Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Die Frau Füchsin

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Daumesdick Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
38. Die Frau Füchsin
Die Wichtelmänner
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Die Hochzeit der Frau Füchsin.

[362]

38. Die Frau Füchsin. 1856 S. 66.

1812 nr. 38, I–II; das 2. Stück von Clemens Brentanos Schwester Frau Lulu (Ludovica) Jordis im Herbst 1812 gehört. In den Anmerkungen 1822 heißt es: Wird vielfach in Hessen und in den Maingegenden erzählt; wir teilen hier die zwei bedeutendsten Abweichungen mit.

Die andern Verschiedenheiten laufen dahin aus, daß der alte Fuchs wirklich oder nur scheintot ist wie im altfranzösischen Gedicht[1] und daß entweder bloß Füchse oder auch andere Tiere kommen und um die Witwe freien. Im letzten Fall sind ihre Fragen mannigfaltiger: ‘Wie sieht der Freier aus? Hat er auch ein rot Käppchen auf?’ ‘Ach nein, ein weiß Käppchen’, denn es war der Wolf. ‘Hat er ein rot Kamisölchen an?’ ‘Nein, ein gelbes’, denn es war der Löwe. Die Anrede an die Katze im Eingang hat auch mancherlei Verschiedenheiten:

‘Frau Kitze, Frau Katze,
Schön Feuerchen hatse,
Schön Fleischchen bratse;
Was macht die Frau Fuchs?’

Oder auch:

‘Was macht sie da, mein Kätzchen?’
‘Sitze da, wärm mir das Tätzchen.’

Hernach

Da lief das kleine Kätzelein
Mit seinem krummen Schwänzelein
Die Treppe hoch hinauf:
‘Frau Füchsin, ist sich drunten ein schönes Tier,
Gestaltet wie ein schöner Hirsch vor mir’.

‘Ach nein’, antwortet die Frau Füchsin und hält dem alten Herrn eine Lobrede, worin sie seine mancherlei Tugenden erwähnt; jenachdem die verschiedenen Tiere beschaffen sind, wird immer etwas anderes am Fuchs gelobt.

[363] Aus dem Halberstädtischen stammt die von Klee, Germania 29, 253 gedruckte ‘Hochzeit der Frau Füchsin’. Aus Pommern bei Brunk, Garzigar S. 6 = Bl. f. pomm. Volkskunde 9, 38 ‘Fuchs und Füchsin’ (der Fuchs stellt sich tot). Sonst tritt in Norddeutschland fast immer eine Katze als Heldin statt der Füchsin auf, und der Kater fällt sich meist beim Nußpflücken zu Tode (vgl. unsre nr. 80); so in Holstein bei Wisser 2, 65 ‘De Katt’ und Heimat 9 (1899), 106 ‘Vun de Katt, de gar ne werr fre’n will’; in Mecklenburg bei Wossidlo 2, 290 nr. 1836–1843. 1854–1856 ‘Katze und Katzmann’; in Pommern Bl. f. pomm. Volksk. 1, 164 ‘Die Katze und die Kröte’; ebd. 2, 120 ‘Katz und Katzmann’; in Ostpreußen bei Lemke 2, 37 und 40 ‘Von Katzchen und Katerchen, die auf die Nüsse gingen’. Einzelne Reimpartien sind aufgezeichnet von Nathansen, Aus Hamburgs alten Tagen 1894 S. 124 ‘Guten Tag Katzwitz’; Schumann, Volksreime aus Lübeck 1899 S. 43 nr. 173; Drohsihn, Deutsche Kinderreime 1897 S. 66 nr. 103–104; Diermissen, Ut de Mußkist 1862 S. 29 nr. 125; Grote, Aus der Kinderwelt 1872 S. 247; Grisebach, Novelle von der treulosen Witwe 1886 S. 130 (aus Hannover und Rostock).

Ein dänisches Lied aus Apenrade mit der Kehrzeile ‘Om en skjön Awten’ bei Grundtvig, Minder 3, 222 nr. 403 = Firmenich 3, 803 ‘Ä Änke-Röwind’ (die Füchsin Witwe) ist wohl in neuerer Zeit entstanden. Das schwedische Volksbuch ‘Guldfogeln, eller Riddaren på Räfwen, samt en ny och mycket lustig Historie om Räfwens Enka’ (Stockholm 1824. Bäckström, Svenska folkböcker 2, öfversigt S. 148. 1848) ist aus dem Grimmschen Märchen übersetzt. – In einem Märchen der siebenbürgischen Zigeuner ‘Herr Rabe und seine junge Frau’ oder ‘die treulose Witwe’ bei Wlislocki, Märchen der transsilvanischen Zigeuner 1886 nr. 4 (vorher in der Ungarischen Revue 1883 und bei R. v. Kittlitz, Die Zigeuner 1885 S. 391) stellt sich der alte Rabe tot; seine Frau betrauert ihn und weist zwei alte Freier ab; nimmt aber einen jungen Raben als Liebhaber auf und will den Toten vom Diener wegbringen lassen; da erhebt sich dieser und prügelt Frau und Liebhaber zum Hause hinaus. In einem Negermärchen (Mansfeld S. 227 nr. 12) stellt sich ein Hund tot, um die Liebe seiner drei Frauen zu erproben.[2]

[364] Ein überraschendes Seitenstück, ja ein Vorbild dieses Tiermärchens glaubt Grisebach (Die Wanderung der Novelle von der treulosen Witwe durch die Weltliteratur 1886 S. 128) in der Matrone von Ephesus des Petronius gefunden zu haben; näher liegt jedoch der Hinweis auf den französischen Roman de Renart (ed. Martin 1882–87. Sudre, Les sources du roman de Renart 1892 p. 253. 280). Hier kehrt in der Branche 1b ‘Renart teinturier’ der vom Kater totgesagte Fuchs, der in der Kufe eines Färbers gelb und unkenntlich geworden ist, als Spielmann gekleidet in sein Haus zurück, wo eben Frau Hermeline mit einem neuen Gemahl Poncet Hochzeit feiern will. Listig lockt er den Bräutigam in eine Falle, in der ihn Hunde finden und zerreissen, und stößt seine Frau aus dem Hause; aber ein Pilger bringt die Versöhnung der Gatten zustande. Daß sich Renart totstellt, kommt an einer andern Stelle vor. J. Grimm (Reinhart Fuchs 1834 S. CCXVI) betont den klaren Zusammenhang des Märchens mit dem französischen Epos, zugleich aber die Unabhängigkeit von dessen Auffassung und hält die Grundlage des Märchens für älter und einfacher.


  1. Am 24. Oktober 1810 schreibt Jacob Grimm an Joseph Görres: ‘Die schönen Reime von der Frau Füchsin, die in der Kammer sitzt und ihren Jammer weint, ihre Augen sind seidenrot, weil der Fuchs ist tot etc. glaube ich in dem französischen Renard wieder zu erkennen, und im plattdeutschen Buch ist keine Spur davon’ (J. v. Görres, Gesammelte Schriften 8, 133). In der deutschen Mythologie ³ S. 634 hebt er die neun Schwänze des Fuchses hervor. Für die Rolle der Katze als Magd der Füchsin verweist er auf den Ausdruck ‘Kammerkätzchen’.
  2. Menschliche Seitenstücke dazu bei Pauli, Schimpf und Ernst nr. 144; H. Sachs, Fabeln 3, 187; Zs. f. Volkskunde 19, 92; Sébillot, Joy. histoires p. 51.
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