Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Rotkäppchen

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Die sieben Raben Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
26. Rotkäppchen
Die Bremer Stadtmusikanten
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Rotkäppchen.

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26. Rotkäppchen. 1856 S. 47.

1812 nr. 26, zwei Fassungen; die erste von Jeanette Hassenpflug in Kassel, Herbst 1812, die zweite von der Marie im Wildschen Hause in Kassel, Herbst 1812. Der Schluß der ersten, wo dem Untier der Bauch aufgeschnitten wird[1], stimmt zum Wolf und den sieben Geislein (nr. 5), während in der andern Fassung der Wolf das Kind gar nicht frißt, sondern vom Dache in den Trog hinabstürzt und ertrinkt.

Aus Nassau bei Kehrein S. 96 ‘Das Rotkäppchen’. Aus Oberfranken bei Wirth, Archiv f. Geschichte von Oberfranken 20, 229 ‘Rautkáppl’. Aus Südtirol Zs. f. Volksk. 10, 415 ‘Die Alte im Wald’ (der Vater schlägt dem Wolfe den Kopf ab) = Bacher, Die deutsche Sprachinsel Lusern 1905 S. 128 (Auszug). Beckstein 1874 S. 51 ‘Das Rotkäppchen’.

[235] Niederländisch bei Joos 1, 111 nr. 68 ‘Van Roodkappeken’ (ohne Wiederbelebung). Bilderbogen mit der ‘Geschiedenis van Rood-Kapje’ nach Perrault bei Van Heurck et Boekenoogen, L’imagerie populaire flamande 1910 p. 297. 464. 511. 687. – Die französische Fassung Perraults (1697 nr. 2 ‘Le petit Chaperon rouge’), auf welcher Tiecks anmutige Bearbeitung v. J. 1800 beruht, endet tragisch mit dem Verschlingen des unschuldigen Mädchens durch den Unhold. Ebenso bei Gras, Dictionnaire du patois forézien 1863 p. 205 ‘La péteta et le loup’ und p. 210, in der Mélusine 3, 271 (Provence). 352 (Nièvre). 354 (Forez). 397 (Bretagne); ebd. 6, 237 (Indre), 9, 264, bei Sébillot, Litt. orale p. 232 ‘Le rat et la râtesse’ (angehängt an das Kettenmärchen vom Tod der Ratte) und bei Bladé, Gascogne 3, 189 ‘L’enfant et le loup’ (ein Knabe will seine Tante besuchen). Ein neuer, bei Perrault fehlender Zug ist, daß der Wolf das Blut der Großmutter in ein Gefäß tut und das durstige Kind davon trinken heißt, worauf eine Geisterstimme klagt: ‘Du ißt von meiner Brust, Kind, du trinkst mein Blut’ (Mél. 6, 237); auch die Vögel oder die Katze warnen (Mél. 3, 397. 9, 90. 3, 428). In zwei Versionen aus Nièvre (Mélusine 3, 428) und Touraine (Mél. 9, 90) entrinnt das Mädchen glücklich, indem es den Wolf bittet, es auf einen Augenblick hinauszulassen, und den Faden, an dem er es hält, an einen Baum bindet; in einer wallonischen entschlüpft es aus dem Sacke, in dem es der Wolf verwahrt (Wallonia 1, 49). Bei Marelle, Éva 1888 p. 39 = Archiv f. neuere Sprachen 81, 266 ‘Le petit Chaperon-d’or’ steckt die Großmutter den Wolf in den Sack und wirft ihn in den Brunnen, ähnlich Grimms zweiter Fassung. An Stelle des Wolfes, der sich im gasconischen Märchen als Geistlicher verkleidet, erscheint ein greulicher Mann, der auf einer Sau dem Mädchen nachsetzt und durch das als Brücke gespannte Leinen in den Bach stürzt.

Italienisch bei Schneller nr. 6 ‘El cappellin rosso’ (Orco heißt das Mädchen das Fleisch der Großmutter essen), in der Tradition 7, 134. 274 (aus Livorno) und bei de Nino 3, 65 nr. 12 ‘L’orca’ (das Mädchen bindet den Esel an den Strick und entflieht). – Portugiesisch Revista lusitana 1, 61 (1887). – Rumänisch bei Schullerus nr. 111 ‘Der fremde Großvater’ (Archiv f. siebenbg. Landesk. 33, 620. Knabe und Kinderfresser). – Wendisch nach Grimm in Lužičan 1863, S. 42 = Erben, Slov. čít. 90. – Zigeunerisch bei Wlislocki 1886 nr. 58.

[236] Schon um 1023 berichtet Egbert von Lüttich in seiner lateinischen ‘Fecunda ratis’ (hsg. von E. Voigt 1889 S. 232 ‘De puella a lupellis servata’) als ein von den Bauern gehörtes Abenteuer, wie man ein fünfjähriges Mägdlein in einer Wolfshöhle fand, wo es mit den jungen Wölfen spielte und sie mahnte: ‘Zerreißt meinen roten Rock nicht, ihr Mäuse! Den hat mir mein Pate geschenkt’.

Quidam suscepit sacro de fonte puellam,

475
Cui dedit et tunicam rubicundo vellere textam.

Quinquagesima sancta fuit baptismatis huius,
Sole sub exorto quinquennis facta puella
Progreditur vagabunda sui immemor atque pericli;
Quam lupus invadens silvestria lustra petivit

480
Et catulis praedam tulit atque reliquit edendam.

Qui simul aggressi, cum iam lacerare nequirent,
Coeperunt mulcere caput feritate remota.
‘Hanc tunicam, mures, nolite’, infantula dixit,
‘Scindere, quam dedit excipiens de fonte patrinus!’

485
– Mitigat immites animos deus, auctor eorum.

Aus dem Streicheln des Kopfes in v. 482 schließt Koegel (Geschichte der deutschen Literatur 1, 2, 273. 1897), daß die tunica eigentlich eine Kappe war.

Traurig endet die schwedische Ballade ‘Jungfrau i blå skogen’ (Geijer-Afzelius, Svenska folkvisor² nr. 63). Ein Mädchen geht abends zum Tanze durch einen finstern Wald; da begegnet ihm der graue Wolf. ‘Ach lieber Wolf’, spricht es, ‘beiß mich nicht! Ich geb dir mein seidengenähtes Hemd’. ‘Dein seidengenähtes Hemd verlang ich nicht, dein junges Leben und Blut will ich haben.’ So bietet sie ihm ihre Silberschuhe, hernach die Goldkrone, aber vergebens. In der Not klettert das Mädchen auf eine hohe Eiche; der Wolf untergräbt die Wurzel. Die Jungfrau in Todesangst tut einen schneidenden Schrei. Ihr Geliebter hörts, sattelt und reitet schnell wie ein Vogel; wie er zur Stelle kommt, (liegt die Eiche umgestürzt und) ist nur ein blutiger Arm des Mädchens übrig. In den dänischen Fassungen bei Grundtvig (DgFv. nr. 54 ‘Varulven’; vgl. 2, 666. 3, 827) erscheint meist eine schwangre Frau an Stelle des Mädchens.

[237] Zu dem Dialoge über die verwunderlich großen Ohren, Augen, Hände und den Mund der vermeinten Großmutter läßt sich ein kärntnisches Märchen bei Franzisci 2, 27 ‘Die Babu’ = Carinthia 1867, 342 vergleichen, wo die Kinder ein hexenhaftes Weib ebenso fragen; ferner Chambers, Pop. rhymes p. 64 ‘The strange visitor’.


  1. Vgl. A. Olrik, Den lille Rødhætte og andre æventyr om mennesker, der bliver slugt levende (Naturen og Mennesket 1894, 24–39).
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