Der Abschied des Leonidas

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Autor: Richard Glover
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Titel: Der Abschied des Leonidas
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1793, Dritter Band,
S. 75–82
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: W. Fink
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Commons
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[75]

IV.
Der Abschied des Leonidas.
(Aus Glovers Leonidas, Buch I. nach der neuesten Londner Ausgabe.)


Vorerinnerung.

Eine der schönsten Stellen in Glovers Leonidas ist Unstreitig der Abschied des Helden von seiner Gattin und seinen Kindern. Als er, nach dem Spruch des Orakels: daß Lacedämon sich gegen die hereinströmende Macht des Persers nur durch den Tod eines seiner Könige schützen könne; freywillig sein Leben dem Vaterlande dargeboten hatte, mußte sein Herz noch einen schweren Kampf bestehn. Er war geliebter Gatte und zärtlicher Vater. Indem seine Seele im vollen Gefühl der Erfüllung einer großen Pflicht den eignen Beyfall, und die Dankbarkeit der Mitwelt und Nachwelt vorausgenießt, zieht ihn das Bild seiner verlassenen Gattin, und seiner jammernden, bald verwaisten Kinder von der hohen Bahn des Ruhms, die seine patriotische Tugend wandelt, in den stillen Kreis der häuslichen Sorge, herab, [76] und nur der Gedanke: Lo! thy country calls, hebt ihn über diese überwallenden Empfindungen. In diesen Betrachtungen findet ihn Agis, der Bruder der Königinn, und mahnt ihn, über der Größe der That, die jetzt in Riesengestalt vor seiner Seele stehe, nicht sie zu vergessen, der dieß Opfer am meisten koste. „Wie könnt ich die Sorgen der vergessen,“ erwiedert Leonidas, „die mehr geliebt ist, als jeder, obwohl minder theuer, als alle!“ – Und nun fährt der Dichter fort:

So sprach der Held. Von sanfter Liebe floß
Die edle Seele über. Raschen Schritts
Sucht er sodann die treue Gattinn auf.
In ihrer Kinder thränenvollem Kreise

5
Saß stumm, bewegungslos die Königinn.

Ihr schwimmend Auge hieng am Boden fest;
Den bangen Busen, den die Thräne netzt,
Hält sie mit ihren Armen dicht verschränkt.
Wie, wenn ein Nebel dumpf den Aether hüllt,

10
Der Mond durch all’ den Dunst das Lichtgewand

Von Silberstralen über der Natur
Trüb’ Antlitz breitet; also göttlich schien
durch ihren Gram der Reitz der Königinn,
Und gab den Wolken ihres Kummers Glanz.

15
Es naht der Held. Sobald mit sanftem Wort

[77]

Sein wohlbekannter Ton ihr mattes Herz
Emporhebt, schweigt der Gram – auf kurze Zeit!
Sie hebt ihr schmachtend Haupt und spricht bewegt:

O du, deß Gegenwart mich einzig labt,

20
Wenn so, Leonidas, dein Blick, dein Wort

Des Kummers tiefste Nacht mit einmal scheucht,
Wie wird mein Elend groß, wie ewig seyn,
Wenn ich, – kaum in der Mitte meiner Bahn –
Ach! nicht mehr höre diesen Ton der Ruh,

25
Nicht seh’ den Blick, vor dem mein Kummer lächelt.


Sie sprach’s; da stürmt der Schmerz in sie zurück.
Verwais’t die Kinder, ach! ein theurer Mann,
Bleich, blutend, athemlos im Todesfeld,
Und eine ew’ge Einsamkeit voll Gram –

30
Das alles stieg jetzt schreckenvoll gemischt

Vor ihren Geist. Sie rief in bittrer Qual:

Wohin ach! willst du gehn aus meinem Arm?
Soll ich dich nimmer sehen? Ach! nie mehr

[78]

In Sieg gekleidet und in Ehrenstaub

35
Beutst du dem Vaterlande deinen Gruß

Und Freude deiner Wohnung. O zu Kühner!
Was eilest zu des Todes Schreckenthor
Du – ungerufen? Möcht’ ein anderer,
Gleich dir ein Opfer von Alcidens Stamm,

40
Uns allen minder werth, für Sparta fallen.

Jetzt weint ein jedes Aug’ in meinen Schmerz,
Klagt jeder Mund mit diesen Lallenden
Des Vaters Tod. – Doch – O, des harten Looses! –
Verstummen muß dieß Seufzen, wenn die Brust

45
In jedem Bürger sich der Rettung hebt,

Durch unsre Qual erkauft. – Doch ach! du merkst
Auf unsre Angst nicht – keinen Augenblick
Verlangst du, uns zu lehren, wie wir’s dulden
Dein ew’ges Scheiden, oder, wie du, sterben.

50
Hier schloß des Schmerzes unaussprechliches

Gefühl den Mund. – Drauf sprach Leonidas:

Ich seh’, ich theile deine Qual. Mein Herz
Hat nimmer so der Liebe Allgewalt,

[79]

Des Vaters Liebe nimmer so gefühlt.

55
Ach! es war nie empfindungslos für dich,

Wenn es auch noch so heiß der Ehre schlug. –
Wie wär’ der Schimmer meines Ruhms erbleicht,
Hätt’ ich gezögert! – Wenn ein schaamvoll Leben
Unedel mein Gehülfe wählte, blieb

60
Mir keine Wahl, als was zu scheuen Schande,

Zu thun nicht Tugend war. Drum wähne nicht,
Daß deiner Lieb’ unachtend, deiner Thränen,
Ich ungerufen in den Tod mich stürze.
Des Schicksals Ruf, die Götter und mein Ruhm,

65
Mein Vaterland – sie fordern meinen Tod. – –

O, theure Trauernde! was schwellt von neuem
Die Flut des Wehs? – Leonidas muß fallen.
Ach! lastenderes Elend hing auf dich
Und diese, wenn, erweicht von deinen Thränen,

70
Ich – o der Schand! ein Leben weigerte,

Das Freyheit, Ruhm, Gerechtigkeit und Zeus
Für Sparta, meine Sühn’ und dich erheischt.
Denk meiner langen Liebe ohne Wandlung,
Der väterlichen Zärtlichkeit gedenke.

75
Vergaß ich je der Liebe heil’ge Sorgen? –

Jetzt zeigt am wärmsten, zeigt am treusten sich

[80]

Die Sorgfalt dieser Liebe. Wenn dein Mann
Für Lacedämons Rettung stirbt, theilst du
Mit deinen Kindern reicher Wohlthat Strom.

80
Von den Unsterblichen bin ich erwählt

Ein Volk zu retten. So mein zagend Herz
Des heil’gen Amts vergäße, stürzt’ ich dich
In Schand’ und Kummer. Trauern würdest du
Mit Lacedämon, würdest deine Last

85
Der schweren Unterjochung mit ihm tragen.

Schau deine Söhn’ – itzt ihres Namens werth
Und Sparta’s werth! Der Jugend Blume würde
Zerknickt, entstellt verwelken, ihre Brust
Nicht mehr beym Ton der hohen Freyheit schlagen. –

90
Auf eignen Thaten, auf des Vaters Ruhm,

Wenn er der Sparter Freyheit sicherte,
Erheben sie sich herrlich vor der Welt
Des Landes Schutz und ihrer Mutter Lust.

Hier schwieg der Held. In frommer Ehrfurcht hört

95
Der Gram der Tugend Stimme. Keine Klage

Jem heil’gen Schweigen – keine Thräne mehr –
Itzt keine, – um von neuem bald zu strömen.

[81]

Sieh! vor dem Pallast stehn im Waffenschmuck
Des Helden tapfre Streitgenossen, fordernd

100
Den Führer. – Da erwacht der Fürstin Schmerz;

Zu groß für Worte hemmt er jeden Seufzer;
Auf starrer Zung’ erstirbt ihr jeder Ton.
An ihres Helden Brust sinkt sie dahin
In stummer Angst. Die Kinder, dicht um ihn

105
Gedrängt, wie hängen sie an seinen Knieen!

Wie decken sie mit Küssen seine Hand! –
Nicht länger kämpft, den innern Sturm zu bergen,
Sein großes Herz. Herab des Helden Wange,
Herab strömt Männerkummer. Groß im Schmerz

110
Steht er, von seinen Kindern rings umschlossen,

Und giebt der Zärtlichkeit und Liebe sich
In süßen Thränen hin. Dann richtet er
Den Blick zum Himmel: „Ew’ger Herr der Götter
Und Menschen, schaue gnadenvoll herab!

115
Gieb diesem treuen Weibe – ihre Tugend

Verdienet deine Huld – des Friedens Stunden.
Und du, erhabner Ahnherr, Sohn des Zeus,
Vergiß nicht diese, – Herkules, dein Blut!

[82]

Da mich der Heldengeist – von dir geerbt –

120
Von ihnen weg zum sichern Schicksal reißt,

Sei du ihr Schützer; lehre sie, wie du
Durch hoher Thaten Ruhm ihr Leben krönen,
Und von dem Vater laß sie sterben lernen!

Er sprachs und riß sich loß. –

W. Fink.