Ariosts rasender Roland

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ludovico Ariosto
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ariosts rasender Roland
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1793, Dritter Band,
S. 83–107
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Teilübersetzung von Ariosts Rasendem Roland.
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[83]

V.


Ariosts rasender Roland.

Neue Uebersetzung.





Erster Gesang.

1.

Von Frauen sing ich euch, von Rittern und von Schlachten,
Von Edelsitte, von der Liebe Glück und Qual,
Von Thaten, die erstaunen machten,
Zur Zeit, als Mauren ohne Zahl,

5
Bewaffnet durch die Wuth, die Agramant durchglühte,

Auf Gallien den wilden Sturm gethan,
Zu rächen den erschlagenen Trojan
An Kaiser Karls verwüstetem Gebiete.

[84]
2.

Auch will ich euch von Roland Dinge melden,

10
Die man in Reim und Prosa nie gehört,

Wie Liebe den verständigsten der Helden
In einen Rasenden und Thoren umgekehrt –
Wenn die, die mir dasselbe Schicksal zugetheilet,
Die unermüdet, Tag vor Tag

15
An meinem dünnen Witze feilet,

Mir anders soviel läßt, daß ich es enden mag.

3.

Empfange, schöne Zierde meiner Zeiten,
Was Ehrfurcht dir und Liebe weihten,
Glorreicher Sproß des herrlichen Alcid,

20
Laß deinen Diener mit Gedichten

Dir, Hippolyt, die große Schuld entrichten,
Dein Nahme ziere dieses Lied,
Verachte nicht die kleine Gabe,
Ich gebe alles, was ich habe.

[85]
4.

25
In jenem heldenvollen Kreis,

Den ich jetzt zu besingen mich bereite,
Erblikst du Rogern groß im Streite,
Einst deiner Ahnen würd’ges Reiß.
Von seinem weit berühmten Siegen,

30
Von seinen Löwenmuth will ich dir Kunde thun,

Gefällt es dir, von deines Geistes hohen Flügen
In meinen Versen auszuruhn.

5.

Nach tausend glänzenden Trophäen
Die, für Angelika entbrannt,

35
In Indien, am Phrat und auf des Kaukas Höhen,

Held Roland sich ersiegt an ihrer Hand,
Erschien er jetzt mit ihr am Fuß der Pyrenäen,
Wo streitend für sein Vaterland
Die fränkischen und deutschen Schaaren

40
Im Lager Karls versammelt waren.

[86]
6.

Er kam just zu gelegner Zeit,
Den Muth der Christen anzufeuern,
Dem Uebermuth des Agramant zu steuern,
Der mit Barbaren Frankreich überschneit,

45
Und Marsils Wuth, der, es gewisser zu zerstören,

Zu Leons Waffen seine Zuflucht nahm.
Nicht günst’ger konnte Roland wiederkehren,
Doch bald bereut er, daß er kam.

7.

Denn bald (so leicht kann sich der Mensch betrügen)

50
Sah er die Schöne sich entwandt,

Die Schöne, die er sich mit heldenkühner Hand
Von Ost bis West bewahrt mit zahlenlosen Siegen,
In Freundes Schoos, im Vaterland,
Und ohne Schwerdtschlag, sich entwandt.

55
Denn um der Zwietracht Flammen zu ersticken

Entrückte sie der Kaiser seinen Blicken.

[87]
8.

Schon hatte ihrer Reitze Macht
Im Busen seines Anverwandten
Dasselbe Feuer angefacht,

60
Daß Roland und Rinald in Eifersucht entbrannten,

Besorgt, durch diesen unglücksvollen Streit
Zwey tapfre Krieger zu verlieren,
Ließ Karl die Zauberinn, die dieses Paar entzweit,
Vom Baierfürst von dannen führen;

9.

65
Und setzte sie zum Preiß des Heldenmuths

Für den, der sie in nächster Schlacht erkämpfte,
Mit Strömen Sarazenenbluts
Den Uebermuth der Feinde dämpfte.
Doch der Erfolg sprach der Erwartung Hohn,

70
Geschlagen flieht das Christenheer davon,

Der Baier wird gefangen von den Mohren,
Viel Ritter noch mit ihm, und sein Gezelt verloren.

[88]
10.

Verlassen blieb indeß Angelika zurück,
Und wartete, von fern ein ahndungsvoller Zeuge,

75
Zur Flucht geschürzt, wohin der Kampf sich neige;

Und jetzt, da das verrätherische Glück
Zum Untergang der Christen sich verschworen,
Giebt sie dem schnellen Roß die Sporen.
Durch einen Wald führt sie ein dichtverwachsner Steg,

80
Auf einmal tritt ein Ritter ihr in Weg.


11.

Er geht gepanzert, mit dem Helm bedecket,
Umgürtet mit dem Schwerdt, am Arm das Schild.
Kaum fliegt so leicht durchs ländliche Gefild
Ein Schäfer nach dem Strauß, zum Ziel des Laufs gestecket.

85
Nie floh die zarte Schäferinn

Erschrockner fort beym Anblick einer Schlange,
Als jetzt Angelika, mit furchtgebleichter Wange,
Vor diesem tapfern Paladin.

[89]
12.

Es war Rinald, ein edler Sohn

90
Des Herrn von Montalban; und seinen Händen

War jetzt Bojard sein Roß – er weiß nicht wie – entflohn.
Kaum daß nach ihr sich seine Blicke wenden,
Erkennt er in Angelikens Gestalt
Der hohen Schönheit Allgewalt,

95
Den holden Reitz, der seine Brust entzückte,

Und längst ihn mit der Liebe Netz umstrickte,

13.

Die Schöne lenkt ihr Roß zurück,
Und jaget mit verhängtem Zügel,
Durch wildverwachs’ne Thäler, über Hügel,

100
Mit athemloser Brust, und angsterfülltem Blick.

Das Roß durchfliegt die selbstgewählten Pfade:
Nachdem es lang des dichten Waldes Nacht
Und manchen Busch durchflogen, macht
Es plötzlich Halt an eines Stroms Gestade.

[90]
14.

105
Vom Kampf erhitzt, von Staub bedeckt, weilt dort

Der Ritter Ferrau; seinen Durst zu stillen
eilt’ er nach diesem kühlen Ort,
Und harrt da wider seinen Willen;
Denn als er tief an des Gewässers Rand

110
Gebückt, mit heißem Durst getrunken,

War ihm sein Helm vom Haupt gesunken,
Den er im tiefen Strom nicht wieder fand.

15.

Von Furcht getrieben flog die Schöne
Dem Ufer zu, mit ängstlichem Geschrei,

115
Und kaum vernimmt der Sarazene

Des schönen Busens Angstgetöne;
So eilt er aus dem Wasser schnell herbey.
Wie lang auch schon der Ruf von ihr geschwiegen,
Sein erster Blick entdeckt ihm, wer sie sey,

120
Selbst in den bebenden, von Angst entstellten Zügen.

[91]
16.

Da er dem Dienst der Schönen sich geweiht,
Vielleicht von Lieb entbrannt, wie jene beiden,
Stand er zu ihrem Schutz bereit,
Schnell fliegt das Eisen aus der Scheiden,

125
Als deck’ ein Helm sein Haupt, eilt er zum Streit.

Rinald, gewohnt kein Treffen zu vermeiden,
(Schon mehrmals trafen sie in Kämpfen sich)
Erwartet den, der ihm an Muthe glich.

17.

Furchtbar begann auch jetzt das Handgemenge,

130
Zu Fuße kämpften sie und mit entblößtem Stahl.

Nicht Helm, nicht Panzer bloß – ein Ambos selbst zerspränge
Von solcher Hiebe Donnerstrahl.
Und während nun in stets ergrimmterm Streite
Mit krachendem Getös sich Schwerdt an Schwerdt zerschlug,

135
Entführt des schnellen Rosses Flug

Durch Wald und Feld des Kampfes schöne Beute.

[92]
18.

Vergebens ringt der beiden Gegner Wuth
Mit gleichem Glück, mit gleichem Muth;
Vergebens! Keiner siegt, und keiner kann verlieren,

140
Da beide gleich geschikt die Waffen führen.

Jetzt aber nimmt der Held von Montalban
Zuerst das Wort, besiegt vom stärkern Drange
Der Liebe, deren süßem Zwange
Das Herz nicht mehr gebieten kann:

19.

145
Mich Ferrau, ruft er aus, mich glaubst du zu verwunden?

Dich selbst befehdest du! Sprich, warum streiten wir?
Hast du die Strahlen jener Sonn empfunden,
Bist du in Lieb entbrannt gleich mir,
Warum verweilest du dich hier?

150
Bezwängest du mich auch mit tausend Wunden,

Die Schöne wird nicht dein! Schon allzuweit
Entfloh sie während unserm Streit.

[93]
20.

Hör an! liebst du mit mir in gleichem Maße,
So folgen wir jetzt ihrer Straße,

155
Wir halten sie im Fliehen ein,

Und ist sie unser, ja, dann mag das Schwerdt entscheiden,
Wem sie gebühret von uns beiden,
Die Tapferkeit soll Richter seyn.
Was können wir durch längern Kampf erringen?

160
Nur Schaden kann er beiden bringen.


21.

Der Mohr ist zum Vergleich bereit,
Es ruht der Streit, und unterdessen
Entspinnt sich Fried und Einigkeit.
So ganz sind Haß und Groll vergessen,

165
Daß beide Gegner Hand in Hand

Dasselbe Roß vertraulich theilen;
So fliehen sie vom grünen Strand,
Der Spur des Fräuleins nachzueilen.

[94]
22.

O, ächte Treu der alten Ritterzeit!

170
Voll Eifersucht, im Glauben unterschieden,

Sieht man nach kaum geschloßnem Frieden,
Noch matt und wund vom bittern Streit,
Doch frey von Furcht und Argwohn, durch die Engen
Des dunkeln Walds das Heldenpaar sich drängen,

175
Das Roß von beider Sporn getrieben eilt

Rasch wie ein Pfeil dahin, bis sich die Straße theilt.

23.

Unkundig welche sie erwählet,
Da man auf beiden frische Spuren zählet,
Beschließen sie, dem Zufall zu vertraun,

180
Und auf gut Glück dahin zu wandern,

Rinald auf einem Pfad, und Ferrau auf dem andern,
Durch des Gehölzes dichte Nacht gehaun.
Er windet sich hindurch mit tausend Schlangen
Und sieht sich endlich da – von wo er ausgegangen.

[95]
24.

185
Ja, an desselben Stroms Gestad,

In dem sein Helm versank, muß er sich wieder finden.
Da alle Hoffnungen, den Pfad
Des Fräuleins zu erspähn, aus seinem Busen schwinden,
Steigt er hinab zum feuchten Strand,

190
Ob er vielleicht den Helm noch rette.

Umsonst! Der lag tief in des Stromes Bette,
Begraben in dem tiefen Sand.

25.

Er wühlt mit einem großen Baume,
Dem er der Zweige Schmuck geraubt,

195
In des Gewässers tiefstem Raume,

Wo er den Helm verborgen glaubt.
Er wühlt und wühlt, bis die empörten Wellen
Auf einmal hoch ans Ufer schwellen.
Ein Ritter steigt bis an die Brust hervor,

200
Und hebt sein drohend Haupt empor.

[96]
26.

Ein Panzer dekte seine Brüste,
Das Haupt nur war entblößt, ein Helm in seiner Hand,
Der nehmliche, den Ferrau mißte,
Den er gesucht und nirgends fand.

205
Verräther ohne Treu und Glauben,

Ruft die Erscheinung laut und fürchterlich:
Zum zweytenmal willst du des Helmes mich,
Der mir zu lange schon gebührt, berauben?

27.

Denk nach, Ungläubiger, als du

210
Den Bruder von Angeliken erschlagen,

Was sagtest du auf Treu und Wort ihm zu?
Versprachst du nicht, nach wenig Tagen
Die Rüstung sammt dem Helm dem Strome zu vertraun?
Ein Zufall endlich läßt der Wünsche Ziel mich schaun.

215
Betrübt es dich, daß er nicht dein geblieben?

Dein treulos Herz allein mag dich betrüben.

[97]
28.

Gelüstet dich, solch einen Helm zu tragen,
such ihn mit Ehren zu erjagen.
Es führt Roland, der edle Paladin,

220
Almontens Helm, der diesem gleichet,

Und einen andern, dem der noch an Schönheit weichet,
Besitzt Rinaldo von Mambrin.
Durch Muth erwirb dir einen jener beiden,
Von diesem hier entschließe dich zu scheiden.

29.

225
Es sträuben sich des Sarazenen Locken,

Als sich der Geist aus dem Gewässer hebt,
Die Wang erbleicht, der Busen bebt,
Die Worte auf den Lippen stoken.
Und als er jetzt Argolia erkennt,

230
Den er erwürgt an diesen Fluten,

Und der ihn falsch und treulos nennt,
Zerschmilzt sein Herz in Schaam und flammt in Zornesgluten.

[98]
30.

Er schweigt von tiefem Unmuth voll,
Da er des Vorwurfs Wahrheit fühlet;

235
Von Schmerz und Schaam ist seine Brust durchwühlet.

Nie, rief er aus, ich schwör es hier, nie soll,
Ich schwör es bey Lansusens meiner Mutter Leben,
Ein andrer Helm die Stirn umgeben,
Als den vom Haupte des Almont

240
Rolando riß bey Aspramont.


31.

Und treuer blieb, als seinem ersten Eide
Der Sarazene diesem Schwur.
Zernagt von Zorn und bitterm Leide,
Verfolgt er Rolands dunkle Spur,

245
Durch Wald und Höhn, auf allen Straßen,

Wo irgend Hoffnung ist den Ritter zu erspähn.
Indessen hat, seitdem er ihn verlassen,
Rinald ein seltnes Abentheur gesehn.

[99]
32.

Sein stolzes Roß fand er nach wenig Schritten,

250
Das wiehernd sich vor seinen Augen bäumt.

Halt an! o mein Bajard, begann er sanft zu bitten,
Zuviel hab’ ich durch deine Flucht erlitten!
Umsonst, es bleibt der Lockung taub und säumt;
Dann flieht es schneller nur, und brüstet sich und schäumt.

255
Rinald folgt ihm mit Wuth und Fluchen. –

Doch, eilen wir Angeliken zu suchen.

33.

Sie fliegt durch dunkler Wälder Nacht,
Auf unwirthbaren Felsenwegen,
Und wenn im Winde sich der Eichen Blätter regen,

260
Und wenn im Sturm der Ulme Wipfel kracht,

Flieht sie betäubt zur Rechten bald zur Linken,
Bey allen Schatten die vom Hügel sinken,
Bey jedem Dämmerschein, der durch die Thäler streicht,
Wähnt sie von Rinalds Armen sich erreicht.

[100]
34.

265
So bang entflieht den mütterlichen Triften

Ein junges Reh, wenn es durchs Laub erblickt,
Wie dort ein Leopard in seiner Mutter Hüften
Die gier’gen Zähne schneidend drückt,
In ihre Brust die scharfen Klauen.

270
Mit Zittern flieht es fort auf ungewisser Bahn,

Ein Strauch der es berührt, erfüllt es schon mit Grauen,
Und dünkt ihm schon des wilden Thieres Zahn:

35.

So irrt sie Tag und Nacht, und bis der Abend sinket,
Auf wildem Pfad, bis ihr ein lieblich Wäldchen winket,

275
Wo laue Luft in frischen Zweigen spielt,

Um das sich klare Quellen murmelnd gießen,
Und wo das junge Grün der Wiesen
Ein zarter Thau mit sanftem Hauche kühlt.
Wie süß ertönt der klaren Wellen Rieseln,

280
Gebrochen über kleinen Kieseln!

[101]
36.

Hier wähnt sie sich in Sicherheit,
Fern von Rinald bey tausend Meilen.
Von Sonnenglut erschöpft, von Müdigkeit,
Entschließt sie sich hier zu verweilen;

285
Sie wandelt fort auf der beblümten Au,

Und läßt den Zelter frey vom Zügel grasen;
Er weidet sich am duftig frischen Rasen
Befeuchtet von der Wellen Silberthau.

37.

Bald tritt sie in ein duftendes Gebüsche,

290
Wo, in der Flut gespiegelt, ein Gemische

Von Rosen und Jasmin dem Blick entgegen lacht,
Und aus des Eichbaums grünen Finsternissen
Erfrischte Lüfte sie umfließen.
Kein Sonnenstrahl hat jemals diese Nacht,

295
So dicht sind Zweig’ und Blätter hier verschlungen,

Kein Auge hat sie je durchdrungen.

[102]
38.

Ein weiches Bett, erhöht von zartem Laub und Flieder,
Winkt hier dem Wanderer; ermattet überläßt
Angelika dem Schlaf die schönen Glieder,

300
Umsäuselt vom gelinden West.

Doch ein Geräusch, als wie von Rosses Schlägen,
Zerreißt des Schlummers kaum geknüpftes Band.
Mit leisem Schritt schleicht sie dem Schall entgegen,
Und kampfgerüstet zeigt ein Ritter sich am Strand.

39.

305
In Furcht und Hoffnung schwankt ihr Sinn,

Kein Seufzer wagt die Lüfte zu durchdringen,
Erscheint ein Feind um Schaden ihr zu bringen?
Erscheint ein Freund ihr zum Gewinn?
Er sinkt ins Gras, das frischen Thau getrunken

310
Vom nahen Bach, starr wie ein Marmorbild,

Das Haupt ist in den Arm gedankenschwer gesunken,
Indem die Brust von bangen Seufzern schwillt.

[103]
40.

Still sinnend saß er eine Stunde,
voll tiefen Grams, bis endlich seinem Munde

315
Ein klageschwerer schwacher Laut entquoll –

Ein Laut, so sanft, so weich, so seelenvoll,
Um Tigerherzen Mitleid einzuflößen,
Um Felsen selbst in Thränen aufzulösen;
Aus seinem Aug’ dringt eine Zährenflut,

320
Ein kochender Vulkan ist seines Busens Glut.


41.

Gedanke, rief er aus, der mich zu Eis erstarret,
Des Schmerzens Dolch in meinen Busen drückt,
In Flammen mich verzehrt, zu lang hab’ ich geharret,
Ein andrer hat die schöne Frucht gepflückt,

325
Ein andrer hat den vollen Reitz empfunden,

Nur Wort und Blick erhielt mein liebend Herz.
Ist Blüth’ und Frucht gewiß für mich verschwunden,
Warum verzehr’ ich mich in Schmerz?

[104]
42.

Die Jungfrau gleicht der jungen Rose,

330
Die in des stillen Gartens Schoose,

Aufblüht in still verborgner Zier.
So lang kein Schäfer naht, noch Heerden von der Aue,
Wiegt sie die linde Luft, im zarten Morgenthaue,
Zum Schmuck dient Erd’ und Wasser ihr.

335
Und Jünglinge und liebevolle Schönen,

Erwählen sie, um Brust und Stirn zu krönen.

43.

Doch kaum ist sie getrennt vom mütterlichen Strauch,
Kaum von dem grünen Stiel gepflücket,
So flieht der Menschen Gunst, so flieht des Himmels Hauch,

340
Und alle Grazien, die sie vordem geschmücket,

So schnell verblüht der Jungfrau Werth,
In Männer Herzen, die einst für sie glühten,
wenn sie der Unschuld holde Blum entbehrt;
O, wie ihr Auge soll sie sie behüten!

[105]
44.

345
Nur dem noch werth, an den sie dieses Gut verpraßt,

Sieht sie von jedem andern sich verachtet.
Ach, während ich in bitterm Schmerz geschmachtet,
Hat schon ein andrer ihren Reitz umfaßt!
Doch könnte je dieß Herz sich von ihr kehren,

350
So könnt’ ich auch mein eignes Daseyn fliehn,

So mag mir heute noch des Lebens Strahl verglühn,
Auf einmal beide Flammen sich verzehren!

45.

Und kommt ein Wanderer vorbey,
Und fragt, wer soviel Thränen hier vergießet,

355
So sag ich ihm, daß es Zirkassiens König sey,

Der hier in bitterm Gram zerfließet;
Der liebewunde Sakripant,
Bestimmt, sich ewig zu betrüben.
Sein Elend ist, Angeliken zu lieben,

360
Ach, einst war er auch günstig ihr bekannt!

[106]
46.

Er eilt ihr nach, bis wo der Sonne Wagen,
Im Weltmeer sich verbirgt, aus fernem Orient.
In Indien erschrekten ihn die Sagen,
Wie sie Rolanden folgt’ im Occident.

365
In Frankreich ist der Ruf zu ihm geflogen,

Wie Kaiser Karl dem Aug’ der Freyer sie entzogen,
Und dem zum Lohn bestimmt, der aus der Mohrenschlacht
Die goldnen Lilien als Sieger heimgebracht.

47.

Er eilt’ ins Lager, fand die Zeichen

370
Des Unglücks, das der Christen Heer erfuhr,

Umsonst sucht er durch Wald und Flur
Die Spur des Fräuleins zu erreichen.
Dieß ist des Leidens Grund, das ihm im Busen brennt,
Der lauten Klagen, die die Lüfte theilen,

375
Beweglich gnug, am Firmament

Die Sonne selbst voll Mitleid zu verweilen.

[107]
48.

Indem der Mund die bittre Klage spricht,
Den Busen bange Seufzer schwellen,
Und aus den Augen Thränenbäche quellen,

380
Scheint ihm des Glückes Sonnenlicht,

Mit seltner Gunst beschloß es, ihn zu krönen.
Sein Seufzen dringt zum Ohre seiner Schönen.
Kaum in Jahrtausenden blüht solch ein Glück
Den Liebenden, als ihm in diesem Augenblick.

D.