend polirtem Messinggriffe; zur Linken dagegen lief sie ohne Unterbrechung in die Ecke aus, auf welcher ein hölzerner, grünumrankter Gartenpavillon wie ein kleines, rundes Nest saß. Kirsch- und Aepfelbäume reckten dort ihre Zweige über die Mauer, und dahinter hoben sich auch Linden- und Kastanienwipfel.

Das ehemalige Heim der Frau Oberforstmeisterin machte einen überraschend freundlichen, behäbigen Eindruck. Vor den Fenstern lag grüner Rasen, so üppig und gleichmäßig, als werde er unter der Scheere gehalten, und weiter hin, in die mäßige Thalsenkung hinab, lief das Ackergelände mit seinem wogenden Halmenmeer, seinen Raps- und Runkelfeldern und den üppigen Flachsbreiten mit wehendem blauem Schleier.

Herr Markus war nach Frau Griebel’s Verschwinden langsam weiter geschlendert und stand nun angesichts „des Fleckchen Erdbodens, das ihm der liebe Herrgott in den Schooß geworfen“. – Himmlischer Waldfrieden wehte ihn an. Das betäubende Hämmern und Pochen in seiner Fabrik, das rastlose Lärmen und Hasten der Berliner Straßen, in denen er auch heimisch war, wie weit, wie weltenweit lag das Alles in diesem Augenblicke hinter ihm!

Ein paar Truthühner spazierten geräuschlos aus der Thür, die man wahrscheinlich zu seinem Empfang eiligst geöffnet hatte, und droben aus dem einen Schornstein fuhr plötzlich eine gewaltige Rauchwolke in den glänzend blauen Himmel hinein – Frau Griebel schürte jedenfalls unter dem Kaffeetopfe und heizte die Back- und Bratmaschine zu Ehren und zum Labsale des neuen Hausherrn, „Holder Friede, süße Eintracht!“ summte Herr Markus vor sich hin. „Einlullendes Stillleben!“ – Himmel! Er fuhr herum und sah nach dem offenen Fenster im Erdgeschosse, aus welchem Clavieraccorde herüberbrausten; dann schüttelte er sich lachend. „Tyrann, entsetzlicher Klimperkasten! Selbst bis hierher verfolgt er den Musikmüden mit seinen tönenden Hämmern!“ rief er mit komischem Pathos und trat schleunigst durch die Mauerthür in den Hof. Ein wüthendes Hundegebell empfing ihn.

„Sultan, Schlingel, willst Du gleich still sein! Man versteht ja sein eigenes Wort nicht!“ schrie Frau Griebel von den Thürstufen des Hauses herab. „Kusch! Oder ich komme mit dem Stocke.“

Sultan kroch in die Hundehütte, und „Ihren Eingang segne Gott!“ sagte Frau Griebel in umgewandeltem Tone und streckte herabkommend dem „neuen Herrn“ beide Hände entgegen.

„Das ist Herr Peter Griebel, mein guter Mann“ – damit schob sie ihren Arm in den des Mannes, der mit ihr gekommen war. „Und hören Sie’s, Herr Markus? – das ist meine Luise, die so schön spielt. Sie spielt den Marsch aus dem ,Propheten‘, Ihnen zu Ehren. Sie ist die beste Schülerin in der Pension und will Gouvernante werden. So – nun kennen Sie alle meine Hühner und Gänse.“

[21]
3.

„Der neue Herr“ lehnte es ab, sich drunten in der „guten Stube“, wo „meine Luise“ immer noch wacker in den „tönenden Hämmern“ wühlte, den Kaffee serviren zu lassen. Er bestand darauf, so sehr auch Frau Griebel im Hinblick auf Staub, Mäuse und Spinnweben protestirte, sich sofort in seinen eigenen vier Pfählen einzuquartieren, und stieg die Treppe hinauf.

Er hatte bestimmt, daß die Siegel an der Wohnung der Verstorbenen nicht gelöst werden sollten, bis er selbst einmal komme; nun riß er die Papierstreifen an der Hauptthür ab, und Herr Peter Griebel schloß auf. Genau so traut und anheimelnd wie die äußere Physiognomie des Gutshauses war auch die innere Einrichtung der Zimmerreihe im oberen Stock.

Frau Griebel zog behutsam die Rouleaux in die Höhe. Sie triumphirte; die Scheiben waren weißbestäubt, und auf der nächsten Tischplatte schrieb sie mit sardonischem Lächeln und ungeschicktem Finger ein paar groteske Buchstaben in die Staublage. Aber die Dielen waren schneeweiß und steckenlos, und ein starker Duft von Steinklee und anderem Kräuterwerk füllte die Räume, in welche auch ein Hauch frischer Luft durch Zuglöcher an der Decke fortgesetzt Zutritt hatte.

„Offene Fenster und ein wenig Fegen machen allen Schaden gut,“ sagte der „neue Herr“ heiter und entriegelte einen Flügel des mittleren Erkerfensters.

„Und mit den verstopften Schlüssellöchern war’s nichts, Jettchen!“ schmunzelte Herr Peter Griebel. „Wo sitzen denn nun die Spinnen, über die Du den ganzen Winter gebrummt hast? Unsere alte Dame war gar ein propres Weibchen – sie litt solches Geziefer nicht – wo sollte denn da die Brut herkommen, Jettchen?“

„Guck nur erst in die Bücherstube, Peter, eh’ Du so dick thust mit Deiner Weisheit! An den himmelhohen Regalen und hinter dem Bücherwerk wirst Du schon Dein blaues Wunder sehen. – Da drüben giebt’s was zu lesen, Herr Markus – Bücher ohne Ende! Und alles, was drin steht, das hatte die alte Frau in ihrem Kopfe. Sie war Doctor und Apotheker in einer Person und tausendmal gescheidter, als der elende Bartkratzer drüben in Tillroda, der sich von den Leuten Doctor schimpfen läßt. Der hatte deswegen aber auch eine ganz gehörige Pike auf die resolute Frau, gerade wie der Pfarrer, der an ihrem Grabe gepredigt hat, sie sei zeitlebens eine Gottlose gewesen, weil sie nichts vom Teufel und dergleichen wissen wollte und den Augenverdrehern spinnefeind war. Na, im Himmel ist sie doch – der in Tillroda wird’s doch dem lieben Gott nicht vorschreiben dürfen, wer hinaufkommen soll und wer nicht.“

„Ja, eine tüchtige Frau ist sie gewesen, die Frau Oberforstmeisterin,“ sagte Peter Griebel. „In der Oekonomie war sie zu Hause wie ein Mann. Ich war nur die letzten zwei Jahre Gutsverwalter bei ihr, aber da hab’ ich alter Kerl mehr gelernt, als in zehn bei meinem vorigen Herrn. Sehen Sie doch hin!“ – er streckte den Arm nach dem üppigen Gelände aus, das sich draußen hinbreitete – „das Alles ist hauptsächlich ihr Werk; denn der Herr Oberforstmeister soll so gut wie gar nichts davon verstanden haben. Freilich, die paar Acker dort hinter dem Fichtenhölzchen, die sind ziemlich ’runtergewirthschaftet; sie gehören zum Vorwerk, und da wird nicht gut gehaust – der Herr Rechtsanwalt wird Ihnen ja wohl davon geschrieben haben.“

„Ja wohl. Seit vier Jahren hat der Amtmann Franz das Vorwerk in Pacht, und in den musterhaft geführten Büchern der Verstorbenen ist nicht ein einziges Mal die ausbedungene Pachtsumme als eingegangen notirt zu finden –“

„Unsere alte Dame hat eben immer ein Auge zugedrückt, weil die Frau Amtmann von der Jugendzeit her ihre gute Freundin gewesen ist,“ fiel die Leine Frau erklärend ein. „Amtmanns haben Schulden gehabt wie Sand am Meere, und ist ihnen von den Gläubigern Alles, Schiff und Geschirr, weggenommen worden. Da hat sich die Frau Oberforstmeisterin erbarmt und hat ihnen das Vorwerk gegeben, freilich nicht umsonst – dazu war sie viel zu streng und ordentlich in Geldsachen aber doch für einen wahren Pappenstiel, und auch den hat der alte Schwindler nicht einmal bezahlt.“

Sie unterbrach sich und fuhr mit der Hand in die Tasche. „Da guck her, Peter. – was ich Dir immer sage!“ wandte sie sich an ihren Mann und zerdrückte vor seinen Augen eine kleine gebratene Kartoffel, sodaß das köstliche Eidottergelb des Inneren appetitlich duftend hervorquoll. „Drüben im Grafenholz sammeln die Tillröder Jungen Erdbeeren, und da liegt diese Gottesgabe halbmetzenweise in der heißen Asche –“

„Na und, Jettchen?“

„Na und, Mann?“ ahmte sie ihm ärgerlich nach. „Wie kömmst Du mir denn vor? Mußten denn die Bengels gerade vom Allerbesten haben? … Und wie ich frage: ,woher?’ da sagt die Rotte ganz frech: ,Nicht von der Frau Griebel, aber von Amtmanns Magd,’ … Herr Markus, ich will ja den Leuten [22] drüben nicht in’s Gehege kommen – meinetwegen mögen sie bis in alle Ewigkeit auf dem Vorwerk sitzen und keinen Pacht zahlen, aber sie haben den allerbesten Kartoffelboden vom ganzen Gute –“

„Jettchen, denk’ an Dein Gewissen!“ fiel ihr Mann warnend ein. „Wir haben keine Ursache zu klagen; es geht uns gut – und von meiner Familie soll mir ja Keines mitschieben und drängen, daß Herr Markus kurzen Proceß macht mit den Leuten. Der Amtmann ist alt, und seine Frau liegt seit einem Jahre krank im Bette, und wenn die Magd nicht hauszuhalten versteht –“

„Ja, die Magd – das ist mir die Allerschönste,“ sagte Frau Griebel mit verächtlichem Achselzucken. „Na, Sie haben sie ja gesehen, Herr Markus, das Mädchen in dem verhunzten Stadtkleide. Jetzt trägt sie freilich ihr Grasbündel auf dem Kopfe, als wenn sie damit auf die Welt gekommen wäre, aber im Anfang – daß sich Gott erbarm’!“

„Ist sie nicht aus der Umgegend?“ fragte Herr Markus mit Interesse.

„Bewahre! Der Sprache nach muß sie weit her sein. … Sehen Sie, das war so. Gleich nachdem unsere alte Dame gestorben war, da legte sich auch die Frau Amtmann, und die Magd lief davon, weil sie nie einen Heller Lohn zu sehen gekriegt hatte – das war schlimm; denn eine andere fand sich partout nicht. Ich sprach schon davon, daß ich ’nübergehen und nach der Ordnung sehen wollte – wenn auch die Leute sich niemals um Unsereinen gekümmert hatten – aber da kam auf einmal eine Nichte vom Amtmann; sie war Gouvernante in einer großen Stadt, wie mir die Frau Oberforstmeisterin einmal gesagt hat, und die hat das Mädchen zur Hülfe mitgebracht. … Auf der Magd liegt nun freilich die ganze Wirthschaft; denn das Gouvernantenfräulein wird wohl weder Kochtopf noch Kehrbesen anrühren –“

„Brr!“ machte Herr Markus und schüttelte sich.

„Na, was denn?“ fuhr Frau Griebel zurück und riß ihre kleinen Augen unter den verwundert emporgezogenen blonden Brauen weit auf.

„Ja, sehen Sie, meine liebe Frau Griebel, ich bin ein nervenschwacher Mensch; ich leide an einer unbesieglichen Gouvernanten-Antipathie“ – durch seine interessanten Züge ging ein humoristisches Zucken wie Wetterleuchten.

„Das soll heißen, Sie können die Gouvernanten nicht leiden? … Da kommen Sie mir aber schön an, Herr Markus. Meine Luise will ja auch eine werden – freilich nicht so wie die auf dem Vorwerk. Das leide ich schon nicht. In den Ferien muß sie mir tüchtig mit an die Arbeit – da wird nicht gefackelt. Sie kann perfect backen, einmachen und Geflügel stopfen, und in der Milchwirthschaft ist sie zu Hause wie ich selber, und dabei hat sie rothe Backen wie ein Stettiner Apfel und ist frisch und gesund – Gott behüt’s – wie eine Ecker. … Sie soll mir auch nie in eine große Stadt; denn da bringen sie immer blasse Farbe und abgeschmackte Manieren mit, wie eben Fräulein Franz auf dem Vorwerk. Ich hab’ sie nur ein einziges Mal in der Kirche in Tillroda gesehen, und da hatte ich schon genug. Sie ist eine ebenso lange Hopfenstange wie ihre Magd, thut schrecklich apart und ist blaß und schmal im Gesicht, so weit ich’s von meinem Kirchenstuhl aus erkennen konnte –“

Sie machte, sich selbst unterbrechend, eine plötzliche Schwenkung nach der Thür. „Ja, da stehe ich nun, ich alte Plappertasche, und verthue die Zeit und weiß doch kaum, wo nur der Kopf steht vor Arbeit! – Peterchen, Du mußt mir gleich junge Tauben vom Schlag holen und nach frischen Eiern suchen, und ich gieße derweil den Kaffee aus. Nachher wird hier oben gefegt. – Bis dahin vertreiben Sie sich ja wohl die Zeit, Herr Markus, und gucken sich ein Bischen um in den Raritäten hier oben?“

Damit ging sie hinaus; ihr „Peterchen“ folgte ihr auf dem Fuße und „der neue Herr“ trat vom Fenster weg, während seine Augen musternd durch das Zimmer glitten.

Der Erker durchschnitt die Vorderwand dieses großen Raumes genau in der Mitte, sodaß seine Glasthür von je einem Stubenfenster flankirt wurde. Auf diese Weise strömte viel Licht herein, leicht gefärbt durch grünblumige Kattunvorhänge, und beleuchtete voll zwei Gestalten, die von der tiefen Wand herabsahen.

In die Wangen des jungen Mannes stieg die Röthe innerer Erregung, und seine Stirn furchte sich im Unwillen angesichts der schönen, männlichen Erscheinung im grünen Jägerrock, die eine dürre, zerstäubende Eichenlaubguirlande umschloß. … Ja, so mußte er ausgesehen haben, der stolze Herr Oberforstmeister, der Mann, der sich von seiner einzigen Schwester losgesagt hatte, weil sie Einem aus dem Handwerkerstande ihr Herz geschenkt und ihn auch, trotz Zorn und Widerspruch ihres Bruders, geheirathet hatte. Diese Schwester aber war die Mutter des jungen Markus gewesen. … Ja, das war der personificirte Beamtenhochmuth, der zeitlebens die Verwandtschaft mit „dem Schlosser, dem Rußbengel“ von sich gewiesen, ob auch die Schlosserwerkstätte des jungen Arbeiters sich im Lauf der Zeit zu dem Riesenetablissement einer großartigen Fabrik umgewandelt hatte und einen hochgeachteten Namen an der Stirn trug. … Der Herr Oberforstmeister hatte von jeher hoch hinaus gewollt; es hatte auch Eine von altem Adel sein müssen, die er als Frau in sein Haus geführt; arm war sie gewesen und die Letzte ihres alten Namens; daß aber die vornehme Herkunft allein maßgebend gewesen, daran glaubte der junge Mann, den beiden Bildern gegenüber, von nun an nicht mehr. Durch das Gesicht des stolzen Jägers ging ein Zug tiefer Leidenschaft; er hatte einen dunkelglühenden Blick, und die junge Braut an seiner Seite, mit dem Myrthensträußchen am Busen, war engelschön gewesen, von so unbeschreiblichem Liebreiz im Ausdruck, daß man unmöglich denken konnte, auch diese Seelenmacht der Züge sei vergänglich gewesen und modere nun in der Erde.

Im Elternhause des Herrn Markus waren diese zwei Menschen fast nie genannt worden. Als Knabe hatte er nicht gewußt, daß ihm in Thüringen Onkel und Tante lebten; er war sehr erstaunt gewesen, als eines Tages ein Brief der Frau Oberforstmeisterin an seine Mutter den jähen Tod des Bruders – er war bei einem Jagdschmause seines Fürsten vom Schlage getroffen worden – gemeldet hatte. Diese Todesanzeige war der Gegenstand einer mehrstündigen Berathung seiner Eltern gewesen; dann war ein sehr förmliches, kurzes Condolenzschreiben von der Hand des Vaters an „die Dame“, und später ein Verzicht der Mutter auf jeden Anspruch an den Nachlaß des kinderlos verstorbenen Bruders an dessen Sachwalter abgegangen. … Darnach war es gewesen, als sei ein Vorhang über dem Ereigniß zugefallen – es war nie mehr davon gesprochen worden. Hatte der hochmüthige Beamte einst Schwester und Schwager verleugnet, so war auch der Arbeiter stolz genug gewesen, den Verwandten bis in den Tod hinein zu ignoriren.

Wie wohl die schöne Frau über dieses unnatürliche Verhältniß gedacht hatte? – Hochmuth lag nicht in dem Gesicht, wohl aber etwas Zärtliches, Glückseliges. Sie mochte wohl den Mann ihres Herzens über Alles geliebt haben und blindlings mit ihm gegangen sein. Vielleicht hatte sie nach seinem Tode der verstoßenen Schwester versöhnend die Hand bieten wollen, indem sie eine schriftliche Beziehung anzubahnen gesucht – sie war streng zurückgewiesen worden. … Und nun war der einzige Sohn dieser Schwester doch noch der Erbe im Hirschwinkel geworden. Ob die Verstorbene wohl deshalb nie ein Testament gemacht hatte, um stillschweigend die Hinterlassenschaft ihres Mannes, doch noch in die Hand kommen zu lassen, der das einzige Recht darauf zustand? –

Er vermochte kaum den Blick wegzuwenden von dem jugendschönen Gesicht, das aus einer fast märchenhaften Fülle blonder seidener Locken hervorlächelte, aber es lockte ihn auch, die Räume zu durchwandern, in denen diese Vereinsamte viele Jahre der Abgeschiedenheit durchlebt hatte. … Die Thüren der in einander führenden Zimmer standen weit offen; er konnte die ganze Wohnung so ziemlich mit einem Blick übersehen. Welch ein Unterschied zwischen dieser altväterischen verbrauchten Einrichtung und dem modernen Luxus in der prächtigen Villa, die sein verstorbener Vater unweit der Fabrik erbaut hatte!

Das Erkerzimmer war das stolzeste mit seiner Glasthür und den Polstermöbeln in grünblumigen Kattunbezügen, die mit den Gardinen harmonirten. Es stand schönes Meißner Porcellan auf den Kommoden, und neben guten Oelbildern schmückte ein großer Spiegel die Wand. Das mochte wohl immer das Zimmer der Frau gewesen sein, und nebenan hatte der Gemahl residirt. Seine Wittwe hatte ihn fast um zwanzig Jahre überlebt, aber noch hing der Schlafrock am Nagel, als habe ihn der Hausherr eben ausgezogen, um in die Uniform zu schlüpfen. Die Tabakspfeifen [23] standen wohlgeordnet auf dem Brett, und der Schreibtisch war sichtlich mit peinlicher Genauigkeit in dem ungeordneten Zustand erhalten worden, in welchem ihn der Oberforstmeister hinterlassen, als er zur Hofjagd gegangen war, von der er nicht zurückkehren sollte.

Ein seltsames Gefühl beschlich den jungen Mann – war es doch, als müsse er noch andere Tritte, als die seinen, in diesen wohnlichen Räumen hören. Die Verwaiste hatte es verstanden, eine Art von Lebensodem verstorbener Lieben um sich festzuhalten. Da nebenan war das Schlafzimmer. Dicht an dem einen Bette stand ein Kinderbettchen, mit bunter Decke belegt, als sei es eben, nachdem ihm der süße Schläfer entnommen, frisch aufgebettet worden. Aus dem Berichte des Sachwalters wußte Herr Markus, daß ein Erbe im Hirschwinkel geboren worden sei, ein Knabe, der aber in zartem Alter gestorben war. Eine Fülle von Zärtlichkeit und tiefer Sehnsucht mußte das Herz der Einsamen bis zum letzten Schlag bewegt haben, aber sie war auch ein starker, gesunder Geist gewesen, der den Lebensrest nicht in der Hingabe an den Schmerz verträumt hatte. Das bewies die „Bücherstube“, deren ganzen geistigen Inhalt die alte Frau in ihrem Kopfe gehabt haben sollte; davon zeugte die anstoßende Kräuterkammer, an deren Wänden sich große Bündel heilbringender Pflanzen hinreihten, welche die Verstorbene unermüdlich im Walde zusammengesucht hatte, um sie in dem kleinen Laboratorium nebenan in Arzneien und Specereien umzuwandeln.

Nach dem Erkerzimmer zurückkehrend, zog Herr Markus im Vorübergehen einen oberen unverschlossenen Kommodenkasten auf. Ein sauber zusammengefaltetes Kantentuch lag darin, und daneben ein großer, grünatlassener Strickbeutel, aus dessen halbzugezogener Oeffnung dürre Pflanzenstengel hervorstärrten. Das waren wohl die letzten Kräuter gewesen, welche die Heimgegangene im todbringenden Zugwinde auf dem Berggipfel gepflückt hatte. Die zusammengerollten Blätter stoben knisternd zu Boden, als der junge Mann den Beutel ergriff und den Bandverschluß aufzog. Dicht neben dem Kräuterwerke machten ein chirurgisches Besteck, ein Essenzfläschchen und ein vielbenutztes Notizbuch den gesammten Inhalt aus.

Mit etwas zaghaftem Finger öffnete Herr Markus die Schließen des kleinen Buches. Hin und wieder lagen getrocknete Pflanzen zwischen den Blättern, und Notizen in vollkommen correctem Latein waren dahinter geschrieben Recepte, Anmerkungen bezüglich der Oekonomie und des Hauswesens, Reflexionen, auch verschiedene Briefanfänge wechselten auf den Blattseiten mit einander ab. Das Buch war offenbar der stete Begleiter der Frau Oberforstmeisterin auf einsamen Wegen gewesen, in welchen sie Alles niedergelegt hatte, was ihr augenblicklich durch den Kopf gegangen war – ein seltsames Merkbüchlein, aus welchem der abgeschiedene Geist in all seinen Spiegelungen, ungeschminkt und unverfälscht sprach, wie es vielleicht kaum Blick und Stimme im Leben gethan.

Der Strickbeutel wurde pietätvoll an seinen Platz zurückgelegt; mit dem Büchlein aber setzte sich Herr Markus in den Erker hinter das Arbeitstischchen der Verstorbenen, um gespannt weiter zu blättern. Was mochten wohl die letzten Gedanken der seltenen Frau gewesen sein, ehe sie sich auf das Sterbebett gelegt hatte? – Eine mit zierlich winzigen Buchstaben bedeckte Seite – und nach ihr kamen die letzten weißen, unberührten Blätter – Es stand da:

„Nach gewissenhaftem Erwägen habe ich mich doch noch entschlossen, zu testiren; nicht bezüglich der gesammten Hinterlassenschaft meines verstorbenen Mannes – Sie wissen ja, daß ich mir darüber das Recht der freien Verfügung nie selbst zugestanden habe, im Gegentheil mich nur als Verwalterin derselben bis zu meinem Tode ansehe. Anders verhält es sich mit dem Vorwerke. Es war das erste Geburtstagsgeschenk meines Verlobten für mich; ich bezog während meines Ehelebens aus dem Ertrage mein Nadelgeld und die Armenunterstützungen, die ich mir gestatten durfte, und habe auch eine kleine Sparsumme, eine Hypothek auf dem Tillröder Gasthofe erübrigt. Darüber kann und will ich mit gutem Gewissen verfügen. Möglich, daß ich früher sterbe, als meine unglückliche Freundin auf dem Vorwerke – in dem Falle würde sie, ohne eine letztwillige Verfügung meinerseits, der schrecklichsten Noth preisgegeben sein. Freilich mit dem Prasser, dem Amtmann, und seiner unbezwinglichen Neigung zum Vergeuden, will ich nichts zu schaffen haben, aber auch der Frau darf ich das Vorwerk nicht zuschreiben lassen, wenn ich nicht will, daß dieser letzte Nothanker sofort in unnütze Dinge und Schlemmereien umgesetzt werde; sie ist zu schwach ihrem Manne gegenüber – ein Blatt im Winde! – Was meinen Sie dazu, wenn ich Agnes Franz, die Nichte, als Erbin einsetze? – Kommen Sie doch in den nächsten Tagen in den Hirschwinkel, Notabene, nicht ohne die gesetzlichen zwei Zeugen!“

Dieser Briefentwurf war jedenfalls an den Rechtsbeistand der Verstorbenen gerichtet. Vielleicht war sie auf ihrem letzten botanischen Streifzug zuerst auf dem Vorwerk eingekehrt, und irgend ein Vorkommniß dort hatte sie veranlaßt, noch unterwegs die Zuschrift an den Advocaten zu entwerfen – die Abschrift hatte der Tod verhindert.

Herr Markus klappte das Buch zu und steckte es sorglich in die Brusttasche. … Das war ja eine merkwürdige Entdeckung, eine ungeahnte Wandlung, die ihm eine Mission aufdrang. ….Sein Gesicht verfinsterte sich in ausgesprochenem Widerwillen. Die selige Frau Oberforßmeisterin hatte nichts mit „dem Prasser, dem Amtmann“, zu schaffen haben wolle – nun denn, ihr Erbe fühlte ebensowenig der Trieb, in irgend eine Beziehung zu der Amtmannsnichte, „dem Gouvernantenfräulein“, zu treten.

Er sah sie schon im Geiste, die wohlgepflegten weißen Hände, die so anmuthig vor Männeraugen zu spielen verstanden; er summirte das Bischen Französisch, einige gewagte Bleistiftcontouren, die Mondscheinsonate und ein Duldergesicht mit kokett niedergeschlagenen Augen – lauter Requisiten, aus welchen sich ein solch oberflächliches Gouvernantenpersönchen in seinen Augen zusammenzusetzen pflegte! … Lange nach dem Tode seiner Mutter hatte sich der Vater noch einmal verheirathet. Aus dieser Ehe war ein Töchterchen da, ein reizendes kleines Mädchen, das der „große“ Bruder vergötterte. Seine Stiefmutter, die seinem Hauswesen vorstand, glaubte ohne eine Stütze in der Erziehung des Wildfanges nicht auskommen zu können, und so war der enge Familienkreis seit vier Jahren durch eine Erzieherin erweitert. Aber schon dreimal in dieser Zeit war man gezwungen gewesen, mit den jungen Damen zu wechseln, weil schließlich stets das Bestreben, selbst Herrin in der Markus’schen Villa zu werden, alle anderen Leistungen weit überflügelt hatte.

Ein grimmer Spott zuckte um seine Lippen. Ei ja – das hätte ihm gefehlt, sich um seiner schönen Häuslichkeit willen heirathen zu lassen! – Unwillkürlich suchte sein Blick das Frauenbild an der Wand – das anziehende Wesen dort hatte mit jener Species nichts gemein. Also nur als die Verwalterin im Hirschwinkel hatte sie sich während ihrer Wittwenzeit angesehen? – Sie hatte das Erbe für den Sohn des mißachteten „Schlossers“ in unentwegtem Rechtsgefühl behütet und gemehrt, ob man auch ihre Hand tiefverletzten Stolzes zurückgestoßen? Ein charaktervolles Weib, eine starke Seele war die zarte, schlanke Lilie gewesen, die aus dem Goldrahmen der blonden Locken in bräutlicher Liebesdemuth zu ihm herübersah – das Herz schwoll ihm in einem wunderlichen Sehnsuchtsgefühl. – „Was – sentimental?“ – Er schüttelte die „närrische“ Anwandlung sofort wie einen Krankheitsstoff von sich.

„Sie haben mich wohl gar nicht gehört, Herr Markus?“ ’ fragte Frau Griebel, die eben eingetreten war und das Kaffeebret auf dem Sophatisch niedergesetzt hatte. „Und mein Porcellan hat doch mehr, als sich gehört, geklirrt und geklappert. … Sie guckten ja aber auch so verbissen da ’nüber an die Wand, als hätten De sich, meiner Treu, in die Selige verliebt.“

Er lachte und stand auf.„Bis über beide Ohren, Frau Griebel! Die wär’s gewesen, gleichviel, ob alt oder jung.“

„I machen Sie doch keine Streiche, Herr Markus!“ – Sie hielt im Abwischen der Tischplatte inne, wandte schwerfällig den Kopf nach ihm zurück und sah fast böse aus. – „Solch ein Spittelweibchen! Von der Ferne sah sie wohl manchmal noch roth und weiß aus wie eine Apfelblüthe, aber runzelig war sie doch wie Backobst – der Krauskopf da war schlohweiß geworden, und commandiren that das schmächtige Frauenzimmerchen zuletzt wie ein General.“


4.

Herr Markus hatte seinen Aufenthalt im Hirschwinkel ursprünglich auf höchstens drei Tage festgesetzt. Er wollte nach der unerläßlich gewordenen Inspicirung des neuen Besitzes eine Tour durch den Thüringer Wald bis nach Franken hinein machen. … [24] Nun waren aber drei Tage nach seiner Ankunft verstrichen, und es fiel ihm nicht ein, seine beabsichtigte Reise anzutreten, so wenig wie er jetzt noch daran dachte, das ferngelegene, ihm unbequeme Gut zu verkaufen, wozu er daheim fest entschlossen gewesen war. Um keinen Preis wäre ihm jetzt der reizende Erdenwinkel feil gewesen der ihn so heimisch umfing, als sei er in dem alten, trauten Gutshause geboren.

Er bewohnte das Erkerzimmer und ein rechts daranstoßendes Schlafcabinet. Die Zimmerflucht linker Hand dagegen, die mit dem Arbeitszimmer des verstorbener Oberforstmeisters begann und in das Laboratorinm auslief, wurde nach sorgfältiger Lüftung wie ein Reliquienschrein wieder unter Verschluß gelegt, und sollte nie benutzt werden, wie der Gutsherr zu Frau Griebel’s großem Aerger anordnete.

Er kam sich vor wie ein Einsiedler, der sich auf einsamen Berggipfel zurückgezogen hat, und kaum noch weiß, daß zu seinen Füßen die Brandung des Menschenverkehrs weiter tost, weil er sie nicht mehr hört. So still war es auch im Gutshause. Alles, was zur Oekonomie gehörte, concentrirte sich in dem zweiten großen Hof, hinter dem saubergehaltenen, kiesbestreuten Platz, aus welchen die Stufen der Hausthür führten. Da vorn durften nur die verwöhnten Truthühner umherstolziren; das buntgemalte Taubenhaus und ein vollästiger Birnbaumwipfel stiegen in die Lüfte, und Sultan’s Hundehütte stand an dem Thorweg wie ein Schilderhäuschen. … so rührig auch Frau Griebel auf ihrem Wirthschaftsposten war, im Vorderhause duldete sie kein geräuschvolles Hantiren, kein Thürenschlagen von seiten der Leute, und draußen vor den Fenstern war es noch stiller. Wunderselten einmal geschah es, daß Weiber mit einem Reisigbündel auf dem Rücken, oder ein Trupp beerensuchender Kinder aus dem Wege dahinschritten, der den Rasenfleck vor dem Gutshause durchschnitt.

Allerdings war es nicht das Wohlbehagen ausschließlich, was Herrn Markus auf dem Gute festhielt – es traten auch zu erledigende Geschäftsfragen an ihn heran. Eine längst projectirte Eisenbahnlinie, die auch den Hirschwinkel berührte, sollte nunmehr in Angriff genommen und abgesteckt werden. Diese Angelegenheit machte verschiedene Schreibereien nöthig. Der Schienenweg bedrohte das beste Stück Ackerland, während er doch nach Pachter Griebel’s Ansicht ebenso gut durch den minder werthvollen Wiesengrund laufen konnte.

Herr Markus hatte sein neues Gebiet bereits nach allen Seiten hin beschritten. Wohin er auch kam, überall fand er die musterhafteste Bewirtschaftung und das sichtliche Bemühen, die Güte des Bodens wie ein Kleinod zu behüten. Als Ausläufer dieses fruchtbaren Geländes lag freilich das Vorwerk da, wie ein angesetzter ärmlicher Flicken.

„So lange die Frau Oberforstmeisterin noch lebte, sahen die Grundstücke immer ganz passabel aus, sagte Peter Griebel „der Amtmann hatte einen heillosen Respect vor unserer alten Dame und ging deswegen gar oft selbst hinter dem Pfluge her. Dazumal hatte er noch einen Knecht, der ist nun aber auch gleich nach der Magd fortgelaufen, und beim Amtmann hat sich das Alter eingestellt – er geht am Stocke. Von Feldarbeit wäre keine Rede mehr, wenn sich nicht der Forstwart drüben im Grafenholz erbarmte. Der stammt aus dem Orte, wo der Amtmann früher die fürstliche Domäne in Pacht gehabt hat da ist er Tagelöhnerjunge gewesen und scheint an seiner alten Herrschaft zu hängen; denn das Bischen freie Zeit, das ihm sein schwerer Dienst übrig läßt, bringt er auf den Vorwerksäckern zu, und – da mag nun meine Frau sagen was sie will – die fremde Magd hilft tüchtig mit.

Bis in die Nähe der Vorwerksgebäude war Herr Markus noch nicht gekommen. Es war seine Absicht, den letzten Willensausdruck der verstorbenen Gutsherrin zur Geltung zu bringen, wenn das Schriftstück auch im Strickbeutel statt bei der gesetzlichen Behörde gelegen hatte und durch keinerlei Zeugenschaft beglaubigt war. Aber er wollte das erst nach seiner Rückkehr in die Heimath schriftlich abmachen – es widerstrebte ihm absolut, mit dem Amtmann und „dem Gouvernautenfräulein“ in persönlichen Verkehr zu treten.

Er sehnte sich überhaupt nach keinem Umgang in der Einsamkeit, die er zum ersten Mal kennen lernte und auszukosten wünschte. Er war durchaus kein Blasirter – das rauschende Leben der Großstadt hatte tausendfachen Reiz für ihn; er gab sich ihren schönen Genüssen mit voller Seele hin; denn er war ja ein noch junger Mann, dem die Lebenslust mit dem gesunden Blute durch die Adern strömte, aber nach all dem aufregenden Treiben der verflossenen Saison und dem geräuschvollen Arbeitsgetöse in seiner Fabrik fand er es köstlich, in der einlullenden Waldstille gleichsam zu versinken.

Er hatte einen ganz besonderen Lieblingsaufenthalt im Hirschwinkel für sich entdeckt; das war der kleine Pavillon, der sich auf der nordwestlichen Ecke der Gartenmauer erhob. Von achteckiger Form, gestattete er durch zwei Fenster und ebenso viel Glasthüren einen Ausblick nach allen Himmelsrichtungen. Die Innenwände waren mit verblichenen Frucht- und Blumenstücken auf grauem Grunde bemalt; ein kleiner weicher Eckdivan hinter einem runden Tischchen, einige Rohrstühle und ein Bücherbret über dem Divan bildeten das Meublement, und hinter den oberen Scheiben der Fenster und Glasthüren hingen Bogengardinen von Purpurkattun, welche das Stübchen mit einem magischen Schein füllten. Vor der einen Glasthür, nach der Westseite zu, zog sich ein schmaler Balcon mit hölzernem Geländer hin und – das war es hauptsächlich, was dem neuen Besitzer diesen Aufenthalt so reizvoll machte – von da führte eine kleine Treppe direct in das freie Feld, außerhalb des Gartens hinab. Nur ein schmaler Rasenstreifen lief hier draußen die Mauer entlang; darüber her wehten schon die nickenden Halme des nächsten Kornfeldes.

[41] Herr Markus saß am Morgen des vierten Tages nach seiner Ankunft in dem Gartenhäuschen auf der Mauer und schrieb. Er hatte mit einer Anzahl auserlesener Werke aus der „Bücherstube“, allerhand Schreibgeräth und einigen Regaliakistchen die kleine Stube noch behaglicher aussstaffirt. … Nun hatte er sich eine Cigarre angebrannt, und die blauen Wölkchen vertrieben die Camillen- und Lavendeldüfte, welche die Morgenluft aus dem Kräutergarten der Frau Oberforstmeisterin hereinwehte. – Er saß im Eckdivan, der Balconthür gegenüber. Sobald er aufblickte, übersah er durch die Glasscheiben den Weg, der, vor dem Gutshause hinlaufend, in fast schnurgerader Linie die Felder durchschnitt und erst weit drüben von dem beginnenden Waldschatten aufgenommen wurde. Nur einmal zweigte sich eine schmale Pfadlinie rechts ab, um hinter einem kleinen Fichtengehölz weg nach dem Vorwerk zu laufen.

Auf diesem Fußweg daherkommend, trat plötzlich ein weibliches Wesen in seinen Gesichtskreis – es war die Magd vom Vorwerk. Sofort erkannte er sie an Gang und Haltung, wenn auch heute, außer dem ominösen Weißen Tuch – von Frau Griebel zornmüthig „Scheuleder“ genannt – noch ein breitrandiger Strohhut ihr Gesicht beschattete.

Sie ging langsam mit gesenktem Kopfe; in der Linken trug sie einen Rechen und ließ im Vorüberwandeln die grünen Kornähren durch die Finger der rechten Hand laufen. Wie auf Goldgrund hob sich das Mädchen aus der sonnenhellen, einsamen Landschaft. Sie war offenbar im Begriff, auf der entferntgelegenen Wiese, wo sie vor einigen Tagen gemäht hatte, das Heu zu wenden.

Er sah sie näher und näher kommen; sie hatte sichtlich keine Ahnung, daß in dem Gartenhäuschen ein Beobachter jeder ihrer Bewegungen unverwandten Blickes folgte. Herr Markus hatte nicht mehr an das Mädchen gedacht, das ihm die verlangte Hülfe auf der Brücke nur mit Widerwillen geleistet, jetzt aber fiel ihm die knappe und schroffe Art und Weise, mit welcher sie ihn abgefertigt hatte, wieder ein; er mußte lachen, und es reizte ihn, mit der Spröden noch einmal anzubinden.

Er erhob sich und trat an die Thür, während sie, der Mauerecke nahe, plötzlich Halt machte und einen Brief aus der Tasche zog. Es schien, als spähe sie nach irgend einem dienstbaren Geist des Gutes aus, aber vor dem Hause und an den Fenstern desselben rührte und regte sich nichts. Sie betrat deshalb, kurz entschlossen, den Rasenstreifen an der westlichen Gartenmauer, jedenfalls um zu den Hintergebäuden zu gelangen, wo die Mägde in den Ställen zu finden waren.

In diesem Augenblick kam Herr Markus auf den Balcon heraus; er stieg rasch das Treppchen hinab und vertrat ihr so den Weg. Sie schrak zusammen, als habe sich die Erde vor ihr aufgethan, und ließ vor Bestürzung den Rechen fallen.

„Der Brief ist doch wohl für Jemand auf dem Gute bestimmt – gieb ihn mir! Ich will ihn bestellen,“ sagte er lächelnd, indem er die Hand nach dem schmalen Couvert ausstreckte.

Stumm reichte sie ihm den Brief hin.

„Was der Tausend – er ist ja für mich,“ rief er mit einem Blick auf die Adresse. „Von wem?“

Sie bückte sich und nahm den Rechen auf.

„Von Deinem Herrn doch nicht?“ inquirirte er weiter, da die Antwort nicht sofort erfolgte.

„Ja, vom Amtmann,“ bestätigte sie jetzt in der fast ängstlich knappen Redeweise, die er bereits an ihr kannte.

Er wiegte lächelnd den Kopf.

„Sieh, sieh, was der alte Herr für eine, zierliche Damenhand schreibt!“

„Das ist nicht seine Schrift – er leidet an Augenschwäche –“

„Ach so, da hat er dictirt, und eine seiner Damen, wie ich vermuthe, das Fräulein Gouvernante, hat nachgeschrieben.“ Er hielt die Adresse prüfend von sich ab. „Schöne, schlanke Züge, auf schneeweißem Papier, wie es sich für eine Dame gehört, die mit Küchengeräth und Staubtuch absolut nichts zu schaffen hat.“

Sie warf den Kopf auf, und er hoffte schon auf eine schneidige Replik, aber umsonst; sie senkte das Kinn wieder auf die Brust und schwieg.

„Du bist wohl für Deine junge Dame sehr eingenommen?“ fragte er; seine brennende Cigarre wieder zum Munde führend.

„Ich glaube nicht,“ versetzte sie und trat ein wenig zurück, als wolle sie den blauen Duftringeln ausweichen, die ihren Kopf plötzlich umschleierten. Lächerlich! Das Mädchen da, das in öffentlichen Vergnügungslocalen unter ihresgleichen den dicken Dampf unfeinen Canasters athmen mußte, that verwöhnt und belästigt, als habe sie die feinsten Damennerven – sie copirte höchstwahrscheinlich das Fräulein Gouvernante. Das ärgerte und reizte ihn – er that nun erst recht ein paar kräftige Züge.

„Du glaubst es nicht?“ wiederholte er darauf. „Aber ihr vornehmes Wesen gefällt Dir trotz alledem, wie ich vermuthe – Du möchtest wohl gar zu gern sein wie sie, nicht?“

„Das wäre ein sonderbarer Wunsch –“

„Ei warum denn? Die schönen Hände pflegen und sich im [42] kühlen Zimmer bedienen lassen ist doch tausendmal wünschenswerther, als in’s Heu zu gehen und bei harter Arbeit von der Sonnenhitze ausgedörrt zu werden?“

„Meinen Sie, das – das Fräulein arbeite nicht?“

„Mein Gott, ja!“ versetzte er in persiflirendem Tone. „Ich bin sogar überzeugt, daß sie mit behandschuhten Händen sehr fleißig Feldblumen pflückt und sie als geschmackvolle Sträußchen für Albumblätter trocknet oder in Wasserfarben malt; sie wird Kanten sticken, schreiben und lesen und ihre Fingerübungen auf dem Clavier mit grausamer Pünktlichkeit zum Genuß aller nervengereizten Menschen herunterspielen. Nun, stimmt es?“

„Zum Theil, ja!“ bestätigte sie, wobei sie den Strohhut noch tiefer in die Stirn zog. Es waren hübsche, schlanke, aber tiefgebräunte Finger, die nach dem Hutrand griffen.

„Siehst Du?“ sagte er mit muthwilligem Lächeln. „Ich glaube auch, daß sie sehr gut zu beurtheilen versteht, ob Du in ihrem Zimmer gründlich abgestäubt und die Ordnung wieder hergestellt hast; sie wird es ebenso wohl zu würdigen wissen, wenn Dir die süße Mehlspeise gerathen und der Braten nicht angebrannt ist.“

Ein leises Auflachen kam unter dem weißen Tuch hervor. „Ich weiß nur, daß sie sehr selten zufrieden mit mir ist,“ sagte das Mädchen gleich darauf mit Bestimmtheit.

„Du wirst es an der gebührenden Unterwürfigkeit fehlen lassen, meine Kleine. Quält Dich das Fräulein Blaustrumpf dafür?“

„Dafür nicht, aber sie macht mir oft die bittersten Vorwürfe, wenn meine Kraft mit dem Willen durchaus nicht Schritt halten will.“

Er ließ die Hand mit der Cigarre sinken, und seine Augen suchten mit dem Ausdruck von Befremdung unter Tuch und Hutschirm zu dringen. „Du sprichst ja merkwürdig gewählt für ein Mädchen Deines Standes,“ sagte er aufhorchend.

Sie fuhr erschreckt zusammen und streckte ihm die Hand wie zur Abwehr entgegen.

„Ach ja, ich vergaß – Du bist ja kein Dorfkind,“ setzte er hinzu und strich sich über die Stirn und sein reiches Haar. „Hast in der Stadt, in gutem Haus gedient, und da ist etwas von den herrschaftlichen Manieren hängen gebliehen. Deine junge Dame hat Dich ja mitgebracht, wie ich höre – warst wohl in einem Hause mit ihr?“

Das Mädchen zögerte einen Augenblick mit der Antwort. „Nun ja, wir waren in einem Hause – im Hause des Generals von Guseck in Frankfurt,“ sagte sie und griff mit weggewandtem Gesicht mechanisch in das Halmengewoge des Kornfeldes, neben welchem sie stand. „Ich war stets mit ihr zusammen; ich leiste ihr alle Kammerjungferdienste, wie sie solch ein verwöhntes ,Fräulein Gouvernante’ braucht, und weil ich unzertrennlich von ihr bin –“

„So bist Du auch mit hierher gegangen, direct in die Armseligkeit hinein,“ fiel er vervollständigend ein. „Du bist ein wunderliches Mädchen, behauptest, Du seiest nicht für Deine junge Dame eingenommen, und gehst doch mit ihr, auf gut Deutsch gesagt, durch ,Dick und Dünn’. Es muß ein Zauber, so etwas von der dämonischen Macht des Rattenfängers von Hameln, in ihr stecken. Ist sie hübsch?“

Sie bückte sich über einen Aehrenbüschel, den sie in der Hand zusammensaßte, und zuckte die Achseln. „Was Einem zu nahe steht, beurtheilt man selten richtig –“

„Sphinx!“ rief er, indem er ihr näher trat. „Du möchtest sie mir interessant machen mit Deinen sibyllenhaften Antworten.“ Er lachte frisch, aber sehr spöttisch auf. „Verlorene Liebesmühe, meine Kleine! Ihr Gouvernanten-Nimbus reizt mich nicht; ich werde ihr aus dem Wege gehen, wo ich kann. Aber ich habe ein anderes Verlangen – ihrem ,unzertrennlichen’ Schatten möchte ich in die Augen sehen.“

Ehe sie sich dessen versah, hatte er mit kühner Hand Hutschirm und Tuch erfaßt und bog ihr beides aus dem Gesicht, aber in demselben Moment auch trat er in einer Art verlegenen Erschreckens von ihr weg – er hatte in ein Antlitz von überraschender Schönheit gesehen.

Sie zog mit einem Laut der Entrüstung die Verhüllung wieder über die Stirn und floh an ihm vorüber. In einiger Entfernung blieb sie indessen noch einmal stehen und sagte mit bebender Stimme über die Schulter nach ihm zurück: „Sie verspotten die Dame auf dem Vorwerk um ihrer geistigen Beschäftigung willen, und mir haben Sie eben durch Ihr Benehmen gezeigt, wie tief die Frau in Ihren Augen erniedrigt wird durch die Arbeit, der ich mich unterziehe – ist das Männerurtheil?“

Damit wandte sie ihm wieder den Rücken und eilte so rasch weiter, daß sie binnen wenigen Augenblicken seinen Augen entschwunden war.

Er biß sich zornig auf die Unterlippe und schleuderte die Cigarre weithin auf den Wiesenrasen. Er begriff jetzt sich und sein Thun selbst nicht mehr, und seine Stiefmutter, die so oft schalt und böse wurde, wenn er sich über alle jungen Damen ihrer Kreise lustig machte und es mit boshaftem Spotte betonte, daß es ihm stets Ueberwindung koste, die „geschnürten Mamsellchen“ auch nur beim Tanzen zu berühren, sie würde wohl große Augen gemacht haben angesichts der beschämenden Situation, in die er sich selbst gebracht hatte. Aber es war vorhin wie ein Rausch über ihn gekommen, und das Berückende hatte in der Stimme gelegen, die aus dem mystischen Dunkel der Umhüllung heraus geklungen hatte, wie ein interessantes Räthsel.

Ebenso rasch wie er herunter gekommen war, sprang er das Balcontreppchen wieder hinauf, warf die Glasthür heftig hinter sich zu und trat grollend an eines der Fenster. Ach was, weshalb alterirte er sich denn eigentlich so in tiefster Seele? Von all seinen Freunden verschmähte es Keiner, ein hübsches Stubenmädchen oder Kammerkätzchen unter das Kinn zu fassen, gelegentlich auch einen Kuß auf eine runde, rosige Wange zu drücken, und wem wäre es je eingefallen, darin etwas Deprimirendes für den Attentäter zu finden, selbst wenn die Betroffenen protestirten und sich sträubten? War es ein Verbrechen, daß er den scheußlichen groben Strohhut und das „Scheuleder“ berührt hatte? – Einzig und allein sein Blick war es gewesen, um deswillen er zurechtgewiesen worden war, wie ein Profaner, der unerlaubter Weise in das Allerheiligste dringt. Das Mädchen arbeitete auf dem Felde – mußte sie sich nicht auch dreiste Blicke gefallen lassen von jedem Handwerksburschen, der zu ihr trat, um nach dem rechten Weg zu fragen? … Aber freilich, sie war ja auch „Kammerjungfer“ auf dem Vorwerke; „die Cultur hatte sie beleckt“; sie besaß unleugbar scharfen Verstand und von Natur aus Schlagfertigkeit des Geistes; sie gerirte sich deshalb nahezu als Familienangehörige des Amtmanns, obgleich sie das Grünfutter auf dem Kopfe heimschleppen und mit Hacke und Rechen auf den Aeckern und Wiesen hantiren mußte.

So sehr er sich auch bemühte, die Sache von der humoristischen Seite zu nehmen und schließlich darüber zu lachen, er wurde doch nicht Herr über das widerwärtige Gefühl, eine Lection erhalten zu haben, die ihn zeitlebens ärgern mußte. Für heute wenigstens war ihm die Laune total verdorben.


5.

Herr Peter Griebel unterbrach dieses unerquickliche Nachsinnen. Er kam vom Felde heim und erzählte dem Gutsherrn unter vergnüglichem Händereiben, daß die Absteckpfähle der Eisenbahn-Ingenieure drüben im Wiesengrunde eingerammt würden – der Ackerboden bleibe unberührt seitwärts liegen. Dagegen habe der Amtmann Franz einen „Mordspectakel“ erhoben – Peter Griebel hatte in ziemlicher Entfernung seinen Protest voll Gift und Galle, sein Poltern und Raisonniren mit angehört. Der Schienenweg sollte aber auch direct durch den Vorwerkshof und so nahe an der südlichen Ecke des Wohnhauses hinlaufen, daß der alte, morsche Bau in wenigen Jahren nothwendig als Schutthaufen in sich zusammenstürzen mußte.

Bei dieser Meldung erinnerte sich Herr Markus des Briefes, den er in die Tasche gesteckt und über dem Recontre dem Mädchen vergessen hatte. Er erbrach ihn und überflog halb belustigt, halb geärgert den Inhalt – die Leute auf dem Vorwerke waren doch sammt und sonders, vom Herrn an bis auf die Magd herab, unverbesserlich vom Hochmuthsteufel besessen, eine merkwürdige Gesellschaft, ein lächerliches Gemisch von Schwindelei, Anmaßung und Prüderie! –

Der Amtmann ignorirte vollständig die Thatsache, daß ihm durch den Rechtsanwalt des Erben der Pachthof seit Jahresfrist gekündigt worden war. Er protestirte in kategorischer Weise gegen das laxe Verhalten des Gutsherrn, der Eisenbahnfrage gegenüber, [43] durch welches er, sein Pächter, in seiner Existenz geschädigt würde. Nie und nimmer würde er darauf eingehen, den Oekonomiehof hinter das Haus zu verlegen, so wenig wie er sich gefallen lasse, daß ihm seine Wohnung eines schönen Tages über dem Kopfe zusammengerumpelt werde. – Schließlich berührte er sehr von oben herab mit wenigen flüchtigen Worten den Umstand, daß er mit dem „Bischen Pachtgeld“ allerdings noch restire, aber er erwarte täglich eine bedeutende Geldsendung, die sein Sohn, ein grundreicher Mann in Californien, unbegreiflicher Weise verzögere – sofort nach Eintreffen des Geldes werde „die Bagatelle“ berichtigt werden.

„Ja, ja, so macht’s der Amtmann!“ lachte Peter Griebel gutmüthig, nachdem ihm Herr Markus den Briefinhalt mitgetheilt hätte. Er ist eben ein närrischer Kauz –“

„Ein närrischer Kauz? – was Du doch immer für gemüthliche Ausdrücke hast, Peter – ein Erz-Aufschneider ist er,“ unterbrach ihn seine Frau. Sie hatte Petersilie vom Beet geschnitten, war auf die oberste Stufe des Pavillontreppchens von der Gartenseite her gestiegen und streckte die Faust mit dem dicken Petersilienbündel warnend durch die offene Thür. „Lassen Sie sich um Gotteswillen mit dem nicht ein, Herr Markus! Sie werden über’s Ohr gehauen, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht. Der denkt auch, wie der Vogel Strauß, wenn er die Augen zumacht, da sieht’s kein Mensch, in was für ein Hungerloch er sich durch seine eigene Schuld gesetzt hat. … Mit dem Sohne in Californien will er Ihnen auch nur Sand in die Augen streuen, wie allen den dummen Leuten, die ihm geborgt haben. … Mag schon ein schönes Früchtchen sein, der Herr Sohn von so ’nem alten Schwindler!“

„Mach’s doch nicht gar zu schlimm, Jettchen! Bist doch sonst nicht so!“ sagte ihr Mann. „Von der Frau Oberforstmeisterin weiß ich, daß der junge Franz ein guter Mensch gewesen ist – nur der Zorn und Jammer über die miserable Wirtschaft auf der Domäne hat ihn in die weite Welt getrieben. Er soll auch einmal ein großes Stück Geld heimgeschickt haben. Freilich, nachher ist er verschollen, und seine alte Mutter soll sich deshalb fast zu Tode grämen.“

„Na, da hören Sie’s ja, Herr Markus!“ bemerkte Frau Griebel anzüglich, mit dem Daumen nach dem Sprechenden zurückweisend. – „Und da verlangt der Mann auch noch, man soll solch einen unnützen Burschen, der nicht einmal Papier und Tinte für seine Mutter hat, womöglich für eine Respektsperson ansehen. – Da kannst Du warten, Peter.“ – Damit kletterte sie brummend und schwerfällig die Treppe hinab, um ihre Petersilie in die Küche zu tragen.

Herr Markus durchmaß unausgesetzt das Pavillonstübchen, nachdem auch Peter Griebel in die nahe Laube gegangen war, wo ihm sein Töchterchen Butterbrot und Servelatwurst und ein Gläschen goldhellen Nordhäuser zum Frühstück auf den Steintisch gestellt hatte.

Mit dem Briefe des Amtmanns war die Erbschaftsangelegenheil, die der Zufall in die Hand des neuen Gutsherrn gespielt hatte, in eine neue Phase getreten. Heute Morgen noch hatte er gemeint, durch eine Besprechung mit seinem Rechtsanwalt, kurz vor seiner Abreise, und ein paar Briefe von Berlin aus werde sich der letzte Wünsch seiner Tante leicht in Ausführung bringen lassen, ohne daß der ihm so antipathische persönliche Verkehr mit den Betheiligten nothwendig geworden wäre. Nun erschien aber eine ganz neue Person auf der Bildfläche – es war ja auch noch ein Sohn da, von welchem die Verstorbene eine sehr gute Meinung gehabt haben sollte, wie Peter Griebel wiederholt versicherte, und dennoch erwähnte ihn die letzte Verfügung mit keiner Silbe. War er vielleicht auch so nachgiebig und weichherzig wie seine Mutter und der gewaltthätigen, rücksichtslosen Art und Weise des Amtmanns ebenso wenig gewachsen, so daß die Testatorin gefürchtet, auch in seiner Hand sei der letzte Nothanker nicht gesichert? –

Demnach mußte die alte Dame eine große Achtung vor der Charakterstärke des Mädchens gehabt haben, unter dessen Hut sie die Zukunft der unglücklichen Jugendfreundin zu stellen gewünscht hatte. Herr Markus begriff diese Verblendung nicht. – Die Verstorbene war der unermüdliche Fleiß, die Thatkraft selbst gewesen; auf dem Felde und im Milchkeller, in der Küche und im Laboratorium, am Krankenbette der Armen, wie am Schreib- und Arbeitstische hatte sie sich stets zur rechten Zeit finden lassen, und nie war es ihr in den Sinn gekommen, sich auch nur ein Band ihres Anzugs oder das Haar von fremder Hand ordnen zu lassen. … Wie in aller Welt nun kam diese praktische, thätige Frau dazu, ein Mädchen mit einer solchen Aufgabe zu betrauen, von welchem er eben noch gehört hatte, daß es sich selbst in seiner jetzigen derangirten Umgebung fortgesetzt auf die verwöhnte Weltdame spiele, nicht Hand und Fuß rege, um der verkommenen Wirthschaft aufzuhelfen, und auch noch Kammerjungferdienste von der Dienerin beanspruche, die sich von früh bis spät im Hauswesen, wie auf dem Felde plagen mußte?

Er verwünschte den „dummen Einfall“, in Folge dessen er den alten Strickbeutel durchstöbert hatte – wäre er doch so weise gewesen, das urvorweltliche Möbel mit seinem Inhalte unbesehen in der Kommodenecke vermodern zu lassen. Nun war er auch noch so bodenlos albern, sich das Geschick der alten Frau aus dem Vorwerk zu Herzen zu nehmen und die gewissenhafteste Erwägung für seine Pflicht zu halten. … So viel stand fest: die Frau Oberforstmeisterin hatte sich bei aller geistigen Klarheit und Schärfe in Charakter und Wesen ihrer erwählten Erbin gründlich getäuscht – möglicher Weise war ihr eine Komödie vorgespielt worden. War es nicht geboten, ihren Mißgriff zu corrigiren und doch lieber dem jungen Franz das kleine Erbe in die Hand zu geben? Wer bürgte denn dafür, daß sich für die „Weltdame“ nicht sofort ein Freier fand, wenn die Erbschaft ruchbar wurde? Dann zögerte Fräulein Gouvernante sicher keinen Augenblick mitzugehen; Fremde säckelten den Nachlaß ein und die arme Kranke auf dem Vorwerk hatte das Nachsehen.

Voll Aerger fuhr er sich mit beiden Händen durch das Haar; nun blieb ihm doch nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und die Verhältnisse bei „Amtmanns“ sammt dem „Gouvernanten-Fräulein“ mit eigenen Augen zu prüfen.

Er blieb tagsüber verstimmt und griff gegen Abend nach seinem Hut, um den Wald zu durchstreifen. Das dunkle Laubdach über dem Kopf und verworrenes Rankengestrüpp zu Füßen, arbeitete er sich am liebsten durch das wilde Dickicht, und wenn der schwach modrige, aber kräftige Walderdengeruch aus den frischen Fußstapfen zu ihm emporhauchte und das aufgestörte, unabsehbare Blättergewoge unter seinen pfadbahnenden Armen wie empört aufrauschte, da mußte er ironisch lächelnd der Anlagen gedenken, die sein Vater dem kümmerlichsten Fleckchen der märkischen Sandbüchse abgerungen. Wie erlogen breitete sich dort das Rasengrün mit seinen Teppichbeeten vor der Villa hin, und die glatten Wege der wie heuchlerische Coulissen aufgestellten Bosquets endeten mit all ihren künstlerischen Windungen schließlich doch zur schreckenhaften Enttäuschung in der Sandöde.

Ein nur von den Forstleuten und dem Holztransport frequentirter Fahrweg trennte das Gebiet des Hirschwinkels von dem sogenannten Grafenholz, dem fürstlichen Waldrevier, und nahezu mit dieser Verkehrslinie schloß die Thalsohle ab; der herrliche Buchenbestand fing an, steil bergauf zu klettern; nur noch ein kleines Stück Wiesengrund schmiegte sich zwischen ihn und den Weg, und auf diesem Rasenfleck stand das Haus des fürstlichen Forstwärters. Es war ein hübscher neuer Ziegelbau mit großen, blanken Fenstern und einem weißen Holzstaket zur Seite, das ein kaum zwei Beete breites Stückchen Gartenland umschloß.

Schon zweimal hatte Herr Markus auf seinen Streifereien hier Halt gemacht, und auch heute blieb er stehen, als die rothen Wände plötzlich aus dem Busch hervortraten. Der Waldhüter, der das Haus bewohnte, mußte ein wahres Klausnerleben führen; er war jedenfalls ein unverheiratheter Mann, der mit dem Hausschlüssel in der Tasche seinem Berufe nachging. Nie stand die Thür gastlich offen; nicht die Spur eines Rauchwölkchens kräuselte über dem Schornstein; an den Fenstern, die wohl ein paar Blumentöpfe auf den inneren Simsen, aber nirgends den Schmuck hübsch gefalteter Gardinen aufwiesen, zeigte sich kein Menschengesicht, so wenig wie man irgend ein Hantiren innerhalb der vier Wände hörte; nur droben am Giebelfenster hingen drei, vier hölzerne Vogelbauer, in denen Finken und Kreuzschnäbel lärmten, und an dem steilen Abhange hinter dem Hause kletterten zwei naschende Ziegen herum, die wohl in den Stall des Forstwärters gehörten.

Der neue Gutsherr im Hirschwinkel hatte oft genug die Lust verspürt, dem nachbarlichen Waldhüterhaus näher in die Fenster [44] zu gucken, lediglich. um zu erfahren, an welcher Art Lectüre sich der ehemalige Taglöhnerjunge erquicke in seiner kärglichen Mußezeit, die ihm der strenge Dienst und seine Aushülfe auf dem Vorwerk übrig ließen. Wenn es Ritter- und Räubergeschichten waren, die dort zwischen den Blumentöpfen auf der niederen Brüstung über einander lagen, so steckten sie wenigstens nicht in der Livrée der Leihbibliotheken – er sah das über die Fahrstraße hinweg, die ihn um mindestens zehn Schritte von dem Hause trennte. – Vielleicht war er ein Mann von Intelligenz und Weltgewandtheit, dieser Waldhüter; er verkehrte ja viel auf dem Vorwerk, wo sich selbst die Magd, die mit Milcheimer und Heurechen hantirte, einer salonmäßigen Ausdrucksweise befleißigte.

Mit einem höhnischen Lächeln auf den Lippen bog er das letzte Gestrüpp aus einander, um auf den Fahrweg heraus zu treten, als ihn das Gebühren der einen Ziege stutzig machte. Es war ein junges schmächtiges Thier, das wie toll den Abhang herunter und über das schmale Wiesenland hin rannte; ihre Gefährtin trabte gemächlich hinterdrein, aber auch direct nach der Richtung, in welcher jetzt leichte Menschentritte hörbar wurden. … Herr Markus stampfte den Boden – immer wieder dieses Mädchen, das bereits anfing, ihm den Waldaufenthalt gründlich zu vergällen. War denn Amtmanns Magd das einzige weibliche Wesen, das in Wald und Feld lebte und athmete?

Da kam sie richtig wieder daher, das „Scheuleder“ auf dem Kopfe und einen großen Marktkorb am Arm. Die Ziegen liefen neben ihr und fraßen von dem Stück Brod in ihrer Hand, das sie für die Naschmäuler aus der Tasche gezogen hatte.

Herr Markus trat tiefer in das Gebüsch zurück, hinter die nächste dicke Buche – er wollte sich nicht noch einmal ärgern, wie heute in der Frühe. Das Mädchen war ihm förmlich verhaßt, und ebenso beflissen, wie er heute Morgen den Tabaksrauch unter das weiße Tuch geblasen, warf er jetzt die glimmende Cigarre auf den Boden und zertrat sie, auf daß ja nicht das leichteste hinüberziehende Duftwölkchen seine Anwesenheit verrathe.

Das Mädchen warf den Ziegen die Brodreste hin und trat auf die Thürstufen, um einen Einblick in das nächste Fenster zu gewinnen. Das Zimmer mußte leer sein; auch auf wiederholtest Klopfen gegen die Scheiben rührte sich nichts im Hause; die Thür blieb verschlossen. Da hieß es, sich in Geduld fassen.

Den Handkorb neben sich stellend, setzte sich die Angekommene auf die grüngestrichene Bank zu Seiten der Hausthür, jedenfalls um die Heimkehr des Hausbewohners zu erwarten. Sie löste die Tuchzipfel unter dem Kinn und ließ die weiße Umhüllung über den Nacken hinabfallen. So – das war sie ja nun, vom Scheitel bis zur Fußspitze, Amtmanns eitle Magd, die auf ihre Haut nicht das kleinste Sonnenfleckchen brennen lassen wollte, wie Frau Griebel erbittert behauptete, und so zornig Herr Markus war, er mußte zugeben, daß es auch schade um diesen etwas blassen. zartleuchtenden Teint gewesen wäre; er mußte bekennen, wie schon heute Morgen bei seinem flüchtigen Einblick, daß der Kopf dort den Adel und die Anmuth der Gestalt nicht im Entferntesten verwische; sondern mit voller Harmonie ergänze. Das verdroß ihn erst recht. Es wäre ihm tausendmal lieber gewesen, sie hätte geschielt, wäre sommersprossig und plump von Zügen gewesen – „die Aparte“.

Sie strich sich das lose Haar aus der Stirn nach dem Hinterkopf, wo es, ungeflochten und zu einem dicken Knoten aufgewunden, von einem Kamm gehalten wurde; dann legte sie tiefaufathmend die gefalteten Hände in den Schoos und lehnte, augenscheinlich erquickt durch die Waldruhe ringsum, den Kopf an die Hauswand. Sie sah sorgenvoll, wenn auch nicht eigentlich gedrückt aus und war wohl auch zu lebhaft und energisch, um sich länger als für ein paar Augenblicke der absoluten Unbeweglichkeit hinzugeben.

Aus dem Korb wurde ein Päckchen genommen, aus einander gerollt, und mit prüfendem Blick über die Kniee hingebreitet – Herr Markus sah, daß es eine weiße Spitzenkante war, wahrscheinlich alter ausgedienter Putzkram vom „Gouvernantenfräulein“, der nun noch an dem weißen Halse paradiren sollte. – Die flinken Finger wendeten das mißfarbene Gewebe nach allen Richtungen, und es sah fast aus, als streifte die Rechte liebkosend d’rüber hin – dann wandte das Mädchen plötzlich den Kopf zur Seite, wickelte die Kante eiligst zusammen und erhob sich.

Ein stattlicher Mann in grünem Rock kam den Fahrweg entlang. Als er der Wartenden ansichtig wurde, beschleunigte er seine Schritte; auch sein Hund, der müde vor ihm hergetrottet war, schoß vorwärts und sprang freudebellend an dem Mädchen empor.

„Es ruht sich köstlich vor Ihrer Klause, Fritz – aber ich bin doch froh, daß Sie kommen; ich habe Eile,“ sagte sie und copirte ihre junge Dame jedenfalls bis auf die kleinste Nüance; denn in der Art und Weise, mit welcher sie den höflichen Gruß des Herankommenden erwiderte, lag so viel freundliche Würde, wie sie höchstwahrscheinlich die blaustrümpfige Amtmannsnichte dem ehemaligen Tagelöhnerjungen gegenüber herauszukehren pflegte.

„Ich habe einen dringenden Auftrag für Sie,“ fuhr sie fort. „Aber erst sollen Sie etwas Gutes bekommen,“ unterbrach sie sich und reichte ihm aus dem Korb einen kleinen Brodlaib. „Ich habe heute Brod gebacken, und es ist so herrlich ausgefallen, daß Sie auch davon essen müssen. – Das ist nun auch überwunden, Fritz, und jetzt lache ich über den angstvollen Moment, wo ich zum ersten Mal mit grenzenlos ungeschickten Fingern den Teig knetete und schließlich ein paar steinharte, schwarze Klumpen aus dem Ofen brachte.“

„Ja, damals gab’s Thränen; bei aller Standhaftigkeit,“ sagte der junge Mann mit einem gutmüthigen Lächeln. Er legte das Brod auf den äußeren Fenstersims, sah dabei aber gespannt nach dem Mädchen zurück. „Muß es wieder einmal sein? Zum Juden oder zum Goldschmied in L.?“ fragte er ohne Umschweife, jedenfalls im Hinblick auf den verheißenen Auftrag.

„Ach, Sie wissen ja am besten, daß wir beim Goldschmied längst nicht mehr anklopfen können – zum Juden müssen Sie. Bis übermorgen müssen acht Thaler geschafft werden.“

Der Mann fuhr sich wie in heller Verzweiflung mit der Hand durch das krause Haar hinter dem Ohr.

„Ja, da sehen Sie nun, Fritz! Wir haben doch gewiß aufgepaßt, nahezu wie Gensd’armen, und dabei hat es doch so, ein commis voyageur möglich gemacht, ungesehen einzudringen und ein paar Kistchen feiner Cigarren in das Haus zu schwindeln. Sie sind bis zu einem kleinen Rest aufgeraucht, und nun kommen die Rechnungen und Mahnbriefe, und heute wurde die sofortige Klage bei Gericht in Aussicht gestellt.“

„Herr Gott im Himmel, ich hab gewiß Geduld, aber mit der Zeit wurmt und ergrimmt es Einen doch, und der Aerger würgt an der Kehle, wenn man sieht, daß es so gar kein Einsehen giebt, daß fortgewirthschaftet wird, als wär’ der Geldsack noch voll, wie in guten Zeiten.“

Ein trüber Ausdruck schlich um den Mund des Mädchens. „Können wir’s ändern, Fritz?“ Sie lächelte schwach. „Da stecken Sie in jeder freien Minute die Nase in Ihre naturwissenschaftlichen Bücher und wissen nicht einmal, daß das Wasser vom Uranfang an absolut nicht zum Berg hinauf will – alte Gewohnheiten und Neigungen lassen auch nicht vom Alter –“

„Aber so ein gottsträflicher Leichtsinn bei solch einem alten Herrn –“

„Still!“ unterbrach sie ihn heftig, mit einer herrischen Geberde. „Uns Beiden kommt es nicht zu, ihn zu richten; wir haben nur seiner Güte und Fürsorge zu gedenken. Hier“ – sie rollte die Spitzenkante aus einander – „ist noch ein Werthstück, kostbare alte Spitzen! Es ist mir versichert worden, daß sie unter Brüdern mindestens zwanzig Thaler werth seien – von Baruch Mendel dürfen wir freilich nicht mehr als die Hälfte des Preises erwarten.“

„Ob er sich überhaupt damit befaßt?“ meinte der Mann achselzuckend, mit einem ungläubigen Blick nach dem unscheinbaren Gewebe. „Die zwei seidenen Kleider und den Shawl hat er wohl gekauft, aber solch windiges Zeug? Ich glaube, er lacht mich nur aus. Lieber noch ein paar silberne Löffel, mein’ ich.“

„Die letzten?“ rief das Mädchen ganz empört. „Wo denken Sie hin? Soll ich ihr einen Blechlöffel neben den Teller legen? Das geschieht nicht, so lange ich Hand und Fuß rühren kann! Sie verstehen davon nichts, Fritz,“ setzte sie ruhiger hinzu, indem sie die Kante zusammenfaltete und ihm hinreichte. „Gehen Sie nur getrost zum Juden, der versteht sich auf Spitzen wie auf Goldsachen. … Haben Sie morgen Zeit und vielleicht selbst Besorgungen in der Stadt?“

„Wenn auch nicht – den Weg mache ich trotzdem möglich; Sie wissen’s ja –“

„Ja, ich weiß es, Sie sind ein guter, kreuzbraver Mensch.“

Dieses einfache, aber in innigem Tone gesprochene Lob schien ihn verlegen zu machen. Er griff linkisch nach seiner Mütze und [46] zog und rückte an dem Schild. „Heute sind sie ja auch dabei, die Bahnlinie abzustecken,“ sagte er ablenkend.

„Ja – und es gab deshalb viel Sturm und Unheil bei uns, wie Sie sich denken können. Es war überhaupt ein abscheulicher Tag heute“ – sie verstummte und klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne.

„Ich glaub’s. Aber die reine Lächerlichkeit ist’s doch, daß sich der alte Herr über die Geschichten immer so ereifert. Ihm kann’s doch ganz egal sein – er erlebt’s ja doch nicht auf dem Vorwerke, daß die Schienen über den Hof laufen oder gar die Locomotive an der Hausecke vorbeisaust. Der Neue auf dem Gute wird bald genug Kehraus machen und – na, er ist in seinem Rechte.“

„Ja wohl – in seinem guten Rechte!“ bestätigte, sie hart, mit Achselzucken. „Was gehen ihn die alten Beziehungen an?“

„Du lieber Gott, ja! Was fragt so ein junger herrischer Sausewind nach einer alten Freundschaft, die er in seinem ganzen Leben nicht mitangesehen hat? Man kann’s ihm nicht einmal verdenken! Ich hab’ ihn gestern im Vorbeigehen gesehen – ein hübscher Mann, stattlich und frisch! Er hat freilich ’was Brüskes, wie es ja die Herren vom Geldsacke fast noch mehr im Wesen haben, als die von Adel – den Ton kenn’ ich als alter Officiersbursche gut genug. Er stand mit dem Pachter Griebel an der Schneidemühle, die er umbauen lassen will – na, wackelig genug ist sie!“

[57] Das Mädchen wandte sich ab, als hörte sie kaum auf das, was Fritz sagte, und nahm das weiße Tuch von der Bank, um es wieder, über den Kopf zu werfen.

„Aber mir geht das Rebelliren im alten Hirschwinkel doch an’s Herz,“ setzte er hinzu. „Das Vorwerkshaus steht auch nicht fester als die Schneidemühle – der beste Vorwand, kurzen Proceß zu machen.“

„Mag er!“ sagte das Mädchen rauh, während sie die Tuchzipfel mit hastigen Händen unter dem Kinn zusammenknüpfte.

„Mag er uns auf den Bettel schicken! Mag’s sein – immer hin! Ich zermartere mir Nachts nur immer den Kopf, wie wir die Kranke fortbringen wollen –“ die Stimme versagte ihr.

„Aber das ist doch das Wenigste,“ meinte er mit seinem treuherzigen Lächeln in dem bärtigen Gesicht. „Halten Sie mich denn für so ’nen Schneider, daß ich nicht einmal das abgezehrte, schwache Weibchen auf dem Arme forttragen könnte? Stundenweit will ich sie tragen, die gute, alte Dame, und sie soll weder Ruck noch Zuck verspüren in ihren schmerzhaften Gliedern. Und so weit ist’s ja auch noch lange nicht bis zu dem Hause da. Die schöne Eckstube auf der Südseite ist groß und hell – da kann ihr Bett stehen, und sie sieht von zwei Seiten in’s Grüne; das wird ihr gut thun. Und der alte Herr hat’s hier am Fenster auch viel hübscher als auf dem Vorwerk; es fährt und geht ja doch dann und wann ein Bischen Menschentreiben vorbei – auf dem Vorwerk sieht er nur den öden Hof, wo die paar übriggebliebenen Hühner krakeln und scharren.“

„Sie sind treu wie Gold, Fritz, aber –“

„Und das Giebelstübchen da oben,“ fuhr er fort, ohne ihren Einwurf zu beachten, und zeigte mit dem Daumen nach dem Fenster, vor welchem die Vogelbauer hingen – „das ist das schönste im ganzen Hause; ich lasse einen kleinen Ofen hineinsetzen, und da kann eine junge Dame im Sommer und im Winter malen und in ihrer freien Zeit hübsches Geld verdienen. Also mit dem Bettel ist’s noch nichts, noch lange nicht. … Nur immer den Kopf oben behalten – das ist die Hauptsache.“

„Ja, das werde ich,“ sagte sie fest und nicht ohne einen gewissen Trotz. „Es soll dem tückischen Schicksal schwer werden, mich niederzuwerfen. Noch weiß ich nicht, was Seelenmüdigkeit ist, und dazu fühle ich die Kraft der Jugend in meinen Händen. … Und ansehen soll mir’s gewiß Keiner, wenn das Bischen Selbstgefühl einmal nicht so pariren will, wie es soll und muß. – Im Uebrigen sind Sie ja da, Fritz, meine treue Stütze.“

Sie griff nach dem Handkorbe. „Nun muß ich heim – da wartet noch ein tüchtiges Stück Arbeit auf mich. Und nebenbei muß ich noch plätten – die arme Kranke soll und muß morgen frischgewaschene Bettgardinen haben, aber ich bin mit meinem Tannenzapfen-Vorrath zu Ende“ – ein Lächeln huschte wie Sonnenlicht über ihr Gesicht – „und da habe ich den unverschämt großen Korb da mitgebracht.“

Er lachte, nahm den Korb und zugleich das Brod vom Sims und beeilte sich, das Haus aufzuschließen. Gleich darauf kam er beladen zurück. Durch den Wald wenigstens werde er ihr die Last tragen, sagte er abwehrend, als sie darnach griff, und nun schritten sie einträchtig neben einander, zwei prächtige Gestalten, die zusammenpaßten. Und der Hund trabte auf der andern Seite neben dem Mädchen, als sei sie das Eigenthum seines Herrn, das sie Beide eifersüchtig und schützend in ihre Mitte nehmen müßten.

Herr Markus sprang aus dem Gebüsch und sah ihnen nach, starr und unverwandt, bis sie auf der Biegung des Weges verschwanden. Dann fuhr sein Blick verdüstert über das Haus. … Wie lange dauerte es noch, da hingen hübsche Gardinen an den kahlen Fenstern, und ein schönes junges Weib sah heraus – eine lächerliche Zusammenstellung, die der feinen Welt abgelauschten Manieren und das Teigkneten, das Waschen und Scheuern der zukünftigen Frau Forstwärterin!

Aber es war trotz alledem so. Diese beiden Menschen arbeiteten und sorgten mit vereinten Kräften für ihre verarmte Herrschaft, und aus der treuen Cameradschaft wurde schließlich der Ehebund – selbstverständlich! … Was wollte auch die Dienende, von weither Gewanderte im ärmlichen Arbeitskittel mehr? Sie trat in die gesicherte Stellung der Frau, bekam ein schönes Heim im Walde und einen stattlichen Mann, der noch dazu nach Bildung und Belehrung strebte und „die Nase in naturwissenschaftliche Bücher steckte“.

Dieses unbegreifliche Mädchen mit seiner beispiellosen Hingebung hatte dann die geliebten Hülflosen im eigenen Hause. Sie bediente nach wie vor Fräulein Gouvernante und behütete ihr die letzten silbernen Löffel, auf daß kein gemeiner Blechlöffel ihre verwöhnten Lippen berühre. Und droben im schönen Giebelstübchen sollten die schönen Feldblumensträuße gemalt werden, hatte der Forstwärter gesagt. … Zum Teufel, nein, Herr Grünrock, so weit war es noch lange nicht. „Der Herr vom Geldsack mit seinem brüsken Officierston“ ließ sich nicht beschämen, auch nicht vom wohlbestallten Forstwärter Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht, und [58] machte ihm noch viel weniger die Freude, den zahlungsunfähigen Pachter schleunigst aus dem Hause zu werfen, auf daß die Hochzeit mit Amtmanns Magd – mit diesem merkwürdigen Mädchen, bei welchem man oft plötzlich denken mußte, nicht die Manieren seien geborgt, sondern der Arbeitskittel – um so rascher in Scene gesetzt werden konnte. Darin irrte sich der Herr Forstwärter denn doch gewaltig! …

Mit einem elastischen Sprung in das Dickicht kehrte Herr Markus dem stillen Hause den Rücken und ging den Weg zurück, den er gekommen.

Inzwischen war das goldgrüne Wald-Abendlicht nahezu erloschen und mit ihm der sänftigende Zauber der durchleuchteten Einsamkeit. Der unter dem Gebüsch hinkriechende tiefe Schatten verdunkelte auch die Menschenseele – Herr Markus konnte seiner heutigen tiefen Verstimmung noch weit weniger Herr werden, als vorher, und wehe der naseweisen Haselgerte, oder den herabhängenden Baumzweigen, die es wagten, sein finsteres Gesicht zu streifen – sie wurden zornig abgeknickt und weithin geschleudert.


6.

Da machte er es nun wie tausend andere Egoisten auch. Nach den Anforderungen der Religion und vielleicht auch einer Art von allgemeiner schläfriger Menschenliebe sind sie geneigt, Almosen von dem Ihren zu geben – aber nur ja keine Berührung mit den Leuten selbst, denen geholfen werden soll! Sie machen einen weiten Bogen um die unangenehmen Verhältnisse, auf daß keiner der fremden Schicksalsfäden an ihren Kleidern hängen bleibe, und schieben die unbequeme Aufgabe sacht und beharrlich aus dem Wege, um – plötzlich mitten in die Situation hineinzuspringen, wenn ihre Eigenliebe in’s Spiel gezogen wird. Oder war es nicht die aufgestachelte Eigenliebe, die ihn trieb, dem widerwärtigen Forstmann mit seinen humanen Absichten um jeden Preis zuvorzukommen? Wäre er nicht am liebsten jetzt gleich, stehenden Fußes, nach dem bisher gemiedenen Vorwerk gegangen, um sich „dem alten Verschwender, dem Prahlhans, dem notorischen Spieler und Schlemmer“ und den Seinen vorzustellen, und sie Alle zu bitten, doch ja um Gotteswillen nichts Schlimmes von ihm zu denken? Nichts, als die liebe Eitelkeit und das Zorngefühl gegen den Grünrock, der so treu wie Gold sein sollte – hatte das Mädchen nicht so gesagt? – und sich doch nur auf den Opferungsvollen spielte, um dabei zu fischen, was er sich wünschte. …

In ärgerlicher Hast bahnte er sich weit rascher als vorher einen Weg durch das Unterholz und schritt bald auf einem der gebahnten, schmalen Stege, welche auf die nach dem Gute laufende Fahrstraße mündeten, und als er heraustrat, da sah er Frau Griebel von der Schneidemühle herkommen.

Sie trug auch ein Fischnetz am Arm. An dieser Stelle sah es nun freilich nicht so poetisch aus, wie es neulich der schlanken Prüden angestanden; auch zerrte sichtlich eine weit größere Last an den Maschen, als das schmale, für die Kranke bestimmte Fischlein gethan.

„Ja, da kommen Sie mir nun ein wenig in die Quere, Herr Markus!“ rief sie ihm in unverhehltem Verdruß entgegen. „Konnten Sie sich denn nicht noch ein Bischen im Walde aufhalten, bis ich glücklich zu Hause war und meine Forellen ausgeweidet hatte? – Nun müssen Sie warten und sich am gedeckten Tisch langweilen; ich kann Ihnen nicht helfen. – Na ja, gucken Sie nur her! Gesehen haben Sie’s ja doch nun einmal – es giebt richtig Forellchen heute Abend, die schönsten, die der Sägemüller in seinem Fischkasten hatte. Luischen hatte frische Butter geschlagen, und vor einer halben Stunde kamen sie an – neue Kartoffeln nämlich. Ein guter Freund von uns, der Schloßgärtner, wo mein Mann bis vor drei Jahren Verwalter war, hat mir aus alter Liebe und Freundschaft ein Gerichtchen für Sie abgelassen. … Herr Markus, neue Kartöffelchen um die Zeit!“ – Sie unterbrach sich plötzlich und blieb stehen.

„I was – da haben wir ja wieder einmal noblen Besuch an der Landstraße!“ sagte sie grimmig und zeigte mit dem ausgestreckten Arm nach einer Gestalt, die, mit dem Rücken an den Stamm einer Buche gelehnt, quer über die Fahrgeleise hingestreckt lag. „’S ist doch eine gräuliche Zeit jetzt! Die betrunkenen Handwerksburschen liegen wie die Fliegen am Wege, und man muß sich nur immer in Acht nehmen, daß man keinen todt tritt. Das war früher nicht so! Und wenn Sie zehnmal selber ein Fabrikant sind, Herr Markus, ich sag’s doch – das Fabrikgetreibe macht’s und das ewige Kriegsgetute in die Welt ’nein. Es müssen deshalb zu Viele spazieren gehen, wenn sie auch nicht wollen, und da haben sie die scheußliche Lasterhaftigkeit an sich, sie wissen nicht wie. Und da wird nachher gegen die Verderbtheit gedonnert und zur Umkehr commandirt – ach ja, mit sattem Magen spricht sich das gar leicht.“

Sie waren inzwischen dem am Boden Liegenden näher gekommen, und Herr Markus bog sich nieder und sah in das blasse Gesicht des Menschen, der mühsam die Lider von den erloschenen Augen hob, um einen scheuen, verstörten Blick auf die Sprechenden zu werfen.

„Aber der Mann ist ja gar nicht betrunken,“ sagte Herr Markus und fühlte rasch an den Puls der schlaff hingesunkenen Hand.

„Meiner Treu, das seh’ ich jetzt auch! … Du lieber Gott, ich spreche von neuen Kartoffeln, und da verhungert Einer! Ja, ja, wie ich immer sage, die Gottesgaben sind wunderlich vertheilt in der Welt.“

Sie fuhr mit der Hand in die Tasche, brachte eine Semmel zum Vorschein und hielt sie dem Mann an den Mund. „Heda, guter Freund, beißen Sie einmal herzhaft da hinein – das wird Ihnen so gut thun, wie wenn man frisches Oel auf eine Lampe schüttet.“

Eine schwache Röthe schoß in die Wangen des Erschöpften, wie schon vorhin bei dem Wort „verhungert“, und seine Hand hob sich matt abwehrend.

„I sperren Sie sich doch nicht wie eine Jungfer!“ schalt Frau Griebel ärgerlich. „Ihnen sieht man den Hunger auf tausend Schritt an, und da wollen Sie Einem wohl auch noch weiß machen, Sie hätten womöglich Lampreten zu Mittag gespeist! … Essen Sie nur von der Semmel da! Das hilft Ihnen einstweilen so weit auf die Beine, daß wir Sie nach Hause bringen können; und da hab’ ich noch vom Mittag eine schöne, kräftige Fleischsuppe stehen, und ein gutes Bett sollen Sie auch haben.“

„Versuchen Sie zu essen!“ sagte Herr Markus mit freundlicher Bitte; darauf hin nahm der Mann das Gebäck, und nun, mit dem ersten Bissen, war er nicht mehr Herr seiner selbst; er aß mit unbeschreiblicher Gier und schien Alles um sich her zu vergessen.

Er war ein hübscher, junger Mann mit einem voll und lang auf die Brust herabfallenden, röthlich blonden Bart. Seine Kleidung war abgetragen, aber man sah, daß er auf Sauberkeit hielt – für den neuen, schneeweißen Papierkragen am Halse hatte er vielleicht seine letzten Pfennige hingegeben.

„Ja ja, wenn das manchmal so eine arme Frau zu Hause wüßte!“ sagte Frau Griebel mit einem bezeichnenden Kopfneigen nach dem Essenden. „So einer Mutter ist manchmal kein Bett weich genug und kein Essen zu kräftig für ihren Jungen, und nachher –“

Sie verstummte unwillkürlich; denn so hastig, wie seine Schwäche es zuließ, griff der junge Mann nach seinem Hute, der ihm beim Niedersinken entfallen sein mußte, und drückte die breite Krempe tief in die Stirn, als wolle er sein Gesicht den Dastehenden entziehen.

„Na, junger Mann, das brauchen Sie nicht gleich krumm zu nehmen,“ meinte Frau Griebel in ihrer unzerstörbar gleichmüthigen Sprechweise. „Es hat schon Mancher draußen bei anderen Leuten gefochten oder mit hungrigem Magen im Chausseegraben campirt und ist nachher doch zu Hause ein gemachter Mann geworden. Das bleibt nicht an Ihnen kleben, wenn Sie sonst ein ordentlicher Mensch sind. … So, nun wollen wir einmal sehen, ob wir Sie auf die Beine bringen können.“

„Ich habe sechs Wochen lang im Spital krank gelegen,“ murmelte er fast unverständlich, „und komme –“

„Ja, das sieht man Ihnen an, daß Sie krank gewesen sind,“ unterbrach ihn die Frau, „und woher Sie kommen, und was Sie weiter vorhaben, das brauchen wir gar nicht zu wissen. Sie bleiben die Nacht auf dem Gute – ein Bischen Schlaf ist Ihnen so nöthig, wie das liebe Brod, und morgen wollen wir weiter sehen. … Also, Courage! Probiren wir’s einmal!“

Sie faßte ihn kräftig unter den Arm, und auf der anderen Seite half Herr Markus; es gelang – der junge Mann kam auf die Füße, aber er war doch noch zu schwach, um ohne Stütze [59] gehen zu können. Völlig willenlos ließ er sich fortbringen, daß er sich aber seines erbarmungswürdigen Zustandes vollkommen bewußt war, das sah man an der stillen Verzweiflung, die sich in seinen Zügen malte.

Auf dem weiten Wiesenplan vor dem Gutshause war das Gras gemäht worden. Ganze Wolken süßen Heuduftes wirbelten in den Lüften, während zwei Mägde vom Gute die dörrenden Halmlasten mit dem Rechen auf kleine Haufen zusammenschoben.

Die Mädchen hielten mit offenem Munde inne, als die seltsame Gruppe langsam daherkam, und Luise, die im Rosakleide und weißen Latzschürzchen unter der Hofthür stand und nach Mama und den Forellen ausschaute, flog erschrocken und so behende den Kommenden entgegen, daß die langherabhängenden, flachsblonden Zöpfe auf ihrem Rücken tanzten.

„Mama, ist er verunglückt?“ fragte sie mit stockendem Athem, und ihre hübschen, blauen Augen blickten in entsetzensvollem Mitleiden unter die breite Hutkrempe.

Das bärtige Gesicht des jungen Mannes erröthete in Scham unter diesem Blicke, und mit übermenschlicher Anstrengung versuchte er, sich strammer aufzurichten und allein weiterzugehen – ein vergebliches Bemühen!

Frau Griebel rief einer der gaffenden Mägde zu, ihren Platz an der Seite des hülflosen Fremden einzunehmen, damit sie selbst das Nöthige im Hause zu seiner Aufnahme vorbereiten könne. Das Mädchen kam wohl auf einige Schritte herbei, aber sie murrte und entgegnete tückisch, es sei ihr noch von keiner Herrschaft zugemuthet worden, die Bettelleute von der Straße aufzulesen, und einen betrunkenen Handwerksburschen wie einen Prinzen nach Hause zu führen – sie habe frischgewaschene Kleider an und wolle sie nicht beschmutzen.

Ein Stöhnen rang sich aus der Brust des Fremden.

Auf diese Laute hin streckte Luise sofort ihre runden, weißen Arme aus, um den Samariterdienst zu übernehmen.

„Geh nur weg, Du Flederwisch!“ wehrte Frau Griebel, halb lachend und doch mit einem zärtlich entzückten Blicke auf die leichte, zierliche Gestalt ihrer Einzigen, die Hülfe ab. „Du wärst mir auch die Rechte mit Deinen Puppenärmchen – ’s ist gerade, wie wenn ein Rothschwänzchen daher gehüpft käme. … Flink, lauf’ in’s Haus, rücke schnell den Suppentopf von heute Mittag auf’s Feuer und stecke das große Bett in der Soldatenkammer in frische Ueberzüge! Und mit Dir werde ich heute noch ein Wörtchen reden!“ rief sie der störrischen Magd zu, die schon wieder nach ihrem Rechen griff. „Heute über vier Wochen hast Du im Hirschwinkel nichts mehr zu suchen – daß Du’s weißt!“

Nach einer halben Stunde lag der Erschöpfte in einem guten Bett. Durch das große, helle Fenster der sogenannten Soldaten-Logirkammer im Erdgeschoß guckte der grüne Birnbaum im Hofe herein; der Abendwind kam durch die Waldwipfel mit leisem Fächeln daher und hauchte das saubere Stübchen voll Kühle und Laubduft; die kollernden Truthühner waren zur Ruhe gebracht, und nur auf der Mauer, welche die beiden Höfe trennte, saß ein weißes Kätzchen und putzte sich.

Zum ersten Mal hatte Herr Markus selbst die Schlüssel aus dem Wandschränkchen im Erkerzimmer genommen und war in den Weinkeller der seligen Frau Oberforstmeisterin hinabgestiegen, um eine Flasche von dem köstlichen alten, nur für die Armen und Bedürftigen angeschafften Krankenwein aus ihrer dunklen Ecke zu holen. Der Kranke hatte gegessen und auch von dem Madeira getrunken, aber über seine Lippen war kein Wort gekommen, und je mehr ihm Nahrung und Stärkung die schon halb entflohenen Lebensgeister in das frischer kreisende Blut zurückriefen, desto verzweiflungsvoller sah er aus. Sein Blick hing sehnsüchtig am offenen Fenster, und der Gutsherr dachte im Stillen, die erste selbstständige Kraftäußerung dieses armen Menschen werde ein Sprung aus dem niedrigen Fenster sein; er werde auf Niewiedersehen verschwinden, um die Erinnerung an ihn und sein Elend in den barmherzigen Seelen so schnell wie möglich zu verwischen.

Aber ein wenig später machte die erschöpfte Natur ihr Recht gebieterisch geltend – er fiel in einen tiefen Schlaf, und Herr Markus verließ das Stübchen, um den Gartenpavillon aufzusuchen, in welchem Frau Griebel das Abendbrod für ihn servirt hatte. Er aß wenig und dachte grollend an das frischgebackene Schwarzbrod, das der Forstwärter heute auf seinem Tische hatte…. Wie diese Leute doch treu und zärtlich für einander sorgten, bei aller Armuth! – Frau Griebel war eine brave Frau, eine wackere Seele, und sie hatte das Herz auf dem rechten Flecke, aber die „Forellchen“ und die „Kartöffelchen“ kosteten ihm doch sein gutes Geld; der alte Sägemüller hatte die Fische ganz gewiß nicht aus purer Liebe für ihn gegeben, und der Herr Schloßgärtner ebenso wenig seine Frühkartoffeln. Und um das Maß des Verdrusses voll zu machen, hantirten die zwei Mägde mit ihren Heurechen gerade jetzt draußen an der Gartenecke, nahezu unter dem Häuschen auf der Mauer, und schnatterten unaufhörlich.

„Was Du nur willst – ich scheere mich viel drum, ob mir die Alte gekündigt hat, oder nicht!“ sagte die grobe Magd, welcher vorhin der Dienst aufgekündigt worden war. „Wer seine Arbeit so kann, wie ich, der kriegt alle Tage eine andere Herrschaft –“

„Aber um die Zeit nicht!“ fiel die Andere ein. „In ganz Tillroda ist jetzt keine Stelle offen. Nachher kann Dir’s auch passiren, daß Du bei Leuten unterkriechen mußt, wie die auf dem Vorwerke – keinen Heller Lohn und die wahre Knechtsarbeit auf dem Felde!“

„Ach was – die Jetzige hat’s doch so schlimm nicht. Der hilft der Forstwärter, wo er kann – die kann lachen. Und mit dem Lohn mag’s auch nicht so windig aussehen, wie die Leute sagen. Sie hat doch immer hübsche, knappe Lederstiefelchen an – so viel habe ich gesehen, wenn sie auch den Menschen immer auf zehn Schritt aus dem Wege geht und thut, als hätte Unsereins Gift an sich.“

„Ja, eine Eingebildete ist sie,“ bestätigte die Andere. „Ich will nur sehen, wie die’s treibt, wenn sie erst einmal drüben im Grafenholz zu Hause ist – Die hat Glück. So eine Hergelaufene setzt sich in das schöne, warme Nest.“

„Na, meinetwegen! Was geht denn mich die ganze Sippschaft an, wenn ich aus dem Hirschwinkel fort bin?“ murrte die Gestrafte ergrimmt und schleuderte einen Rechen voll Halme auf den nächsten Heuhaufen. „Mich ärgert nur das dumme Gethue von der Alten. Bringt da den ersten, besten Strolch, der am Wege liegt, angeschleppt, legt ihn wie ein Wickelkind in’s Bett, und den besten Wein, der im Keller aufzutreiben ist, gießen sie ihm in die Biergurgel – das läßt sich der freilich gefallen. – Eine verrückte Gesellschaft auf dem Gute da! Unsereins wird angeschnurrt wie ein Hund, wenn einmal eine Thür offen bleibt – von wegen der Stehlerei – und da holen sie sich die Spitzbuben selber in’s Haus. Ich lachte mich todt, wenn der morgen in seiner Tasche irgend ’was mitgehen hieße – das gönnte ich der Alten. Nicht zehn Thaler nähm’ ich für den Spaß.“

Der Gutsherr schlug klirrend das Pavillonfenster zu, und die zwei Lästermäuler duckten sich wie erschreckte Wachteln hinter die nächsten Heuhaufen und scharrten da so emsig die letzten Halme zusammen, als könnten sie vor lauter Arbeit kein Wort über die Lippen bringen.

Es war ein stiller, engumgrenzter Waldwinkel, der kleine Erdenfleck da, und auch da litten sie nicht, daß der süße Friede einmal ausruhend seine Flügel zusammenschlage – Neid und Bosheit nämlich, und so ziemlich alle dämonischen Regungen der Menschenseele, welche auf dem großen Welttheater agiren.


7.

Am andern Morgen wurde es sehr früh laut vor dem Gutshause. Herr Markus sah durch’s Fenster die kleine hübsche Luise über die gemähte Wiese hinirren. Sie war im hellen Morgenröckchen, und ihr dickes, blondes Haar steckte in einem weißen Netz mit blauen Bandschleifen.

Das junge Mädchen suchte offenbar nach einem verlorenen Gegenstand; sie schob die dünne Halmlage aus einander, die der Nachtwind wieder auf den Grasstoppeln zusammengeblasen hatte, und schüttelte selbst die zunächstliegenden Heuhaufen aus einander. Und die beiden Mägde, die jedenfalls im Begriff waren, auf den Acker zu gehen – denn sie hatten die Kartoffelhacke in den Händen – standen dabei und lachten.

„Nicht mit einem Schritt sind Sie gestern Abend auf die Wiese gekommen, Fräulein Luise – ich werd’s doch wissen,“ sagte die entlassene Magd. „Sie brauchen gar nicht weiter zu suchen – schade um die Zeit! So blind ist keine von uns, Ihren Henkelducaten nur so mit dem Rechen wegzuraffen – solch ein goldenes Ding [60] blinkt doch, und ein ellenlanges schwarzes Sammetband wird auch Einer sein Lebtag nicht für einen dürren Heuhalm ansehen. … Und ich hab’ doch auch mit meinen eigenen Ohren gehört, wie Sie zu Ihrer Mama sagten, Sie hätten gestern Abend, wie immer, den Henkelducaten in die Glasschale auf der Kommode gelegt. Nun soll’s auf einmal nicht wahr sein, weil Alle auf dem Gute sagen, kein Anderer könnte den Ducaten gemaust haben, als der – na, ich will mir den Mund nicht wieder verbrennen.“

„Das ist ganz schlecht von Dir, Röse,“ rief das junge Mädchen fast heftig – die kindliche Stimme rang hörbar mit aufsteigenden Thränen. „Ein Mensch mit solch einem guten Gesicht stiehlt nicht – so etwas Schlimmes denke ich überhaupt von Niemand.“

„So? Warum hat er sich denn nachher auf französisch aus dem Staube gemacht? So in aller Frühe, ohne ,Hab’ Dank!’ zu sagen? Na, meinetwegen auch! Was geht’s denn mich an? Es kann mir egal sein, wo der Henkelducaten logirt – ich hab’ ihn nicht.“

Damit legte sie die Hacke über die Schulter und marschirte mit ihrer Gefährtin den Weg am Kornfeld entlang, während Luise sichtlich niedergeschlagen in das Haus zurückkehrte.

„Ja, sehen Sie, Herr Markus, das hat man nun von seinem Gutsein,“ sagte Frau Griebel, als der Gutsherr herunter kam und sie in der Küche aufsuchte. Sie steckte mit beiden Händen in einer Mulde voll Kuchenteig und war durchaus nicht rosiger Laune. „Mein Mann lacht mich aus, weil ich mich ärgere, und fragt auch noch – Sie wissen ja, was er immer für dumme Späßchen macht – ob ich auf einen Handkuß für das Logement in der Soldatenkammer gerechnet hätte? Na, ja, fort ist er, der dumme Mensch. Er muß mit dem ersten Hahnenschrei zum Fenster hinaus sein und hat durch den Hinterhof das Weite gesucht. Hübsch ist das nicht von so ’nem jungen Burschen, den seine eigene Mutter nicht besser hätte abwarten können, als er’s bei uns gehabt hat – solch ein Blödsinn ärgert Einen. Und nun macht mir meine Luise auch noch den Streich und verliert ihren schönen Henkelducaten, den ihr die selige Frau Oberforstmeisterin geschenkt hat. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Unser Gesinde munkelt, wir hätten uns den Spitzbuben selbst in’s Haus geholt – die grobe Gesellschaft lacht uns aus, und das schadet dem Ansehen.“

„Hätten wir doch den Zankapfel am Wege liegen lassen!“ meinte Herr Markus mit dem Lächeln des Schalkes.

„I Gott bewahre!“ fuhr sie böse herum. „Da kennen Sie die Griebel aber schlecht! Ein ander Mal wird’s wieder gerade so gemacht. Ich ärgere mich nur, daß sich der Mensch selbst in das Renommée gebracht hat; denn er war guter Leute Kind – das sah ein Blinder – und hat mir’s ordentlich angethan mit seinem traurigen Wesen. Da sehen Sie sich einmal meine Kleine an!“ – sie nickte über die Schulter nach Luise hin, die mit gesenktem Kopf am Küchentisch stand und Mandeln schnitt – „der wird heute der frische Kuchen auch nicht schmecken. Die rothen Augen gelten nicht allein dem Henkelducaten – ’s ist ein kleines, dummes Ding mit einem butterweichen Herzchen. Das Mitleid mit dem armen, verhungerten Kerl, der nun auch noch gemaust haben soll, treibt ihr immer wieder das Wasser in die Augen.“

Der Gutsherr lachte verstohlen auf – das blonde Köpfchen dort duckte sich noch tiefer über das klappernde Messer.

Er verließ die Küche, um nach dem Vorwerk zu gehen – und er ging in recht beschleunigtem Tempo. Wer ihm am Abend seiner Ankunft gesagt hätte, daß er es eines Tages so eilig haben würde mit diesem „Pflichtgang“, ja, daß es ihm sogar unerläßlich scheine, die schönsten Wildlederhandschuhe, die er für den Besuch der Sehenswürdigkeiten Nürnbergs bestimmt, eigens zu diesem Zweck hervorzusuchen! Er schritt das Fichtengehölz entlang, hinter welchem das Vorwerk lag. Zu seiner Linken wogten die Kornbreiten in dichter Ueppigkeit – die Halmhöhe reichte ihm schon nahezu an die Schulter. Das Kartoffelkraut stand wie ein Wald und war dem Blühen nahe, und auf dem goldprangenden Rübsenfeld schwebte ein traumhaftes Summen, und schwerbeladene Bienen surrten vorüber nach den heimischen Stöcken auf dem Gute. Der Hirschwinkel hatte wirklich etwas von dem gottgesegneten biblischen Lande, in welchem einst Milch und Honig geflossen, und doch war es dem Mangel gelungen, auf dem Gelände Fuß zu fassen.

Dort, jenseits des Gehölzes, begann seine Herrschaft. Das Getreide stand kläglich dünn – die Quecken krochen in die Breschen und breiteten ihre tauben Aehren aus. Der Viehstand auf dem Vorwerk mußte auf das Minimum reducirt sein; bei dem ausgesogenen Boden ringsum half kein Fleiß, auch wenn die Zeit des Forstwärters und die Kraft der helfenden Magd zur pünktlichen Bewirthschaftung der Felder ausgereicht hätten. Sollte das Vermächtniß der verstorbenen Frau Oberforstmeisterin seinen Zweck erfüllen, dann mußte vor Allem die auf dem Tillröder Gasthof stehende Sparsumme flüssig gemacht und in den verwahrlosten Grundbesitz gesteckt werden. Ob wohl das Fräulein Gouvernante dafür Verständniß haben würde, oder ob sie nicht vielmehr geneigt war, mit dem Geld sofort die an den Juden verkauften seidenen Kleider zu ersetzen und überhaupt den Luxus wieder um sich zu verbreiten, an den sie sich in dem Frankfurter Generalshause gewöhnt zu haben schien? Den Aeußerungen der Dienerin nach mochte sie in dem Punkte bedenklich mit ihrem Herrn Onkel, dem Amtmann, harmoniren.

Nun, er sollte sie ja in den nächsten Augenblicken von Angesicht zu Angesicht sehen. Und er wollte die Augen offen halten; die Dame sollte ihm nicht einen Pfennig für ihre aristokratischen Gewohnheiten ablocken, und wenn sie noch so weltgewandt und hübsch bezaubernden Wesens war. Er war gefeit gegen diese Gouvernanten-Demuth, hinter der ja, wie er zur Genüge wußte, stets die Begehrlichkeit lauerte.

[73] [74] „Nicht? – Das wissen Sie also ganz genau, so genau, als seien Sie ein Herz und eine Seele mit Ihrer Dame?“

„Genau so.“

Er lächelte in verletzendem Spott.

„Nun, es mag schon so sein – man weiß ja, daß die Zofe sehr oft die Vertraute ist, warum nicht auch für Gouvernanten-Bekenntnisse? – Ob die Damen es aber lieben, wenn mit dieser Intimität renommirt wird?!“

Sie bückte sich, um einige Dillstengel aufzulesen, die dem Kräuterbündel in ihrer Hand entfallen waren, dann aber richtete sie sich rasch und kerzengerade wieder auf, und ihr schönes Auge funkelte ihn feindselig an.

„Ist es nicht immer und überall die selbstverständliche Aufgabe der Zofe, zu wissen, für wen man nicht zu Hause sein will? Und sie –“

Sie stockte plötzlich unter einem glühenden Erröthen und biß sich wie verwirrt auf die Lippen, als könne und wolle sie damit jetzt noch die entschlüpfte scharfe Antwort ungesprochen machen. – Ach ja, sie besann sich wohl in diesem Augenblick mit Schrecken, daß derjenige, für den man nicht zu Hause sein wollte, der Besitzer eben dieses Hauses war und nach Belieben ihrer bettelstolzen Dame das Dach über dem Haupte wegnehmen konnte.

Er weidete sich an ihrer Bestürzung und half ihr nicht mit einem Wort über das Angstgefühl hinweg, das sie sichtlich beklemmte, obwohl dieses schlanke, plötzlich ganz demüthig in sich zusammengeschmiegte Mädchen in diesem peinvollen Moment nichts weniger als die „Aparte“ war, sondern weit eher an ein erschrecktes Reh erinnerte, aber – Strafe mußte sein.

„Sie möchte die Verborgenheit, in der sie lebt, durch keine fremde Erscheinung unterbrochen sehen,“ ergänzte sie nach einem beklommenen Athemholen mit fast bittender Stimme.

„Das glaube ich Ihnen nicht,“ entgegnete er ungerührt. „Das Gouvernantenthum, das um Alles gern in vornehmen Häusern auf dem Strom der Geselligkeit mitschwimmt, qualificirt sich am allerletzten zum menschenscheuen Klosterleben.“

Wieder richtete sie sich empor, und ein bitteres Lächeln flog um ihren Mund.

„Vielleicht ist sie doch nicht so schlimm, wie die Anderen, die Blaustrümpfe, die Genußsüchtigen, denen Sie Ihre genaue Kenntniß des ,Gouvernantenthums’ verdanken. … Uebrigens erinnere ich Sie daran, daß Sie gestern selbst gesagt haben, Sie würden ihr aus dem Wege gehen, wo Sie könnten.“

„Sie weiß das?“

„Wort für Wort!“

„Durch Sie – selbstverständlich! Die Zuträgerei ist ja das Element der Kammerjungfer. Ich habe das allerdings wörtlich gesagt und wiederhole ausdrücklich, daß ich mich durchaus nicht darnach sehne, mit einer Dame jenes Standes, der mir nun einmal den entschiedensten Widerwillen einflößt, in irgend eine Beziehung zu treten – ich bestätige Ihnen das ganz gern noch einmal. … Nun zwingen mich aber seltsame Verhältnisse, Fräulein Agnes Franz trotz alledem um eine halbstündige Besprechung zu ersuchen – indeß, das läßt sich wohl schließlich auch mit der Feder abmachen – ich werde ihr schreiben.“

„Sie glauben wirklich, daß nach Allem, was Sie sagten, eine Zuschrift von Ihrer Hand angenommen und gelesen würde?“ fragte sie mit verächtlich zuckenden Lippen.

„Ei freilich – die Dame wird müssen. Sie wird müssen um ihrer eigenen Existenz willen,“ versetzte er, und seine Augen begannen zu funkeln.

Sie fiel abermals aus ihrer Demuthsrolle und lachte hart auf. „Müssen?“ wiederholte sie. „Wohl, um nicht von dieser armseligen Scholle verjagt zu werden? Sie könnten sich doch irren. Ich glaube, eher wandert sie barfuß in Nacht und Nebel in die Wildniß hinein –“

„Es wird ihr dann auch nichts anderes übrig bleiben.“ Er hielt mühsam an sich.

„Nun ja, das ließ sich von dem neuen Herrn des Hirschwinkels nicht besser erwarten,“ rief sie mit fliegendem Athem. „Wir wußten, daß der Mann, ,der kein Herz hat, wie es einem praktischen Geschäftsmann ziemt’, eines Tages kommen und die schlechten Zahler austreiben würde – wir wußten, daß Sie wirklich und wahrhaftig der mitleidslose Reiche sind, wie er in der Bibel steht

„Und Sie, die Dienende, das Mädchen aus dem Volke, Sie wagen es, diesen ,Reichen’ herauszufordern?“ unterbrach er sie, plötzlich ganz ruhig, fast heiter. – „Besinnen Sie sich! Der Amtmann wird es seiner Magd schwerlich Dank wissen, wenn sie durch aufreizende Reden seine schwierige Lage noch verschlimmert. Zu alledem steht Ihnen der Zorn nicht, schöne Aparte.“

Bei diesen Worten trat er um einen Schritt vor, und sie wandte sich darauf zur Flucht.

„Noch weniger aber paßt diese übertriebene Zimperlichkeit zu Ihrer Stellung,“ setzte er stirnrunzelnd, mit zornigen Augen hinzu. „Thun Sie doch nicht, als sei ich ein Mädchenjäger, weil ich mir einmal erlaubt habe, einen Blick unter Ihren Hutschirm zu werfen! Das hing mit dem seltsamen Zug in der Menschennatur zusammen, nach welchem das Verborgene reizt. Vielleicht hätte mich auch schon das eine oder andere weibliche Wesen meiner Bekanntenkreise lebhafter interessirt, wenn es verstanden, durch Maskirung des Gesichts meine Wißbegierde rege zu machen. … Heute lassen Sie die Sonne ungehindert Ihre Stirn bescheinen und haben somit keine Ursache, mir aus dem Wege zu gehen, wie einem Bilderstürmer oder Gott weiß was für einem Missethäter. … Uebrigens möchte ich wohl wissen, was Sie in Ihrer späteren Stellung mit Ihren angeflogenen Salon-Manieren anfangen wollen.“

Sie war stehen geblieben, und so gereizt sie auch sein mochte, jetzt unterdrückte sie ein Lächeln.

„Lassen Sie das meine Sorge sein – gute Manieren schaden auch einer Dienenden nicht. … Meine spätere Stellung?“ Sie zuckte die Achseln und sah mit einem ruhigen Blicke zu ihm auf. – „Ich meine, seinen Lebensgang macht doch wohl ein Jedes auch ein wenig von innen heraus, nicht allein, wie es vom Schicksal geschoben und gestoßen wird; das wird mir den Muth nicht so leicht sinken lassen – dazu bin ich jung und gesund und für mich selbst innerlich völlig gefaßt auf den Moment, wo wir da hinaus –“ sie zeigte über den Zaun hinweg nach dem Thore in der Hofmauer – „mit dem Stabe in der Hand ziehen müssen –“

„Um in’s Forstwärterhaus überzusiedeln, wo die Stellung der Hausfrau winkt,“ setzte er im Stillen tiefergrimmt hinzu und ballte in der Erinnerung an den unausstehlichen Grünrock die Rechte. Vielleicht wäre er auch so boshaft gewesen, diese Bemerkung auszusprechen, wenn nicht ein plötzlicher Lärm im Hofe das Gespräch unterbrochen hätte. Der Hund bellte wie toll; Tauben flogen erschrocken und geräuschvoll auf die Dächer und eine tiefe, starke Männerstimme rief wiederholt: „Holla, Kind!“ und schalt dann ärgerlich: „Wo sie nur stecken mag!“

Das Mädchen war bereits nach der Gitterthür geflogen und stieß sie auf.

„Ach so – hast Etwas für Deine Küche geholt!“ beruhigte sich die Stimme drüben. „Hör’ ’mal, Kind – da draußen vor dem Thore treibt sich seit mindestens fünf Minuten ein fremder Strolch herum – der Kerl mit seinem polizeiwidrigen Bart irritirt mich. Schneide ihm doch ein Stück Brod ab und gieb ihm diese zwei Pfennige da – mehr wird auf dem Vorwerk in der jetzigen miserablen Zeit nicht verabreicht; das sage ihm, damit er sich endlich trollt!“

Der Gutsherr hatte sich inzwischen auch der Thür im Zaun genähert, war aber doch zögernd für einen Moment in dem dunkelnden Himbeergebüsch stehen geblieben. Er konnte seitwärts die schiefeingesunkene Front des Wohnhauses mit ihren blinden, glanzlosen Fensterscheiben übersehen. Wie entsetzlich und hoffnungslos mußte der Zusammensturz der Franz’schen Vermögensverhältnisse gewesen sein, daß diese klägliche Behausung als rettender Hafen hatte gelten können, und heute erst recht mit einem wahren Verzweiflungstrotze, als letztes Asyl, berechtigten Ansprüchen gegenüber behauptet wurde!

Auf der Schwelle der Hausthür stand ein hochgewachsener, hagerer, alter Herr. In der Rechten hielt er eine lange Pfeife und mit der linken Hand stützte er sich auf einen Gehstock. Er hatte ein kräftig gezeichnetes, edles Profil und mußte als jüngerer Mann auffallend schön gewesen sein. Jetzt freilich legte sich eine faltige, gelbe Haut über das Knochengerüst des Gesichts, und die dunklen Augen lagen wie ausgeglühte Kohlen in den weiten Höhlen. Das mußte er sein, der notorische Spieler und Schlemmer; die verwüstende innere Arbeit der Leidenschaften trat in diesen Zügen klar zu Tage.

[75] Er blieb unter der Thür stehen, während das Mädchen an ihm vorüber in das Haus huschte, um Brod für den Bettler abzuschneiden. Dann und wann that er einen Zug aus seiner Pfeife und blies dicke Dampfwolken in die würzige Morgenluft, während er nach dem Verbleib des „Strolches“ forschte, der sich einstweilen einem Examen des polternden alten Herrn entzogen zu haben schien.

Unter einer aufdämmernden Vermuthung suchte auch Herr Markus nach dem Verdächtigen. Das der Hausthür gegenüberliegende Hofthor stand nur zur Hälfte offen; der Gutsherr konnte von seinem Platze aus ganz gut sehen, wie sich hinter dem einen geschlossenen Thorflügel draußen ein Mensch niederduckte und, das Gesicht an die Bretter gedrückt, unverwandt durch eine der breitklaffenden Spalten des wackeligen Gefüges in den Hof lugte. – Diesen verschabten, ärmlichen Rock, den zerknitterten Hut und die carrirten hellen Beinkleider hatte Herr Markus gestern schon gesehen, und als eben das Mädchen mit einem Stück Brod in der Hand wieder aus dem Hause trat, da fuhr auch der Kopf hinter dem Thorflügel empor, der junge Männerkopf mit dem mächtigen, röthlich blonden Vollbart und der kranken Gesichtsfarbe, den er gestern selbst mit auf das weiche Kopfkissen in der gastlichen Soldatenkammer des Gutshauses gebettet hatte.

Der unglückliche Mensch sah heute noch erbarmungswürdiger aus – er schien sich kaum auf den Füßen halten zu können. Sein Entkommen durch das Fenster mußte eine Riesenanstrengung für ihn gewesen sein, und angesichts dieser augenscheinlichen Schwäche und Hülflosigkeit war es geradezu lächerlich, anzunehmen, der Flüchtende habe erst noch als Dieb die Wohnräume durchstöbert und den Henkelducaten aus der weitabliegenden Stube geholt.

Es war seltsam, daß dieser Verkommene auf Alle, die ihm Näher in das Gesicht sahen, denselben erschütternden Eindruck machte. Das Mädchen hatte rasch den Hof durchschritten und war mit suchendem Blick aus dem Thor getreten – in demselben Moment aber fuhr sie auch zurück; das Brodstück in ihrer Hand flog weit über den draußen vorbeilaufenden Weg hin, und es war ersichtlich, die „Prüde“ streckte ebenfalls unbedenklich, wie Luise, die hübsche, kleine barmherzige Schwester von gestern, die schönen, jungfräulichen Arme aus, um den Schwankenden zu schützen.

Jetzt ärgerte sich Herr Markus ebenso über diesen „fremden Burschen“, der sich so interessant in Mädchenaugen zu machen wußte, wie über den Grünrock mit seiner aufdringlichen Humanität. – Er sah plötzlich die Beiden außerhalb des Thores nicht mehr; sie waren hinter der Mauer verschwunden, wohl aber hörte er, wie der Amtmann seinen Stock hart auf den Steinboden der Hausflur stieß und sich hörbar mühsam nach der Stube zurückzuhelfen suchte.

Drinnen schien ihm Niemand zu Hülfe zu kommen; seine arme Frau konnte nicht – die lag ja krank, und Fräulein Gouvernante, nun, die componirte und malte wahrscheinlich an ihren Blumenstücken, oder war in irgend eine interessante Lectüre vertieft.

Herr Markus verließ schleunigst sein grünes Versteck und eilte über den Hof in das Haus.


8.

Der Amtmann war eben im Begriff, die Hand auf das Thürschloß der Stube zu legen, als er die Schritte hinter sich hören mochte. Er richtete sich schwerfällig aus seiner vorgebeugten Stellung auf und bemühte sich, den Kopf auf dem steifgewordenen Nacken zurückzuwenden. „Holla, was wär’ mir denn das? Kömmt mir der Kerl wohl gar bis in meine vier Pfähle nach?“ brummte er erbost und nicht ohne Schrecken.

In demselben Augenblick stand der Gutsherr mit einem halbunterdrückten Lachen an seiner Seite und nannte, sich vorstellend, seinen Namen.

Der alte Herr reckte und streckte sich sofort in seiner ganzen Gestalt, als sei ihm ein belebender, galvanischer Strom durch die gebrechlichen Glieder gezuckt – und so erschien er wirklich imponirend, und das Cavaliermäßige in der Art seiner Begrüßung wurde kaum beeinträchtigt durch den vielfach geflickten Schlafrock, der seinen hageren Körper umschlotterte.

Die Tabakspfeife polterte in die nächste Ecke, und während er mit der Rechten hastig durch die Luft fuhr, um die nichts weniger als aristokratisch duftenden Rauchwolken vor dem Gesicht des Besuchers zu zerstreuen, sagte er mit vornehmer Lässigkeit: „Muß die leichteste Sorte rauchen, die zu haben ist – die Herren Aerzte sind Tyrannen und fragen viel danach, ob man sich an solch ordinäres Kraut gewöhnen kann, oder nicht.“

Darauf schlug er so feierlich einladend die Stubenthür zurück, als gelte es, ein Prunkgemach oder einen geweihten Raum zu betreten. Das Letztere war die mäßig große Stube auch insofern, als an ihrer tiefen Wand das Lager stand, auf welchem eine unglückliche Frau seit länger als Jahresfrist dulden und leiden mußte. Da waren ja die Gardinen, welche die Magd mit Hülfe der Tannenzapfen aus dem Forstwärterhaus gestern Abend noch geplättet hatte. Sie hingen blüthenweiß und schön gefaltet um das Bett, das mit seinen glänzend frischen Leinbezügen über den schwellenden Kissen und Polstern ganz gut im Schlafzimmer der verwöhntesten vornehmen Dame hätte stehen können.

Es stand auch ein rundes Tischchen neben dem Bett; hübschgebundene Bücher mit Goldschnitt lagen auf der Mahagoniplatte, und ein großer, malerisch geordneter Wald- und Wiesenblumenstrauß hob sich aus einem Krystallkelch. … Nun, so ganz in Elend und Mangel versunken, wie Herr Markus gemeint, war diese Kranke doch nicht. Die biblischen Schwestern walteten an ihrem Lager. Die Starke, Willenskräftige, die er mit dem Fischnetz am Arme zuerst gesehen, sorgte für Speise und Trank und körperliches Behagen, und die andere umgab sie mit den hübschen Tändeleien ihrer feinen, gepflegten Hände; sie ließ sich vermuthlich auch herab, schön frisirt, parfümirt und in guter Toilette am Bett zu sitzen und ihr aus den Miniaturbändchen ausgewählte Dichtungen vorzulesen und so einen schwachen Nachglanz des ehemaligen vornehmen Lebens in die niedrige Stube zu hauchen.

„Herr Markus, unser neuer Nachbar, liebes Herz!“ sagte der Amtmann vorstellend, wobei er seine starke Baßstimme zu einem zärtlich weichen Klange moderirte Mann ignorirte lächerlicher Weise absichtlich die Bezeichnung „Gutsherr“.

Es war ein kleiner Frauenkopf mit einem durchsichtig abgezehrten, alten Gesichtchen und schneeweißen Scheitel unter dem Nachthäubchen, der bei diesen Worten wie entsetzt aus den Kissen auffuhr. „Ach, mein Herr!“ hauchte die alte Dame in schwachem, klagendem Tone und streckte ihm ihre schmale Hand hin, die, wie es schien, von einem nervösen Schauder geschüttelt wurde. Auch in dieser Frauenseele stürmte bei seinem Erscheinen sichtlich das Angstgefühl auf, daß nunmehr die längst gefürchtete Entscheidung gekommen sei.

Der Gutsherr trat an das Bett und zog die gebotene Hand ehrerbietig an seine Lippen. „Nehmen Sie den neuen Nachbar gütig auf, gnädige Frau!“ sagte er, „er wird Ihnen ein treuer Nachbar sein.“

Die Kranke schlug die großen, immer noch schönen Augen so tief erstaunt zu ihm auf, als meine sie, nicht recht gehört zu haben. Aber, das hübsche, ehrliche Männergesicht, um dessen frischen Mund ein gütevolles Lächeln flog, sah nicht nach Heuchelei oder banalen Redensarten aus, die man gedankenlos hinwirft, um sie im nächsten Augenblick zu vergessen. In dieser beglückenden Ueberzeugung umfaßte sie tief aufathmend auch mit der andern Hand die Rechte des jungen Mannes und drückte sie. „Wie lieb von Ihnen, daß Sie die armen Leute“ – sie stockte und sah scheu und hastig nach ihrem Manne, der sich stark räusperte und in ein Hüsteln verfiel – „daß Sie Amtmanns auf dem Vorwerk mit Ihrem Besuch erfreuen!“ setzte sie rasch verbessernd hinzu.

„Ja, und denke Dir nur, Sannchen, was mir dabei passirt ist!“ lachte der Amtmann. „In der Meinung, der Landstreicher draußen vor’m Thor komme mir frecher Weise bis in’s Haus nach, habe ich per Kerl und dergleichen raisonnirt, und derweil steht Herr Markus hinter mir!“

Er ließ sich in einen alten, aufächzenden Lehnstuhl nieder und saß so dem Besuch gegenüber, der auf eine einladende Handbewegung der Kranken hin neben dem Bette Platz genommen hatte. „Auf Gelsungen, der fürstlichen Domäne, die ich viele Jahre hindurch in Pacht gehabt habe, ist mir die Furcht, durch fremdes Gesindel bestohlen zu werden, nie in den Sinn gekommen,“ fuhr er fort und rieb sich unter einer schmerzhaften Grimasse das eine Knie. „Dort hatten wir unsere Appartements in der Beletage und das Herrenhaus wimmelte von unserer zahlreichen Dienerschaft. Hier in der Einsamkeit ist das freilich anders; man hat [76] wenig Menschen um sich, und mit den niedrig gelegenen Fenstern ist nicht zu spaßen. Drüben im Eßzimmer könnten uns die Silberlöffel dutzendweise gestohlen werden, ohne daß man es ahnt – so etwas merkt man oft erst beim späteren Nachzählen oder einer gelegentlichen Inventur.“

Herr Markus biß sich fast verlegen auf die Lippen, indem er an den letzten Silberlöffel dachte, den die Magd gestern so energisch gegen die Verkaufsgelüste ihres „goldtreuen“ Cameraden vertheidigt hatte, und die Frau im Bette sah still auf ihre Hände nieder, die gefaltet auf der Decke lagen, während es fein roth in das blasse Gesicht aufstieg.

„Ich glaube, von dem jungen Mann, der sich draußen am Hofthor aufhielt, haben Sie Derartiges nicht zu befürchten,“ sagtet der Gutsherr. Er erzählte darauf seine Begegnung mit dem Fremden auf der Fahrstraße, und wie derselbe für die Nacht auf dem Gute untergebracht worden sei – dabei verschwieg er nicht die Flucht des Unglücklichen, die Stolz und Ehrgefühl veranlaßt haben mochten. „Er schien mir heute noch hinfälliger als gestern;“ fügte er hinzu; „ich sah, wie Ihre Magd, die ihm ein Strick Brod bringen wollte, dem Taumelnden zu Hülfe kam −“

„Unsere Magd?“ fragte die alte Dame und hob den Kopf aus den Kissen.

„Ja, die Magd ist’s gewesen, Sännchen!“ bestätigte der Amtmann in[WS 1] fast überlautem Ton, der ihr jedes fernere Wort abschnitt. „Ich gab ihr auch ein paar Geldstücke für den Menschen. I nu, das thut mir aber leid,“ sagte er mit wirklichem Bedauern und fuhr sich in das dünne, graue Haar unter dem Sammetkäppchen. „Ich möchte dem armem Kerl auch unter die Arme greifen, und vom Vorwerk soll er ganz gewiß nicht weggejagt werden, wenn er Nahrung und Ruhe für ein paar Tage braucht – das Fortjagen Hilfsbedürftiger ist beim Amtmann Franz nie Mode gewesen – ich werde den armen Teufel hereinholen.“

Er wollte sich erheben, aber Herr Markus kam ihm zuvor. „Lassen Sie mich hinausgehen, Herr Amtmann!“. sagte er.

„Aber, Liebster; ich weiß nicht, was wir heute zu Mittag haben,“ rief die weiche, bebende Frauenstimme ängstlich vom Bette her. „Und denke doch, bester Mann, wir müßten ihm ja ein Bett geben, ein gutes, bequemes Bett –“

„Nun ja doch – ich weiß nicht, was Du willst, Sannchen!“ fiel er ihr unmuthig in’s Wort. „Haben wir das etwa nicht? – Kein gutes Bett bei Amtmanns, wo alle Welt immer entzückt war, in unseren schönen Daunen zu schlafen! Kümmere Dich doch nicht um die Wirtschaft, Herzchen! Du machst Dir immer falsche Vorstellungen von unserem Haushalte, seit Du selbst nicht mehr Nachsehen kannst, mein emsiges, braves Hausmütterchen! Aber es geht Alles seinen guten Weg; Du kannst ganz ruhig sein. Und wenn wir auch an äußerem Glanze einbüßen mußten, die innere Gediegenheit eines guten Hauses ist uns doch geblieben. Freilich“ – er kraute sich auf’s Neue hinter dem Ohre und schob die Hausmütze nach der andern Seite „mit dem Weine wird’s hapern. Da kann ich im Augenblick mit den barmherzigen Leuten auf dem Gute nicht concurriren. Das verflixte Zipperlein hat mich wieder einmal grimmig gepackt, und mit den lahmen Beinen ist es eine absolute Unmöglichkeit für mich, in den Keller hinabzusteigen – eine andere Hand aber lasse ich principiell nicht über meine Weine.“.

So erlauben Sie mir, Ihnen einstweilen aus dem Keller Ihrer heimgegangenen alten Freundin einen Korb Wein zur Verfügung zu stellen!“ sagte Herr Markus, mit dem Thürschloß in der Hand, an der Schwelle stehen bleibend. „Die gnädige Frau ist ja auch in Folge dieser Gründe, für längere Zeit der nöthigen Stärkung beraubt und wird gewiß die kleine Erquickung als Gabe letzter Hand von ihrer Jugendgefährtin nicht zurückweisen.“

Er ging hinaus und durchmaß eiligen Schrittes den Hof. So lange er am Bette gesessen, war er zu seinem Verdrusse eine „dumme“ Vorstellung nicht los geworden. Die Prüde hatte vorhin im Garten ihre langen Leinenärmel über die entblößten Arme herabgerissen, als sei der darauffallende Männerblick eine Befleckung, und gleich darauf war sie ohne Zögern bereit gewesen, diese Arme um die Gestalt eines jungen Bettlers zu legen – dieses Aergerniß stand ihm fortgesetzt vor den Augen und verdroß ihn dermaßen, daß er mit beiden Händen die Gelegenheit ergriff, hinauszugehen und die Hülfeleistung eigenhändig und allein zu übernehmen.

Aber draußen vor dem Thore war weit und breit kein lebendes Wesen zu entdecken. Der Fremde mußte mit seinen zwei Pfennigen Zehrgeld in der Hand schließlich doch weiter gewankt sein, und das Mädchen war jedenfalls ihren häuslichen Geschäften wieder nachgegangen; bei dieser Wahrnehmung athmete er unwillkürlich und tief erleichtert auf – lächerlich! Was ging es denn ihn an, und was hatte er d’rein zu reden, wenn junges Blut, ein Bursch und ein Mädchen aus dem Volke, in der Fremde in Hülfsbereitschaft zu einander traten?

Bei seiner Rückkehr in das Haus überflog sein Blick scharfmusternd die Façade des Wohngebäudes. Fräulein Gouvernante hatte sich jedenfalls vor ihm zurückgezogen, was er ihr keineswegs verdachte, da sie ja erfahren hatte, er beabsichtigte, ihr aus dem Wege zu gehen, wo er könne. Er fühlte auch durchaus kein Verlangen nach ihrem Anblicke, aber eigentlich hatte er ja doch die Verpflichtung, auf jeden Fall sich zu überwinden, um im persönlichen Verkehre zu erfahren, weß Geistes Kind sie sei. Die Idee, ihr zu schreiben, hatte er vorhin nur in Zorn und Widerspruch an den Tag gelegt; ernstlich durfte er das nicht wollen.

Vielleicht entdecke er vorläufig an einem der Fenster ihr Profil, oder die Umrisse ihrer Gestalt – er mußte lächeln angesichts dieser Fenster. Nur drei derselben waren einigermaßen würdig, ein hochmüthiges Damengesicht zu umrahmen; das waren die Fenster der Wohnstube mit ihren hübschen weißen Gardinen, die zur Linken der Hausthür lagen; zur rechten Hand wurde das eine von einem schief in den Angeln hängenden Laden verdeckt, und durch die beiden anderen sah man in einen fast leeren Raum, der nur einen großen Ofen, einen Tisch und einige Stühle von Tannenholz enthielt. Das mochte die Gesindestube sein – das Asyl der Magd, wenn sie einmal Zeit fand, von ihrer Arbeit auszuruhen – oder doch nicht etwa das berühmte Eßzimmer mit seiner ungezählten Schaar silberner Löffel?! –

Ein weißer, bewegter Gegenstand lenkte plötzlich seinen Blick auf das niedrige Dach. Aus dem Mansardenfenster über der Hausthür wehte ein loser Mullvorhang und blähte sich in der Luft; auf dem Simse blühten schöne Rosen, und an der sichtbaren helltapezirten Innenwand der tiefen Fensternische hingen Bilder. Also da residirte Fräulein Gouvernante. – Nun, für heute mochte sie in ihrer Klause bleiben – er war augenblicklich ganz und gar nicht in der Stimmung, Phrasen zu drechseln, wie sie der Umgangston jener Kreise verlangte, in denen Dame Blaustrumpf gelebt und gewirkt hatte.

[89] Herr Markus trat wieder in die Hausflur, auf den knirschenden weißen Sand, der feingesiebt den Estrichboden bestäubte. Die Thür der Küche stand offen; man konnte den backsteingepflasterten Raum übersehen, dessen Fenster nach dem Fichtengehölz hinausgingen.

Frau Griebel’s blitzblanke Küche konnte sich kaum mit dieser messen, in welcher die letzten aus der großen Gelsunger Kücheneinrichtung herübergeretteten Reste von Zinn- und Kupfergeschirr tadellos funkelten und alles Holzgeräth schneeweiß an den Wänden stand. Die Frau Amtmann mochte wohl Recht gehabt haben von wegen des unzulänglichen Mittagsessens; ein homöopathisch kleiner Suppentopf dampfte auf dem Herde, und zwei hergerichtete schmächtige Tauben warteten auf den Moment, wo sie eine Hand in die Pfanne legen sollte, aber diese Hand war nicht da – es war so still in der Küche, daß man das Summen einer versprengten Hummel, ihre schwachen Stöße gegen die Fensterscheiben hören konnte. Nun ja, es war selbstverständlich, daß die vielgetreue Zofe, die ja „ein Herz und eine Seele“ mit ihrer Dame war, dem mißliebigen Besuch ebenso aus dem Wege ging, wie die gereizte Bewohnerin der Mansarde. – –

Als er in die Wohnstube zurückkehrte, bemerkte er Thränenspuren auf dem sanften Frauengesicht hinter den Bettvorhängen, der Amtmann aber war bemüht, drei bis vier Stück Havanas – jedenfalls der Rest der Cigarren, um deren willen der Forstwärter heute mit den Spitzen in der Tasche zum Juden wandern mußte – auf einem Cigarrenständer zu ordnen.

„Nun, wo steckt denn der Mosje Langbart?“ rief er Herrn Markus entgegen.

Der Eingetretene berichtete, daß der junge Mann seinen Weg fortgesetzt haben müsse, und nahm seinen Sitz am Bett der Kranken wieder ein.

„Wußte sie denn nicht zu sagen, wohin er gegangen sei?“ fragte der Amtmann, ganz hingenommen von seiner Beschäftigung, die Cigarren zu placiren; denn er sah nicht auf.

„Ach, Sie meinen die Magd? Ich sah sie nicht.“

„So, so – wird mit dem Mittagessen zu thun haben.“ – Er bot dem Gutsherrn die Cigarren hin, die jedoch dankend abgelehnt wurden.

Herr Markus sah, wie die alte Dame sich verstohlen abermals eine Thräne von den Wimpern wischte. Vielleicht wußte sie um den Spitzenhandel. Die Kante war möglicher Weise das letzte Familien-Erbstück, dessen Ertrag der lüsterne Herr Ehegemahl im vorhinein in die Luft verpafft hatte – ein Zorngefühl gegen den unverbesserlichen alten Mann stieg in ihm auf; er hätte um keinen Preis eine der Cigarren angerührt.

„Ein malerischer Waldblumenstrauß!“ bemerkte er, mitleidig die Gedanken der Kranken von dem unerquicklichen Thema ablenkend, indem er auf das Bouquet im Krystallkelch zeigte.

„Das will ich meinen,“ sagte der Amtmann. „Es sind aber auch Künstlerhände gewesen, die den Strauß gebunden haben. Meine Nichte, die gegenwärtig bei mir lebt, ist eine Blumenmalerin, die ihres Gleichen sucht. Wir erleben viel Freude an ihr, und das Capital, das ich an ihre Ausbildung gewandt habe, ist kein verlorenes, wie so mancher schöne Thaler Geld, den ich für vermeintliche Talente zum Fenster hinausgeworfen habe –“

„Ach ja – mein guter Mann hat immer geglaubt, er müsse Jedem forthelfen, der von der Kunst sein Heil erwartete, und diese Großmuth ist allzu sehr ausgebeutet worden,“ warf die Kranke mit einem schwachen Lächeln ein, und ein Blick voll unvergänglicher Liebe streifte den alten Herrn.

„Jugendeseleien sind’s gewesen, Sannchen, dumme Streiche, die ich aber, weiß Gott, heute noch gerade so machen würde, wenn ich – na, wenn ich noch mitten im Welttreiben draußen mitschwämme. Der Tausend ja, schön wär’s, das Mitschwimmen – schön, trotz der steifen Beine, die mir das infame Zugloch, der Hirschwinkel, angeblasen hat. Na, ’s ist noch nicht aller Tage Abend, und wenn erst mein californischer Goldjunge wiederkömmt –“

Er unterbrach sich bei der hastigen Bewegung, mit welcher die alte Frau ihr weggewendetes Gesicht tief in die Kissen drückte. „Aber was ich vorhin sagen wollte“ – hob er, das Kinn verlegen reibend, rasch wieder an – „I nun ja, da starb eines Tages mein guter Bruder; er war schon mit dreißig Jahren Wittwer geworden und hinterließ mir das arme kleine Ding, die Agnes. Ein Glückspilz war er nie gewesen, und als Vormund seiner kleinen Waise brauchte ich der Hinterlassenschaft wegen keinen Finger zu rühren – es blieb nichts übrig. Da haben wir das herzige Mädel an unser Herz genommen, mein Sannchen und ich, wie wenn’s uns der Storch eben frisch aus dem Teich gebracht hätte – und nicht zu unserem Schaden. In dem verhängnißvollen Moment, wo mein armes Frauchen unter ihrem bösen Nervenleiden buchstäblich zusammenbrach, da zeigte es sich, was wir an unserer Agnes hatten: sie ließ ihre prächtige Stellung in Frankfurt im Stich und kam hierher in die Einsamkeit, um die kranke Tante zu pflegen.“

„Agnes ist ein Engel – sie opfert sich für uns auf,“ sagte [90] die alte Dame erregt und so hastig, als gelte es, den Augenblick zu benutzen, nur die Verdienste des Mädchens in das rechte Licht zu ziehen. „Sie hat ein Joch auf sich genommen, das –“

„Nun, nun, Herzchen, so gar haarsträubend ist’s denn doch nicht,“ unterbrach sie der Amtmann mit einem unruhigen Blick. Er bog sich weg und sah nach dem Nähtisch, welcher in einem der Fenster stand. „Hm – Hut und Handschuhe sind fort. Sie wird wohl wieder einmal im Walde auf der Blumensuche sein. Ich hätte mir gern die Freude gemacht, sie Ihnen vorzustellen. – So in Saus und Braus wie beim General Guseck lebt sie in unserem Hause allerdings nicht, indeß –“

„Die junge Dame mag in ihrer Stellung wohl recht verwöhnt worden sein,“ warf Herr Markus mit einem leisen, malitiösen Lächeln ein.

„Verwöhnt, wie die Dame des Hauses selbst,“ bestätigte der Amtmann. „Denken Sie doch: Brillantes Theater, Diners, Soiréen, eigene Kammerjungfer, Ausfahrten in eleganter Equipage“ – er zählte Alles an den Fingern her – „sie ist sehr hübsch, eine Dame comme il faut, spielt wundervoll Clavier – Herr Gott, wie mich das immer wieder wurmt!“ unterbrach er sich selbst. „Ich hatte in Gelsungen einen Flügel, ein Instrument, das mich seine runden tausend Thaler gekostet hat; mancher berühmte Virtuose hat in meinen Soiréen darauf gespielt – jetzt steht’s bei einem reichgewordenen Leimfabrikanten, und ein halbes Dutzend junger Leimsiedersprossen klimpert drauf herum. Ja, was half’s denn aber? Ich mußte es hingeben. Sagen Sie doch selbst, wo hätte ich denn hier das Prachtinstrument aufstellen sollen? … Ich wünschte nur, Sie hätten einmal diese Tonfülle gehört! Unter den Händen meiner Nichte klang der Flügel geradezu erschütternd; selbst ihren Fingerübungen konnte ich mit Genuß zuhören – ah, Sie sind kein Freund davon?“ fragte er – der spöttische Ausdruck im Gesicht des Gutsherrn war drastisch lesbar geworden.

„Nein,“ versicherte dieser unumwunden. „Die Zahl der clavierspielenden Damen ist Legion. Nach jedem Diner, in jeder Abendgesellschaft ist der unglückliche Marterkasten die schließliche Zugabe. Ich bin gewohnt, nach meinem Hut zu greifen, sobald sich eine Dame an das Clavier setzt.“

Der Amtmann lachte gezwungen auf, während seine Frau sehr ernst sagte: „Glauben Sie mir, auch wenn man uns das Instrument gelassen hätte, Sie würden bei uns nie gezwungen worden sein, einer aufdringlichen Production auszuweichen. Unser liebes Kind sucht auch nicht im einseitigen Virtuosenthum seinen eigentlichen Beruf, seine Lebensaufgabe –“

„Aber, liebes Herz, ich sagte es ja schon, daß Agnes auch eine Malerin par excellence ist,“ fiel der Amtmann hastig, in sichtlicher Ungeduld ein.

„Sie weiß auch Bescheid in Küche und Keller,“ fuhr sie fort – man sah, es kostete sie einen inneren Kampf, noch etwas zu sagen, nachdem ihr Mann ihr so apodiktisch das Wort abgeschnitten, aber sie that es, und zwar mit etwas erhobener Stimme und hörbarem Nachdruck.

„Ich begreife Dich nicht, Sannchen,“ unterbrach er sie abermals. Eine starke Röthe stieg in sein Gesicht, während er sich geärgert unter einer Grimasse die Kniee rieb. „Liegt Dir denn gar so viel daran, die Agnes, die Tochter eines höheren Officiers, eine Franz, mit aller Gewalt als Aschenputtel, respective Küchendragoner, hinzustellen? – Sollte mir leid thun um mein Geld, wenn sie es nicht weiter gebracht hätte. … Apropos, Herr Markus,“ brach er das Thema gewaltsam ab – „wie lange gedenken Sie noch im Hirschwinkel zu bleiben?“

„Nur wenige Tage.“

Es schien, als athme der alte Herr erleichtert auf; gleichwohl wiederholte er stirnrunzelnd, in mißvergnügtem Ton: „Wenige Tage? … Hm, da werden wir wohl die Freude nicht noch einmal haben, Sie bei uns zu sehen, und ich bin gezwungen, da mir mein unglückliches Piedestal keinen Gegenbesuch auf dem Gute gestattet, den günstigen Moment beim Zipfel zu nehmen und Sie um einen mündlichen Bescheid auf mein Schreiben zu bitten. Kurz heraus: Wie steht’s mit der Eisenbahnfrage? – Sie werden sich nun selbst überzeugt haben, in welch desolaten Zustand die Vorwerksbaulichkeiten sind – da hilft schon längst kein Flicken mehr. Und vollends die alte Bude, in der wir hausen – die reißt und kracht bei jedem Windstoß in allen Fugen – sie prasselt beim ersten Vorbeipassiren der Locomotive zusammen, so gewiß, wie zweimal zwei vier ist.“

„Dann thut man am besten, sie vorher niederzureißen –“

„Herr!“ fuhr der Amtmann empor – es sah fast aus, als wolle er dem gleichmüthigen Redner an die Kehle fahren, während die Kranke mit einem Schreckenslaute flehend die Arme hob – „Herr, das heißt mit anderen Worten, Sie wollen mich an die Luft setzen.“

Herr Markus ergriff beschwichtigend die Linke der alten Dame.

„Wie mögen Sie darüber so sehr erschrecken, gnädige Frau!“ sagte er. „Ist Ihnen dieses Haus, das unleugbar dem Einsturz nahe ist, so lieb, daß Sie kein anderes an seiner Stelle sehen möchten? Ich baue auch die Schneidemühle von Grund aus neu auf; es bleibt mir nichts anderes übrig, wenn ich nicht will, daß sie eines Tages meinen Pächter unter sich begräbt. Und hier läßt sich ein Neubau viel leichter und rascher bewerkstelligen, als dort am Wasser. Ich verspreche Ihnen, es soll ein hübsches, bequemes Hans mit gesunden, luftigen Räumen, Veranda und Sicherheitsläden werden. Wir rücken es um mindestens dreißig Schritte weit aus der lästigen Nähe der Schienen, verlegen die Stallungen an seine Nordseite und den Hof hinter die Gebäude, zu welchem Zweck selbstverständlich ein beträchtliches Stück Fichtengehölz wegrasirt werden muß. … Es ist nicht mehr als billig, daß ich Ihnen für die Dauer des Umbaues ein anständiges Logement verschaffe, und deshalb bitte ich Sie, Ihr Zelt im Gutshause aufzuschlagen. Die Hälfte der oberen Etage stelle ich Ihnen zur unumschränkten Verfügung – ich glaube, die Wohnräume Ihrer lieben verstorbenen Freundin werden Sie anheimeln und Ihnen genügen, bis Sie – ich hoffe ganz gewiß mit Anfang Mai nächsten Jahres – auf das Vorwerk zurückkehren können. Sind Sie damit einverstanden?“

Sie versuchte, bitterlich weinend und vollkommen sprachlos, seine Hand, die ihre Linke noch umschlossen hielt, an die Lippen zu ziehen, was der junge Mann erschrocken abwehrte.

„Nein, nein,“ sagte er verlegen erröthend, „danken Sie mir nicht! Nehmen Sie das, was ich thue, als einen letzten Gruß der edlen Heimgegangenen von jenseits herüber!“

Auch der Amtmann schien bis zur Wortlosigkeit überrascht zu sein; auch ihn mochte es drängen, dankend nach der Hand des jungen Mannes zu fassen, aber bei den letzten Worten desselben stutzte er und horchte auf. Er zog die Hand zurück, und in seiner schlauen Miene konnte auch ein nicht sehr Kundiger lesen, daß ihm plötzlich ein Licht aufgehe, daß ihm der Gedanke komme, hinter dieser unglaublichen Großmuth „müsse Etwas stecken“. – Er war eine jener brüsken, unzerstörbar selbstbewußten Naturen, die es nie zugeben, daß sie Macht und Ansehen selbst verspielt haben; sie suchen sich jeder Situation sofort herrisch zu bemächtigen, wenn ihnen auch nur zollbreit Luft und Raum gelassen wird.

„Ach ja, unsere theure Freundin,“ sprach er mit kühler Ruhe und vornehm reservirter Haltung, „sie hat recht wohl zu schätzen gewußt, was wir ihr zu allen Zeiten gewesen sind. Wir haben von der Ferne aus Freud und Leid redlich mit ihr getragen und schließlich die traurige Einsamkeit des Hirschwinkels gern mit ihr getheilt. … Ich bin so manches Mal durch Wind und Wetter gelaufen, um ihr mit einer Partie Schach die langweiligen Winterabende zu verkürzen – und Schach ist durchaus nicht meine Passion, müssen Sie wissen, Herr – im Gegentheil! Aber solch ein Opfer bringt man ja herzlich gern, zumal einer Frau, die hingebende Freundschaft so zu würdigen wußte, wie unsere gute selige Oberforstmeisterin.“

„Sie hat mehr für uns gethan, als das ganze Heer von Freunden zusammengenommen, das sich einst um unsere Speise- und Spieltische zu schaaren pflegte,“ schaltete die Frau im Bette schüchtern, mit bebender Stimme ein.

„Nicht bitter werden, liebes Herz! Auf alle diese Braven lasse ich nun einmal nichts kommen. Aber Du hast Recht – Clotilde war von Herzen dankbar und wäre unbestritten noch viel weiter gegangen, wenn wir in leichtbegreiflichem Zartgefühl nicht immer abgewehrt hätten.“

Er zuckte die Achseln.

„Je nun, es hat so sein sollen – der Tod ist ihr über den Hals gekommen, sie wußte nicht wie – sonst wäre wohl Manches ganz, ganz anders.“

[91] Herr Markus wandte sich unwillig weg von dem anmaßenden Schwätzer, der ihm, nur wenig verblümt, in das Gesicht hinein sagte, daß eigentlich er von Rechtswegen jetzt der Gutsherr im Hirschwinkel sei, wäre er nicht ein Pechvogel gewesen, dem das jähe Ende der früheren Besitzerin seine auf gebrachte Opfer wohlbegründeten Ansprüche vernichtet habe. Eine scharfe Antwort drängte sich auf die Lippen des jungen Mannes, allein im Hinblick auf die sichtlich alterirte Kranke, die beweglich, mit angstvoll flehendem Blick seine Augen suchte, bezwang er sich und entgegnete gelassen: „So viel ich durch ihren langjährigen Rechtsbeistand weiß, hat sich meine Tante zeitlebens nur als die Verwalterin dessen angesehen, was ihr Mann hinterlassen. Einzig aus dem Grunde hat sie auch durchaus nicht testamentarisch über das Gut verfügt.“

„Ja, ja – Sie mögen Recht haben – ja, ja!“ stotterte der Amtmann. Er duckte sich plötzlich ganz kleinlaut in seinem Lehnstuhl zusammen. „Ich erinnere mich auch, dergleichen Aussprüche aus ihrem Munde gehört zu haben. Es ist deshalb nur anzuerkennen, daß Sie die vieljährige innige Beziehung zwischen ihr und uns nicht ganz ignoriren. Nun denn, ich nehme Ihr freundliches Anerbieten, einstweilen in das Gutshaus überzusiedeln, mit bestem Dank an, aber – ich bitte Sie – was soll inzwischen aus meinem Viehstand werden?“

Es war schwer, dieser lächerlichen Aufgeblasenheit gegenüber ernst zu bleiben.

„Nun,“ sagte Herr Markus, indem er sich an seinem aufgesprungenen Handschuhknopfe zu schaffen machte, „ich meine, vorhin im Vorübergehen eine Kuh im Stalle gesehen zu haben –“

„Ja, ja – ganz recht, augenblicklich, Herr Markus. – Ich war vor Kurzem gezwungen, dem Fleischer zwei prächtige Schweizerkühe an’s Messer zu liefern – eine schwere Heimsuchung für einen Oekonomen! Ich bin überhaupt schlimm dran, bester Herr. Es steht draußen nicht Alles so, wie es sein sollte – das weiß Niemand besser als ich, aber mir fehlt ein Knecht. Ich habe nach allen Himmelsgegenden geschrieben – einen hiesigen will ich um keinen Preis; das Volk taugt den Teufel nichts – habe Lohn über Lohn geboten, aber den Lumpen ist’s zu einsam hier; es will absolut Keiner in den Hirschwinkel.“

„Lassen Sie mich einmal den Versuch machen! Vielleicht habe ich mehr Glück,“ versetzte der Gutsherr. „Die Kuh stellen wir auf dem Gute ein, und das Geflügel kann auch drüben auf dem Hofe mit durchgefüttert werden. Mit Vollendung des Neubaues aber muß Alles wieder im alten Geleise sein – das heißt: das nöthige Vieh in den Stallen und die erforderliche Menschenkraft und -Hülfe zur sorgfältigen Bewirthschaftung des Pachthofes – wenn er nicht total zu Grunde gehen soll. Ich werde für Alles Sorge tragen, auch dafür, daß der Knecht möglichst bald eintritt, der Ernte wegen. Selbstverständlich“ – der Knopf am Handschuh schien sich absolut nicht fügen zu wollen; der Sprechende wandte ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu – „selbstverständlich brauchen wir auch noch eine Magd, ein echtes, rechtes Bauernmädchen, das tüchtig mit eingreift. … Das Mädchen, das jetzt auf den Vorwerkswiesen hantirt, ist doch wohl ursprünglich nicht zu diesem Zwecke engagirt worden?“

Die Kranke legte die abgezehrte, blasse Hand über die Augen, als überkomme sie eine momentane Schwäche, und der Amtmann hatte in diesem Augenblicke einen so krampfhaften Hustenanfall, daß er ganz blutroth im Gesicht wurde.

Der Gutsherr aber brannte förmlich darauf, etwas Näheres über das Mädchen zu hören; er hielt den günstigen Moment unerbittlich fest, trotz Schwäche und Stickanfall des alten Ehepaares.

„Wie man mir sagte, ist sie ein Stadtkind oder hat zuletzt in einer größeren Stadt gedient –?“ forschte er hartnäckig weiter.

„Ja, sie war in Frankfurt am Main,“ antwortete die alte Dame. Ihre Rechte war von den Augen auf die Bettdecke gesunken und pflückte an dem Ueberzug. „Sie ist allerdings nicht für eine solche Thätigkeit erzogen, ach, nichts weniger als das. Lieber Herr –“

„Und deshalb sind wir Ihnen sehr zu Danke verpflichtet, wenn Sie uns eine richtige tüchtige Bauernmagd verschaffen wollten,“ fiel der Amtmann mit erhöhter Stimme ein. „Also, bis wann denken Sie mit dem Neubau zu beginnen, Herr Markus?“

„Ich will mich sofort mit einem Baumeister der nächsten Stadt in’s Einvernehmen setzen,“ entgegnete der Angeredete, sich erhebend – es lag eine tiefe Falte des Mißmuthes, ja, eines gründlichen Aergers, zwischen seinen Brauen – „und werde später nicht verfehlen, Ihnen den Bauriß vorzulegen.“

„Gottes Segen über Sie! Sie sind ein edler Mann,“ rief ihm die Kranke in tiefster Bewegung zu, während er sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung von ihr verabschiedete, um das Zimmer zu verlassen.

Der Amtmann bestand darauf, ihn hinaus zu begleiten. Draußen, in der Hausflur, hielt er ihn mit geheimnißvoller Miene fest.

„Es ist Alles sehr schön und liebenswürdig, was Sie da für uns thun wollen,“ raunte er ihm mit gedämpfter Stimme zu.

„Und ich bin Ihnen auch sehr dankbar dafür, aber denken Sie ja nicht, daß Sie dabei irgend Etwas riskiren – es wird Alles bei Heller und Pfennig ausgeglichen werden. Sie kommen nicht um Ihr Geld – dafür stehe ich. … Sehen Sie, drinn durfte ich nichts sagen; meine Frau weint sich noch die Augen aus vor Sehnsucht nach ihrem Jungen – das ist ein gar heikles Thema bei uns. Solch ein närrisches Weibchen! Und wenn er zerlumpt und zerrissen heimkäme, sie wäre doch selig, ihn wieder zu haben – so sind die Frauen, und in solchen Dingen muß der Vater den Kopf oben behalten. Ich werde doch wahrhaftig meinen Sohn nicht vorzeitig und um dieser Grillen wegen aus seiner Carrière reißen! Er hat großes Glück gehabt, der Thunichtgut, dem’s zu Hause, in der schönen thüringer Heimath zu enge war; der junge Bengel ist schon jetzt so eine Art Nabob; noch ein, zwei Jährchen, da frage ich Serenissimus schlankweg, was seine Gelsunger Domäne kostet –“

„Ei, du Sackermenter, willst du gleich ’runter gehen!“ unterbrach er sich, riß sein Käppchen von dem kahlen Schädel und warf es in die offenstehende Küche nach einer Katze, die eben aus den Tisch gesprungen war, um eine der Tauben zu annectiren.

Er humpelte hinein und jagte das Thier mit dem Stocke in den Hof, worauf er die Küche verschloß. Sie war noch leer. Ueber dem Suppentopf kräuselte kein Dampfwölkchen – das Herdfeuer war offenbar längst ausgegangen.

„Was das nun wieder für Dummheiten sind!“ brummte der Amtmann, roth vor Aerger und Alteration. „Und wenn man zehn Dienstboten hält und bezahlt, sie lassen, Eine wie die Andere, Thür und Angel offen und sieden und braten für die Katze, was man für sein theures Geld anschafft. … Um ein Haar wären wir um unser Diner gekommen. – Dummes Zeug! – Wo sie nur wieder einmal steckt!“

„Ja – wo mag sie sich wohl versteckt halten?“ dachte auch Herr Markus ergrimmt, der, nachdem er sich vom Amtmann verabschiedet hatte, nun über den Hof nach dem Garten schritt, um aus dem Wege, den er gekommen, nach dem Gute zurückzukehren. Er warf einen bösen Blick hinauf nach dem Mansardenfenster, wo sich eben wieder der Mullvorhang wie ein Sommerwölkchen in den blauen Lüften wiegte. – Höchstwahrscheinlich hatte sie sich zu Fräulein Gouvernante geflüchtet, und zwei Mädchenköpfe sahen ihm nun verstohlen und hohnlächelnd nach. … Es war doch stark, daß sie die kärgliche Mahlzeit ihrer Herrschaft achtlos preisgab und sich die schärfsten Verweise derselben zuzog, nur, um ihm nicht wieder in den Weg zu kommen.

Im Garten war es auch still und einsam. Die Grasmücken zwitscherten leise in dem Gebüsch, durch welches vor einer halben Stunde die vermeintliche weiße Dame gekommen war, um eiligst die nöthigen. Küchenkräuter abzuschneiden. Noch lagen die ihr im raschen Laufe entfallenen grünen Stengel über den Weg verstreut; es war offenbar kein Fuß wieder darüber hingeschritten. Und in der Lindenlaube konnte Herr Markus das Schreibeheft dreist in die Hand nehmen; es war weit und breit kein Menschenauge, um zu sehen, wie er ironisch lächelte.

Die ersten Seiten des kleinen Buches waren richtig bedeckt mit dem zierlichen Geschreibsel derselben Feder, in welche der Amtmann seinen herausfordernden Brief dictirt hatte. Es waren aber keine Verse, nur abgerissene Gedanken, wie sie der Augenblick eingegeben haben mochte, Ansichten und Aussprüche eines klaren, wohlgeordneten Mädchenkopfes. – Diese Blattseiten waren eigentlich ein günstiges Charakterzeugniß für die Schreiberin. Wie sie plötzlich ihre angenehme Stellung aufgegeben, um Krankenpflegerin zu werden, so hatte sie auch diese nicht absolut nothwendigen, poetischen Seelenergüsse mit dem pünktlich geführten, kärglichen [92] Einnahmeregister des verarmten Onkels ohne Zaudern vertauscht. – Wie aber reimte sich diese resolute Handlungsweise mit dem Gebühren der jungen Dame zusammen, die sich nach wie vor von der Kammerjungfer wie eine Prinzessin bedienen ließ? –

Er zerknitterte im Unwillen das unschuldige Schreibeheft in seiner Hand, aber er hatte auch alle Ursache, erregt zu sein. In welches Dilemma war sein so ruhiger Kopf gerathen! Er, dem sonst der heitere Lebensgenuß das Dasein ausfüllte, der daheim pünktlich und voll frischen Eifers seinen Obliegenheiten am Comptoirschreibtisch nachkam, um sich dann in den Erholungsstunden voll Lust in den Strom schöner Seelengenüsse zu werfen, dem bis dahin nichts die Wohlthat des süßen Schlafes, den Vorzug eines gesunden Appetites zu rauben vermocht hatte, ihm war jetzt der ursprünglich so anziehende Landaufenthalt verdorben worden durch aufdringliche Grübeleien, die sich absolut nicht abweisen ließen; er schob Frau Griebel’s Delikatessen widerwillig bei Seite und hatte heute Morgen schon schlaflos den Kopf in den heißen Kissen hin- und hergeworfen, noch bevor die Haushähne auf dem Hinterhofe ihre grellen Morgenfanfaren in das dunkelverhangene Schlafzimmer geschickt hatten.

Dieses Vorwerk, dieses alte Wrack mit der mystischen Dame Gouvernante und dem halbtollen Aufschneider, dem Amtmann, das Mädchen mit dem Sphinxgesicht und der edelschönen Gestalt im armseligen Arbeitskittel, das ihn reizte und ärgerte, wie es noch Niemand vermocht, und den „humanen, wißbegierigen“ Forstwärter, den unausstehlichen Menschen, der seine Fangarme begehrlich nach ihr ausstreckte – er wünschte sie sammt und sonders in das Mohrenland, um der Unruhe willen, die ihn peinigte und welche er doch mit aller Zorngewalt nicht abzuschütteln vermochte.

Heute wollte er in die Stadt fahren und mit dem Baumeister, der auch den Neubau der Schneidemühle übernehmen sollte, eingehend berathen. Der Riß des neuen Vorwerkshauses konnte schon in den nächsten Tagen in seinen Händen sein; ebenso der Baucontract, behufs der Abschließung. Alles Andere durfte er getrost in Pachter Griebel’s Hände und die der wackeren Frau Pachter legen – das Engagement des neuen Gesindes, die einstweilige Uebersiedelung der Amtmannsfamilie in das Gutshaus, den späteren Ankauf des Viehstandes. – Zu diesen Anordnungen bedurfte es nur weniger Tage; dann wollte er den Staub von den Füßen schütteln und in Jahr und Tag den Hirschwinkel nicht wiedersehen. … Einstweilen blieb die letztwillige Verfügung im Notizbuche der seligen Frau Oberforstmeisterin sein Geheimniß, bis er wieder ruhig geworden war und es sich im Laufe der Zeit herausgestellt hatte, wessen Obhut die sorgenfreie Existenz der kranken Frau auf dem Vorwerke anvertraut werden durfte. –

Er warf das Schreibeheft auf den Steintisch und verließ den Garten, dessen altes, ausgedientes Gitterthürchen mit schwachem Geseufze hinter ihm zufiel. Mit diesem leisen, lebensmüden Geräusch wähnte er die directe Beziehung zu den Menschen, die er da zurückließ, nunmehr abgeschlossen. Er war weit entfernt davon, sich einzugestehen, daß er sich ja selbst kopfüber in die fremden Verhältnisse gestürzt habe und allein schuld sei, wenn die Webefäden fremden Geschickes sich an ihm festklammerten, wie in diesem Augenblicke die zähen, kriechenden Queckenranken, die ihn auf dem wenig beschrittenen, grasigen Wege als lebendige .Fußangeln umstrickten, und deren er sich nur erwehren konnte, indem er sie zertrat. …


9.

Zwei Tage waren seitdem verstrichen. Gestern war der Baumeister im Hirschwinkel gewesen; er hatte sich mit den Intentionen des Gutsherrn vollkommen einverstanden erklärt und ein möglichst rasches Vorgehen in Aussicht gestellt. Herr Markus hatte ihn bei Besichtigung der Vorwerksgebäude begleitet – selbstverständlich hatte er die Schwelle der Hausthür nicht überschritten, dazu war er ja viel zu standhaft in seinen Beschlüssen, aber er konnte es doch nicht hindern, daß der Amtmann an das Fenster kam, um ihm für den Korb feinen Weines, den er sofort nach seiner Heimkehr auf das Vorwerk geschickt, in feuriger Lobpreisung der edlen Gabe zu danken. Er hatte es auch dankend acceptiren müssen, daß ihm ein Gegenbesuch in Aussicht gestellt wurde – und er war auch gekommen, der alte Herr, einige Stunden darauf, so zwischen „Hell und Dunkel“.

Herr Markus hatte in dem Pavillon auf der Mauer gesessen, und da waren zwei Gestalten am Rande des Gehölzes erschienen – eine männliche, die, den Gehstock schwerfällig aufstapfend, mühselig daher gehumpelt war, und ein weibliches Wesen, auf dessen Arm sich der alte Mann gestützt hatte. … Hatte Frau Griebel nicht gesagt, daß das Fräulein Gouvernante genau eine solche Hopfenstange sei, wie die fremde Magd? – Nun ja, das war sie gewesen, eine große, schlanke Dame in elegant sitzender, weichfallender, dunkler Robe – ein grauer Schleier hatte vom kleinen, weißen Strohhut geweht und auch wie ein grauverstaubtes Spinnengewebe über dem Gesichte gelegen.

Geradezu lächerlich aber war es gewesen, zu sehen, wie die erbitterte schöne Dame bei Herrn Markus’ Heraustreten auf das Freitreppchen dem Onkel eilig etwas zugeflüstert hatte, um gleich darauf mit wenigen Schritten in das Gehölz zu fliehen und spurlos zu verschwinden. … Und der alte Herr hatte seinen Stock mitten auf den Weg gestemmt, hatte mit steifgewendetem Nacken der Entflohenen verblüfft nachgestarrt und ein heiliges Donnerwetter hinterdrein geschickt, bis ihm die Erleichterung geworden war, sich auf den Arm des herbeigeeilten Gutsherrn stützen und über die alberne Prüderie der jetzigen jungen Frauenzimmer erbost schimpfen zu können.

Es war ein schweres Stück Arbeit gewesen, ihn das Freitreppchen hinauf zu bringen, droben aber hatte er sich behaglich in den weichen Eckdivan gedrückt und vergnüglich das „allerliebste Junggesellennestchen“ auf der Mauer gemustert. Gleich darauf hatten Cigarren und zwei grünfunkelnde Römer auf dem Tische gestanden, und der köstliche Duft des edlen Rheinweines war der langhalsigen Flasche entquollen. Herr Markus hatte die neue Hängelampe des Pavillonstübchens angezündet, und mit dem Aufflammen des weißen Lichtes war auch die zwischen „Hell und Dunkel“ verlegte Besuchsstunde motivirt worden – es war ein gar zu fadenscheiniger, sorgsam geflickter Rock gewesen, der über den hageren Schultern des alten Herrn wie über einem Kleiderstock gehangen hatte. Aber die Wäsche war bezüglich der Weiße und Sauberkeit tadellos gewesen, und auf dem Oberhemd hatte ein imitirter Stein in altmodischer Fassung als Busennadel geglänzt.

Und das konnte sich Herr Markus nicht verhehlen – es war eine sehr angenehme Stunde gewesen, die er da verlebt. Der alte Mann hatte höchst interessant über Welt und Leben gesprochen und sich als wissenschaftlich gebildet entpuppt, und der seltsame Zug in der Natur dieses leichtlebigen Verschwenders, nach welchem er allezeit und in allen Dingen den besten und wohlbegründetsten Rath für Andere, nie aber für sich selber gehabt haben sollte, war dadurch als vollkommen bewahrheitet hervorgetreten.

Später hatte der Gutsherr seinen Besuch selbst nach Hause geführt – das war nun wieder nicht zu vermeiden gewesen; denn allein konnte der Halbgelähmte nicht so weit gehen, und es war Niemand gekommen, ihn abzuholen. Zwar hatte Herrn Markus’ scharfes Ohr ein verdächtiges Schlüpfen durch die Stämme an der Wegseite hin aufgefangen, aber diejenige, die es so verletzend vermieden, mit ihm in Berührung zu kommen – mochte es nun Fräulein Gouvernante oder die verhaßte Prüde sein – die ignorirte er auch, und so hatte er im Weiterschreiten laut zu dem etwas schwerhörigen Amtmann gesagt, es müsse sich Wild in das kleine Gehölz verirrt haben, er höre es vorbeischlüpfen, und mit einem leisen spöttischen Auflachen war er weiter gegangen, auf dem rechten Arm die ganze Last des weinseligen alten Herrn und im linken ein Paket Bücher, welche sich der Amtmann vom Eckbrett herabgeholt mit dem Bemerken, daß er nach guter Lectüre förmlich lechze; er habe ja aus Mangel an Raum seine ganze kostbare Bibliothek, in die er Tausende gesteckt, verkaufen, respective zu Schandpreisen verschleudern müssen. …

[105] Mit Pachter Griebel hatte sich Herr Markus rasch verständigt. Der Wackere hatte sich sofort bereit erklärt, den Gutsherrn bei seinem Samariterwerk zu unterstützen, und seine brave Ehehälfte hatte mit dem Bemerken acceptirt, was ihr Peter einmal wolle, das geschehe ja doch, und wenn er zehnmal seine duckmäuserische stille Miene aufstecke – er habe es eben faustdick hinter den Ohren, und da sage sie denn in Gottes Namen: Ja und Amen. Aber verwehren könne es ihr doch Niemand, wenn sie den Kopf schüttele und die Hände zusammenschlage über den jungen Herrn, dem es jedenfalls zu wohl sei, denn sonst ginge er doch wohl nicht so tanzlustig auf’s Eis. Mit der Frau Amtmann und allenfalls auch mit Fräulein Gouvernante würde sich’s ja vielleicht leben lassen; es käme ihr nicht darauf an, die alte Frau zu heben und zu tragen und des Nachts bei ihr zu wachen, das thäte sie recht gerne, und die stolzen Mucken der Gouvernante, na, die brauche man ja nicht zu sehen. Aber mit dem Amtmann, dem Faulpelz, dem Schlecker und Besserwisser, da gäb’s Krieg, das wolle sie nur gleich von vornherein sagen – und wenn sie seine Kuh mit Butterbrod und die paar abgelebten Hühner mit Eierkuchen füttere, er habe doch zu nörgeln, das wisse sie. Und die Magd in ihrem abgetakelten Stadtfähnchen und mit dem städtischen Gethue passe auch nicht auf’s Gut, wo im groben Bauernrock und ohne Scheuleder gearbeitet würde, das aparte Ding mache nur das Gesinde rebellisch, und ihr sei sie geradezu unleidlich. Wie der Zufall diese Abneigung auch noch motiviren half, das sollte der Gutsherr heute bis zur Evidenz erfahren.

Er hatte einen umfangreichen Bericht seines Buchhalters erhalten und war genöthigt, verschiedene dringliche Punkte sofort zu erledigen. Deshalb saß er schon seit Stunden am Schreibtisch im Erker, so angestrengt arbeitend, daß er der Außenwelt vollkommen entrückt war. Von der Pächterfamilie war heute noch Niemand heraufgekommen. Er hatte das durch eine Magd servierte Mittagessen allein eingenommen, und nach ihrem Weggang war das Kritzeln seiner Feder das einzige Geräusch gewesen, das die tiefe Stille des Erkerzimmers unterbrochen. Nun aber wurde die Thür resolut geöffnet und Frau Griebel’s Lederschuhe knarrten – sie brachte wie immer den Nachmittagskaffee eigenhändig.

„’s ist wahr, ein hübsch kühles Eckchen ist unser Gutshaus doch!“ sagte sie, nachdem ihr Herr Markus von seinem Platze aus begrüßend die Hand gereicht hatte. „Draußen ist’s schwül, [106] Herr Markus, kochheiß wie in einem Backofen.“ Sie fuhr sich mit dem kühlen Schürzenzipfel über Gesicht und Hals. „Ich war heute schon mit meiner Luise in den Morcheln, und einen Korb voll Erdbeeren haben wir auch zusammengelesen. Um vier Uhr in der Frühe sind wir schon aus den Federn und haben uns auf den Weg gemacht; wir müssen gar weit laufen – bei uns giebt’s keine Morcheln. Aber drüben im Grafenholz, da schießen sie massenhaft – ich sage Ihnen, Kerle, halb so groß wie meine Faust – aus der Erde; da wachsen sie auf den alten Meilerstätten. Ja, wär’ das nicht, da brächten mich nicht zehn Pferde in das Grafenholz. Ich kann den Forstwärter dort nicht leiden; der thut gerade so dick und protzig, wie die auf dem Vorwerk. Und dabei muß ich Ihnen nur gleich sagen, daß ich für künftig mit der fremden Magd bei Amtmanns nicht unter einem Dache Hause – das geht ein für allemal nicht, schon meiner Luise wegen, wenn die in die Ferien kommt. Ich habe heute mein blaues Wunder gesehen. Ja, was meinen Sie denn – kommt uns doch das Mädchen in aller Frühe, sage halb fünf, aus dem Forstwärterhaus entgegen – hui, was Ihnen für ’ne Feuerfahne über’s Gesicht fährt! Ja, nicht wahr, in’s Herz hinein muß man sich schämen, wie es die Frauenzimmer heutzutage treiben!?“

Sie stellte ihm die gefüllte Tasse neben seine Schreibereien auf den Tisch. „So, nun wissen Sie den Skandal und dürfen sich nicht wundern, wenn die Griebel auch ’mal ihren Kopf aufsetzt. Müssen Amtmanns durchaus noch ein Dienstmädchen haben, dann will ich schon für ein braves sorgen, die Jetzige aber kömmt mir nicht herein. Sie werden gewiß ein Einsehen haben und das nicht verlangen, Herr Markus. Bei Griebel’s stehen Zucht und Ehrbarkeit allezeit obenan… . Und nun lassen Sie Ihren Kaffee nicht kalt werden, und schreiben Sie sich nicht krank! Ihr Kopf glüht ja wie eine Feueresse.“

Kaum war die Thür hinter ihr zugefallen, als Herr Markus aufsprang, wie wenn er gewaltsam Fesseln zerrisse, die ihn auf seinem Platz im Erker festgehalten. Die gute Frau Griebel war ein Klatschmaul, wie andere alte Weiber auch; er hatte Mühe gehabt, sie nicht bei den Schultern zu nehmen und empört zu schütteln. Es ließ sich ja nicht leugnen, die Verlästerte that apart und strebte in Sein und Wesen weit über ihren Stand hinaus, und das machte es nur zu begreiflich, daß sie angefeindet wurde, aber ihr Wandel war rein, und mochte sie zu allen Stunden aus dem Waldhüterhaus kommen. Ihm verursachte es nur stets eine Art von schmerzhaftem Schrecken, wenn vor seinen Ohren das Mädchen in Verbindung mit dem Grünrock genannt wurde. Und jetzt ging ihm ein grelles Licht auf – sein Samariterwerk, wie Pachter Griebel sein Vorhaben nannte, nahm einen ganz anderen Verlauf, als er gemeint hatte. Wohl konnte er sich mit gutem Gewissen sagen, daß er vom Anfang an beabsichtigt hatte, das Vermächtniß seiner Tante möglichst günstig für die Betreffenden in Kraft treten zu lassen, aber sein schleuniges, fast überstürztes Handeln war nicht dem edelsten Motiv entsprungen – er hatte dem Grünrock den Humanitäts-Nimbus nicht gegönnt; er hatte ihm zuvorkommen wollen und damit das Gegentheil von dem erreicht, was er im glühenden Eifer angestrebt. Die aufopferungsvolle Fürsorge des Mädchens wurde durch seine Anordnungen der Herrschaft nunmehr entbehrlich, und da konnte ja schleunigst Hochzeit gemacht werden. …

Frau Griebel hatte Recht, sein Kopf glühte, und das Blut hämmerte ihm fieberhaft in den Schläfen. Er durch maß unausgesetzt das Zimmer, und da wurde er sich plötzlich vollkommen klar über das, was in ihm vorging.

Wie, war es nicht, als sähe der Herr Oberforstmeister mit höhnischem Lächeln auf den „Schlosserssohn“ nieder, in welchem das Arbeiterblut mit richtigem Instinct „Gleich und Gleich“ erstrebte? Es wallte auf für Eine, die das Brod der Dienstbarkeit aß, für ein Mädchen im Arbeitskittel mit hartgearbeiteten Händen. Aber stand es der, welche da neben dem Hochmüthigen im bräutlichen Liebreize lächelte, auf der weißen Stirn geschrieben, daß sie adeligen Blutes gewesen war? – Durfte sich das Mädchen mit dem dunklen Haargewoge nicht kühnlich an die Seite dieser Blonden stellen? War sie nicht ebenso schön, und hatte sie nicht auch diesen seelenvollen, bezwingenden Blick, der hier im Bilde und dort unter dem verhüllenden Tuch hervor, das er mit kecker Hand zurückgestreift, so sonderbar an sein Herz gerührt? –

Mochte es draußen noch so schwül sein, es breiteten sich doch weite Wiesenflächen hin, über denen der hohe, blaue Himmel stand, und lange Weglinien schafften den wandernden Füßen Raum im Walde – hier erdrückte ihn der niedere Plafond auf den engen vier Wänden.

Er griff nach seinem Hute. Die hingeschleuderte Feder lag in einer Tintenlache auf einem halbbeschriebenen, sauberen Briefbogen, und verschiedene leichte Zettel waren bei seinem hastigen Aufspringen von der Tischplatte herab auf den Boden geflogen. Er hatte keinen Blick für diese Unordnung. Mochte der Buchhalter daheim noch so dringend der erbetenen Weisungen bedürfen, der Chef der großen Firma Markus, sonst der strengste und gewissenhafteste Arbeiter seines Comptoirs, stürmte hinaus, achtlos die geschäftlichen Interessen hinter sich lassend.


10.

Er schlug ohne Weiteres den am Fichtengehölze hinlaufenden Weg ein. Seine Vorsätze, aus eigenem Antriebe das Vorwerk nicht wieder aufzusuchen, waren verweht wie die leichten Staubwölkchen, welche die dicke, heiße, träge dahin streichende Nachmittagsluft von dein ausgedörrten Feldweg aufnahm und vor seinen Augen zerblies. – Er scheute sich auch nicht, nachdem er die linke Flanke des Gehöftes umschritten, vor den geschlossenen Thorflügeln Halt zu machen und in den Hof durch dieselben Breterspälten zu sehen, vor welchen zwei Tage früher der Bettler gekauert, dem die Armuth ein paar Zehrpfennige hingeworfen hatte.

Ueber dem weißgebleichten Pflaster des öden Hofes, das seit vielen Tagen kein fallender Regentropfen benetzt, flimmerte die brütende Sonnengluth. Das Federvieh mochte sich von den glühenden Steinen in dunkle Stallecken zurückgezogen haben, und der angekettete Hund, der jenseits der Mauer bei den nähenden Schritten des Gutsherrn einen schwachen Kläffversuch gemacht, hatte es auch wieder aufgegeben, bei der Hitze zu rebelliren. In dem Zimmer der alten Leute dagegen, die das kalte, feuchte Gemäuer des niederen Wohnhauses Tag und Nacht anfröstelte, schien der heiße Brodem willkommen zu sein – zwei Fenster standen weit offen. An dem einen saß lesend der Amtmann, und durch das andere sah Herr Markus die Kranke mit gefalteten Händen still in ihren Kissen liegen. Die beiden Alten waren allein; hinter den gardinenlosen Fenstern zur Rechten der geschlossenen Hausthür rührte und regte sich nichts, und das Mansardenfenster streifte der Blick des Suchenden nur flüchtig; es war ihm sehr gleichgültig, ob Fräulein Gouvernante hinter den Rasenstücken sitze oder nicht; er hatte nur den einen Gedanken – nur den einen! Und der trieb ihn an, nun auch nach rechts das Gehöft zu umgehen und das Küchenfenster zu inspiciren. Aber auch hier war es still und einsam, wie im Garten, den er gleich darauf durchschritt, wie auf dem ganzen zum Vorwerke gehörenden Gelände, das er über den Weißdornzaun hinweg übersehen konnte.

Er nagte zornig an der Unterlippe. Sollte er wirklich nach dem Grafenholze gehen, um zu erfahren, daß er ein Narr sei, daß er demüthigender Weise das Nachsehen habe? Wenn sie das zu Hause gewußt hätten! Das Triumphgeschrei seiner Bekannten, die er so oft mit ihrem „Liebesfieber“ gehänselt, die Entrüstung seiner Stiefmutter, die eine Geheimrathstochter war, das boshafte Gekicher der jungen Damen, denen gegenüber er oft genug den ganzen Uebermuth eines Unbesiegten geltend gemacht – er malte sich das Alles in den lebhaftesten Farben, aber dabei durcheilte er immer hastiger sein eigenes Waldrevier und arbeitete sich schließlich durch das Gestrüppe nach dem Schlupfwinkel hinter der Buche, von welchem aus er das Forstwärterhaus beobachten konnte. Er begriff, daß es stets wie eine Art Rettung des Leibes und der Seele empfunden werden müsse, das wüste, staubumwirbelte Gehöft am Fichtenhölzchen mit dem rothen Hause da, wenn auch nur für Stunden, zu vertauschen. Wie ein schmucker, rothglänzender Würfel lag es auf grüner Rasendecke, die kein sonnversengtes Hälmchen entstellte, mitten im dunkelnden Buchengrün, hinter sich die himmelhohe, steile, guellenreiche Waldwand, die strotzendes Leben in riefelnden Wasseradern in’s Thal schickte.

Heute hatte es seine Physiognomie in Etwas verändert; die Vogelkäfige mit ihren lärmenden Insassen hingen nicht am oberen Giebelfenster, und alle Fenster der Eckstube, welche der Forstwärter für die Kranke auf dem Vorwerke reserviren wollte, waren durch niedergelassene Rouleaux verdunkelt – eine tiefe Ruhe webte [107] um das Haus, eine so behütete Stille, daß man hätte meinen können, die nervenleidende alte Dame sei bereits hierher übergesiedelt. Jedenfalls lag die Wohnung unter festem Verschlusse – es war Niemand daheim, und deshalb verließ der Gutsherr nach kurzem Verweilen seinen Observationsposten, um zurückzukehren in diesem Augenblicke machte ein plötzliches, schallendes Gelächter seinen Fuß stocken. Es kam von der Hausecke mit den verhüllten Fenstern her – ein anhaltendes, tolles, ausgelassenes Lachen, das, in die tiefe Waldruhe hineinklingend, roh und verletzend das Ohr berührte. Darauf folgte erregtes Stimmengemurmel, und der eine Rollvorhang flog ein wenig auf, als bewege ihn ein unruhiges Treiben im Innen: der Stube. … Der Herr Forstwärter hatte Besuch, eine Gesellschaft guter Freunde, die es sich im kühlen Zimmer wohl sein ließen. Wie Herr Markus meinte, mochten da drüben in der traulichen Ecke Tabaksqualm und Bierdunst die Luft erfüllen, und über dem Kartenspiele wurden die lachenerregenden Späße nicht vergessen.

Nein, es war ihm unmöglich, sich das Mädchen in einer solchen Umgebung zu denken – hier war sie nicht. Ihrem stolzen Blicke gegenüber wagte sich gewiß kein solch brutales Männerlachen hervor, und doch gerade in diesem Momente wurde die Hausthür geöffnet, und die Magd trat heraus.

Sie hatte einen irdenen Krug in der Hand und stieg die Stufen herab, die Arme lässig am Leibe niederhängend, mit gesenkten Augen und die Brauen schmerzhaft zusammengezogen – das Bild eines traurigen Insichgekehrtseins.

Der junge Mann hinter der Buche hatte in seiner Empörung auf sie zustürzen wollen, allein er blieb unwillkürlich stehen, als gehe von dieser still herabschreitenden Mädchengestalt ein Schein aus, der die herandrängende dunkle Leidenschaft abwehre. … Sie schritt um die Hausecke nach der Quelle am Abhang, welche, in die primitivste Holzrinne gefaßt, ihr krystallhelles Wasser in einen Brunnentrog goß.

Herr Markus ging dem Mädchen nach, und als sie seine Schritte hinter sich hörte, wandte sie sich nach ihm um. Er war ihr bereits so nahe, daß er sehen konnte, wie sie sich verfärbte, wobei aber auch die Schmerzensfalte zwischen den Brauen so plötzlich verschwand, als sei sie weggewischt.

„Wollen Sie sich mit einem frischen Trunke erquicken?“ fragte sie, den Krug auf ein Brett unter den rauschenden Wasserstrahl haltend. „Ich werde Ihnen ein Trinkglas ans dem Hause holen –“

„In der Bibel steht: ,Und eilend ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand und gab ihm zu trinken,‘“ versetzte er sarkastisch, indem er ihr den Weg nach dem Hause vertrat. „Wenn Sie Rebecca sein wollen, dann müssen Sie sich auch bibelfest zeigen. Aber ich danke Ihnen, ich mag auch aus dem Kruge nicht trinken. Klares Brunnenwasser!“ höhnte er. „Sollte es wirklich nur dieser ‚frische Trunk‘ sein, den Sie auch da drüben in der Eckstube der lachenden Gesellschaft kredenzen?“

Sie erschrak heftig; das sah er mit grimmiger Schadenfreude.

„Hört man den Lärm draußen?“ fragte sie stockend.

„Ei, wundert Sie das? – Ich sollte doch meinen, es wären recht ausgiebige Stimmen, die sich dort vergnügten. Ich hoffte schon, die Herren sollten nun auch ein fröhliches Trinklied anstimmen –“

„Sie irren sich,“ warf sie mit erblaßten Lippen ein – ein feuchter Glanz verschleierte den Blick, der ihn unsicher streifte.

„Nun denn, ich irre mich. Es sind vielleicht Betbrüder, die dort in der Eckstube zusammenkommen – möglich ist’s ja.“ Er zuckte die Achseln. „Was geht es im Grunde auch mich an? Aber Eines möchte ich Sie doch fragen: Weiß Ihre Herrschaft um diesen Ihren Verkehr in dem Forstwärterhause?“

Sie hob ängstlich abwehrend die Hände.

„O nein, nein, die alten Leute haben keine Ahnung davon, und sie dürfen es auch nicht erfahren.“

„So – damit wollen Sie wohl auch mir ein Schloß vor den Mund legen?“ fragte er, an sich haltend, scheinbar gleichmüthig.

„Ich muß Sie allerdings inständigst bitten, falls Sie noch einmal vor Ihrer Abreise auf das Vorwerk kommen sollten, nicht davon zu sprechen. Ich bitte Sie, Herr –“

„Mein Gott, ja, wenn es denn durchaus sein muß. Ich kann auch schweigen, obschon ich mich sonst nicht zum Beschützer unlauterer Geheimnisse qualificire –“

„Unlauter?!“

Sie trat von ihm weg, und er mußte sich fragen, ob dieses Mädchen, das mit einem einzigen Wort, einer einzigen Bewegung eine ganze Scala aufgestürmter Empfindungen zum Ausdrucke brachte, entweder eine vollendete Komödiantin oder eine durchaus reine, unter der Herrschaft hoher Bildung stehende Seele sei.

Er bejahte sich tief erbittert das Erstere. War denn da ein Zweifel? War die übertriebene Prüderie, mit welcher sie neulich seinen Blick auf ihr verhülltes Gesicht abgewehrt, nicht die schnödeste Komödie gewesen, angesichts der Thatsache, daß sie hier vor den Augen der lärmenden Männer ohne die entstellende Hülle des „Scheuleders“ und des plumpen, dicken Busentuches ungenirt verkehrte? Und nun hatte sie auch noch die Stirn, ihn mit sanfter, beweglicher Stimme um Diskretion zu bitten. Und dabei der bezwingende Liebreiz ihrer Erscheinung, dieses beseelte Gesicht unter dem dicken nach dem Nacken zurückwogenden Dunkelhaar! Ihm war, als ringle sich eine buntschillernde Natter sanft schmeichelnd nach seinem Herzen, der er in Zorn und Schmerz den Kopf zertreten müsse.

„Aergert Sie das häßliche Wort?“ fragte er schneidend. „Nun denn, sagen wir ‚interessant‘, das interessante Geheimniß! Mit den alten Leuten werden Sie leichtes Spiel haben; sie kommen Beide nicht über die Schwelle der Hausthür und können Ihren Spuren nicht nachgehen, und ich, nun, ich habe Ihnen ja mein Wort gegeben, daß ich schweigen will, ja wohl, schweigen, als wenn mir eine mörderische Hand die Kehle zuschnürte. Aber wie steht es mit Dame Blaustrumpf? Sie ist nicht an ihre Mansardenstube gefesselt und hat flinke Füße, wie ich mich gestern Abend überzeugen durfte. Sie schwebt wie eine Fee und macht es möglich, urplötzlich wie ein Sommerwölkchen zu verschwinden, das der Wind in den Lüften zerbläst; so kann sie auch jeden Augenblick in ihrem grauen Spinnwebenschleier aus jeder beliebigen Waldecke hergeflattert kommen was dann?“

Ein kaum merkliches Lächeln schlüpfte um ihre Lippen; sie bog sich über den Brunnen und rückte das Brett mit dem überströmenden Krug ans dem Bereich der Rinne.

„Ich glaube, Ihnen schon gesagt zu haben, daß ich gar nicht im Stande bin, irgend etwas ohne ihr Mitwissen zu thun,“ antwortete sie, ihrer augenblicklichen Beschäftigung zugewendet.

„Ja, das haben Sie gesagt,“ bestätigte er. „Und es ist ja auch ganz natürlich, daß Ihr Fräulein ein solches Geheimniß patronisirt. Ist doch die Intrigue das Lieblingsspiel dieser Damen, und kann es einmal nicht in herrschaftlichen Salons sein, nun, dann nimmt man auch mit einer niedrigeren Sphäre vorlieb, lediglich aus Lust an der Sache. Ich kenne diese stille Maulwurfsarbeit im Schooße der Familie – ich kenne sie. Natürlich arbeiten sie am liebsten für sich selbst. Sie scheinen nichts zu hören, nichts zu sehen, saugen aber förmlich mit allen Poren die kleinen und großen Familiengeheimnisse in sich ein. Man hört nicht, wie und wo sie den Fuß aufsetzen, aber sie setzen ihn auf – das steht fest – und erklimmen meisterhaft Staffel um Staffel, bis sie plötzlich obenauf sitzen, die Demüthigen, die Uebersehenen, und vor den Augen einer verrathenen Braut oder denen der Töchter eines verwittweten Vaters den Rahm abschöpfen. Sollte die Kammerjungfer, die Vertraute der Gouvernante im Hause des Generals von Guseck gar nichts davon zu erzählen wissen?“

Das Mädchen stand noch halb abgewendet am Brunnen. Sie hatte einmal die Hände gehoben, um sie dann gefaltet wieder sinken zu lassen, und nun sah sie zurück, aber nicht mit dem erregten Blick des Verletztseins, den er an ihr kannte; es sprachen nur schmerzliches Erstaunen und schwerer Vorwurf aus den braunen Augen, die sie langsam zu ihm aufschlug, während sie gepreßt sagte: „Der verwittwete General von Guseck hatte einen erwachsenen Sohn und eine siebenzehnjährige Tochter, die Braut war. Sie Alle haben zu der Gouvernante der jüngeren Kinder vertrauend und hochachtungsvoll gestanden, als gehöre sie zu ihnen. Und ich weiß, daß die Gouvernante dieses Vertrauen nie, auch nicht mit dem leisestein selbstsüchtigen Gedanken gemißbraucht hat. Ich weiß es am besten; ich will die Hand darauf in’s Feuer legen.“

„Ei ja, das fehlte noch,“ unterbrach er sie herb auflachend.

„Die arme, hartgearbeitete Hand da auch noch in’s Feuer legen für diese geborene Selbstsucht! … Sind Sie nicht mitgeschleppt [108] worden in die Einöde, in Noth und Mangel hinein, damit der Verwöhnten die Pflege und Bedienung nicht fehle? Die alte Frau auf dem Vorwerk sagt selbst, daß Sie zu der harten Feldarbeit nicht erzogen sind, und nun sind Sie gezwungen, sich diesen schweren Dienstleistungen zu unterziehen, weil Ihre vergötterte Dame sonst schwerlich – Etwas zu essen haben würde.“

Sie schüttelte lebhaft den Kopf und biß sich mit den kleinen weißen Zähnen auf die Unterlippe. Es war, als kämpfe sie mit Gewalt eine Entgegnung nieder, während ihre Augen einen Moment in unbezwinglichem Humor aufleuchteten.

„Bemühen Sie sich nicht weiter!“ wehrte er spöttisch jede Entgegnung ab. „Die Ehrenrettung gelingt Ihnen doch nicht – ich weiß das wirklich besser. - Haben diese Damen einmal vom berauschenden Becher des Reichthums gekostet, dann sind sie verloren und verdorben für das häusliche Leben. Sie träumen und denken dann nichts Anderes mehr, als sich die Position inmitten des himmlischen Wohllebens für immer zu befestigen, und dazu soll und muß ihnen nun solch ein armer, unglücklicher reicher Mann helfen, gleichviel ob er grauhaarig und altersmürrisch, oder jung und simpel ist, ob er überhaupt will oder nicht. Vielleicht wußten die im Hause des Herrn von Guseck das recht gut und waren auf ihrer Hut, wie ich ja auch lieber zeitlebens einsam bleiben, als eine ehemalige Gouvernante zur Herrin meines Hauses machen würden – lieber das erste, beste Bauernkind vom Walde, wenn es nur die Ehrlichkeit auf dem Gesicht und die Wahrheit im Herzen hat!“

Er sah, wie ihr alles Blut aus den Wangen wich, aber sie erwiderte nichts mehr. Sie ergriff den Krug, um ihn von dem Brett zu heben und sich zu entfernen.

„Nun, gehen Sie wirklich wieder dort hinein?“ – Er zeigte nach dem Forstwärterhaus. – „Hat denn das wüste Lärmen gar nichts Zurückschreckendes für Sie?“

Sie sah seitwärts, unter halbgesenkten Wimpern hervor, nach ihm hin.

„Ich habe starke Nerven, fast wie ein robustes Bauernkind vom Walde, das ja vor dem Sonntagslärm in der Schenke auch nicht zurückschrickt,“ entgegnete sie mit großer Schärfe. „In diesem Falle wird übrigens gar nicht gefragt, ob ich mich entsetze oder nicht; ich habe mich einfach dem ‚Muß‘ zu fügen –“

„Damit wollen Sie sagen, daß Sie bereits durch Pflichten an das Haus gebunden sind,“ fiel er tonlos ein. „Aber welcher Art diese Pflichten sind, darüber mögen sich die Leute ebenso den Kopf zerbrechen, wie über Fräulein Gonvernante, die wie ein Götterbild hinter geheimnißvollen Schleierwolken steckt.“. – Sein Ton wurde spitz und satirisch. – „Mein Gott, ja, es mag schon lustig sein, die Welt an der Nase herumzuführen, sehr amüsant sogar, und ich verdenke Ihnen diesen Zeitvertreib keinen Augenblick. Die ansässigen Leute im Hirschwinkel freilich sind nicht so harmlos, wie ihr neuer Herr; sie lösen die Räthsel auf ihre Weise und finden kein entschuldigendes Wort für Amtmanns Magd, die zu allen Tageszeiten in das Wäldhüterhaus geht – der Mann haust allein –“

Er verstummte. Es war ihm selbst peinlich, zu sehen, wie ihre Hand kraftlos vom Krughenkel niedersank, wie ihr das heiße Roth aufstieg bis unter das Haar an Stirn und Nacken. Den Blick schamvoll weggewendet, stand sie einen Moment unbeweglich, und zum ersten Mal sah er die Umrisse ihres Profils, die sich daran schließende feine Linie des Halses so regungslos vor sich, wie ein auf dem dunklen Hintergrund des Buchengrüns fixirtes Bild.

Ueber die obere Halspartie lief ein Sammetbändchen, wie ein dünner, mit dem Tuschpinsel ausgeführter, trennender Strich. Unwillkürlich kamen dem jungen Mann die Worte Faust’s: „Wie sonderbar muß diesen schönen Hals – ein einzig rothes Schnürchen schmücken“ – zu Sinne, und der herrliche Thalgrund wandelte und verengte sich ihm zur düsteren Schlucht; das Waldhüterhaus mit seinen verhangenen Fenstern und dem wilden Treiben dahinter, von welchem das Mädchen in sichtlicher Angst wünschte, daß es draußen nicht gehört werden möge, sah plötzlich aus, als dürfe sich das Verbrechen hineinschleichen und darin herbergen. …

Und hierher ging sie heimlich, Zeit und Muße dazu förmlich stehlend, wie magnetisch in einen unheimlichen Strudel hineingerissen. Ein wilder Schmerz durchfuhr ihn bei der Befürchtung, daß sie bereits hinabgestürzt sein könne. Aber stand sie nicht da wie eine aus dem Nachtwandeln Aufgeschreckte, entsetzt, die flammenden Zeugen einer namenlosen Bestürzung auf dem Gesicht? Vielleicht verscheuchte sie dieser eine bittere Moment für immer aus dem Grafenholz. Er hoffte es, in unbeschreiblicher Spannung keinen Blick von ihr wendend, aber gerade jetzt sah sie wieder auf; eine finstere Entschlossenheit sprach aus ihren Zügen.

„Ich frage nichts nach den Lästerzungen,“ sagte sie kurz und warf den Kopf auf.

„Auch nicht, wenn Ihnen respectable Leute ihre Thür verschließen?“ rief er heftig. „Frau Griebel protestirt energisch gegen Ihre Uebersiedelung in das Gutshaus, um ihrer unschuldigen Tochter willen,“ fügte er in grausamer Deutlichkeit hinzu.

Das schien sie in das Herz zu treffen.

[121] In stummer Qual ballte das Mädchen die Hände und drückte sie gegen die Brust, und doch sagte sie gleich darauf gefaßt, mit großer Bestimmtheit: „Die Frau wird mir diese Härte später abbitten. Sie ist übrigens nicht die Gebietende auf dem Gute; die Entscheidung hängt von Ihnen ab, und Sie werden mir die Thür nicht verschließen –“

„So – meinen Sie?“ unterbrach er sie mit zornigem Lächeln. „Wofür halten Sie mich denn?“

„Wofür ich Sie halte?“ wiederholte sie und schlug die Augen langsam zu ihm auf. „Ich halte Sie für einen edlen Mann, für die Großmuth selbst. Wenn Sie können, so vergessen Sie die bösen Worte, die ich Ihnen in meiner Verblendung zu sagen gewagt habe! Wie mußte ich mich schämen, als ich erfuhr, in welcher Absicht Sie auf das Vorwerk gekommen waren! Sie haben die alten Leute aus Noth und Sorgen errettet. Sie sollten sehen wie die arme Kranke neu auflebt, seit sie sich unter Ihrem Schutze weiß; schon dafür allein möchte ich Ihnen danken –“ sie brach ab und streckte ihm schüchtern die Hand hin.

Aber sein verdüstertes Gesicht hellte sich nicht auf.

„Lassen Sie das!“ ließ er sie hart an und wies mit einer heftig schüttelnden Handbewegung ihre Rechte zurück. „Wofür danken denn Sie? Ich frage, was geht es die Magd an, wenn ich mit meinem Pächter eine Vereinbarung treffe? Davon verstehen Sie nichts und sollten sich doch ja nicht hineinmischen.“ – Groll und Verdruß preßten ihm hörbar die Kehle zusammen. – „Und Ihre Beschuldigungen halten Sie nur immerhin aufrecht! Ich bin nicht gut, ganz und gar nicht, und in diesem Augenblicke am allerwenigsten – alles Böse ist lebendig in mir, alle Bosheit und Schadenfreude. Wenn ich Ihnen einen Schmerz zufügen könnte, ich thät’ es mit Genuß –“

Das Mädchen streifte ihn mit einem scheuen Seitenblick – er sprach so laut und heftig.

„Und dann, bleiben Sie doch bei der Wahrheit!“ fuhr er beherrschter, aber um so anzüglicher fort. „Für die alte Frau danken Sie, und die verwöhnte Prinzessin in der Mansarde ist gemeint. Ach ja, Sie denken, die Beletage im Gutshause sei immerhin ein Aequivalent für die Guseck’schen Salons, eine Art Erholungs- und Verschönerungsstation, in welcher dem Vogel die verschnittenen Flügel wieder wachsen sollen. Fräulein Gouvernante ist selbstverständlich wieder einmal die Hauptperson; wir werden wohl das Gutshaus feierlich bekränzen müssen, wenn sie einzieht.“

Sie sah niedergeschlagen aus und schüttelte den Kopf.

„Die armen Gouvernanten! Wenn es auf Sie ankäme, thäten sie jedenfalls besser, ihre Lehrbücher zuzuschlagen und für Andere zu scheuern und zu waschen.“ – Sie seufzte leise auf. „Nach Ihrer vorgefaßten Meinung ist Agnes Franz eine eitle, arbeitsscheue Zierpuppe“ – ein melancholisches Lächeln flog um ihren Mund, als er spöttisch eifrig mit einer ironischen Verbeugung bejahte – „aber wäre sie es auch je gewesen, die Ziererei hätte ihr vergehen müssen bei ihrer Heimkehr. … Ich will ja nicht leugnen, daß sie anfangs nahe daran gewesen ist, die Flinte in’s Korn zu werfen und ihren schweren Pflichten in voller Verzweiflung davonzulaufen. Bis ein zwanzigjähriger Mädchenkopf dem strengen Schicksal gegenüber mit sich selber fertig wird, dazu gehört viel, unaussprechlich viel. Aber sie hat sich ja doch hineingefunden.“ Einen Moment schwieg sie, als überwältige sie die Erinnerung an das Elend, in welches auch sie von fernher mit hineingerathen war – dann athmete sie erleichtert auf. „Und nun wird ja Alles gut. Die lieben, alten Leute sind wohl versorgt für ihren Lebensrest; nun kann sie getrost ihren Beruf wieder aufnehmen. Sie wird freilich so lange Ihre Gastfreundschaft annehmen müssen, als die Kranke ihre Pflege braucht –“

„Mein Gott, was kümmert mich das? Wir werden uns nicht in den Weg kommen. Ich reise in den nächsten Tagen ab. Mag sie so lange im Gutshause bleiben, wie sie Lust hat! Aber Sie?!“

„Ich?“ Sie legte die Hände auf die Brust und sah vor sich nieder. Er war empört über den Anflug eines reizenden Lächelns, das ihr Antlitz unbeschreiblich verschönte – in diesem Augenblicke zu lächeln! Sie war doch genau so frivol und weltverdorben wie ihre Dame. „Nun, ich werde auch bleiben,“ sagte sie, ohne aufzublicken. „Wenn Sie das Eine wollen, werden Sie das Andere müssen.“

„Ei, was Sie da sagen! Darin irren Sie sich aber gründlich; denn ich werde nicht müssen, es sei denn“ – er hielt inne und fixirte ihr Gesicht in athemloser Spannung – „es sei denn, daß Sie die Scrupel meiner braven Griebel beseitigen, indem Sie mir versprechen, das Haus dort von dieser Stunde an nicht mehr betreten zu wollen.“

„Nein – das kann ich nicht,“ entgegnete sie ohne Zögern, ernst und bestimmt.

Er trat von ihr weg, die Augen voll Haß und Grimm.

„So gehen Sie Ihres Weges! Ich verliere kein Wort mehr,“ rief er. „Nur Eines sollen Sie noch wissen,“ – er bog sich wieder hinüber und sagte verbissen: „Sie sollen erfahren, daß ich Sie vom Grunde meines Herzens verachte.“

[122] Sie fuhr empört auf. Einen Augenblick maßen sich diese beiden Menschen mit Zornesblicken, aber wenn er die Thränen, die ihr an den Wimpern zitterten, für Zeugen mädchenhafter Schwäche und Hülflosigkeit hielt, so irrte er sich. Sie wandte ihm plötzlich mit einer stolzen Wendung den Rücken und hob den Krug vom Brunnenbrett.

„Wissen Sie darauf gar nichts zu sagen?“ rief er zürnend.

„Nichts! Was liegt daran, ob Sie die arme Magd des Amtmanns verachten oder nicht? Sie will nur für ein Paar Menschen da sein – für sie ist die Beachtung von Seiten Anderer nur eine Pein.“

Damit schritt sie vom Brunnen weg, direct nach dem Forstwärterhaus.

„Grüßen Sie mir Ihre lustigen Freunde da drüben!“ rief er ihr in beißendem Tone nach. Die weiche Luft schien die Laute zu verwehen, noch ehe sie das Ohr des Mädchens erreichten.

Nicht die geringste Bewegung verrieth, daß sie seinen impertinenten Zuruf gehört habe. Sie ging festen Schrittes weiter und war im nächsten Augenblicke hinter der Hausecke verschwunden.


11.

Noch an demselben Abend machte sich Herr Markus reisefertig. … Das war ja nicht zu ertragen. Was zwang ihn denn, sich selbst auf der Folterbank in diesem Thüringen festzuschmieden? Die ganze Welt stand ihm offen, und wenn er erst draußen war, und das frische, fröhliche Leben wehte ihn wieder an und zerblies die dumpfe, dicke Nebelkappe, die seinen sonst so klaren Kopf umhüllte und alle seine Gedanken gewaltsam auf den einen gehaßten, verwünschten Punkt concentrirte, dann lachte er gewiß und schämte sich der Othello-Gefühle, die ihn immer wieder antrieben, nein, hetzten, dieses Waldhüternest zu umschleichen, wie der Marder das Taubenhaus – ein schönes Taubenhaus! Eine Waldschenke war’s, voll zechender, johlender Gäste. … Ja, eine Taube flog wohl aus und ein – eine schöne, weiße mit täuschend unschuldsvollen Augen – aber sie fragte viel danach, ob ihr helles Gefieder in dieser schwülen, wüsten Atmosphäre befleckt wurde, wenn nur ihr Kommen und Gehen wohlbehütet unter dem Schleier des Geheimnisses blieb! Lug und Trug gaukelten auch durch diesen abgeschiedenen stillen Weltwinkel – und warum nicht? Belladonna und der verderbliche, schönglockige Fingerhut mischten sich ja auch unter Kraut und Strauch, unter die erquickenden Frucht- und Blumenspenden des edlen Waldes, und die Kreuzotter zischte aus dem Wurzelgeflecht der majestätischen Baumsäulen. …

Er ordnete die Papiere für seinen Buchhalter und schickte sie heim, und dabei schrieb er, daß es mit seiner Vergnügungstour nicht allein bei Nürnberg und München bleibe; er wolle viel, viel weiter – wieder einmal nach Rom und Neapel – und käme deshalb nicht so bald in seine vier Pfähle zurück. Und dabei meinte er, grimmig vor sich hinlachend, daß er gegenüber der erhabenen Marmorschönheit in den Sälen und Museen Roms, unter den Pinien am Golf von Neapel kaum noch verächtlich des Mädchens im Arbeitskittel und der herben Luft, der engen, grünen, einsamen Thäler des Thüringerwaldes gedenken, ja, daß er seinen jetzigen Wahnwitz dann nicht einmal mehr begreifen werde. …

Aber als er am anderen Morgen die Vorhänge aus einander schlug und das Fenster öffnete und ihm die geschmähte herbe Luft als würziger, erdbeerdurchdufteter Kraftodem entgegenschlug, die wogenden Kornbreiten des Thalgeländes morgensonnentrunken zu ihm aufleuchteten, und hart daneben der Buchenschatten dämmerte, wohlige Nachtkühle über die tief in sein Herz hineinlaufenden Waldwege breitend, da überkam ein unerklärliches Trennungsweh den tieferbitterten, zornigen Mann, und heiße Sehnsucht, die mit den todten Augen der Marmorbilder und dem weichen Wehen südlicher Lüfte nichts zu schaffen hatte, wallte übermächtig in ihm auf.

Er räumte Plaid und Reisetasche schleunigst bei Seite und quartierte sich wie fast immer für den ganzen Tag im Gartenhäuschen ein. Das Weichbild jenseits der Mauer jedoch betrat er nicht. Er erging sich im Lindenschatten des Gartens, las und schrieb, ließ die Rouleaux nieder vor den Gartenhausfenstern, die nach dem Fichtengehölz hinausgingen, und schloß die auf Altan und Holztreppchen führende Thür so fest zu, als solle nie wieder ein Menschenfuß da aus- und eingehen.

Und diesen einen Tag blieb er auch übermenschlich standhaft in seiner selbstgewählten Gefangenschaft; ja, er hörte scheinbar äußerst gleichmüthig zu, als Frau Griebel Nachmittags kam und erzählte, daß sie bereits eine neue Magd für Amtmanns gemiethet habe. Die stramme Person werde schon in diesen Tagen die Stelle antreten, und da sei sie, die alte Griebel, lieber gleich selbst nach dem Vorwerk gegangen, um den Leuten die Nachricht zu bringen. … Die Hände habe sie zusammengeschlagen über die Frau Amtmann, die jahraus, jahrein im Bette campiren müsse; und dabei sei die arme Kreuzträgerin so lieb, so sanft und freundschaftlich gewesen, daß sie kaum die Zeit erwarten könne, wo sie selbst das elende, ganz zusammengezogene Weibchen heben und tragen werde – denn daß sie die Pflege in die Hände nehmen müsse, das stehe bombenfest, nach Allem, was sie heute in den paar Augenblicken beobachtet habe. … Die Amtmannsleute seien mutterseelenallein gewesen – der alte Krüppel, der kaum noch über die Stubendielen kriechen könne, habe ihr die Hausthür ausschließen müssen, und in der Küche sei mit keinem Auge Feuer noch Rauch zu sehen gewesen, und das gerade um das Kaffeestündchen, wo doch der Aermste ein Töpfchen voll Cichorienwasser an’s Feuer rücke. Ein wahrer Spectakel sei es da drüben. Das vornehme Gouvernantenfräulein habe jedenfalls ihr Nachmittagsschläfchen gemacht, und die Andere – na, von der wisse man ja, wo sie zu suchen sei. – Die könne aber nun abkommen und sich mit Sack und Pack zu ihrem Forstwärter trollen; denn die „Neue“ sei ein wahrer Dragoner, ein Arbeitsbär, mit Händen, an denen jede rechtschaffene Oekonomenfrau ihre Freude haben müsse. Die bringe das Bischen Kram im Haushalt und die Arbeit auf dem ausgehungerten Felde spielend fertig und gehe in Nägelschuhen und Flanellrock, wie es sich für eine ordentliche Magd auf dem Dorfe schicke – kurz und gut, es sei Zeit, daß drüben gründlich ausgefegt und reiner Tisch gemacht werde, und damit habe dann auch der Skandal im Grafenholz ein Ende.

Bei dieser Rede hatte die brave kleine Dicke scharf mit ihren schmalgeschlitzten Aeuglein an dem Gutsherrn hinaufgesehen; denn seit gestern, wo sie die Gottesgabe, den Griebel’schen Musterkaffee, unangerührt und eiskalt auf dem Schreibtisch vorgefunden und die auf dem Fußboden verstreuten Geschäftspapiere zusammengelesen hatte, war ihr der neue Besitzer des Hirschwinkels sehr befremdlich, und eben hatte er ja so verdächtig aufgezuckt, als wolle er ihr mit allen seinen schlanken Fingern in die saubergebürsteten, spärlichen weißblonden Haare fahren. Natürlich war sie nicht die Frau, die so etwas bemerkte. Sie hatte nun erst recht „von der Leber weg gesprochen“ und war nachher mit dem Bemerken fortgegangen, daß sie heute noch die Mägdekammer auf dem Hausboden für „die Neue“ ausräumen und Herrichten müsse.

Und dann, nachdem die Sonne untergegangen, war es wirklich geschehen, daß eine hastige Hand an der Altanthür leise den Schlüssel umgedreht und den Riegel zurückgeschoben hatte, und gleich darauf war der Gutsherr das Holztreppchen herabgestiegen und zwischen dem Kornfeld und der Gartenmauer hingeschritten; der Weg lief an den Hintergebäuden des Gutes hin und über ein Wiesenstück weg direct in den Wald hinein. Der Wandelnde hatte den Hut tief in die Augen gedrückt gehabt, als schäme er sich vor dem wispernden Halmengewoge und den dunkelnden Waldwipfeln, die in ernster Majestät auf eine neue Thorheit niedergesehen. Es hatte aber auch jedes Geräusch, das der eigenen Schritte, das ferne Durchbrechen eines Wildrudels im Unterholz, das Huschen der Eichhörnchen droben durch’s Geäst, doppelt scharf und nervenberührend geklungen – ein polizeiliches „Halt!“ vor diesem Wege hätte dem Dahingehenden weit weniger zu schaffen gemacht, als der Gedanke, daß Herr Markus, der Gestrenge, unentwegt Rechtliche daheim, hier scheu wie ein Wilderer durch fremdes Revier schleiche. Und im Stall des Waldhüterhauses hatten die Ziegen verrätherisch gemeckert, und der Hund hatte drinn die Schnauze an die Fuge der Flurthür gedrückt und geknurrt, zum Aerger dessen, der das Haus umkreist und auf dem weichen Wiesenboden fast unhörbar geschritten war.

Die Eckfenster waren noch genau so streng verhüllt gewesen wie gestern; nur aus einem Fenster an der Nordseite war ein helles Licht in die Abenddämmerung hineingeflossen – und durch dieses Fenster hatte er gesehen, was er gefürchtet, was ihm Verwünschungen auf die Lippen und eine Thräne ohnmächtigen Zornes und rasender Erbitterung in die Augen getrieben. … Ja, sie [123] war dagewesen; sie hatte am Küchenherd gestanden, und eine grelle Flamme war jäh aus dem offenen Herdloch emporgelodert und hatte sie voll beleuchtet. Er war in Versuchung gewesen, hinüberzuspringen und mit einem Faustschlag gegen das Fenster sie aufzuschrecken aus dem tiefen Sinnen, das gleichsam einen Schleier über das schöne Gesicht des Mädchens gebreitet. Dazu wäre ihm aber auch kaum die Zeit verblieben – sie hatte sich plötzlich selbst emporgerafft, hatte mit hastigen Händen die Herdringe über die Flamme gedeckt und war mit einer dampfenden Eßschüssel in der Hand hinter der nächsten Thür verschwunden!

Der Mann draußen war noch einen Augenblick stehen geblieben; dann hatte er, sich hoch aufrichtend, gleichsam den Staub von den Füßen geschüttelt und war harten, festen Trittes unter den Fenstern des Hauses hingegangen, sodaß Mosje Dachs hinter der Flurthür nunmehr mit Fug und Recht laut geworden war. Ein Fenster hatte geklirrt – es mochte auch Jemand herausgesehen haben, aber Herr Markus war auf der Fahrstraße fürbaß gegangen wie andere Wanderer auch, die das einsame Haus interesselos seitwärts liegen ließen. … Nein, er durfte nicht länger der klägliche, erbärmliche Spielball dieser unseligen Leidenschaft sein. Schande über den Mann, der sich die Wogen leidenschaftlicher Gefühle über dem Kopf zusammenschlagen ließ! Es mußte Alles vorbei sein, als habe ein Erdsturz dort hinter ihm den rothen Würfel mit seinen Insassen verschlungen. Die Sterne waren nur blaß auf dem noch ziemlich lichten Himmel hervorgetreten, aber sie waren doch da gewesen, die wenigen, denen die vorquellenden Baumwipfel zu beiden Seiten ein Hereinlugen gestattet; sie hatten auf ihren Posten gestanden und auf den dahinstürmenden Mann unverändert herabgesehen, wie sie schon vor Jahren über seinem Kindeshaupt geschienen. Wie nur die Dichter mit diesen Unwandelbaren, im steten, tröstlichen Lichte Schimmernden die Frauenaugen vergleichen mochten! Ein hohnvolles, bitteres Auflachen hatte gespenstig in die tiefe Einsamkeit hineingeklungen. Gab es denn etwas Verlogeneres, als solch einen seelenvollen Mädchenblick unter dunklen Wimpern hervor?

So war der letzte Tag dieser stürmischen Woche, der Sonnabend, gekommen, und mit ihm der Baumeister, der den Riß des neuen Vorwerkhauses brachte. Er hatte auf der Schneidemühle zu thun, wohin ihn der Gutsherr begleitete, und blieb über die Mittagszeit im Hirschwinkel. Als aber sein Wagen vom Hofthore wegrollte, da kam auch Herr Markus schon die Treppe herab, um den Bauriß auf das Vorwerk zu tragen. Er durfte sich das wohl zutrauen – er war ja über Nacht vollkommen ruhig geworden, ja wohl, so ruhig, als sei sein Herzschlag nie alterirt gewesen. Das Gefühl der Verachtung hatte ihm den Sieg über die unselige Neigung verschafft. Und wenn ihm auch war, als scheine die Sonne gar nicht mehr so strahlend über der Welt, und als sei es so seltsam still um ihn her geworden, wie wenn die dunkle Erde alle sonnige Fröhlichkeit aus der Lebenslust in sich aufgesogen hätte, so mußte er sich darüber hinwegzusetzen wissen; besser in ein Grab sehen, als sich durch einen Zauber narren lassen und sich selbst zum Gespött werden!

Im Vorwerkgarten hatte man angefangen, das Gras zu mähen; bis auf den schmalen Weg herein waren die blumendurchsprenkelten Büschel verzettelt. Es lag aber auch ein Taschentuch da; Herr Markus nahm es auf, das feine, schneeweiße Tüchlein, dem ein zarter Veilchengeruch entströmte. Fräulein Gouvernante hatte hier promenirt, und es war leicht möglich, daß er sie jetzt dort in der Lindenlaube mit ihrer Arbeit oder einem Buche in der Hand überraschte. Das ließ ihn allerdings sehr kalt; er wünschte durchaus keine Begegnung und wollte einfach im Vorübergehen den Hut ziehen – aber auch das unterblieb.

Die Näherin stand am Tische unter der Laubenwölbung. Sie hatte sich wahrscheinlich, ermüdet und erhitzt, für einen Moment in den kühlen Schatten geflüchtet. Die Sichel lag vor ihr auf der Steinplatte neben einer Handvoll Gras, aus welchem das Mädchen die Blumen zusammensuchte.

Ohne zu grüßen, legte Herr Markus das gefundene Tuch auf den Tisch, und sein Blick streifte spöttisch nur die schlanken, braunen Hände – er mußte „der Neuen“ gedenken, die mit ihren gepriesenen Arbeitsfäusten das anmuthige Geschäft des Bouquetbindens schwerlich fortsetzte.

Und er ging weiter, als sei die Laube vollkommen leer gewesen. „Brüsk“ hatte der Forstwärter sein Thun und Wesen genannt, und das war er augenblicklich in jeder Linie, brüsk und herrisch, „ein Vornehmer“, für welchen die Dienstleute des Hauses, das er besucht, nicht existiren. … Aber schon über den Hof schritt er als ein Anderer. Die alte Frau auf dem Krankenlager durfte und sollte es nicht mitempfinden, daß ihm dieses Vorwerk nunmehr in tiefster Seele verhaßt sei.

Er breitete den Bauriß auf ihrer Bettdecke aus und weidete sich an der freudigen Bestürzung, mit welcher sie die Zeichnung des schmucken Neubaues anstaunte. Ja, da waren schöne, hohe Fenster und Glasthüren, die auf die Veranda hinausgingen. Wilder Wein sollte sich um das Eisengeländer und die Verandasäulchen schlingen, und an Stelle des öden Oekonomiehofes vor der Hauptfaçade zeigte die Skizze einen hübschen, mit Kugelakazien besetzten Rasenplatz. Er beschrieb ihr, die in einem Athem weinte und lachte, die ganze innere, zweckmäßige Einrichtung des Hauses und blieb äußerlich völlig gelassen den lächerlichen Ansprüchen und Ausstellungen des Amtmanns gegenüber, dem plötzlich der Kamm ganz gewaltig schwoll. Der unverbesserliche Aufschneider war sofort wieder Herr der Situation – das Haus baute er. Er faselte von parketirten Fußböden, von Sammetmöbeln, die er für den Salon anschaffen werde, und tadelte es heftig, daß keine eigentliche Anfahrt da sei, welche das directe Herankommen einer anständigen Equipage gestatte. Und dabei hinkte er aufgeregt durch die Stube und schlug den geflickten Schlafrock, dem ein verwaschenes Baumwollentuch aus der Tasche hing, majestätisch wie einen kostbaren Pelz über der Brust zusammen.

Der Gutsherr lächelte und drückte der Kranken, die ihn bei diesen Auslassungen angstvoll ansah, beruhigend die Hand, wobei er ihr sagte, daß er in Berlin auch nach einem bequemen Fahrstuhl suchen würde, auf welchem ihre Uebersiedelung nach dem Gutshause bewerkstelligt werden solle. Dann aber erhob er sich eiligst. Es mochte wohl die dumpfe, eingeschlossene Luft der Wohnstube sein, die ihm das Blut pochend, voll prickelnder Unruhe nach den Schläfen jagte und ihn hinaus in’s Freie trieb – er ging lediglich, um aufzuathmen, ja, nur deshalb. … Er hätte auch durch das Hofthor den Heimweg antreten können; allein da lag die Sonne breit, in greller Gluthhitze auf der verwahrlosten, steinebesäeten Fahrstraße, während der Garten mit seinen Bäumen kühlen Schatten bot, und weshalb hätte er denn nicht durch den Garten gehen sollen?


12.

Er behielt die Zaunthür in der Hand, damit sie beim Zufallen nicht knarre, und blieb einen Augenblick bewegungslos in dem schattigen Himbeergebüsch stehen, weil – nun, weil es da so, erquickend kühl war. … Und da sah er das Mädchen drüben auf dem abgemähten Grasfleck, wie sie sich eben aufrichtete und das veilchenduftende Taschentuch der Gouvernante aus der Tasche zog, um ihr Gesicht hineinzudrücken – die Intimität zwischen Herrin und Dienerin erstreckte sich somit, wie der Augenschein lehrte, selbst bis auf die Gütergemeinschaft.

Sie kehrte ihm den Rücken zu, und an der Bewegung ihrer Schultern sah er, daß sie krampfhaft athmete. Fast in demselben Moment stand er neben ihr.

„Warum weinen Sie?“ fragte er, halb im Spotte, halb beunruhigt. Das Mädchen stieß einen schwachen Schreckenslaut aus und ließ unwillkürlich das Tuch vom Gesicht fallen. Ja, die Lider waren roth vom Weinen, aber aus den Augen flammte den Fragenden hie tiefste Indignation an. Sie antwortete nicht und nahm die Sichel vom Boden auf, als beabsichtige sie, auf’s Neue zu arbeiten, ohne ihn und seine Frage zu beachten.

„Soll ich keine Antwort bekommen?“ fragte er weiter, mit verhaltener Stimme.

Sie kämpfte sichtlich mit sich selbst.

„Nicht eher, als bis ich Ihnen beweisen kann, daß Sie mich schwer beleidigt haben,“ kam es ihr gepreßt zwischen den Zähnen hervor.

„Das wollen Sie beweisen?“ Er lachte hart auf. „Ich möchte wohl wissen, wie Sie das anfangen werden. Aber das sage ich Ihnen,“ sein Ton wandelte sich plötzlich und nahm eine leidenschaftliche Färbung an, „fußfällig wollte ich Sie um Verzeihung bitten, wenn Sie mich überführten.“

[124] Sie sah überrascht, mit ungewissem Blick auf und wurde glühendroth – dann senkte sie den Kopf tief auf die Brust, in der That wie eine Schuldbewußte.

„Ich wußte es ja,“ sagte er bei diesem Anblick verächtlich. „Sie waren gestern Abend im Grafenholz –“

„Sie auch,“ warf sie ruhig ein.

Diese Gelassenheit frappirte ihn, und dabei schämte er sich in seine Seele hinein der Spionage, bei welcher ihn das Mädchen ertappt hatte.

„Ach, ich wußte nicht, daß man im Forstwärterhaus die Waldspaziergänger controllirt,“ sagte er, zwischen Verlegenheit und grenzenlosem Aerger schwankend.

„Dazu hat man im Forstwärterhause weder Zeit noch Lust,“ versetzte sie ebenso ruhig wie vorher. „Der Hund schlug an –“

„Und da schauten Sie nach dem Heimkommenden aus,“ ergänzte er sarkastisch. „Die Abendsuppe war fertig; er brauchte sich nur an den gedeckten Tisch zu setzen. Der hat’s gut! … Sie sind schon merkwürdig heimisch und rührig in Ihrem zukünftigen Heim.“

Sie sah ihn zuerst groß an, dann aber schien sie plötzlich zu verstehen. Sie wurde roth, und um ihre Mundwinkel zuckte es wie verhaltenes Spottlächeln.

„Wir werden doch nicht in das Waldhaus ziehen?“ warf sie halb fragend hin.

„,Wir’ allerdings nicht, wenn Sie darunter Ihre Herrschaft mitverstehen. Ich glaube, Fräulein Agnes Franz würde sich für ein solches Unterkriechen im Hause ihrer ehemaligen Zofe sehr bedanken.“

„Das Forstwärterhaus im Grafenholz gehört Seiner Durchlaucht, dem Fürsten,“ entgegnete sie, das Lächeln niederkämpfend, „und ich wüßte nicht, wie ich je zu dem Rechte kommen sollte, darüber zu verfügen. Ich bin übrigens die längste Zeit in Thüringen gewesen: wenn ,Fräulein Agnes Franz’ geht, verschwinde ich auch, um mir mein Brod draußen in der Welt zu suchen.“

In sprachloser Ueberraschung starrte er sie an.

„Ich möchte Ihnen schon glauben,“ sagte er langsam, ohne seinen Blick von ihr zu wenden, „wenn ich nicht wüßte, daß Sie – falsch sind.“

Ihre Lippen bebten, aber sie nahm die Beschuldigung scheinbar gelassen hin.

„Ich widerspreche Ihnen nicht – warum soll ich in den Wind hineinreden? Sie sehen durch getrübte Gläser, und ich darf ja keinen Finger rühren, um der Wahrheit die Ehre zu geben. … Leider sind Sie allerdings nach einer Seite hin berechtigt, mir auch später nachzusagen, daß ich ein falsches Spiel gespielt habe –“

„Ja, das unverantwortliche Spiel weiblicher Gefallsucht, wie Sie es der gewiegten Salondame abgelauscht haben!“

„Nein, dazu bekenne ich mich nicht.“ Sie sagte das entschieden, mit einem festen Blick in seine zürnenden Augen.

Er lächelte malitiös ungläubig. „Ich möchte wissen, wie der Mann im Forstwärterhaus darüber denkt.“

„Der denkt und sagt jeden Tag auf’s Neue: ,Gott sei Dank, daß die furchtbare Sorgenzeit auf dem Vorwerk überstanden ist.’ Er hat das Gefühl der Erlösung, wie ich auch.“

„Und kraft dieses Trostes soll er es schleunigst verwinden, daß Sie nebenbei grausam mit ihm gespielt haben?“

Das Mädchen warf stolz den Kopf auf, und eine scharfe Antwort schwebte ihr unverkennbar auf den Lippen, aber sie beherrschte sich und fragte ganz ruhig:

„Nennen Sie die harte, schwere Feldarbeit, die wir allerdings wie ein Paar getreue Cameraden in Gemeinschaft auf uns genommen haben, Spielerei? Fritz Weber ist ein braver, prächtiger Mensch, dem ich zeitlebens dankbar sein werde. Ich habe ihm deshalb auch versprochen“ – ein leichter Zug von Schelmerei erschien und verschwand rasch auf ihrem schönen Gesicht – „seine Hochzeit in Person mitzufeiern, und wenn ich über’s Meer her kommen müßte. In zwei Jahren wird er so gestellt sein, daß er die treue Braut aus seiner ehemaligen Garnison Magdeburg heimholen kann.“

Die Züge des Gutsherrn hellten sich auf, als gehe ein Leuchten durch seine Seele. „Und über’s Meer würden Sie dann kommen? Will denn Fräulein Gouvernante ihr Glück drüben versuchen?“

Sie zuckte die Achseln. „Vielleicht!“ sagte sie lakonisch, obenhin und fuhr mit den schlanken Fingern über die Sichelklinge, als gelte es, einen Fleck wegzuwischen.

„Lassen Sie das!“ wehrte er ihr nervös irritirt. „Sie werden sich verletzen. – Werfen Sie doch das profane Instrument da fort! Sie brauchen es nicht mehr, so wenig, wie Ihre Dame die Blumenmalerei.“

Das Mädchen ließ die Rechte mit der Sichel sinken, es fiel ihr aber nicht ein, das Geräth auf die Erde zu werfen.

„Ich werde so lange arbeiten und auf meinem Posten bleiben, bis ein Ersatz für mich da ist,“ entgegnete sie ernst gelassen. „Und weshalb ,meine Dame’ auf eine Kunst verzichten soll, die sie liebt, das verstehe ich nicht.“

„Ei, sagten Sie denn nicht, daß sie über das Meer gehen würde? Nun sehen Sie, das ist der direkte Weg in’s Schlaraffenland, zu dem erträumten Diamantenprinzen!“

Sie verzog geringschätzend die Lippen. „Was doch solch ein reicher Mann für eine hohe Meinung von der Macht des Besitzes hat!“ sagte sie bitter.

Er lachte. „Wäre sie etwa falsch, diese Meinung? Gott bewahre Sie bestätigt sich alle Tage! Geben Sie einen Diamantenregen über Kopf und Schultern, einen Palast in volkreicher Metropole und ein märchenhaftes Sommerhaus inmitten reicher Plantagen, und solch ein begehrliches Gouvernantenpersönchen wird den Spender all dieser Herrlichkeiten hinreißend finden, und wäre er schwarz und brutal wie der Teufel selbst. Glauben Sie das nicht?“

„Mein Gott, ja – wenn Sie es sagen!“ antwortete sie ebenso leichthin, wie er gesprochen. „Die Eine, die ich meine, hat ja auch ihren Sparren. Ist es nicht grenzenlos vermessen, daß sie sich erlaubt, Sympathieen und Antipathieen zu haben, ganz wie Sie? Ich weiß, daß sie den Vorzug des Reichthums genau auf dieselbe Stufe stellt, wohin Sie die verhaßten Gouvernanten verweisen – tief unter ihre Wünsche.“

Die tiefste Gereiztheit sprach aus dieser scharfen Replik, aber er schien es nicht zu fühlen.

„Ach, lassen Sie sich doch nicht so Etwas weiß machen!“ lachte er. „Sie sind ein kluges Mädchen, an Geist für mich eine Art Wunderkind Ihrer Sphäre, aber das innerste Wesen Ihrer Gebieterin ist Ihnen doch ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Sie belügt Sie. Darum fort mit ihr nach dem ersehnten Eldorado! Ich wünsche ihr von Herzen fröhliches Gelingen. Mag sie doch nach ihrer Façon glücklich werden, wenn sie nur ihren Schatten zurück läßt! Sie gehen nicht mit – nein? Sie bleiben im Hirschwinkel?“ fragte er nach einem tiefen Athemzuge fast bittend.

Aber das ließ sie ungerührt. „Hierbleiben? – Um vielleicht auf mein Schicksal zu warten?“ fragte sie unbeschreiblich herb und spöttisch zurück.

„Es würde wohl rascher kommen, Sie wegzuholen, als Sie denken,“ versetzte er in seltsam stockender Redeweise – klang es doch, als klopfe ein ungestümes Herz in diesen unsicheren Tönen. Er trat ihr plötzlich näher, aber da wich sie erschreckt, mit tiefverfinstertem Gesichte zurück und erhob, wie in unwillkürlicher Nothwehr, die Rechte – die Sichelklinge blitzte zwischen ihnen auf.

„Ich werde Ihnen wohl dieses abscheuliche Spielzeug wegnehmen müssen,“ zürnte er und griff mit einer raschen Bewegung zu. Es geschah mit Gedankenschnelle, aber wie es geschehen, wußten wohl Beide nicht – er fuhr zurück, und sie stieß erschrocken einen Schrei aus und schleuderte die Sichel weit von sich.

„Trag’ ich die Schuld?“ stammelte sie entsetzt.

„Und wenn? War es nicht recht so?“ fragte er, während er sein Taschentuch hervorholte und es um die verletzte Hand wickelte. „Strafe muß sein! Daß doch solch ein dummer Teufel nie gewitzigt wird!“ Er verzog den Mund zu einem flüchtigen Lächeln des Spottes, das die schönen, festen Zähne sehen ließ. „Ich wußte schon am ersten Tage – da auf der Brücke bei der Schneidemühle, wo ich so famose Antworten bekam – daß die Disteln in Thüringen abscheulich stechen, und nun bin ich doch wieder so einfältig gewesen, ihnen in’s Gehege zu laufen.“ – Er verbeugte sich ironisch tief. – „So, nun sind wir quitt, schöne Prüde. Ich habe meinen Theil dahin.“

Sie antwortete nicht. In sich zusammengesunken, hatte sie dagestanden und die Augen in unbeschreiblichem Schrecken auf das weiße Foulardtuch geheftet, durch welches jetzt mit Blitzesschnelle große, rothe Flecken drangen. Und nun, bei diesem Anblicke, flog sie wie gejagt durch den Garten und verschwand im Himbeergebüsch.

Trotz seiner tiefen Verstimmung mußte er lachen. Diese tapfere Heldin, die eine schwere Lebensaufgabe wirklich heldenhaft [126] und muthig auf ihre Schultern genommen hatte, sie konnte kein Blut sehen, sie ließ ihr Opfer im Stiche. Er fühlte, daß die Verletzung keine besonders schlimme war, und der kleine Aderlaß konnte ihm nicht schaden – rollte ihm ja doch seit Tagen das Blut so heiß und ungestüm durch die Adern, wie in der schlimmsten Fieberkrankheit, und verwirrte und verdunkelte ihm die Seele. … Schämen mußte er sich. Er verdiente, von seinen Freunden grausam verhöhnt und verspottet zu werden. Hätten sie ihn nur jetzt sehen können, das Urbild des heimgeschickten dummen Jungen! An das homerische Gelächter durfte er nicht denken, ohne daß sich ihm die Rechte zur Faust ballte! Und mit der Verachtung, in die er sich gehüllt, war es auch nichts gewesen – du lieber Gott, was für ein kläglicher Nothbehelf! Beim ersten Aufblicke der verweinten Mädchenaugen hatte von dieser stolzen Verachtung nichts mehr existirt. Und der frische Humor, mit welchem er sich sonst alle Bedrängnisse sofort von Leib und Seele zu schütteln pflegte, er verfing diesmal auch nicht; er brachte es auch nicht einmal bis zum Galgenhumor.

Wie er so dahin ging – den Garten hatte auch er sofort verlassen – auf dem einsamen Wege am Fichtenhölzchen, wo ihn kein menschlicher Blick traf, wo es so still war, und die jungen, schaukelnden Triebe der Nadelzweige weich und kühlend über seine entblößte, heiße Stirn glitten, da rang er mächtig mit sich und den Gefühlen schmerzlichster Enttäuschung. … Er hatte einen Augenblick innerlich aufgejubelt, als breche plötzlich der volle Sonnenglanz eines grenzenlosen Glückes über ihn herein – das Mädchen war schuldlos, war frei; kein Anderer hatte ein Anrecht auf sie; sie hatte es unwiderleglich bewiesen, aber was half ihm das? Er hatte sich ebenso überzeugen müssen, daß auch er keine Aussicht habe, sie zu besitzen; da half kein Beschönigen, kein Vertrösten auf später, und wie alle diese Vorflunkereien der trügerischen Hoffnung lauten mögen – das Mädchen wollte nichts von ihm wissen, das sagte ihm sein eigener grundehrlicher, gerader Sinn, und da hieß es, mannhaft kämpfen, auf daß „das Bischen Selbstachtung“ nicht auch noch verloren gehe.


13.

Im Pavillonstübchen war es drückend schwül. Es hatte längere Zeit nicht geregnet; Tag für Tag war die Sonne am wolkenlosen, strahlend blauen Himmel auf- und untergegangen und hatte allmählich Alles durchglüht, Dächer und Wände, Waldwipfel und Dickicht und die Fruchtfelder bis in das Mark hinein.

Herr Markus meinte, daß Frau Griebel Recht habe, wenn sie, höchst unpoetisch zwar, aber desto erboster sagte, solch ein blauer Himmel zur Unzeit, der „eine Ewigkeit lang“ kein einziges gesegnetes Wölkchen aufkommen lasse, käme ihr gerade vor wie ein boshaftes Gesicht, das sich über die armen Creaturen auf Gottes Erdboden lustig mache. Ihm war auch, als ob ihm diese zehrende Gluth, unter welcher sich bereits die fruchtschweren Halme schlaff neigten, und Blatt und Blüthe die erste leichte Krümmung des beginnenden Verschmachtens annahmen, durch Poren und Nerven in die innerste Seele dringe, als höre auch er ringsum ein schadenfrohes Gekicher über die armseligen, machtlosen „Creaturen auf Gottes Erdboden“, die ihr Schicksal auf sich nehmen müssen, wie es kommt, gleichviel, ob sie sich wild aufbäumen oder schmerzvoll trauern.

Seine Hand brannte, und es war gut, daß er neben anderem Comfort auch eine Karaffe mit frischem Wasser und Waschgeräth in sein kleines Monbijou gestiftet hatte – nun brauchte er nicht in das Gutshaus zu gehen und Frau Griebel in die Hände zu laufen, was ihm durchaus nicht wünschenswerth war, aber er entging seinem Schicksal trotzdem nicht.

Gerade in dem Augenblick, wo er die Hand in das Wasserbad tauchte, kam die brave Dicke pustend und schwitzend das Gartentreppchen herauf, um „von wegen des Nachmittagskaffees“ zu sehen, ob er da sei.

Sie war nicht die Frau, die viel Federlesens mit einem „Schnitt in’s Fleisch“ machte. Sie schüttelte nur den Kopf bei der Bemerkung des Gutsherrn, daß er sich mit dem Taschenmesser verwundet habe, und sagte in ihrer trockenen Weise: „Wie Sie das fertig gebracht haben, Herr Markus, das ist mir wirklich unbegreiflich. Wenn’s noch der Daumen oder Zeigefinger wäre, da ließe ich mir den Spaß gefallen – aber in den Ballen?!“ – Die conseguente Schlußfolgerung: „Sie müssen doch recht ungeschickt gewesen sein!“ verschluckte sie sichtlich mit Mühe. … Dann ging sie fort, um altes, weiches Leinen und Arnica zu holen, aber Herr Markus müsse Geduld haben und einstweilen die Hand im Wasser lassen, bis sie nach dem Zeug gesucht habe – altes Leinen sei nicht nur so bei der Hand, und wo die Arnica logire, wisse sie im Augenblick auch nicht; man habe, Gott sei Dank, dergleichen seit Menschengedenken nicht gebraucht.

Nun war es wieder still im Stübchen. Die Thür nach dem Altan war weit offen geblieben; da blies dann und wann ein träger Hauch, herein, ohne die Luft abzukühlen. Herr Markus saß im Eckdivan, und vor ihm lag ein, kleines Nécessaire, aus welchem er ein Stück Heftpflaster entnommen – er wollte kurzen Proceß machen, um Frau Griebel’s drohendem Verbinden der Wunde vorzubeugen – aber das hatte er nun schon wieder vergessen. Die Stirn in die Linke vergraben, und die Augen geschlossen, war er wieder im Vorwerksgarten, und das schöne, angstvolle, tödtlich erblaßte Gesicht war ihm nahe, als könne er den Hauch des Mundes spüren. …

„Ich glaube, ich werde noch verrückt um dieses Mädchens willen,“ murmelte er zwischen den Zähnen, und seine Finger wühlten sich wie verzweifelt in das reiche Stirnhaar.

Da war es, als husche Etwas über die Altantreppe – leicht, fast unhörbar, wie auf den Sammetpfötchen einer Katze. Ein Mensch kam sicher nicht hier herauf. Die Gartenecke lag so einsam, und von den wenigen umwohnenden Leuten würde es Niemand gewagt haben, der Gutsherrschaft auf diesem Wege nahe zu kommen.

Herr Markus sah empor und meinte unter einem jähen Zusammenschrecken, das ihn stechend durchfuhr, er träume fort – es war allerdings ein Menschenkind die Treppe herauf, bis fast unter den Rahmen der Thür gekommen – sie, die Prüde, in deren Wangen und Lippen das lebendige Roth noch nicht zurückgekehrt war, trotz der Gluthatmosphäre, die jedes Menschenantlitz höher färbte. … Sie kam zu ihm – in seine Wohnung! Ei nun, wie sie ja auch, bei aller Unnahbarkeit und Zurückhaltung im persönlichen Umgange, ungenirt im Hause des unverheiratheten Forstwärters aus- und einging! Sie gab nichts auf die Anforderungen strenger äußerer Sitten, nichts auf die rügenden Lästerzungen – das hatte sie selbst gesagt. Und so stand sie da, zwar mit scheuem Blick, und auf dem halb und halb neutralen Boden des Altans bang zögernd, aber doch unverkennbar im Begriffe, einzutreten.

Ein seltsames Gemisch von Glückseligkeit, sie zu sehen, und Grimm über diesen ihren Schritt wogte in ihm auf, und dazu gesellte sich die Besorgniß, daß Frau Griebel jeden Augenblick eintreten könne – ach ja, das wäre Wasser auf diese Mühle gewesen! Dann war es um den letzten Rest des guten Rufes dieser Unvorsichtigen geschehen.

Er sprang erregt empor – eine heiße Röthe überflog sein Gesicht. „Sie wünschen?“ fragte er unsicher und deshalb fast rauh und abstoßend. Bei diesen Lauten war es, als wolle das Mädchen in sich zusammenbrechen. Sie griff unwillkürlich nach dem Altangeländer zurück und legte die andere Hand über die Augen. Aber sie faßte sich rasch.

„Der – der Herr Amtmann läßt für die Bücher herzlich danken und bittet um den ,Münchhausen’ von Immermann,“ sagte sie tonlos und reichte ihm zwei der von ihm an den Amtmann geliehenen Werke hin, die sie in einem Körbchen am Arme gebracht hatte. Ah, sie kam als Abgeschickte, als die Magd ihrer Herrschaft. Wie seltsam, daß er ihre Lebensstellung immer wieder vergaß! Wenn der Amtmann befahl, so mußte sie ja ohne Widerrede gehen – an diesem Gehorsam hatte auch Frau Griebel nichts auszusetzen.

„Ich habe das Buch nicht hier,“ entgegnete er aufgehellten Blickes, „und muß Sie bitten, einen Augenblick zu warten – ich werde es herüberholen.“ Er schlug ein Tuch um die noch immer blutende Hand und war im Begriff, die nach dem Garten führende Thür zu öffnen – aber da stand das Mädchen mit wenigen Schritten neben ihm.

„Das hat Zeit!“ wehrte sie hastig, in scheuer Verlegenheit ab. „Ich sollte die Bücher zum Forstwärter tragen, damit er den Wechsel besorge; er wird heute Abend kommen, das Buch zu holen – bitte, geben Sie es ihm!“ – Sie schlug plötzlich wie [127] in überwältigender Scham beide Hände vor das Gesicht. „O Gott, wie peinvoll!“ murmelte sie, und die Hände wieder sinken lassend, sagte sie mit niedergeschlagenen Augen: „Der Bücherwechsel war nur eine Legitimation, mich einzuführen – vielleicht dachten Sie das selbst. Ich kam – weil ich es nicht ertrage, Ihnen Schmerz verursacht zu haben, ohne ihn zu lindern. Ich will gut machen, so viel ich kann.“

Ach, wie schnell war Alles vergessen, was er eben noch gedacht hatte! Seine hypermoralischen Bedenken, Frau Griebel’s alterirtes Anstandsgefühl – wie hätten diese Geringfügigkeiten noch aufkommen können neben den erschütternden Tönen, die an sein Ohr schlugen, angesichts des süßen, blassen Mädchenantlitzes, das sich demüthig auf die Brust senkte! – Unwillkürlich bog er sich nieder, um sie in seine Arme zu ziehen, wo sie geschützt sein sollte für alle Zeit. Allein diese eine rasche Bewegung scheuchte sie sofort bis auf die Schwelle der Altanthür; sie schien förmlich entsetzt über die Wirkung ihrer Worte, über das leuchtende Gesicht des Gutsherrn und hob den Fuß, um, bei einem weiteren Schritte seinerseits, die Treppe hinabzuspringen und das Weite zu suchen.

„Ich war vorhin in das Haus gelaufen, um Verbandzeug zu holen,“ sagte sie herb, mit finster zusammengezogener Stirn; „aber als ich zurückkam, waren Sie fortgegangen. … Ich weiß nicht, ob ich die Schuld an dem unseligen Vorfall allein trage – auf jeden Fall bin ich unvorsichtig gewesen, und das läßt mich nicht ruhen, das hat mich hierher getrieben! … Ich will keine ungesühnte Schuld auf dem Herzen haben, gegen keinen Menschen, gegen Niemand auf der Welt, sei es, wer es sei!“

„Ach so. Nun denn, ich danke Ihnen recht sehr für Ihre Theilnahme,“ warf er bitter lächelnd hin, während er an den Tisch trat. „Sie können beruhigt nach Hause gehen. Die Schuld trage ich allein; warum war ich so täppisch, der sichelführenden ,Trutzigen’ zu nahe zu kommen! Im Uebrigen sehen Sie, daß ich eben im Begriff war“ – er zeigte auf das Nécessaire „den Zeugen des ,unseligen Vorfalls’ einfach mit Heftpflaster zu verkleben.“

„Das genügt nicht,“ sagte sie rasch und bestimmt und kam wieder in das Stübchen herein. „Die Wunde geht ziemlich tief – ich habe es gesehen und besitze ein Mittel, das jeder Entzündung vorbeugt und die Heilung beschleunigt.“ Sie schlug den Deckel des mitgebrachten Körbchens zurück und nahm ein Leinenpäckchen heraus. „Erlauben Sie mir, daß ich Sie verbinden darf! Sie dürfen sich mir ruhig anvertrauen – die Diakonissenpflichten sind mir nicht fremd.“

„Ei bewahre! Was denken Sie? Ich werde wohl solch ein offenbares Opfer Ihrerseits zugeben! Niemals, schöne Prüde! Wer, wie ich, weiß, unter welch innerem Widerstreben Sie sich zu dergleichen Samariterdiensten verstehen – denken Sie nur an die Brücke bei der Schneidemühle, wo ich erst an die christliche Barmherzigkeit appelliren mußte, ehe Sie mich armen Teufel aus dem Schraubstock erlösten! – der kommt kein zweites Mal! Und nun gehen Sie in Gottes Namen heim, oder besser, in das Grafenholz, und sagen Sie dem Forstwärter, daß er das verlangte Buch heute Abend hier abholen kann! Es soll bereit liegen!“

Sie ging nicht – im Gegentheil! Neben den Gutsherrn an den Tisch tretend, rollte sie das Leinenpäckchen aus einander, entkorkte ein kleines Medicinglas und breitete verschiedene Verbandutensilien hin – das geschah alles flink, sicher, und mit schweigendem Ernst, wie ein Arzt dem widerstrebenden Patienten gegenüber zu verfahren pflegt.

„Mögen Sie mich aufdringlich schelten und unbarmherzig mit mir in’s Gericht gehen, mögen Sie mich noch mehr verachten, als bisher, ich weiche nicht, ehe ich meine Pflicht erfüllt habe,“ sagte sie sanft, aber mit Festigkeit.

„Ich will aber Ihre Pflichterfüllung absolut nicht. Ich lehne sie ab und gebe Ihnen hiermit das Zeugniß, daß Sie das Menschenmögliche gethan haben, um Ihr empfindliches Gewissen zu beruhigen,“ rief er, bebend vor Erregung. „Sind Sie nun zufrieden?“

[137] Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich war vorhin heftig und habe Sie mit allzu raschen Worten verletzt. Sie haben ganz Recht, wenn Sie vor Allem von der Diakonissin Selbstbeherrschung verlangen, und deshalb bitte ich, vergessen Sie mein unüberlegtes Gebühren!“

Sie hielt ihm schüchtern die Hand hin.

„Viel Lärm um Nichts!“ rief er, halb lachend, halb zornig, und ohne ihre Geste zu beachten. „Wer wird denn um einer solchen Lumperei willen, wie der Hautriß da, auch nur ein Wort verlieren!. … Und wenn ich wirklich den Fonds von Geduld aufbrächte stillzuhalten, im nächsten Augenblicke risse ich doch das Zeug wieder ab – ich bin viel zu ungeduldig –“

„Seien Sie gut!“ unterbrach sie ihn mit sanfter Bitte.

Diese Töne waren von zauberhafter Wirkung: er wandte achselzuckend den Kopf weg, stützte die Linke auf den Tisch und hielt ihr die verletzte Rechte schweigend hin.

Sie mußte in der That bereits Diakonissenpflichten geübt haben – diese gewandte, sichere Art zu untersuchen war nicht blos die angeborene Geschicklichkeit des Weibes.

Der Gutsherr wandte ihr langsam das Gesicht wieder zu und sah auf sie nieder.

„Waren Sie in einer Diakonissenheilanstalt?“ fragte er mit hörbarem Erstaunen.

„Ja, nicht sehr lange zwar, und auch nicht zu dem Zweck, ausschließlich Diakonissin zu werden. Ich wollte mir nur so viel Kenntnisse aneignen, um nötigenfalls auf dem Lande, wo oft der Arzt stundenweit hergeholt werden muß, im ersten Augenblick Hülfe leisten zu können,“ antwortete sie, ohne ihre Beschäftigung zu unterbrechen. Aber nun blickte sie auf. „Sie werden doch den Arzt hinzuziehen müssen,“ sagte sie, und er sah, wie ihre Augen sich feuchteten, „die Sichel hat Scharten gehabt –“

Er lachte.

„Nähen Sie nur getrost zu,“ ermuthigte er, „und vertrauen Sie meiner robusten Natur!“

Sie biß die Zähne zusammen und handhabte die Nadel rasch und sicher, obgleich dann und wann ein Beben durch ihre schlanken Finger ging. … Es schwebte doch ein Räthsel um ihre Person – weß Geistes Kind war sie eigentlich? Ihre Redeweise, ihr ganzes Sein und Wesen, das halbverleugnete und doch immer mehr zu Tage tretende Wissen gaben ihr unwiderleglich die gebildete Welt als ursprüngliche Heimath – und doch leistete sie die niedrigsten Magddienste, und Fräulein Gouvernante, die am besten wußte, was für ein reicher, geistiger Fonds in ihr steckte, hielt sie unter dem Druck dieser herabwürdigenden Stellung unerbittlich fest. … Was gab jener Egoistin die Macht über den klaren Geist und das Lebensschicksal dieses wunderbaren Mädchens?

Sein Blick hing wie festgebannt an dem schönen Kopf, der sich über seine Hand beugte, an dem köstlichen, einfach zurückgestrichenen nußbraunen Haar – eine dunkle Fluth voll elektrischer Gewalten, die ihm zuströmten. Sein Athem ging schwer und beklommen. … Auf dem schmalen Streifen des weißen Halses, den das Busentuch frei ließ, lag wieder das schwarze Sammetband, diesmal mit halbgelöster Schleife. Trug sie ein Amulet oder ein theures Andenken auf der Brust, das sie nie ablegte? Eine eifersüchtige Wallung trieb ihm das Blut nach dem Kopfe – am liebsten hätte er nach dem losen Ende gegriffen, um das Band fortzuschleudern. Das Mädchen ahnte sicher nicht, auf welche Gewaltthätigkeit er sann, sonst hätte sie wohl nicht mit so seelenvollem dankbarem Blick zu ihm aufgesehen. Der Verband war fertig; sie entließ sanft die Hand aus der ihren und trat an den Tisch, um das Verbandzeug wieder zusammenzupacken.

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie aufathmend, als sei ihr eine Last von der Seele genommen. „Morgen werde ich wiederkommen und nachsehen.“

Dagegen hatte er ganz und gar nichts einzuwenden, aber er sprach nicht. In seiner Seele spannen Verrath und böse Wünsche heimtückisch weiter. Aeußerlich mit wahrhaft stoischer Rühe ihrer Beschäftigung zusehend, träumte er, ein Windstoß packe das kleine runde Nest da auf der Gartenmauer mit Mann und Maus und trage es schneller als das Dampfroß, beflügelt wie der sehnsüchtige Gedanke, plötzlich durch die Lüfte, um es fein säuberlich in den Anlagen der märkischen Villa Markus niederzusetzn. … Weit hinten in den Thüringer Wäldern bliebe die unerklärliche Gewalt der egoistischen Mansardenbewohnerin, das Haus im Grafenholz mit seiner Anziehungskraft und seinen ungelösten Räthseln – losgerissen von Allem, was sie umgarnte, wäre die Heißbegehrte einzig und allein auf ihn, auf seinen Schutz angewiesen, und – herausgeben würde er sie nie wieder. … Ja, das war so ungefähr das verrätherische Gespinnst, das verlockend Masche um Masche nestelte, während er neben ihr stand und den schwachen Veilchenhauch athmete – das Parfüm des Fräulein Gouvernante, das auch von den groben Kleidern der Dienerin ausging.

Und was hinderte ihn denn jetzt, selbst den Sturmwind zu spielen und mit einer plötzlichen stürmischen Werbung die [138] Ueberraschte zu gewinnen? Nichts als der Wille in dem klugen Mädchenkopfe da. Wollte er es wirklich erleben, daß Amtmanns Magd in kurzen, dürren Worten erklärte, sie bedanke sich recht sehr dafür, Herrin in der Villa Markus zu werden? Neu und unerhört den Gouvernantenbestrebungen gegenüber war diese Entscheidung jedenfalls und imponirend auch, und so und nicht anders fiel sie aus – das wußte er, und Herr Markus junior, der daheim recht schonungslos und übermüthig mit der feinen Koketterie in eleganter Toilette zu verfahren pflegte, er war auf seiner Hut und preßte die Lippen fest auf einander, damit ja kein feuriges Wort eine schneidige Abfertigung von Seiten des ernsten Mädchens im Arbeitskittel herausfordere. –


14.

Er hatte sonst gar nichts dagegen, daß Frau Griebel zu ihm kam; er plauderte stets sehr gern mit ihr, allein in diesem Augenblicke war ihm das Knarren der Lederschuhe, die, kräftig aufstapfend, das Gartentreppchen heraufkamen, in tiefster Seele zuwider. Er sah, wie bei diesem Geräusche ein helles Roth über das Gesicht des Mädchens lief; sie ließ sich jedoch nicht weiter beirren und band die Leinenrolle wieder zusammen, als Frau Griebel die Thür öffnete.

Auch das Töchterlein Luise kam mit. Die Präsentirteller, die Beide trugen, reichten kaum aus für die Himbeersaft- und Selterswasserflaschen, das Kaffeegeschirr, die Arnika-Tinctur und Gott mochte wissen was Alles die brave Dicke in der Eile zusammengerafft hatte.

„Na –?!“ fragte sie gedehnt, mit hochgezogenen Brauen und auf der obersten Stufe wie festgenagelt stehen bleibend. Und flinker als gewöhnlich wandte sie den Kopf zurück nach ihrem Küchlein und machte sich sichtlich breit, nur den Thürrahmen mit ihrer Person auszufüllen und den naseweisen jungen Augen, die sie hinter sich wußte, den Einblick zu versperren.

„Ja, nun kommen Sie zu spät, verehrteste Griebel!“ sagte der Gutsherr. „Es ist doch nicht zu verachten, wenn man altes Leinen und Arnika bei der Hand hat, wie die Leute aus dem Vorwerk. Das Malheur mit meiner ungeschickten Hand ist mir dort passirt, und weil ich schreckliche Angst vor dem Verbinden hatte – ich bin gar furchtsam von Gemüth – so bin ich ausgerissen, freilich umsonst“ – er zuckte mit dem ernsthaftesten Gesicht die Achseln – „der Heilgehülfe ist mir auf den Fersen geblieben, und wohl oder übel mußte ich still halten. Da sehen Sie her, Fürsorglichste aller Pflegemütter! Die klaffende Wunde ist zugenäht, kunstgerecht zugenäht, und den will ich sehen, der an dem Verbande Etwas auszusetzen hat.“

„’s ist die Möglichkeit – zugenäht?“ mit diesen Worten wurde der Präsentirteller klirrend auf den Tisch gesetzt, und somit war es nunmehr auch Klein-Luischen unverwehrt, einzutreten.

„Na, dann ist’s ja gut,“ meinte Frau Griebel. „Aber das mit dem ,furchtsamen Gemüth’, das lassen Sie nur unterwegs, Herr Markus – ich bin nicht von gestern. … Meiner Treu, die Bandage sieht wirklich aus, als hätte sie unser alter Medicinalrath auf Schloß Heinrichsthal angelegt – das ist ein tüchtiger Mann, ein berühmter Doctor, Herr Markus. Ja, vor so einem Verbande, wie der da, muß sich freilich der Tillröder Bartkratzer in die Ecke verkriechen. Und das hast Du gemacht? Du, die Magd bei Amtmanns?“ – Sie richtete ihre Augen scharf auf das Mädchen. – „Ja, wo lernen denn bei Euch zu Lande die Mägde solche Männerarbeit? Nicht einmal im Institut, wo doch meiner Luise das Menschenmögliche beigebracht wird, kömmt dergleichen vor – oder doch, Luise?“

„Nein, Mama,“ erwiderte das Töchterlein, das bisher schweigend Amtmanns schöne Magd angestaunt hatte. – „Aber eine Mitschülerin, die zu Ostern auf ein Gut in Südrußland als Gouvernante engagirt ist, geht jetzt zu den Diakonissinnen, um die Krankenpflege zu lernen.“

„So? – Na ja, da ist’s richtig – Euer Fräulein drüben ist auch eine Solche, und Du hast’s ihr abgeguckt!“ sagte Frau Griebel zu dem Mädchen, das mit weggewendetem Gesicht ruhig das Zusammenpacken der Utensilien beendete und nun den Korbdeckel darüber legte. „Das ist ja nun freilich ganz gut und praktisch bei einem Malheur, wie es unserem Herrn passirt ist; da konnte sie Dich doch nachschicken. Sie selbst dürfte es natürlich nicht probiren, bis hierher, in die Herrenstube zu kommen – das wäre eine schöne Blamage für eine Amtmannsnichte. Hui, da möchte ich meine Trabanten in Stall und Küche hören.“

Ein flammendes Erröthen schoß dem Mädchen in die Wangen, und ihre Hände fuhren rückwärts, nach den verknoteten Zipfeln ihres großen weißen Busentuches, um sie zu lösen.

„Was reden Sie da?“ fuhr der Gutsherr scharf und zornig auf. „Wo bleibt der gesunde Sinn meiner braven Griebel? Ich frage, welcher vernünftige Mensch möchte sich wohl dem urtheilslosen Gewäsch Ihrer ,Trabanten in Stall und Küche’ unterordnen? Die ärztliche Hülfe, gleichviel wer sie ausübt, steht über dem Verband des gesellschaftlichen, oft recht albernen Herkommens. Das wären mir die rechten Helfer, die einem Ertrunkenen oder Verblutenden gegenüber erst erwögen, ob sich der ärztliche Beistand auch für sie schicke.“

„Na, mit dem Verbluten war’s so gefährlich nicht, Herr Markus,“ entgegnete Frau Griebel mit unzerstörbarer Ruhe und nicht im Mindesten empfindlich. „Ihre schöne Rede in Ehren, aber so ganz zutreffend war sie doch nicht. Und dem guten Ruf einer Dame kann auch die grobe Gesellschaft, die ich meine, eine Schlappe beibringen – dabei bleibe ich – gerade so wie das nichtsnutzige Mäusevolk in das schönste Seidenkleid seine Löcher knabbert, ohne den Kukuk danach zu fragen, ob es vornehm ist oder nicht. Sie sollten nur einmal die Klappermühlen in der Gesindestube hören, zum Beispiel über diese da“ – sie zeigte auf das Mädchen – „aber ich will mir den Mund nicht wieder verbrennen – i Gott bewahre! – ich bin still,“ unterbrach sie sich.

„Darum möchte ich auch recht sehr bitten,“ sagte Herr Markus mit finsterem Ernst.

„Du meine Seele, Sie nehmen ja das so ernsthaft, wie ein Advocat, Herr Markus. Ja gelt, nun ist die ,brave Griebel’ auf einmal ein alter Drache, der der lieben Jugend spinnefeind ist – ich kann mir’s schon denken. Aber so bin ich nicht, nein, so bin ich nie gewesen. Schöne, junge Mädels haben mir’s mein Lebtag angethan, auch in meiner Jugend, und ich hab’ vielleicht gerade um deswegen so gern an so einer Schlanken in die Höhe gesehen, weil ich selber keine Schöne gewesen bin – halt immer so ein kleiner, dicker, runder Knopf, wie heute noch, aber meinem Peter war ich doch recht so. … Na ja, wie ich sage – und in der Seele leid hat mir’s immer gethan, wenn’s mit so Einer, die ich in mein Herz geschlossen hatte, auf einmal ein Häkchen gehabt hat, und die Leute haben mit Fingern auf sie gewiesen – Du brauchst Dich nicht auf die Seite zu drücken“ – wandte sie sich nach dem Mädchen zurück, das leise hinter ihr wegging und die Altanthür zu gewinnen suchte, und wie neulich auf dem Fahrweg bei der Schneidemühle hielt die dicke Frau den Schürzenzipfel der Fortstrebenden fest. „Das, was ich sage, paßt auch auf Dich, ja gerade auf Dich. … Jetzt, wo Du das Scheuleder nicht über dem Kopfe hast, jetzt sieht man erst, was an Dir ist. Du bist eine schöne Person – das muß Dir der Neid lassen. Meiner Treu, so ein Gesicht kann man weit und breit suchen –“

Sie verstummte für einen Moment, buchstäblich verblüfft; denn das Mädchen riß sich bei den letzten Worten das Halstuch ab und warf es verhüllend über den Kopf. Nun aber übermannte ein heiliger Zorn die gleichmüthige Frau.

„Was? Bist Du denn eine Katholische, eine Klosternonne, daß Du gar so penibel thust? Ist’s denn ein Unglück oder eine Schande, wenn Dir eine ehrbare Frau in Dein Gesicht guckt? – Tausendsapperment, was für eine Heilige! Sag’ mal, bist Du denn auch im Forstwärterhaus solch ein scheuer Vogel?“

Ein lauter Ausruf Luisens schnitt diese kräftige Strafrede ab. … Bei der heftigen Bewegung des Mädchens war ihr das gelöste Sammtband vom Halse auf den Teppich herabgeglitten.

Sie selbst so wenig wie die erbitterte Frau hatte Acht darauf gehabt; mit desto mehr Spannung aber war Herr Markus dem Herabgleiten des Bandes gefolgt, und nun griff er hastig zu und nahm es vom Boden auf – eine Goldmünze hing daran, bei deren Erblicken Klein-Luischen den Jubelruf ausgestoßen hatte.

In diesem Augenblick fiel aber auch der Blick des Mädchens auf das am Bande schaukelnde Goldstück. Sie fuhr mit beiden Händen prüfend nach ihrem Halse.

„Der Henkelducaten ist mein,“ erklärte sie gelassen und streckte die Rechte nach ihm aus.

[139] „So? Dein? Hör mal, Mädel, das will mir nicht in den Kopf. Wie kommst denn Du zu einem solchen Werthstück?“ fragte Frau Griebel, indem sie ihre verschüchterte Luise ruhig beiseite schob, um die Sache selbst auszufechten. „Den Henkelducaten da kenne ich so gut wie meine Tasche – er gehört meiner Luise, so gewiß, wie zweimal zwei vier ist. … Solche uralte Familienstücke laufen nicht heerdenweise in der Welt ’rum – unsere alte Dame hat das selber gesagt, als sie meiner Kleinen am Confirmationstage den Ducaten um den Hals gebunden hat – das war gar feierlich dazumal, mich überläuft’s noch kalt, wenn ich daran denke. … Und nun sag’s nur – es ist ja weiter kein Unglück – gelt, Du hast den Henkelducaten draußen vor dem Hause gefunden, und es hat Dich gelockt, auch einmal zu probiren, wie Dir so ein hübsches Geflinkere zu Gesicht steht?“

Das Mädchen wurde blaß über das ganze Gesicht.

„Gefundenen Schmuck tragen ist so gut wie stehlen,“ preßte sie hervor.

„Ach was – ,stehlen’!“ wiederholte die kleine Dicke kopfschüttelnd. „Wer sagt denn das, närrisches Mädel Du? So siehst Du nicht aus. Eine erfahrene Frau, wie ich, weiß auf den ersten Blick, wo Barthel Most holt. Verstündest Du Dich auf’s Mauscheln und Mausen, da hättest Du Dir auch schon bessere Sachen auf den Leib geschafft. Aber Du bist jung, und da ist das Bischen Eitelkeit zu entschuldigen. Ich trag’ Dir’s nicht nach, Gott bewahre! Bin ich doch heilfroh, daß wir den Henkelducaten wieder haben! Ein ander Mal binde ihn aber auch fester, Luise!“

Diesen Henkelducaten keinesfalls!“ erklärte das Mädchen bestimmt. „Dann trüge Ihr Töchterchen ja auch einen Schmuck, der ihr nicht gehört. Er ist seit vielen Jahren mein Eigenthum,“ wandte sie sich ernst an den Gutsherrn „und – nun, es muß ja gesagt und bewiesen sein – er stammt aus dem Besitz der verstorbenen Frau Oberforstmeisterin. Sehen Sie sich die Prägung an! Es ist eine der ersten sicilianischen Goldmünzen aus dem zwölften Jahrhundert –“

„Ganz recht,“ bestätigte er. „Ich kenne sie, und ihre Umschrift lautet: ,Si tibi, Christe, datus, –’

,Quem tu regis, iste Ducatus'“ vollendete sie.

Er lächelte und legte den Henkelducaten in ihre Hand.

„Es bedurfte dieser Beweisführung nicht. … Nur über Eines wundere ich mich: daß Ihre egoistische Herrin auch Anwandlungen von Großmuth haben kann, und ihre Dienerin mit dem hübschen Andenken der vorstorbenen alten Freundin schmückt.“

Das Mädchen schwieg erröthend, und das unter dem Kinn gebundene Tuch wieder aufknüpfend, legte sie sich das Band um den Hals.

„Und das soll ich nun wirklich geduldig und stumm wie ein Stockfisch mit ansehen?“ rief Frau Griebel empört und zeigte nach den braunen Fingern des Mädchens, wie sie hastig die Bandzipfel zu einem Knoten verschlangen. „Ich soll es leiden, daß sich Amtmanns Magd vor meinen Augen den Henkelducaten umbindet, den meine Luise seit drei Jahren alle Tage an ihrem Hälschen getragen? Und das blos, weil die Aparte dort pfiffig genug gewesen ist, sich das Verschen zu merken, das drauf steht? Ich könnt’s freilich nicht hersagen – nicht um die Welt, und wenn Sie mich todtschlügen, Herr Markus. So fremdes Kauderwelsch ist nie meine Sache gewesen; ich bin gut deutsch – was geht mich der französische Quark an?“

„Es ist ja Latein, Mama!“ lachte Klein-Luischen und schlang ihre hübschen Arme um die Schultern der erregten Frau.

„Ach meinetwegen, französisch oder lateinisch, das ist mir ganz egal. Und geh’ nur weg, Du Schmeichelkatze! Diesmal lasse ich mich nicht ’rumbringen. Schön ist’s nicht von Ihnen, Herr Markus, daß Sie dem hergelaufenen jungen Ding gegen eine rechtschaffene Frau überhelfen. Und der König Salomo in der Bibel hätten Sie dazumal auch nicht sein dürfen – nichts für ungut, Herr Markus, aber zu einem Urtheil gehören auch Beweise. – Ja, lachen Sie nur, lachen Sie immerzu – ich nehm’s Ihnen gar nicht übel! Weiß ich doch, daß ich zuletzt lache. … Das Mädchen sagt, der Henkelducaten sei auch von unserer seligen Dame – Amtmanns neue Magd aber, wie sie da steht, ist erst in den Hirschwinkel gekommen, nachdem die Frau Oberforstmeisterin längst begraben war. Hat die Selige vielleicht Henkelducaten vom Himmel ’runtergeschüttelt, und noch dazu für Eine, die ihr Brod unter den Leuten suchen muß, für Eine, die sie bei Lebzeiten mit keinem Auge gesehen hat? Machen Sie mir doch so Etwas weiß! … Und wie viel solcher Ducaten soll denn die alte Dame gehabt haben? Man kann sich doch nicht den ganzen Hals damit bepflastern; man trägt doch allemal nur einen –“

„Man trägt auch neun an einer goldenen Halskette, wie eine solche im Nachlaß meiner Tante vorhanden ist, verehrteste Griebel!“ fiel der Gutsherr mit einem Gemisch von Humor und Aerger ein. „Ich werde Ihnen in der That nachher die verlangten Beweise bringen – Sie sollen sich selbst überzeugen, daß zwei Goldmünzen an der Kette fehlen, und es ist wohl kein Zweifel, daß die eine auf das Vorwerk verschenkt worden ist. Oder wollen Sie leugnen, daß dort Leute wohnen, die der Verstorbenen auch nahe gestanden haben?“

„Ei, wie werde ich denn das wollen? – Also wirklich, neun Stück an einer Kette, und alle egal?“ fragte sie kleinlaut und betroffen. „Je nun, das hab’ ich nicht gewußt,“ entschuldigte sie sich achselzuckend. „Unsere alte Dame war Keine, die sich gerne putzte und mit ihren Schmucksachen behing – du lieber Gott, für wen denn auch? Bei der Tillröder Kirmse, die auch für den Hirschwinkel mit gilt, war das obere Stockwerk im Gutshause immer zwei Tage lang fest verschlossen, und keine Maus, geschweige denn ein Kirmsengast, hätte auch nur ein Kuchenkrümchen im Speiseschrank über uns gefunden; Gesellschaftstrubel und Staatmachen waren eben nicht ihre Sache. … Na ja, da wird’s schon so sein. Den anderen Henkelducaten hat die Frau Amtmann, oder vielleicht auch Fräulein Franz gekriegt. Aber da frage ich nun, wie kommt er denn an den Hals da – weißt Du’s vielleicht, Jungferchen?“ wandte sie sich über die Schulter nach dem Mädchen hin. „Ich soll doch nicht etwa denken, daß die Damen auf dem Vorwerke es ruhig mit ansehen, wenn sich die Magd ihre Schmucksachen umbindet? Und noch dazu in der Woche, beim Heumachen und beim Scheuern, und zu dem verschossenen Fähnchen da, das Dir nächstens vom Leibe fällt – ’s ist der reine Spectakel –“

„Aber Mama!“ fiel ihr Luise mit sanfter Mahnung in’s Wort. Die Augen des jungen Mädchens hingen unverwandt an der „Aparten“, welche bei allen Demüthigungen, die sie hinnehmen mußte, nicht einen Moment ihre stolz reservirte Haltung verlor. „Das klingt Alles so verletzend – Du bist doch sonst so gut und mitleidig und kannst kein nasses Auge sehen. – Die Damen auf dem Vorwerke haben den Henkelducaten jedenfalls verschenkt –“

„,Verschenkt’!“ wiederholte Frau Griebel ärgerlich. „Da piept nun solch eine Grasmücke und denkt wunder, was sie für eine Weisheit ausgekramt hat, und es ist doch ohne Sinn und Verstand gewesen. … Du lieber Gott, auf dem Vorwerke, wo Schmalhans Küchenmeister ist, wo sie Nachmittags nicht einmal ein Töpfchen Kaffee an’s Feuer zu rücken haben, und wo der alte Herr in einem Schlafrocke ’rumläuft, der mit seinen tausend Flicken die reine Landkarte vorstellt – da werden sie wohl den Dienstboten Ducaten schenken – ja wohl, Ducaten! … Gänschen Du! Nasse Augen kann ich freilich nicht sehen, aber sieh’ Dir einmal die schwarzen dort an! Die haben keine Thräne –“

Sie hielt inne und sah nach dem Gutsherrn, der unterbrechend die Hand gegen sie ausstreckte, aber sein böses Gesicht schüchterte sie nicht ein. „Na, was haben Sie denn an meiner Rede auszusetzen, Herr Markus?“ fragte sie ganz gemächlich. „Sieht denn das verstockte Mädel dort aus, als hätte sie je in ihrem Leben nasse Augen gehabt? Nichts als der Hochmuthsteufel sitzt drin; die sehen auf Unsereinen ’runter, wie auf den Staub am Wege. Mit Solchen hab’ ich kein Mitleiden; ich müßte heucheln, wenn ich’s sagen wollte. Im Uebrigen will ich mich nicht weiter ärgern. Unser Henkelducaten ist’s nicht, das sehe ich ja wohl ein, und wem der andere gehört, das ist nicht meine Sache. Die guten Leute drüben mögen doch selber aufpassen; ich bin nicht Schatz- und Kronhüter auf dem Vorwerke.“

Sie trat an den Tisch und fing an, das mitgebrachte Geschirr zu ordnen, und das Mädchen ging hinaus. Vergebens bog sich Herr Markus vor, ihre Augen suchend – das Gesicht war verschlossen und undurchdringlich wie von Stein. Sie hob die Wimpern nicht und schritt an ihm vorüber, die Treppe hinab.

Wie magnetisch hingezogen, ging Luise ihr nach und blieb auf dem Altane stehen. „Gehen Sie nicht im Bösen!“ rief sie halblaut und bittend hinab.

Das Mädchen, das eben unter dem Altane wegging, sah [140] weder auf, noch machte sie die geringste Bewegung, die bewiesen hätte, daß sie den Zuruf beachte.

„Bemühen Sie sich nicht, Klein-Luischen!“ sagte der Gutsherr, der auch herausgetreten war, laut und anzüglich, „das macht Ihre kindliche Bitte nicht wieder gut. Der Unschuldige muß mit dem Schuldigen leiden – das ist so Frauenart. Ich bin auch in Acht und Bann gethan, weil ich meinte, jedes vertheidigende Wort sei, solchen Anschuldigungen gegenüber, eigentlich eine Beleidigung.“

„Geh’ herein, Luise, und mache keine dummen Streiche!“ gebot Frau Griebel kurz und trocken vom Tische herüber. „Lasse sie doch laufen, die Aparte! Da soll man wohl auch noch, wie bei Hofe, die Worte auf die Goldwage legen, wo doch ein Blinder sieht, daß die Geschichte mit dem Henkelducaten faul ist. – Herr Markus, das ist eine Magd, wie andere Mägde auch, und weil sie sich so ein Air zu geben weiß, da brauchen Sie nicht gleich zu thun, als wär’ sie womöglich die Amtmannsnichte selbst. Damit verdirbt man nur die Leute, und es ist nachher gar kein Aushalten mehr mit dem Gesinde.“

Mit diesen Worten kam sie auch näher an die Altanthür, wobei sie an dem Trinkglase, welches die Mischung von Himbeer und Selterswasser aufnehmen sollte, wischte und putzte. „Wissen möchte ich eigentlich, wo die Junge auf dem Vorwerke das Mädchen aufgelesen hat. Mir kommt sie immer vor, als müßte sie von einer Zigeunergesellschaft weggelaufen sein. Sie kann so allerhand Künste, wie man an dem Verbande da sieht; sie spricht so fremd und närrisch, und sehen Sie doch hin, wie sie dort am Hölzchen geht! Das Tuch fällt ihr vom Kopfe, und sie merkt es nicht einmal – richtig! dort bleibt’s am Wege liegen. Na ja, da haben wir’s, das richtige leichtsinnige Zigeunerblut! Und hat sie nicht so brandschwarze, dicke Haare, wie die Tatern?[2] Sie funkeln ordentlich in der Sonne. Ja, schlank und blank und geschmeidig wie die Eidechse ist das Taternvolk; die alten Hexen stehlen den Weibern das Portemonnaie aus der Tasche, und die jungen den Männern gar oft das Herz aus dem Leibe. Passen Sie nur auf, Herr Markus: die Geschichte mit dem Henkelducaten ist noch nicht zu Ende – wir werden noch ’was erleben.“

„Warten wir’s ab!“ schnitt er ihr die Rede kurz und barsch ab und griff nach den Büchern auf dem Tische, welche das Mädchen gebracht hatte.

„Na ja – etwas Anderes wird uns auch nicht übrig bleiben aber viel Geduld werden wir nicht brauchen,“ sagte sie trocken und sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er mit den Büchern das Gartentreppchen hinab nach dem Gutshause ging und sie mit all ihren herbeigeschleppten Herrlichkeiten allein im Pavillon stehen ließ. Später aber wurde sie ernstlich böse; denn der Gutsherr war direct aus dem oberen Stocke in den Wald hineingegangen, wie die Mägde sagten.

Und Herr Peter Griebel schmunzelte – er setzte sich eben zum Vesperbrod unter den Birnbaum im Hofe nieder – und drehte gemüthlich die Daumen um einander, wie sie vor ihn hintrat und in etwas beschleunigtem Tempo sagte: „Der gute Mann denkt wohl, die Griebel sei expreß für ihn auf die Welt gekommen? Ja, Prosit! Da hab’ ich nun bei der Hitze und Gluth den Kaffee fertig gemacht, bin in den Keller nach Selterswasser gerannt, hab’ ein selbstgesponnenes, noch ganz schönes Betttuch seinetwegen zerschnitten – das wurmt mich am allermeisten! – und in allen Kasten und Schränken nach der Arnika gesucht, und das Alles – für die Katze! Er soll mir nur wiederkommen!“

Eine Zigeunerin sollte sie sein, die Räthselvolle? Im wilden Lagerleben wäre sie erblüht? Mit dieser kühnen Hypothese hatte die gute Griebel gleichsam einen Ball hingeworfen, den der Gutsherr fast wider Willen aufgefangen und seit gestern und heute halb belachte, halb mit stutzigem Auge prüfte. Er lachte, wenn er sich die geistige Grazie, die fest hervortretenden Charakterzüge des Mädchens vergegenwärtigte, welche unleugbar auf Schulbildung und gesitteten Umgang hinwiesen; er lachte, daß die braunen Augen – Frau Griebel hatte sie im Zorn für schwarz erklärt – ihren ernsten Mädchenblick, die weiße Haut den Schmelz bewahrt haben sollte im wüsten Hordenleben von Kindesbeinen an – nein, eine wilde Blume war sie nicht. Und doch drängten sich ihm dunkle Vermuthungen auf: waren die räthselhaften Besucher des Forstwärterhauses vielleicht Elemente eines Lebenskreises, dem sie entflohen? Hatten sie ihr nachgespürt und machten ihr Anrecht geltend, und der Forstwärter, der „goldtreue“ Camerad, beschützte die lichtscheuen Zusammenkünfte des Nomadenvolkes in seinem Hause möglicher Weise nur, um die Stammgenossen allmählich zu beschwichtigen und das Mädchen mit der Zeit loszuketten? Das war abenteuerlich, und wenn er an sie dachte, an ihre Menge Arbeit, an die beispiellose Hingebung und Pflichttreue ihrer Herrschaft gegenüber, so verwarf er jenen Gedanken als absurd, als absolut lächerlich. Aber er hatte sie gestern Abend wieder im Waldhüterhaus gesehen. Nach langem Umherirren im Walde hatte er sich – ganz gegen seinen Willen natürlich – doch auf der alten Fährte wiedergefunden; sie war für ihn der gefeite Ring, den die Seelen verstorbener Bräute, die Willis, nächtlicherweile um ein Opfer ziehen, sie war wie das Wildgatter, an welches der Hirsch vergebens sein Geweih bohrt – über den Bann hinaus, der den Hirschwinkel und das Stückchen Grafenholz mit dem Forstwärterhaus umkreiste, kam auch er nicht mehr.

Nun, er hatte sie belauscht, und zwar in später Abendstunde. Ehe er sich dessen selbst versehen, hatte er auf der Bank unter den zwei mit blauen Rouleaux verhangenen Eckfenstern gestanden, von diesen Fenstern war aber auch ein bläulich blasses Licht ausgegangen, ein magischer Schein, ebenso verlockend und anziehend für ihn, wie für die aus Busch und Sumpf herbeitaumelnden Motten- und Mückenschaaren. Das eine leicht verschobene Rouleau hatte ihm einen schmalen Einblick in die geheimnißvolle Eckstube gewährt, und weil es so still rings im tiefdunkelnden Walde gewesen war, so todtenstill, als sei Leben und Athem unter der lastenden Schwüle erstickt, so hatte er deutlich das Murmeln einer männlichen Stimme hinter den geschlossenen Scheiben hören können. Es hatte eintönig, fast wie die Beichte eines bedrückten Gemüthes geklungen und war öfter durch schweres Athemholen oder einen schmerzlichen Seufzer unterbrochen worden.

Das Lampenlicht hatte die geräumige Stube nicht zu durchdringen vermocht, die größere Hälfte derselben war in düsterem Halbschatten verblieben, und da hatte das Mädchen gesessen, still, den Kopf an die hohe Stuhllehne gedrückt und den linken Arm hingestreckt – es hatte ausgesehen, als halte Jemand ihre Hand in der seinen; manchmal war ein leichtes Schütteln durch den Arm gegangen. Herr Markus hatte sich nach Kräften bemüht, zu erforschen, welcher Mensch da seitwärts in der dunklen Ecke sitze, so ohne Unterbrechung in das Mädchen hineinrede und ihre Hand in der seinen festhalte, als sei sie sein unbestrittenes Eigenthum, aber der unausstehliche Fensterrahmen hatte sich gerade da breit gemacht, und der Unsichtbare war durchaus nicht so gefällig gewesen, sich auch nur ein einziges Mal vorzubiegen.

[153] So verschleiernd auch das Halbdunkel gewesen war, das blasse Mädchengesicht hatte doch hindurch geleuchtet; schmerzhaft war sein Ausdruck gewesen, und die geschmähten Augen, die keine Thränen haben sollten, hatten umflort und trübe an dem Sprechenden gehangen. Dann hatte sie sich plötzlich horchend emporgerichtet – näher kommendes Pferdegetrappel, das Herrn Markus schon längst irritirt und beunruhigt hatte, mochte nun auch an ihr Ohr gedrungen sein. Es war hohe Zeit gewesen, den Lauscherposten zu verlassen. Herr Markus hatte das Dickicht aufgesucht, und gleich darauf war ein Reiter um die Wegecke gekommen.

Ruhigen Schrittes aus dem schweigenden Walddunkel in das ungewisse Dämmerlicht des sternbesäeten Nachthimmels hervortretend, hatte die Reitererscheinung förmlich riesenhafte Contouren und eine geheimnißvolle Feierlichkeit angenommen, und es war unschwer gewesen, sich zu dem Schlapphut, den der gewaltige Mann zu Pferde getragen, auch die mit Silberthalern bedeckte Jacke eines Zigeunerhauptmannes zu denken.

Bei seinem Näherkommen hatte sich die Hausthür geräuschlos aufgethan, und ebenso leise war der Forstwärter auf die Stufen herausgetreten. Im Flüsterton hatte er den Reiter begrüßt, das Pferd beim Zügel genommen und es ein paar Mal auf- und abgeführt, während der Andere abgestiegen und in das Haus gegangen war.

Vielleicht wäre, in dieser Stunde das Räthsel gelöst worden, wenn Mosje Dachs nicht intervenirt hätte. Der Köter hatte plötzlich, aus dem Hause springend, das Pferd kläffend umkreist, bis ihn ein Fußtritt seines Herrn zum Schweigen gebracht und aus dem Wege geschleudert hatte, just in der Richtung, wo der Lauscher hinter dem Baume gestanden.

Auf das erneute Anschlagen des Hundes hin war der Gutsherr scheinbar unbefangen aus dem Busche herausgetreten und, ohne den Grünrock zu beachten, auf dem Fahrwege heimwärts geschritten. Später war er freilich nach dem Forstwärterhause zurückgekehrt, und das blaue Licht der Eckfenster hatte auch noch immer wie ein blasser Stern in den Wald hineingeschienen, aber Roß und Reiter waren verschwunden gewesen wie ein nächtlicher Spuk; der hochlehnige Holzstuhl, auf welchem das Mädchen gesessen, hatte leer und verlassen gestanden und von dem Murmeln aus der dunklen Ecke war auch nicht der leiseste Flüsterhauch mehr herübergekommen. … All das räthselvolle Thun und Treiben mußte ausgeflogen sein, zur Genugthuung des einsamen Hausbewohners, der nunmehr allein bei der halbverdeckten Lampe gesessen und den hübschen bärtigen Kopf vertieft über ein Buch gebückt hatte.

Und in das phantastische Gespinnst, von welchem sich Herr Markus mit all seiner Selbstironie, seinem klaren Urtheile nicht frei zu machen vermochte, mischten sich immer mehr Fäden von außen her. … Der Jude, der von Tillroda eines Pferdehandels wegen auf den Gutshof kam, erzählte, daß eine Zigeunerbande den Ort passirt und Skandal gemacht habe, weil ihr der Aufenthalt nächtlicher Weile nicht gestattet worden. Uebrigens seien es schöne, „ganz, noble“ Leute gewesen, und Pferde hätten sie mit sich geführt, wahre Prachtexemplare einer edlen Rasse – natürlicher Weise gestohlenes Gut aus den ungarischen Steppen. - Und gleich nach diesem Berichte beklagte sich ein heimkehrender Knecht bei dem Verwalter, daß ihm der Forstwärter jetzt immer so grob die Hausthür vor der Nase zumache und ihn wie einen Spitzbuben draußen auf dem Fahrwege abfertige, wenn er im Auftrage seines Herrn komme – das waren allerdings frappante Streiflichter. –

Nun, er wollte den braunen Augen diesmal auf den Grund sehen. Er wollte all seine’ Scharfsinn aufbieten und seine thörichte Leidenschaft niederkämpfen, um dem unbegreiflichen Mädchen klaren Kopfes gegenüber zu stehen, wenn sie kam – und sie mußte wiederkommen. Sie war zwar gestern, bis in die tiefste Seele hinein verletzt, gegangen, aber sie hatte auch gesagt: „Ich komme wieder, um nachzusehen –“ Und daran hielt er fest, wie an dem Handschlage eines Ehrenmannes. Er behütete fast ängstlich den Verband an seiner Rechten, so lästig er ihm auch war; sie sollte sehen, daß er getreulich auf sie gewartet habe.

So hielt er standhaft aus in den wahrhaft erstickenden Nachmittagsgluth, die über und in dem Pavillonstübchen brütete. Die Thür nach der Außentreppe stand weit offen, damit der „Heilgehülfe“ direct hereinkommen konnte, aber Stunde um Stunde verrann. Der Weg am Fichtenhölzchen blieb todtenstill und verlassen; nicht einmal ein Schmetterling flatterte über die rissige, weißbestäubte Weglinie, auf der die erhitzte Luft flimmerte wie Backofengluth. … Noch wölbte sich der Himmel hart und dunstlos wie ein blaufunkelnder Glaskelch über der verdurstenden Erde, aber die ferne, scharfe Horizontlinie des Waldes fing an, sich zu verwischen. Ganz leise hob es sich dort drüben und schwoll und quoll empor und schaute vielgestaltig über die Wipfel in das Land herein – die ersten Wolken wieder seit vielen Tagen! Und wie sie sich dehnten und mit langen Armen in die [154] blauen Lüfte hineingriffen und verwegen dem glühenden Sonnenball zustrebten, um ihn zu verhängen, so wuchs die Ungeduld des Wartenden – wenn sie sich verspätete, bis der Gewittersturm losbrach, dann sah er sie heute nicht mehr.

Er nahm seinen Hut, schloß die Glasthür hinter sich und stieg das Balcontreppchen hinab, und in dem Augenblicke, wo er den Weg betrat, da wurde es auch lebendig hinter der äußersten Gehölzecke. Das stürmische Herzklopfen des harrenden Mannes erwies sich aber als gänzlich unmotivirt – es war nicht das verhaßte und doch so heiß herbeigesehnte „Scheuleder“, das über dem niederen Fichtendickicht auftauchte – ein Strohhütchen mit wehenden blauen Bändern auf den Blondzöpfen, kam Luischen dahergesprungen, und hinterdrein trabte die dicke, brave Mama.

Frau Griebel blieb auf halbem Wege stehen.

„Gott sei Lob und Dank, da kömmt’s, Herr Markus!“ rief sie mit einer Kopfschwenkung nach dem aufsteigenden Wolkengebirge zurück. „Wenn wir’s kriegen – das heißt eine rechtschaffene, gründliche Pelzwäsche, sonst dank’ ich – da backe ich den Tillröder Bettelkindern morgen einen Butterkuchen, der ihnen noch nach zehn Jahren gut schmecken soll.“

Sie stellte einen großen Handkorb auf den Weg und trocknete sich den Schweiß vom Gesicht.

„Das war ein heißer Gang, Herr Markus, und für mich selber wäre ich heute nicht um die Welt aus unseren kühlen vier Pfählen herausgekrochen,“ sagte sie zu dem Gutsherrn, der inzwischen herbeigekommen war, „aber die neue Magd ist um Mittag auf dem Vorwerk eingetreten, und da mußte ich selber nachsehen. Und es war gut, daß ich kam. Das dumme Mädel kömmt von einem reichen Bauerngut und heult nun über die leeren Schränke und den wüsten Keller. … Ich konnte mir’s schon denken, und hatte deshalb Schinken und Wurst und ein paar Einmachbüchsen in den Korb da gepackt, und während sie mir in der Küche vorlamentirte, da prakticirte meine Kleine die Sachen heimlich in den Speiseschrank. … Na ja, besonders schön ist’s freilich nicht da drüben – sie haben nichts in der Räucherkammer; die Schweine sind ihnen im vorigen Winter abgepfändet worden – und wer eben erst an den Fleischtöpfen Aegyptens gesessen hat, der mag sich bedanken. Um deshalb sollte die Herrschaft eigentlich doppelt freundlich zu dem neuen Gesinde sein, aber den Leuten steckt ja der Amtmannsdünkel im Blut, wie die Motten im Pelze – da ist nichts zu machen. … Wie wir in die Hausflur getreten waren, ich und meine Luise, da kam die Fräulein Gouvernante gerade die Treppe herunter. Sie hatte ihren grauen Hutschleier um den Kopf gewickelt –“

„Ja, man sah nicht viel von ihrem Gesicht,“ warf Luise ein, „aber sie ist so wundervoll gewachsen und sah vornehm aus wie eine Hofdame –“

„Und die ganze Hausflur roch in dem Moment nach Veilchen, wie zu Hause mein Leinenschrank,“ ergänzte Frau Griebel trocken. „Und wie ihr mein Schnattergänschen da mit seinen Blau-Augen ein Bischen vorwitzig in’s Gesicht guckt, da dreht sie sich weg und ist zur Hausthür hinaus, kein Mensch weiß wie. … Herr Markus, ’s ist schauderhaft, aber die Hoffahrt bleibt, und wenn im Magen keine Krume Brod und auf den Schuhen keine Sohle mehr ist. Ich hörte, wie ihr der Amtmann aus dem Fenster nachrief: ,Wo hinaus, Agnes?’ – ,In den Wald?’ – ,Hast Du auch Handschuhe am?’, – Nun bitte ich Sie, Herr Markus!“

Er lachte.

„Mein Gott, warum soll denn die Dame ihre schönen Hände nicht pflegen? Zwei Mägde arbeiten jetzt für sie –“

„So? Zwei? Na, Sie werden gucken, wenn ich Ihnen sage, was ich weiß. … Sehen Sie“– sie hob mit einer strafenden gekränkten Miene den Zeigefinger – „wie Sie gestern so morose Ihre Bücher zusammenpackten und aus dem Gartenstübchen fortliefen, als wär’ Feuer auf dem Dache, da dachten Sie in Ihren Gedanken: ,Die alte Katze, die!’ Und die ,alte Katze’ war ich? Na, na, seien Sie nur still! Das weiß ich so gut wie das ABC – das hab’ ich Ihnen nur so von Ihrem bösen Gesicht abgelesen. Aber ich war still und dachte auch mein Theil. Und ich hab’ Recht gehabt, und ein andermal trauen Sie doch lieber einer ehrlichen alten Frau, die ihr Lebtag nicht gelogen hat, als so einem Paar schwarzen Zigeunerfunkelaugen –“

„Was ist geschehen?“ schnitt er ihr heftig, in unverhehltem Schrecken die Rede ab.“

„Na, ein Unglück, über das man sich alteriren müßte, doch beileibe nicht! Wie kommen Sie mir denn vor, Herr Markus? Was geht es denn im Grunde uns Beide an, wenn Amtmanns Knall und Fall ihre Magd wegjagen?“

„Weggejagt, sagen Sie?“

Jetzt kam ihr unzerstörbarer Gleichmuth doch ein wenig in’s Schwanken. Sie sah ziemlich consternirt dem jungen Mann in’s Gesicht, der sie so grimmig anfuhr.

„Sie thun ja, meiner Treu, als hätte ich das Mädel beim Kragen genommen. Da muß ich denn doch recht sehr bitten. Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß ich das aparte Ding jemals in mein Herz geschlossen hätte – das ist Keine nach meinem Sinn – aber ihr schaden und bei der Herrschaft verhetzen – nein, das brächte ich nicht über’s Herz. … Ich fragte nur so nebenbei die ,Neue’: ,Wo steckt denn die Andere?’ Da guckt sie mich ganz dumm und perplex an und weiß von keiner Anderen. … Das Fräulein habe ihr das Nöthige gezeigt, sagte sie, und der alte Herr schnüffele auch immer in der Küche herum und commandire brummig und barsch wie ein Unterofficier ein anderes Gesicht sei ihr aber weiter nicht vor die Augen gekommen –“

„Zur Sache!“’ drängte der Gutsherr, bebend vor Ungeduld.

„Na ja – wie ich nachher drinn in der Stube nach dem Mädchen frage, das ich doch oft genug auf den Vorwerksäckern bei der Arbeit gesehen habe – hören Sie, da kehrt doch die alte Frau im Bette das Gesicht ganz blaß und still nach der Wand, und der Amtmann kriegt einen feuerrothen Kopf und sieht mich mit Augen an, als wollt’ er mich fressen, und stottert und poltert und schnauzt mich an:

,Die da? Na, die ist fort, ja, fort über alle Berge, wie es sich ganz von selbst versteht. Oder glauben Sie etwa, meine Gute, ich werde zwei solche Tagediebe ernähren, jetzt, wo sie mir die Bude über dem Kopfe einreißen, und meine ganze schöne Oekonomie stockt und stille stehen muß?’

Ich bitte Sie, ,die ganze, schöne Oekonomie,’ Herr Markus! Der alte Aufschneider, der! … Und was er sich nur einbildet, daß ihm eine erfahrene Frau, wie ich, die Flunkerei mit dem Mädchen glauben soll! In der ganzen Welt läßt sich kein Dienstbote ohne richtige Kündigung fortschicken, wenn nicht ein ganz besonderer Grund vorliegt. Weshalb Unsereins den Grund nicht erfahren soll, das weiß ich freilich nicht; aber den Kopf will ich mir gleich ahschneiden lassen, wenn da nicht der Henkelducaten im Spiele ist. … Na, wohin denn so geschwind, Herr Markus?“

Sie wandte sich um und sah mit hochgezogenen Brauen dem Gutsherrn nach, der, im Sturmschritt an ihr vorüber, den Weg einschlug, den sie gekommen war.

„Und das fragen Sie auch noch, Verehrteste?“ rief er zurück. „Können Sie sich denn gar nicht denken, daß ich furchtbar neugierig bin, die unvergleichliche ,Neue’ kennen zu lernen?“ —

Er eilte weiter, als trüge ihn der erste leichte Windstoß, der an der Gehölzecke aufflog, über das Weggeröll hin. Sein Blick durchforschte das karg bestandene Gelände – irgendwo, aus einem dürftigen Aehrenfeld, oder zwischen den letzten Heuhaufen der nächsten Wiese, sollte und mußte ja das weiße Kopftuch auftauchen, aber es rührte und regte sich nichts im weiten Felde; nur die so lange ersehnten Wolkenschatten liefen drüber hin, als tröstende Vorboten, als Gewitterherolde, und durch die Birnbaumwipfel des Vorwerksgartens blies ein zweiter schwacher Windstoß und schüttelte geräuschlos verschrumpfte, kleine Früchte auf den Weg.

Herr Markus kam an der stillen, dunklen Lindenlaube vorüber und schritt durch das Himbeergebüsch in den Hof – da wurde es endlich laut. Die Thür knarrte; Spitz hob die Nase von den Vorderpfoten und kläffte, und vom Hause her klang brummiges Schelten.

Beim Eintritt in die Hausflur sah er den Amtmann vor dem Speiseschrank in der offenen Küche stehen. In der Linken hielt der alte Herr Stock und Pfeife, und mit der Rechten warf er eben die Schrankthür in’s Schloß, daß sie in den Fugen ächzte. Darauf zog er den Schlüssel ab und steckte ihn in die Schlafrocktasche.

„Der Teufel soll die Wirthschaft holen,“ brummte er, in die Hausflur hinkend. Er streckte die Hand dem Gutsherrn hin, dem er in diesem Augenblicke vorkam wie ein schlechtspielender Poltron auf der Bühne. – „Liegen da, im offenen Speiseschrank, eine [155] mächtige Cervelatwurst und mindestens, drei Pfund vom allerbesten Schinken. Ein paar hübsche Bissen für die Strolche und Bettelkinder, die auf dem Vorwerk herumschnüffeln! Ei Herr Jesus! Ja, wenn freilich so in meiner Räucherkammer, mit meinen Vorräten gehaust wird, da braucht man sich nicht zu wundern, wenn der Prosit flöten geht. Und die Einmachbüchsen! Ein ganzes Regiment steht in dem einen Fache aufgepflanzt.“ Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Ich darf meiner guten Frau gar nicht sagen, wie ihr schöner Keller geplündert wird – und weshalb nur in’s Henkers Namen? Ich wüßte nicht, daß wir ein Diner oder Souper anberaumt hätten. Na, wenn meine Nichte heimkommt –“

„Vielleicht kann Ihnen die Magd Auskunft geben,“ warf Herr Markus hin.

„Die dort?“ Er zeigte mit der Pfeife nach dem Anrichtetisch zurück, an dem „die Neue“ mürrisch und verdrossen hantirte.

„Ich bitte Sie, die ist ja kaum zwei Stunden im Hause.“

„Ich spreche von der anderen.“

Der Amtmann sah einen Moment wie abwesend in die Luft, als müsse er sich besinnen; dann bückte er sich plötzlich, um ein paar hängengebliebene Holzspähne von seinem zerfaserten Schlafrock abzuschütteln.

„Ach die? Die?“ brummte er ziemlich undeutlich – er hatte die Pfeifenspitze wieder zwischen den Zähnen. „Ist nicht mehr da – nicht mehr da! Ist fort mit Sack und Pack!“ Er richtete sich wieder auf – das Bücken hatte sein Gesicht braunroth gefärbt. „Aber kommen Sie doch herein, Herr Markus! Meine Frau wird sich freuen, und ich muß Sie nothwendig sprechen, des neuen Hauses wegen. Es sind mir da doch noch allerhand Bedenken aufgestiegen. Der Salon beispielsweise –“

„Wollen Sie mir nicht vorerst sagen, wohin sich das Mädchen gewendet hat?“ unterbrach ihn der Gutsherr höflich, aber nachdrücklich.

„Herr, das ist eine närrische Frage,” fuhr der Amtmann ganz unmotivirt auf. „Pardon, aber welcher Dienstherr kümmert sich um den Aufenthalt des entlassenen Gesindes! Ich bin gewohnt, meinen abziehenden Leuten ihren Lohn hinzuzahlen – und damit Punctum! Nachher sind sie absolut todt für mich; da scheer’ ich mich den Teufel drum, ob sie in einen anderen Dienst gehen oder in der Welt herumzigeunern. Für mich ist das Mädel eben fort, fort, als habe sie der Wind weggeweht, als wär’ sie nie dagewesen – ja, ja, nie dagewesen!“

„Aber Ihre Nichte, die das Mädchen mitgebracht hat, ist sie mit dieser plötzlichen Entlassung einverstanden?“

Wieder schoß dem alten Herrn das Braunroth über das ganze Gesicht. „Meine Nichte?“ wiederholte er gedehnt. „Bah, darnach wird nicht gefragt,“ polterte er. „Die Bedenken der Frauenzimmer kommen erst in zweiter Linie – Herr im Hause bin ich. … Aber – lächerlich! – da stehen wir Zwei und schwatzen wie die Spittelweiber über eine Bagatelle. Kommen Sie doch näher! Ich habe nämlich eine famose Idee! Das Parquet im neuen Salon –“

„Davon später, Herr Amtmann!“ unterbrach ihn der Gutsherr finster – er wich nicht von der Stelle. „Die Bagatelle interessirt mich. Ich will und muß aus Gründen Näheres wissen über das Mädchen, das auf dem Felde unverdrossen für Sie gearbeitet hat in Wind und Wetter und Sonnenbrand –“

„Ah bah, dummes Zeug! So schlimm ist’s nicht,“ stotterte der Alte grimmig verlegen.

„Gut denn!“ sagte Herr Markus – er trat unwillkürlich in brennender Ungeduld den Boden. „Lassen wir es sein! Ich werde an das Gerechtigkeitsgefühl Ihrer Damen appelliren.“

Er wandte sich nach der Stubenthür, allein der alte Herr vertrat ihm erschrocken den Weg. „Herr, sind Sie des Teufels?“ raunte er heftig abwehrend. „Wollen Sie mir mein armes krankes Frauchen mit Ihrem Inquisitorgesicht alteriren? Die ganze Geschichte ist auch für sie eine abgethane Sache, und daran wird nicht wieder gerührt. Ich bitte Sie, was schlagen Sie doch für einen Lärm um ein Frauenzimmer, das wie ein Schatten durch unser Haus gegangen ist und für uns nicht mehr existirt –“

„Auch für Fräulein Franz nicht mehr, der sie eine treuergebene Dienerin gewesen ist?“

„So? Wer hat Ihnen denn das Märchen aufgebunden?“ fragte der Amtmann, ihn seltsam von der Seite ansehend – ein heimliches, schlaues Lächeln, gleichsam ein Aufhellen, ging durch seine verwüsteten Züge.

„Das Mädchen selber –”

„Was der Tausend, sie hat mit Ihnen gesprochen? Und hat Ihnen selbst, wirklich selbst gesagt, daß sie speciell meine Nichte bedient habe?“ Das fatale Lächeln wich nicht von seinem Gesicht. „Sieh, sieh! Na, meinetwegen auch! Ich hab’ das nicht gewußt – bis in die Mansarde versteigt sich mein miserables Fußgestell niemals. Also die Kammerjungfer!“ Er kicherte in sich hinein und zuckte die Achseln. „Ja, da wird sich meine schöne Nichte allerdings einstweilen behelfen müssen, bis sie wieder in die große Welt eintritt, oder besser noch, bis mein Goldjunge wieder da ist. Dann geht es freilich aus einem andern Tone, Herr. Der läßt sie nicht draußen, seine schöne Cousine, und wenn sie am Fürstenhofe lebte. Bah, dann sind wir selbst Regierende, Regierende von Goldes Gnaden. Dann fährt sie nicht mehr in fremder Equipage, sondern in unserer. … Herr, ich weiß ein paar Wagenpferde“ – er küßte sich auf die Fingerspitzen – „wahre Prachtkerle an Feuer und Schönheit! Aber in wessen Stalle sie stehen, das verrathe ich Ihnen nicht; Sie wären im Stande und kauften sie mir vor der Nase weg. … Ja, sehen Sie, das liegt Alles schon fix und fertig da in meinem Kopfe – ein magnifiques Programm! Das macht mir so leicht Keiner nach. Und wenn in diesem Augenblicke mein Sohn auf die miserable Schwelle da träte – in ein paar Tagen wollte ich ihm eine Umgebung gleichsam aus der Erde stampfen, wie sie sich für einen reichen Mann ziemt –“

Er kam nicht weiter. Der Gutsherr zog den Hut und schritt zur Hausthür hinaus.


16.

Verlorene Zeit! Er biß die Zähne zusammen vor Grimm und Aerger, während er quer über den Hof zum Thor hinaus eilte.

„Herr, machen Sie, daß Sie in ,Nummer Sicher‘ kommen!“ rief ihm der Amtmann nach. Er war unter die Thür getreten und zeigte mit der Pfeife nach dem Himmel, an welchem eben die Sonne völlig hinter den dunklen Wolkenmassen verschwand. Wie ein plötzliches Erlöschen ging es über die lechzende Erde hin, und ein schwach fauchender, heißer Odem strich an dem Gehöfte vorbei und hob die spärlichen weißen Haare an den Schläfen des alten Herrn. „Und sollten Sie einem jungen Frauenzimmer in grauem Schleierhute begegnen, so jagen Sie es heim, hierher auf’s Vorwerk!“ rief er, die hohle Hand an den Mund haltend. „Die vermaledeite Blumensucherei! Nun sitzen die Alten daheim und ängstigen sich.“

Die letzten Worte hörte der Fortgehende nur noch über die Hofmauer hinweg, hinter welcher er schritt. Er lachte zornig in sich hinein. … Wenn er ihr nur begegnete, der schönen Nichte! Er jagte sie nicht heim – ganz im Gegentheil, er vertrat ihr den Weg, und sie mußte ihm Rede stehen, ohne Gnade und Erbarmen, unter Blitz und Donner und strömendem Regen.

Die am Gehöfte hinführende Fahrstraße verlief sich draußen im Felde, oder vielmehr, sie wurde zum schmalen, das Grafenholz durchschneidenden Gehwege. … Da war das Mädchen jedenfalls gegangen, nachdem es „mit Sack und Pack“ das Vorwerk verlassen hatte – „in den Wald, in den grünen Wald!“ Hatte nicht auch der Amtmann vom „Herumzigeunern“ gesprochen? Stieg nicht aus den Wipfeln dort ein dünnes Rauchsäulchen von dem halbdürren, qualmenden Reisig, über welchem der Kessel des Nomadenvolkes hing? – Lächerlich! – die Wolken kämpften; da und dort schossen weißgraue Dunstgebilde schleierhaft an der compacten, schwarzen Gewitterwand empor. Ein Zigeunerlager wurde wohl auch schwerlich im wohlcultivirten Waldgebiete Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht geduldet. Aber die Fahrstraße war frei – dem Wagen mit der Leinwandplane, escortirt von den braunen Männern zu Pferde, war der Weg durch das kühle, labende Buchendüster in die weite Welt hinein unverwehrt. … Nun, eine solche Fahrt ging langsam von Statten – diese Heimatlosen reisen con armore – einem raschen Wanderer gelang es wohl, sie einzuholen und zu erforschen, ob unter dem weißen Leinendache wirklich die Schöne, Unbegreifliche sitze, wieder eingefangen in den Bann der Zusammengehörigkeit, den auch das gesetzlose Nomadenvolk festhält. – „Dummes Zeug“ sagte der Amtmann immer – [156] und jetzt sagte es auch Herr Markus, indem er heftig den Kopf schüttelte und mit dem Fuße einen Stein aus dem Wege schlenderte. Dummes Zeug! – Dieses züchtig verhüllte, stolze, tapfere Mädchen, unter der halbnackten Zigeunerjugend, unter wüsten Spitzbuben- und Hexenphysiognomien, durch die Welt ziehend! – Wie war es nur möglich, daß sich diese verrückte Vorstellung immer wieder einschleichen konnte in einen Kopf mit gesundem Menschenverstande!

In verdoppelter Eile schritt er weiter. Im Forstwärterhause mußte ihm Aufklärung werden, und war das Mädchen fort, nun – so schüttelte er den Staub von den Füßen und ging ihr unverweilt nach, bis er sie fand.…

Das grüne Leuchten der sonnenheißen Buchenwipfel war wie weggelöscht – dunkel und reglos stand der Wald unter dem tiefziehenden Gewitter, als hielte er mit Allem, was in ihm lebte und webte, bang den Athem an. Bis in sein Herz hinein war die sengende Gluth der letzten Tage gekrochen. Der schmale, sonst immer feuchte Weg sah gebleicht aus, dürres, knisterndes Gras stand an seinen Rändern, und die Farrenwedel hingen schlaff und saftlos darüber her. Und das Büchlein, das ihn quer durchschnitt, war nahezu versickert – das lose über das Uferbett gedeckte Bret lag wie zum Hohne da.

Herr Markus schritt darüber hin. Zur Rechten lief das Dickicht schnurgerade auf ebenem Boden weiter, links aber that sich der schmale, an die Berglehne geschmiegte Wiesengrund auf, in welchem das Waldhüterhaus lag. Ziemlich entfernt durchschnitt ihn die Fahrstraße in sanfter Krümmung, und weiterhin kamen die rothen Ziegelwände des einsamen Hauses in Sicht.

Bei diesem Anblicke blieb der Gutsherr überrascht stehen. Dort trat eben der nächtliche Reiter auf die Thürstufen und bestieg sein Pferd, das der Forstwärter hielt. Der stattliche, alte Herr im Sommerpaletot, mit seinem kurzgeschorenen grauen Haar und den Wildledernen über den Händen, würde sich wohl schönstens bedankt haben für die Rolle eines Zigeunerhauptmanns. – In ziemlich scharfem Trabe ritt er vom Hause weg; Mosje Dachs lief voraus, und der Forstwärter marschirte nebenher – nach wenigen Augenblicken waren sie im Walde verschwunden.

Was nun? – Im ersten Momente stürmte Herr Markus vorwärts – der Grünrock war der Einzige, der ihm Auskunft geben konnte, aber allmählich verlangsamte sich sein Eilschritt – er konnte doch unmöglich den Mann, der in sichtlicher Eile das Haus verließ, wie ein Wegelagerer stellen und ihm auf offener Straße eine Erklärung abzwingen. –

In diesem Augenblick sah er, wie eine Katze die Thürstufen herabschlich und quer über den Fahrweg in das Dickicht spazierte – die Thür mußte offen sein, und da waren auch Leute im Hause.…

Er ging unter den Eckfenstern hin; die blauen Rouleaux hingen noch hinter den Scheiben, aber die Thür klaffte in der That, und Herr Markus zögerte nicht, sie geräuschlos weiter zu öffnen und einzutreten.

Die Hausflur hatte keine Fenster, sie war kühl und dunkel, aber da zu seiner Rechten stand die Thür des Eßzimmers – wahrscheinlich der einströmenden Kühle wegen – weit offen, und ein bläuliches Licht floß heraus in den dämmernden Raum.

Nun überschlich ihn doch ein widerwärtiges Gefühl – er stand ja selbst wie ein eingedrungener Dieb in dem beargwohnten Hause; wie sollte er wildfremden Menschen sein Hiersein beim ersten Entgegentreten genügend motiviren? – Nichtsdestoweniger schloß er die Hausthür leise hinter sich und verharrte einen Moment beobachtend auf seinem Platze.

Im ganzen Hause herrschte Todtenstille, und zuerst ließ das ungewisse Licht alle Gegenstände vor dem Auge des Eingetretenen verschwimmen, aber auch nur für einen Augenblick; im nächsten machte er eine überraschende Entdeckung – Fräulein Gouvernante war da, sie war hier im Hause. Da auf einem Tische, nahe der Thür, lagen der graue Schleierhut und die Handschuhe, welche das friedfertige Gemüth der guten Griebel in Wallung gebracht hatten.… Ah, der Vogel war gefangen! Eine Art Triumph, ein rachsüchtiges Gefühl quoll heiß in ihm auf. Jetzt wollte er dem „Bild von Sais“ den Schleier vom Gesichte ziehen. Die grausame Egoistin sollte beichten und büßen; sie selbst sollte und mußte ihm dazu verhelfen, das Mädchen wiederzusehen, das sie in Noth und Entbehrung mit sich geschleppt hatte, um es dann erbarmungslos seinem Schicksal zu überlassen.

[169] Rasch entschlossen trat Herr Markus unter die Stubenthür, aber erschrocken fuhr er zusammen und zog sich unwillkürlich wieder tief in die Hausflur zurück. In der gegenüberliegenden Zimmerecke – es war just die Ecke, aus welcher gestern Abend das monotone Gemurmel der männlichen Stimme gekommen – stand ein Bett, und in den Kissen desselben lag ein Schläfer. Färbte die blaue Dämmerung das stille Antlitz so leichenhaft, oder hielt der wirkliche Todesschlaf die Augen dort geschlossen – das ließ sich schwer entscheiden. Darüber sann auch der bestürzte Mann in der Hausflur nicht – starrte nach dem wallenden, röthlich blonden Vollbart, der sich über die buntgewürfelte Bettdecke breitete. Wie kam der Mensch, den er und Frau Griebel neulich gleichsam von der Landstraße aufgelesen und eine Nacht im Gutshause verpflegt hatten, hierher, und seit wie lange beherbergte ihn die geheimnißvolle Ecke dort, die ihm, dem Gutsherrn, so viel Kopfzerbrechens verursacht? Was aber vor Allem hatte Fräulein Gouvernante, die dünkelhafte, precieuse Weltdame, hier im Waldhüterhaus, am Krankenbett eines Landstreichers zu schaffen?

Ein leises Geräusch, das Hingleiten eines Frauengewandes über die Dielen des Zimmers, ließ ihn noch tiefer in’s Dunkel zurücktreten; er wollte sich erst klar werden über das Thun und Treiben der verhaßten Mansardenbewohnerin, ehe er ihr entgegentrat. Sie mußte aus einer Seitenthür, wohl aus der Küche, gekommen sein und mochte noch einen Augenblick an einem Tische hantieren; ein leises, schnell wieder verstummendes Aneinanderklingen von Glasgeschirr wurde hörbar; dann huschte die Schleppe weiter. Die Dame trat in den Gesichtskreis des Lauschers.

Die schlanke, elegante Gestalt kehrte ihm den Rücken zu. Er sah den fein frisirten Hinterkopf, reiche, dunkle Flechten, aus denen sich hinter dem Ohr ein paar kurze Locken stahlen, sah, wie die eine Hand nach der Schleppe des dunklen Kleides zurückgrifft um sie graziös aufzunehmen – wunderlich! – er hatte diese junge Dame neulich in der Abenddämmerung nur flüchtig wie einen Schatten neben ihrem Onkel gesehen, er hatte nie in seinem Leben mit ihr gesprochen, und doch war es ihm, als kenne er sie seit lange, lange.

Sie bog sich tief über den Schlafenden und horchte auf seine Athemzüge; eine Fliege, die um das Kopfkissen summte, wurde mit sanfter Hand weggescheucht; dann wandte sie sich um, und – der Mann in der Hausflur stand wie vom Donner gerührt. … Und wenn sie auch eine Dame comme il faut schien, wenn auch eine Fülle krauser Löckchen tief in ihre Stirn fiel, ein modern eleganter Anzug eng die Formen umschmiegte, die der Arbeitskittel und die dicken, steifen Schürzenfalten bisher erfolgreich verpuppt hatten – es war doch Amtmanns Magd, die da in sich gekehrt, mit gesenkten Lidern lautlos nach dem Tisch an der Thür zurückkehrte. …

Wie Schuppen fiel es von den Augen des Mannes, dem vor Bestürzung der Athem stockte – Teufel! – er hatte sich schmählich mystificiren lassen. Er war dieser Feinen gegenüber der ehrliche, dummgläubige deutsche Michel gewesen, der ohne allen Spürsinn weder ein Rechts noch Links erwogen und gerade nur Das festgehalten hatte, auf was er mit der Nase gestoßen worden war. … Ein ganz klein wenig mehr Schlauheit, als Stiefmutter Natur ihm gegeben, hätte leicht das Räthsel der Sphinx zu lösen vermocht; denn es war nicht schwer gewesen, und neben dem bitteren Ernste hatte leise und lieblich mädchenhafte Schelmerei hineingespielt, wie er nun wußte – das „Bild von Sais“ hatte freilich hinter seinem Schleier in der Mansarde sitzen müssen, während Fräulein Agnes Franz in den Arbeitskittel geschlüpft war, um Brod für die beiden unglücklichen alten Menschen zu schaffen. „Unzertrennlich, ein Herz und eine Seele“ seien Fräulein Gouvernante und Amtmanns Magd, war ihm der stricten Wahrheit gemäß gesagt worden, und wenn er dabei nicht auf den gescheidten Gedanken gekommen, daß das Doppelwesen auch ein und denselben Kopf haben könne – den schönen, ausdrucksvollen, den er von seinem Verstecke aus so lockend nahe vor sich sah so hatte das eben nur so einem unbeholfenen, blödsichtigen alten Knaben wie ihm passiren können.

Ein Gemisch von Zürnen und Bewunderung, von Verlangen nach Revanche und mitleidsvoller Zärtlichkeit wogte in ihm auf, und er dankte seinem Stern, der ihn im Dunkel der Hausflur festgehalten – da blieb ihm Zeit, sich zu sammeln. Den Triumph, ihn in seiner grenzenlosen Bestürzung zu sehen, sollte „Fräulein Gouvernante“ doch nicht erleben; nicht einmal Erstaunen durfte sie in seinen Zügen finden.

Ohne ihn zu bemerken, ging sie quer an der offenen Thür vorüber, und er bog sich weit vor, um sie am Tische beobachten zu können. Sie zerschnitt eine Citrone und warf die Scheiben in ein Glasgefäß voll Brodwasser; und nun wußte er auch, weshalb die schöne Nichte nicht ohne Handschuhe ausgehen sollte; der „alte Prahlhans“ auf dem Vorwerke suchte es nach Kräften zu vertuschen, daß „eine Franz, die Tochter eines höheren Officiers“, Magddienste hatte verrichten müssen, und die schlimmsten Verräther [170] waren allerdings die braunen Hände da, an denen sich die Spuren der Arbeit nicht so bald verwischen ließen.

In diesem Augenblicke schnob draußen der Gewittersturm vorbei. Wie ein alarmirender Trompetenstoß schrillte er durch die Lüfte und weckte ein majestätisches Sausen und Brausen in den geschüttelten Waldwipfeln, aber er machte auch die Fenster des Hauses klirren und rüttelte an der Flurthür, als wolle er sie ausstoßen. Die Dame am Tische horchte auf und sah besorgt nach dem Kranken im Bette zurück, der indeß nicht einmal einen Finger der auf der Decke liegenden Hand bewegte; er schlief offenbar den Schlaf tiefster Erschöpfung.

Unterdeß trat Herr Markus geräuschlos näher; er war nunmehr vollkommen Herr seiner selbst geworden, und als sie beruhigt den Kopf wandte, um ihre Beschäftigung fortzusetzen, fiel ihr Blick auf ihn, der in verbindlicher Haltung, den Hut in der Hand, an der Thürschwelle stand.

Ein sichtbarer Schrecken durchfuhr sie; Citrone und Messer entfielen ihren Händen, aber sie gewann unglaublich rasch ihre Fassung wieder; es war, als wüchse ihre Erscheinung vor seinen Augen. So hochaufgerichtet trat sie vom Tische weg, ging über die Schwelle an dem Zurückweichenden vorüber und öffnete die gegenüberliegende Thür, die in die Wohnstube des Forstwärters führte.

„Bitte, mein Herr, treten Sie ein!“ sagte sie unter einladender Handbewegung höflich, fremd, mit schwacher Stimme.

„Sie suchen Zuflucht vor dem herankommenden Gewitter –?“

Er unterdrückte ein Lächeln. „Fräulein Franz?“ fragte er unterbrechend mit einer Verbeugung, so kühl und reservirt, als sähe er diese Dame zum ersten Male in seinem Leben.

„Ja, mein Herr, ich bin die Nichte des Amtmanns, Agnes Franz“ – bestätigte ihr Blick suchte den Boden, und das Blut wallte ihr nach dem Gesichte – „die Gouvernante,“ setzte sie mit festem, geschärftem Tone hinzu; sie sah auf, und ihre Augen flimmerten in einem sichtbaren Kampfe zwischen Befangenheit und feindseligem Trotze.

Er bemerkte das nicht; er war sehr unbefangen. An der Thür stehenbleibend, sagte er wie zu seiner Entschuldigung: „Es ist nicht meine Absicht, den Ausbruch des Gewitters hier abzuwarten – das Naßwerden darf mich nicht schrecken; denn es ist sehr möglich, daß ich, wie ich da bin, schon im nächsten Augenblick hinaus muß, um stundenweit zu gehen. Ich suche ein junges Mädchen, eine barmherzige Schwester, die mir gestern den Verband da angelegt hat“ – er zeigte nach seiner Rechten.

„Der Herr Amtmann sagt, das Mädchen sei fort, fort auf Nimmerwiederkehr; ist das wahr, Fräulein Franz? Ist sie fort?“

Sie wich seinem durchdringenden Blicke aus und antwortete unsicher: „Ihre Hülfe und Thätigkeit wurde nicht mehr gebraucht. Sie selbst haben ja einen Ersatz für sie acquirirt –“

„Und da ist sie gegangen, ohne sich zu erinnern, daß sie ein gegebenes Wort einzulösen hat? … Sie sagte gestern: ,Ich komme morgen wieder, um nachzusehen.’ Sie müssen wissen, daß das für mich so gut wie Manneswort war, so unantastbar wie ein Evangelium. Nun wohl, ich habe geduldig gewartet. Ich habe stundenlang in die zitternde Nachmittagsgluth hinausgestarrt, immer hoffend, einmal müsse doch das Mädchen im Arbeitsrock, mit dem weißen Tuch über dem Kopf, um die Waldecke kommen. Ich habe den Verband da nicht berührt, aus Besorgniß er könne sich lockern und mir den Tadel der barmherzigen Samariterin zuziehen. Nun ist sie fort, in die weite Welt, als habe sie der Wind für immer weggeweht, sagt der Herr Amtmann – was fange ich an?“

„Erlauben Sie, daß ich das gegebene Wort einlöse,“ sagte sie, die Hand nach seiner Rechten ausstreckend, und ein scheuer, fast lächelnder Blick streifte sein Gesicht – er verzog keine Miene.

„Ich danke,“ versetzte er zurückweichend. „Das kann ich nicht annehmen. Der Verband bleibt wie er ist, bis ich meinen lieben Heilgehülfen gefunden habe. Ich sagte Ihnen schon, daß ich ihm nachgehen würde, und hoffe zuversichtlich, Sie werden menschenfreundlich genug sein, mir einen Fingerzeig zu geben, wie ich seiner habhaft werden kann –“

„Nein – das werde ich niemals,“ unterbrach sie ihn schroff und wandte sich ab.

„Aber das ist hart und unchristlich und häßlich parteiisch! Was hat denn her fremde Bettler drüben auf dem Krankenlager vor mir voraus, daß er sorgsam gepflegt wird, während Sie mir die Auskunft verweigern, die mir Heilung bringen soll?“

Sie wurde ganz blaß und drückte unhörbar die Thür zu, die bisher nur angelehnt gewesen war.

„Jawohl, ein Bettler,“ sagte sie mit umflortem Blick, „ein Mensch, dem nicht einmal das Kopfkissen gehört, auf welchem er seine Todeskrankheit durchgemacht hat. – Es ist bitter, über das weite Meer, durch tausend Gefahren und Strapazen dem Golde nachgegangen zu sein, um schließlich, zum Sterben erschöpft, arm wie Hiob, an der heimischen Schwelle zusammenzubrechen. … Für sein Mütterchen hat er draußen arbeiten und einheimsen wollen. Er hat gewußt, daß ein Tag kommen mußte, wo sie aus Glanz und Comfort in die bitterste Noth hinabgestoßen werden würde, und da hat er sich losgerissen, als er glaubte, es sei noch Zeit, vorzubeugen. Ein Anderer wäre vielleicht mit dem Scheitern seiner Pläne für die Seinen verschollen – das hat er nicht gekonnt – die Sehnsucht nach der alten Frau hat ihn gleichsam mit dem Zwangspaß nach Hause gejagt. Und nun muß er hier, keine tausend Schritte von ihrem Siechbett entfernt, unfreiwillig Station machen –“

„Ist es der, auf dessen Zurückkunft der Amtmann hofft, wie die Juden auf den Messias?“ unterbrach sie der Gutsherr ahnungsvoll, mit zurückgehaltenem Athen;.

Sie neigte schweigend und bejahend den Kopf.

Er fühlte sich tief erschüttert. Das war also der „Nabob“?

Eben noch hatte der alte Mann in seinen vermessenen Illusionen sich und seinen Sohn „Regierende von Goldes Gnaden“ genannt; er war stolz auf sein „magnifiques Programm“ gewesen, das mit dem californischen Golde urplötzlich eine Wüstenei in eine Art Schlaraffenreich wandeln sollte. Und durfte man sich auch sagen, daß der eingefleischte Renommist an seine kühnen Hoffnungsbilder selbst nicht allzufest glaube, so blieb es doch herzbewegend, zu wissen, daß „der Strolch mit dem polizeiwidrigen Bart“, dem er einen Zehrpfennig und ein Stück Bettelbrod vor das Hofthor geschickt, sein eigen Fleisch und Blut, sein „Goldjunge“ gewesen war.

Und inmitten dieses Familiendramas stand ein Mädchen, muthig und klug, und in Kindestreue gleichsam die feindlichen Speere mit starken Armen zusammenfassend und in die eigne Brust drückend. Sie hatte Alles auf sich genommen, den furchtbaren Druck harter Arbeit, die Sorge um das tägliche Brod, die Pflege der zwei hülflosen Alten – und nun lag hier noch Einer, dessen Heimkehr sie verbergen mußte; nur verstohlen hatte sie zu ihm schleichen dürfen. Mit welch herzklopfender Angst mochte sie wohl des Nachts das Vorwerk verlassen haben, um hier zu wachen! Und bei diesem Liebeswerk war sie von Frau Griebel gesehen und grausam verurtheilt worden!

Er sah sie mit gesenktem Kopf da an der Thür stehen und hätte ihre Kniee umfassen mögen. Aber in diesem Augenblick galt es, streng den Sturm im Innern niederzuhalten; sie war mit Recht erbittert und beleidigt, die vielgeschmähte Gouvernante – eine einzige leidenschaftliche Geberde der Tiefverletzten gegenüber schleuderte ihn weit von dem ersehnten Ziel zurück – das sagte ihm ihre ganze Haltung.

„Wird Ihr Vetter dem Leben erhalten bleiben?“ fragte er, Stimme und Gesichtsausdruck mit aller Kraft beherrschend.

„Gott sei Dank – ja! Der Arzt, der vor wenigen Minuten fortgeritten ist, erklärt ihn für genesend. Gestern Abend zeigte er große Besorgniß – das Delirium hatte einen kritischen Charakter angenommen –“

Das war das unheimliche Gemurmel in der Ecke gewesen, und aus dem biederen Thüringer Landarzt hatte die tolle Eifersucht einen Zigeunerhäuptling gemacht.

„Da trat an uns Pfleger einen Augenblick die schwere Frage der Verantwortung heran,“ führ sie bewegt fort. „Otto’s Heimkehr unter so unglücklichen Verhältnissen hatten wir vorläufig den Eltern verheimlichen müssen, aber wenn es an’s Sterben ging“ – sie verstummte in der Erinnerung an das furchtbare Dilemma, das über sie verhängt gewesen war, und in die plötzliche Stille hinein grollte fern der Donner, und ein Schauer großer Regentropfen schlug hart gegen die Scheiben.

„Das Wetter kommt, und der Forstwärter ist unterwegs nach der Tillröder Apotheke,“ sagte sie besorgt.

„Und auf dem Vorwerk ängstigen sich zwei alte Leute um eine junge Dame, die im Walde Blumen sucht,“ meinte Herr Markus.

Sie sah ihn fest, mit brennenden Augen an und zuckte bitterlächelnd die Schultern.

[171] „Was kann es schaden, wenn die verwöhnten, faulen Damenhände, die sich mit ihren gemalten Feldblumensträußen und Fingerübungen aufdringlich machen, auch einmal vom Gewitterregen gewaschen werden?“ fragte sie leichthin.

Der Gutsherr biß sich auf die Lippen und blickte hinaus in die niederstürzende Regenfluth.

„Der Meinung bin ich auch,“ versetzte er, sich nach einem augenblicklichen Schweigen gelassen umwendend; „aber ich sehe nicht ein, mit welchem Recht Sie Ihre Bemerkung auf die sonnenverbrannten Hände da beziehen mögen“ – er zeigte nach ihren Händen, die noch den Thürgriff umschlossen hielten.

„Ja, schön sind sie nicht,“ sagte sie mit Humor und ließ die Finger der Rechten vor ihren Augen spielen. „Der Onkel sieht auch seit heute Mittag streng darauf, daß ich mich dem lieben alten Walde nicht mehr ohne Handschuhe zeige.“

„Er hält auf die Dehors, der alte Herr, auf seinen Namen.“

Sie lachte hart auf.

„Er weiß und bedenkt nicht, wie schlimm es um diesen Namen steht. Die Franzens haben ja einen mit all seinen Hoffnungen Gescheiterten und – eine Gouvernante in der Familie –“

„Und – was ich für viel, viel schlimmer halte – ein häßlich rachsüchtiges, unversöhnliches Element in ihrem Blute,“ ergänzte er mit hervorbrechendem Unwillen. Er griff nach seinem Hut, den er auf den nächsten Tisch gelegt hatte.

„Sie wollen doch nicht in das Unwetter hinausgehen?“ fragte sie verschüchtert.

„Ei warum denn nicht? – Es kann auch ,dem Reichen, wie er in der Bibel steht’ nicht schaden, wenn ihm der Regen auf den Hut fällt. Die Luft hier im Hause regt mir das Blut auf. Ich will doch tausendmal lieber den Kampf mit Sturm und Gewitter aufnehmen, als hier der Engherzigkeit und Verbitterung Stand halten. Und haben Sie denn vergessen, daß ich einzig und allein hierhergekommen bin, mein Mädchen – Pardon, meinen lieben Heilgehülfen, wollte ich sagen – zu suchen? Nun, hier ist sie nicht, die Tapfere, Großherzige, die Edle, die es nicht ertragen konnte, mir einen Schmerz verursacht zu haben, und, sich verleugnend, zu mir gekommen ist –“

„Sie that nur ihre Pflicht,“ unterbrach sie ihn mit zuckenden Lippen schroff und trotzig und dabei hocherröthend. „Sie haben Recht, das Mädchen im Kopftuch und Arbeitsrock finden Sie hier nicht – sie wird sich überhaupt nicht wieder finden lasten. Hat sie Ihnen nicht gesagt, daß sie mit mir ein Herz und eine Seele sei? Muß sie dann nicht zürnen wie ich, nicht mit mir fühlen, daß eine Mädchenseele, die auf ihre Selbstachtung hält, es nicht verwinden kann, wenn ihr das Häßlichste nachgesagt wird: das Angeln nach Männerherzen? … Ich weiß am besten, wie sie am Fuß der Treppe, die zu Ihnen führt, mit sich gekämpft hat –“

„Aber sie ist trotz alledem hinaufgegangen und hat gehandelt, wie das echte Weib handeln soll, mit dem mitleidigen Herzen, und nicht mit dem egoistischen Verstand, mit dem starren Princip, das da sagt: ,Zahn um Zahn!’ … An diesem Herzen zweifeln, wäre eine Sünde, die ich mir selbst nicht verzeihen könnte, und deshalb sage ich – mögen Sie die Gütevolle, Selbstlose auch hier in diesen fremden vier Wänden vor mir verleugnen – ich sage: Sie wird wiederkommen, weil ihre Samariterpflicht sie noch einmal mit mir zusammenführen muß –“ er zeigte auf die verbundene Hand.

„Sie werden sich erinnern, daß ich mich erboten habe –“

„Und Sie wissen, daß ich diese Hülfe entschieden zurückweise. … Ich werde warten, geduldig warten, bis mein lieber Heilgehülfe sich seines Patienten erinnert. … Und nun will ich im Gottes Namen hinausgehen – vielleicht finde ich draußen im Walde seine Spur eher wieder.“

„Sie können jetzt das Haus unmöglich verlassen.“

„Bah, des Gewitters wegen? Sehen Sie doch hinaus Im Augenblick fällt kein Tropfen mehr.“

Das Getöse des niederrauschenden Regens war in der That jäh abgerissen, aber es war ein Innehalten, wie ein Ringender mit einem tiefen, langsamen Athemholen neue Kraft schöpft. Als bräche die Nacht herein, so dunkel wurde es plötzlich im Zimmer – die schwarze Wolkenwucht senkte sich so tief, als wolle sie das Dach des Hauses und die Waldwipfel zusammendrücken.

Der Gutsherr verbeugte sich leicht mit einem sprechenden Blick nach den Händen auf dem Thürschloß, aber sie gaben dasselbe nicht frei.

„Gehen Sie nicht!“ sprach die junge Dame. Das klang so sanft und beweglich, wie gestern die Mahnung: „Seien Sie gut!“

Seine Augen strahlten feurig auf. „Ich bleibe, wenn Sie befehlen,“ versetzte er nichtsdestoweniger kühl, und förmlich. „Ich begreife, daß Sie sich, so allein hier, vor dem Gewitter fürchten.“

„So geistesschwach bin ich nicht,“ entgegnete sie gereizt. „Von Kindheit an habe ich das Gewitter weit eher geliebt als gefürchtet.“

„Nun, dann ist mir Ihr Wunsch ein Räthsel. Hätte die barmherzige Schwester ihn ausgesprochen, dann wüßte ich, daß es aus Besorgniß für mich geschehen wäre, wie sie ja gestern auch um meinetwillen zu mir gekommen ist –“

„Sie irren sich. Sie hat Ihnen ausdrücklich erklärt, daß sie den unerhörten Schritt aus Gewissensnoth, im Hinblick auf die Menschenpflicht gethan habe,“ sagte sie fast heftig und warf mit einer unbeschreiblich stolzen, trotzigen Geberde den Kopf auf.

„Ach, so bitterernst ist das gemeint? Und Sie haben wirklich das Herz, mir – weil ich leichtsinnig und oberflächlich über einen Beruf und seine Vertreterinnen geurtheilt habe – meine süße Illusion zu rauben?“

Sie sah auf den Boden, und ihre Hände sanken vom Thürschloß herab.

„Finden Sie nicht ein milderndes Wort, an welchem ich mich aufrichten könnte?“

Man sah, daß ein heftiger Widerstreit der Gefühle in ihr kämpfte; allein ihre Lippen blieben geschlossen, und das blasse Gesicht wurde starr im Ausdruck unbeugsamen Widerstandes, während sie von der Thür wegtrat.

„Nun wohl, dann nehme ich die grausamste Enttäuschung meines Lebens hin und gehe!“ sagte er, indem er die Thür öffnete und durch die Hausflur nach dem Ausgang schritt.

Er hatte völlig vergessen, daß ein Kranker im Hause liege, und deshalb seine kräftigen, raschen Bewegungen in keiner Weise moderirt – so mochte das Geräusch des kreischenden Thürgriffes und der festen Schritte auf dem Backsteinfußboden den Schlafenden aufgeschreckt haben.

„Agnes!“ rief eine matte, verlangende Stimme von der Zimmerecke her.

Herr Markus sah noch, wie die junge Dame über die Schwelle der anderen Stube geflogen kam; er sah auch, wie sie, im heftigsten Zwiespalt mit sich selbst, in der Hausflur ihre Schritte hemmte und mit angstvollen Augen ihn verfolgte, bis es ihm gelang, dem eindringenden Sturme die Hausthür zu entreißen und sie zu schließen.


17.

Er hatte seine ganze bedeutende Körperstärke nöthig, um sich gegen den Gewittersturm zu halten, der ihn beim Verlassen der Thürstufen wüthend anfiel. Es sah schlimm aus über ihm und um ihn her. Das schwarze, kochende Wolkengemenge da oben hatte der Blitze genug und wohl auch Hagel in seinem Schooße, und der fauchende Wütherich, der ihn schüttelte - und wie einen Ball vor sich herstieß, konnte sich jeden Augenblick den Spaß machen, einen der ächzenden Waldriesen wie einen Blumenstengel zu entwurzeln und über den dahintaumelnden, machtlosen Erdenwurm herzuschleudern.

Zwischen den vier rothen Wänden war es freilich sicherer gewesen, und ein Anderer mit kühlem Kopfe und normalem Pulsschlag wäre jedenfalls zurückgekehrt – ah, um keinen Preis that er das. Er hatte jetzt das Heft in der Hand. Einen besseren Bundesgenossen, als dieses erschreckende Wüthen und Toben in den Lüften, konnte er sich nicht wünschen. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, ein ganz verstohlenes, leises, das ihm gleichsam ohne seinen Willen aus der Seele herausglänzte.

So kämpfte er sich ein tüchtiges Stück auf der Fahrstraße weiter, bis plötzlich ein Blitz niederzischte, dem sofort ein anhaltender, so entsetzlich krachender, erderschütternder Donnerschlag folgte, wie er nur im engen Thalgrund, zwischen hohen, versperrenden Bergen dröhnen kann. Einen Augenblick stand Herr Markus betäubt, als habe der Blitz zu seinen Füßen eingeschlagen und ihn gestreift; der Sturm schwieg wie im jähen Schrecken und machte einer secundenlangen Stille Platz, in welcher noch das schwefelgelbe Licht des Blitzes auszuzittern schien. Aber nun [172] stürzten auf’s Neue, wie erlöst, die Wassermassen nieder, in klatschender Wucht, und einen ganzen Hagel kleiner, rasselnder Eiskörner mit sich schleppend.

Herr Markus sprang quer über die Wiese, den Abhangs hinauf. Da oben stand, wie er wußte, ein kleiner Schuppen, ein Unterschlupf für die Waldarbeiter, halb verdeckt vom Dickicht, unter den Tannen. In wenigen Augenblicken hatte er das primitive Asyl erreicht. Es hatte drei aus groben Bruchsteinen mühelos hergestellte Wände und ein Dach aus dünnen Fichtenstämmen, und wenn der Regenguß nicht das festgestopfte Moos aus den Fugen riß, dann war der Schutzsuchende wenigstens nothdürftig vor Sturm und Nässe geborgen.

Er zog sich in die Tiefe des Schuppens zurück und sah, halb gepackt von Grauen, in das Unwetter hinaus. Da war es nun, was am Sonntag Pfarrer und Gemeinden der Walddörfer inbrünstig vom Himmel erfleht hatten, das köstliche, strömende Naß, das die halbvertrockneten Adern der Pflanzenwelt füllen und die Hoffnung auf den Erntesegen, auf das nöthige Stück Brod neu beleben sollte. Aber unter welchen furchtbaren Kämpfen gab es die Natur heraus!

So grauenvoll lebendig zuckte und zischte die Feuerschlange aus allen Richtungen, so ohne Unterlaß krachten die folgenden Donnerschläge, daß man meinen konnte, dem alten Griechengott sei das Bündel seiner Blitze entfallen – es war, als wollten diese erschütternden Detonationen die seit Jahrtausenden eng zusammengerückten Bergwände aus einander treiben … Und die hereinbrechenden Wasserfluthen wandelten im Nu die flache Wiese zum Seespiegel; sie füllten das ausgetrocknete Bett des kleinen Baches und schossen lehmfarben durch den Grund, Steingeröll und entwurzelte Pflanzen und schließlich auch den lose hingelegten Steg mit sich reißend. … Ob wohl der braven Griebel diese „Pelzwäsche“ gründlich genug war?

Uebrigens blieb das Stückchen Waldboden, das die drei Wände umschlossen, vollkommen trocken; das Wasser floß zu beiden Seiten den Abhang hinab. Auch das Dach, hielt wacker Stand; die unteren Aeste der sausenden Tannenwipfel peitschten freilich das schwanke Gefüge, aber sie wehrten auch dem ersten Aufprall des Regengusses, und nur wenn es dem Sturm gelang, sich einzuwühlen und die mächtigen Stämme wie Gerten auseinander zu reißen, dann kam ein direktes Sturzbad so prasselnd hernieder, daß dem Geflüchteten im Schlupfwinkel Hören und Sehen verging.

Das war nun ein Gewitter im Walde! Ein zornschnaubendes, versprengtes Ungethüm in einer Sackgasse. Es konnte nicht über die Berge und tobte, bis ihm der Athem ausging. … Das dauerte lange, unerträglich lange – Herr Markus lief schließlich glühend vor Unruhe und Ungeduld in dem engen Raum auf und ab. Aber nun wurde es auch allgemach heller; der Donner verrollte und die Regengüsse ließen nach. Allmählich wagten sich andere Laute hervor, das Piepen und Locken der Vögel, raschelndes Schlüpfen kleinen Gethiers durch das tropfende Geäst und schwaches Lebensgeräusch von menschlichen Wohnstätten herüber. Auch fernes Wagenrollen auf quikenden Rädern wurde hörbar; es kam auf der Fahrstraße näher und näher und hielt einen kurzen Moment vor dem einsamen rothen Hause. Dann schwankte der Wagen in dem zerweichten Boden schwerfällig weiter und erschien endlich auf dem Stück Wegbiegung, das Herr Markus übersehen konnte. Es war ein Leiterwagen mit übergelegter Plane, der wahrscheinlicher Weise den heimkehrenden Forstwärter ausgenommen und. nun vor seiner Wohnung abgesetzt hatte.

Ah, der Grünrock war nunmehr zu Hause. Nun löste der Pfleger die Pflegerin ab, und wenn Angst und Besorgniß um andere, von dem grausen Unwetter überraschte Menschenwesen in ihr lebten, so fragte sie nicht nach dem immer noch fallenden Regen, nach dem schwimmenden Boden – sie benutzte ihre Freiheit, ihre Erlösung von den gebieterischen Wärterpflichten und kam.

Ja, sie kam. Sie kam daher wie eine dem Gefängniß Entsprungene – Schleierhut und Handschuhe und Schirm waren im Forstwärterhause liegen geblieben. Sie hatte die Schleppe über den Arm geschlagen; die schlanken, behenden Füße flogen den Weg daher, und mit wilden Bewegungen wandte sich der Kopf suchend nach allen. Richtungen – meinte sie, ein vom Blitz Erschlagener müsse am Wege liegen?

Herr Markus verließ den Schuppen und duckte sich hinter das nahe Tannendickicht. Sie konnte von unten aus den offenen Raum zwischen den drei Wänden übersehen und sollte und mußte ihn leer finden. Mit einem den Schuppen überfliegenden Blick eilte sie denn auch vorüber und schlug den schmalen, durch den Wald nach dem Hirschwinkel führenden Gehweg ein.

Daß dieser Pfad heute nicht mehr passirbar war, hatte sie freilich nicht wissen können – nun machte sie Halt und prallte zurück vor dem breiten, schäumenden Gewässer, zu welchem das halbversiechte, friedfertige, die Passage quer durchschneidende Bächlein angeschwollen war. … Kein Steg weit und breit! Sie lief wie verzweifelt am Ufer hin und suchte nach einer eingeengten Stelle, die sie überspringen könne.

Währenddem war der Gutsherr unhörbar den Abhang herunter, über den weichen, schwimmenden Wiesenboden hergekommen. Er stand hinter ihr in dem Moment, wo sie hastig ihre Kleider zusammennahm, um das Wasser zu durchschreiten. – Blitzschnell schlang er die Arme um sie und hob sie hoch vom Boden auf.

Sie stieß einen Schrei aus – ihr Antlitz, das wie in halber Ohnmacht auf seine Schulter sank, war furchtbar verweint und noch angstentstellt, aber jetzt verklärte es sich unter einem tiefen, erlösenden Aufathmen.

„Ich thue es nicht aus allgemeiner Menschenpflicht,“ flüsterte er ihr lächelnd in’s Ohr, während er sie durch das Wasser trug, „ach nein, solch ein Allerweltshelfer bin ich nicht. Ich thue es einzig um Ihretwillen.“

Drüben ließ er sie sanft auf den Boden niedergleiten.

„Sie haben sich wehe gethan,“ fuhr sie empor und faßte nach seiner verbundenen Hand, weil er mit einer raschen Bewegung von ihr weggetreten war.

„Ich habe mir nicht wehe gethan,“ sagte er doppelsinnig. Jeder Unbefangene hätte den versteckten Schalk in seinen Augen sehen müssen – sie in ihrer großen Aufregung sah ihn nicht. „Möglich, daß unter dem Verbande da etwas nicht in Ordnung ist,“ meinte er achselzuckend, „aber was thut das? Meine robuste Natur wird sich schon selbst zu helfen wissen. … Und nun gehen Sie schleunigst heim! Ich weiß, die alten Leute verzehren sich in Angst um die Blumensucherin. … Aber der Onkel wird schön zanken, daß Sie ohne Handschuhe ankommen – soll ich sie holen?“ Er machte Miene, nach dem Forstwärterhaus zurückzulaufen.

Sie schüttelte abwehrend den Kopf und jetzt dämmerte auch ein schelmisches Lächeln in ihren verweinten Zügen auf.

„Und der Hut ist auch liegen geblieben,“ sagte er, „die Regentropfen blitzen wieBrillanten in Ihrem Haare und werden Sie erkälten. Nun, den dünnen, grauen Schleier hätten sie auch nicht respectirt – da lobe ich mir das Kopftuch, das liebe, weiße Kopftuch meines Heilgehülfen. – Und nun leben Sie wohl!“

Mit diesen letzten Worten war er durch das rauschende Gewässer zurückgesprungen und schritt, ohne noch ein einziges Mal den Kopf umzuwenden, durch die Wiesen nach dem Fahrwege. Mit dem gewaltsamen, romantischen Pfadsuchen im wilden Unterholze war es selbstverständlich heute nichts – das hätte eine Griebel’sche „Pelzwäsche“ sonder Gleichen gegeben – den Weg aber, den die „Blumensucherin“ ging, wollte er um jeden Preis vermeiden, und so mußte er sich bequemen, das Forstwärterhaus zu passiren und in den ein beträchtliches Stück davon entfernten, gutgebahnten Waldweg einzulenken, denselben, auf welchem Frau Griebel bei der ersten Begegnung vom Grafenholze hergekommen war.

Hurtig legte er den Weg zurück – er hatte Eile. Der Regen hatte aufgehört; dagegen stand der Wald voll beladen, und wenn der Dahinstürmende an einen überhängenden Zweig stieß, dann brauste es wie ein Sturzbad über ihn her. … Wasser in Fülle hatte diese eine bange Stunde gespendet – der weiche moosige Boden stand voll Lachen, und der kleine Fluß, der die Schneidemühle trieb, schoß, bis an den Rand gefüllt, ungeberdig tosend durch das Wiesenthal.

Drunten am Ufer stand der Sägemüller mit fröhlichem Gesicht. „Heute hat es Brod geregnet, Herr Markus,“ rief er dem Vorübergehenden zu, und im offenen Hofthor kam ihm Peter Griebel entgegen. „Nun hat es gute Wege mit dem Verhungern auf dem Walde – die Kartoffelernte wird heuer eine gute. – Ja, solch eine Staupe lasse ich mir gefallen,“ sagte der Pächter tiefbefriedigt und reckte den Arm hinaus über das schwimmende, glitzernde Gelände. In der Hausflur aber lief Frau Griebel dem [174] eintretenden Gutsherrn in die Hände. Sie kam aus der Speisekammer und hatte zwei volle Papierdüten in der Rechten.

„Na, Herr Markus, was sagen Sie nun zu so einem Wetterchen?“ meinte sie, den Arm in die Seite stemmend. „Gelt, das donnert und rumort ein Bischen anders, als auf so einer breiten Kuchenschüssel, wie Ihr ,Zuhause‘ eine ist? Ja, sehen Sie, ohne ein rechtschaffenes Gepolter thun wir’s nun einmal nicht; das ist bei uns so Mode, und das hör’ ich so gern, wie die Orgel in der Kirche. Und das hier sind sie“ – sie zeigte ihm die strotzenden Düten – „die Rosinen nämlich, die ich den Tillröder Kindern extra in den Kuchen backe – es hat gar zu schön geregnet!“

„Recht so – Rosinenkuchen! Und ich gebe den Wein dazu. Und können Sie auch schöne Hochzeitskuchen backen?“ Mit diesen Worten umfaßte der Gutsherr übermüthig die kleine, dicke Frau und wirbelte ein paar Mal mit ihr im Kreise herum.

„Hochzeitskuchen?“ wiederholte sie verschnaufend, mit mißtrauischem Blicke. „Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt, Herr Markus, daß Sie gar so fidel heimkommen? Und naß wie ein Pudel sind Sie auch. Ach Herrje, und die Lehmtropfen da auf meinen schönen, frischgescheuerten Flurdielen! Gehen Sie mir weg – tanzen auch noch und haben den halben Hirschwinkel an den Stiefelsohlen! Na ja, Hanne wird schön brummen, daß sie noch einmal mit dem Scheuerwisch anfangen muß. Hochzeitsküchen sagten Sie? O ja, den kann ich schon backen – zwei Hände hoch und locker, daß er Einem auf der Zunge zergeht. … Aber nun frage ich: für wen denn in unserem stillen Hirschwinkel? Wer soll ihn denn essen?“ –

„Wer? Ei, wer Lust hat, wer mein Gast sein will! – Alt und Jung, Reich und Arm – sie sind Alle eingeladen.

Wer einen Schatz hebt, der darf auch mit seinem Danke nicht knausern.“ – Er lachte ihr voll Uebermuth in das verdutzte Gesicht, und die Treppe hinaufsteigend, sang er mit schönem Bariton Georg Brown’s „Komm, o holde Dame!“

„Sag an! wie ist dein Name?“ scholl es noch in die widerhallende Hausflur herab; dann flog droben die Thür zu.

[185]
18.

Nach kurzer Zeit kam er wieder herunter und schritt durch die Hausflur nach dem Ausgange. Er hatte den Anzug gewechselt und das von Sturm und Regen zerzauste, volle Haar geglättet; er sah stattlich, fast feierlich aus.

„Meiner Treu, wirklich beinahe wie ein Hochzeiter!“ rief Frau Griebel von der Küche her. „Aber der Garten trieft noch, und in der nächsten Minute wird das schöne, flotte Röckchen da gerade so naß sein, wie vorhin Ihr Reiserock, Herr Markus. Und da soll ich wohl nun auch mit meinem Eßzeuge durch alle die Pfützen und Tümpel nach dem Gartenhäuschen schwimmen?“

Er sagte ihr, daß er um acht Uhr droben in seinem Zimmer zu essen wünsche, bis dahin aber im Pavillon durchaus nicht gestört sein wolle – durch Niemand, auch durch die „fürsorglichste aller Pflegemütter“ nicht. Damit verließ er eiligst das Haus, als gelte es, eine Versäumniß auszugleichen.

Im Pavillonstübchen schlug ihm noch die ganze eingeschlossene Nachmittagsschwüle entgegen. Er schüttelte mit ernstem Lächeln den Kopf, als er die Altanthür zurücklehnte, um die erfrischte Luft einströmen zu lassen. … Vor kaum zwei Stunden war er da hinabgestiegen – nur bis an die Gehölzecke und dann wieder zurück hatte er gehen wollen, keinen Schritt weiter! … Was für ein erbärmliches Ding ist doch der Menschenwille dem Verhängniß gegenüber, wenn es einer Entwickelung zuschreitet! Nun ja, es hatte immerhin Noth und Mühe genug mit ihm gehabt, bis er begriffen. Es hatte ihn gleichsam packen und vor sich herstoßen müssen; es hatte ihn in den Wald gejagt, wo sich das Räthsel in lieblichster Weise lösen sollte. Vor einer dunklen Thür hatte er gestanden und sich störrisch darauf capricirt, sie mit dem Kopfe einzustoßen; sein Bischen Phantasie hatte sich sogar bis unter die Zigeuner verirrt, aber über das greifbar Naheliegende war sein blöder Blick ahnungslos hinweggestreift. Er trug allerdings nicht allein die Schuld – für sämmtliche Bewohner des Hirschwinkels war die auf dem Felde Hantirende zweifellos Amtmanns neue Magd gewesen; sie Alle hatten seinen Wahn veranlaßt, und der Einzige, der den wahren Sachverhalt gewußt, der Amtmann, er war erst recht beflissen gewesen, den Irrthum zu bestärken – er hatte die aufopferungsvolle Nichte im Arbeitskittel einfach verleugnet, der alte Komödiant, der!

Nun hatte sich Alles gewandelt. Die dräuende Gewitterwand am Himmel hatte sich in eitel Segen und Wohlgefallen aufgelöst, und die dunkle Thür war weit, weit aufgethan, er aber ging wieder, wie vor zwei Stunden, in unbeschreiblicher Spannung auf und ab. … So beklemmend still, wie vor dem Gewitter, war es draußen nicht mehr. Alles, was Leben und Odem hatte, regte sich mit neugestärkter Kraft, und die reine, gekühlte Luft trug jeden Laut scharf herüber. Im Vogelnest unter dem Pavillondache schrie die gelbschnäbelige Jugend ungeberdig nach den emsig hin- und herfliegenden Alten; vor dem Fenster tanzte eine Mückenwolke, und die weißen Schmetterlinge waren auch wieder da und gaukelten wie Schneeflocken über dem Felde.

Dort um die Gehölzecke konnte es ja auch jeden Augenblick weiß dahergeflattert kommen – es sollte und mußte sogar, wenn es ihm nicht gehen sollte, wie Einem, der freventlich einen günstigen Moment hat vorübergehen lassen, um Alles auf eine Glückskarte zu setzen. … Wenn er sich nun in seinen Voraussetzungen betrogen hatte? Wenn sie sein Lebewohl im Grafenholze ernst und stolz als das letzte ansah und seinen Lebensweg nie wieder kreuzte? – Das Blut schoß ihm stürmisch nach dem Kopfe, und im nächsten Augenblicke stand er draußen auf dem Altan – ach nein, nicht eine einzige Stufe brauchte er hinabzusteigen.

Er schützte seine Augen mit der bebenden Hand gegen die eben hervorbrechende rothgoldene Abendsonne und sah angestrengt nach dem fernen Unterholze – hinter dem Gezitter der Nadelzweige regte es sich und kam stetig vorwärts, und es waren nicht wieder die blauen, vom Basthütchen wehenden Bänder, die er heute Nachmittag im heftigen Unmuthe verwünscht hatte, nein, weiß und plump und unschön, wie nur ein grobes, einen Menschenkopf verhüllendes Tuch aussehen kann, hob es sich über die letzten zwerghaften Fichten. – Ein wilder, kaum zu unterdrückender Jubelschrei drängte sich ihm auf die Lippen, und das Herz hämmerte ihm zum Zerspringen in der Brust.

Er trat schleunigst in das Pavillonstübchen zurück, und sie bog drüben um die Ecke. Die weiten, weißen Hemdärmel flogen ein wenig auf im Zugwinde, der dort vorüberstrich, und es war, als fasse er auch ihre schlanke Gestalt an und mache ihren Gang unsicher. Sie war in ihrem schäbigen Arbeitsrocke; die breite, blaue Leinenschürze stand in steifgestärkten Falten um die Taille, und die Linien der Büste verschwanden unter dem unförmlichen, dickfaltigen, auf dem Rücken geknüpften Busentuche. Das „Scheuleder“ war aber noch nie so tief in’s Gesicht gezogen gewesen wie heute.

So kam sie daher, ängstlich, wie verscheucht, und einen Augenblick schien es, als vergehe ihr aller Muth beim Erblicken des [186] Pavillons mit seiner offenen Thür und die Neigung, eiligst den Rückzug anzutreten, gewinne die Oberhand. Das war ein kritischer Moment, der dem Mann im Häuschen auf der Mauer den Herzschlag stocken machte, aber er ging vorüber; die „Samariter-Barmherzigkeit“ siegte und trieb das Mädchen Schritt um Schritt weiter.

Er mußte an den Morgen denken, wo sie so unbefangen desselben Weges gekommen war. Da hatte sich die einsam daherwandelnde Erscheinung aus der Morgensonnenbeleuchtung wie aus goldigem Grunde abgehoben – jetzt troff das Abendlicht wie dunkelglühender Purpur auf die regengetränkten Fluren nieder – recht so! In Gluthen mußte es untergehen, das Sehnen und Bangen, das Ringen und Kämpfen, das mit jenem Morgen angefangen. Damals hatten sein Uebermuth, sein ungezähmtes Freiheitsgefühl mit dem Mädchenstolz und -Trotz auf dem Kriegsfuß gestanden, und heute war er der Besiegte, aber auch heute – lief ihm das scheue Wild in’s Garn.

Tief in die Divanecke gedrückt, regte er sich nicht und hielt unbewußt den Athem an. Ihm war, als hänge in diesem Moment sein ganzes Lebensglück an einem dünnen Faden – ein Vogel, der plötzlich aus dem Dickicht seitwärts schwirrte, eine über den Weg huschende Feldmaus, ein Geräusch vom Gutshause her konnten die geängstigte Mädchenseele emporschrecken machen und das Wild auf Nimmerwiederkehr verscheuchen. … Je näher sie kam, desto heftiger schlugen seine Pulse. Mit fast flehendem Ausdruck sah sie nach der offenen Thür herauf und hoffte jedenfalls auf irgend eine entgegenkommende Hülfe – ah, um keinen Preis streckte er ihr auch nur die Fingerspitzen entgegen. Er wollte die ganze Süßigkeit der Situation auskosten – sie mußte von selbst, aus eigenem innersten Antriebe bis dicht unter seine Augen kommen.

Nun sah er sie nicht mehr – sie ging unter dem Häuschen hin. Er hörte, wie sich die rauhen Kornhalme drunten im Vorüberstreifen an den Falten ihres wollenen Kleides rieben: ein etwas schwerfälliger, zögernder Tritt erschütterte leise das schwanke Treppchen – dann stand sie plötzlich oben und lehnte sich wie athemlos und erschöpft an das Altangeländer.

Er sprang auf und trat zu ihr.

„Ich halte Wort,“ murmelte sie, fast in sich hinein. Sie blickte unter einem nervösen Zucken der Lider seitwärts auf das Kornfeld hinab, und ihre Hand ließ das Altangeländer nicht los.

„Ich wußte es,“ sagte er.

Jetzt sah sie mit einem schmerzlich zürnenden Blick zu ihm auf. „Ja, Sie waren Ihrer Sache gewiß, nach den Erfahrungen, die Sie mit dem Gouvernantenthum gemacht haben,“ entgegnete sie bitter und zog das weiße Tuch wie zum Schutz gegen ihn und die ganze Außenwelt noch tiefer um das Gesicht. Ihr Ton und diese Bewegung belehrten ihn, daß er noch weit vom Ziele sei.

„Ich wußte, daß mein lieber Heilgehülfe es nicht über das Herz bringt, einen Mitmenschen hülflos leiden zu lassen,“ sagte er zurückhaltend und stellte sich seitwärts hinter die Schwelle des Stübchens, um die Angekommene eintreten zu lassen. Sie ging auch sofort an ihm vorüber nach dem Tische, wo sie das Verbandzeug aus ihrem Körbchen nahm.

Er vermied es, sie anzusehen, während er neben sie trat – nur die größte Ruhe und Beherrschung seinerseits konnte ihr die Fassung zurückgeben, nach der sie sichtlich rang. Er sah, wie jede Fiber an ihr bebte, wie ihre Hände sich erfolglos abmühten, die aus einander fallenden Verband-Utensilien zu ordnen. „Wie ungeschickt!“ murmelte sie und fuhr mit der Rechten nach der Stirn. „Ich weiß nicht – die Luft hier beklemmt mich – was für ein jammervolles Geschöpf bin ich doch!“

Sie löste mit fiebernder Hast die Tuchzipfel unter dem Kinn und schob die Hülle nach dem Nacken zurück, um freier aufathmen zu können, und nun griff sie, ohne aufzusehen, nach seiner verbundenen Hand.

„Die Qual wird bald ein Ende haben,“ sagte er in Tönen, die beruhigen sollten, sie erstickten aber halb in seiner eigenen inneren Bewegung. Sie schwieg und begann die Leinenbinde abzuwickeln.

„Nun, das wenigstens ist mir erspart geblieben. Sie haben sich nicht auf’s Neue verletzt,“ sagte sie und hob die Stirn. „Die Wunde heilt sehr gut. Sie werden kaum eine sichtbare Narbe behalten.“

„Wie schade! Ich würde mich zeitlebens über das Erinnerungszeichen gefreut haben, wie der Student über eine kräftige Quart in seinem Gesicht. Und damit soll wohl nun auch gesagt sein, daß die chirurgische Behandlung nicht mehr nöthig ist?“

„Die meine wenigstens nicht,“ versetzte sie, während sie einen frischen Leinenstreifen mit flinken Händen aufrollte. „Was noch geschehen muß, das kann Frau Griebel ganz gut besorgen.“

„Ah, Sie sind sehr gütig. Nun denn, ich muß mich bescheiden, wenn ich auch nicht gerade gewillt bin, die brave Griebel zu meinem Heilgehülfen zu ernennen. … Vielleicht darf ich mir auf dem Vorwerk weitere Verhaltungsmaßregeln holen –“

„Das würde ein vergeblicher Weg sein,“ fiel sie ein, ohne von ihrer Beschäftigung aufzusehen. Dann trat sie von ihm weg – ihre Aufgabe war erfüllt.

In fliegender Eile raffte sie ihr Verbandzeug zusammen und schob es in ihr Körbchen. Ehe er sich dessen versah, war sie an ihm vorüber zur Thür hinausgehuscht, wie ein befreiter Vogel, der das Weite sucht. Erst draußen auf dem Altan, den Fuß bereits auf die zweite Stufe setzend, wandte sie sich noch einmal zurück: „Ist es nun genug der Selbstverleugnung?“ fragte sie, und verhaltener Jammer, mit bitterem Trotz gemischt, brach aus diesen Tönen. „Trüge jedes Samariterwerk einen solch schmerzenden Stachel der Demüthigung in sich, dann –“

„Warum quälen Sie sich und mich mit dieser kleinen Bosheit, die Ihnen nicht einmal aus dem Herzen kommt?“ unterbrach er sie – er hatte nach seinem Hut gegriffen und stand bereits neben ihr. „Nun ja, ich habe auf meinem Recht bestanden – wer will mir das verargen? – und Sie erfüllten einfach Ihr gegebenes Wort. Ist das so schlimm? Dafür begleite ich Sie jetzt ritterlich – nein, protestiren Sie nur nicht! Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, daß der Hirschwinkel von Zigeunern wimmelt.“

„Ach so, die könnten mich ja mitnehmen und auf dem Seile tanzen lassen,“ wandte sie sich mit einem halben Lächeln nach ihm um, der hinter ihr das Treppchen herabstieg.

„Wahrhaftig, wenn auch nicht auf dem Seile, so doch unter dem Leinendach eines Wagens; zwischen alten Hexengesichtern und wilder, junger Zigeunerbrut habe ich Sie heute schon gesehen. Doch das erzähle ich Ihnen später einmal, das heißt,“ verbesserte er sich schleunigst, „das heißt, wenn einmal die Gnadensonne in der Mansarde über mich armen Burschen aufgehen sollte! – Dazu ist bis jetzt freilich noch wenig Aussicht vorhanden, und da ich weiß, daß in vielleicht kaum einer halben Stunde mit dem weißen Kopftuch und dem Arbeitscostüm da auch Amtmanns Magd für immer verschwinden wird, so werde ich diesen kurzen Moment ausnutzen, so viel ich kann.“

Sie streifte ihn mit einem schnellen Seitenblick – er machte ein sehr ernstes Gesicht, während sich seine Schritte verlangsamten. Die Beiden gingen bereits neben dem Gehölz hin, etwas mehr inmitten des Weges; denn noch glitzerten die langen Nadelbärte der Fichten im Wassergerinnsel, und das vordrängende Dickicht war beperlt mit Millionen rollender Tropfen. All dieses Gefunkel aber und die regenbestäubten Aehrenspitzen des Kornfeldes, jede kleine spiegelnde Lache am Wege, fingen die rothe Gluth des Abendlichtes auf – versöhnend, nach dem Gewitteraufruhr, schienen Himmel und Erde, Sonnenfeuer und Wasser in einander zu schmelzen.

„Was glauben Sie, daß der junge Franz nach seiner Wiederherstellung beginnen wird?“ fragte der Gutsherr, ohne jede weitere Einleitung. „Nach Californien kehrt er doch keinenfalls zurück?“

Sie schüttelte heftig den Kopf.

„,Lieber Steine klopfen an einer Thüringer Chaussee!’ hat er mir in der ersten Stunde des Wiedersehens gesagt.“ Ein tiefer Seufzer hob ihre Brust. „Sie wissen selbst am besten, in welchem Zustande der ,Goldjunge’ des alten Mannes auf dem Vorwerk seine Heimath wieder betreten hat. Wie er mir sagte, haben Sie ihn barmherzig vom Wege aufgenommen und die erste Nacht im Gutshause verpflegt. … Scham und Jammer haben ihn freilich dort nicht gelitten – er hat lieber einsam im Walde sterben und vermodern wollen, als fremder Barmherzigkeit anheimzufallen – das begreife ich, das begreife ich nur zu gut,“ unterbrach sie sich leidenschaftlich und preßte die Hände auf die Brust. – „Er hat Recht gehabt. Ein einsames Sterben ist nicht halb so bitter, wie unter dem fortgesetzten Druck demüthigender Wohlthaten leben zu müssen.“

Sie verstummte für einige Secunden. Mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen, die Unterlippe hart zwischen die Zähne [187] geklemmt, starrte sie in den glühenden Himmel hinein, und der Mann an ihrer Seite unterbrach dieses zürnende Schweigen mit keiner Silbe.

„Er hat sich so durch den Wald und weiter geschleppt,“ fuhr sie Nach einem tiefen, beklommenen Athemholen fort, „bis er mir am Thore des Vorwerks in die Arme getaumelt ist –“

„Und Sie haben es möglich gemacht, den Erschöpften fortzubringen?“

„Die Angst hat mir die Kraft gegeben – er mußte aus den Augen seiner Eltern. Die alte Frau wäre bei seinem herzbrechenden Anblicke gestorben.“

„Es ist ein weiter Weg bis ins Forstwärterhaus –“

„An jenem Morgen schien er mir endlos. Aber dann fand ich auch den kräftigsten Beistand. Der Forstwärter, der treue Mensch, ist Otto’s Spiel- und Jugendgefährte gewesen; er weinte und lachte in einem Athem bei dem traurigen Wiedersehen. Wenige Stunden später lag der Heimgekommene bereits im Delirium –“

„Und lärmte in seinen Fieberphantasien, daß der Wald widerhallte,“ ergänzte der Gutsherr mit bedeckter Stimme. „Und die Leute, die das tolle Gelächter draußen hörten,, haben gemeint, es seien Zechbrüder in der Eckstube mit den verhüllten Fenstern. … Ja, ich weiß es, und um ein hartes, böses, rachsüchtiges Wort, mit welchem man tief in ein edles Herz hineingeschnitten hat, vergessen zu machen, dazu reicht ein Mannesleben voll anbetender Liebe wohl kaum aus.“

Sie wandte wie erschrocken das Gesicht von ihm weg, und es schien fast, als überlege sie, ob sie sich nicht doch lieber einen Weg durch das triefende Dickicht da seitwärts bahnen solle.

Ihrem Begleiter mochte diese unwillkürliche Fluchtgeberde wohl entgehen; denn er fragte in diesem Augenblicke so ruhig, als sei er nicht mit einem einzigen Gedanken von dem Gesprächsthema abgeirrt gewesen:

„Welchem Berufe hat der nachherige Goldsucher ursprünglich angehört?“

„Er ist Oekonom,“ versetzte sie und wich, nunmehr weitergehend, den Fichtenzweigen aus, die sich tropfenschwer über den Weg hereinreckten. „Früher hat er Aussicht gehabt, einst der Nachfolger seines Vaters auf der Domäne Gelsungen zu werden – damit ist es selbstverständlich längst aus und vorbei. Und jetzt, nachdem er draußen so furchtbar Schiffbruch gelitten hat, sind seine Lebensansprüche auch sehr bescheiden geworden. Einen einfachen Wirkungskreis, der ihm sein sicheres Brod giebt es auch bei härtester Arbeit im abgelegensten Erdenwinkel – und das Zusammenleben mit seiner alten Mutter, weiter gehen seine sehnsüchtigen Wünsche nicht.“

„Dann könnte er ja im Hirschwinkel bleiben.“

Sie blieb abermals stehen und sah ihn mit freudigem Ausdrucke an. „Würden Sie ihm das Vorwerk in Pacht geben?“

Er blickte zur Seite und zuckte die Achseln. „Darüber steht mir die Verfügung nicht mehr zu.“

„,Nicht mehr zu‘?“ wiederholte sie die letzten Worte tonlos und mechanisch, in athemloser Bestürzung – sie war ganz blaß geworden. „Haben Sie den Hirschwinkel verkauft?“

„Was denken Sie? Ich sollte meine Perle verkaufen, die mir Glückspilz unverdientermaßen in den Schooß gefallen ist? Nein, eher gäbe ich das Etablissement Markus unter den Hammer! Die Sache ist die, daß das Vorwerk schon seit länger als einem Jahre nicht mehr zum Gute gehört.“

„Und Sie hätten wirklich kein Verfügungsrecht mehr darüber? Und die unglücklichen alten Leute sollen abermals um das Dach über ihrem Haupte kämpfen und sorgen müssen?“ rief sie in halber Verzweiflung und ließ wie niedergeschmettert den Kopf auf die Brust sinken. „Wie grausam! Gerade jetzt diese Enthüllung, wo Sie der armen Kranken den Riß zum Neubau auf das Bett gelegt haben! Durften Sie das ohne Vorwissen des jetzigen Eigenthümers?“

„Ich habe die Genehmigung der Besitzerin vorausgesetzt.“

„,Der Besitzerin’? – Einer Dame gehört das Vorwerk?“ Sie sah erstaunt, aber auch ermuthigter auf. „Und Sie sagten vorhin selbst, daß Otto Franz im Hirschwinkel bleiben könne – da wird die neue Besitzerin jedenfalls auch verpachten?“ –

Er zog die Schultern empor und sah ihr lächelnd in das angstvoll gespannte Gesicht.

„Das weiß ich nicht – da müssen Sie Fräulein Agnes Franz fragen.“

Sie stand wie versteinert und ließ es willenlos, wie geistesabwesend, geschehen, daß er ihre beiden Hände ergriff und einen Moment festhielt. Er erzählte ihr, wie er durch Zufall den letzten Willen seiner Tante gefunden habe, und zog schließlich das Notizbuch der verstorbenen Frau Oberforstmeisterin aus der Brusttasche, um den Beweis zu erbringen.

Thränen der Rührung flossen über ihr Gesicht beim Ueberfliegen der Schriftzüge, aber sie nahm das dargebotene Buch nicht in die Hand; sie schob es vielmehr sanft von sich.

„Das ist ja kein rechtskräftiges Testament, mein Herr,“ sagte sie, ihre tiefe Bewegung niederkämpfend, fest und entschieden. „Niemand in der ganzen Welt würde darauf hin der in Aussicht genommenen Erbin auch nur den Schein eines Anspruchs zugestehen.“

„,Niemand’?“ wiederholte er. „Ei, was hat Ihnen denn die arme Welt gethan, daß Sie meinen, sie sei voll Spitzbuben? Möglich, daß es Leute genug giebt, denen der letzte Wille eines der Ihrigen nichts gilt, wenn nicht so und so viele Tintenkleckse von fremder Hand darunter stehen – meinetwegen mögen sie sich dabei sogar vollkommen auf dem sogenannten Rechtsboden befinden – aber so wie ich denke, ist das Anrufen des Gesetzes in einem solchen Falle eine absolute Veruntreuung. Nein, nein, schütteln Sie nur nicht den Kopf über mich, als käme ich aus irgend einem verklungenen, sagenhaften Lande mit meinen Rechtsbegriffen! Mögen sie immerhin ein wenig schwerfällig sein, wie das ganze Rüstzeug meiner geistigen Beschaffenheit – Sie haben ja selbst erfahren, wie ungelenk ich im Auffassen der Menschen und Dinge bin, wie ich in lächerlicher Vertrauensseligkeit brav und bieder das Seltsamste wochenlang als baare Münze genommen habe – ich sage, den obersten, unfehlbaren Richter, das Gewissen, haben sie doch für sich.“

Sie war bei seiner Anspielung auf die Rolle des Dupirten, in der sie ihn wider Willen hatte belassen müssen, tief erröthend und raschen Schrittes weiter gegangen, und er war an ihrer Seite geblieben. Die Gehölzecke lag hinter ihnen, und der Vorwerksgarten kam in Sicht.

„Angenehm war mir der Fund im Arbeitsbeutel meiner seligen Tante allerdings insofern nicht, als er mich mit der fatalen Amtmannsnichte in persönliche Berührung bringen mußte,“ fuhr er nach einem sekundenlangen Schweigen fort, und der liebenswürdige Humor, der sein Gesicht so verschönen konnte, brach förmlich leuchtend durch. „Ich betäubte aber sündhafter Weise mein Pflichtgefühl und machte mir es selber plausibel, daß ja auch mein Sachwalter die Sache ganz gut abwickeln könne, wenn ich den Hirschwinkel wieder im Rücken haben würde. Nun trat aber plötzlich auch ein Amtmannssohn in meinen Gesichtskreis, und dadurch wurde die Angelegenheit schwieriger. Ich sah mich gezwungen, die Verhältnisse auf dem Vorwerke näher zu erforschen, wenn ich das Richtige thun wollte. Ich mußte mich fragen, weshalb die Testatorin ein Mädchen als Vormünderin und Versorgerin für die beiden Alten einsetzte, während sie die natürlichste Stütze, einen Sohn, hatten.“

„Ich verstehe die liebe, treue alte Freundin vollkommen,“ entgegnete das an seiner Seite schreitende Mädchen bewegt. „Otto war stets gutmüthig und nachgiebig bis zur Schwachheit. Seinem herrischen Vater gegenüber hatte er weder Muth noch Willen, genau wie seine arme Mutter. Aber nun, wo ihm das Leben so bittere Lehren gegeben hat, wo er weiß, wie weh der Hunger thut, und daß er nur durch Sparsamkeit, durch Energie der bewußten Verschwendungsmanie gegenüber den Lebensabend seiner Eltern sorglos machen kann, nun –“

„So meinen Sie, ich solle die letztwillige Verfügung in diesem Buche zu seinen Gunsten corrigiren?“

Sie schwieg einen Moment und hob die schönen, schimmernden Augen voll unaussprechlicher Dankbarkeit zu ihm empor. „Nun denn, ja!“ antwortete sie fest, „wenn es nicht ein Unrecht meinerseits ist, Sie in dieser unerhörten Großmuth zu bestärken.“

Er lachte und stieß das Gartenthürchen auf, vor welchem sie eben ankamen. „So darf ich Sie also nicht auffordern, nunmehr Ihren eigenen Grund und Boden zu betreten, wie ich vorhatte – Sie haben sich Ihres Rechtes begeben –“

„Mit tausend Freuden!“ rief sie eintretend und wandte sich [188] nach ihm zurück. „Ich brauche Nichts – und das weiß ich“ – sie faltete die Hände inbrünstig über der Brust – „wohin ich auch gehen mag, hier wird mir die Heimath bleiben, hierher darf ich kommen, wenn ich auch einmal das süße Gefühl des ,Zuhaussseins’ kosten will.“

„Ich sollte meinen, diese Berechtigung hätten Sie sich schwer genug errungen. Aber wissen Sie denn nicht, daß der echte, rechte Mann und Hausherr es nicht duldet, wenn sein Weib ein zweites Heim neben dem seinen geltend macht?“

Sie trat von ihm weg mit einem bösen, bitteren Ausdrucke in ihrem erblaßten Gesichte. „Das sind Verhältnisse, die weitab von meinem Lebenswege liegen,“ entgegnete sie finster. „Mir wird nie ein Mann vorzuschreiben haben, was ich thun oder lassen soll. Glauben Sie, ich könnte auch nur einen Bissen Brod von dem Tische eines Mannes essen, der in seinem Innern fortwährend mit dem Verdachte kämpfte, nicht die Liebe, sondern das Verlangen nach einer begehrenswerthen äußern Lebensstellung habe mich in seine Arme getrieben? Nein, dagegen ist das selbstverdiente Brod der Gouvernante ein süßes, ein hoch ehrenhaftes. Und ich werde es essen, so lange mir Leben und Schaffenskraft verbleiben.“

„Agnes!“ – – Er hatte ihre beiden Hände ergriffen; er hielt sie trotz alles Sträubens fest und zog sie an sich. „Wollen Sie denn wirklich den übermüthigen Burschen so grausam züchtigen, der, von einem Wahne, einem oberflächlichen Vorurtheile ausgehend, selbst nicht gewußt hat, was er verübt?“

Ein schelmisches Lächeln zuckte um seinen Mund.

„Soll ich hier, in diesem verregneten Garten, Ihnen zu Füßen sinken und um Verzeihung bitten? Soll ich das Bischen Geld, um deswillen Sie den bösen, eingebildeten Menschen nicht wollen, in die Spree werfen? Ich will Alles thun. Ich will das verlästerte Gouvernantenthum zeitlebens auf den Schild heben und Lanzen für seine Ehre und Respectabilität brechen, wo ich kann! Ich will zu dem Heim für alternde Erzieherinnen bis an mein Ende beisteuern, so viel in meiner Macht steht Alles zur Verbüßung meiner Schuld – Agnes!“ – seine Stimme nahm wieder einen ernsten, innigen Klang an – „Sie wissen wohl gar nicht, daß Sie geben, und nicht ich? Sie sprachen vorhin von der begehrungswerthen äußeren Lebensstellung – wer sagt denn, daß ich Ihnen eine solche zu bieten habe? Mir rollt weder aristokratisches Blut in den Adern, noch habe ich irgend einen öffentlichen oder gar geheimen Commerzienrathtitel mit meiner Person herumzuschleppen. Mein guter braver Vater ist mit dem Ränzel auf dem Rücken als Handwerksbursch die Welt wohl auf, wohl ab gewandert – ich bin ein Arbeitersohn und habe als junges Blut von der Pike auf dienen, das heißt an Ambos und Schraubstock stehen müssen, so gut, wie alle mir jetzt untergebenen Arbeiter auch. Und heute noch, wenn es gilt, Neues zu erproben, könnte es geschehen, daß ich mit berußtem Gesicht in das Zimmer meiner Frau träte – sehen Sie, ich bin bester, weit besser als Sie – mir nimmt Niemand die Ueberzeugung, daß sie, die feingebildete Gouvernante, in einem solchen Falle nicht zurückschrecken, sondern weit eher die Spuren des Handwerks ehren würde – habe ich Recht, Agnes?“

Sie hatte den Kopf tief auf die Brust gesenkt – kein antwortender Laut kam ihr über die Lippen, aber helle Tropfen fielen von ihren Wimpern.

„Ich sollte eigentlich gar kein Wort mehr verlieren, sondern einfach nehmen, was mein ist,“ fuhr er fort. „Fragt etwa der Vogelsteller seinen kleinen Gefangenen um die Erlaubniß, ihn behalten zu dürfen? Und mein waren Sie in dem Augenblick, wo Sie vorhin freiwillig mein Gebiet betraten. Ich sage Ihnen in Ihr liebes, geliebtes Gesicht hinein, nicht die Samariterpflicht, nicht die Gewissenhaftigkeit, die ein gegebenes Wort streng erfüllt, hat Sie Ihren Mädchenstolz, Ihr gekränktes Ehrgefühl überwinden lassen – es war derselbe unwiderstehliche Zug, der mich rettungslos gepackt und förmlich an Ihre Fersen gekettet hat – wir gehören eben zusammen bis in alle Ewigkeit. – Nun, Agnes, böse Unversöhnliche, wollen Sie noch weiter kämpfen?“

„Wie kann ich denn, wenn Sie mir eine Waffe um die andere aus der Hand winden?“ murmelte sie und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust.

Sie standen nicht weit von der Lindenlaube, und es war so feierlich still im ganzen Garten und unter der grünen Wölbung dort, daß man die immer noch vereinzelt niedersinkenden Wassertropfen auf der Steinplatte des Tisches klingen hörte, und in diese Stille hinein fiel auch nicht ein einziges Wort mehr zwischen den beiden Menschen, die sich innig umschlungen hielten.

Später gingen sie Hand in Hand den Weg entlang, der durch das Himbeergebüsch in den Hof führte. Sie kamen auch an dem Kräuterbeet vorüber, wo das junge Mädchen beim ersten Besuch des Gutsherrn auf dem Vorwerk erschrocken oder vielmehr „neidisch“, wie er behauptete, die langen Aermel über die entblößten Arme gezogen hatte.

„War es nicht doch ein wenig Franz’scher Stolz, der Dir in Deinem Arbeitscostüm die Begegnung mit Fremden peinvoll machte, und Dich bewog, die Maske als Magd festzuhalten?“ fragte er.

„Nein, gewiß nicht! Im Anfang amüsirte mich der Irrthum, und ich that deshalb nichts, ihn aufzuklären; später aber hielt ich ihn geflissentlich fest im Gefühl tiefen Gekränktseins, in bitterem Trotz und Groll – Du solltest die verachtete Gouvernante nie kennen lernen. … Ich hatte übrigens auch Befehl, das Visir nicht zu öffnen. Der Onkel war außer sich bei dem Gedanken, der neue Gutsherr könne in der Arbeiterin auf dem Felde die Nichte des Amtmanns wittern; er nahm mir das Wort ab, auf meiner Hut sein zu wollen, bis – der ,Gutsherr’ abgereist sein würde. – Er ist darin nun einmal schwach, der alte Mann –“

„Häßlich undankbar, willst Du sagen,“ zürnte er. „Und die Lehre dafür kann ich ihm nicht ersparen,“ setzte er, in sich hinein murmelnd, hinzu. Dabei schritt er über den Hof, während Agnes von seiner Seite weg, unter den Fenstern des Wohnhauses hinhuschte, um droben im Mansardenstübchen die Kleider zu wechseln.

[205] Der Amtmann stand in der Wohnstube und öffnete eben ein Fenster, um seine Pfeife auszuklopfen. Er bemerkte das junge Mädchen nicht, wohl aber den schräg herüberkommenden Gutsherrn.

„Herr, da sind Sie ja, und heil und ganz, wie ich sehe,“ rief er hinaus. „Allons, dann schnell herein! Meine Frau hat sich schwer um Ihr Leben gesorgt.“

„Na, Sannchen, bist Du nun zufrieden? Da siehst Du ihn nun selbst, unsern jungen Nachbarn, frisch und gesund, und noch dazu so blitzblank, wie aus dem Ei geschält,“ lachte er, als Herr Markus in die Stube trat. „Dachte mir’s doch; haben richtig noch ,Numero Sicher‘ erreicht und können sich gratuliren! Herr, war das ein Donnerwetter! Und unser Mädel kam nicht heim. Konnten wir denn wissen, daß sie derweil im Forstwärterhause gesteckt hatte? Trotzdem kam sie nachher ohne Hut, mit triefenden Haaren, und zitterte und bebte an allen Gliedern wie Espenlaub. Das ist sonst gar nicht ihre Art, müssen Sie wissen. Sie hat von ihrem Vater her Soldatenblut in den Adern, und an Courage fehlt’s ihr nicht, aber freilich so ein Gewitter im Walde ist kein Spaß.“

„Ich weiß es aus eigener Anschauung – ich war auch im Walde,“ sagte Herr Markus, der an das Bett getreten war, um die alte Frau zu begrüßen.

„Was der Tausend – wirklich? Ja, Herr, hat Sie denn der Satan geritten, daß Sie dem Ungewitter so schnurstracks in den Rachen gelaufen sind?“

„Ich habe Ihnen bei meinem Hiersein gesagt, daß ich eine Spur verfolge,“ antwortete der Gutsherr gelassen, „und da galt es, darauf loszugehen und nicht unter sicherem Dache zu warten, bis mir der Regen die Fußstapfen verwaschen hatte. Sie wissen, daß ich gegangen bin, Ihre entlassene Magd zu suchen.“

Die Hand der alten Frau, die er noch in der seinigen hielt, zuckte heftig zusammen.

„O, seien Sie ruhig!“ sagte er und sah der Kranken liebevoll, mit leuchtenden Augen in das erschrockene Gesicht. „Sie haben keinen Grund, sich zu ängstigen. Es war freilich ein mühevoller Weg für mich, und einen harten Strauß mußte ich auch erst ausfechten – aber ich habe das Mädchen gefunden.“

„,Gefunden‘!“ wiederholte der Amtmann stotternd mit gläsernem Blick und ließ die Rechte mit dem Pfeifenkopf wie gelähmt sinken. „Herr, wollen Sie uns zum Besten haben?“

„Liebster, was für ein Wort!“ klagte die Kranke mit bebender Stimme.

„Lassen Sie doch!“ beruhigte Herr Markus ernst lächelnd.

„Die ,Komödie der Irrungen‘, in der ich eine Hauptrolle spielen mußte, ist zu Ende, und ich wäre wohl der Letzte, der sie weiter auszuspinnen wünschte. Es ist, wie ich sagte: ich habe das Mädchen gefunden. Sie kennen sie und haben sie lieb, und wissen doch vielleicht nicht, wie hervorstechend die Schönheit und der Adel ihrer Erscheinung ist: sonst würden Sie nicht der Meinung gewesen sein, die Magd im Arbeitskittel bleibe unbeachtet. Ich habe dem seltsamen Wesen nachgespürt, und da ich Thatkraft und Energie im Frauencharakter den vornehmen Gewohnheiten und Ansichten einer Weltdame bei weitem vorziehe und selbst ein Freund ehrlicher Arbeit bin, so hinderte mich nichts, mein Herz zu verlieren.“

Er wandte sich vom Bett der Kranken weg an den Amtmann, der sich an das eine Fenster zurückgezogen hatte und angelegentlich in den Hof hinaussah.

„Ich war in der That längst einig mit mir selbst, Ihre Magd zu meiner Frau zu machen, Herr Amtmann. Da wurde mir gesagt, sie sei plötzlich entlassen worden, und Sie selbst bestätigten ausdrücklich diese Thatsache. Nun werden Sie sich nicht mehr wundern, daß ich ,dem Ungewitter schnurstracks in den Rachen gelaufen bin‘, denn es galt, mein Lebensglück einzuholen. Und, wie gesagt, ich erhaschte es noch, freilich nicht als das, was ich geglaubt hatte – die Scene spielte sich ab wie im Märchen, wo sich im entscheidenden Augenblick der Held oder die Heldin verwandeln – es stellte sich nämlich heraus, daß auf dem Vorwerk die letzte Instanz ist, an die ich mich zu wenden habe, und deshalb bitte ich Sie hiermit pflichtschuldigst um die Hand meiner Agnes.“

„Das Teufelsmädel! So ein kleiner Sackermenter spielt einen völligen Roman hinter dem Rücken ihrer Alten, ohne daß man eine Ahnung hat,“ rief der Amtmann, seine grenzenlose Verlegenheit mühsam bekämpfend. „Aber Sie sollen sie haben, Herr Markus – Sie sollen sie haben. Du bist doch auch damit einverstanden, Sannchen?“

„Nur einverstanden, Liebster, Bester!“ stammelte die alte Frau tiefbewegt. „Auf den Knieen möchte ich dem lieben Gott danken für das Glück, das er unserem aufopfernden Kind beschert.“

Der Amtmann räusperte sich, öffnete die Stubenthür und rief mit schallender Stimme nach seiner Nichte, und gleich darauf flog sie die Treppe herab und kam herein, bräutlich lieblich im hellen Sommerkleide. Sie glitt am Bett der Kranken auf den Boden nieder und beugte das schöne Haupt unter den zitternden, welken Händen, die sich auf ihren Scheitel legten.

[206] „Welche Wandlung, mein Kind!“ flüsterte die alte Frau freudeweinend. „Ist’s nicht wie die Werbung des edlen Boas um Ruth?“

„Frauchen, was redest Du da für närrische Sachen!“ fuhr der Amtmann geärgert auf. „Nimm mir’s nicht übel, aber der Vergleich zwischen der Braut da und der armen Aehrenleserin in der Bibel paßt doch meiner Seele wie die Faust auf’s Auge. Bah, nur nicht bange machen lassen, Herr Markus – so schlimm steht’s nicht um die Moneten. Lassen Sie nur erst meinen Californier wieder da sein!“

Agnes sah verstört, mit hülfeheischendem Blick zu dem Gutsherrn empor, und die alte Frau sank wie gebrochen in die Kissen zurück, während der Amtmann hinausging, um, wie er sagte, dem glücklichen Ereigniß zu Ehren eine Flasche Wein aus seinem Keller zu spendiren.

„Ach, wie das schmerzt!“ seufzte die Kranke. „Mit Gold beladen müßte er heimkommen, mein armer Junge, wenn ihn der Vater willkommen heißen soll – und ich, ich gäbe den letzten Rest meines armseligen Lebens hin, wenn ich ihn nur wiedersehen dürfte, möchte er zurückkehren, wie er wollte! Aber er lebt nicht mehr –“

„Er lebt. Sie werden ihn wiedersehen und vielleicht recht bald. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf!“ versicherte Herr Markus, indem er sich liebevoll über sie herabbeugte. „Es wird noch Alles gut werden – werfen Sie nur getrost das, was Ihr Herz bedrückt, auf meine Schultern!“

„Gott segne Sie! Gott segne Sie viel tausendmal!“ stammelte die überraschte Frau und faltete mit verklärtem Gesicht die gen Himmel gehobenen Hände.


19.

„Na, dann ist’s ja gut,“ würde Frau Griebel gesagt haben, wenn sie dabei gewesen wäre. Ob es ihr aber gefiele, wenn diese Erzählung mit dem Segenswunsch der „alten Frau Amtmann“ schlösse? Schwerlich! Denn erstlich würde es ihren Mutterstolz tief kränken, daß ihre Luise so ohne Sang und Klang vom Schauplatz verschwände; es ginge ihr ferner wider Pflicht und Gewissen, wenn all die lesenden Leute nicht erführen, wo und auf welche Weise das Confirmationsgeschenk der seligen Frau Oberforstmeisterin, Luisens Henkelducaten, wieder an’s Tageslicht gekommen ist, und schließlich hat ja die brave Dicke vor Allem noch fleißig ihre Hände zu rühren, auf daß Alles in’s rechte Geschick und Geleise komme, und das darf nicht verschwiegen bleiben, das muß gesagt werden – von Rechtswegen.

Sie stand am Tage nach dem Gewitter mit ihrem Töchterlein in der Hausflur und schnitt den verheißenen riesigen Rosinenkuchen in Stücke, und draußen auf den Thürstufen und unter dem Birnbaum harrten die herbeigeströmten jungen Leckermäuler und guckten gespannt, aber auch mit scheuem Respect durch die weit offene Thür: herein konnten und durften sie nicht – die weißen Schürzen der „Frau Verwalterin und ihrer Fräulein Tochter“ schimmerten und blendeten förmlich in Sauberkeit, und die gescheuerten Flurdielen thaten desgleichen, und obendrein stand Hanne mit einem großen Kuchenteller neben dem Tische und hatte wahrhaft mörderische Blicke für jeden kleinen nackten Fuß, der die Schwelle mit einem Abdruck seiner Sohle bedrohte.

Frau, Fräulein und Magd sahen plötzlich auf, als zwei eintretende hohe Gestalten den Eingang verdunkelten. Frau Griebel ließ das Messer sinken, und ihre schmal geschlitzten blauen Augen thaten sich weit auf. Ja, das war freilich Herr Markus, der Gegenstand ihrer mütterlichen Fürsorge, „ihr verhätscheltes Ziehkind“, wie er sich selber immer nannte, aber wie ganz anders sah er aus! So hoch aufgereckt, so stolz, so strahlend! Und neben ihm wehte ein weißes Kleid herein, und die schöne Schlanke, die es trug, und die an seinem Arme hing, „als müßte das so sein“, hatte ein hübsches graues Schleierhütchen auf ihrem dunklen Haar, den Hut aber hatte die brave Dicke schon gesehen; das war in der Tillröder Kirche, in Amtmanns „Stand“ gewesen; folglich war die weiße Dame da die Nichte des Amtmanns, das Gouvernanten-Fräulein, und der mußte stockblind sein, dem nicht sofort sonnenklar wurde, daß es mit dem Hochzeitskuchen seine Richtigkeit habe.

Und das kam so vom blauen Himmel herunter! Das war so hinterrücks abgemacht worden! Man mußte sich schämen, daß man so dünnn nebenher gegangen war und „keine Augen im Kopfe“ gehabt hatte, aber ihre Verblüfftheit sollte er nun auch nicht merken, der Herr Duckmäuser. Sie strich sich mit beiden Händen glättend über die knapp sitzende Schürze, ging einige Schritte vorwärts und machte einen feierlich bewillkommnenden Knix, und auf den Kuchen deutend, sagte sie mit verständnißinnigem Blick: „Der ist’s aber noch nicht, Herr Markus.“

Er lachte. „Nein, für’s Erste feiern wir Verlobung, wie es Sitte und Brauch und fein anständig ist – gelt, Agnes?“ Er stellte seine Braut vor, und währenddem hatte die ergrimmte Hanne „alle Hände voll zu thun“, die schmutzigen Barfüßchen zurückzuhalten, die sich herzudrängten, um der schönen Braut im weißen Kleide in das Gesicht zu gucken.

Sie war aber auch gar nicht stolz. Sie streifte sofort ihre Handschuhe von den Händen und half der kleinen Luise die Kuchenstücken unter die Kinder vertheilen, und der Herr Bräutigam holte flink einen Schlüsselbund und kam gleich darauf mit einem Arm voll Weinflaschen aus dem Keller. Jedes der schmausenden Kinder erhielt ein Glas Rheinwein, und der Gutsherr schüttete seine Börse voll kleiner Silbermünzen in die Hand der Braut, damit sie das Geld unter der jubelnden Schaar vertheile. Und während sie auf den Stufen stand, von den anstürmenden Kindern umdrängt, und halb lachend, halb verweisend die Ordnung aufrecht erhaltend, da schlürfte Frau Griebel bedachtsam den goldigen Trank aus ihrem Glase, und die klugen, blinzelnden Augen hingen an dem Mädchen – die flinken Hände dort guckten doch merkwürdig sonnenverbrannt und dunkel aus den weißen Mullärmeln. Am Halse, unter der Spitzenkrause, blinkte ein gehenkeltes Goldstück und das schöne Gesicht – na ja, sie hatte ja schon einmal gesagt, daß man solch ein Gesicht weit und breit suchen könne. Aber jetzt sagte sie nichts, gar nichts; sie stieß nur mit Herrn Markus an auf den „Schatz, den er habe“, wie er ja gestern selbst gesagt hatte, und meinte, so wie sie die Sache beurtheile, sei er wirklich ein Glückspilz und habe sich nicht verrechnet.

Und als sie später mit dem Brautpaar in das obere Stockwerk hinaufstieg, weil Agnes das Erkerzimmer zu sehen wünschte, da zeigte sie auf das Bild der seligen Frau Oberforstmeisterin und sagte geheimnißvoll: „Fräulein Braut, das war seine erste Liebe im Hirschwinkel – in den gemalten schönen Krauskopf da hatte sich unser junger Herr völlig verguckt; die Flachslocken hatten es ihm angethan –“

„Die Flachslocken am wenigsten, Verehrteste!“ lachte der Gutsherr. „Nein, der Zauber dieser Erscheinung wirkte erst wahrhaft hinreißend auf mich, nachdem ich einen tiefen Blick in das innere Leben der seltenen Frau gethan hatte,“ wandte er sich, sehr ernst werdend, an seine Braut: „So zart und lieblich, scheinbar ein schwaches Weib, und dabei eine Seele voll Kraft und Energie! Diese wundervolle Charaktermischung trat mir hier zum ersten Mal vor Augen und hat mich geschickt gemacht, Dich zu verstehen, zu würdigen, Agnes.“

Das junge Mädchen, das er bei diesen Worten zärtlich an sich zog, war zu Lebzeiten der alten Freundin nie in den Hirschwinkel gekommen; eine derartige Unterbrechung ihrer Einsamkeit hatte die Gutsherrin nicht geliebt, wohl aber war sie selbst öfter auf der Domäne Gelsungen gewesen, wo sie Gelegenheit genug gehabt hatte, Amtmanns Nichte und Pflegekind kennen und schätzen zu lernen. Die alte Dame hatte auch dort botanisirt, und aus diesen Streifzügen durch Wald und Feld war Agnes ihre stete Begleiterin gewesen.

Sie sah sich jetzt gerührt, mit feuchten Augen um in dem anheimelnden Zimmer, dessen Wände alle Stadien eines verwaisten Frauenherzens, vom ersten wilden Schmerzensausbruche an bis zur mildschweigenden Resignation herab, mit angesehen. Bisher hatte sie zu dem Erker nur im Vorüberübergehen voll ehrfürchtiger Scheu emporgeblickt – nun durfte sie eintreten, und der traute Winkel sollte ihr Mädchenstübchen sein, bis der geliebte Mann kam, sie heimzuführen.

„Ja, bei Lebzeiten der seligen Frau Oberforstmeisterin ist mir das Glashäuschen, der Erker da, immer vorgekommen wie ein Schmuckkästchen, voll blühender Reseda und Alpenveilchen, und um Weihnachten gab’s Maiblumen und Tulpen auf den Fensterbrettern, wie im schönsten Treibhause,“ sagte Frau Griebel.

„Ach ja, es war gar etwas Eigenes um unsere alte Dame – [207] ,die reine Poesie’ – sagt meine Luise immer bei dergleichen. Aber deswegen war sie doch resolut und praktisch wie irgend Eine – das Nothwendige und Nützliche kam immer in erster Reihe; ja, ja, da wurde nicht gefackelt. … Na, und was ich sagen wollte, Herr Markus, viele Sprünge können Ihre Gäste hier oben nicht machen; der Platz ist gar zu knapp –“

„Liebste Griebel, erschrecken Sie mich nicht! Ich wollte eben noch einen neuen Bewohner anmelden – der Sohn des Amtmanns ist angekommen –“

„I was! Der aus dem Goldlande?“

„Ja, der. Und er ist krank gewesen und soll sich hier erholen.

Und ich selbst bleibe natürlich auch im Hirschwinkel, so lange ich kann – Sie müssen Rath schaffen.“

„Ei ja wohl, daran soll’s nicht fehlen. Sie logire ich unten in meiner Wohnstube, und hier oben – na, da lassen Sie mich sorgen.“ –

Im Forstwärterhause hingen schon nach einigen Tagen die blauen Rouleaux nicht mehr hinter den Scheiben, und die Tillröder Jugend, die jetzt mehr als je eine ungewöhnlich reiche Beerenernte in den Wald lockte, sah das Brautpaar alle Tage zu dem „Forstwärter“ auf Besuch gehen. Der Kranke erholte sich zusehends. Anfänglich war er freilich sehr niedergeschlagen gewesen; er hatte gehofft, dem Gutsherrn, der ihn in einer so trostlosen Lage gesehen, nie wieder zu begegnen; ja, noch in seinen letzten lichten Augenblicken vor Ausbruch der Krankheit hatte er Agnes und den Forstwärter beschworen, mit keinem Worte seine Anwesenheit zu verrathen – er hatte für die Bewohner des Gutshauses absolut nicht mehr existiren wollen. … Nun aber kam der prächtige, imponirende Mann Tag für Tag an sein Bett und half ihn pflegen. Und der brüderlich herzliche Ton, den er anschlug, half schließlich dem Heimgekehrten über das Gefühl grenzenloser Demüthigung hinweg. Wahrhaft neubelebend aber wirkte die Nachricht auf ihn, daß ihm das Vorwerk als Eigenthum zufallen solle. Von diesem Tage an erhob sich seine gebeugte Gestalt in sichtlicher Wiederkehr geistiger Spannkraft und eines befestigten Willens.

Das war der eine Theil der Mission, die Herr Markus von den Schultern seines geliebten Mädchens nunmehr auf die seinen genommen; der andere, auf dem Vorwerk sich abspielende machte ihm ungleich mehr zu schaffen – der Amtmann ließ sich seinen Glauben an die kalifornischen Reichthümer absolut nicht nehmen. Er hatte für jeden ausgesprochenen Zweifel ein verächtliches Auflachen, und seine beißenden Repliken ließen durchblicken, daß er Neid und Mißgunst bei den Zweiflern voraussetze. Als ihm aber der Gutsherr an dem Tage, wo der junge Franz an seinem Arm zum ersten Mal in’s Freie gegangen war, mittheilte, daß ein Brief seines Sohnes an dessen alten Spielcameraden, den Forstwärter, eingelaufen sei, da war der alte Herr sehr still und betreten aus dem bisherigen langjährigen Schweigen des „Goldjungen“ ließ sich nun kein Capital mehr für den Renommisten schlagen. Mit jedem Tage rückte die vermeintliche Heimkehr des Sohnes näher und wurde es den Eltern deutlicher gemacht, daß er Nichts mit heimbringe, als ein Herz voll treuer Kindesliebe und den festen Willen, für die Seinen zu arbeiten, zu sorgen. Auch hier wurde die Mittheilung von dem Vermächtniß der alten Freundin zum heilenden Balsam.

„Nun meinetwegen denn, wenn es einmal nicht anders sein kann!“ sagte der Amtmann bittersüß; die alte Frau aber weinte selige Thränen. …

Unterdessen vollzog sich auch nach außen hin eine große geräuschvolle Wandlung. So lebendig war es seit undenklichen Zeiten nicht im Hirschwinkel gewesen. Auf dem Vorwerk wimmelte es von Arbeitern, die hier ein beträchtliches Stück des Fichtenwäldchens niederlegten, dort die Stallgebäude einrissen, während Tag für Tag Steine zum Neubau angefahren wurden. Und im Gutshause rumorten Besen und Scheuerwische; Betten wurden gesömmert, Teppiche und Möbel ausgeklopft, und Frau Griebel dankte dem Himmel, daß ihre Luise wegen eines Umbaues im Institut verlängerte Ferien habe und ihr beistehen könne. In all diesen Trubel hinein kamen auch noch Sendungen aus Berlin, ein Fahrstuhl für die Frau Amtmann und bequeme Lehnstühle in das Wohnzimmer der beiden alten Leute, und später – Herr Markus mußte selbst lachen, als er es auspacken half – ein Pianino in das Erkerzimmer. Da sollte es für immer bleiben, damit die junge Frau bei ihrem künftigen Sommeraufenthalt in Thüringen die Musik nicht entbehre.

„Ja nun sehen Sie, so geht’s, Herr Markus; so ändert sich der Mensch,“ sagte Frau Griebel mit hochgezogenen Brauen und lehrhafter Miene, als das schöne Instrument aufgestellt wurde. „Gleich zu Anfang gaben Sie mir recht deutlich zu verstehen, daß Sie das Clavierspielen nicht ausstehen könnten; natürlich hat meine Kleine dieserhalb keine Taste anrühren dürfen, wenn Sie zu Hause waren – und ich hätte gar manchmal für mein Leben gern meine Leibstückchen gehört, ach ja! – Nun lassen Sie für Ihr schweres Geld solch einen ,verwünschten Klimperkasten’ directement aus Berlin kommen, schleppen ihn selbst mit herauf, schwitzen und keuchen und zerbrechen sich den Kopf, wie er wohl am besten steht, daß nur um Gotteswillen beim Spielen kein solch kostbares Tönchen verloren geht. Und das Alles, weil Sie die zwei Hände lieb haben, die drauf spielen sollen. … Na ja, das wußte ich – ,Zeit bringt Rosen’ und ,Noth bricht Eisen’, und die Lebendigen gehen vor; die haben das Recht aus Erden, und was todt ist, das hat sich zu bescheiden. Du lieber Gott, wenn alle Welt so denken wollte wie Sie – nämlich, wenn allemal die Stuben der Gestorbenen mit Allem, was drin ist, bis in alle Ewigkeit verschlossen werden sollten – ja, nachher würde bald die ganze Welt eine große Trödelkammer sein, und das Menschenthum müßte den Lumpen Platz machen. Ich bin ja auch kein Unmensch und hab’ gewiß Respect vor dem Andenken der Leute, die gestorben sind, und deshalb[WS 2] hab’ ich dem seligen Herrn Oberforstmeister seinen Schlafrock tüchtig eingepfeffert – die Motten saßen nämlich fingerhoch drin – und mit all dem verschossenen abgetakelten Krimskrams in eine Kiste gepackt. Die steht nun festvernagelt in einer Bodenecke, und da kann sie bleiben bis an den jüngsten Tag – ich stör’ sie ganz gewiß nicht. Und das hübsche Daunenbett, worin das Oberforstmeister-Jüngelchen vor vielen, vielen Jahren einmal ein paar Wochen geschlafen hat, das liegt gründlich gelüftet und ausgeklopft in der Bettkammer, und es können nun auch einmal Andere darin schlafen. – So – und nun sehen Sie, wie hübsch bequem und geräumig es hier oben geworden ist! Jetzt könnten meinetwegen noch zehn Amtmannssöhne aus dem Goldlande kommen.“

Damit schloß sie die nach links liegende Zimmerreihe auf, und sie hatte Recht, ein behaglicheres Logement ließ sich nicht denken. Trotz alledem ging dem Gutsherrn die totale Umwandlung nahe – er hatte sie sanctionirt, ohne es zu wissen.

„Es war die höchste Zeit, daß ein vernünftiger Mensch wieder einmal in das Grabmal da hereinkam,“ führ Frau Griebel fort, ohne auch nur die geringste Notiz von der Verstimmung ihres jungen Herrn zu nehmen. „Und wenn unserer alten Dame die Mottenwolken um die Ohren geflogen wären, da hätte sie tausendmal ,Ja und Amen‘ gesagt zu einem gründlichen Ausfegen. – Uebrigens frage ich, was hätte denn werden sollen, wenn Sie später einmal mit Familie zur Sommerfrische in den Hirschwinkel kommen? Da sollten sich wohl die munteren kleinen Brandenburger vor dem vermoderten Sechswochenkindchen der Seligen in die Ecken drücken? I, das wär’ ja noch schöner.“

Dieses Argument der resoluten, leibhaftigen Praxis war offenbar der wirksamste Effect der ganzen ausführlichen Rede Herr Markus räumte schweigend das Feld.

Das begab sich am Morgen des Tages, wo die Uebersiedelung der „Amtmannsleute“ vom Vorwerke nach dem Gutshause stattfinden sollte. Droben war Alles fertig. Der Erker stand voll köstlicher Blumen, und über allen Thüren hingen Kränze und Guirlanden, drunten aber wurde erst recht gerückt und geschoben und abgestäubt – die Wohnstube, Herrn Markus’ einstweiliges Asyl, kam zuletzt an die Reihe.

Man mußte sehr vertieft sein in das Reinigungswerk; denn als die Einziehenden den Hof betraten, da bellte nur Sultan wie besessen zur Begrüßung, und die Truthühner kamen anstolzirt, sonst aber ließ sich kein lebendes Wesen sehen. Erst als der Gutsherr mit seiner Braut die Hausflur betrat, flog die Wohnstubenthür auf, und Frau Griebel kam herausgepoltert, hinterdrein Luise.

„Eine schöne Bescherung!“ rief die kleine dicke Mama. „Um ein Haar hätte ich den Willkommen versäumt, und hab’ mir doch die allerschönste Rede einstudirt. Aber der ist d’ran schuld.“ – Sie schlenkerte den verloren gewesenen Henkelducaten am langen [208] Sammetbande durch die Luft. „Ja, da ist er, der Sapperloter. Hinter der Commode hat er logirt, Herr Markus – wie wir die wegrücken, um Ihren Schreibtisch hinzustellen, da klingelt der Ausreißer auf die Dielen ’runter. Und Hanne behauptet, den habe Röse, das abscheuliche Ding, dahinter prakticirt, nur damit wir denken sollten, der arme Bursch, den wir von der Landstraße heimbrachten, sei ein Spitzbube gewesen. Sollte man denn für menschenmöglich halten? – Der arme Kerl hatte ihr auf der Gotteswelt nichts zu Leide gethan!“

„Er war kein Dieb – ich wußte es wohl,“ sagte Luise. „Er war stolz und brav. Solche gute, blaue Augen“ – sie verstummte plötzlich und wurde feuerroth. Unter der Hausthür, kaum drei Schritte entfernt, sah sie einen hohen, schlanken, etwas schmalschulterigen jungen Mann stehen; er war elegant gekleidet, sah fein und vornehm aus, und auf seinem unbärtigen, schmalen Gesichte schien jetzt der Widerschein der Röthe zu flammen, welche die Wangen des kleinen, blonden Mädchens bedeckte.

Er hatte den Amtmann die Thürstufen heraufgeführt. Der alte Herr verschnaufte einen Augenblick, ehe er in die Hausflur trat; dann kniff er Luischen in die Wange, und der „Frau Mama“ stellte er den ein wenig scheu und verlegen blickenden jungen Herrn an seiner Seite als seinen lieben Sohn vor, der eine weite, herrliche Reise zu seiner Belehrung gemacht habe − wie es sich für einen jungen Mann von Stande schicke – und erst gestern direct von Bremen angekommen sei. …

Gleich darauf rollte auch der Fahrstuhl drunten vor die Stufen. Der Forstwärter hatte es sich ausgebeten, die kranke Frau Amtmann fahren zu dürfen. Nun nahm er „das schmächtige Weibchen“ in der That wie ein Kind auf den Arm und trug es die Treppe hinauf in das Erkerzimmer, wo ein festlich arrangirter Eßtisch die Ankommenden erwartete.

Von diesem Tage an begann ein schönes, ein musterhaftes Zusammenleben im Gutshause. Selbst der Amtmann, die große Wandelung in seinem Dasein wohl empfindend, moderirte möglichst seine Streitsucht und Rechthaberei – bei seinen unvermeidlichen renommistischen Auslassungen drückten die Anderen mildschweigend ein Auge zu; er wäre sonst wohl erstickt an dieser unverbesserlichen Leidenschaft.

Sein heimgekehrter Sohn aber ging völlig auf in seinem neuen Beruf. Er trat noch einmal in die Lehre bei dem einfachen, wackeren Gutspächter. Von früh bis spät war er in Feld und Wald und arbeitete wie ein Knecht, und Peter Griebel meinte, nun werde das Vorwerk freilich „ein anderes Gesicht kriegen“.

Unter diesem Sonnenschein des Glückes lebte auch die alte Frau, die so lange in dumpfer Stube an das Krankenbett gefesselt gewesen war, neu auf; der Arzt verhieß ihr völlige Genesung. Abends versammelten sich alle Lieben, zu denen jetzt auch Peter Griebel mit Weib und Kind gehörte, um ihren Lehnstuhl im Erkerzimmer – da wurde musicirt und geplaudert, und gar manchmal funkelten noch um Mitternacht die hellen Fenster des Gutshauses in das feierliche Waldesschweigen hinein.

Herr Markus verschob seine Abreise von Woche zu Woche, und die kleine Luise, wünschte mit rührender Offenherzigkeit, daß die Schulstube im Institut niemals fertig werden möchte. Sie spielte keine Märsche mehr – Mendelssohns „Lieder ohne Worte“ und dergleichen waren an die Reihe gekommen, noch lieber aber sang sie mit ihrer süßen, keuschen Stimme „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein“ und - was sonst noch der große Tondichter an sehnsüchtigen Wünschen und heimlicher Liebe in seine hinreißenden Klänge gebannt hat.

Daß diesem harmonischen, beglückenden Zusammenleben viel Geheimnißvolles vorausgegangen war, daran schien Niemand zu denken; es wurde mit keiner Silbe berührt. Auch der Forstwärter, der fast täglich aus- und einging – der Gutsherr hatte ihm zu seinem Entzücken alle Schätze der Bücherstube zur Verfügung gestellt – er war auf seiner Hut, und nie entschlüpfte ihm eine Bemerkung über die Zeit, wo er den schwerkranken Jugendfreund in seinem Hause verpflegt hatte. Herr Markus lachte im Stillen über die kluge, brave Dicke, die stets behauptete, „nicht von gestern“ zu sein – diesmal waren die scharfen blauen Aeuglein doch recht blöde gewesen, und die Mama konnte es hinsichtlich der Naivetät getrost mit ihrer sechszehnjährigen Einzigen aufnehmen. –

Es war aber am Abend vor der nunmehr definitiv festgesetzten Abreise des Gutsherrn – er mußte heim, um alles Unerläßliche zu seiner Verheirathung vorzubereiten. Sie waren Alle oben im Erkerzimmer versammelt. Der Amtmann, seine Frau und Peter Griebel spielten Whist mit einem Strohmann; die schöne Braut hatte sich für einen Moment hinter der Theemaschine postirt, und Frau Griebel strich an einem Seitentische Butterbrödchen, während Luise am Pianino saß und mit innigem Ausdruck sang: „Meine Ruh’ ist hin; mein Herz ist schwer.“ Der junge Franz lehnte seitwärts an der Wand, sodaß er dem reizenden blonden Mädchen in das Gesicht sehen konnte, und er that das angelegentlichst – er schien sie mit den Augen zu verschlingen.

Der Gutsherr stieß die am Seitentische beschäftigte Frau leise an und blinzelte lächelnd nach dem interessanten jungen Paar hinüber.

„Wie wär’s denn, verehrte Pflegemama, wenn am fünfzehnten September statt des einen zwei liebende Paare in der Tillröder Kirche zusammengegeben würden?“

„Ein Bischen zu früh, Herr Markus!“ sagte sie nichts weniger als überrascht und klappte eine dünne, bestrichene Brodschnitte mit gewissenhafter Genauigkeit zusammen. „Mein Mädel ist noch zu jung, und eine rechtschaffene Aussteuer macht man auch nicht so über Hals und Kopf fertig – was denken Sie denn? Da will mehr dazu. Sonst wär’ mir’s schon recht. Er ist brav und gut, einen besseren Schwiegersohn können wir uns nicht wünschen. Und meine Luise? Na, frisch und gesund und geschickt ist sie ja, und Kisten und Kasten sind auch nicht leer bei Griebel’s – mein Peter und seine Alte sind ihr Lebtag keine Faulpelze gewesen und haben zu sparen verstanden. Na ja, wie ich sage, recht wär’s uns beiden Alten; aber“ – sie zwinkerte dem Gutsherrn mit pfiffigem Lächeln zu und erhob sich ein wenig auf den Zehen, um sein Ohr mit ihrem Geflüster zu erreichen – „aber gelt, wer hätte das gedacht, als ich dem Rothbart draußen an der Straße die Semmel in die Hand drückte?“

Herr Markus hatte Mühe, ein lautes Auflachen zu unterdrücken. „Sie haben es herausgebracht?“

„Na ja, freilich – ich und meine Luise! Und die zu allererst! Die hat auf den ersten Blick gewußt, wo Barthel Most holt, und wenn zehnmal der Herr Amtmannssohn seinen rothen Bart abgeschnitten hatte. Sollte man’s denn denken, die Luise, das kleine unschuldige Ding, kaum aus dem Ei gekrochen? Aber die Liebe macht scharfe Augen; freilich, im Uebrigen ist sie für Alles, was drum und dran ist, gewöhnlich blind und taub – die Liebe nämlich – und merkt nichts, bis sie mit der Nase auf das Wahre und Reelle gestoßen wird – oder war’s vielleicht anders mit Ihnen und Amtmanns Magd, Herr Markus ?“

  1. Verwandtschaft.
  2. Zigeuner.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ist
  2. Vorlage: deshab