Arnold Schönberg und seine Zeitgenossen

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Arnold Schönberg und seine Zeitgenossen
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 399–401
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1924
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: erstdruck in „Arnold Schönberg zum fünfzigsten geburtstage, 13. september 1924“, sonderheft der musikblätter des „anbruch“, Wien, 6. jahrgang, august-septemberheft 1924, s. 271–272 Internet Archive
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung:
Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[399]
ARNOLD SCHÖNBERG UND SEINE ZEITGENOSSEN
(1924)


„Die gurrelieder – die letzten kompositionen! Wie reimen sie sich die zusammen? Wenn Schönberg wirklich die letzten jahre seines schaffens – und daran ist doch nicht zu zweifeln – vertritt, wie stellt er sich dann zu den gurreliedern? Muß er die nicht verleugnen? Unterdessen erfahren wir das gegenteil; wir haben gesehen, daß er sie selbst einstudiert und dirigiert hat. Erklären sie uns diesen widerspruch!“

Verehrtes publikum, du hast unrecht. Kein mensch verleugnet das, was er geschaffen hat. Weder der handwerker noch der künstler. Weder der schuster noch der musiker. Die unterschiede in der form, die das publikum wahrnimmt, sind dem schaffenden menschen verborgen. Die schuhe, die der meister vor zehn jahren gemacht hat, waren gute schuhe. Warum sollte er sich ihrer schämen? Warum sollte er sie verleugnen? „Schauen sie sich den dreck nicht an, das habe ich vor zehn jahren gemacht!“ kann nur ein architekt gesagt haben. Aber architekten zähle ich bekanntlich nicht zu den menschen.

Der handwerker schafft die form unbewußt. Die form wird durch die tradition übernommen, und die veränderungen, die während des lebens des handwerkers sich vollziehen, sind nicht von seinem willen abhängig. Seine auftraggeber, die sich verändern – sie werden älter –, geben ihm die anregungen, und so vollzieht sich ein wechsel, der weder dem konsumenten noch dem produzenten bewußt wird. An seinem lebensabend macht der meister andere schuhe als in seiner jugend. Wie ja auch seine [400] handschrift im laufe von fünfzig jahren eine andere geworden ist. Wie ja alle handschrift sich im gleichen maße ändert und alle schreiber an dieser veränderung im gleichen maße teilhaben, so daß man mit leichtigkeit aus der form der buchstaben auf das jahrhundert schließen kann.

Anders der künstler. Der hat keinen auftraggeber. Derjenige, der ihm den auftrag erteilt, ist er selbst.

Sein erstes werk wird immer das produkt seines milieus und seines willens sein. Aber in diesem ersten werk ist für den, der Ohren hat, zu hören, und Augen hat, zu sehen, das ganze lebenswerk des künstlers enthalten.

Die krokodile sehen einen menschlichen embryo und sagen: „es ist ein krokodil“. Die menschen sehen denselben embryo und sagen: „es ist ein mensch“.

Von den gurreliedern sagen die krokodile: „das ist Richard Wagner“. Aber die menschen fühlen nach den ersten drei takten das unerhört neue und sagen: „das ist Arnold Schönberg!“

Nie war es anders. Diesem mißverständnis war das leben eines jeden künstlers unterworfen. Sein eigenstes bleibt dem zeitgenossen unbekannt. Wohl fühlt dieser das mysterium als etwas fremdes. Er hilft sich im anfang mit analogien. Kommt ihm aber das neue, das ich des künstlers, zum vollen bewußtsein, dann versucht er, seine eigene inferiorität durch lachen und toben zu retten.

Wir kennen das werk Rembrandts von seiner frühesten knabenzeit an. Er war ein berühmter maler. Dann schuf er die nachtwache. Man brüllte und tobte: „Warum schafft er jetzt anders? … Das ist nicht der berühmte Rembrandt, das ist eine schauderhafte klexerei!“ Der meister erstaunte und wußte nichts von dem, was das publikum meinte. Er sah nicht, was das publikum sah. [401] Er hatte sich gar nicht geändert, nichts neues vollbracht. Nach dreihundert jahren gibt das publikum dem meister recht.

Es war wirklich kein neuer Rembrandt, nur ein besserer, größerer, gewaltigerer. Und die nachfahren, die das werk Rembrandts durchblättern, können den riß, der von den zeitgenossen im schaffen des meisters so scharf festgestellt wurde, überhaupt nicht sehen. Schon in den knabenzeichnungen ist der ganze Rembrandt enthalten, und wir fragen uns erstaunt, wie es möglich war, daß das revolutionäre dieser bilder so widerspruchslos hingenommen wurde. Aber die krokodile sahen nur das krokodil.

Soll ich andere beispiele anführen? Den weg Beethovens? Hat man vergessen, daß die neunte symphonie mit der taubheit des meisters entschuldigt wurde? Daß dieses werk uns vielleicht für immer verloren gegangen wäre, wenn nicht die franzosen sich für den „verrückt gewordenen“ deutschen meister eingesetzt hätten!

Es werden vielleicht jahrhunderte vergehen müssen, bis die menschen sich darüber wundern werden, worüber sich die zeitgenossen Arnold Schönhergs den kopf zerbrochen haben.